Mit ‘Sylvester Stallone’ getaggte Beiträge

Nur drei Jahre nach dem bahnbrechenden RAMBO: FIRST BLOOD PART II entstanden, war die Welt im Jahr 1988 doch bereits eine andere. Die Annäherung der vormals verfeindeten Blöcke hatte begonnen (mit bekanntem Ausgang) und der Rückzug der russischen Armee aus Afghanistan war schon eingeleitet. Als RAMBO III ins Kino kam, da hinkte er der Realität einige Schritte hinterher, was wohl auch angesichts der Größe der Produktion für schadenfrohe Kommentare unter denen sorgte, die Stallone für einen Scharlatan, seine Erfolgsserie für ein Ärgernis hielten. Aber noch etwas war zwischen 1985 und 1988 passiert: Mit LETHAL WEAPON hatte Richard Donner einen Actionhit gelandet, in dem die Gewalt mit wohldosiertem Humor aufgebrochen und so „goutierbar“ gemacht worden war. Die Geburtsstunde des familienfreundlichen Actionfilms, wie er sich bis heute etabliert hat. Diesen neuen Einfluss merkt man auch RAMBO III überdeutlich an: Dem einst so schweigsamen, verschlossen Soldaten entfleucht nun der ein oder andere trockene One-Liner, sein Mentor Trautman – in FIRST BLOOD noch ein steifer, ausgesprochen ambivalenter, wenn nicht gar unsympathischer Charakter – hat sich nun vollends in den väterlichen Freund verwandelt, der mit seinem Schützling auch dann noch Witzchen macht, wenn beide sich einer Übermacht feindlich gesonnener Russen gegenübersehen. Auch wenn Macdonald noch einmal eine beispiellose Materialschlacht abliefert, noch einmal gemordet und gemeuchelt wird, dass es nur so kracht: Die Schwere des Vorgängers geht seinem Film weitestgehend ab.

Es schleicht sich ein seltsamer Sentimentalismus in den Film, Rambo – im ersten Teil noch tief gespalten zwischen dem maschinenhaft funktionierenden Soldaten und dem Menschen, der da stumm im Inneren des aufgepumpten Körpers lauert – verwandelt sich hier beinahe in einen Träumer und Romantiker. Ausgerechnet für Trautman verlässt er hier sein Exil, für den Mann, der doch die Verantwortung für sein Dilemma trägt und ihn im Vorgänger tief in die Scheiße geritten hatte. „Er würde es auch für mich tun“, sagt er, aber es bleibt unklar, ob er sich da wirklich so sicher ist. Jede politische Dimension des Stoffes tritt weit in den Hintergrund, stattdessen wird die Frage gestellt, die dann auch im vierten Teil noch im Raum steht: „When do you come full circle?“ Wann wird Rambo akzeptieren, dass er eine Kampfmaschine ist, wann wird er aufhören, wegzurennen und seine Rolle annehmen? Diesmal hat es ihn nach Thailand verschlagen, wo er Mönchen bei den Arbeiten im Kloster hilft, mit Stockkämpfen Geld für sie verdient. Er scheint sich wohl zu fühlen dort, es gefällt ihm, wie er sagt, aber seinen Frieden hat er noch nicht gefunden: Dass da immer noch der Krieger in ihm schlummert, der darauf wartet, von der Kette gelassen zu werden, sieht man in seinem Stockkampf, wenn er sich nur mit größter Anstrengung zurückhalten kann, seinen am Boden liegenden Rivalen totzuschlagen. Der Mann der Tat ist zum Haderer geworden, der sich selbst nicht mehr vertraut und seine Instinkte vollkommen unterdrückt.

Die Reise nach Afghanistan, wo er seinen Mentor aus den Fängen der Russen befreien will, wird für ihn zu einer Art Selbstfindungsseminar. Wenn er kraftlos und schweren Schrittes durch die Trümmer der Siedlung läuft, die die Russen eben angegriffen haben, dann scheint diese Haltung nicht zuletzt der Selbsterkenntnis geschuldet: Das hier ist meine Realität. Es hat keinen Sinn, das zu leugnen. Und so läuft er dann noch einmal zur Höchstform auf, schaltet fast im Alleingang eine ganze Armee aus, befreit Trautman, wird zum afghanischen Volkshelden, über den man sich wahrscheinlich bald ähnlich blumige Legenden erzählt, wie er sie zu Beginn von seinem Führer zu hören bekommt. Am Ende steht er sogar kurz davor, bei den Mujaheddin zu bleiben, deren Tapferkeit und Unerschrockenheit ihn so beeindruckt hat. Es ist nicht ganz klar, warum er ihre Einladung ablehnt: Weil das auch nur wieder eine Flucht wäre oder weil er weiß, dass er sich nun endlich seinem Kampf widmen muss? Vor allem scheint seine Entscheidung der Konvention geschuldet: Am Ende muss der Held weiterziehen, einsam in den Sonnenuntergang reiten.

RAMBO III ist vielleicht der Schlusspunkt des Achtzigerjahre-Actionkinos. Noch einmal war fast alles so wie vorher. Zwar zeichnete sich auch an ihm bereits der bevorstehende Wandel ab, doch bestimmten diese noch nicht das Bild. Das führt dazu, dass Macdonalds Film zwischen dem grimmigen zweiten und dem ultrabrutalen vierten Teil fast leicht anmutet. Merkwürdig für eine Gewaltoper, die der Film ja trotz allem ist. Dieser zwiespältige Charakter hat die Menschen auch hierzulande verwirrt: Nachdem man RAMBO III erst das Prädikat „Besonders wertvoll“ verliehen hatte, landete er dann doch noch auf dem Index.

EDIT: Da ich meinem letzten Text zu RAMBO, dem vierten Teil von 2008, kaum etwas hinzuzufügen habe, belasse ich es an dieser Stelle bei dem Link.

Über die Rezeption dieses Films hatte ich mich schon im Eintrag zum Vorgänger kurz geäußert: RAMBO: FIRST BLOOD PART II zog heftige Reaktionen nach sich und verursachte einen Proteststurm, der zum Ziel hatte, den Film aus deutschen Lichtspielhäusern zu verbannen. Dahinter stand nicht nur der allgemeine Vorwurf der Gewaltverherrlichung – Mitte der Achtziger tobte die Debatte um die Gefährdung der Jugend durch „Horror- und Gewaltvideos“ und einen neuen Jugendschutz besonders heftig –, sondern auch der der antisowjetischen Propaganda. Einige Jahre zuvor hatten Kritiker mit ähnlichen Protesten schon erwirkt, dass Milius‘ RED DAWN von bundesdeutschen Leinwänden verschwunden war, den Erfolg von RAMBO: FIRST BLOOD PART II (auf Deutsch wenig elegant RAMBO – 2. TEIL: DER AUFTRAG genannt) konnten sie aber nicht verhindern. Kaum verwunderlich: Cosmatos‘ Film ist ein Action-Meisterwerk und setzte neue Maßstäbe in Sachen Bombast, Choreografie, Gewalt und Tempo. Seine Dramaturgie, Schnitt und Aufbau ganzer Sequenzen und Set Pieces, aber auch nur einzelne Ideen und Bilder inspirierten Dutzende von Nachziehern, die sich fleißig bedienten, und prägten das Actionkino der Achtzigerjahre wesentlich.  RAMBO: FIRST BLOOD PART II war ein Kulturphänomen, auch wenn das Viele in den Wahnsinn treiben mag. Dass der von Stallone und James Cameron geschriebene Film inhaltlich höchst brisant und kontrovers war, unterstrich seine durchschlagende Wirkung nur noch. So wie sein Protagonist eine perfekte Tötungsmaschine ist, die sich mit äußerster Konsequenz durch den vietnamesischen Urwald und die sich ihm entgegenstellenden Feindesscharen metzelt, so walzt der Film den Zuschauer unbarmherzig nieder. Wenn man RAMBO: FIRST BLOOD PART II gesehen hat, dann weiß man, warum Film von manchen als Gefahr angesehen wird: Man braucht einen starken Charakter, um ihm zu widerstehen. Größeren Spaß macht es, sich von ihm wegfegen zu lassen.

