Mit ‘Steven Seagal’ getaggte Beiträge

Der russische Ex-Mobster Ruslan (Steven Seagal), mittlerweile ein erfolgreicher Autor autobiografischer Gangsterromane, erhält von seiner Ex-Frau Catherine (Inna Korobkina) die Nachricht von der bevorstehenden Hochzeit seiner Tochter Lanie (Laura Mennell). Kurz vor dem Fest brechen jedoch Gangster in das Haus der Familie ein, töten Catherine und verletzen Lanie schwer. Ruslan, außer sich vor Zorn, greift sich Lanies zukünftigen Gatten Stephan (Dmitry Chepovetsky), selbst Sohn eines russischen Mobsters, und begibt sich mit ihm in die Unterwelt, um Rache an den Verbrechern zu üben …

Ein Brett!!!

Ich bin ja angesichts der Klasse von URBAN JUSTICE, PISTOL WHIPPED und eben DRIVEN TO KILL wirklich geneigt, von einem Comeback Seagals vielleicht nicht zu alter, aber doch zu neuer Form zu sprechen und verkneife mir das vorläufig nur deshalb, weil ich mit KILL SWITCH  den Vorläufer dieses Werks noch nicht gesehen (ein Text folgt aber in Bälde) und vom Vampiractioner AGAINST THE DARK nur gehört habe, er neige zu ähnlich inszenatorisch-erzählerischen Unzulänglichkeiten à la ATTACK FORCE. Solche sind in DRIVEN TO KILL, einem ruppigen, ohne Umschweife auf die Zwölf krachenden Rachefilm gänzlich abwesend, stattdessen gelingt es Jeff F. King ähnlich wie Roel Reiné in PISTOL WHIPPED ausgezeichnet, die Physis und das Alter Seagals zu seinem Vorteil einzusetzen, anstatt sie in einem verwirrenden Schnittgewitter zu kaschieren. Mit schmierigen Gangstertattoos auf den Unterarmen und einem moderaten russischen Akzent gibt Seagal zwar einen seiner typischen geheimnisumwitterten Krieger, doch ist dessen Reue hier nicht mehr länger nur eine schmückende und letztlich doch nur dessen Heldentum bestätigende Eigenschaft. Wenn Ruslan den unschuldigen Stephan dazu nötigt, ihm bei seiner Mordtour zu helfen, weil ein echter Mann den Mord an seinen Geliebten gefälligst zu rächen habe, er einen harmlosen Pfandleiher, der ihm eine Information mit der Begründung verweigert, er sei kein Auskunftsbüro, brutal zusammenschlägt, einem der typischen Nebendarsteller-Proleten mitleidlos ein Glas ins Gesicht rammt und mit seinen Feinden in einer Weise abrechnet, die falscher Sentimentalität völlig unverdächtig ist, fühlt man sich als Zuschauer eher abgestoßen als angezogen. Soll das etwa die Identifikationsfigur sein? Seagals Filme haben ja noch nie einen Zweifel an der Entschlossen- und Überlegenheit ihres Protagonisten gelassen, doch so explosiv und finster wie hier hat man ihn wohl noch nie gesehen.

Es gibt eine tolle Körperstudie, eine längere Einstellung, die Ruslan einfach nur dabei zeigt, wie er auf die Kamera zugeht, und die künstlich verlängert wird, indem der Schnitt immer wieder ein kleines Stück „zurückspult“. Als letztes sieht man nur noch ein Stück seines Kopfes, das sich links aus dem Bild schiebt. In dieser kurzen Szene kommt die ganze Entschlossenheit und Unaufhaltsamkeit dieses Mannes zum Ausdruck, der einmal angestoßen wohl nur durch eine Kugel in die Stirn aufzuhalten ist. Und Seagals von Falten zerfurchtes Gesicht wird hier auch endlich nicht mehr als Bürde empfunden, sondern immer wieder in Szene gesetzt: Ein tolles Close-Up seiner Augenpartie würde ich am liebsten als Banner für mein Blog verwenden. Meine Lieblingsszene gibt es aber gleich zu Beginn: Ruslan wird von einem Groupie auf eine Stelle in einem seiner Bücher angesprochen, in der er von einem Spiel erzählt, bei dem drei Becher und ein Nagel eine wichtige Rolle spielen. (Wie das Spiel nicht funktioniert, kann man hier sehen.) Ruslan wird von ihr aufgefordert, ihr das vorzumachen, was er dann auch tut, völlig ungerührt. Auf die Frage, wo der Trick liege, sagt er nur: „The trick is to not give a fuck.“ Badassery vom Allerfeinsten.

