Mit ‘Steven Seagal’ getaggte Beiträge

Steven Seagals Persona ist ein nie versiegender Quell der Faszination. In den fast 30 Jahren, die seine Laufbahn als Actiondarsteller nun schon andauert, hat er unaufhörlich an seinem Image gestrickt, Elemente seines „wahren“ Lebens in seine Filme einfließen lassen (und wahrscheinlich umgekehrt) und im Grunde genommen immer dieselbe Figur gespielt: den weisen, desillusionierten professional, der die Geheimdienste und Schlachtfelder der Welt kennt wie seine Westentasche, ob sie nun im Nahen Osten oder den Ghettos der USA liegen, in der Kunst des schnellen, lautlosen Tötens versiert ist, sein Seelenheil in fernöstlicher Religion und Meditation sucht, den alten Kulturen seinen Respekt bezeugt, und Kind und Tier nähersteht als Seinesgleichen, die er als korrupt, verräterisch, egoistisch und hinterhältig kennengerlernt hat. Zwar hat er dieses Bild im Lauf der Jahre immer wieder um die ein oder andere Nuance ergänzt, je nach den Anforderungen Facetten stärker betont oder unter den Tisch fallen lassen, aber nie ist eine seiner Rollen wirklich von dem mit ABOVE THE LAW eingeschlagenen Weg abgewichen. Steven Seagal ist immer Steven Seagal. Sogar wenn er, wie hier, einen Gangsterboss spielt.

Keoni Waxman, ein enger Vertrauter Seagals, der mit dem nunmehr 63-Jährigen bereits die Filme THE KEEPER, A DANGEROUS MAN, MAXIMUM CONVICTION und A GOOD MAN sowie die Serie TRUE JUSTICE gedreht hat, weiß sehr genau, dass die Zeiten, in denen man dem Star mit der Kamera hinterher lief und ihn bad guys in Reihe verdreschen ließ, schon seit einigen Jahren vorbei sind. Seagal gefällt sich heute eher in der Rolle des elder statesman, ist dem weltlichen Treiben entrückt und lässt anderen seine Weisheit zuteil werden, die für ihn die Arbeit machen. In FORCE OF EXECUTION hat er streng genommen nur eine Nebenrolle und wenig Screentime, aber er bildet dennoch das Gravitationszentrum, um das der Film kreist. Und natürlich spielt es gar keine Rolle, dass er ein Gangster ist. Der Seagalologe weiß ja längst, dass sich die Welt nicht mehr so leicht in Gut und Böse einteilen lässt, sich die auf entgegengesetzten Seiten des Gesetzes stehenden Kontrahenten oftmals eher wie Spiegelbilder zueinander verhalten. Insofern versieht Seagal auch seinen alternden Crimelord Alexander Coates (von allen nur „Mr. Alexander“ genannt) mit all jenen Eigenschaften, die seine „Helden“ üblicherweise ausziechnen: Er bewegt sich sicher auf der „street“, wird demnach von Schwarzen, Asiaten und Hispanics als „Bruder“ respektiert, deren Lingo er aus dem FF beherrscht, verfügt über ein gewaltiges Waffenarsenal und genaues Wissen über die jeweiligen Vor- und Nachteile, ist ein mit allen Wassern gewaschener Geschäftsmann, versteht sich auf Werte wie „Ehre“ und „Respekt“ und ist ebenso versiert im bewaffneten wie unbewaffneten Konflikt. Außerdem ist er von dem ständigen Hin und Her genervt: Materielle Dinge interessieren ihn genauso wenig wie Macht, also möchte er aussteigen, um irgendwo im Einklang mit seinem inner self den Ruhestand zu feiern. Natürlich macht sein Widersacher, der Crip Iceman (Ving Rhames) da nicht mit, lässt es lieber auf einen Kampf ankommen, anstatt das Angebot Alexanders anzunehmen, und ihn auszuzahlen. Der Finalkampf, in dem die Männer Alexanders auf die Iceman-Gang treffen, findet im Keller von Alexanders im spanischen Stil gehaltenen Villa statt, der seltsamerweise genauso aussieht, wie die anonymen Fabrikhallen und Maschinenräume, in denen DTV-Actioner gern enden: Lauter riesige, nahezu vollkommen leeren Räume, neonbeleuchtete Gänge mit Rohren an den Wänden, hier und da steht mal eine Europalette rum, die mit seltsamen Kisten bestapelt ist. Hier hat Alexander natürlich leichtes Spiel: Wie in A GOOD MAN läuft Seagal rum wie ein SWAT-Polizist oder Scharfschütze. Die lustigen Jacken, die er früher bevorzugt hat, hat er nun gegen schwarze Army-Klamotten und kugelsichere Weste, verkehrtrum aufgesetzte Cap und Streberbrille eingetauscht. Verwirrendstes Accessoire ist das Palästinensertuch, das er um den Hals gewickelt hat, und mit dem er ein bisschen wie ein aufgedunsener Hipster aussieht.

Der eigentliche Protagonist des Films ist Alexanders ehemaliger henchman Hurst (Bren Foster), der nach einem Fehler bestraft und ausgestoßen wird und fortan ein trauriges Dasein als Pener mit gebrochenen Händen fristet. Er freundet sich mit dem mexikanischen Koch Oso (Danny Trejo) an, der in den Kampf zwischen Alexander und Iceman gerät (warum, habe ich irgendwie verpasst), aber auch ein witchdoctor ist und Hursts Hände mithilfe einer Skorpion-Spezialtherapie binnen Stunden wieder wie neu macht. Am Ende kommt Hurst seinem alten Mentor zu Hilfe und wird von diesem begnadigt. Foster ist Tae-Kwon-Do-Weltmeister erinnert optisch an eine Mischung aus Colin Farrell und Scott Adkins und sorgt dafür, dass FORCE OF EXECUTION nicht zum Klassentreffen der hüftsteifen Veteranen verkommt. Er sprüht nicht gerade über für Charisma, hat aber deutlich mehr Potenzial als seine Filmografie das bislang hergibt. Mal sehen, was da noch kommt. Selbiges gilt für Keoni Waxman: FORCE OF EXECUTION ist wie auch A GOOD MAN deutlich besser als der fürchterliche MAXIMUM CONVICTION, aber keinesfalls richtig gut. Es gibt einiges zu gucken, aber irgendwie fügt sich das alles nicht zu einem wirklich zufriedenstellenden Ganzen zusammen. Es liegt nicht zuletzt an der tollen Besetzung – speziell Ving Rhames ist klasse als steingesichtige Verkörperung von Souveränität und Coolness -, dass man FORCE OF EXECUTION am Ende als leicht überdruchschnittlich einstufen mag, einen M.A. in Seagalologie vorausgesetzt.