Der Film knüpft an eine Debatte an, die seit den Siebzigerjahren unter Nixon schwelte, unter der Präsidentschaft Reagans aber noch einmal neu angeheizt wurde: Es ging um die Frage, ob es noch amerikanische Kriegsgefangene in Vietnam gibt und, wenn ja, was man für Anstrengungen unternimmt, sie zu befreien. Für Ronald Reagan war die Befreiung eventueller POWs eine „nationale Priorität“.  Man muss jedoch vermuten, dass die Versprechen, sich um die Vermissten zu kümmern, vor allem Reagans Machterhalt dienen sollte, denn ein Beweis, dass es sich bei den Vermissten tatsächlich um Kriegsgefangene und nicht bloß um Gefallene handelte, konnte nie erbracht werden. So ließ sich der Historiker  H. Bruce Franklin wie folgt zitieren:  „Every responsible investigation conducted since the end of the war has reached the same conclusion: There is no credible evidence that live Americans are being held against their will in Vietnam, Laos, Cambodia, or China.“ Diese ergebnislosen Untersuchungen nimmt auch RAMBO: FIRST BLOOD PART II zur Kenntnis, doch er nutzt sie ganz im Sinne des Verschwörungstheoretikers zur Bestätigung seines paranoiden, staatskritischen Weltbildes.

Zwar wird der Vietnamveteran und Elitekämpfer John J. Rambo nach Vietnam geschickt, um dort Fotos von in Camps gefangengehaltenen amerikanischen POWs zu machen – von denen alle Verantwortlichen wissen, dass sie noch da sind –, doch soll seine Mission in Wahrheit genau das Gegenteil beweisen. Dass in dem Lager, das er auskundschaften soll, tatsächlich Amerikaner sind, ist gar nicht vorgesehen, sondern einem Fehler geschuldet. Eigentlich hatte man Rambo zu einem leeren Camp geschickt, nicht ahnend, dass die Vietcong ihre Gefangenen regelmäßig umstationieren. Rambos ungewollter „Erfolg“ passt dem Leiter der Mission, dem gewissenlosen CIA-Mann Murdock (Charles Napier), überhaupt nicht in den Kram. Sollte die Mission die leidige Diskussion um Kriegsgefangene eigentlich ein für allemal beenden, indem sie keine Ergebnisse zeitigt, bringt sie die Schreibtischtäter und Paragrafenreiter der Regierung nun in Bedrängnis: Rambo hat nicht nur bewiesen, dass es POWs in Vietnam gibt, sondern auch, dass die Verantwortlichen dies wissen und aus voller Absicht nichts zu ihrer Rettung unternehmen. RAMBO: FIRST BLOOD PART II folgt ganz der durch nichts auszuhebelnden Logik des Paranoiden: Selbst das schlagkräftigste Gegenargument dient letztlich zur Stützung des eigenen Weltbilds, indem es als Beweis für die Indoktrinierung des Gegenübers gewendet oder schlicht als Lüge diffamiert wird. Dass keine Kriegsgefangenen gefunden werden, beweist demnach nicht, dass es keine gibt, sondern nur, wie sehr der Staat seine Bürger belügt und wie gut seine Vertuschung funktioniert. (Eine Argumentation, die umso besser funktioniert, als negative Beweisführung schwierig ist. Man kann schlecht beweisen, dass etwas nicht ist.) RAMBO: FIRST BLOOD PART II untermauert diesen Glauben, indem er die vermeintlichen Machenschaften des Staates aufdeckt. Cosmatos‘ Film strickt hier weiter an einem Mythos, nachdem schon der erste Teil dazu beigetragen hatte, den „Spitting Incident“ im öffentlichen Bewusstsein als Tatsache zu verankern. Das kann (muss?) man schon problematisch finden. (Es sei noch kurz erwähnt, dass RAMBO: FIRST BLOOD PART II nicht der erste Film war, der die Befreiung amerikanischer POWs zum Thema hatte: Sowohl Ted Kotcheffs UNCOMMON VALOR als auch Joseph Zitos MISSING IN ACTION kamen ihm zuvor.)

Für relativ unproblematisch halte ich aus heutiger Sicht hingegen die Zeichnung der Russen und des Vietcong, die damals im Mittelpunkt der Kritik stand. Stereotypische Schurkenfiguren allesamt, lassen sie die Spezifika vermissen, die den Vorwurf des Rassismus tatsächlich rechtfertigen würden. Sie übernehmen im Film eine rein strukturelle Funktion als Antagonisten. Wenn sich Rambos Zorn auf sie in einem wahren Amoklauf entlädt, ist das weder seinem Hass auf Russen oder Vietnamesen noch ihrer außergewöhnlichen Schlechtigkeit geschuldet, sondern vor allem eine persönliche Angelegenheit: Es ist die Rache für die Ermordung an seiner vietnamesischen Kontaktperson Co (Julia Nickson), die just in dem Moment erschossen wird, in dem sich die beiden ihre Liebe gestehen und beschlossen haben, Vietnam und den Spätfolgen des Krieges den Rücken zuzukehren und in Amerika ein neues Leben zu beginnen. Rambo sind Ehnien und Nationszugehörigkeiten einerlei. Russen und Vietcongs sind auch nur ein letztlich austauschbarer Feind. Die wahren Schurken des Films sitzen in den eigenen Reihen: Es sind die Männer, die aus sicherer Distanz über das Leben der Soldaten entscheiden und ihrem Volk die Wahrheit vorenthalten. Der etwas schmerzhafte Schlussmonolog Rambo bringt dies noch einmal – etwas unnötig, weil redundant – auf den Punkt.