Natürlich erschöpft sich der Reiz von DRIVEN TO KILL nicht in der Inszenierung seines Hauptdarstellers: King serviert dem Zuschauer einen sackbrutalen Actionfilm, der leise Zwischentöne mit der Sensibilität einer Abrissbirne pulverisiert. Zum ersten Mal seit langer, langer Zeit gibt es wieder etliche dieser Seagal-Momente, für die man dessen Filme in den frühen Neunzigern verehrt hat und anlässlich derer man die Hände überm Kopf zusammenschlägt und sich fragt, ob man das gerade richtig gesehen hat. Mitleidlos wird von ihm alles plattgemacht, was sich ihm in den Weg stellt. Dabei bleibt DRIVEN TO KILL staubtrocken, verkommt nie zum überzogenen Splatter-Buhei, für die ADS-Generation. Aller moderner visueller Effekte zum Trotz ist Kings Film eher den harten Actionthrillern der Siebzigerjahre verpflichtet. Hätte man auch nicht gedacht, dass man Seagal mal in eine Traditionslinie mit Charles Bronson, Lee Marvin oder Steve McQueen stellen könnte …

Matt Conner (Steven Seagal) wurde einst aus dem Polizeidienst entlassen, weil er in einen Unterschlagungsfall verwickelt war und man ihn außerdem verdächtigte, seinen Partner ermordet zu haben. Die Entlassung trieb ihn in die Arme des Alkohols und des Glücksspiels, entfremdete ihn außerdem von seiner Frau, die sich von ihm scheiden ließ und sich seinem Kollegen Steve (Mark Elliott Wilson) zuwendete, und stürzte ihn tief in die Schulden. Als ihm der dubiose „Old Man“ (Lance Henriksen) verspricht, alle Schulden zu tilgen, wenn Matt für ihn eine Reihe von Auftragsmorden ausführt, schlägt der widerwillig ein. Doch sein drittes Opfer ist niemand geringeres als Steve und die Konfrontation mit diesem lässt Matts Vergangenheit in einem anderen Licht erscheinen …

Es verwundert schon ein wenig, dass Seagal, der wie kein anderer Actiondarsteller daran gearbeitet hat, von seinen Filmfiguren nicht getrennt werden zu können, erst so spät sein eigenes Altern thematisiert hat. Als er 2007 mit dem großen URBAN JUSTICE zum ersten Mal den über die im Staatsdienst jahrelang verübten Gräueltaten müde gewordenen Profi gab, nahm er eine (dringend nötige) Kurskorrektur vor, die schon zehn Jahre zuvor angebracht gewesen wäre, als nur noch der glühendste Fan dem beträchtlich angeschwollenen Schauspieler den mit allen Wassern gewaschenen Martial-Arts-Spezialisten abnehmen konnte (und Regisseure daher gezwungen waren, auf die Kampfszenen, mit denen Seagal einst berühmt geworden war, ganz zu verzichten, sie in sekundenkurzen Einstellungen aufzulösen, in denen man eh nichts mehr erkennen konnte, oder aber den Star doubeln zu lassen). Andererseits ist diese Weigerung, sich das eigene Altern einzugestehen, dann auch irgendwie symptomatisch für einen Schauspieler, dem man stets anmerkte, wie geil er sich selbst fand (das belegt auch das absurde DVD-Cover, auf dem man Seagal auch jene Falten via Photosshop-Zauberei entfernt hat, die einem Gesicht überhaupt erst Kontur verleihen) und der schon in seinem Debüt ABOVE THE LAW mit einer schier unerträglichen Altvorderen-Weisheit agierte, als sei er bereits 100 Jahre alt und nicht erst 37. Seagal hat sich immer als zwar noch agilen, aber doch auch irgendwie müde gewordenen, souverän und enthoben über den Dingen stehenden Elite-Soldaten inszeniert, den kein Übel der Welt mehr wirklich schocken konnte, der zudem gänzlich unverdächtig war, dem Leichtsinn, den man gemeinhin als Privileg der Jugend beschreibt, zu verfallen oder gar seinen niederen Instinkten nachzugehen: Wenn ein Jean-Claude Van Damme sein Sonnyboy-Lächeln auf- und zum Spagat ansetzte, die Frauen mit dem sich deutlich in seinen Stretchhosen abzeichnenenden Gemächt verzückte und nach vollendeter Arbeit mit der Nase im Koksberg einschlief, da zog sich Seagal immer lieber ins Dojo zurück und probte die Triebabfuhr via ausgiebiger Meditation.