a good man (keoni waxman, usa 2014)

Veröffentlicht: Februar 27, 2015 in Film
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Ich schätze, für einen Seagal-Film wie A GOOD MAN muss man anno 2014 einfach dankbar sein. Große Begeisterung vermag er zwar nicht auszulösen, aber er ist auch kein Zugunglück, hat ein paar nette Einfälle, ein paar hübsche Schwertfights, die Erinnerungen wach werden lassen an die guten alten Zeiten in den späten Achtzigern und frühen Neunzigern, als Seagal on top of his game war, und er auch wird nicht übermäßig durch diese Unzulänglichkeiten getrübt, die so viele Seagals der letzten 15 Jahre aufwiesen. Der mittlerweile auf Schrankwandgröße angeschwollene Star stand offensichtlich während eines substanziellen Teils der Dreharbeiten zur Verfügung, nur ein paarmal wird an seiner Stelle ein Stand-in ins Bild geschoben, und nachsynchronisiert wurde er auch nicht. Keoni Waxman, der zu Seagals Stammregisseur herangereift zu sein scheint – er drehte mit ihm bereits THE KEEPER, A DANGEROUS MAN, MAXIMUM CONVICTION, FORCE OF EXECUTION und 8 Episoden der Fernsehserie TRUE JUSTICE –, liefert ordentliche Arbeit ab und fängt auch die Actionszenen gut ein, hat sonst aber allem damit zu kämpfen, dass kaum etwas an A GOOD MAN wirklich hängenbleibt. Wieder einmal in Bukarest gedreht und mit den typischen Ostblock-Russenmafia-Darstellern besetzt, versinkt der Film in der immer unüberschaubarer werdenden Flut vergleichbarer DTV-Actioner: Wo MERCENARY FOR JUSTICE, SHADOW MAN, BORN TO RAISE HELL, SIX BULLETS, ASSASSINATION GAMES, LAST BULLET oder DIRECT CONTACT enden und A GOOD MAN anfängt, kann man längst nicht mehr genau sagen.

Was bleibt also von A GOOD MAN? Seagals Bart und seine neue Vorliebe für Schals zum Beispiel. In der Rückblende, mit der der Film eröffnet und die die Motivation seines Alexander erklärt, eines ehemaligen Spec-Ops-Mannes, gibt er wieder einmal seiner Vorliebe für schwer verständlichen Tech Talk nach, strickt er weiter an der Legende seiner „dunklen Vergangenheit“. Eine echte Überraschung ist die spätere Enthüllung, wer hinter den üblen Morden an Mobstern steckt, deren verstümmelten und mit Räucherstäbchen garnierten Leichen überall in der Stadt an mit japanischen Schriftzeichen dekorierten Orten auftauchen: Kein Psychopath, sondern der Held Alexander selbst ist es, der als „White Ghost“ auf der Jagd nach dem Waffenhändler Chen (Tzi Ma) ist und dabei kräftig aufräumt. Irgendwann ist Seagal definitiv reif, den Killer in einem Slasher- oder zumindest Serienmörderfilm zu spielen, die richtigen Körpermaße für Jason Voorhees hat er ja schon. Als human interest wird die liebe Lena (Iulia Verdes) eingeführt, die für die Schurken als Kellnerin in einer Strip-Bar arbeiten muss, für ihre süße minderjährige Schwester Mya sorgt und außerdem einen halbseidenen Halbbruder namens Sasha (Victor Webster) hat, der Alexander am Ende hilft. A GOOD MAN endet dann auch mal wieder mit einer jener unangenehmen Liebesszenen zwischen Seagal und seiner gut 30 Jahre jüngeren Partnerin, von denen der Star nicht lassen kann, obwohl diese ihm weder liegen noch zu seinen Charakteren passen. Klar, am Ende soll sein Alexander geläutert sein, doch sind die turmhohen Leichenberge, die er überall hinterlassen hat, deswegen wirklich vergessen? Das Hundchen, das er sich als treuen Gefährten hält, kann die Zweifel, die an seiner psychischen Verfassung aufkommen, jedenfalls nicht gänzlich zerstreuen, auch wenn das wohl so gedacht war.

Fazit: Ein durchschnittlicher DTV-Actioner, der die Krise des Genres nicht aufzulösen vermag, dem Seagal-Komplettisten aber durchaus das ein oder andere Aha-Erlebnis schenkt. Wie gesagt: Dafür muss man schon dankbar sein.

MAN MAN

Für Hard Sensations habe ich einen Text geschrieben, in dem ich mich mit drei aktuellen Actionfilmen auseinandersetze, die dieser Tage in Deutschland auf DVD erschienen sind/erscheinen: Es handelt sich um John Hyams‘ DRAGON EYES mit Jean Claude Van Damme und up-and-coming Martial-Arts-Star Cung Le, den neuen Seagal namens MAXIMUM CONVICTION und einen weiteren Film mit den „Muscles from Brussels“, Ernie Barbarashs großartigen SIX BULLETS. Hier geht’s lang, viel Vergnügen!

Als sein Partner bei der Ermittlung eines Umweltvergehens in den Appalachen unter mysteriösen Umständen ums Leben kommt, beginnt der EPA-Beamte Jack Taggert (Steven Seagal) dort seine Nachforschungen. Zwar erlangt er schnell das Vertrauen der schönen Sarah (Marg Helgenberger) und des alten Harrys (Harry Dean Stanton), doch die meisten Einwohner des Kaffs stehen ihm ablehnend gegenüber: Kein Wunder, denn sie stehen auf der Gehaltsliste des Industriellen Orin Hanner (Krist Kristofferson), der toxische Abfälle in den stillgelegten Minen deponiert. Aber Taggert lässt in seinem Kampf gegen die Umweltverschmutzung und das Verbrechen nicht locker …

