Mit ‘Sylvester Stallone’ getaggte Beiträge

„Der ist ja richtig gut!“ oder, in leichter Abwandlung: „Aber der erste RAMBO, das ist ein richtig guter Film!“ – So reagieren nicht wenige Menschen bei Erstsichtung auf den einflussreichen Actionklassiker. Ihr Urteil ist dabei eine direkte Reaktion auf eine vor allem im Anschluss an George Pan Cosmatos‘ Sequel RAMBO: FIRST BLOOD PART II in Deutschand überaus erfolgreich gelaufene mediale Indoktrination. Nachdem sogar Schüler, die den Film eigentlich eh nicht sehen durften, von ihren Lehrern dazu gezwungen wurden, sich an Demonstrationen gegen den vermeintlichen „antikommunistischen Propaganda-Hetzfilm“ zu beteiligen, war die bloße Erwähnung des Namens „Rambo“ ausreichend, um Bildungsbürgern, Liberalen, Aufgeklärten und Kunstbeflissenen ein abfälliges Naserümpfen zu entlocken. Unter dem Titel – der ja eigentlich zum ganz anders gelagerten FIRST BLOOD gehörte, dazu gleich mehr – wurde alles subsummiert, was an Hollywood, am modernen Kino und natürlich an den USA verabscheuungswürdig und schlecht war. „Rambo“ wurde zum Synonym für den dumpfen, reaktionären, gewaltverherrlichenden Actionfilm, der die Jugend und vielleicht sogar den während des Kalten Krieges ohnehin sehr trügerischen Weltfrieden bedrohte. Diese Gleichsetzung war natürlich insofern verständlich, als Stallones Figur und Cosmatos‘ Film mit dem immensen kommerziellen Erfolg zum Template wurden, dem Dutzende Filme und Filmemacher bis in die frühen Neunzigerjahre nacheiferten. Als Kollateralschaden dieser Verallgemeinerung landete eben auch Kotcheffs Film im so praktisch bereitstehenden Schweinetrog: Der hatte zwar eigentlich nur wenig mit dem Sequel gemeinsam, teilte aber blöderweise mit diesem den Protagonisten mit dem griffigen, verfemten Namen. Mitgefangen, mitgehangen.

Vergleicht man den 1982 entstandenen Film mit seinen Sequels, so muss man feststellen, dass er einer komplett anderen Sphäre entstammt. Das betrifft nicht nur Ton, Stimmung und „Aussage“, sondern tatsächlich auch seinen Protagonisten. Der unter posttraumatischem Stress leidende Vietnam-Veteran, den bei Gewaltandrohung quälende Erinnerungen befallen und dem endgültig eine Sicherung rausfliegt, als er  von einem Redneck-Sheriff schikaniert wird, musste für Cosmatos Zweitling förmlich wiedergeboren werden um seine phoenixgleiche Auferstehung  als amerikanischer Nationalheros feiern zu können. Entlockt sein mit Narben übersäter Leib einem hier noch Entsetzen, werden seine Wunden im Sequel zu heiligen Stigmata, zu Zeichen einer geradezu göttlichen Vorsehung. In Kotcheffs FIRST BLOOD evoziert er vor allem Mitleid, bleibt kein Zweifel daran, dass dieser Mensch vom Krieg zerstört wurde und – zumindest vorerst – nicht für die freie Teilnahme an der Gesellschaft geeignet ist. Wenn John J. Rambo (Sylvester Stallone) am Ende des Films weinend in den Armen seines Ausbilders und Mentors Colonel Samuel Trautman (Richard Crenna) zusammenbricht, nachdem er in einen zusammenhangslosen, hysterischen stream of consciousness verfallen ist, dann ist der muskelbepackte Held, der im Sequel die vergessenen Kriegsgefangenen nach Hause bringt und Balsam auf amerikanische Wunden reibt, weit entfernt. Kotcheffs John Rambo kann sich unserer Anteilnahme sicher sein, aber er ist in diesem Zustand tatsächlich eine Gefahr. Letzterer Punkt wird in FIRST BLOOD etwas geschönt (was wiederum seiner ideologischen Ausrichtung geschuldet ist): Rambo bringt keinen einzigen Menschen um, er begnügt sich damit, seine Verfolger – das dann aber zum Teil recht drastisch – außer Gefecht zu setzen (in einer tollen Sequenz, die einige Parallelen zum Slashergenre aufweist und zum Standard des Actionfilms wurde). Das suggeriert ein Maß an Selbstkontrolle, das sich mit seinem finalen Zusammenbruch nicht ganz in Einklang bringen lässt.  (Vielleicht bin ich da aber auch nur zu pessimistisch.) Auch die Dynamik zwischen Rambo und dem bigotten Sheriff Teasle (Brian Dennehy) – trotz seines massiven Körperumfangs ein weasel, das Rambo bis aufs Blut teast, also reizt? – steuert die Sympathien des Zuschauers dahingehend, dem Veteranen seinen Amoklauf zu verzeihen oder gar als gerechte Strafe für das Verhalten der Polizei zu empfinden. Teasle ist einfach ein Arschloch. Sein Hass auf den „Babykiller“ wird als unmittelbar glaubwürdig vorausgesetzt, dabei erschien mir Dennehy immer als zu intelligent für den bigotten Hinterwäldler. Diese Führung der Zuschaueraffekte ist natürlich programmatisch: FIRST BLOOD dient der Rehabilitierung der Vietnamveteranen, die nur einen Job verrichteten, sich nach ihrer Heimkehr aber enormen Anfeindungen ausgesetzt sahen. Anstatt ihnen die nach ihren Erlebnissen ohnehin schwierige Integration in die Gesellschaft zu erleichtern, wurden sie von breiten Teilen der Bevölkerung, die den Krieg (und die Niederlage) als Schmach empfanden, stigmatisiert. FIRST BLOOD schließt an die sogenannten Heimkehrerfilme der Siebzigerjahre an, von denen Hal Ashbys COMING HOME vielleicht der bekannteste, TAXI DRIVER der düsterste ist. Sein Ursprung liegt eindeutig im New Hollywood und das macht dann auch den wahrscheinlich wesentlichen Unterschied zu seinem direkten Nachfolger aus. Während Cosmatos jeglichen erzählerischen Ballast zugunsten eines  affektreichen Bilderhagels über Bord warf, den Zuschauer brutal überwältigte, sozusagen infiltrierte statt indoktrinierte, und nebenbei ein postmodernes Popkunstwerk schuf, da zeigt sich in FIRST BLOOD noch ein klassisch aufklärerischer Ansatz.  Nur ist dieser Ansatz selbst schon befleckt: Der berühmte „Spitting Incident“, auf den sich auch der Film am Ende beruft und von dem er seinen Protagonisten berichten lässt, ist wahrscheinlich eine Urban Legend. Die Geschichte, dass Veteranen nach ihrer Ankunft von Anti-Kriegs-Aktivisten bespuckt worden seien, konnte bislang nie wirklich verifiziert – sprich: von direkt Betroffenen bestätigt – werden. Hier hat FIRST BLOOD entgegen seinem Vorhaben nicht zur Aufklärung, sondern wahrscheinlich zur Verstärkung existierender Mythen wesentlich beigetragen. (Ein verzeihlicher Fehler, wurden diese „Spitting Incidents“ doch in zahlreichen Medien kolportiert.)