Man mag zu dem Film stehen, wie man will. Aber man kaum leugnen, dass er es in der Verfolgung seiner Agenda zu absoluter Perfektion bringt. RAMBO: FIRST BLOOD PART II ist durch und durch manipulativ und man kann sich dem Sog der Bilder, den Cosmatos entfacht, kaum entziehen. Es dürfte sich bei seinem Film außerdem um die vielleicht schönste Meuchelorgie handeln, die je auf Zelluloid gebannt wurde. Kamera-As Jack Cardiff stilisiert den Urwald zu einem in leuchtenden Farben strahlenden Ort des Mythos, seine Bilde würden jeden Reiseführer in ein prachtvolles Coffee-Table-Book verwandeln. Jerry Goldsmith variiert seine Musik aus dem ersten Teil mit verlockend exotischen Klängen und Stallone wirft seinen beängstigend modellierten Körper dazu in markige Posen, die an antike Götterbilder erinnern. Auch wenn die ersten drei Rambo-Filme sich vor konkreten (gesellschafts-)politischen Hintergründen entfalten: Bereits mit dem zweiten Teil vollzieht sich auf der Tiefenebene eine Wandlung hin zum Mythischen. Der an posttraumatischem Stress leidende Veteran des ersten Teils verwandelt sich immer mehr in einen übermenschlichen Krieger, in ein poetisches Ideal, das dazu dient, philosophische Fragen zu verhandeln, mehr als politische. Das wird im dritten und vierten Teil überdeutlich, wenn die Frage nach dem Wesen, der Essenz Rambos in den Mittelgrund rückt. Dieser zweite Teil ist vor allem perfektes Affektkino, ein aus dem Actionkino der Achtzigerjahre weit hinausragender Monolith, der sehr deutlich zeigt, was es mit der Macht der Bilder auf sich hat. Mit allen Konsequenzen.

„Der ist ja richtig gut!“ oder, in leichter Abwandlung: „Aber der erste RAMBO, das ist ein richtig guter Film!“ – So reagieren nicht wenige Menschen bei Erstsichtung auf den einflussreichen Actionklassiker. Ihr Urteil ist dabei eine direkte Reaktion auf eine vor allem im Anschluss an George Pan Cosmatos‘ Sequel RAMBO: FIRST BLOOD PART II in Deutschand überaus erfolgreich gelaufene mediale Indoktrination. Nachdem sogar Schüler, die den Film eigentlich eh nicht sehen durften, von ihren Lehrern dazu gezwungen wurden, sich an Demonstrationen gegen den vermeintlichen „antikommunistischen Propaganda-Hetzfilm“ zu beteiligen, war die bloße Erwähnung des Namens „Rambo“ ausreichend, um Bildungsbürgern, Liberalen, Aufgeklärten und Kunstbeflissenen ein abfälliges Naserümpfen zu entlocken. Unter dem Titel – der ja eigentlich zum ganz anders gelagerten FIRST BLOOD gehörte, dazu gleich mehr – wurde alles subsummiert, was an Hollywood, am modernen Kino und natürlich an den USA verabscheuungswürdig und schlecht war. „Rambo“ wurde zum Synonym für den dumpfen, reaktionären, gewaltverherrlichenden Actionfilm, der die Jugend und vielleicht sogar den während des Kalten Krieges ohnehin sehr trügerischen Weltfrieden bedrohte. Diese Gleichsetzung war natürlich insofern verständlich, als Stallones Figur und Cosmatos‘ Film mit dem immensen kommerziellen Erfolg zum Template wurden, dem Dutzende Filme und Filmemacher bis in die frühen Neunzigerjahre nacheiferten. Als Kollateralschaden dieser Verallgemeinerung landete eben auch Kotcheffs Film im so praktisch bereitstehenden Schweinetrog: Der hatte zwar eigentlich nur wenig mit dem Sequel gemeinsam, teilte aber blöderweise mit diesem den Protagonisten mit dem griffigen, verfemten Namen. Mitgefangen, mitgehangen.

Vergleicht man den 1982 entstandenen Film mit seinen Sequels, so muss man feststellen, dass er einer komplett anderen Sphäre entstammt. Das betrifft nicht nur Ton, Stimmung und „Aussage“, sondern tatsächlich auch seinen Protagonisten. Der unter posttraumatischem Stress leidende Vietnam-Veteran, den bei Gewaltandrohung quälende Erinnerungen befallen und dem endgültig eine Sicherung rausfliegt, als er  von einem Redneck-Sheriff schikaniert wird, musste für Cosmatos Zweitling förmlich wiedergeboren werden um seine phoenixgleiche Auferstehung  als amerikanischer Nationalheros feiern zu können. Entlockt sein mit Narben übersäter Leib einem hier noch Entsetzen, werden seine Wunden im Sequel zu heiligen Stigmata, zu Zeichen einer geradezu göttlichen Vorsehung. In Kotcheffs FIRST BLOOD evoziert er vor allem Mitleid, bleibt kein Zweifel daran, dass dieser Mensch vom Krieg zerstört wurde und – zumindest vorerst – nicht für die freie Teilnahme an der Gesellschaft geeignet ist. Wenn John J. Rambo (Sylvester Stallone) am Ende des Films weinend in den Armen seines Ausbilders und Mentors Colonel Samuel Trautman (Richard Crenna) zusammenbricht, nachdem er in einen zusammenhangslosen, hysterischen stream of consciousness verfallen ist, dann ist der muskelbepackte Held, der im Sequel die vergessenen Kriegsgefangenen nach Hause bringt und Balsam auf amerikanische Wunden reibt, weit entfernt. Kotcheffs John Rambo kann sich unserer Anteilnahme sicher sein, aber er ist in diesem Zustand tatsächlich eine Gefahr. Letzterer Punkt wird in FIRST BLOOD etwas geschönt (was wiederum seiner ideologischen Ausrichtung geschuldet ist): Rambo bringt keinen einzigen Menschen um, er begnügt sich damit, seine Verfolger – das dann aber zum Teil recht drastisch – außer Gefecht zu setzen (in einer tollen Sequenz, die einige Parallelen zum Slashergenre aufweist und zum Standard des Actionfilms wurde). Das suggeriert ein Maß an Selbstkontrolle, das sich mit seinem finalen Zusammenbruch nicht ganz in Einklang bringen lässt.  (Vielleicht bin ich da aber auch nur zu pessimistisch.) Auch die Dynamik zwischen Rambo und dem bigotten Sheriff Teasle (Brian Dennehy) – trotz seines massiven Körperumfangs ein weasel, das Rambo bis aufs Blut teast, also reizt? – steuert die Sympathien des Zuschauers dahingehend, dem Veteranen seinen Amoklauf zu verzeihen oder gar als gerechte Strafe für das Verhalten der Polizei zu empfinden. Teasle ist einfach ein Arschloch. Sein Hass auf den „Babykiller“ wird als unmittelbar glaubwürdig vorausgesetzt, dabei erschien mir Dennehy immer als zu intelligent für den bigotten Hinterwäldler. Diese Führung der Zuschaueraffekte ist natürlich programmatisch: FIRST BLOOD dient der Rehabilitierung der Vietnamveteranen, die nur einen Job verrichteten, sich nach ihrer Heimkehr aber enormen Anfeindungen ausgesetzt sahen. Anstatt ihnen die nach ihren Erlebnissen ohnehin schwierige Integration in die Gesellschaft zu erleichtern, wurden sie von breiten Teilen der Bevölkerung, die den Krieg (und die Niederlage) als Schmach empfanden, stigmatisiert. FIRST BLOOD schließt an die sogenannten Heimkehrerfilme der Siebzigerjahre an, von denen Hal Ashbys COMING HOME vielleicht der bekannteste, TAXI DRIVER der düsterste ist. Sein Ursprung liegt eindeutig im New Hollywood und das macht dann auch den wahrscheinlich wesentlichen Unterschied zu seinem direkten Nachfolger aus. Während Cosmatos jeglichen erzählerischen Ballast zugunsten eines  affektreichen Bilderhagels über Bord warf, den Zuschauer brutal überwältigte, sozusagen infiltrierte statt indoktrinierte, und nebenbei ein postmodernes Popkunstwerk schuf, da zeigt sich in FIRST BLOOD noch ein klassisch aufklärerischer Ansatz.  Nur ist dieser Ansatz selbst schon befleckt: Der berühmte „Spitting Incident“, auf den sich auch der Film am Ende beruft und von dem er seinen Protagonisten berichten lässt, ist wahrscheinlich eine Urban Legend. Die Geschichte, dass Veteranen nach ihrer Ankunft von Anti-Kriegs-Aktivisten bespuckt worden seien, konnte bislang nie wirklich verifiziert – sprich: von direkt Betroffenen bestätigt – werden. Hier hat FIRST BLOOD entgegen seinem Vorhaben nicht zur Aufklärung, sondern wahrscheinlich zur Verstärkung existierender Mythen wesentlich beigetragen. (Ein verzeihlicher Fehler, wurden diese „Spitting Incidents“ doch in zahlreichen Medien kolportiert.)

