Mit ‘Ted Kotcheff’ getaggte Beiträge

WAKE IN FRIGHT von FIRST BLOOD-Regisseur Kotcheff, der in den letzten Jahren wiederentdeckt wurde – Gott sei Dank, möchte ich hinzufügen -, ist kein Horrorfilm im engeren Sinne, aber er hat mir Angst gemacht wie nur wenig in den letzten Jahren. Es ist ein Film übers hemmungslose Saufen und den damit einhergehenden Kontrollverlust und als solcher ist WAKE IN FRIGHT schon eine bemerkenswerte Ergänzung des Kanons an Trinkerfilmen, aber meiner Meinung nach geht es um etwas anderes, deutlich Universelleres und Beunruhigenderes: Der Film zeigt ziemlich nachdrücklich, wie schnell und bereitwillig der Mensch in die totale Barbarei abdriftet, wenn der erste Schritt gemacht ist, der Schleier der Zivilisation die ersten Löcher bekommen hat.

John Grant (Gary Bond) ist Lehrer in einem jämmerlichen Fleckchen Wüste namens Tiboonda. Er verdankt diesen Posten dem australischen Bildungsministerium, das Lehrer ein Pfand von 1.000 Dollar entrichten lässt, um sicherzustellen, dass sie nicht die Flucht ergreifen, wenn sie zum Unterricht ins Outback geschickt werden. Nach dem letzten Schultag vor den Weihnachtsferien begibt er sich auf den Weg ins über 1.000 Meilen entfernte Sidney, wo seine Freundin, die ihm in Tagträumen als stumme Verheißung erscheint, auf ihn wartet. Er landet in der Minenstadt Bundanyabba, von den Einwohnern nur „The Yabba“ genannt (Vorbild war das 20.000-Seelen-Städtchen Broken Hill), wo er eine Nacht verbringen muss, bevor er seine Reise am nächsten Tag fortsetzen kann, doch alles kommt anders. Er lernt den Polizisten Jock Crawford (Chips Rafferty) und das Glücksspiel kennen, mit dem sich die dauerhaft besoffenen und verschwitzten Männer der Stadt die Zeit vertreiben: Ein einfaches, geradezu archaisch anmutendes Münzwurfspiel, bei dem John auf Anhieb einen Haufen Geld gewinnt. Es könnte eine schöne Episode, ein glückliches Intermezzo auf seiner Reise bleiben, aber der enorm von sich eingenommene, sich insgeheim für etwas besseres haltende John sieht die große Chance, seinem Sklavendasein als Lehrer zu entkommen, indem er die 1.000 Dollar gewinnt, die ihn zu einem freien Mann machen. Natürlich verliert er beim nächsten Besuch in der Spielhalle alles. Die Gewissheit, in der Stadt festzusitzen, ist der Auftakt für eine mehrere Tage andauernde Sauftour mit dem in einer verkommenen Baracke lebenden Doc Tydon (Donald Pleasence) und seinen proletarischen Freunden, die mit dem misslungenen Versuch endet, „The Yabba“ zu entkommen und sein Leben zu beenden.

WAKE IN FRIGHT fesselt von der ersten Sekunde mit seiner grandiosen Fotografie und der endlosen Leere des Outbacks, dann schließlich mit dem bierseligen Treiben in Bundanyabba, einem erbarmungswürdigen Höllenloch voller einfach gestrickter, unentwegt Bier in sich hineinschüttender lads: John blickt zuerst von oben auf die Menschen und ihr einfaches Glück hinab. Dass alle diesen Ort als eine Art Paradies verklären, in dem jeder des anderen Kumpel sind und sich immer jemand findet, der einem ein Bier ausgibt, ist ihm nur ein herablassendes Lächeln wert. Doch als er schließlich auf genau diese Zuwendung angewiesen ist, wird er gnadenlos in die Säufergemeinschaft hineingezogen – und findet Gefallen daran, die Fesseln des guten Benehmens und des Zwangs abzustreifen. Der Intellektuelle, der dachte, über allem zu stehen, ist plötzlich mitten drin, säuft mit Wildfremden abgestandendes Bier bis zur Bewusstlosigkeit, isst Känguruhfleisch und lässt sich vom dubiosen Doc irgendwelche Pillen verabreichen, bevor er mit ihm und zwei hirnlosen Proleten auf halsbrecherische Kanguruhjagd geht. Der anhaltende Exzess kulminiert in einer schockierenden Szene, in der die Blödgesoffenen wie wild im Scheinwerferlicht ihres Autos wie angewurzelt stehende Kanguruhs wegballern, sich schließlich in einem absolut unwürdigen Akt mit dem Messer über die verwundeten Tiere hermachen. Es ist eine schmerzhaft-brutale und schlicht widerliche Szene (die finale Schrifteinblendung, dass die Tiere von professionellen Jägern und in Zusammenarbeit mit dem Umweltamt und nicht bloß „aus Spaß“ umgebracht wurden, erleichtert ungemein), nach der klar ist, dass John nicht mehr so einfach zurück kann. Innerhalb von wenigen Stunden hat er etwas zerstört, was sich nicht mehr reparieren lässt, etwas verloren, was man nicht ersetzen kann.