Die erste Sichtung seit sechs Jahren – damals entstand in der Folge dieser Himmelhunde-Text – war ein kleines bisschen ernüchternd: Begeistert der Film bis zum Finale mit seiner packenden Inszenierung, seinen halsbrecherischen Stunts, der ikonischen Hauptfigur und seiner einmalig klaustrophobischen Atmosphäre, die Rambos Desposition so treffend widerspiegelt, habe ich gerade das Final als arg messagelastig und geschwätzig empfunden. Und die vom Film beabsichtigte Affektsteuerung hat auch nicht mehr so ohne Weiteres funktioniert. Ich finde, dass sich die Sympathien in der zweiten Hälfte sehr zu Ungunsten Trautmans und damit auch Rambos verteilen. In Vertretung des Militärs wird er zum eigentlichen Schurken: Die Art, wie er über seinen Schüler als perfekte Maschine spricht, die er „gebaut“ hat, lässt ihn als gefühlskalten Unmenschen erscheinen, für den Krieg eine bloße Rechenoperation ist. Sein eisiger Realismus ist die Vorraussetzung für das reibungslose Ablaufen der Kriegsmaschinerie, aber auch Ursache für den Zusammenbruch seines Schützlings, über den er nun spricht, wie über eine defektes Haushaltsgerät. Teasle, selbst bestimmt kein Kind von Traurigkeit, kann seine Abscheu für den technokratischen Jargon des Militärmannes kaum verbergen – und ich war da ganz auf seiner Seite. Und dass er seine Stadt vor dem Amoklauf eines Irren bewahren will, kann man ihm ebenfalls kaum verübeln, auch wenn er nur den Sturm erntet, den er gesät hat. Mit John J. Rambo wird auch Colonel Trautman ein nötiges „Reboot“ im Sequel erfahren, als gütiger Freund und einziger Vertrauter seines Schülers in einer Welt, die nur Unverständnis für ihn hat. Kein Wunder, dass die Zivilgesellschaft in den kommenden Teilen keinen Platz mehr haben wird.

Walter Hills letzter Kinofilm datiert auf das Jahr 2002. Nach UNDISPUTED inszenierte er noch den Pilotfilm für die Fernsehserie DEADWOOD sowie die Miniserie BROKEN TRAIL, ansonsten beschränkte er sich auf die Tätigkeit als Produzent. Wie schmerzlich der große Klassizist des amerikanischen Actionkinos in dieser Zeit gefehlt hat, wird einem gleich zu Beginn seines neuen Films BULLET TO THE HEAD bewusst: Auf dem Weg zu ihrem Ziel zerfetzt die Kugel erst die Logos der beteiligten Produktionsfirmen, bevor sie mit den ersten Bildern im Hirn des Betrachters einschlägt. In braunstichigem Schwarzweiß fährt ein Zug vorbei, dessen charakteristischen Maschinengeräusche sich sogleich in den treibenden Groove des Scores verwandeln, der mit Slideguitar-Einsatz an den großen Ry Cooder erinnert, Walter Hills einstigen Stammkomponisten. Ein Mann (Sung Kang) lehnt wartend an einer Säule, ein Asiate, die melancholisch blickenden Augen ins Nichts gerichtet. Er steigt in ein anhaltendes Auto, der Fahrer hält ihm eine Pistole an die Schläfe, wird dann aber selbst erschossen. Das zerfurchte Gesicht des Killers Jimmy Bobo (Sylvester Stallone) schaut durch das zertrümmerte Fahrerfenster, das Bild friert ein. Aus dem Off erklingt seine Stimme, ein uraltes, dunkles Grollen aus den Tiefen der Erde: „The guy I just saved is a cop. That’s not the usual way I do things, but sometimes you gotta abandon your principles and do what’s right.“ Walter Hills neuester Film bedeutet eine Rückkehr zu den gebrochenen Heldenfiguren des (Spät-)Westerns, dem Schwertkämpferethos der Filme Chang Chehs, zur Kriegerehre, die sich im Namen des Richtigen auch gegen sich selbst richtet.

James „Jimmy Bobo“ Bonomo (Sylvester Stallone) und sein Partner Louis Blanchard (Jon Seda) erfüllen ihren Auftrag, den Erpresser Hank Greely zu töten. Als sie sich wenig später am mit ihrem Auftraggeber verabredeten Treffpunkt einfinden, wartet der Killer Keegan (Jason Momoa) auf sie, der Blanchard umbringt. Auf die Ermordung Greelys wird der Polizist Taylor Kwon (Sung Kang) angesetzt: Der Tote war selbst Cop und als solcher jahrelang Kwons Partner, bevor er unehrenhaft aus dem Dienst entlassen wurde. Kwon verbindet die beiden Morde und stößt so auf Bobo, mit dem er erst ein Treffen und dann schließlich einen Deal vereinbart: Wenn der Killer ihm dabei hilft, die Verantwortlichen für Greelys und Blanchards Tod ausfindig zu machen, wird er ihn laufen lassen …

