Mit ‘Steven Soderbergh’ getaggte Beiträge

Steven Soderbergh hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt nicht gerade als Actionspezialist einen Namen gemacht, umso erstaunlicher ist dieser Agententhriller, der sich mit einer sehr individuellen Inszenierung von Körperlichkeit, gewohnt edlen Bildkompositionen und einer bis auf die Knochen reduzierten Handlung hervortut. Und natürlich mit seiner Hauptdarstellerin Gina Carano: Die ausgesprochen attraktive Muay-Thai- und MMA-Kämpferin, die laut ihrer leicht obsessiven IMDb-Biografie „was born under a tornado warning“, nimmt ihre männlichen Gegner mit beeindruckender Effizienz und mitleidloser Härte auseinander, bewegt sich außerdem mit eleganten, fließenden Bewegungen, die wunderbar mit Soderberghs eigener, fast erotisch zu nennender Kameraführung harmonieren. Mal wird sie von ihr liebevoll umschmeichelt, befindet sich mit ihr im eng umschlungenen Tanz, dann distanziert sie sich wieder von ihr, setzt ihrem sanften Tasten und Streicheln kontrapunktische Brutalität entgegen. 

Soderbergh findet damit die ideale visuelle Form – und die perfekte Darstellerin – für den per se erotischen Agentenfilm. Ich habe hier schon häufiger gesagt, dass das Spiel mit falschen Identitäten, vorgeschobenen und verschleierten Motivationen, mit Verrat, Täuschung und Verführung, das den Agentenfilm kennzeichnet, viel mit dem Spiel gemeinsam hat, das Liebende miteinander spielen. Man beachte nur das Miteinander von Mallory (Gina Carano) und ihrem Partner, dem MI-6-Agenten Paul (Michael Fassbender), als die beiden vortäuschen, ein Ehepaar zu sein, wie sie sich gegenseitig durch ebenso vielsagende wie vieles verbergende Blicke herausfordern, beständig auf der Suche nach dem Loch in der Deckung des anderen sind. Oder man bemerke, dass die Agentin mit gleich vier Männern eine emotionale Beziehung unterhält: Mit ihrem Ex Kenneth (Ewan McGregor), der auch ihr Auftraggeber ist, mit ihrem Kollegen Aaron (Channing Tatum), der vorgeschickt wird, um sie „zurückzuholen“, mit dem erwähnten Paul und mit Scott (Michael Angarano), der das Pech hat, in Mallorys Flucht involviert zu werden. Da treffen Profis der Verführung aufeinander, die oft genug auf das „Handwerk“ des anderen hereinfallen, quasi in die Naivität des Zivilisten zurückfallen (erstaunlicherweise versteht nur der Zivilist es, Distanz zu halten). Man mag es ihnen nicht verdenken: Dieses Leben in ständiger Skepsis, unter dem ständigen Verdacht, der Freund könnte sich als Feind entpuppen, und dem daraus folgenden Zwang, ihm im Ernstfall zuvorkommen zu müssen, muss auf Dauer ziemlich anstrengend sein. So ist es ziemlich konsequent, dass HAYWIRE die Form einer 90-minütigen Verfolgungsjagd annimmt, bei der Mallory in jeder Szene das eigentliche Opfer ist, ohne es zu wissen. Sowieso ist der Film ein einziges Erstaunen und Überraschtwerden. Der Tod kommt nie dann, wenn man ihn erwartet.

Leider hat HAYWIRE bislang keine Nachahmer nach sich gezogen: Dieser sinnliche Ansatz, den Soderbergh da gefunden hat, wäre sicherlich noch weiter ausbaufähig, eine spannende Alternative zu sonst eher konfrontativ inszenierten Actionern, eine, die das Bild erweitern und dem Genre auch eine gewisse Respektabilität einbringen könnte. Überhaupt: Warum versuchen sich nicht mehr „genrefremde“ Filmemacher an diesem Genre, das doch allein aus kinetischer Sicht genug Herausforderungen für sie bereithalten sollte? HAYWIRE gibt nur einen Vorgeschmack auf das, was dabei herauskommen könnte. Toller Film.