Als ich FIRE DOWN BELOW damals kurz nach Erscheinen begutachtete, war die Enttäuschung gr0ß. Zwar kam schon der kurz zuvor entstandene THE GLIMMER MAN nicht mehr an die Klasse der vorrangegangenen Filme heran, doch tröstete mich darüber noch die Euphorie hinweg, die es auslöste, Seagal zum ersten Mal im Kino erleben zu dürfen. FIRE DOWN BELOW ist ohne Frage der seagalistischere Film der beiden, er wirkt persönlicher als THE GLIMMER MAN, in dem man versuchte, die Strukturen des Buddy-Movies und des Serienmörderfilms auf einen Seagal-Film zu übertragen, was nur bedingt funktionierte. Aber dafür ist er deutlich zahmer: Bis zum Showdown gibt es kaum Actioneinlagen und die gnadenlose Art, mit seinen Gegnern abzurechnen, für die man Seagal lieben gelernt hat, weicht hier einer gemäßigten, diplomatischeren Variante. Dafür kann man Seagal mal wieder in seinem Righteous-Preacher-Mode erleben, den man zum ersten Mal in ON DEADLY GROUND bewundern durfte: Er hält sogar eine Rede während eines Gottesdienstes, mit der er die Anwesenden aufrütteln möchte! Und diese Masche sorgt dann doch für diese Momente, wegen der man Seagal-Fan ist: Er versucht einen (an der Umweltverschmutzung erkrankten) Jungen aufzumuntern, er schmeißt sich an Sarah ran, die in der Stadt ein trauriges Außenseiterdasein führt, er repariert Verandas und Dächer und spielt zum ersten Mal in einem seiner Filme Gitarre (Vern weist in seinem unbedingt lesens- und besitzenswerten Buch „Seagalogy: A study of the ass-kicking Films of Steven Seagal“ darauf hin, dass sich in der Besetzungsliste viele Musiker befinden). Besonders awkward ist seine erste Begegnung mit Sarah, in der er seine Stimme nicht über ein eindringliches Flüstern erhebt, während sie ganz normal spricht. Wenn man Seagal also mag, dann ist dieser Film unumgänglich, aber ich würde ihn dennoch als den schwächsten Eintrag seiner Filmografie bis zu diesem Punkt bezeichnen. Er ist mir einfach eine Nummer zu träge, er braucht zu lang bis etwas passiert. Die Actioneinlagen sind dann zwar alle sehr nett (der Sturz eines Sattelschleppers über eine Klippe bleibt im Gedächtnis), aber auch sehr kurz und blutleer. Gleichzeitig ist FIRE DOWN BELOW aber auch nicht so Over-the-top kitschig und albern wie der folgende THE PATRIOT – mit Ausnahme des neongrünen Giftmülls, der sich am Ende über einige arme Bad Guys ergießt –, der mit seinem totalen Verzicht auf Action zugunsten eines introvertierteren Tons eine konsequente Weiterentwicklung dieses Films darstellt. FIRE DOWN BELOW sitzt etwas zwischen den Stühlen: Action interessierte Seagal offensichtlich nicht mehr so, ganz darauf verzichten wollte er aber auch noch nicht.

Gino Felino (Steven Seagal) ist ein Cop. Aufgewachsen in Brooklyn, als Sohn eines italienischen Einwanderers, der sein Geld als von Haus zu Haus wandernder Messerschleifer verdiente. Gino ist ein Kind der Straße: Er kennt sie alle, die ehrlichen Arbeiter, denen er sich verbunden fühlt, die Mafiosi, die er als Kind bewundert hat und von denen er als Detective weiß, dass man sich mit ihnen arrangieren muss, die Kleinkriminellen, die versuchen, mit Gaunereien über die Runden zu kommen. Er spricht ihre Sprache, weiß, was er sagen muss, was sie hören wollen, wie sie denken, was sie fühlen. Und auch wenn er jetzt auf der Seite des Gesetzes steht, diese Verbundenheit kann er nicht einfach abschalten.

Ginos Freund und Partner Bobby Lupo wurde auf offener Straße vor seiner Gattin und seinem Kind erschossen. Von Ginos und Bobbys gemeinsamem Jugendfreund Richie Madano (William Forsythe), der vom Crack begünstigt dem Größenwahn verfallen ist. Ginos Pflicht als Polizist ist es, Richie dingfest zu machen und ihn dem Gesetz zu übergeben. Doch der code of the streets, dem Gino sich immer noch verpflichtet fühlt, besagt, dass er Bobbys Tod als dessen Freund zu rächen hat. Sein Deal mit dem Vorgesetzten Donziger (der immer tolle Jerry Orbach in einer leider viel zu kleinen Rolle – vielleicht der einzige Schönheitsfehler in diesem Film): Gino verspricht, Richie so schnell wie möglich aus dem Verkehr zu ziehen, aber Donziger lässt es Gino auf seine Weise machen. (OUT FOR JUSTICE ist wie alle guten Actionfilme natürlich auch ein Film über stillschweigende Übereinkünfte zwischen Männern.) Jetzt muss er nur noch der Mafia zuvorkommen, denen das eigenmächtige und respektlose Treiben Richies selbst ein Ärgernis ist.

Es beginnt eine Jagd durch Brooklyn, aber keine offene: Richie weiß, dass er Freiwild ist – spätestens nachdem er eine harmlose Autofahrerin dafür erschießt, dass sie ihn als „Arschloch“ beschimpft hat -, kennt die Straßen des Viertels wie seine Westentasche und kann sich darauf verlassen, dass alle, die ihn verraten könnten, viel zu große Angst vor seinem Zorn und seiner manischen Unberechenbarkeit haben. Während er also seine Spur durch Brooklyn zieht, arbeitet Gino seine Kontakte ab. Seine Methode lautet „shock and awe“: Schrecken und Ehrfurcht. Demütigung, Beleidigung, Erniedrigung, herabsetzende Schläge, verbale Hiebe, Nötigung, Belästigung, mutwillige Zerstörung, Vandalismus. Wenn er die Gemüter entsprechend erhitzt hat, Prügel, Tritte, Knochenbrüche. Alles, um dem Ziel näherzukommen, die Mauer des Schweigens zu durchbrechen. Wenn er Richie schon nicht selbst gegenübertreten kann, so will er wenigstens unübersehbare Zeichen dafür hinterlassen, dass er ihm auf den Fersen ist. Psychologische Kriegsführung.

OUT FOR JUSTICE, vom unbesungenen Helden des Badass-Actionkinos John Flynn mit der Präzision eines Uhrwerks inszeniert, ist vielleicht der größte Film Seagals und neben Andrew Davis‘ Event-Blockbuster UNDER SIEGE auch der einzige, der völlig außerhalb des Seagal-Kontextes funktioniert. Ist der Film dank der Präsenz seines Hauptdarstellers und der splatterigen Effekte auch ganz klar als Vertreter des Actionkinos der späten Achtziger-/frühen Neunzigerjahre zu verorten, so verdankt er Flynn den Rückbezug auf den New Yorker Copthriller im Stil der Siebzigerjahre und damit nicht nur jene atemlos-gehetzte Atmosphäre, die einem das Ablaufen eines Countdowns vor Augen ruft, sondern auch ein Maß an Authentizität, das man nun nicht gerade mit Seagal assoziiert. Man fragt sich, warum er nicht häufiger als Non-Nonsense-Bulle eingesetzt wurde, denn gerade die Abwesenheit der sonst typischen mythologisierenden Seagal-Beigaben (CIA-Vergangenheit, Fernost-Philosophie, Aikido-Ausbildung), von denen nur die Mafia-Verbindung übrig bleibt, tut dem Film sehr gut