Für BULLET TO THE HEAD kehrt Walter Hill nach New Orleans und in die Sümpfe Louisianas zurück, beide bereits Schauplätze seines Debüts HARD TIMES sowie von SOUTHERN COMFORT und JOHNNY HANDSOME. Die Handlung ist eine Variante seines Erfolgsfilms 48 HRS., in dem ein Cop sich der Dienste eines Kriminellen versichert, um einen Killer zur Strecke zu bringen. Die Vorzeichen sind in diesem Film allerdings umgekehrt: Kwon ist der Unerfahrene des Duos, während der Verbrecher Jimmy Bobo die Fäden in der Hand hält. Es entwickelt sich auch keine Freundschaft zwischen den beiden, allerhöchstens betrachten sie sich am Ende mit einem gewissen gegenseitigen Respekt. Aber sie gehen beide wieder ihren Weg, wissend, dass sie Gegner sind, auf verschiedenen Seiten des Gesetzes stehen. Hills Interesse gilt vor allem seinem alternden, weisen Killer und er ringt Stallone eine grandiose Leistung ab. Er interpretiert Bobo als etwas altersstarrsinnigen, müden, aber immer noch selbstbewussten Profi, der seine lange Karriere der Tatsache zu verdanken hat, dass er sich immer treu geblieben ist, keine Spielchen gespielt hat. Er ist eine im Kern tragische Figur, aber er ist über den Punkt hinaus, Dinge, die nicht so gelaufen sind, wie sie hätten laufen sollen, zu bedauern. Schon in jungen Jahren kam er mit dem Gesetz in Konflikt, sein Weg schien von Beginn an vorgezeichnet. Seine Tochter Lisa (Sarah Shahi), die er laut eigener Aussage mit einer drogensüchtigen Prostituierte zeugte – es ist nicht ganz klar, ob das die Wahrheit ist oder ob eine tiefe Verletzung aus seinen Worten spricht –, gab er in fremde Hände, weil er „not much of a father“ gewesen sei. Aber auch wenn Bobo das Produkt ungünstiger Umstände ist, so hat er sein Schicksal angenommen, ohne sich zu beklagen. Sometimes you gotta abandon your principles and do what’s right. Diese Einstellung zum Leben erkennt man auch in seiner Körperhaltung wieder: In Jimmy Bobos Gang zeigen sich sein Stolz und sein Selbstbewusstsein, der Swagger und die Coolness des Selfmade-Heros, gleichzeitig erkennt man, wie viel Kraft ihn das Aufrechterhalten der Pose – das Leben – kostet. Von oben drückt ein gewaltiges Gewicht auf ihn und er wird langsam zu alt, um noch dagegenzuhalten. Das breitbeinige Hängen in den Knien, der lässig federnde Gang,  dessen Schwerpunkt im Zentrum der biologischen Männlichkeit zu ruhen scheint, erinnern deutlich an John Wayne. Und seine moralische Ambivalenz macht ihn auch zu einem Seelenverwandten von Waynes Ethan Edwards, dem Protagonisten von THE SEARCHERS: „That’ll be the day“ sind die letzten Worte Bobos in Hills Film, ein wortwörtliches  Zitat aus Fords berühmtem Western. Beide Filme drehen sich um einen Menschen, dessen Handlungen und Ansichten nur schwer zu verteidigen sind, die – aus welchen Gründen auch immer – einen Weg eingeschlagen haben, den sie nun konsequent zu Ende beschreiten, wissend, dass sie dabei viel schlechtes Karma auf sich geladen haben.  Es ist eigentlich nicht vorgesehen, dass sie ungestraft davonkommen. Insgeheim warten beide auf die Strafe, die sie verdienen. Wie der Schurke von BULLET TO THE HEAD einmal sagt: „In classical literature … the hero dies.“ Jimmy weiß, dass die poetic justice seinen Tod vorschreibt.

Seine Strafe naht anscheinend in Form des muskelbepackten Söldners Keegan. Aber das Duell zwischen den beiden, das auch den Showdown des Films darstellt, findet auf einer ganz anderen, übergeordneten Ebene statt. Es hat nichts mit dem  initialen Mordauftrag zu tun, der von einem skrupellosen Geschäftemacher zu dem Zweck erteilt wurde, einen unliebsamen Mitwisser auszuschalten. Als die beiden Kontrahenten gegeneinander antreten, ist es ein Kampf der Prinzipien: Keegan will seinen Auftrag erfüllen, auch wenn er sich seiner Auftraggeber selbst entledigt hat, Bobo hat geschworen, ihn zur Strecke zu bringen, als er sich an seiner Tochter vergriffen hat. Es ist ein Zusammenprall archaischer Triebe, in dem es um die nackte Existenz geht, jeder Ratio, die über das bloße Überleben hinausgeht, komplett enthoben. „If you lay hands on her, I will kill you with a rock.“, droht Bobo, als er von der Entführung Sarahs erfährt und bringt damit zum Ausdruck, dass die zivilisierte Fassade fällt, sobald es ums eigene Fleisch und Blut geht. Das Thema setzt sich fort, als sich die beiden gegenüberstehen und Keegan zwei Feueräxte als Waffen auswählt: „What are we, fuckin vikings?“, fragt Bobo, der die Fesseln der Vernunft nicht ganz abwerfen mag. Ein Gesetz des Actionfilms: Im Helden muss wenigstens ein Rest von Menschlichkeit schlummern. Deswegen ist der „Endgegner“ auch meist physisch überlegen.

Die Kritiken zu BULLET TO THE HEAD waren, soweit ich das mitbekommen habe, verhalten. Eine Ausnahme war – wenig überraschend – Armond White, der Hill immer wieder als Meister des Actionkinos anführt, wenn es darum geht, die Verfehlungen moderner Genrevertreter zu kritisieren. Dieser Text, ein (von „Sauft Benzin, ihr Himmelhunde“ inspiriertes :)) Zwiegespräch Whites mit dem Hill-Experten Gregory Solman, erklärt seine Begeisterung und lieferte auch einige Hinweise für meinen Eintrag. (Eine nicht weniger interessante Antwort auf und Kritik an Whites/Solmans Text findet sich hier.) Ein Grund für die allgemeine Enttäsuchung und Nüchternheit könnte die Erwartungshaltung gewesen sein: Nach zehn Jahren Abstinenz erhofften wohl nicht wenige ein Meisterwerk. Die Frage ist nicht nur, ob diese Filmlandschaft ein solches überhaupt noch zulässt, sondern auch, ob Hill mit 71 Jahren noch die Energie hat, sich selbst zu einem solchen anzutreiben. Er hat immer mit Klischees und Archetypen gearbeitet, aber er hat sie gleichzeitig unterwandert oder aber bis auf ihr nacktes Gerüst entkleidet. In BULLET TO THE HEAD wirkt er – wie sein Protagonist Jimmy Bobo – etwas zu müde für solche Ambitionen. Und so ist der ganze Film deutlich weniger zwingend als seine vergangenen Großtaten. Hier und da vermutet man die Einmischung des Studios, spürt das Desinteresse des Altmeisters. Aber der Film ist dennoch ganz bei sich, lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, ist Ausdruck eines großen Könners, der niemandem mehr etwas beweisen muss, einfach froh ist, noch Filme drehen zu können, die am Ende unverkennbar die seinen sind. Denn das lässt sich nicht wegdiskutieren: BULLET TO THE HEAD mag ein schwächerer Hill-Film sein, aber er bleibt dabei dennoch ein Hill-Film. Und hat den Werken seiner Eleven damit immer noch Einiges voraus. Muss man sehen, ganz klar.

