Mit ‘Sung Kang’ getaggte Beiträge

Walter Hills letzter Kinofilm datiert auf das Jahr 2002. Nach UNDISPUTED inszenierte er noch den Pilotfilm für die Fernsehserie DEADWOOD sowie die Miniserie BROKEN TRAIL, ansonsten beschränkte er sich auf die Tätigkeit als Produzent. Wie schmerzlich der große Klassizist des amerikanischen Actionkinos in dieser Zeit gefehlt hat, wird einem gleich zu Beginn seines neuen Films BULLET TO THE HEAD bewusst: Auf dem Weg zu ihrem Ziel zerfetzt die Kugel erst die Logos der beteiligten Produktionsfirmen, bevor sie mit den ersten Bildern im Hirn des Betrachters einschlägt. In braunstichigem Schwarzweiß fährt ein Zug vorbei, dessen charakteristischen Maschinengeräusche sich sogleich in den treibenden Groove des Scores verwandeln, der mit Slideguitar-Einsatz an den großen Ry Cooder erinnert, Walter Hills einstigen Stammkomponisten. Ein Mann (Sung Kang) lehnt wartend an einer Säule, ein Asiate, die melancholisch blickenden Augen ins Nichts gerichtet. Er steigt in ein anhaltendes Auto, der Fahrer hält ihm eine Pistole an die Schläfe, wird dann aber selbst erschossen. Das zerfurchte Gesicht des Killers Jimmy Bobo (Sylvester Stallone) schaut durch das zertrümmerte Fahrerfenster, das Bild friert ein. Aus dem Off erklingt seine Stimme, ein uraltes, dunkles Grollen aus den Tiefen der Erde: „The guy I just saved is a cop. That’s not the usual way I do things, but sometimes you gotta abandon your principles and do what’s right.“ Walter Hills neuester Film bedeutet eine Rückkehr zu den gebrochenen Heldenfiguren des (Spät-)Westerns, dem Schwertkämpferethos der Filme Chang Chehs, zur Kriegerehre, die sich im Namen des Richtigen auch gegen sich selbst richtet.

James „Jimmy Bobo“ Bonomo (Sylvester Stallone) und sein Partner Louis Blanchard (Jon Seda) erfüllen ihren Auftrag, den Erpresser Hank Greely zu töten. Als sie sich wenig später am mit ihrem Auftraggeber verabredeten Treffpunkt einfinden, wartet der Killer Keegan (Jason Momoa) auf sie, der Blanchard umbringt. Auf die Ermordung Greelys wird der Polizist Taylor Kwon (Sung Kang) angesetzt: Der Tote war selbst Cop und als solcher jahrelang Kwons Partner, bevor er unehrenhaft aus dem Dienst entlassen wurde. Kwon verbindet die beiden Morde und stößt so auf Bobo, mit dem er erst ein Treffen und dann schließlich einen Deal vereinbart: Wenn der Killer ihm dabei hilft, die Verantwortlichen für Greelys und Blanchards Tod ausfindig zu machen, wird er ihn laufen lassen …

Für BULLET TO THE HEAD kehrt Walter Hill nach New Orleans und in die Sümpfe Louisianas zurück, beide bereits Schauplätze seines Debüts HARD TIMES sowie von SOUTHERN COMFORT und JOHNNY HANDSOME. Die Handlung ist eine Variante seines Erfolgsfilms 48 HRS., in dem ein Cop sich der Dienste eines Kriminellen versichert, um einen Killer zur Strecke zu bringen. Die Vorzeichen sind in diesem Film allerdings umgekehrt: Kwon ist der Unerfahrene des Duos, während der Verbrecher Jimmy Bobo die Fäden in der Hand hält. Es entwickelt sich auch keine Freundschaft zwischen den beiden, allerhöchstens betrachten sie sich am Ende mit einem gewissen gegenseitigen Respekt. Aber sie gehen beide wieder ihren Weg, wissend, dass sie Gegner sind, auf verschiedenen Seiten des Gesetzes stehen. Hills Interesse gilt vor allem seinem alternden, weisen Killer und er ringt Stallone eine grandiose Leistung ab. Er interpretiert Bobo als etwas altersstarrsinnigen, müden, aber immer noch selbstbewussten Profi, der seine lange Karriere der Tatsache zu verdanken hat, dass er sich immer treu geblieben ist, keine Spielchen gespielt hat. Er ist eine im Kern tragische Figur, aber er ist über den Punkt hinaus, Dinge, die nicht so gelaufen sind, wie sie hätten laufen sollen, zu bedauern. Schon in jungen Jahren kam er mit dem Gesetz in Konflikt, sein Weg schien von Beginn an vorgezeichnet. Seine Tochter Lisa (Sarah Shahi), die er laut eigener Aussage mit einer drogensüchtigen Prostituierte zeugte – es ist nicht ganz klar, ob das die Wahrheit ist oder ob eine tiefe Verletzung aus seinen Worten spricht –, gab er in fremde Hände, weil er „not much of a father“ gewesen sei. Aber auch wenn Bobo das Produkt ungünstiger Umstände ist, so hat er sein Schicksal angenommen, ohne sich zu beklagen. Sometimes you gotta abandon your principles and do what’s right. Diese Einstellung zum Leben erkennt man auch in seiner Körperhaltung wieder: In Jimmy Bobos Gang zeigen sich sein Stolz und sein Selbstbewusstsein, der Swagger und die Coolness des Selfmade-Heros, gleichzeitig erkennt man, wie viel Kraft ihn das Aufrechterhalten der Pose – das Leben – kostet. Von oben drückt ein gewaltiges Gewicht auf ihn und er wird langsam zu alt, um noch dagegenzuhalten. Das breitbeinige Hängen in den Knien, der lässig federnde Gang,  dessen Schwerpunkt im Zentrum der biologischen Männlichkeit zu ruhen scheint, erinnern deutlich an John Wayne. Und seine moralische Ambivalenz macht ihn auch zu einem Seelenverwandten von Waynes Ethan Edwards, dem Protagonisten von THE SEARCHERS: „That’ll be the day“ sind die letzten Worte Bobos in Hills Film, ein wortwörtliches  Zitat aus Fords berühmtem Western. Beide Filme drehen sich um einen Menschen, dessen Handlungen und Ansichten nur schwer zu verteidigen sind, die – aus welchen Gründen auch immer – einen Weg eingeschlagen haben, den sie nun konsequent zu Ende beschreiten, wissend, dass sie dabei viel schlechtes Karma auf sich geladen haben.  Es ist eigentlich nicht vorgesehen, dass sie ungestraft davonkommen. Insgeheim warten beide auf die Strafe, die sie verdienen. Wie der Schurke von BULLET TO THE HEAD einmal sagt: „In classical literature … the hero dies.“ Jimmy weiß, dass die poetic justice seinen Tod vorschreibt.