Die Stärken von Flynns Inszenierung treten vor allem im direkten Vergleich mit dem zuletzt gesehenen MARKED FOR DEATH deutlich hervor. Im Gegensatz zum genannten, unmittelbar vor OUT FOR JUSTICE entstandenen Film gelingt es ihm, Seagals Figur einen (sozialen) Rahmen zu geben, innerhalb dessen seine typischen Marotten und Manierismen nachvollziehbar und glaubwürdig sind. Die in meinem Text zu MARKED FOR DEATH beschriebene herablassende Art, die dort einzig durch seine tatsächliche Überlegenheit begründet war, wird hier motiviert, sie ist zweckgerichtet: Gino verhält sich gerade deshalb so, weil er eine Reaktion provozieren will, weil er weiß, dass es in dieser Situation, an diesem Ort, unter jenen Umständen eben jenes Mittel ist, dass ihm allein weiterhilft. Er benimmt sich wie ein Prolet, aber er ist sich dieser Tatsache vollauf bewusst. Und er hat die Fähigkeit, sein Verhalten zu hinterfragen und zu reflektieren.

Flynns Film ist ultrabrutal, aber er verkommt nie zur müden Gewaltschau, weil er weiß, dass Gewalt nicht bloß optischer Reiz sein, sondern vor allem Emotionen auslösen sollte: Ist Littles MARKED FOR DEATH ein bisschen wie die Achterbahn, die man sich von außen anschaut, sitzt man in OUT FOR JUSTICE im vordersten Wagen und sieht den nächsten Abhang auf sich zurasen. Das hier ist kein Spiel: Wenn Richie mit seinem Wagen den Weg einer Autofahrerin blockiert, von dieser beschimpft wird, daraufhin aussteigt und ihr auf offener Straße kurzerhand das Gehirn rauspustet, dann ist das nicht weniger als ein Angriff auf den Zuschauer, ein Verstoß gegen übliche Actionfilm-Konventionen und ein Hinweis darauf, dass die sonst gültigen Regeln hier außer Kraft gesetzt sind. Hier ist ab sofort alles möglich. Das zeigt sich auch im kongenialen Showdown. Seagal wird zwar  in fast allen seiner Filme als unüberwindbare, gnadenlose Tötungsmaschine dargestellt, es ist das, was ihn von „menschlicheren“ Actionhelden wie Stallone, Lundgren oder Van Damme unterscheidet, aber keiner hat diese Kombination aus äußerster Effizienz, brachialer Humorlosigkeit und der fast messianischen Selbstherrlichkeit, mit der die körperliche Bestrafung vollzogen wird, so pointiert ins Bild gefasst wie Flynn. Wenn immer wieder behauptet wird, Actionfilm böte ein Ventil für aufgestaute Aggressionen, dann ist die finale Auseinandersetzung zwischen Gino und Richie, bei der ersterer nicht einen Kratzer davonträgt, letzterer aber mit Genuss auseinandergepflückt wird, der Beweis für diese These. William Forsythe reduziert sich als Richie selbst auf eine Projektionsfläche für den geballten Zuschauerhass und ist großartig dabei. Der ganze Film ist eine einzige orgasmische Allmachtsfantasie.

Was OUT FOR JUSTICE über den Status des krachenden Actionfilms hinaushebt und ihn zum atemberaubenden Crime-Reißer macht, sind Flynns ausgesteller sense of place und sein immenses Gespür für Details, für die kleinen Akzente, die große Wirkung zeigen. Da gibt es diese Szene, in der Gino mit dem Wagen durch Brooklyn fährt, an einer Prostituierten vorbei, die ihn gänzlich unromantisch fragt: „Wanna fuck?“. Gino lacht darüber und fährt weiter, es ist ein durch und durch natürliches, ehrliches Lachen, man fühlt sich als sitze man neben ihm. Dann muss er wieder halten, nur ein paar Meter weiter, neben ein paar Obdachlosen, und er dreht sich zu ihnen und fragt sie „You hear what she said?“ und immer noch schmunzelnd fährt er weiter. Diese Szene hat keinerlei erzählerische Funktion, sie ist total unwichtig, aber sie konturiert den Ort „Brooklyn“ als einen, der auch außerhalb der Geschichte existiert, und Gino als einen Mann, der sich an diesem Ort wohlfühlt, dort hingehört, Bestandteil des Ganzen ist. Meisterlich auch die längere Actionsequenz, in der Gino die Gäste in der Billardkneipe von Richies Bruder aufmischt: weil sie schlicht brillant getimt ist (dieser Typ, den er immer wieder nur in die Telefonkabine schubst und dann die Tür zuzieht!) und die Action nicht bloß zur nackten Triebabfuhr dient, sondern dazu, Seagals Gino zu charakterisieren. Trotz ihrer Ruhe ungemein enervierend ist jene Dialogszene, in der Gino Richies Eltern zu Hause aufsucht, ein altes Rentnerpaar, um Hinweise über den Verbleib Richies zu erhalten, dem Vater langsam dämmert, dass Gino Richie für das, was er getan hat, umbringen wird, und Gino weiß, dass er von diesen alten Leuten, die ihm als Kind Kleingeld zusteckten, das Unmögliche verlangt.

Dann sind es wieder diese kleinen Kniffe, die Flynn einfach mal so aus dem Ärmel schüttelt, die aber riesige Wirkung entfalten: Da ist dieser kurze Moment während der Titlesequenz, Gino hat soeben einen gewalttätigen Zuhälter durch eine Autoscheibe geworfen, man sieht vom Fahrersitz des Wagens aus über die Beine des Gebeutelten hinweg durch die geborstene Frontscheibe nach draußen auf den vorbeihuschenden Seagal, der noch einmal einen kritischen Blick auf sein Werk wirft. Das Bild friert ein und gleichzeitig wird mit einem dumpfen Schlag sein Name eingeblendet, bevor eine Schwarzblende erfolgt und der Titel des Films erscheint. Dieser kurze Moment, in dem der Film noch einmal kurz innehält, um dem Zuschauer die letzte Gelegenheit zu geben, auszusteigen, hat mich mehr gekickt als die 90 Minuten von MARKED FOR DEATH.