Fünf Jahre ist es her, dass der Zoowärter Griffin (Kevin James) seiner Freundin Stephanie (Leslie Bibb) einen Heiratsantrag machte und abgewiesen wurde. Die Wunden sind seitdem immer noch nicht verheilt. Als er erfährt, dass sie vor der Ehe mit dem Proleten Gale (Joe Rogan) steht, sie ihm aber eine neue Chance geben würde, unter der Voraussetzung, dass er einen „vernünftigen“ Job ergreift, wird Griffin schwach. Die Tiere des Zoos, die ihren Pfleger sehr zu schätzen wissen, sehen seine Wechselgedanken mit Sorge und beschließen, zum Äußersten zu gehen, um ihn zu halten: Sie offenbaren ihm, dass sie sprechen können. Aber noch jemand möchte, dass Griffin bleibt: Seine Kollegin Kate (Rosario Dawson), die in ihn verliebt ist …

Jajaja, ich weiß. Ein Text zu ZOOKEEPER ist nicht dazu angetan, für die eigene Cinephilie und den erlesenen Geschmack zu werben. Ich hatte einfach Lust auf den Film, weil es für mich in einer bestimmten Gemütsverfssung nichts Lustigeres gibt, als dem „King of Queens“ Kevin James bei seinen shenanigans zuzusehen. Das simple Aufs-Maul-Fallen hat er zur Kunstform erhoben, er verleiht dem Durchschnittstypen, der einen wahren Rausch erlebt, wenn er dann mal über sich hinauswächst, ein Gesicht. ZOOKEEPER hat von den von mir erwarteten Slapstickeinlagen zugegeben weniger, als ich erhofft habe, macht diesen Mangel aber durch einige andere schöne Ideen wett. An vorderster Stelle ist hier natürlich die Synchronisation der Tiere mit einigen echten Superstars zu nennen: Sylvester Stallone spricht den Löwen, Cher seine Gattin, Adam Sandler gibt das freche Kapuzineräffchen und Nick Nolte den depressiven Gorilla. Das wertet diesen „Gebrauchsfilm“ deutlich auf, der mit Rosario Dawson zudem über ein Love Interest verfügt, dass ausnahmsweise einmal nicht in erster Linie brav und langweilig ist. Kevin James ist die Idealbesetzung für den gutmütigen Simpleton, der seinen eigenen Wert erkennt. Ein netter Film für zwischendruch. Und mir ein Rätsel, warum man Filme wie diesen so barsch verreißen muss, wie das wieder einmal passiert ist. Sprechende Gorillas mögen nicht der Gipfel der sophistication sein, aber man kann den feinen Herren ja auch mal zu Hause lassen, gell?

Um es mal ganz direkt zu formulieren: Wer Stallone als einen reinen Actiondarsteller bezeichnet, hat keine Ahnung. Im Gegensatz zu Kollegen wie Chuck Norris, Jean Claude Van Damme, Steven Seagal oder Arnold Schwarzenegger war Sly kein Quereinsteiger, sondern gelernter Schauspieler. Und wer weiß, wie seine Karriere verlaufen wäre, wenn dieser Film des Oscarpreisträgers Norman Jewisons mehr Erfolg beschieden gewesen wäre. Unmittelbar nach Stallones Durchbruch mit ROCKY hätte F.I.S.T. – ein hoch ambitionierter, epischer Film, der die komplexe Beziehung der USA zum organisierten Verbrechen thematisiert, ähnlich wie das zuvor etwa Coppola mit THE GODFATHER getan hatte oder später De Palma mit SCARFACE tun sollte – seinem Hauptdarsteller zu jenem Maß an Respektabilität verhelfen können, das ihm von Vielen bis heute versagt geblieben ist. Leider war Jewisons Film ebenso ein finanzieller Fehlschlag wie Stallones zahlreiche andere Versuche, sein Spektrum zu erweitern. An seinen Leistungen hat es dabei meist eher nicht gelegen. Stallone mag limitiert sein, aber in „seinen“ Rollen war er immer überzeugend. Das gilt auch für F.I.S.T.

Die USA in der Depression: Arbeiter sind bessere Sklaven, werden schlecht bezahlt, leisten Überstunden ohne Entgelt, sind nicht krankenversichert und können aus einer Laune heraus fristlos gekündigt werden. Johnny Kovak (Sylvester Stallone) geht die Willkür seines Vorgesetzten gegen den Strich: Er zettelt eine Meuterei an und erwirkt schließlich bessere Bedingungen für sich und seine Kollegen. Die Ernüchterung, als sie am Morgen nach dem vermeintlcihen Triumph gemeinsam vor verschlossenen Türen stehen und erfahren, dass sie ihren Job verloren haben, ist groß. Doch Johnnys Auftritt hat Eindruck auf den Gewerkschaftsmann Mike Monahan gemacht. Er bietet ihm und seinem Freund Abe (David Huffman) einen Job an. Ihre Aufgabe ist es, Mitglieder für F.I.S.T. – die „Federation of Interstate Truckers“ – zu gewinnen. Johnnys offenherzige Art und seine Wurzeln im Arbeitermilieu verhelfen ihm zu hervorragenden Quoten und der Gewerkschaft somit zu einem rasanten Mitgliederzuwachs. Doch ihrer Macht sind dennoch Grenzen gesetzt, wie sie während eines Streiks erfahren müssen, der blutig niedergeknüppelt wird. Johnny holt sich den Mob zur Hilfe – nicht ahnend, dass er die gute Sache damit nachhaltig schädigt und außerdem den Grundstein für den eigenen Niedergang legt …

F.I.S.T. orientiert sich am Werdegang Jimmy Hoffas, der vom Arbeiter zum Präsident der Gewerkschaft „Teamsters“ aufstieg und 1975 auf mysteriöse Weise verschwand. Jewison hält sich – sofern ich das nach dem Kurzstudium des Wikipedia-Eintrags zu Hoffa beurteilen kann – relativ eng an dessen Geschichte. Mehr als an einem minutiös recherchierten Biopic ist er aber am Sündenfall der Arbeiterbewegung interessiert, der ein wichtiges Mosaiksteinchen zum Verständnis der Geschichte der USA und des modernen Kapitalismus generell liefert. Kovak und seine Leute stehen vor dem Problem, nicht genug „push“ zu haben, wie es im Film so schön heißt. Menschen, die Arbeit brauchen, gibt es genug. Und um ihre Familien zu ernähren, sind sie auch bereit, unter prekären Bedingungen zu arbeiten. Selbst wenn sie also im Streik die Arbeit niederlegen, sitzen die Firmeninhaber am längeren Hebel. Die Lösung verspricht der Gangster Vince Doyle (Kevin Conway): Gegen einen kleinen Gefallen stellt er Johnny die Schläger des Mobs zur Verfügung. Die Rechnung geht auf, die neue Macht ist zunächst ungemein verlockend, doch in der Folge sieht sich die Gewerkschaft immer neuen Verpflichtungen gegenüber und zu weiteren „Gefälligkeiten“ gezwungen. Die Organisation, die sich für die Interessen und Rechte der Arbeiter einsetzen wollte, degeneriert zu einem Geschäftsarm des organisierten Verbrechens. Es dauert nicht lang, bis sich die Justiz in Vertretung des Senators Madison (Rod Steiger) beginnt, für die Machenschaften von F.I.S.T. zu interessieren – und Johnny begreift, dass die Verbindung zur Mafia nicht einseitig aufkündbar ist.