Auch ohne den „Gag“, dass die Flucht aus Bundanyabba ihn geradwegs in dieses Fegefeuer zurückführt, sind die Parallelen von WAKE IN FRIGHT zum Werk Kafkas offensichtlich: Da ist der Außenseiter-Protagonist, der in eine fremde, absurd scheinende Welt stolpert (allein der Name „The Yabba“ bestätigt mit seiner präverbalen Lautaneinanderreihung alle seine Vourteile), sie mit äußerster Arroganz beäugt, dann aber mit seiner angenommenen Überlegenheit fürchterlich baden geht. WAKE IN FRIGHT ist auch ein Film über die Blindheit der vermeintlich Aufgeklärten und Intellektuellen, die sich für etwas Besseres halten, dann aber selbst umso heftiger auf die Kacke hauen, sobald sie nur lang genug davon überzeugt wurden, dass das alles ganz normal ist, und steht somit natürlich in der Tradition der Kritischen Theorie von Horkheimer und Adorno: Das größte Übel geht nicht vom dümmlichen simpleton aus, sondern eben vom „Aufgeklärten“, der meint, dass er qua seiner humanistischen Bildung alles im Griff hat. Auch ohne Rückgriff auf solchen gesellschaftsphilosophischen Überbau funktioniert WAKE IN FRIGHT aber ganz hervorragend. Es ist einfach ein ungemeine intensiver Film, mit einer Vielzahl memorabler Charaktere und Situationen, die allesamt perfekt eingefangen werden, und einer Atmosphäre, die man greifen und, dem Sujet angemessen, riechen kann. Wer immer schon das inhärente Grauen bierseliger Männerbünde und im besoffenen Kopf geschlossener Verbindungen gesehen hat (und deswegen Bierzelte scheut wie der Teufel das Weihwasser) bekommt hier Wasser auf seine Mühlen. Meisterlich und unvergesslich.

 

 

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Colonel Jason Rhodes (Gene Hackman) ist der festen Überzeugung, dass sein Sohn ein Dasein als Kriegsgefangener in Vietnam fristet, doch von der Politik ist keine Hilfe zu erwarten. Als Rhodes endlich einen seiner Meinung nach untrüglichen Beweis in den Händen hält, versammelt er dessen alte Einheit um sich: den Sprengstoffexperten Blaster (Reb Brown), den Nahkämpfer Wilkes (Fred Ward), den Piloten Johnson (Harold Sylvester), Charts (Tim Thomerson) und den durchgeknallten Sailor (Randall „Tex“ Cobb). Der Heißsporn Kevin Scott (Patrick Swayze), dessen Vater ebenfalls in Vietnam zurückgeblieben ist, vervollständigt den Haufen verwegener Hunde, die sich nun unter Rhodes Kommando in einem in der texanischen Einöde aufgebauten Camp auf die Befreiungsaktion vorbereiten …

Meines Wissens nach war Ted Kotcheff mit UNCOMMON VALOR der erste, der dem in den Achtzigerjahren kontrovers diskutierten Thema „amerikanische Soldaten in vietnamesischer Kriegsgefangenschaft“ einen Film widmete. Trotz der zugkräftigen Besetzung mit Gene Hackman und aufwändiger Studioproduktion konnte aus dieser Vorreiterrolle kein Profit geschlagen werden. Während die ein bzw. zwei Jahre später erschienenen MISSING IN ACTION und RAMBO: FIRST BLOOD PART TWO die Kassen kräftig klingeln ließen und auch heute noch als erstes genannt werden, wenn es um Beispiele filmischer Unterstützung von Reagans Kampagne geht, ist UNCOMMON VALOR nahezu vergessen. Ein Grund dafür dürfte wahrscheinlich seine äußere Form sein: Entfesselten sowohl Zito als auch Cosmatos ein zynisches Action-Inferno, dem sich niemand entziehen konnte, ganz gleich wie er sich ideologisch zum Gezeigten positionierte, und lieferten sie darüber hinaus für ihre Epoche absolut stilprägende Filme ab, inszeniert Kotcheff deutlich „unsichtbarer“, ausgewogener und ruhiger, steht er mehr in der Tradition des klassischen Kriegs- und Abenteuerfilms sowie des Westerns (der deutsche Titel DIE VERWEGENEN SIEBEN zieht sehr richtig die Verbindung zu John Sturges THE MAGNIFICENT SEVEN).