Nachdem eine Razzia in Mexiko fehlschlägt und sein Partner schwer verwundet wird, zieht sich der DEA-Beamte John Hatcher (Steven Seagal) aus dem Beruf zurück, um sich im Schoße der Familie auf neue Tätigkeiten zu besinnen. Dummerweise macht sich in seinem Vorort von Chicago gerade eine Bande jamaikanischer Drogendealer unter der Ägide des dämonischen Screwface (Basil Wallace) breit. Als Hatcher in einen Überfall der Gang gerät und dabei einen von Screwface‘ Männern erschießt, gerät er in den Blick des Verbrechers. Nach weiteren Scharmützeln, aus denen Hatcher jedesmal siegreich hervorgeht, erklärt Screwface dessen Familie als „marked for death“ oder, wie es der deutsche Titel etwas weniger eingängig formuliert, für „zum Töten freigegeben“. Hatcher geht mit seinem alten Armeekumpel Max (Keith David) und dem jamaikanischen FBI-Agenten Charles (Tom Wright) in die Offensive. Doch Screwface hat sich längst wieder in Jamaika verschanzt …

MARKED FOR DEATH war Seagals dritter Spielfilm und mutete nach dem etwas mauen HARD TO KILL wie eine Wiedergutmachung an: Dwight H. Littles Film ist so dermaßen over-the-top, dass man das nur noch halb kopfschüttelnd, halb selig grinsend quittieren kann. Rassistisch bis ins Mark lässt er seine jamaikanischen Finstermänner im regredierten Patois fluchen und schimpfen (wenn De Palmas SCARFACE den Rekord für die meisten „fucks“ in einem Film hält, dann hat dieser hier die meisten „blood clots“), wobei sich vor allem der sich auch noch auf schwarze Magie verstehene Screwface hervortut, der mit seinen Reptilienaugen rollt, Gift und Galle spuckt in seiner Verachtung auf den weißen Hatcher und quasiphilosophische One-Liner am laufenden Band absondert, mit denen man gut jamaikanische Hasskekse füllen könnte, wenn es die denn gäbe. Mein Favorit: „Everybody want go heaven. Nobody want dead.“ Da muss sich Seagal mächtig ins Zeug halten, um mithalten zu können. Seine Ausbeute ist nicht ganz so groß, aber auch nicht zu verachten: Als er einen Mafiosi umlegt, der sich eben noch als „made man“ bezeichnete, kommentiert Seagal seinen Todesschuss nur furztrocken mit: „God made men“. Deutlich lieber lässt er aber Taten sprechen. Eine komplett wahnsinnige Sequenz spielt in einem großen Juweliergeschäft, in das Hatcher und Max bei einer Verfolgungsjagd eine Handvoll Ganoven gejagt haben – mit Autos durch die Scheibe wohlgemerkt und das auch noch während der Hauptgeschäftszeit. Es folgt eine denkwürdige Demonstration im Kaltmachen und Brechen von Gliedmaßen, die man zu jener Zeit so nur von Seagal zu sehen bekam (und die seitdem allerhöchstens von Tony Jaa in TOM YUM GOONG übertroffen worden ist). Screwface selbst muss aufgrund magischer Kräfte gleich zweimal gekillt werden: Begnügt sich Seagal beim ersten Mal noch mit einem Schwerthieb in die Eier und einer anschließenden Enthauptung, geht er danach noch weitaus weniger zimperlich mit dem Stehaufrastafari um, drückt ihm die Augen aus, bricht ihm das Rückgrat und schmeißt ihn in einen Fahrstuhlschacht, an dessen Boden er dann auch noch aufgespießt wird und somit garantiert nicht mehr auf die Idee kommt, noch einmal wiederaufzuerstehen. Little inszeniert das alles sehr zweckdienlich, aber ohne den ganz großen Schwung; er ist weder ein Andrew Davis (ABOVE THE LAW) noch ein John Flynn (OUT FOR JUSTICE). In seiner atemlosen Aneinanderreihung von Gewaltszenen geht außerdem etwas der dramaturgische Zusammenhang flöten: Die eigentlich sehr spannende titelgebende Prämisse wird in einer einzigen Sequenz abgefrühstückt und entfaltet so kaum Wirkung, Keith David ist als Hatchers alter Kumpel ebenfalls verschenkt. Vielleicht hätte man sich einfach von etwas Handlung verabschieden und den Film ganz konsequent als langen Showdown inszenieren sollen.

MARKED FOR DEATH ist also völlig entfesseltes Gewaltkino der ultrabrutalen Art – hat mich aber trotzdem etwas kalt gelassen. Ich habe mich in den vergangenen Jahren vor allem mit dem jüngeren Spätwerk Seagals beschäftigt und dessen Gangart funktioniert für Seagals Filmpersona meines Erachtens einfach besser, selbst wenn man einräumt, dass die Filme inszenatorisch nicht mehr so klar und manchmal ziemlich aufgeblasen sind. Seagals (nicht mehr ganz so) neue Unbeweglichkeit, die einem beträchtlich angewachsenen Körperumfang geschuldet ist, mag ihn als Actionhelden ungeeignet erscheinen lassen und die wenigen Actionszenen, die er noch bestreitet, zu einer Lachnummer degradieren: Zu seinem wizened veteran, auf den er sich seit einigen Jahren festgelegt hat und den er nicht einmal mehr auch nur leicht variiert, passt diese ungerührte, monolithische Statik, dieses überlegen-ungerührte Grinsen, mit dem er die Dinge betrachtet, deutlich besser. Wenn man ihn in MARKED FOR DEATH rennen sieht, mit seinen komischen manierierten und irgendwie weibischen Armbewegungen und den viel zu engen Hosen, ist das dem Respekt vor seiner Figur eher abträglich. Ähnliches gilt für diese ätzende herablassend-altväterliche Art, mit der er selbst seine Freunde bedenkt, ihnen großzügig aufmunternde Backpfeifen und Nackenschläge verpasst, und diese Selbstverliebtheit, die aus jedem seiner schmierigen Sprüche tropft: Einem in sich ruhenden Titan mit Granitfresse, der alles schon gesehen hat, gesteht man solche Ausfälle doch eher zu, sie wirken weniger peinlich als bei dem jungdynamischen Milchgesicht mit Pferdeschwanz, bei dem solche Angewohnheiten an einen stinknormalen Proleten denken lassen und eben nicht an den abgewichsten Profi. So geil also diese frühen Seagals auch sind: Seagal war damals noch weit entfernt von der ikonischen Figur, die er heute ist, hatte seine Persona längst noch nicht voll entwickelt. Man könnte diese frühen Filme auch als „Sturm und Drang“ bezeichnen. Mittlerweile ist Seagal in der Klassik angekommen.

