Mit ‘Sven-Bertil Taube’ getaggte Beiträge

Wie die Millennium-Trilogie („Verblendung“, „Verdammnis“ und „Vergebung“) von Stieg Larsson zum Kulturphänomen geworden ist, habe ich nicht mitbekommen. Ich erinnere mich an eine großformatige Werbeanzeige im Programmheft des Fantasy Filmfests, als die Verfilmungen erschienen, und war erst einmal skeptisch. Ich habe mich nie wirklich dafür interessiert, was sich hinter den Beststellern und den Bildern des gepiercten Emo-Mädels verbarg, vermutlich weil ich irgendeinen halbgaren Hype dahinter vermutete. Und ich weiß auch nicht, was mich letztlich dazu bewog, mir doch alle drei Romane zu kaufen – außer der Tatsache, dass ich irgendeinen leichten, spannenden Lesestoff als Urlaubslektüre brauchte und Lust auf einen Thriller hatte. „Verblendung“, der erste Band, lief dann zu meiner Überraschung rein wie nix. Längst keine selbstverständlichkeit, denn mit Romanen habe ich mich in den letzten zehn Jahren mehr als schwer getan, eigentlich fast nur noch Sachbücher und Biografien gelesen. Während des Lesens wuchs auch das Bedürfnis, den Filmen eine Chance zu geben: tatsächlich aus diesem recht einfachen Impuls heraus, zu sehen, wie Larssons Ideen (die schon in den Romanen so wirken, als habe er eine Verfilmung im Kopf gehabt) in Bilder umgesetzt worden waren. Hatte Regisseur Oplev das so hinbekommen, wie ich es mir beim Lesen ausgemalt hatte? Würde der im Director’s Cut immerhin dreistündige Film der ausladenden Struktur des 750-Seiten-Wälzers gerecht werden? Ich weiß gar nicht, wann mich solche Fragen zum letzten Mal beschäftigt hatten.

MÄN SOM HATAR KVINNOR wird der schwierigen Aufgabe gerecht – begnügt sich aber auch damit, das Buch unfallfrei ins Medium „Film“ zu übersetzen. Erwartungsgemäß ist der Film etwas straffer und etwas weniger elegant konstruiert und Oplev macht es sich bei der visuellen Gestaltung ziemlich leicht: Er bedient sich einer monochromen, kalten Optik, die zu Larssons von gewalttätigen Machtmännern, geknechteten Frauen und über Generationen gewachsenen oppressiven Strukturen bestimmten Welt wie auch zum skandinavischen Winter passt, und die – welch Zufall – seit Demmes THE SILENCE OF THE LAMBS der Standard für nihilistische oder zumindest pessimistische Serienmord- und Profiler-Thriller ist. Wer das Buch mochte, keine Zeit hat, es noch einmal zu lesen, und eine griffige visuelle Zusammenfassung braucht, ist mit der Adaption also gut bedient. Noomi Rapace, für die der Film Sprungbrett zu einer internationalen Karriere war, verleiht der verstörten, eigenbrötlerischen Goth-Hackerin ein einprägsames Gesicht und eine Körpersprache, in der man die zurückliegenden, noch verborgenen Peinigungen erahnt. Und es gelingt ihr auch, den „Freak“ atraktiv zu machen, ohne dass seine Ecken und Kanten abgeschliffen würden. Wer von einer Literaturverfilmung allerdings erwartet, dass sie einen eigenen Ansatz zur Auseinandersetzung mit dem vorliegenden Stoff findet, den wird MÄN SOM HATAR KVINNOR eher nicht vom Stuhl hauen. Ich hätte mir ein bisschen mehr stilistischen Eigensinn gewünscht, vielleicht auch den Mut, von der erfolgreichen Vorlage ein Stück abzuweichen und eigene Wege zu gehen, aber vielleicht ist es auch einfach unrealistisch anzunehmen, dass die (vom deutschen ZDF mitfinanzierte) europäische Verfilmung eines Bestsellers, der vom Teenie bis zur Hausfrau auf Millionen von Nachttischen lag, mit künstlerischem Wagemut auftrumpfen würde.