Die erste Sichtung seit sechs Jahren – damals entstand in der Folge dieser Himmelhunde-Text – war ein kleines bisschen ernüchternd: Begeistert der Film bis zum Finale mit seiner packenden Inszenierung, seinen halsbrecherischen Stunts, der ikonischen Hauptfigur und seiner einmalig klaustrophobischen Atmosphäre, die Rambos Desposition so treffend widerspiegelt, habe ich gerade das Final als arg messagelastig und geschwätzig empfunden. Und die vom Film beabsichtigte Affektsteuerung hat auch nicht mehr so ohne Weiteres funktioniert. Ich finde, dass sich die Sympathien in der zweiten Hälfte sehr zu Ungunsten Trautmans und damit auch Rambos verteilen. In Vertretung des Militärs wird er zum eigentlichen Schurken: Die Art, wie er über seinen Schüler als perfekte Maschine spricht, die er „gebaut“ hat, lässt ihn als gefühlskalten Unmenschen erscheinen, für den Krieg eine bloße Rechenoperation ist. Sein eisiger Realismus ist die Vorraussetzung für das reibungslose Ablaufen der Kriegsmaschinerie, aber auch Ursache für den Zusammenbruch seines Schützlings, über den er nun spricht, wie über eine defektes Haushaltsgerät. Teasle, selbst bestimmt kein Kind von Traurigkeit, kann seine Abscheu für den technokratischen Jargon des Militärmannes kaum verbergen – und ich war da ganz auf seiner Seite. Und dass er seine Stadt vor dem Amoklauf eines Irren bewahren will, kann man ihm ebenfalls kaum verübeln, auch wenn er nur den Sturm erntet, den er gesät hat. Mit John J. Rambo wird auch Colonel Trautman ein nötiges „Reboot“ im Sequel erfahren, als gütiger Freund und einziger Vertrauter seines Schülers in einer Welt, die nur Unverständnis für ihn hat. Kein Wunder, dass die Zivilgesellschaft in den kommenden Teilen keinen Platz mehr haben wird.

Walter Hills letzter Kinofilm datiert auf das Jahr 2002. Nach UNDISPUTED inszenierte er noch den Pilotfilm für die Fernsehserie DEADWOOD sowie die Miniserie BROKEN TRAIL, ansonsten beschränkte er sich auf die Tätigkeit als Produzent. Wie schmerzlich der große Klassizist des amerikanischen Actionkinos in dieser Zeit gefehlt hat, wird einem gleich zu Beginn seines neuen Films BULLET TO THE HEAD bewusst: Auf dem Weg zu ihrem Ziel zerfetzt die Kugel erst die Logos der beteiligten Produktionsfirmen, bevor sie mit den ersten Bildern im Hirn des Betrachters einschlägt. In braunstichigem Schwarzweiß fährt ein Zug vorbei, dessen charakteristischen Maschinengeräusche sich sogleich in den treibenden Groove des Scores verwandeln, der mit Slideguitar-Einsatz an den großen Ry Cooder erinnert, Walter Hills einstigen Stammkomponisten. Ein Mann (Sung Kang) lehnt wartend an einer Säule, ein Asiate, die melancholisch blickenden Augen ins Nichts gerichtet. Er steigt in ein anhaltendes Auto, der Fahrer hält ihm eine Pistole an die Schläfe, wird dann aber selbst erschossen. Das zerfurchte Gesicht des Killers Jimmy Bobo (Sylvester Stallone) schaut durch das zertrümmerte Fahrerfenster, das Bild friert ein. Aus dem Off erklingt seine Stimme, ein uraltes, dunkles Grollen aus den Tiefen der Erde: „The guy I just saved is a cop. That’s not the usual way I do things, but sometimes you gotta abandon your principles and do what’s right.“ Walter Hills neuester Film bedeutet eine Rückkehr zu den gebrochenen Heldenfiguren des (Spät-)Westerns, dem Schwertkämpferethos der Filme Chang Chehs, zur Kriegerehre, die sich im Namen des Richtigen auch gegen sich selbst richtet.

James „Jimmy Bobo“ Bonomo (Sylvester Stallone) und sein Partner Louis Blanchard (Jon Seda) erfüllen ihren Auftrag, den Erpresser Hank Greely zu töten. Als sie sich wenig später am mit ihrem Auftraggeber verabredeten Treffpunkt einfinden, wartet der Killer Keegan (Jason Momoa) auf sie, der Blanchard umbringt. Auf die Ermordung Greelys wird der Polizist Taylor Kwon (Sung Kang) angesetzt: Der Tote war selbst Cop und als solcher jahrelang Kwons Partner, bevor er unehrenhaft aus dem Dienst entlassen wurde. Kwon verbindet die beiden Morde und stößt so auf Bobo, mit dem er erst ein Treffen und dann schließlich einen Deal vereinbart: Wenn der Killer ihm dabei hilft, die Verantwortlichen für Greelys und Blanchards Tod ausfindig zu machen, wird er ihn laufen lassen …