F.I.S.T. erzählt zunächst vom Aufstieg des ehrlichen Johnny Kovak zu einem charismatischen Anführer – eine Paraderolle für Stallone. Sein Johnny hat das Herz auf dem rechten Fleck, mit seiner direkten, oft derben Art kommt er bei den Arbeitern in demselben Maße an, wie er die reichen Firmenbosse reizt und verprellt. Die gewonnene Macht begeistert ihn und macht ihn auch ein Stück blind für den verhängnisvollen Weg, den er einschlägt, als er eine Partnerschaft mit Babe Milano (Tony Lo Bianco) eingeht. Es ist schließlich alles für die gute Sache. Aber der Zweck heiligt die Mittel eben nicht. Jewison macht ungefähr zur Halbzeitmarke einen großen Sprung über mehrere Jahrzehnte: Aus dem kleinen, ehrgeizigen und kämpferischen Gewerkschafter ist ein abgebrühter Geschäftsmann geworden, der weniger von einem Wunsch getrieben wird, als vielmehr eine Rolle ausfüllt. Es spricht für seine Macht, dass er in zähen Tarifverhandlungen schließlich die eigene Forderung durchbringt – er hat nun jenen „push“, der ihm zu Beginn fehlte –, aber die Art und Weise, wie er das tut, ist ernüchternd: Kovak kämpft nicht mehr, er sitzt aus, wissend, dass nun er die besseren Karten in der Hand hält. Aufgepumpt unter feinen Oberhemden, dekadent an fetten Zigarre saugend, ist er zum Ebenbild jener Menschen geworden, die er zu Beginn seiner Laufbahn mit unverhohlener Beachtung taxierte. Doch seine Macht ist endlich. Und für Leute wie Milano, die hinter ihrem freundlichen Lächeln ein Haifischgebiss verbergen, ist er nur ein kleines Licht. In der zweiten Hälfte stößt auch Stallone an seine Grenzen, aber das ist es schließlich auch, was Kovaks Sturz besiegelt: Er ist in Sphären vorgedrungen, in denen er sich nicht auskennt, in denen er nicht zu Hause ist. Die Mafia macht Geschäfte mit ihm, aber sie betrachtet ihn nicht als einen der Ihren. Er ist immer noch der Sohn ungarischer Einwanderer, der sein Geld mit dem Beladen von LKWs verdiente. Er lebt von der Gnade Milanos. Und Stallone gibt diesem „fish out of water“ ein Gesicht.

Ich habe Jewisons Film zum ersten Mal seit vielen, vielen Jahren wiedergesehen. Erstaunlicherweise hatte ich ihn zu einer Zeit entdeckt, als ich ihn noch gar nicht wirklich verstehen konnte: Meine Begeisterung für Stallone war wohl die Ursache. Aber die erste Hälfte des Films nimmt einen tatsächlich sehr direkt in Beschlag. Die Bilder brauner Industrielandschaften, des tristen Arbeiteralltags, der Kämpfe um die Existenz, die sich im Malochen und dem Trinken von waschwasserartigem Bier am Abend erschöpft, haben etwas ungemein Einnehmendes. Stallone zieht einen sofort auf seine Seite. So, wie er die Arbeiter packt, packt er auch mich vor dem Bildschirm. Und es ist schmerzhaft diesem eigentlich doch herzensguten Kerl dabei zusehen zu müssen, wie es ihm nicht gelingt, auf den richtigen Weg zurückzukehren, nachdem er einmal falsch abgebogen ist. Das ist die schmerzhafteste Erkenntnis des Films: Manche Fehler lassen sich tatsächlich nicht mehr wiedergutmachen. Und das gilt zum Glück nur für Kovak, nicht für Stallone. Im Jahr darauf kehrte er mit ROCKY II zurück auf bekanntes Terrain. F.I.S.T. ist der bessere Film, aber das wissen leider nicht so viele Menschen.

 

 

1997 fand plötzlich sogar das deutsche Feuilleton Sylvester Stallone wieder toll, nachdem er in den 15 vorangegangenen Jahren allenfalls als Hollywood-Krawallclown mit lustiger Gesichtslähmung Beachtung gefunden hatte. Grund für diese plötzliche Wertschätzung war COP LAND, der Stallone nach etlichen misslungenen bis allenfalls mittelmäßig erfolgreichen Versuchen, sein Image als Actionstar in die Neunzigerjahre hinüberzuretten, zwar in eher ungewohntem Rahmen, aber doch keinesfalls in wirklich außergewöhnlicher Rolle zeigte. Es bedürfte nur weniger, eher kosmetischer Manipulationen am Erbgut und dem sozialen Umfeld Rocky Balboas, um ihn in den gutmütigen Freddy Heflin zu verwandeln, der in COP LAND geplatzten Träumen hinterhertrauert und sich in der Rolle als Mädchen für alles gefällt, weil er zu müde ist, etwas an seinem Leben zu ändern. Er ist ein typischer Stallone-Held: Nicht besonders intelligent, ein einfacher, liebenswerter Typ, immer etwas zu bescheiden, gutgläubig, harmoniebedürftig und auch faul, um für seine eigenen Interessen wirklich einzustehen. Diese Charaktereigenschaften werden in COP LAND noch dadurch potenziert, dass Stallone zum ersten Mal konsequent als alternder Mann gezeigt wird: Sein Freddy ist fett, er geht, als habe er starke Gelenkschmerzen, sein Leben ist ganz und gar unglamourös und eigentlich wartet er nur noch darauf, irgendwann zu sterben. Das Altern wurde auch schon in früheren Stallone-Filmen thematisiert – am stärksten wohl in ROCKY V und ASSASSINS –, aber dort wurde der Eindruck durch Stallones nach wie vor eindrucksvolle Physis und vor allem den Status seiner Figuren – Ex-Boxweltmeister hier, Super-Auftragskiller dort – gemindert. Kein Wunder, dass Filmkritiker, die wahrscheinlich jeden seiner vorangegangenen Filme mit eh schon vorgefertigter Meinung und milder Herablassung betrachtet hatten, plötzlich meinten, hier einen ganz „neuen“ Stallone zu sehen. „Mut zur Hässlichkeit“, „ungeschminkt“, „schonungslos“: Man kann sich lebhaft vorstellen, welche Reflexe seine Rolle auslöste. Wer auch schon vorher richtig higeschaut hat, stellt fest, dass Stallone keinesfalls bahnbrechend Neues leistet: Es ist der Film um ihn herum, der anders ist und seine Leistung hervorhebt.