Der mexikanische Agent „Machete“ (Danny Trejo) muss dabei zusehen, wie seine Frau vom Drogengangster Torres (Steven Seagal) umgebracht wird, die folgende, eigene Hinrichtung überlebt er jedoch und taucht Jahre später im politisch umkämpften texanisch-mexikanischen Grenzland auf der Seite der USA wieder auf. Dort wird er vom schmierigen Michael Booth (Jeff Fahey) beauftragt, Senator John McLaughlin (Robert De Niro) umzubringen, der einen elektrischen Grenzzaun errichten will, um illegale mexikanische Immigranten abzuwehren. Machete nimmt den Auftrag an, doch dann kommt ihm  bei der Erschießung jemand zuvor. Mithilfe der Polizeibeamtin Sartana (Jessica Alba) kommt er einem Komplott auf die Schliche, hinter dem niemand Geringeres als sein Erzfeind Torres steckt …

MACHETE ist, so viel sollte bekannt sein, das von einigen herbeigesehnte Spin-off eines zu GRINDHOUSE-Tagen frenetisch gefeierten Fake-Trailers von Robert Rodriguez, mit dem der Regisseur seinerzeit amerikanisch-mexikanischer Exploitation und dem Chicks-with-Guns-Subgenre Tribut zollte. Das Auswalzen dieses Trailers auf Spielfilmlänge gelingt Rodriguez vor allem dadurch, dass er seine Geschichte um den mexikanischen Supermann mit der Machete mithilfe vieler schillernder Nebenfiguren aufbläst. Durchaus zum Vorteil des Zuschauers: Die Auftritte von Robert De Niro, der hier zum ersten Mal seit x Jahren von seiner totgerittenen Masche des grimmigen Hardliners abweicht (OK, ein Hardliner ist er hier auch), von Don Johnson als Anführer einer Gruppe von Vigilanten, die die Grenze nach illegalen Einwanderern absuchen, oder von Seagal, der sich für weitere bizarre Schurkenrollen empfiehlt, lassen einem das Herz aufgehen und über das große, große Manko des Films hinwegsehen: Im Grunde seines Herzens ist Rodriguez nämlich ein richtiger Mainstreamer.

Wenn er in der Eröffnungssequenz das Bild mit entsprechenden Effekten auf alt trimmt, um das Siebzigerjahre-Bahnhofskino-Flair zu erzeugen, um das es in MACHETE ja nicht zuletzt geht, diese Sequenz dann aber mit deutlich als solchen zu identifizierenden CGI-Splattereffekten würzt, den erzeugten Eindruck somit selbst wieder zerstört, dann ist damit schon gesagt, woran es MACHETE mangelt: an Authentizität und einer gewissen Selbstdisziplin. Vom Kanon bizarrer Billigfilme, den ja auch Spezi Tarantino regelmäßig herunterbetet, hat sich Rodriguez vor allem bildlich inspirieren lassen: der tätowierte, vernarbte Ex-Federal-Agent mit Machetenvorliebe, der rassistische texanische Politiker, die heiße Blonde mit dem Vaterkomplex, die sich zum Schluss von der Hure in eine Heilige verwandelt (Lindsay Lohan überraschend freizügig), der griechische Hitman Osiris Amanpour (Tom Savini in einer Nebenrolle), die einäugige Amazone mit dem Riesenballermann (Michelle Rodriguez darf die Apotheose ihres eigenen Rollenklischees geben), der sonnenbebrillte Cowboy mit den Koteletten. Diese Figuren verquirlt Rodriguez zu einer Geschichte, die aller angeblicher Anstößigkeit zum Trotz erstaunlich glatt rüberkommt und nur wenig von der elliptischen, antiklimaktischen Holprigkeit jener Filme hat, die doch eigentlich referenziert werden sollen.

Diese Glätte kann man nicht zuletzt auf den Jessica-Alba-Charakter zurückführen, der dem eigentlichen Protagonisten Machete zur Seite gestellt wird, um dem Durchschnittskinogänger, der sich schwer tut, einen 60-jährigen, über und über tätowierten und verlebten mexikanischen Ex-Knacki, den er zudem nur aus Nebenrollen kennt, als Identifikationsfigur zu akzeptieren. Die Illusion, einen schmierigen Bahnhofskinofilm zu sehen, verflüchtigt sich spätestens, wenn Alba auf dem Bildschirm erscheint und langweilige Dialogszenen Exposition betreiben sollen, mit der sich die Vorbilder nie lang aufgehalten haben. Das ist typisch für den Film, der bei allem Exzess strukturell völlig steif und leblos wirkt, noch jedes kleine Plothole zu stopfen und alle Figuren mit einer schönen Motivation auszustatten versucht, anstatt sich um solchen wohlfeilen Quark einfach einen Dreck zu scheren.

Vielleicht tut man MACHETE aber auch Unrecht, wenn man ihn auf seinen Referenzcharakter reduziert. Seine Story, in der ein Mexikaner einen rassistischen Politiker umbringen soll, damit die US-amerikanische Wirtschaft weiterhin von den billigen Arbeitskräften, die illegale mexikanische Einwanderer nunmal sind, profitieren kann, ist deutlich brisanter, als es der vordergründig auf Spaß und Thrill gebürstete Film vermuten lässt. Ich habe mich streckenweise schon ganz gut amüsiert mit MACHETE, aber irgendwie fällt mir doch vor allem ein Wort zu ihm ein: Brav. Das ist denkbar weit am Ziel vorbei.

Als der Special-Forces-Mann Shane Daniels (Steven Seagal) nach sechs Jahren, die  er unschuldig hinter Gittern verbacht hat, freikommt, hat er alles verloren: seine Frau, sein Ansehen, seinen Beruf. Kaum auf freiem Fuß, holt ihn das Verbrechen erneut ein. Er wird Zeuge eines Polizistenmordes, kann die chinesischen Verbrecher jedoch in die Flucht schlagen und bleibt mit einer Sporttasche voller Drogengeld, der gekidnappten Tia (Marlaina Mah) und einem weiteren Zeugen, dem Sohn des russischen Gangsterbosses Vlad (Vitaly Kravchenko), zurück. Mit der jungen Frau begibt sich Shane nun auf die Flucht vor den Drogengangstern, bevor er mithilfe des Russen sein Heil in der Offensive sucht. Ein Bandenkrieg entbrennt …