Genau diese Ausrichtung ist es dann auch, die angesichts des Sujets heute für die ein oder andere Irritation sorgt: Kotcheff betont die Kameradschaft unter den Veteranen, zeichnet ihre Rückkehr in die Uniform und auf vertrautes Terrain durchaus als Befreiungsschlag, als Flucht aus einem Leben, das nach dem Krieg nicht mehr dasselbe ist. Die Zeit des Trainings ist eine Zeit der Unbeschwertheit, in der alte Freundschaften wieder aufleben, Talente, die in Friedenszeiten brachliegen, gepflegt werden können, jeder von ihnen unersetzlich ist und im Dienste der guten Sache seinen Beitrag leisten darf. Die erste Stunde des Films ist durchaus beschwingt, fröhlich, teilweise gar komisch. Erst in der zweiten Hälfte, die sich in aller Ausführlichkeit dem Einsatz des Kommandos widmet, wird man wieder an die Ernsthaftigkeit der Mission erinnert. Den Überfall auf das Gefangenenlager inszeniert Kotcheff nicht als Hauruck-Aktion, als brutalen Gewaltakt, sondern mit großer Geduld als minutiös geplantes Ineinandergreifen verschiedenster Handlungen, die dann zum Ziel führen. Gerade weil er auf Action im Sinne von Bewegung lange Zeit verzichtet, entwickelt er hier enorme Spannung, die sich schließlich im durchschlagenden Erfolg auflöst. In dieser Zweiteilung, der fast dialektischen Zusammenführung zweier stimmungsmäßig entgegengesetzter Hälften, eifert UNCOMMON VALOR einem großen Vorbild nach: Doch Aldrichs THE DIRTY DOZEN, der unverkennbar Pate stand, bleibt natürlich unerreicht, weil ihm der humanistische Weitblick fehlt. Der Erkenntnis des Meisters, dass Krieg auf beiden Seiten nichts anderes als Opfer hinterlässt, die großen Schlachten immer auf dem Rücken der armen Schweine ausgetragen werden, setzt er am Ende patriotisches Friede, Freude, Eierkuchen entgegen. Da steht er dann nicht über, sondern mit beiden Füßen in seiner Zeit.

„Der ist ja richtig gut!“ oder, in leichter Abwandlung: „Aber der erste RAMBO, das ist ein richtig guter Film!“ – So reagieren nicht wenige Menschen bei Erstsichtung auf den einflussreichen Actionklassiker. Ihr Urteil ist dabei eine direkte Reaktion auf eine vor allem im Anschluss an George Pan Cosmatos‘ Sequel RAMBO: FIRST BLOOD PART II in Deutschand überaus erfolgreich gelaufene mediale Indoktrination. Nachdem sogar Schüler, die den Film eigentlich eh nicht sehen durften, von ihren Lehrern dazu gezwungen wurden, sich an Demonstrationen gegen den vermeintlichen „antikommunistischen Propaganda-Hetzfilm“ zu beteiligen, war die bloße Erwähnung des Namens „Rambo“ ausreichend, um Bildungsbürgern, Liberalen, Aufgeklärten und Kunstbeflissenen ein abfälliges Naserümpfen zu entlocken. Unter dem Titel – der ja eigentlich zum ganz anders gelagerten FIRST BLOOD gehörte, dazu gleich mehr – wurde alles subsummiert, was an Hollywood, am modernen Kino und natürlich an den USA verabscheuungswürdig und schlecht war. „Rambo“ wurde zum Synonym für den dumpfen, reaktionären, gewaltverherrlichenden Actionfilm, der die Jugend und vielleicht sogar den während des Kalten Krieges ohnehin sehr trügerischen Weltfrieden bedrohte. Diese Gleichsetzung war natürlich insofern verständlich, als Stallones Figur und Cosmatos‘ Film mit dem immensen kommerziellen Erfolg zum Template wurden, dem Dutzende Filme und Filmemacher bis in die frühen Neunzigerjahre nacheiferten. Als Kollateralschaden dieser Verallgemeinerung landete eben auch Kotcheffs Film im so praktisch bereitstehenden Schweinetrog: Der hatte zwar eigentlich nur wenig mit dem Sequel gemeinsam, teilte aber blöderweise mit diesem den Protagonisten mit dem griffigen, verfemten Namen. Mitgefangen, mitgehangen.