Einige Cops des NYPD haben sich drüben in New Jersey, im beschaulichen Städtchen Garrison City ein beschauliches Fleckchen weitab vom Schmutz und Verbrechen der Großstadt aufgebaut. Als der junge Polizist Murray Babitch (Michael Rapaport) nach der Tötung zweier Minderjähriger Selbstmord begeht, ohne dass seine Leiche gefunden werden kann, richtet sich die Aufmerksamkeit des ermittelnden Internal-Affairs-Beamten Moe Tilden (Robert De Niro) auf Garrison City und Murrays dort lebenden Onkel, den Cop Ray Donlan (Harvey Keitel). Es besteht der dringende Verdacht, dass zur Finanzierung der gemütlichen Eigenheime der Polizisten Mafiagelder geflossen sind – natürlich gegen die entsprechenden Gefälligkeiten. Das Verschwinden Murrays ist nur ein Puzzleteil in einer immer länger werdenden Liste von krummen Dingern. Im Sheriff von Garrison, dem braven Freddy Heflin (Sylvester Stallone), findet Moe Tilden den geeigneten Verbündeten: Er appelliert an das Ehrgefühl des halbtauben, einsam lebenden Mannes und bringt ihn dazu, sich gegen die Einzug haltende Gleichgültigkeit zu wehren. Als Freddy dem totgeglaubten Murray begegnet, der nun die Ermordung durch den eigenen Onkel fürchten muss, beschließt er, den Kampf gegen Rays Männer aufzunehmen …

COP LAND ist klassischer Polizeifilm-Stoff, der vor allem damit punktet, dass er die Nähe zum Gangsterfilm sucht, die Parallelen zwischen beiden Genres akzentuiert und so auch die strukturelle Verwandtschaft von Cops und Gangstern herausarbeitet. (Schon durch die Anwesenheit von De Niro und Liotta wirkt er wie ein Spiegelbild von Scorseses GOOD FELLAS, aber es gibt weitere Parallelen.) Beide bilden eine eigene Subkultur mit eigenen Treffpunkten, Gepflogenheiten und Kodes, beide existieren völlig autark neben der Gesellschaft, bilden kaum eine Schnittfläche mit ihr. In COP LAND haben die Cops sogar – wie es der Titel in brillanter Pointierung zum Ausdruck bringt – ein eigenes „Land“: Durchreisende werden argwöhnisch betrachtet, Fremde sind eigentlich nicht erwünscht. Es ist dann auch kein Wunder, dass die eigentlich durch das Gesetz getrennten Fraktionen hier gemeinsame Sache machen. Der Konflikt – eigentlich nur ein Spiel, das beide spielen, weil es ihre Existenzgrundlage ist – und der Status als Nicht-Dazugehörende verbinden sie, verschweißen sie über ihre bestehenden Differenzen zur Interessengemeinschaft. Garrison, das Cop-Land, ist paradoxerweise ein rechtsfreier Raum. Er kann sich einen autoritätslosen Sheriff wie Freddy Heflin leisten, weil Verbrecher eh einen weiten Bogen um die ausschließlich von Polizisten bewohnte Stadt machen. Und das gibt denen wiederum Gelegenheit, in aller Ruhe selbst die krummen Dinger auszubaldowern, mit denen sie sich ihr karges Gehalt aufbessern und für den Lebensabend vorsorgen wollen. Denn auch das ist klar: Dafür, dass sie das Land und seine Bürger schützen sollen, werden sie verdammt schlecht behandelt. Als Murray sein Polizistenbegräbnis bekommt, liegt nur seine leere Uniform im Sarg: Totale Aufgabe des Selbst zugunsten des Amtes. Und um das Recht wiederherzustellen, muss Freddy am Ende ausgerechnet mit den Polizisten aufräumen. Wie einst Marshall Will Kane zieht er zum Shootout mit den Verbrechern, die doch Cops sein sollten.

James Mangold habe ich bislang als uninspirierten, aber soliden Klassizisten empfunden, der stark abhängig von seinen Drehbüchern ist. GIRL, INTERRUPTED fand ich damals unerträglich, KATE & LEOPOLD, der alle drei Tage irgendwo im Fernsehen zu laufen scheint, sieht so aus, als sei er schrecklich egal, und IDENTITY war nett, aber auch ziemlicher Kinderkram, an den ich mich überhaupt nur erinnere, weil ich die IMDb jede Gedächtnislücke gnadenlos schließt. An WALK THE LINE, 3:10 TO YUMA und KNIGHT AND DAY habe ich mich noch nicht herangetraut: Ich gehe davon aus, dass die auf eine Art und Weise gut sind, die mich fürchterlich langweilt. Sauberes Erzählkino eben, ohne echte eigene Einfälle oder auch nur die leiseste Spur von Wahnsinn. Bei COP LAND ist diese handwerklich gute, aber auch recht unauffällige Regie hingegen sehr angebracht: Hier wird nicht der Eindruck erweckt, man erfinde das Genre des Copfilms neu, im Gegenteil. Der Film benutzt sein breites Fundament, um Handlungslücken zu füllen und sich auf seine Charaktere zu konzentrieren. Er steht in ständigem Dialog zu einem riesigen Korpus an Polizeifilmen. Das eindrucksvolle Casting schreit „Ereignis!“, aber der Film will da nicht ganz mitspielen. Stallone, Keitel, De Niro und Liotta ringen um Aufmerksamkeit und kommen dabei immer einen Hauch zu kurz, zumal da auch noch die kaum weniger beachtliche Riege an Nebendarstellern ist: Der von mir immer gern gesehene Michael Rapaport spielt Murray Babitch auf die ihm eigene Art als unbeherrschtes Riesenbaby, Peter Berg und Robert Patrick sind typische Arschlochbullen, Annabella Sciorra gibt Freddys große Liebe. Doch Mangold widersteht dem sicherlich großen Reiz, COP LAND als Nummernrevue zu inszenieren, als Sammlung von dem jeweiligen Star auf den Leib geschneideter Szenen. Das Ergebnis ist ein überraschen zurückgenommener, ruhiger Film. Fast wünscht man sich, der Regisseur hätte auch auf den Showdown verzichtet, der zwar folgerichtig ist, aber aus dem sonst so homogenen Film mit seiner expressiven Inszenierung heraussticht. Und auf diese Rede Liottas, in der er Freddy empfiehlt, sich „diagonal“ zu bewegen: Weil sowohl Freddy als auch der Film diesen Rat komplett verwerfen, ist das der einzige Moment, der nach dem großen „Schauspielerkino“ aussieht, dass der Film sonst eben gerade nicht liefern mag.

THE EXPENDABLES hat mich vor etwas mehr als zwei Jahren wahnsinnig glücklich gemacht: Ein richtig guter Film war er trotzdem nicht. Die Freude darüber, die alten Recken nach teilweise entbehrungsreichen Jahren in einem großen Actionfilm vereint zu sehen, überdeckte die milde Enttäuschung darüber, dass Slys Film kein großes „Fuck You!“ an die modernen Sitten und Gebräuche des Actionkinos darstellte, sondern weitestgehend dessen fragwürdigen ästhetischen Rahmenbedingungen verpflichtet war. Dass THE EXPENDABLES verglichen mit anderen Großproduktionen dennoch beinahe bescheiden rüberkam – was Viele ihm ankreideten –, er nicht versuchte, das Rad neu zu erfinden oder Michael Bay und Konsorten in Sachen Megalomanie zu überbieten, fand ich sehr angenehm. Es passte zur Altersmüdigkeit seiner Darsteller, zu ihrem Wissen, dass der eigene Mythos längst gesichert ist. Niemand von ihnen musste irgendwem noch irgendwas beweisen. Bei THE EXPENDABLES 2 ist die Unschuld weitestgehend verloren: Die Freude über das Wiedersehen, das schöne Gefühl, den alten Helden bei ihrer verdienten Ehrenrunde zujubeln zu dürfen, weicht hier dem Eindruck, dass das alte Eisen den angekündigten Ruhestand gern noch ein paar Jahre nach hinten verschiebt, wenn die große Kasse winkt. THE EXPENDABLES war ein Geschenk, THE EXPENDABLES 2 ist im Grunde Business as usual. THE EXPENDABLES war Black Sabbath einmalig wiedervereint mit Ozzy, THE EXPENDABLES 2 ist die xte Tournee der greisenhaften Rolling Stones. Der Film schmälert schon durch seine bloße Existenz rückwirkend den Liebesdienst, den Sly seinen Fans mit Teil 1 erwiesen hat. Und er wirft teilweise sogar die Frage auf, ob er wirklich verstanden hat, was einen guten Actionfilm auszeichnet, was Fans am Genre und seinen Protagonisten lieben und was am ersten Teil gelungen war.