Körper, Licht, Bewegung, Verführung, Begehren. Die Essenz des Kinos. Aber auch die Essenz von Soderberghs MAGIC MIKE. Es ist eigentlich noch zu früh für mich, Aussagen darüber zu machen, was von diesem Film bleiben wird, schließlich habe ich ihn erst vor ein paar Stunden gesehen. Aber ich glaube, ich lehne mich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich vermute, dass es etwas damit zu tun hat: mit den sich lustvoll präsentierenden Körpern der Tänzer, die in jenen Minuten auf der Bühne des Stripclubs der Mittelpunkt des Seins für das enthemmt kreischende Damenpublikum sind; mit der Leichtigkeit, die das Leben in diesen Minuten für beide Seiten gewinnt, einer Leichtigkeit, die die Tänzer verzweifelt versucht sind, auf das restliche Leben auszudehnen, aber dabei immer wieder mit seinen Zwängen kollidieren; und, am wichtigsten vielleicht, mit diesem Licht. Zunächst natürlich mit dem Licht im Stripclub, das die perfekt ausdefinierten Körper stechend scharf aus dem Schwarz der Dunkelheit herausschält und sie immer wieder fetischistisch mit gleißenden Lichtpunkten umspielt. Aber mehr noch mit dem Licht der floridianischen Sonne. Soderbergh fängt nicht einfach eine Langnese-Sommerferienstimmung ein. MAGIC MIKE ist nicht, wie etwa Korines SPRING BREAKERS oder Bays PAIN & GAIN, von dieser neonfarbenen Poppigkeit. Ein immer etwas angetrübtes, goldenes Licht umfängt seine Protagonisten zwar so warm wie eine Fruchtblase, aber es lässt keinen Zweifel daran, dass diese Wärme trügerisch ist, dass ihr das harte Erwachen in Kälte und Dunkelheit folgen wird. Einmal malen die Lichtreflexe des in der müden Mittagssonne dösenden Golfs von Mexiko glitzernde Wellen auf die Körper von Mike (Channing Tatum) und Brooke (Cody Horn), der Schwester seines Protegés Adam (Alex Pettyfer): Ihre Körper werden zu Projektionsflächen, zu Trägern eines ungeborgenen Potenzials, das sie selbst noch nicht ganz erkennen können.

Die Geschichte, die Soderbergh erzählt, kann mit der Suggestionskraft seiner Bilder leider nicht ganz mithalten. Man hat das schon tausendmal gesehen: Wie der zweifelhafte Ruhm, in diesem Fall eines Strippers, seiner Reife im Weg steht. Wie das vermeintliche „Traumbusiness“, das Selbstverwirklichung und Fun, Fun, Fun verspricht, plötzlich sein hässliches Gesicht zeigt, unzertrennliche Männerfreundschaften sich bei ersten Schwierigkeiten als reine, kalte Zweckgemeinschaften entpuppen. Wie der zunächst unschuldige Neuling dem Zugriff seines Mentors immer mehr entgleitet, sich zu einem regelrechten Monstrum entwickelt. Wie erst die große Liebe dem Leben eine Richtung geben kann. MAGIC MIKE hakt die Kischees gleich reihenweise ab, betrügt seine erste Hälfte, die das Stripshow-Treiben als für beide Seiten geradezu befreiende Erfahrung zeichnet, mit seiner zweiten, in der er das alles als höchst flüchtige Tarnung eines harten Geschäfts zeichnet, dem fast jedes Mittel recht ist. Dass ich ihm diesen Umschwung gern verzeihe, mehr als anderen, vergleichbaren Filmen, liegt nicht zuletzt an den Darstellern, die auch im breitesten Klischee noch die feine Nuancierung finden, die es goutierbar macht und ihm ein Fünkchen Wahrheit verleiht. Neben Channing Tatums natürlichem Boy-next-door-Charme und dem aufmüpfigen Selbstbewusstsein Cody Horns ist es vor allem Alex Pettyfer, dessen Verwandlung vom naiven Spätpubertierenden zum hedonistischen Arschloch einem einen leisen Schauer über den Rücken jagt. Er entwickelt ungemeine Präsenz in der Art und Weise, wie seine Figur nie ganz da ist. Und dann dieser Schlussdialog, mit der wahrscheinlich romantischsten Frühstücksverabredung der Filmgeschichte. Wenn sich Mike und Brooke in der letzten Sekunde des Films diesen ersten, noch zurückhaltenden, aber doch ungemein verheißungsvollen Kuss geben, den die Kamera nur aus pietätvoller Distanz zeigt, wird klar, dass es in MAGIC MIKE gerade darum geht, die Klischees aus dem eigenen Leben zu räumen, um zur Wahrhaftigkeit zu gelangen.