Für BULLET TO THE HEAD kehrt Walter Hill nach New Orleans und in die Sümpfe Louisianas zurück, beide bereits Schauplätze seines Debüts HARD TIMES sowie von SOUTHERN COMFORT und JOHNNY HANDSOME. Die Handlung ist eine Variante seines Erfolgsfilms 48 HRS., in dem ein Cop sich der Dienste eines Kriminellen versichert, um einen Killer zur Strecke zu bringen. Die Vorzeichen sind in diesem Film allerdings umgekehrt: Kwon ist der Unerfahrene des Duos, während der Verbrecher Jimmy Bobo die Fäden in der Hand hält. Es entwickelt sich auch keine Freundschaft zwischen den beiden, allerhöchstens betrachten sie sich am Ende mit einem gewissen gegenseitigen Respekt. Aber sie gehen beide wieder ihren Weg, wissend, dass sie Gegner sind, auf verschiedenen Seiten des Gesetzes stehen. Hills Interesse gilt vor allem seinem alternden, weisen Killer und er ringt Stallone eine grandiose Leistung ab. Er interpretiert Bobo als etwas altersstarrsinnigen, müden, aber immer noch selbstbewussten Profi, der seine lange Karriere der Tatsache zu verdanken hat, dass er sich immer treu geblieben ist, keine Spielchen gespielt hat. Er ist eine im Kern tragische Figur, aber er ist über den Punkt hinaus, Dinge, die nicht so gelaufen sind, wie sie hätten laufen sollen, zu bedauern. Schon in jungen Jahren kam er mit dem Gesetz in Konflikt, sein Weg schien von Beginn an vorgezeichnet. Seine Tochter Lisa (Sarah Shahi), die er laut eigener Aussage mit einer drogensüchtigen Prostituierte zeugte – es ist nicht ganz klar, ob das die Wahrheit ist oder ob eine tiefe Verletzung aus seinen Worten spricht –, gab er in fremde Hände, weil er „not much of a father“ gewesen sei. Aber auch wenn Bobo das Produkt ungünstiger Umstände ist, so hat er sein Schicksal angenommen, ohne sich zu beklagen. Sometimes you gotta abandon your principles and do what’s right. Diese Einstellung zum Leben erkennt man auch in seiner Körperhaltung wieder: In Jimmy Bobos Gang zeigen sich sein Stolz und sein Selbstbewusstsein, der Swagger und die Coolness des Selfmade-Heros, gleichzeitig erkennt man, wie viel Kraft ihn das Aufrechterhalten der Pose – das Leben – kostet. Von oben drückt ein gewaltiges Gewicht auf ihn und er wird langsam zu alt, um noch dagegenzuhalten. Das breitbeinige Hängen in den Knien, der lässig federnde Gang,  dessen Schwerpunkt im Zentrum der biologischen Männlichkeit zu ruhen scheint, erinnern deutlich an John Wayne. Und seine moralische Ambivalenz macht ihn auch zu einem Seelenverwandten von Waynes Ethan Edwards, dem Protagonisten von THE SEARCHERS: „That’ll be the day“ sind die letzten Worte Bobos in Hills Film, ein wortwörtliches  Zitat aus Fords berühmtem Western. Beide Filme drehen sich um einen Menschen, dessen Handlungen und Ansichten nur schwer zu verteidigen sind, die – aus welchen Gründen auch immer – einen Weg eingeschlagen haben, den sie nun konsequent zu Ende beschreiten, wissend, dass sie dabei viel schlechtes Karma auf sich geladen haben.  Es ist eigentlich nicht vorgesehen, dass sie ungestraft davonkommen. Insgeheim warten beide auf die Strafe, die sie verdienen. Wie der Schurke von BULLET TO THE HEAD einmal sagt: „In classical literature … the hero dies.“ Jimmy weiß, dass die poetic justice seinen Tod vorschreibt.

Seine Strafe naht anscheinend in Form des muskelbepackten Söldners Keegan. Aber das Duell zwischen den beiden, das auch den Showdown des Films darstellt, findet auf einer ganz anderen, übergeordneten Ebene statt. Es hat nichts mit dem  initialen Mordauftrag zu tun, der von einem skrupellosen Geschäftemacher zu dem Zweck erteilt wurde, einen unliebsamen Mitwisser auszuschalten. Als die beiden Kontrahenten gegeneinander antreten, ist es ein Kampf der Prinzipien: Keegan will seinen Auftrag erfüllen, auch wenn er sich seiner Auftraggeber selbst entledigt hat, Bobo hat geschworen, ihn zur Strecke zu bringen, als er sich an seiner Tochter vergriffen hat. Es ist ein Zusammenprall archaischer Triebe, in dem es um die nackte Existenz geht, jeder Ratio, die über das bloße Überleben hinausgeht, komplett enthoben. „If you lay hands on her, I will kill you with a rock.“, droht Bobo, als er von der Entführung Sarahs erfährt und bringt damit zum Ausdruck, dass die zivilisierte Fassade fällt, sobald es ums eigene Fleisch und Blut geht. Das Thema setzt sich fort, als sich die beiden gegenüberstehen und Keegan zwei Feueräxte als Waffen auswählt: „What are we, fuckin vikings?“, fragt Bobo, der die Fesseln der Vernunft nicht ganz abwerfen mag. Ein Gesetz des Actionfilms: Im Helden muss wenigstens ein Rest von Menschlichkeit schlummern. Deswegen ist der „Endgegner“ auch meist physisch überlegen.

Die Kritiken zu BULLET TO THE HEAD waren, soweit ich das mitbekommen habe, verhalten. Eine Ausnahme war – wenig überraschend – Armond White, der Hill immer wieder als Meister des Actionkinos anführt, wenn es darum geht, die Verfehlungen moderner Genrevertreter zu kritisieren. Dieser Text, ein (von „Sauft Benzin, ihr Himmelhunde“ inspiriertes :)) Zwiegespräch Whites mit dem Hill-Experten Gregory Solman, erklärt seine Begeisterung und lieferte auch einige Hinweise für meinen Eintrag. (Eine nicht weniger interessante Antwort auf und Kritik an Whites/Solmans Text findet sich hier.) Ein Grund für die allgemeine Enttäsuchung und Nüchternheit könnte die Erwartungshaltung gewesen sein: Nach zehn Jahren Abstinenz erhofften wohl nicht wenige ein Meisterwerk. Die Frage ist nicht nur, ob diese Filmlandschaft ein solches überhaupt noch zulässt, sondern auch, ob Hill mit 71 Jahren noch die Energie hat, sich selbst zu einem solchen anzutreiben. Er hat immer mit Klischees und Archetypen gearbeitet, aber er hat sie gleichzeitig unterwandert oder aber bis auf ihr nacktes Gerüst entkleidet. In BULLET TO THE HEAD wirkt er – wie sein Protagonist Jimmy Bobo – etwas zu müde für solche Ambitionen. Und so ist der ganze Film deutlich weniger zwingend als seine vergangenen Großtaten. Hier und da vermutet man die Einmischung des Studios, spürt das Desinteresse des Altmeisters. Aber der Film ist dennoch ganz bei sich, lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, ist Ausdruck eines großen Könners, der niemandem mehr etwas beweisen muss, einfach froh ist, noch Filme drehen zu können, die am Ende unverkennbar die seinen sind. Denn das lässt sich nicht wegdiskutieren: BULLET TO THE HEAD mag ein schwächerer Hill-Film sein, aber er bleibt dabei dennoch ein Hill-Film. Und hat den Werken seiner Eleven damit immer noch Einiges voraus. Muss man sehen, ganz klar.