Ich weiß nicht, ob die Verachtung, die vom Slant Magazine über dem Film (und en passant auch über Larssons Bücher) ausgekippt wurde, repräsentativ für die „intellektuelle“ Rezeption war, aber sie kommt für mich nicht ganz überraschend. Larssons Bücher sind sicherlich „Reißer“, die auf einige gut angehangene Exploitation-Motive zurückgreifen und sie zu einer makabren Mordgeschichte zusammenrühren. Erfolgreiche Männer mit aktivem Sexleben, Altnazis, berechnende Wirtschaftsverbrecher, schmierige, onkelhafte Vergewaltiger, perverse Frauenmörder, Judenhass und religiöse Verblendung  sowie mittendrin eine traumatisierte, bisexuelle Femme fatale mit Missbrauchsvergangenheit aber nichtsdestotrotz großem sexuellen Appetit:  Das ist nicht unbedingt eine subtile Mischung und Larsson (sowie sein Nachfolger Oplev) weiß zwar, wie er diese saftigen Elemente effektreich in eine bis zum Schluss spannende Geschichte integriert (bzw. diese aus ihnen heraus konstruiert), aber er kann auch nicht ganz verbergen, dass er ein Kerl ist. Die ausladende Geste, mit der die epische Kriminalgeschichte erzählt wird, kann die ihr inhärente Schmierigkeit und Sensationslust nicht vollständig verbergen. Im Film, der seinen Zuschauern die Aufgabe abnimmt, die Schöpfung des Autors selbst in Bilder zu kleiden, tritt dieser Sensationalismus erwartungsgemäß stärker in den Vordergrund. Alles wirkt gegenüber dem Fluch flacher, greller und, ja, auch irgendwie auf etwas unangenehme Art geiler. Wahrscheinlich ist es unvermeidlich, dass eine Seite wie Slant davon massiv getriggert wird und zu einer Tirade über „misogynistischen Trash“ ansetzt. Ich nehme es dem verstorbenen Autor Larsson voll und ganz ab, dass es ihm ernst war mit seiner Thematisierung der langen Geschichte gesellschaftlich geduldeter männlicher Gewalt gegen Frauen. Er wählte dafür aber das Sujet des massentauglichen Reißers, anstatt eine spitzfindige Anklage zu formulieren, die zwar auf die Zustimmung des intellektuellen Feuilletons gestoßen, aber leider von sonst niemandem gelesen worden wäre. Seine Lisbeth Salander ist vielleicht der Fantasie eines „weißen alten Mannes“ entsprungen, aber immerhin erdachte der eine Frau, die sich zu wehren weiß und sich nicht über die Zugehörigkeit zu einem edlen Ritter definiert. (Zum Vorwurf der Küchenpsychologie: Ich bezweifle, dass die Slant-Redaktion ihre Redakteure durch ein Psychologie-Studium schickt.) Ich finde es jedenfalls immer wieder überraschend, wie das Attribut „trashig“ mal als Lob, dann wieder als Abkanzelung verwendet wird. Wahrscheinlich liegt der Fehler von Larssons Buch und von Oplevs Verfilmung tatsächlich eher darin, dass sie ein Stück zu seriös, zu psychologisierend und eben nicht „trashig“ genug sind. Egal. Mir hat „Verblendung“ ausgezeichnet gefallen. Und der Film ist auch okay.

 

 

 

 