Der zweite Seagal-Film von Keoni Waxman, den der direkt im Anschluss an THE KEEPER inszenierte, ist ein kompromissloser, harter Reißer, der nach dem skizzenhaften Vorgänger etwas breiter angelegt ist. Auffällig ist die düstere Weltsicht, die Waxman an den Tag legt: Nachdem Shane aus dem Knast kommt, wird er beim Schnapskauf sofort von zwei miesen Straßenräubern überfallen und bedroht, worauf er sogleich mit der Ultrabrutalen antwortet. Die Szene, in der er einem der beiden Aggressoren mit einer auseinandergebauten Pistole das Gesicht malträtiert, dürfte zu den härtesten Seagal-Momenten überhaupt zählen: Die Grenze dessen, was man einem Actionfilm-Helden noch verzeiht, wird hier mit Nachdruck überschritten. In diesem Stil geht es weiter: Wenn getötet respektive gestorben oder sonstwie Gewalt angewendet wird, dann ist das niemals zum Abfeiern geeignet oder auch nur „schön“ anzusehen, sondern meist abstoßend, schmerzhaft und ekelhaft. Und als der russische Gangster Vlad von einem korrupten Cop beim Essen gestört wird, dann ist seine Antwort kaum weniger unmissverständlich als ein Bauchschuss: „Bei uns zu Hause ficken wir die Bullen in den Arsch, nachdem wir mit den Tieren fertig sind.“ Da bleibt für den Adressaten nur wenig Interpretationsspielraum. Mit genau jenem Vlad, der seinem vampirischen Namensvetter Vlad Tepes in Blutdurst, aber auch in dämonischer Ausstrahlung in nichts nachsteht, verbündet sich Shane später, trinkt Bruderschaft mit ihm und bildet eine Allianz gegen die chinesischen Verbrecher. Da haben sich zwei gefunden und irgendwie hat man als Betrachter schon ein mulmiges Gefühl dabei, wie leichtfertig in den Seagal-Filmen klassische Actionhelden-Bilder dekonstruiert werden. Der Zweck heiligt wirklich jedes Mittel, aber für den Außenstehenden ist kaum noch nachvollziehbar, warum nun gerade jener Zweck es wert sein soll, dem anderen vorgezogen zu werden. Als klassischer Actionfilm lässt sich A DANGEROUS MAN gar nicht mehr rezipieren und es wird nie so ganz klar, ob das nun so sein soll oder doch eher auf nerdiges Seagalfantum aufseiten Waxmans oder auf inszenatorisches Unvermögen zurückgeht. Letzteres erscheint eher unwahrscheinlich, auch wenn es hier und da mal einen holprigen Szenenübergang oder aber natürlich die obligatorischen Seagal-Stand-ins zu beklagen gibt. Nach dem saumiesen KILL SWITCH stellt A DANGEROUS MAN zwar einen qualitativen Quantensprung dar, ganz warm geworden bin ich mit ihm dennoch nicht. Ich kann nur leider nicht genau benennen, woran das nun liegt. Wahrscheinlich eben genau daran, dass man als unbescholtener Durchschnittsbürger einfach keinen Zugang mehr zu der abgebildeten Welt und zu Shanes/Seagals Lebensphilosophie hat.

Wie man keinen Seagal-Film macht: Ein Ratgeber in 10 Schritten

1. Seagal gegen einen Serienkiller antreten zu lassen, hat schon bei GLIMMER MAN nicht wirklich funktioniert. Seagal ist gut als knochenbrechende One-Man-Force und meinetwegen auch als mit allen Abwassern gewaschener CIA-Agent, aber nicht als Profiler. Ihn mit einem einzelnen Psychopathen zu konfrontieren, minimiert die Zahl der Gelegenheiten, in denen er seiner Kernkompetenz nachgegen kann: Knochen brechen. Niemand will Seagal dabei zusehen, wie er Leichen untersucht oder Psychologie für Baumschüler betreibt. Außer Seagal selbst.

2. Seagals ätzend herablassende und altväterliche Art, die er in Dialogen zum Besten gibt, wird noch potenziert, wenn man ihm a. einen Schwarzen und b. eine Frau zur Seite stellt. Der Pseudo-Ghetto-Lingo, in dem er sich in KILL SWITCH artikuliert und jeden Satz mit halbschwachsinnigen „Baby“s und „Brother“s anfüllt, als sei er einst höchstpersönlich mit einem Sklavenschiff aus Afrika rübergepaddelt, erfüllt den Tatbestand rassistischer Verunglimpfung, der offene Chauvinismus, mit dem er der als frigide Schreibtischpolizistin gezeichneten FBI-Agentin gegenübertritt, ist nicht cool, sondern weckt mit laufender Spielzeit mehr und mehr das Bedürfnis, ihm mit Anlauf in die unter seinem Speckwanst hängenden Eier zu treten. Ganz wichtig: Die Hauptfigur eines Films darf einem nicht schon nach drei Minuten die Zornes- und Schamesröte ins Gesicht treiben.

3. Seagal als Lover ist eine der widerlichsten Dinge, die je auf Zelluloid gebannt wurden. Dass man ihm in den letzten Jahren beständig halb so alte Striptänzerinnen als Freundinnen andichtet, kann nur an einer Vertragsklausel liegen, die sich Produzenten von Seagal aufschwatzen lassen. Als denkender Mann schämt man sich in Grund und Boden, wenn er Frauen das angedeihen lässt, was er anscheinend für „Zuneigung“ hält. Und Sexszenen, in denen man nur Gesichter sieht, sind eh überflüssig. (Bitte nicht falsch verstehen: Seagals nackten Leib zu zeigen, verbietet sich aus ästhetischer Sicht völlig.)

4. Seagal ist fast 60 und nicht mehr so beweglich. Nicht, dass er früher agil wie ein Panther gewesen wäre, aber offensichtlich sind ihm auch die Moves, die er in seinen ersten Filmen vollführte, nicht mehr möglich. Um das zu kaschieren, sollte man eine bessere Strategie haben, als bloß auf eine Augenkrebs erzeugende Mischung aus wackliger Kameraführung, totaler Fragmentierung per Schnittcomputer, Einsatz jederzeit erkennbarer Body Doubles und nicht dazu passender Close-ups von Seagals Gesicht aufzufahren. Das täuscht nämlich über gar nichts hinweg und sieht dazu auch noch scheiße aus.

5. Wenig spektakuläre Szenen werden nicht dadurch spektakulärer, dass man sie fünfmal wiederholt. In der Filmgeschichte sind schätzungsweise schon 125.873 Menschen aus dem Fenster geworfen worden, rund 53.412 aus einem höheren als dem ersten Stockwerk. Der popelige Fenstersturz, den King am Anfang förmlich in Dauerschleife laufen lässt, hat dem rein gar nichts hinzuzufügen, außer eben der Dauerschleife. Und die wirkt in diesem Kontext ebenso hilflos, wie die verzweifelten Beteuerungen des pickeligen Teenagers, er onaniere nicht mehr.