Fünf Jahre ist es her, dass der Zoowärter Griffin (Kevin James) seiner Freundin Stephanie (Leslie Bibb) einen Heiratsantrag machte und abgewiesen wurde. Die Wunden sind seitdem immer noch nicht verheilt. Als er erfährt, dass sie vor der Ehe mit dem Proleten Gale (Joe Rogan) steht, sie ihm aber eine neue Chance geben würde, unter der Voraussetzung, dass er einen „vernünftigen“ Job ergreift, wird Griffin schwach. Die Tiere des Zoos, die ihren Pfleger sehr zu schätzen wissen, sehen seine Wechselgedanken mit Sorge und beschließen, zum Äußersten zu gehen, um ihn zu halten: Sie offenbaren ihm, dass sie sprechen können. Aber noch jemand möchte, dass Griffin bleibt: Seine Kollegin Kate (Rosario Dawson), die in ihn verliebt ist …

Jajaja, ich weiß. Ein Text zu ZOOKEEPER ist nicht dazu angetan, für die eigene Cinephilie und den erlesenen Geschmack zu werben. Ich hatte einfach Lust auf den Film, weil es für mich in einer bestimmten Gemütsverfssung nichts Lustigeres gibt, als dem „King of Queens“ Kevin James bei seinen shenanigans zuzusehen. Das simple Aufs-Maul-Fallen hat er zur Kunstform erhoben, er verleiht dem Durchschnittstypen, der einen wahren Rausch erlebt, wenn er dann mal über sich hinauswächst, ein Gesicht. ZOOKEEPER hat von den von mir erwarteten Slapstickeinlagen zugegeben weniger, als ich erhofft habe, macht diesen Mangel aber durch einige andere schöne Ideen wett. An vorderster Stelle ist hier natürlich die Synchronisation der Tiere mit einigen echten Superstars zu nennen: Sylvester Stallone spricht den Löwen, Cher seine Gattin, Adam Sandler gibt das freche Kapuzineräffchen und Nick Nolte den depressiven Gorilla. Das wertet diesen „Gebrauchsfilm“ deutlich auf, der mit Rosario Dawson zudem über ein Love Interest verfügt, dass ausnahmsweise einmal nicht in erster Linie brav und langweilig ist. Kevin James ist die Idealbesetzung für den gutmütigen Simpleton, der seinen eigenen Wert erkennt. Ein netter Film für zwischendruch. Und mir ein Rätsel, warum man Filme wie diesen so barsch verreißen muss, wie das wieder einmal passiert ist. Sprechende Gorillas mögen nicht der Gipfel der sophistication sein, aber man kann den feinen Herren ja auch mal zu Hause lassen, gell?

Um es mal ganz direkt zu formulieren: Wer Stallone als einen reinen Actiondarsteller bezeichnet, hat keine Ahnung. Im Gegensatz zu Kollegen wie Chuck Norris, Jean Claude Van Damme, Steven Seagal oder Arnold Schwarzenegger war Sly kein Quereinsteiger, sondern gelernter Schauspieler. Und wer weiß, wie seine Karriere verlaufen wäre, wenn dieser Film des Oscarpreisträgers Norman Jewisons mehr Erfolg beschieden gewesen wäre. Unmittelbar nach Stallones Durchbruch mit ROCKY hätte F.I.S.T. – ein hoch ambitionierter, epischer Film, der die komplexe Beziehung der USA zum organisierten Verbrechen thematisiert, ähnlich wie das zuvor etwa Coppola mit THE GODFATHER getan hatte oder später De Palma mit SCARFACE tun sollte – seinem Hauptdarsteller zu jenem Maß an Respektabilität verhelfen können, das ihm von Vielen bis heute versagt geblieben ist. Leider war Jewisons Film ebenso ein finanzieller Fehlschlag wie Stallones zahlreiche andere Versuche, sein Spektrum zu erweitern. An seinen Leistungen hat es dabei meist eher nicht gelegen. Stallone mag limitiert sein, aber in „seinen“ Rollen war er immer überzeugend. Das gilt auch für F.I.S.T.

Die USA in der Depression: Arbeiter sind bessere Sklaven, werden schlecht bezahlt, leisten Überstunden ohne Entgelt, sind nicht krankenversichert und können aus einer Laune heraus fristlos gekündigt werden. Johnny Kovak (Sylvester Stallone) geht die Willkür seines Vorgesetzten gegen den Strich: Er zettelt eine Meuterei an und erwirkt schließlich bessere Bedingungen für sich und seine Kollegen. Die Ernüchterung, als sie am Morgen nach dem vermeintlcihen Triumph gemeinsam vor verschlossenen Türen stehen und erfahren, dass sie ihren Job verloren haben, ist groß. Doch Johnnys Auftritt hat Eindruck auf den Gewerkschaftsmann Mike Monahan gemacht. Er bietet ihm und seinem Freund Abe (David Huffman) einen Job an. Ihre Aufgabe ist es, Mitglieder für F.I.S.T. – die „Federation of Interstate Truckers“ – zu gewinnen. Johnnys offenherzige Art und seine Wurzeln im Arbeitermilieu verhelfen ihm zu hervorragenden Quoten und der Gewerkschaft somit zu einem rasanten Mitgliederzuwachs. Doch ihrer Macht sind dennoch Grenzen gesetzt, wie sie während eines Streiks erfahren müssen, der blutig niedergeknüppelt wird. Johnny holt sich den Mob zur Hilfe – nicht ahnend, dass er die gute Sache damit nachhaltig schädigt und außerdem den Grundstein für den eigenen Niedergang legt …

F.I.S.T. orientiert sich am Werdegang Jimmy Hoffas, der vom Arbeiter zum Präsident der Gewerkschaft „Teamsters“ aufstieg und 1975 auf mysteriöse Weise verschwand. Jewison hält sich – sofern ich das nach dem Kurzstudium des Wikipedia-Eintrags zu Hoffa beurteilen kann – relativ eng an dessen Geschichte. Mehr als an einem minutiös recherchierten Biopic ist er aber am Sündenfall der Arbeiterbewegung interessiert, der ein wichtiges Mosaiksteinchen zum Verständnis der Geschichte der USA und des modernen Kapitalismus generell liefert. Kovak und seine Leute stehen vor dem Problem, nicht genug „push“ zu haben, wie es im Film so schön heißt. Menschen, die Arbeit brauchen, gibt es genug. Und um ihre Familien zu ernähren, sind sie auch bereit, unter prekären Bedingungen zu arbeiten. Selbst wenn sie also im Streik die Arbeit niederlegen, sitzen die Firmeninhaber am längeren Hebel. Die Lösung verspricht der Gangster Vince Doyle (Kevin Conway): Gegen einen kleinen Gefallen stellt er Johnny die Schläger des Mobs zur Verfügung. Die Rechnung geht auf, die neue Macht ist zunächst ungemein verlockend, doch in der Folge sieht sich die Gewerkschaft immer neuen Verpflichtungen gegenüber und zu weiteren „Gefälligkeiten“ gezwungen. Die Organisation, die sich für die Interessen und Rechte der Arbeiter einsetzen wollte, degeneriert zu einem Geschäftsarm des organisierten Verbrechens. Es dauert nicht lang, bis sich die Justiz in Vertretung des Senators Madison (Rod Steiger) beginnt, für die Machenschaften von F.I.S.T. zu interessieren – und Johnny begreift, dass die Verbindung zur Mafia nicht einseitig aufkündbar ist.