Zurück zu PISTOL WHIPPED: Hier setzt Seagal also die mit URBAN JUSTICE eingeschlagene Richtung fort, gibt den auf dem Boden der Tatsachen angekommenen Cop, der – ein badass, der er als echter Kerl nunmal ist – in seinem Leben die ein oder andere falsche Entscheidung getroffen hat. (Wie im echten Leben: Ich kenne ein Zitat, nach dem er einmal über sich gesagt haben soll, dass er viele Dinge in seinem Leben getan habe, für die er „very, very sorry“ sei, Auftragsmorde und Schlimmeres suggerierend.) Über die Erpressung durch den „Old Man“ und dessen henchman Blue (Paul Calderon als wichtiger Schlüssel zum Erfolg des Films) wird er zunächst noch tiefer in die Scheiße geritten, weil er sich den Schandtaten, die er bitter bereut, nun nicht mehr länger entziehen kann und stattdessen sogar gezwungen ist, dieses „Werk“ fortzusetzen. Ein Drama shakesspeare’schen Ausßmaßes spielt sich ab: Seagal säuft, verprellt seine Tochter, verliert sein Haus, seine Würde … und sieht dabei so gut gelaunt aus wie eh und je. Das Problem des Films liegt auf der Hand: Weil Seagal Schicksalsschläge dieses Ausmaßes gänzlich fremd sind, tut er schwer damit, sie zu spielen (vielleicht gaukelt er dieses Unvermögen auch nur vor, um nahezulegen, er kenne sie nicht, wer weiß). Aber auch wenn Seagal als ausgebrannter Cop immer noch aussieht wie aus dem Ei gepellt, seine Probleme deutlich weniger drastisch erscheinen, als es das Drehbuch eigentlich erfordert, ist PISTOL WHIPPED wie schon der Vorgänger endlich auch für Normalsterbliche nachvollziehbar, stößt nicht vor den Kopf und verwirrt, wie seine zahlreichen Agententhriller der Jahre 2001 bis 2006, bietet hingegen tatsächlich Möglichkeiten der emotionalen Anknüpfung. Die Szene etwa, in der Matt mit seiner Tochter ein Aquarium besucht, die beiden vor einem Haifischbecken ein kurzes Vater-Tochter-Gespräch führen, ist eine der stärksten Szenen in Seagals ganzem Schaffen, weil er endlich einmal als Mensch erscheint und nicht als amerikanische Reinkarnation eines ostasiatischen Religionsstifters. Ja, der Mann wirkt zum allerersten Mal richtig sympathisch.

Auf dem Weg zum zweiten wirklich großen Seagal-Film der Nullerjahre (BELLY OF THE BEAST wäre vielleicht eine Nummer drei) ist allerdings der Niederländer Roel Reiné die treibende Kraft. Obwohl auch er die formalen Mittel nutzt, mit denen der gemeine DTV-Regisseur seine Billigproduktionen am Avid aufzupeppen hofft, spürt man bei ihm, dass er stets die Kontrolle über die Technik behält, der sich andere einfach nur ausliefern. Der Wechsel von Zeitlupen und Zeitraffern, der Einsatz von Reißschwenks und Farbfiltern, das Ineinandergreifen von extremen Totalen und Nahaufnahmen sind nicht bloß optische Spielerei, sondern formen einen eigenen visuellen Stil, der PISTOL WHIPPED ordentlich Dampf unterm Arsch macht. (Am schönsten ist sicher die Einstellung durch die sich kräuselnde Wasseroberfläche eines Weihwasserbeckens auf den sich darüber bekreuzigenden Conner.) Die innere Spannung des Films entlädt sich zum Schluss in einem tollen Shoot-out auf einem Friedhof, bei dem die Grabsteine ebenso dekorativ zerplatzen wie die Brustkörbe der Bösewichter.  Ein Happy End gibt es für Matt Conner in diesem Film hingegen nicht: Der Weg zurück ins Bürgertum ist endgültig versperrt. Das macht Hoffnung für weitere böse, desillusionierte Actionthriller Seagals. Wer hätte das gedacht?