MV5BMTg1ODA0MzY3OF5BMl5BanBnXkFtZTcwMTI0ODk3MQ@@._V1_SY317_CR3,0,214,317_AL_Tuula (Ritva Vepsä) und Jukka Virta (Sven-Bertil Taube) sind auf den ersten Blick glücklich verheiratet. Ehemann Jukka kümmert sich um den Haushalt und den Hund, der auf Hundeausstellungen stets mit Preisen bedacht wird. Die Routine, mit der die Partner zusammenleben, wertet man zunächst als Beleg für ihr blindes Verständnis. Doch dann muss Tuula erfahren, dass ihr Mann ein Geheimleben führt. Er verdient sich Geld als Eishockeyschiedsrichter dazu und verbringt seine Abende bei seiner jungen Liebhaberin Kristiina (Seija Tyni). Anstatt ihren Mann zu konfrontieren, tut es Tuula ihm gleich, und beginnt sich mit dem Gynäkologen und sechsfachen Vater Timo Paasi (Jörn Donner) zu treffen … 69 – SIXTYNINE steht exemplarisch für die wunderbaren Entdeckungen, die man ohne umfassende archäologische Vorarbeit oder entsprechenden Expertenstatus in Deutschland derzeit wahrscheinlich nur beim Hofbauer-Kongress machen kann. Der Film, hierzulande seinerzeit gewohnt vollmundig und unaufrichtig als 69 – VORSPIEL ZUR EKSTASE gestartet, ist eine lakonische Ehekomödie, total einzigartig in ihrem gleichzeitig zurückhaltenden, aber scharfen Humor, ihrer wunderschönen, gleichermaßen aufgeräumten wie romantischen Bildsprache und der elliptischen Erzählhaltung, die nur wenig Interesse an langweiligen Auflösungen hat, sondern die Dinge lieber für sich stehen lässt. Jörn Donner war wohl, wie man dem Vortrag von Olaf Möller entnehmen konnte, ein linksliberaler Grantler, der „Filme entweder für oder gegen etwas gedreht hat“, seine größten Erfolge aber eigentlich als Produzent feierte. (Der derzeit einzige Oscar Finnlands steht angeblich in seiner Wohnung, weil Donner an der Produktion von Bergmans FANNY OCH ALEXANDER beteiligt war und sich die begehrte Statue kurzerhand unter den Nagel riss.) Man kann 69 – SIXTYNINE leichten Spott für das bürgerliche Eheideal entnehmen, die Überzeugung des Filmemachers erkennen, dass Monogamie nicht funktioniert, eine unnötige Selbstbeschränkung ist, die sich der Mensch aus falschen Gründen selbstauferlegt, aber nie schaut Donner von der Kanzel auf seine Protagonisten hinab, erkennt ihre Wünsche und ihren Antrieb und steht ihnen letztlich als weitestgehend zurückhaltender Zeuge zur Seite, ihr Ringen mit sich selbst eher amüsiert-empathisch begleitend als abschätzig verurteilend. Es gibt einige urkomische, dann wieder berückend schöne Szenen zu bestaunen. 69 – SIXTYNINE fließt angenehm entspannt dahin, ohne dabei jedoch in die Niederungen des Erbauungskinos hinabzuinken, und seine eher konfrontativen Szenen werden durch Donners elegante Regie immer wieder geschickt abgefedert. Die größten Lacher erntete der Zahnarztbesuch des grimmigen Gynäkologen mit der Arztphobie und das Aufeinandertreffen mit einer besonders rigorosen Dentistin, die nach langem schmerzhaften Ringen endlich den bösen Weisheitszahn in ihrer Zange hält. Anderswo wäre das vielleicht zur harmlosen Slapstickszene geraten, hier wirkt es einfach nur wahr. Als Jukka und Timo sich nach einer Fehlgeburt Kristiinas im Krankenhaus treffen und nach der Versciherung, dass der Frau nichts fehlt, sofort zum Thema Hundezucht übergehen, bleibt einem das Lachen etwas im Halse stecken, trotzdem ist die Szene weitaus weniger böse und gemein als sie das in anderen Filmen zweifelsohne wäre. Donner hält dem Menschen keine unerreichbaren Ideale vor: Nachsicht scheint mir das hervorstechendste Merkmal an 69 – SIXTYNINE und es sorgt dafür, dass der Film auch heute noch modern scheint, trotz der allgegenwärtigen Fotos von Nixon und Mao Tse-tung. Geradezu hypnotisch ist eine Liebesszene zwischen Jukka und Kristiina, bei der Donner mit extremen Close-ups an ihren nackten Körpern entlangfährt, jeden Winkel erkundet, während das leise lustvolle Seufzen betörend in den Ohren klingt. Andere Details, wie jenes, dass Tuula das untere Ende ihrer Zeitung bei der Lektüre stets ins Badewasser hängenlässt, schweißen einem die Figuren eng ans Herz, weil sie so echt und liebenswert wirken. Auch das spätere Nebeneinander des Ehepaars, das mittlerweile über die außerehelichen Aktivitäten des anderen voll informiert ist, das etwas ungeschickte Um-den-heißen-Brei-Herumtanzen-und-so-Tun-als-sei-nichts, die gewissermaßen signalpolitischen Zuwendungen und Gefälligkeiten, mit denen sie ihr schlechtes Gewissen vor dem anderen beruhigen wollen, das Nichtwissen, wie sie mit dieser seltsamen Situation überhaupt umgehen sollen, sind sehr genau beobachtet und von den hervorragenden Schauspielern ausgezeichnet umgesetzt. Man fühlt sich vertraut mit ihnen, auch ohne große Bekenntnisse. Am Ende läuft 69 – SIXTYNINE einfach so aus. Tuula, Jukka, Kristiina und Timo sind glücklich, warum sollten sie also etwas ändern? Man freut sich mit ihnen.