6. Practice what your preach: Wenn einem Charakter die Zähne rausgeschlagen werden, man zusätzlich zum Close-up auf jene rausgeschlagenen Zähne das Opfer auch noch seine Empörung darüber zum Ausdruck bringen lässt, dass ihm soeben die Zähne rausgeschlagen wurden, man mithin keinerlei Zweifel daran lässt, dass dieser Person tatsächlich die Zähne rausgeschlagen wurden, dann macht es einen ziemlich armseligen Eindruck, wenn besagtes Opfer in der nächsten Szene mit perlweiß glänzender, vollkommen unbeschädigter Kauleiste zu sehen ist. Das ist so, als würde man oben genannten pickeligen Teenager auf dem Schulklo beim Wichsen erwischen, unmittelbar nachdem er … siehe 5.

7. Creed, Nickelback, Puddle of Mudd oder Staind waren das letzte Mal vor ca. acht Jahren für maximal fünf Minuten der geistigen Unzurechnungsfähigkeit nicht für jeden halbwegs intelligenten Menschen als kompletter Scheißdreck identifizierbar. 2008 einen Haufen gefährlicher Rocker in einem abgeranzten Rockclub, in dem sich mit Vorliebe ein derangierter Massenmörder aufhält, zu einem minderbemittelten Klon jener eh schon peinlicher Combos amoklaufen zu lassen, zerstört die Illusion, es mit dem Film eines Mannes, der das Alter von 15 überschritten hat, zu tun zu haben, sofort.

8. Dynamik ist etwas anderes als Hektik, Virtuosität etwas anderes, als im Menü des Schnittprogramms bei „Effekte“ „Alles“ anzuwählen. Du bist Jeff F. King und nicht Michael Bay.

9. Wenn man nicht einen, sondern zwei Serienmörder braucht, um eine Geschichte zu erzählen, hat man etwas falsch gemacht. Noch dazu, wenn einem beide dieser Killer komplett auf den Zeiger gehen.

10. Wenn man einen miserablen Film gedreht hat, ist das auch dadurch nicht wettzumachen, dass man in der letzten Szene eine Frau blank ziehen lässt. Schon gar nicht, wenn das das Vorspiel für eine Sexszene mit Seagal sein soll. Siehe Punkt 3.

the keeper (keoni waxman, usa 2009)

Veröffentlicht: März 25, 2011 in Film
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Nachdem der Polizist Roland Sallinger (Steven Seagal) den Mordversuch seines korrupten Partners schwer verletzt überlebt und die Reha gut überstanden hat, flattert von seinem Arbeitgeber unerwartet die Pensionierung isn Haus. Doch Sallinger fühlt sich noch zu fit fürs Altenteil und deshalb nimmt er das Angebot seines alten Freundes Conner (Steph DuVall) dankend an, den Bodyguard für dessen Tochter Nikita (Liezl Carstens) zu geben, die soeben mit viel Glück einem Kidnapping-Versuch entkommen konnte …

Auch wenn THE KEEPER nach den von mir jetzt schon oft genug gelobten URBAN JUSTICE, PISTOL WHIPPED und DRIVEN TO KILL ein Stück abfällt, setzt er die in diesen Filmen deutlich erkennbare Linie dennoch erfolgreich fort. Wie man vielleicht schon der schmucklosen Inhaltsangabe entnehmen kann, ist THE KEEPER von augenfälliger Geradlinigkeit und Schnörkellosigkeit und viel mehr als an einer raffinierten Geschichte daran interessiert, seinem Hauptdarsteller ausreichend Gelegenheit zu bieten, Nasenbeine zu zertrümmern, Arme zu brechen und Brustkörbe zu durchlöchern. Die Actionszenen – mit den heute marktüblichen Postproduction-Spielereien aufgemotzt – sind allesamt sehenswert und von jener brachialen Härte, für die man einst Filme wie OUT FOR JUSTICE oder MARKED FOR DEATH so verehrte, allerdings ohne deren ins Comichafte neigenden Hang zum Splatter. Zugegeben, wenn Roland einen Schurken am Ende durch einen gezielten Fünffingerstoß die Halsschlagader öffnet, dann mag das nicht gerade als authentische Darstellung von Hand-to-Hand-Combat durchgehen, aber Waxman vermeidet es, diesen eh schon reichlich jenseitigen Einfall noch mit übermäßigem Kunstbluteinsatz zu betonen. Leider lässt THE KEEPER die Trockenheit, die in der Inszenierung der Gewalt- und Actionszenen zum Ausdruck kommt, auf erzählerischer Ebene etwas vermissen bzw. will sich nie zu 100 % zu dieser verpflichten: Waxmans Film macht teilweise einen etwas unentschlossenen Eindruck, weiß die Laufzeit von 89 Minuten nicht zu füllen, ohne dann doch auf abgegriffene Klischees zurückzugreifen, die im Kontext des Films einfach nicht überzeugend sind, oder sie mit erzählerischem Ballast anzufüllen. Die sich langsam entwickelnde Freundschaft zwischen dem Bodyguard und seinem Schützling, die in einem Film wie Tony Scotts MAN UNDER FIRE durchaus ihre dramaturgische Berechtigung hat, ist hier komplett überflüssig und sorgt lediglich für einige unangenehme Szenen Seagal’scher Altvorderen-Erotik. Und die Exposition des Films um den Verrat von Rolands Partner, seine Verwundung und die nur wenig später folgende Gelegenheit zur Rache sowie seine selbstverordnete Reha ist dafür, dass es letztlich nur darum geht, Roland als frühpensionierten Cop einzuführen, arg ausführlich geraten. Zumal solche erzählerische Schlenker später komplett abwesend sind: Den Plottwist, den man die ganze Zeit erwartet, ja, den Roland sogar selbst ankündigt, wenn er vermutet, sein Freund verschweige ihm etwas Wichtiges, stellt sich nie ein. Und was sich hinter dem Entführungsplan der Schurken verbirgt ist so unspektakulär, dass es fast wie ein Konventionsbruch anmutet. Hätte man sich dazu entschlossen, THE KEEPER nach der Maßgabe „kurz, aber heftig“ als fettfreien 80-Minüter zu fertigen, nicht auszudenken, welche Kollateralschäden er beim Zuschauer verursacht hätte. So ist er leider nur ein ziemlich guter Actionfilm geworden, der knapp unter dem Niveau der oben genannten Masterpieces bleibt. Dass auf der DVD der Trailer von Lundgrens COMMAND PERFORMANCE enthalten ist, kann man da schon fast als Wink mit dem Zaunpfahl begreifen: Der nimmt im Schaffen des Schweden nämlich haargenau dieselbe Rolle ein.