F.I.S.T. erzählt zunächst vom Aufstieg des ehrlichen Johnny Kovak zu einem charismatischen Anführer – eine Paraderolle für Stallone. Sein Johnny hat das Herz auf dem rechten Fleck, mit seiner direkten, oft derben Art kommt er bei den Arbeitern in demselben Maße an, wie er die reichen Firmenbosse reizt und verprellt. Die gewonnene Macht begeistert ihn und macht ihn auch ein Stück blind für den verhängnisvollen Weg, den er einschlägt, als er eine Partnerschaft mit Babe Milano (Tony Lo Bianco) eingeht. Es ist schließlich alles für die gute Sache. Aber der Zweck heiligt die Mittel eben nicht. Jewison macht ungefähr zur Halbzeitmarke einen großen Sprung über mehrere Jahrzehnte: Aus dem kleinen, ehrgeizigen und kämpferischen Gewerkschafter ist ein abgebrühter Geschäftsmann geworden, der weniger von einem Wunsch getrieben wird, als vielmehr eine Rolle ausfüllt. Es spricht für seine Macht, dass er in zähen Tarifverhandlungen schließlich die eigene Forderung durchbringt – er hat nun jenen „push“, der ihm zu Beginn fehlte –, aber die Art und Weise, wie er das tut, ist ernüchternd: Kovak kämpft nicht mehr, er sitzt aus, wissend, dass nun er die besseren Karten in der Hand hält. Aufgepumpt unter feinen Oberhemden, dekadent an fetten Zigarre saugend, ist er zum Ebenbild jener Menschen geworden, die er zu Beginn seiner Laufbahn mit unverhohlener Beachtung taxierte. Doch seine Macht ist endlich. Und für Leute wie Milano, die hinter ihrem freundlichen Lächeln ein Haifischgebiss verbergen, ist er nur ein kleines Licht. In der zweiten Hälfte stößt auch Stallone an seine Grenzen, aber das ist es schließlich auch, was Kovaks Sturz besiegelt: Er ist in Sphären vorgedrungen, in denen er sich nicht auskennt, in denen er nicht zu Hause ist. Die Mafia macht Geschäfte mit ihm, aber sie betrachtet ihn nicht als einen der Ihren. Er ist immer noch der Sohn ungarischer Einwanderer, der sein Geld mit dem Beladen von LKWs verdiente. Er lebt von der Gnade Milanos. Und Stallone gibt diesem „fish out of water“ ein Gesicht.

Ich habe Jewisons Film zum ersten Mal seit vielen, vielen Jahren wiedergesehen. Erstaunlicherweise hatte ich ihn zu einer Zeit entdeckt, als ich ihn noch gar nicht wirklich verstehen konnte: Meine Begeisterung für Stallone war wohl die Ursache. Aber die erste Hälfte des Films nimmt einen tatsächlich sehr direkt in Beschlag. Die Bilder brauner Industrielandschaften, des tristen Arbeiteralltags, der Kämpfe um die Existenz, die sich im Malochen und dem Trinken von waschwasserartigem Bier am Abend erschöpft, haben etwas ungemein Einnehmendes. Stallone zieht einen sofort auf seine Seite. So, wie er die Arbeiter packt, packt er auch mich vor dem Bildschirm. Und es ist schmerzhaft diesem eigentlich doch herzensguten Kerl dabei zusehen zu müssen, wie es ihm nicht gelingt, auf den richtigen Weg zurückzukehren, nachdem er einmal falsch abgebogen ist. Das ist die schmerzhafteste Erkenntnis des Films: Manche Fehler lassen sich tatsächlich nicht mehr wiedergutmachen. Und das gilt zum Glück nur für Kovak, nicht für Stallone. Im Jahr darauf kehrte er mit ROCKY II zurück auf bekanntes Terrain. F.I.S.T. ist der bessere Film, aber das wissen leider nicht so viele Menschen.

 

 

1997 fand plötzlich sogar das deutsche Feuilleton Sylvester Stallone wieder toll, nachdem er in den 15 vorangegangenen Jahren allenfalls als Hollywood-Krawallclown mit lustiger Gesichtslähmung Beachtung gefunden hatte. Grund für diese plötzliche Wertschätzung war COP LAND, der Stallone nach etlichen misslungenen bis allenfalls mittelmäßig erfolgreichen Versuchen, sein Image als Actionstar in die Neunzigerjahre hinüberzuretten, zwar in eher ungewohntem Rahmen, aber doch keinesfalls in wirklich außergewöhnlicher Rolle zeigte. Es bedürfte nur weniger, eher kosmetischer Manipulationen am Erbgut und dem sozialen Umfeld Rocky Balboas, um ihn in den gutmütigen Freddy Heflin zu verwandeln, der in COP LAND geplatzten Träumen hinterhertrauert und sich in der Rolle als Mädchen für alles gefällt, weil er zu müde ist, etwas an seinem Leben zu ändern. Er ist ein typischer Stallone-Held: Nicht besonders intelligent, ein einfacher, liebenswerter Typ, immer etwas zu bescheiden, gutgläubig, harmoniebedürftig und auch faul, um für seine eigenen Interessen wirklich einzustehen. Diese Charaktereigenschaften werden in COP LAND noch dadurch potenziert, dass Stallone zum ersten Mal konsequent als alternder Mann gezeigt wird: Sein Freddy ist fett, er geht, als habe er starke Gelenkschmerzen, sein Leben ist ganz und gar unglamourös und eigentlich wartet er nur noch darauf, irgendwann zu sterben. Das Altern wurde auch schon in früheren Stallone-Filmen thematisiert – am stärksten wohl in ROCKY V und ASSASSINS –, aber dort wurde der Eindruck durch Stallones nach wie vor eindrucksvolle Physis und vor allem den Status seiner Figuren – Ex-Boxweltmeister hier, Super-Auftragskiller dort – gemindert. Kein Wunder, dass Filmkritiker, die wahrscheinlich jeden seiner vorangegangenen Filme mit eh schon vorgefertigter Meinung und milder Herablassung betrachtet hatten, plötzlich meinten, hier einen ganz „neuen“ Stallone zu sehen. „Mut zur Hässlichkeit“, „ungeschminkt“, „schonungslos“: Man kann sich lebhaft vorstellen, welche Reflexe seine Rolle auslöste. Wer auch schon vorher richtig higeschaut hat, stellt fest, dass Stallone keinesfalls bahnbrechend Neues leistet: Es ist der Film um ihn herum, der anders ist und seine Leistung hervorhebt.