Seine Strafe naht anscheinend in Form des muskelbepackten Söldners Keegan. Aber das Duell zwischen den beiden, das auch den Showdown des Films darstellt, findet auf einer ganz anderen, übergeordneten Ebene statt. Es hat nichts mit dem  initialen Mordauftrag zu tun, der von einem skrupellosen Geschäftemacher zu dem Zweck erteilt wurde, einen unliebsamen Mitwisser auszuschalten. Als die beiden Kontrahenten gegeneinander antreten, ist es ein Kampf der Prinzipien: Keegan will seinen Auftrag erfüllen, auch wenn er sich seiner Auftraggeber selbst entledigt hat, Bobo hat geschworen, ihn zur Strecke zu bringen, als er sich an seiner Tochter vergriffen hat. Es ist ein Zusammenprall archaischer Triebe, in dem es um die nackte Existenz geht, jeder Ratio, die über das bloße Überleben hinausgeht, komplett enthoben. „If you lay hands on her, I will kill you with a rock.“, droht Bobo, als er von der Entführung Sarahs erfährt und bringt damit zum Ausdruck, dass die zivilisierte Fassade fällt, sobald es ums eigene Fleisch und Blut geht. Das Thema setzt sich fort, als sich die beiden gegenüberstehen und Keegan zwei Feueräxte als Waffen auswählt: „What are we, fuckin vikings?“, fragt Bobo, der die Fesseln der Vernunft nicht ganz abwerfen mag. Ein Gesetz des Actionfilms: Im Helden muss wenigstens ein Rest von Menschlichkeit schlummern. Deswegen ist der „Endgegner“ auch meist physisch überlegen.

Die Kritiken zu BULLET TO THE HEAD waren, soweit ich das mitbekommen habe, verhalten. Eine Ausnahme war – wenig überraschend – Armond White, der Hill immer wieder als Meister des Actionkinos anführt, wenn es darum geht, die Verfehlungen moderner Genrevertreter zu kritisieren. Dieser Text, ein (von „Sauft Benzin, ihr Himmelhunde“ inspiriertes :)) Zwiegespräch Whites mit dem Hill-Experten Gregory Solman, erklärt seine Begeisterung und lieferte auch einige Hinweise für meinen Eintrag. (Eine nicht weniger interessante Antwort auf und Kritik an Whites/Solmans Text findet sich hier.) Ein Grund für die allgemeine Enttäsuchung und Nüchternheit könnte die Erwartungshaltung gewesen sein: Nach zehn Jahren Abstinenz erhofften wohl nicht wenige ein Meisterwerk. Die Frage ist nicht nur, ob diese Filmlandschaft ein solches überhaupt noch zulässt, sondern auch, ob Hill mit 71 Jahren noch die Energie hat, sich selbst zu einem solchen anzutreiben. Er hat immer mit Klischees und Archetypen gearbeitet, aber er hat sie gleichzeitig unterwandert oder aber bis auf ihr nacktes Gerüst entkleidet. In BULLET TO THE HEAD wirkt er – wie sein Protagonist Jimmy Bobo – etwas zu müde für solche Ambitionen. Und so ist der ganze Film deutlich weniger zwingend als seine vergangenen Großtaten. Hier und da vermutet man die Einmischung des Studios, spürt das Desinteresse des Altmeisters. Aber der Film ist dennoch ganz bei sich, lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, ist Ausdruck eines großen Könners, der niemandem mehr etwas beweisen muss, einfach froh ist, noch Filme drehen zu können, die am Ende unverkennbar die seinen sind. Denn das lässt sich nicht wegdiskutieren: BULLET TO THE HEAD mag ein schwächerer Hill-Film sein, aber er bleibt dabei dennoch ein Hill-Film. Und hat den Werken seiner Eleven damit immer noch Einiges voraus. Muss man sehen, ganz klar.