Bei einem Testflug wird der Prototyp eines hochmodernen Stealth-Bombers von seinem amerikanischen Piloten Ratcher (Steve Toussaint) gestohlen und an eine Gruppe Terroristen in Afghanistan verschachert. Ratchers Ausbilder, der erfahrene Superpilot John Sanders (Steven Seagal), wird vom Militär beauftragt, gemeinsam mit Captain Richard Jannick (Mark Bazeley) im Feindesgebiet zu landen und den Flieger entweder zurückzuholen oder aber zu zerstören …

FLIGHT OF FURY kommt nach dem konfusen ATTACK FORCE fast wie eine Entschuldigung Keuschs daher: Die Handlung verläuft einfach und geradlinig und mutet beinahe wie ein Throwback in die Achtzigerjahre an, als solche Infiltrations-Plots noch das Maß aller Dinge waren und zwischen Gut und Böse sichtbare Landesgrenzen verliefen. Als Seagalist, der es aus den letzten zehn Jahren gewohnt ist, spätestens nach 20 Minuten den Überblick über die Zahl der Subplots und Figuren verloren zu haben, wartet man 90 Minuten lang vergebens auf eine 180-Grad-Kehrtwende, darauf dass Seagal plötzlich von einem 90 Kilogramm leichteren Darsteller gedoubelt wird, sich das Kampfflugzeug in einer bizarren Volte des Drehbuchs plötzlich als Planierraupe entpuppt oder sonst irgendwie der Wahnsinn in diesen erstaunlich sachlichen Film Einzug hält. Kritische Geister könnten natürlich mit einiger Berechtigung anmerken, dass schon die Tatsache, dass einem der Fleischberg Seagal als Pilot verkauft wird, FLIGHT OF FURY zum Fantasyfilm stempelt, aber derlei Realitätsferne ist man vom Seagalkino ja schon längst gewöhnt. Ich kann mir allerdings lebhaft vorstellen, wie Seagal in real life beim Versuch, mit seinen Riesenflossen die sensiblen Kontrollen des Flugzeugs zu bedienen, aus Versehen den Schleudersitz betätigt, das Amaturenbrett mit seinem Fettwanst eindrückt, bei Mach 3 seine fetthaltige kleine Zwischenmahlzeit über den Overall erbricht oder auch ganz prosaisch zerrissen wird. Keusch wohl auch, weshalb man natürlich nicht sieht, wie sich der Hauptdarsteller erst mit Butter einschmieren muss, um dann unter Mitwirkung von diversem Hilfspersonal und einem kleinen Kran in das enge Cockpit zu gleiten. So bedarf es dann nur wenig Goodwill des Zuschauers, die absurde Prämisse zu akzeptieren, und ist das erst einmal gelungen, fällt es auch nicht mehr besonders schwer, das Rumänien, in dem FLIGHT OF FURY gedreht wurde, für Afghanistan zu halten und sich anderen Aspekten des Films zuzuwenden. So sinkt dann ab der Zweidrittelmarke die Erkenntnis ein, dass FLIGHT OF FURY durch den aufs Wesentliche reduzierten Plot mitnichten an Tempo gewinnt, sondern im Gegenteil komplett in Langweile und Beliebigkeit versumpft. Und dann dämmert es einem, dass dieser Seagal des Jahres 2007 weder für das straighte Actionkino, mit dem er mal berühmt wurde, noch für diese einfach gestrickten Commando-Filme geeignet ist: Um einen Stoff wie diesen habwegs unterhaltsam über die Rampe zu schicken, bedarf es eines Helden, mit dem man mitgehen kann, weil er selbst emotional involviert ist; einen Typen wie John Rambo oder John Matrix, der sich bei der Ausübung seines Handwerks in triumphale Posen wirft, den kill als Performancekunst zelebriert und sich im unbedingten Glauben, auf der richtigen Seite zu stehen, aufopfert: Seagal könnte davon nicht weiter entfernt sein. Als „Shadow Man“ ist er vor blindem Patriotismus gefeit, weil er weiß, dass alles nur ein dreckiges Spiel ist, Gut und Böse letztlich austauschbar sind und der errungene Sieg eh nur eine kurze Momentaufnahme. Ja, und dass ihm gar etwas zustoßen könnte, ist eh völlig ausgeschlossen. FLIGHT OF FURY ist dann auch ungefähr so spannend, wie ein Experiment zur Bestätigung der Schwerkraft: Man weiß, dass Testobjekt a zu Boden fällt, wenn man Verankerung b löst. Dass es Keusch allerdings geschafft hat, in diesem Film einen kurze Lesbensex-Szene unterzubringen, kann einem durchaus Respekt abnötigen und erinnert einen wieder daran, wo man eigentlich ist.