THE EXPENDABLES handelte seine Action-Set-Pieces fast pflichtschuldig ab, war dafür immer ganz bei sich, wenn er seinen wettergegerbten Helden dabei zusah, wie sie sie selbst waren. Mehr als irgendwelche Stunts oder Effekte sind es die kleinen Momente, die sich bei mir eingebrannt haben: Stallone und Rourke im nachdenklichen Zwiegespräch, die Sorge Jet Lis um sein finanzielles Auskommen, Dolph Lundgrens fall from grace und seine finale Wiederaufnahme im Kreis der Kameraden. Dass ich hier die Namen der Darsteller verwende und nicht die ihrer Rollen, ist zwar meiner Faulheit zuzuschreiben, bei IMDb nachzuschauen, macht aber dennoch Sinn: THE EXPENDABLES bediente den Wunschtraum eines jeden Fans, dass seine Helden (oder etwa die Mitglieder der Lieblingsband) auch privat die dicksten Kumpels sind, in ihrer Freizeit miteiander rumhängen und in Erinnerungen schwelgen, Anekdoten austauschen, sich necken und aufziehen, aber immer für einander da sind. Außergewöhnlich an diesem Film war nicht die Allstar-Besetzung, sondern seine fast unverschämte Relaxtheit. Der generische Plot um Eric Roberts und seine Bananenrepublik hat beim Ehemaligentreffen fast gestört.

Nun also THE EXPENDABLES 2: Die Vermarktungslogik ließ vermuten, dass gegenüber dem Vorgänger vor allem quantitativ zugelegt wird. Und so ist es dann auch: Die Cameos von Bruce Willis und Arnold Schwarzenegger wurden zu Nebenrollen ausgebaut, Chuck Norris darf einen Gastauftritt absolvieren, Jean Claude Van Damme den Schurken spielen, die Rolle des obersten Henchman, die im Vorgänger Steve Austin zufiel, übernimmt nun Scott Adkins. (Zu meinem Bedauern wurde Gary Daniels nicht adäquat ersetzt. Dabei hätten sich Lorenzo Lamas, Billy Blanks, Roddy Piper, Sasha Mitchell oder Jeff Speakman sicherlich über einen Anruf gefreut und wären wahrscheinlich zu Fuß zum Drehort gelaufen. Na gut, Billy Blanks vielleicht nicht, der dürfte als Tae-Bo-Guru mehr Geld gescheffelt haben als mit allen seinen Filmen zusammen.) Diese personelle Auftstockung wird aber bei genauem Blick schon dadurch relativiert, dass Jet Li bereits nach gut 20 Minuten aus dem Film verschwindet. Ein Fehler, weil es auch sein Rapport mit Dolph Lundgren war, der dem Vorgänger Herz und Seele verlieh. Und Lundgren, der eigentliche Star und emotionale Kern von THE EXPENDABLES, wird hier als hohler Comic Relief verheizt. Randy Couture und Terry Crews waren schon im ersten Teil nur Randfiguren und werden noch mehr marginalisiert. Die Szenen, die das Team bei den gemeinsamen Plauderstündchen zeigen, vermisst man schmerzlich. Gerade, weil sie auch hier wieder genau jene Momente markieren, in denen der Film die Seele offenbart, an der es ihm sonst an allen Ecken und Enden mangelt. Die Actionszenen wurden ausgebaut, sie sind länger, blutiger und auch spektakulärer, zudem – eine der wenigen echten Verbesserungen gegenüber dem ersten Teil – deutlich übersichtlicher und kohärenter inszeniert, aber sie füllen nicht die Lücke, die da sonst klafft.

Wie auch THE EXPENDABLES wird auch sein Sequel voreilig als Eighties-Revival-Action, als Dienst am Fan des guten alten Actionkinos der Achtziger bezeichnet. Das traf schon auf Teil 1 nur bedingt zu (stilistisch hatte er mit den Actionfilmen der Achtziger rein gar nichts zu tun), hier geht es vollkommen an der Sache vorbei. THE EXPENDABLES 2 ist genauso am Reißbrett entworfenes Produkt wie so viele Filme, die man sonst mit dem Arsch nicht anschauen würde. Die Ausnahme ist, dass hier Leute mitspielen, von denen man dachte, dass sie es besser wüssten. Das große Ärgernis des Films ist seine unerträgliche Selbstreferenzialität, mit der er sich eben gerade nicht an die Cracks wendet, an Menschen, die das Werk Stallones, Schwarzeneggers, Norris‘, Lundgrens oder Van Dammes in- und auswendig kennen, es studiert haben und innig lieben. Die hohlen Zitate, die da vor allem Schwarzenegger in einem fort in den Mund gelegt werden, sind genau jene Zeilen, die zu bejubeln man die Quelle gar nicht mehr kennen muss, weil sie längst in den Fundus der Popkultur eingegangen sind. Wie einfallslos und ahnungslos muss man sein, wenn man ein von Arnie geäußertes „I’ll be back“ als Pointe in einer Multimillionen-Dollar-Produktion verkauft, die sich als Oldschool-Action versteht? Wenn man ihn Bruce Willis ein „Yippiekayay“ entgegnen lässt? Das hat nichts mit Ehrerbietung oder Metahumor zu tun (und mit Insiderwitz noch viel weniger), das ist einfach nur miserables Handwerk. Ein Armutszeugnis, ehrlich gesagt. Chuck Norris‘ Auftritt wäre eine schöne Sache gewesen, wenn man sich wenigstens ein bisschen Mühe gegeben hätte, ihn halbwegs sinnvoll in die Handlung zu integrieren. So latscht er in den Film rein, weil er auch noch mitmachen muss und verwandelt ihn in eine härtere Variante von HOT SHOTS. Es hätte nur noch der Schwenk auf das mitfilmende Kamerateam gefehlt, die Entfremdung wäre dadurch kaum stärker ausgefallen.