Einige Cops des NYPD haben sich drüben in New Jersey, im beschaulichen Städtchen Garrison City ein beschauliches Fleckchen weitab vom Schmutz und Verbrechen der Großstadt aufgebaut. Als der junge Polizist Murray Babitch (Michael Rapaport) nach der Tötung zweier Minderjähriger Selbstmord begeht, ohne dass seine Leiche gefunden werden kann, richtet sich die Aufmerksamkeit des ermittelnden Internal-Affairs-Beamten Moe Tilden (Robert De Niro) auf Garrison City und Murrays dort lebenden Onkel, den Cop Ray Donlan (Harvey Keitel). Es besteht der dringende Verdacht, dass zur Finanzierung der gemütlichen Eigenheime der Polizisten Mafiagelder geflossen sind – natürlich gegen die entsprechenden Gefälligkeiten. Das Verschwinden Murrays ist nur ein Puzzleteil in einer immer länger werdenden Liste von krummen Dingern. Im Sheriff von Garrison, dem braven Freddy Heflin (Sylvester Stallone), findet Moe Tilden den geeigneten Verbündeten: Er appelliert an das Ehrgefühl des halbtauben, einsam lebenden Mannes und bringt ihn dazu, sich gegen die Einzug haltende Gleichgültigkeit zu wehren. Als Freddy dem totgeglaubten Murray begegnet, der nun die Ermordung durch den eigenen Onkel fürchten muss, beschließt er, den Kampf gegen Rays Männer aufzunehmen …

COP LAND ist klassischer Polizeifilm-Stoff, der vor allem damit punktet, dass er die Nähe zum Gangsterfilm sucht, die Parallelen zwischen beiden Genres akzentuiert und so auch die strukturelle Verwandtschaft von Cops und Gangstern herausarbeitet. (Schon durch die Anwesenheit von De Niro und Liotta wirkt er wie ein Spiegelbild von Scorseses GOOD FELLAS, aber es gibt weitere Parallelen.) Beide bilden eine eigene Subkultur mit eigenen Treffpunkten, Gepflogenheiten und Kodes, beide existieren völlig autark neben der Gesellschaft, bilden kaum eine Schnittfläche mit ihr. In COP LAND haben die Cops sogar – wie es der Titel in brillanter Pointierung zum Ausdruck bringt – ein eigenes „Land“: Durchreisende werden argwöhnisch betrachtet, Fremde sind eigentlich nicht erwünscht. Es ist dann auch kein Wunder, dass die eigentlich durch das Gesetz getrennten Fraktionen hier gemeinsame Sache machen. Der Konflikt – eigentlich nur ein Spiel, das beide spielen, weil es ihre Existenzgrundlage ist – und der Status als Nicht-Dazugehörende verbinden sie, verschweißen sie über ihre bestehenden Differenzen zur Interessengemeinschaft. Garrison, das Cop-Land, ist paradoxerweise ein rechtsfreier Raum. Er kann sich einen autoritätslosen Sheriff wie Freddy Heflin leisten, weil Verbrecher eh einen weiten Bogen um die ausschließlich von Polizisten bewohnte Stadt machen. Und das gibt denen wiederum Gelegenheit, in aller Ruhe selbst die krummen Dinger auszubaldowern, mit denen sie sich ihr karges Gehalt aufbessern und für den Lebensabend vorsorgen wollen. Denn auch das ist klar: Dafür, dass sie das Land und seine Bürger schützen sollen, werden sie verdammt schlecht behandelt. Als Murray sein Polizistenbegräbnis bekommt, liegt nur seine leere Uniform im Sarg: Totale Aufgabe des Selbst zugunsten des Amtes. Und um das Recht wiederherzustellen, muss Freddy am Ende ausgerechnet mit den Polizisten aufräumen. Wie einst Marshall Will Kane zieht er zum Shootout mit den Verbrechern, die doch Cops sein sollten.

James Mangold habe ich bislang als uninspirierten, aber soliden Klassizisten empfunden, der stark abhängig von seinen Drehbüchern ist. GIRL, INTERRUPTED fand ich damals unerträglich, KATE & LEOPOLD, der alle drei Tage irgendwo im Fernsehen zu laufen scheint, sieht so aus, als sei er schrecklich egal, und IDENTITY war nett, aber auch ziemlicher Kinderkram, an den ich mich überhaupt nur erinnere, weil ich die IMDb jede Gedächtnislücke gnadenlos schließt. An WALK THE LINE, 3:10 TO YUMA und KNIGHT AND DAY habe ich mich noch nicht herangetraut: Ich gehe davon aus, dass die auf eine Art und Weise gut sind, die mich fürchterlich langweilt. Sauberes Erzählkino eben, ohne echte eigene Einfälle oder auch nur die leiseste Spur von Wahnsinn. Bei COP LAND ist diese handwerklich gute, aber auch recht unauffällige Regie hingegen sehr angebracht: Hier wird nicht der Eindruck erweckt, man erfinde das Genre des Copfilms neu, im Gegenteil. Der Film benutzt sein breites Fundament, um Handlungslücken zu füllen und sich auf seine Charaktere zu konzentrieren. Er steht in ständigem Dialog zu einem riesigen Korpus an Polizeifilmen. Das eindrucksvolle Casting schreit „Ereignis!“, aber der Film will da nicht ganz mitspielen. Stallone, Keitel, De Niro und Liotta ringen um Aufmerksamkeit und kommen dabei immer einen Hauch zu kurz, zumal da auch noch die kaum weniger beachtliche Riege an Nebendarstellern ist: Der von mir immer gern gesehene Michael Rapaport spielt Murray Babitch auf die ihm eigene Art als unbeherrschtes Riesenbaby, Peter Berg und Robert Patrick sind typische Arschlochbullen, Annabella Sciorra gibt Freddys große Liebe. Doch Mangold widersteht dem sicherlich großen Reiz, COP LAND als Nummernrevue zu inszenieren, als Sammlung von dem jeweiligen Star auf den Leib geschneideter Szenen. Das Ergebnis ist ein überraschen zurückgenommener, ruhiger Film. Fast wünscht man sich, der Regisseur hätte auch auf den Showdown verzichtet, der zwar folgerichtig ist, aber aus dem sonst so homogenen Film mit seiner expressiven Inszenierung heraussticht. Und auf diese Rede Liottas, in der er Freddy empfiehlt, sich „diagonal“ zu bewegen: Weil sowohl Freddy als auch der Film diesen Rat komplett verwerfen, ist das der einzige Moment, der nach dem großen „Schauspielerkino“ aussieht, dass der Film sonst eben gerade nicht liefern mag.