Mit ‘Takeshi Itô’ getaggte Beiträge

Wer der Meinung ist, es gäbe keine Tabus mehr, die man brechen könnte, kann sich ja mal die im Netz verfügbaren Rezensionen durchlesen, die Hisayasu Satōs LOLITA VIB-ZEME eingefahren hat. Der Film wird in großem Einvernehmen als verabscheuungswürdiger Schund verrissen, dass Satō als einer der Säulenheiligen des Pinku gilt, zählt nicht. So ist das mit der Kunst. Irgendwo steht immerhin noch geschrieben, Satōs Film habe für den Vibrator eine ähnliche Bedeutung wie THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE für die Kettensäge, aber auch das stülpt dem Film nur eine Maske über, die ihm nicht wirklich passen mag.

Ja, LOLITA VIB-ZEME ist auch ein Film über einen Serienmörder, er ist in seiner Darstellung von Leid und Perversion nicht gerade zimperlich und inkorporiert wie einst Hoopers Evergreen verstörende Bildcollagen – trotzdem sträubt sich in mir alles, ihn als „Horrorfilm“ zu bezeichnen oder die lose Verwandtschaft zum großen Klassiker überzustrapazieren. Wie auch die beiden Filme, die ich zuletzt von Satō gesehen habe, zeichnet er ein Bild von allumfassender urbaner Einsamkeit, von Entfremdung, Leere und Ziellosigkeit. Nur in den bizarren sadomasochistischen Gewaltfantasien finden seine Protagonisten etwas, das ihnen das „normale“ Leben nicht zu geben vermag.

Kozue (Sayaka Kimura) verteilt kopierte Flyer mit dem Foto ihres vermissten Freundes in Tokio. Ein Privatdetektiv (Takeshi Itô) bietet ihr seine Hilfe an, doch in Wahrheit ist er ein impotenter Killer, der seine Frustrationen an Frauen auslässt, indem er sie mit einem Vibrator vergewaltigt, umbringt und im Moment ihres Todes fotografiert. Zwischen ihm und Kozue entsteht eine Art Liebesbeziehung …

Klassisches Erzählkino sollte man hier nicht erwarten und auch die oben versuchte Inhaltsangabe ist eine eher hilflose Skizze. Leerstellen durchziehen den Film, Worte können nie wirklich erklären, was da vor sich geht. Kozue lebt ganz allein in ihrer Wohnung, ihr Vater scheint immer an der Arbeit zu sein, schläft sogar im Büro. Ihre beste Freundin vergiftet das Schulessen mit Aerosol und muss dafür später mit einem Schild auf dem Rücken herumlaufen. Hat sich Kozues Freund nun umgebracht oder nicht? Und was hat es mit dem Anruf der Mutter auf sich, der den Film (fast) beendet? Möglich, dass das Verstehen lediglich durch fehlendes Sprachverständnis und mangelhafte Untertitel verhindert wird, aber ich glaube nicht daran. Satō erweist sich gleichermaßen als Skeptiker und Träumer und dieses Nebeneinander des vermeintlich Unvereinbaren verleiht dem Film seine albtraumhafte Schönheit: Die Annehmlichkeiten der modernen Welt sind eine Täuschung, der Mensch verkümmert und vereinzelt, doch der Ausbruch ist möglich, sofern er denn mit äußerster Radikalität vollzogen wird. Der Zustand, den seine Protagonisten erreichen, ist kein passives Eremiten- oder quasiaufmüpfiges Rebellendasein (am Ende scheint sich Satō einmal über linksintellektuelle Hipster lustig zu machen, wenn er seinem perversen Liebespärchen Sonnenbrillen aufsetzt und sie Außenseiter-Künstler vor einem dummdreisten Reporter spielen lässt), sondern vielmehr die vollständige spirituelle/transzendentale Loslösung vom irdischen Sein. Ich nehme an, dass Kozue am Ende in den Freitod geht, die einzige Möglichkeit der täglichen Pein zu entgehen. Aber eine Niederlage, ein Eingeständnis der Schwäche ist das nicht. Den Vibrator, der ihr als einziges etwas Glück spendete, braucht sie nun nicht mehr.

Klassische linke Gesellschaftskritik, könnte man meinen, aber Satō macht kein politisches Thesenkino, jedenfalls keines, dass sich wortwörtlich in griffige Botschaften übersetzen ließe. Bei aller sozialen Realität, die seine Filme abbilden, sind sie doch auch in einer Parallelwelt angesiedelt, die nur seine Protagonisten wirklich verstehen. Seine Filme sind vordergründig kalt, aber unter der Oberfläche brodelt die Leidenschaft, die nicht nach oben darf. Die analytische Schärfe, die etwa Cronenbergs Werk auszeichnet, mit dem Satō oft verglichen wird, sehe ich hier nicht. Seine Filme oszillieren zwischen fiebrigem Wahn und mitleidloser Klarheit, ohne sich jemals für eine Wahrnehmung entscheiden zu wollen. Das Verstörende an LOLITA VIB-ZEME sind nicht seine Vergewaltigungen, sondern die Tatsache, dass er sie konsequent aus dem Blickwinkel des Täters filmt und sich das moralische Urteil bis ganz zum Schluss verkneift. Für seinen Protagonisten und sein späteres Opfer ist diese Form der Sexualität anscheinend tatsächlich nur ein Mittel, dem existenziellen Schmerz zu entfliehen. Aber eine Heilung ist sie auch nicht, immerhin.

