Mit ‘Tarsem Singh’ getaggte Beiträge

Nachdem die Götter die Titanen besiegt und zur Kerkerhaft ins Innere des Bergs Tartaros verbannt haben, plant König Hyperion (Mickey Rourke) einen Rachefeldzug, der sich sowohl gegen die Götter als auch die diese verehrenden Hellenen richtet. Doch um aus dieser Schlacht als Sieger hervorzugehen, benötigt er den verschollenen Epeiros-Bogen, der seinem Besitzer unglaubliche Macht verleiht. Theseus (Henry Cavill), ein einfacher Mann, von Zeus (Luke Evans) dazu auserkoren, ihn auf Erden zu vertreten, kommt ihm zuvor und führt den Widerstand gegen Hyperion selbst an …

Eine schroffe, senkrecht mehrere hundert Meter ins Meer fallende Felswand, aus der der nackte göttliche Wille einige Plateaus geschlagen zu haben scheint, die gerade Platz genug für einige bescheidene menschliche Siedlungen bieten. Ein zorniger, wilder König, dessen Stimme ein gutturales Grollen ist und dessen wuchtiger Körper so aussieht, als sei er von einem Bildhauer in großer Hast und voller Angst vor dem eigenen Werk aus einem Felsbrocken herausgeschlagen worden. Ein Himmel voller dramatischer Wolkenformationen, die die grausam blass scheinende Sonne nie so weit durchlassen, dass sie die trostlosen Felslandschaften ganz erhellen könnte. Menschenleben, die nichts wert sind, die immer auf dem schmalen Grat zwischen einem entbehrungsreichen Leben und einem grausamen Tod gelebt werden. Zornige Götter, die sich das Treiben unter ihnen teilnahmslos anschauen, bevor sie beschließen, machtvoll einzugreifen. Monolithische Gewölbe, die mehr Schatten als Licht bieten und deren massiver Prunk keinem anderen Zweck als der Machtdemonstration und der Einschüchterung dient. Archaische Rituale, Stammesdenken, Zauberei und Vorhersehung, die das Leben in Ketten schlagen. Blut, das den unfruchtbaren Boden tränkt. Bilder des Todes, auf denen die Zukunft aufgebaut wird.

Tarsem Singh verfilmt griechische Mythologie. Das Ergebnis ist weniger Film als Gottesdienst, ein Erspüren und Beschwören unserer Wurzeln. Film als Tanz, als Aufmarsch, als Entfesslung eines vorzivilisatorischen wilden Potenzials. Film als Architektur, als Versuch, Strukturen aufzubauen, aber auch als Abrissbirne, die diese Strukturen lustvoll wieder zerschmettert. Film als Pfeil ins Auge, als knöcherne Kralle, die das Herz eiskalt umfasst, als dräuender Schatten, der sich wie eine Totendecke um die Seele legt, als bebender Donnerhall, der durch Mark und Bein dringt und uns bis in die Grundfesten erschüttert, als Leuchtfeuer weit hinten am Horizont, das uns den Weg zum Ziel leitet, uns gleichzeitig aber sagt, dass wir es nie erreichen werden. Film als Bilderbogen, der das Leben als Abfolge von kurzen Triumphen und langem Leiden darstellt. Film als Memento Mori: Der Mensch ist sterblich, aber er kann die Unsterblichkeit über seine Gabe, den Dingen Sinn zu verleihen, sie in Erzählungen zu binden, Unsterblichkeit erlangen. Film als Ausdruck eines universell menschlichen Wissens: Wir müssen alle sterben.

Die Kritik an diesem Film ist leicht. Es ist dieselbe, die Singh schon bei THE CELL ereilte: Style over Substance, Prätentiosität, narrative Einfalt, Augenwischerei. IMMORTALS entstand komplett im Studio, wo einige der wichtigsten Schauplätze aufgebaut und dann durch beeindruckende CGI-Landschaften ergänzt wurden. Der Vergleich mit Snyders 300 liegt nicht nur aufgrund der thematischen Verwandtschaft nahe, doch ist Singhs Stil ein gänzlich anderer. Ist Snyder weitestgehend der intensified continuity verpflichtet, an vordergründigem Spektakel und Adrenalinschub interessiert, da inszeniert Singh bedeutend langsamer. Er überrumpelt nicht, er verführt, hypnotisiert. Sein Schnitt fragmentiert weniger, als dass er konkretisiert. So entsteht eher der Eindruck, einem aufwändigen Theaterstück zuzusehen als einem Actionfilm: Vor prachtvollen Bühnenbildern positionieren sich die Akteure, folgen einer durchdachten Choreografie, deren Einzelelemente Singh dann im Schnitt akzentuiert. Er nähert sich so antiken künstlerischen Darstellungen der Mythen an, die ganze Erzählungen auf einprägsame Bilder herunterkürzen und Historie als Abfolge solcher Bilder begreifen. Film als „Painting-Strip“ wie er es selbst nennt, filmisches Erzählen in Tableaus. Der Mangel an Exposition, Sinn, Motivation, den etwa Roger Ebert in seiner Rezension kritisiert, ist in Wahrheit das, was das Überleben der Mythen durch die Jahrtausende gewährleistet: Sie bieten die Möglichkeit, das Vergangene immer wieder auf Relevanz abzuklopfen und quasi „nach Bedarf“ zu aufzuladen oder umzudeuten. Wer Leere bemängelt, hat nur noch nichts gefunden, womit er diese auffüllen kann. Ich würde IMMORTALS im Gegenteil als übervoll bezeichnen: Nach einer Sichtung lastet er wie ein Stein auf mir. Oder wie das Schcksal, das mich als Sterblichen auf diese Welt geworfen hat.