Solcherlei Stückwerk, die unkreative, ohne Sinn für eine übergeordnete Dramaturgie erfolgte Aneinanderreihung zotiger Gimmicks zerstört dann auch den Effekt, den die gelungeneren Szenen ohne jeden Zweifel hätten haben können. Jean Claude Van Damme hat eine traurig unterentwickelte Schurkenrolle abbekommen, aber er reißt den Film in jeder seiner Szenen an sich. Er muss dafür nicht mehr tun, als anwesend zu sein und sein in den letzten zehn Jahren ausgeprägtes Eisgesicht hinter einer coolen Sonnenbrille zu verbergen. Er sieht aus wie die Muse eines Avantgarde-Künstlers, wie die Gestalt aus einem Kraftwerk-Video: unantastbar, kantig, androgyn, geil. Dem Affentheater, zu dem der Film in den letzten 20 Minuten verkommt, setzt er Arroganz, Selbstbewusstsein und Kaltschnäuzgkeit entgegen. Auch Scott Adkins nutzt seine Mini-Chance und bekommt die Gelegenheit, seinen bewährten Yuri-Boyka-Akzent in einer Hollywood-Produktion unterzubringen (vielleicht der einzig echte In-Joke des Films, schon deshalb, weil er kaum jemandem aufgefallen ist – so ähnlich wie Gary Daniels im Vorgänger). Nur Stallone kann da mithalten. Sein kurzatmig ausgestoßenes „Track him, find him, kill him!“ ist einer der raren Gänsehautmomente des Films. THE EXPENDABES 2 sollte eigentlich voll von solchen Momenten sein, aber die Prioritäten lagen leider woanders.

Der Text ist jetzt etwas schärfer geworden, als ich das vorhatte. Es ist mir tatsächlich genetisch unmöglich, THE EXPENDABLES 2 nicht doch irgendwie zu mögen, aber die Erkenntnis, dass die unantastbaren Helden nicht nur nicht unfehlbar sind, sondern auch noch unter massiven Geschmacksverwirrungen leiden, ist ziemlich schmerzhaft. Ich wollte einen anderen THE EXPENDABLES 2 als diesen. Einen, der ohne dämlichen Humor auskommt, einen, der seine Recken nicht insgeheim zu Clowns degradiert. Einen der mir nicht ständig – wink-wink, nudge-nudge – zuzwinkert und sich mit mir verbrüdern will, indem er mir Witze erzählt, die ich schon kenne. Einen mit Herz und Seele und nicht nach zielgruppenorientierter Marktanalyse zurechtoptimierten Eventklumpen. Ich muss mich wohl damit abfinden, dass ich damit einer Minderheit angehöre. Und ich bin durchaus kompromissbereit. Das Problem an THE EXPENDABLES 2 ist nicht in erster Linie, dass er etwas macht, was ich nicht wollte. Sondern dass er das, was er macht, schlecht macht.

Als ein Serienmörder seine Lebensgefährtin umbringt, stürzt sich der FBI-Agent Jake Malloy (Sylvester Stallone) in den Alkoholismus. Sein Partner Hendricks (Charles S. Dutton) bringt ihn schließlich in ein Rehabilitationszentrum, das von einem Ex-Cop (Kris Kristofferson) speziell für alkoholabhängige Polizisten geführt wird. In der verschneiten Einöde Wyomings befinden sich die Patienten in einem ehemaligen Bunker in totaler Isolation. Hilfe ist also nicht in Sicht, als die ersten Insassen sterben. Es scheint, als sei der Serienmörder Malloy gefolgt …

Ich erinnere mich noch daran, als ich bei einem Kinobesuch das Plakat sah, das D-TOX seinerzeit ankündigte. „Juchhuuh, ein neuer Stallone!“, dachte ich mir, war es doch in den Jahren zuvor ziemlich ruhig geworden um mein Jugendidol. Das war dann aber auch das letzte, was ich von D-TOX mitbekam: Der Film kam ohne großes Trara ins Kino und verschwand innerhalb kürzester Zeit wieder. Er floppte so massiv, dass Stallones nächster Film AVENGING ANGELO in Deutschland gar nicht erst den Weg ins Kino fand, sondern gleich auf DVD verwurstet wurde: Es war seit 1984 und seinem Komödienflop RHINESTONE der erste Film Stallones, dem in Deutschland dieses Schicksal wiederfuhr.

Die Erwartungen an D-TOX waren heute dementsprechend gering und vielleicht lag es nur daran, dass mir die erste halbe Stunde sogar ganz gut gefiel. Klar, die Creditsequenz ist ein sieben Jahre verspäteter Rip-off von SE7EN, aber Stallone macht seine Sache sehr ordentlich und sieht auffallend frisch aus. Der Film versumpft dann aber in genau dem Moment, in dem er eigentlich losgehen sollte, nämlich mit Betreten des Reha-Centers, in der totalen Beliebigkeit. Gillespie hatte vorher einen Überraschungserfolg mit I KNOW WHAT YOU DID LAST SUMMER gelandet und D-TOX zeigt eindrucksvoll, dass er seitdem nichts dazugelernt hat. Nach dem ausgelutschten Slasher-Prinzip wird die müde Handlung abgespult, mit dem Unterschied, dass es hier keinerlei Schauwerte gibt. Das Setting sollte wohl eine ähnlich klaustrophobische Stimmung erzeugen wie Carpenters THE THING, doch bedarf es dazu eines größeren inszenatorischen Geschicks, einer ausgefeilteren Dramaturgie und vor allem Charaktere, die einem nicht völlig egal sind. Mühsam und höhepunktarm schleppt sich der Film über die Zeit, das eintönige Grau-in-Grau ermüdet auch den wohlwollendsten Zuschauer. Erst zum Ende, wenn Malloy den Bösewicht hübsch sadistisch killt, kommt noch einmal ganz kurze Stimmung auf, ansonsten ist D-TOX ein Schlafmittel erster Güte.

Dabei war hier doch zumindest Potenzial wenn schon nicht für einen guten Thriller, so doch immerhin für einen beknackten Baddie vorhanden. Die Idee, dass eine Gruppe von Polizisten sich im Nirgendwo zu einer Therapie versammelt, ist schon ziemlich hanebüchen, und wie die vermeintlichen Profis sich verhalten, als es ernst wird, wirft auch kein gutes Bild auf den Zustand der Verbrechensbekämpfung. Was das überhaupt für Gestalten sind: Keiner von denen macht den Eindruck, dass er überhaupt einsieht, eine Therapie nötig zu haben. Wahrlich beste Voraussetzungen für den Erfolg. Woraus jemand wie etwa Renny Harlin einen schön durchgeknallten Big-Budget-Trasher gemacht hätte, wird unter der Regie von Gillespie ein langweiliger Thriller, der niemanden aufregt, ein Serienmörderfilm ohne Schrecken, ein Slasher ohne Gore. Das braucht in dieser Form wirklich kein Mensch.