Bevor es hier mit der versprochenen hohen Filmkunst weitergeht, brauche ich erst einmal eine ordentliche Dosis Gewalt, verabreicht von dicken Männern, die kaum noch aus den zugeschwollenen Augen gucken können. Genau, ich bin mal wieder bei Steven Seagal gelandet.

Die Inhaltsangabe kann ich aufgrund der in ATTACK FORCE vorherrschenden Plotkonfusion nur mithilfe der IMDb verfassen, man verzeihe mir: Marshall Lawson (Steven Seagal), Anführer einer Spezialeinheit, verliert sein Team beim Überfall einer Gruppe blutrünstiger Killer. Die Ermittlungen führen ihn zu einem Drogendealer und einer geheimen Operation: Mithilfe der Droge CTX verwandeln sich Menschen in unaufhaltsame Mordbestien. Eigentlich ist die Droge für militärische Kampfeinsätze vorgesehen, doch stattdessen wird sie ins Trinkwasser geleitet. Lawson nimmt mit seinen Leuten den Kampf gegen die Killer auf …

Kurz nach diesem DTV-Filmchen, das die typischen Merkmale der meisten Filme des Seagal’schen Oeuvres ab 2001 aufweist, auf die ich gleich eingehen werde, fand die mysteriöse Kampfwurst mit dem düsteren URBAN JUSTICE überraschend wieder in die Spur, knüpfte damit zwar nicht an sein mit Studiopower produziertes Frühwerk der Jahre 1988 bis ca. 1996 an, konnte sich aber endlich von den billig produzierten, ultrakonfusen und überkomplizierten Agententhrillern verabschieden, mit denen er seine Zuschauer ab ca. 2001 regelmäßig zu überfordern pflegte. ATTACK FORCE markiert zwar schon einen Schritt in die richtige Richtung – die Handlung ist deutlich gradliniger, das Personeninventar übersichtlicher, die Action zupackender – doch war man vom Ziel, einen ansehbaren Film zu produzieren oder auch nur eine halbwegs sinnstiftende Inszenierung hinzubekommen, immer noch meilenweit entfernt. Das heillose Chaos, als das sich ATTACK FORCE dem verdutzen Zuschauer darstellt, hat eine verblüffende Ursache: Erst in letzter Sekunde entschied man sich, aus einem ursprünglich geplanten Alien-Invasion-Film einen „normalen“ Terroristen-Actioner zu machen. Überreste dessen, was einmal sein sollte, sind aber noch überall im fertigen Film verstreut: Warum etwa die durch die Droge zu Amokläufern mutierten Opfer unter einer rätselhaften (und tricktechnisch gar nicht mal so schlecht realisierten) Mutation ihrer Augen leiden, außerdem Messer aus einem auf der Erde unbekannten Material mit sich führen, kann natürlich nie befriedigend erklärt werden – außer eben dadurch, dass es sich bei ihnen ursprünglich mal um böse Aliens handelte. Warum man sich für diese Neukonzeptionierung entschied, ist mir nicht bekannt, aber die ganze Drogengeschichte ist mit derart heißer Nadel gestrickt, dass man entscheidende Dialogpassagen nicht einmal mehr neu drehen konnte, sondern schlicht nachsynchronisierte. Das hat wiederum zur Folge, dass Seagal in diesem Film mit zwei verschiedenen Stimmen spricht: seiner eigenen, meistens aber mit der eines Synchronsprechers, dessen Organ nur wenig Ähnlichkeit mit des Shadow Mans sanftem Bariton hat, auch schon mal spricht, wenn Seagal den Mund gar nicht bewegt, und deshalb für einige Verwirrung sorgt. (Und natürlich gilt das auch für alle anderen Darsteller des Films.) Angesichts dieses Chaos ist es schon erstaunlich, dass ATTACK FORCE ästhetisch gar nicht mal so schlecht geworden ist.