Als es meine Frau und mich am vergangenen kinderfreien Samstag ins Kino zog, landeten wir zuerst mitten in einer frühnachmittäglichen Kindervorstellung. Tarsem Singhs MIRROR MIRROR war um 14:30 Uhr absolut „alternativlos“. Leider ist die Schneewittchen-Verfilmung des visuellen Poeten eine Enttäuschung gewesen: Warum, das kann man in der Filmgazette nachlesen, für die ich eine Rezension verfasst hae. Klick hier.

fall1In einem Krankenhaus im Los Angeles der Zwanzigerjahre entwickelt sich eine Freundschaft zwischen zwei denkbar ungleichen Patienten: der kleinen Alexandria (Catinca Utaru), die sich bei einem Sturz den Arm gebrochen hat, und dem Stuntman Roy Walker (Lee Pace), der sich wiederum bei einem selbstmörderischen Stunt schwere Verletzungen zugezogen hat. Während ihrer Besuche bei ihm erzählt er ihr die Geschichte vom Kampf einer illustren Schar von Banditen gegen den bösen Governor Odious, in die mehr und mehr autobiografische Details sowohl aus Roys als auch Alexandrias Leben einfließen. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion zerfließen zusehends … 

Singhs Hollywood-Debüt  THE CELL dürfte dem Regisseur rückblickend eher geschadet haben, wofür auch die lange Pause zwischen beiden Filmen spricht: Der Thriller um Jennifer Lopez wird gemeinhin mit dem „Style over Substance“-Vorwurf abgefertigt; sehr zu Unrecht, wie ich finde, lässt Singh doch gar keinen Zweifel, dass sein Interesse nicht dem hanebüchenen Krimiplot, sondern eher der Kreation einer morbiden Seelenlandschaft geht. Dennoch: Man sieht THE CELL seine Herkunft deutlich an, erkennt darin unzweifelhaft den Versuch des Hollywood-Systems, einen visionären Filmemacher in das Korsett typischen Blockbuster-Kinos zu pressen. Dass der Inder weitaus mehr kann, als wohlfeile Bilder auf die Leinwand zu zaubern, belegt nun THE FALL sehr eindrucksvoll und darf zudem als Aufforderung an andere Filmemacher verstanden werden, für die eigenen Projekte zu kämpfen und sie auch unter widrigen Umständen zu verwirklichen, anstatt sich von Hollywood zum faulen Kompromiss zwingen zu lassen. THE FALL – gedreht über einen Zeitraum von vier Jahren in über 20 verschiedenen Ländern – feiert das Ritual des Geschichtenerzählens, zeigt, wie der Mensch sein Seelenheil in der Narration findet, wie er die Tristesse der Realität mit den Mitteln der Fantasie überwindet, seine irdische Existenz besser verstehen lernt, wenn er sie durch die Brille der Fiktion betrachtet. Der wegen einer tragisch verlaufenen Liebesbeziehung suizidale Roy lernt im Verlauf seiner Geschichte und dem gemeinsamen kreativen Prozess mit Alexandria auch seinen Kummer zu verarbeiten und seine Krise zu überwinden. Singh weiß, dass zum Erzählen zwei gehören: Der aufmerksame und seinerseits fantasievolle Zuhörer ist genauso wichtig wie der Erzähler und im Idealfall ist das Ritual des Geschichtenerzählens ein wechselseitiger Prozess. Als Zuschauer lauschen wir der Stimme des Erzählers Roy, doch die Bilder, die wir sehen, entspringen der Vorstellungskraft der kleinen Alexandria, die sich so immer in das Ergebnis „einmischt“, Roy manchmal sogar zum Neuanfang oder zur Modifizierung zwingt, wenn ihr etwas nicht gefällt oder ihr ein Fehler, ein Plothole auffällt. Dass THE FALL visuell ein Gedicht ist, muss eigentlich nicht gesondert erwähnt werden. Doch der Stilwille, der hier zum Ausdruck kommt, ist nicht weniger als beeindruckend. THE FALL ist einer der schönsten Filme der vergangenen Jahre, reiht sich nahtlos ein in eine lange Ahnenreihe von „Erzählfilmen“ – und die Kritiker, die hier von „Inhaltsleere“ stammelten, haben wirklich rein gar nichts begriffen.