Meine wundersame Reise in die bizarren Filmwelten des Hisayasu Satō geht weiter – mit einem Film, gegenüber dem der auch schon reichlich eigenwillige NEKEDDO BURÂDDO: MEGYAKU beinahe mainstreamig wirkt. IYARASHII HITOZUMA: NURERU ist deutlich Pinku-lastiger als der genannte, weniger splatterig und erzählerisch noch leerer, setzt noch mehr auf eine ungemütlich-kalte, gleichwohl oftmals ins Absurd-Tragikomische hineinspielende Stimmung der Entfremdung und Einsamkeit. Außerdem meine ich darüber hinaus eine kleine Noir-Schlagseite ausgemacht zu haben, die ausgezeichnet zu seinem urbanen Zwielichtszenario passt: Im Zentrum steht eine mörderische Femme fatale, mit der es der abgebrannte Protagonist zu tun bekommt, und die Strategie Satōs, die Geschehnisse in Dialogpassagen von seinen Figuren erklären zu lassen, führt wie bei Noir-Klassikern wie THE BIG SLEEP oder THE MALTESE FALCON gerade nicht dazu, die Ereignisse plausibel zu machen. Im Gegenteil verstärken sie noch die Irritation und Verwirrung des Zuschauers, der beim Versuch, all diese Erklärungen mit dem, was er gesehen hat, in Übereinstimmung zu bringen, gnadenlos scheitern muss.

Zu Beginn scheint alles noch sehr klar: Takeshi (Takeshi Itô) wurde vor kurzem von seiner Freundin verlassen und wandert seitdem mehr oder minder ziellos durch die Straßen Tokios. Dabei guckt er sich willkürlich Menschen aus, denen er dann folgt. Bei einem seiner Ausflüge macht er Bekanntschaft mit einem Liebespärchen, das sich als höchste Form der Intimität gegenseitig das Blut des jeweils anderen injiziert. Die beiden erwähnen außerdem einen Vampir, der die Straßen der Stadt unsicher mache. Bei diesem Vampir handelt es sich um die Gattin eines Arztes, die einem fehlgeschlagenen Steroid-Experiment zum Opfer gefallen und nun anbhängig von dem Medikament ist. Takeshi erfährt von ihrem Ehemann nicht nur, dass er von seiner Ex-Freundin mit AIDS infiziert wurde, er erhält auch den Auftrag, der Vampirin zu folgen und sie zu beobachten. Die beiden beginnen eine Liebesbeziehung, die tragisch endet …

Worüber man nicht reden kann, darüber muss man schweigen, wusste schon der alte Wittgenstein. Dass er IYARASHII HITOZUMA: NURERU gesehen hat, ist ausgeschlossen, sein Aphorismus fällt mir aber notgedrungen ein, denn ich bekommen diesen Film einfach nicht richtig zu fassen. Man kann Trivia herunterbeten, erwähnen, dass Satō seine Darsteller im Guerilla-Style auf der Straße zwischen den Passanten filmte oder dass dies einer der ersten Pinkus ist, in dem AIDS offen thematisiert wurde. Die Story, in der Blut und Infektionen eine wichtige Rolle spielen, in der kranke Menschen in dunklen, kargen Zimmern nach Möglichkeiten suchen, ihr Leben zu leben, in der sie eine Art Parallelgesellschaft bilden, die mit den „Normalen“ in keinerlei Kontakt mehr steht, bietet sich an, ja zwingt einen geradezu, sie als AIDS-Allegorie zu interpretieren, aber mit gefälligem Themenkino hat das, was Satō auf die Leinwand bringt, rein gar nichts zu tun. Verstörend, dunkel und schmutzig ist das, selbst wenn der Liebesakt abgebildet wird, und der gleichermaßen somnambule wie spasmisch stolpernde Flow des Films verstärkt noch den dissoziativen Effekt, den geflüsterte Voice-overs, der großzügige Gebrauch von Spritzen und verfremdete Bilder der Metropole hervorrufen. IYARASHII HITOZUMA: NURERU driftet in seinem letzten Drittel immer mehr in den Wahnsinn ab, die anfängliche Klarheit verflüchtigt sich, Auflösungserscheinungen machen sich breit, Satō hört auf, klassisch zu erzählen. Einmal hagelt es eine wortreiche Erklärung der Vorgänge, die mehr Fragen aufwirft als sie beantwortet, und es stellt sich die Frage, ob der Blick der Kamera tatsächlich so distanziert ist, wie es den Anschein macht, oder ob wir als Zuschauer nicht doch mitten drin sind im Körper eines Totkranken, die Wahrnehmung von Drogen beeinträchtigt. Ich verstehe diesen Film nicht, aber er übt eine endlose Faszination auf mich aus. Two films in, hat mich Satō schon voll gepackt. Wo wird das nur enden?