Wieder einmal in Bukarest gedreht, das hier nur wenig überzeugend Paris darstellen soll, ist Seagals Beinahe-Science-Fictioner düster und klaustrophobisch. Tageslicht gibt es in Keuschs Film fast gar nicht, Szenen unter freiem Himmel ebenfalls nur ganz selten und die Kamera geht nie in eine Raum spendende Totale, sondern ist meist so dicht an den Figuren dran, dass man nie einen Eindruck vom Raum erhält, in dem sich das Geschehen abspielt. Der ganze Film fühlt sich unangenehm und beengt an, als wohne man einem abgefilmten Fiebertraum bei und dazu passt auch, dass Seagal dank der geschilderten Umstände noch mehr wie ein Geist wirkt als das ohnehin schon der Fall ist. Eine Verbindung zwischen ihm und dem Rest des Films ergibt sich nie, er wirkt immer wie aus einer anderen Dimension ins Geschehen gebeamt und schwebte er auf einer Wolke durch die Settings, es machte kaum einen Unterschied. Vielleicht war auch den Machern – Seagal selbst fungierte als Produzent – bewusst, dass er mehr und mehr wie eine überirdische, immaterielle Präsenz, ja wie ein Engel wirkt, selbst wenn er wie im Showdown einen meterlangen Schießprügel in den schwammigen Wurstfingern hält, als handele es sich dabei nicht um eine Waffe, sondern um ein besonders wertvolles Stangengebäck. Das erklärte sowohl, warum man ihn fürs DVD-Cover via Photoshop in einen jungfräulichen 17-Jährigen schönfärbte, als auch, warum man die Aliens kurzerhand in Drogenopfer verwandelte: Ein Seagal ist bereits mehr Alien als ein Film vertragen kann.

Auf F.LM habe ich die DVD-Veröffentlichung des neuen Seagal-Films BORN TO RAISE HELL dazu genutzt, mich ausführlich mit Seagals Filmpersona und seiner Bedeutung für das Actionkino alter und neuer Prägung auseinanderzusetzen. Ich bin sehr zufrieden mit dem Text und hoffe, er gefällt. Und damit es zwischen den Zeilen nicht untergeht: BORN TO RAISE HELL ist ausgesprochen sehenswert.

urban_justice1Word on the street sagt, dies sei der beste Seagal-Film seitdem der selbsternannte „Shadow Man“ sich Mitte der Neunzigerjahre, kurz nachdem er mit UNDER SIEGE den Zenith seiner Laufbahn erreicht und mit ON DEADLY GROUND gar sein Regiedebüt vorgelegt hatte, in die Niederungen des DTV-Actionfilms verabschiedete. Mit Ausnahme von GLIMMER MAN und dem späten Ausflug ins Blockbusterkino namens EXIT WOUNDS gab es für den Seagal-Freund nur wenig Anlass, zu feiern. Seine meist preisgünstig in Bulgarien produzierten Filme der vergangenen Jahre krankten vor allem an ihren überkomplizierten Scripts, die in völliger Missachtung dessen zusammengeschustert worden waren, was Seagal überhaupt erst populär gemacht hatte, der zunehmenden Unbeweglichkeit des Stars, die nur unzureichend durch den übermäßigen und ungeschickten Einsatz von Doubles kaschiert werden konnte, und ihren durchweg effekthascherischen Inszenierungen, die in keinerlei Relation zum zugrundeliegenden Budget standen. Im Grunde stellen diese Filme – all die OUT FOR A KILLs, OUT OF REACHs, MERCENARY FOR JUSTICEs, TODAY YOU DIEs und BLACK DAWNs – die komplette Antithese zu dem dar, wofür das Actionkino gemeinhin steht: die radikale Kürzung der Handlung auf einen einfachen Grundkonflikt bei gleichzeitiger Emphase der Bewegung. Dass ausgerechnet diese inhaltlich wie formal unzulänglichen Filme sich anstrengten, die ehedem schon verschwommene Grenze zwischen Seagals realem Ich und seiner Filmpersona nun endgültig aufzulösen und ihn so endgültig zum Mythos aufzublähen, hatte genau den gegenteiligen Effekt: Sie gaben ihn vollkommen der Lächerlichkeit preis.

Mit URBAN JUSTICE wird nun endlich der längst überfällige und dringend notwendige Schritt zurück gemacht. Ausgerechnet FauntLeRoy, der doch mit TODAY YOU DIE und MERCENARY FOR JUSTICE zwei der schlimmsten DTV-Seagals verbrochen hatte, schmeißt den überkandidelten Spionagequatsch, der nahezu alle Seagals der letzten zehn Jahre zum Absaufen gebracht hatte, über Bord und serviert eine düstere Rachegeschichte, die ihre hellsten, strahlendsten Momente bezeichnenderweise immer dann hat, wenn sie sich von jeglichem überflüssigen Ballast befreit. Der erste Auftritt von Seagals alter ego Ballister am Grab seines ermordeten Sohnes – eines Polizisten – ist bezeichnend: Wortlos und ohne angesehen zu werden, empfängt er von seiner Exfrau den Auftrag, die Mörders seines Sohnes zu richten. Danach begibt er sich in eine verkommene Absteige in einem der übelsten Ghettos von L. A., von wo aus er seine Ermittlungen beginnt. Es gibt in der Folge – endlich wieder – reichlich Gelegenheit für Seagal, seine Aikido-Künste zu präsentieren, Arme zu brechen und Schädel einzuschlagen und wenn dann die Schusswaffen zum Einsatz kommen, spritzen die Blutfontänen so weit, dass selbst ein John Woo in Bestzeiten vor Neid erblasst wäre. Doch etwas ist dennoch anders und das liegt längst nicht nur an der Inszenierung, die zwar versucht, teuer auszusehen, aber doch nur nach Videoware ausschaut: Der Spaß und die Schadenfreude, die man bei den Ur-Seagals empfinden konnte und die sie gegenüber den Filmen seiner Kollegen trotz des hohen Gewaltpotenzials immer als vergleichsweise harmlos erscheinen ließ, sind einer spürbaren Müdigkeit und Emotionslosigkeit gewichen. Seagal, der sich immer viel zu wichtig und ernst nahm, um seinen Figuren Brüche zu erlauben, stattet seinen Charakter hier zum ersten Mal mit jener Zerrissenheit und den Zweifeln aus, die Stallone zuletzt ein solch fulminantes Comeback ermöglichten. Als er dem mexikanischen Zuhälter Chino (Danny Trejo) gegenüber sitzt, sagt er – völlig entgegen seiner sonst immer so überzogenen Rechtschaffenheit: „We have a lot in common: We are both bad persons with good intentions.“ Das Finale ist dann nicht weniger als sensationell, weil die Macher hier endlich einmal genau das realisiert haben, wovor so viele vor ihnen zugunsten der Konvention zurückgeschreckt waren. Ich möchte nicht zu viel verraten, aber URBAN JUSTICE nennt eines der konsequentesten und niederschmetterndsten Enden des Actionfilms sein eigen.

Dass es nicht für die höchsten Weihen reicht, die meinetwegen THE MECHANIK, WAKE OF DEATH, UNTIL DEATH, RAMBO, UNDISPUTED 2 oder IN HELL zukommen, liegt an der schon angesprochenen formalen Profillosigkeit (der Score etwa klingt unfassbar generisch mit seinen klischeehaften Hip-Hop-Anleihen) und an der Performance von Comedian Eddie Griffin als Ghetto-Don, dessen Overacting einfach nicht zum Ton des Films passen will. Die Szenen mit ihm fallen aus dem sonst sehr homogenen Werk heraus und erinnern unangenehm an die Schauspielsünden aus den Seagal-Filmen der vergangenen Jahre. Dennoch: Der beste Seagal-Film seit Jahren und vielleicht der erste von ihm, der auch jenen gefallen könnte, die ihn bisher – nicht ganz zu Unrecht – für den blödesten aller Actionhelden hielten.

Ha! Seit Jahren verfolge ich das Schaffen des Gesamtkunstwerks Steven Seagal mit einigem Interesse, jetzt habe ich mich zum ersten Mal seit der Erstbegegnung vor wahrscheinlich über zehn Jahren wieder an sein Debüt herangewagt. Es war eine gute, wenn auch unbewusste Entscheidung, damit so lang zu warten, denn mit den DTV-Gurken des vergangenen Jahrzehnts im Hinterkopf entpuppt sich ABOVE THE LAW als mittelschwerer Kulturschock. Der aufgedunsene, unbewegliche Mops mit den verfetteten Gesichtszügen, der sich für jede noch so nichtige Szene doubeln lassen muss, erscheint hier gertenschlank und geht trotz seines Alters von 37 Jahren beinahe noch als jugendlich durch. Nachdem ich mich an den Anblick gewöhnt hatte, musste ich aber schnell feststellen, dass das äußere Erscheinungsbild des Stars auch das Einzige ist, was den Film aus seinem kompakten Werk herausfallen lässt: Es ist erstaunlich, wie vollständig entwickelt Seagals Filmpersona hier schon ist, wie sehr er auch als Debütant schon an seinem eigenen Mythos arbeitete. Mehr noch: ABOVE THE LAW muss man vor dem Hintergrund der Selbstmythologisierung Seagals schon beinahe als Biopic betrachten. Der Film beginnt mit einer von Seagal aus dem Off erzählten Montage, die seinen Lebenweg/den seines alter egos Nico Toscani von der Kindheit bis in die Gegenwart nachzeichnet und die dazu authentisches Fotomaterial einbindet, die Grenzen zwischen Fiktion und Realität somit schon in den ersten Sekunden von Seagals Karriere vollkommen verwischt. Es ist alles schon da: die familiäre Bindung zur Mafia, die kindliche Kampfsportbegeisterung, die schließlich zum entsprechenden Studium in Fernost führt, die Rekrutierung durch die CIA, schließlich die Zeit in Vietnam und Kambodscha, die in einer kurzen Episode auch die Grundlage für das in zukünftigen Filmen immer wieder thematisierte Misstrauen in das CIA und andere Staatsorgane bildet. Auf den ersten Blick ist diese Kritik (die sich in den Filmen des folgenden Jahrzehnts zur handfesten Paranoia auswachsen sollte) recht typisch für einen Actionfilm der Achtzigerjahre. Schon John Rambo hatte ja eher mit den eigenen korrupten Leuten zu kämpfen als mit dem vorgeblichen Feind. Was Seagals Kritik aber von der aus einem Ohnmachtsgefühl rührenden Wutrede des Kleinen Mannes gegen „Die da oben“ unterscheidet, ist das Seagal selbst nicht dieser „Kleine Mann“ ist. Er verfügt über Insiderwissen, er ist nicht verraten worden, sondern war vielmehr selbst an diesen Verrat beteiligt. Sein Feldzug gegen die Korruption und Amoral der Geheimdienste ist somit zu einem nicht unerheblichen Teil persönlich motiviert. Doch das greift auch die Substanz seiner Kritik an, die weniger Ausdruck einer Moral, sondern eher Mittel zur Selbstinszenierung und -erhöhung ist.

Diese Eitelkeit ist in ABOVE THE LAW förmlich greifbar, wird durch Seagals schon angesprochenes Aussehen noch unterstrichen, das ihm hier den Ruch des nicht mehr ganz jugendlichen Gernegroßes verleiht. Das Posertum äußert sich nicht nur in dem sich deutlich lichtenden Haar, das wenig überzeugend kaschiert ist, sondern vor allem in dem zwischen bemüht eloquenten und verkrampft lässig changierenden Ton, der angestrengten Deepness, die Seagal verkörpern möchte, dabei aber an seinem nur mäßigem Schauspieltalent scheitert. Man nimmt ihm den Elitesoldaten, der die Machenschaften der Geheimdienste mühelos aufdeckt, alle Feinde mit brachialer Rücksichtslosigkeit aus dem Weg räumt und dann auch noch zum Kronzeugen avanciert, einfach nicht ab. Auf die Seagal-Filme trifft somit genau das zu, was allen anderen Actionern immer von Leuten nachgesagt wird (zumeist von solchen, die die weit zurückreichenden Tradition des Genres nicht kennen): dass sie unfreiwillig komisch seien, ihre Stars Hohlbirnen ohne Talent. Ein Norris ist wahrscheinlich ein limitierterer Schauspieler gewesen als Seagal, aber er wusste um seine beschränkten Mittel. Seagal demontiert sich selbst, ohne es zu merken. Was ihn und seine Filme, zumindest bis Mitte der 90er-Jahre, rettet, das sind seine spektakulär-unspektakulär anzuschauende Kampfkunst, mit der er seinen Gegenern niemals auch nur den Hauch einer Chance lässt, die Over-the-Top-Gewaltdarstellungen und die meist souveräne Regie. ABOVE THE LAW wurde von Andrew Davis mit demselben sachlich-unterkühlten Understatement inszeniert, das er schon CODE OF SILENCE angedeihen ließ. Seagals erster kommt daher ruppig und groß, ohne sich allzu sehr um seine Set Pieces zu wickeln. Ein solider, rauher Copfilm, trotz seines streitbaren Hauptdarstellers.