Vergleicht man den 1982 entstandenen Film mit seinen Sequels, so muss man feststellen, dass er einer komplett anderen Sphäre entstammt. Das betrifft nicht nur Ton, Stimmung und „Aussage“, sondern tatsächlich auch seinen Protagonisten. Der unter posttraumatischem Stress leidende Vietnam-Veteran, den bei Gewaltandrohung quälende Erinnerungen befallen und dem endgültig eine Sicherung rausfliegt, als er  von einem Redneck-Sheriff schikaniert wird, musste für Cosmatos Zweitling förmlich wiedergeboren werden um seine phoenixgleiche Auferstehung  als amerikanischer Nationalheros feiern zu können. Entlockt sein mit Narben übersäter Leib einem hier noch Entsetzen, werden seine Wunden im Sequel zu heiligen Stigmata, zu Zeichen einer geradezu göttlichen Vorsehung. In Kotcheffs FIRST BLOOD evoziert er vor allem Mitleid, bleibt kein Zweifel daran, dass dieser Mensch vom Krieg zerstört wurde und – zumindest vorerst – nicht für die freie Teilnahme an der Gesellschaft geeignet ist. Wenn John J. Rambo (Sylvester Stallone) am Ende des Films weinend in den Armen seines Ausbilders und Mentors Colonel Samuel Trautman (Richard Crenna) zusammenbricht, nachdem er in einen zusammenhangslosen, hysterischen stream of consciousness verfallen ist, dann ist der muskelbepackte Held, der im Sequel die vergessenen Kriegsgefangenen nach Hause bringt und Balsam auf amerikanische Wunden reibt, weit entfernt. Kotcheffs John Rambo kann sich unserer Anteilnahme sicher sein, aber er ist in diesem Zustand tatsächlich eine Gefahr. Letzterer Punkt wird in FIRST BLOOD etwas geschönt (was wiederum seiner ideologischen Ausrichtung geschuldet ist): Rambo bringt keinen einzigen Menschen um, er begnügt sich damit, seine Verfolger – das dann aber zum Teil recht drastisch – außer Gefecht zu setzen (in einer tollen Sequenz, die einige Parallelen zum Slashergenre aufweist und zum Standard des Actionfilms wurde). Das suggeriert ein Maß an Selbstkontrolle, das sich mit seinem finalen Zusammenbruch nicht ganz in Einklang bringen lässt.  (Vielleicht bin ich da aber auch nur zu pessimistisch.) Auch die Dynamik zwischen Rambo und dem bigotten Sheriff Teasle (Brian Dennehy) – trotz seines massiven Körperumfangs ein weasel, das Rambo bis aufs Blut teast, also reizt? – steuert die Sympathien des Zuschauers dahingehend, dem Veteranen seinen Amoklauf zu verzeihen oder gar als gerechte Strafe für das Verhalten der Polizei zu empfinden. Teasle ist einfach ein Arschloch. Sein Hass auf den „Babykiller“ wird als unmittelbar glaubwürdig vorausgesetzt, dabei erschien mir Dennehy immer als zu intelligent für den bigotten Hinterwäldler. Diese Führung der Zuschaueraffekte ist natürlich programmatisch: FIRST BLOOD dient der Rehabilitierung der Vietnamveteranen, die nur einen Job verrichteten, sich nach ihrer Heimkehr aber enormen Anfeindungen ausgesetzt sahen. Anstatt ihnen die nach ihren Erlebnissen ohnehin schwierige Integration in die Gesellschaft zu erleichtern, wurden sie von breiten Teilen der Bevölkerung, die den Krieg (und die Niederlage) als Schmach empfanden, stigmatisiert. FIRST BLOOD schließt an die sogenannten Heimkehrerfilme der Siebzigerjahre an, von denen Hal Ashbys COMING HOME vielleicht der bekannteste, TAXI DRIVER der düsterste ist. Sein Ursprung liegt eindeutig im New Hollywood und das macht dann auch den wahrscheinlich wesentlichen Unterschied zu seinem direkten Nachfolger aus. Während Cosmatos jeglichen erzählerischen Ballast zugunsten eines  affektreichen Bilderhagels über Bord warf, den Zuschauer brutal überwältigte, sozusagen infiltrierte statt indoktrinierte, und nebenbei ein postmodernes Popkunstwerk schuf, da zeigt sich in FIRST BLOOD noch ein klassisch aufklärerischer Ansatz.  Nur ist dieser Ansatz selbst schon befleckt: Der berühmte „Spitting Incident“, auf den sich auch der Film am Ende beruft und von dem er seinen Protagonisten berichten lässt, ist wahrscheinlich eine Urban Legend. Die Geschichte, dass Veteranen nach ihrer Ankunft von Anti-Kriegs-Aktivisten bespuckt worden seien, konnte bislang nie wirklich verifiziert – sprich: von direkt Betroffenen bestätigt – werden. Hier hat FIRST BLOOD entgegen seinem Vorhaben nicht zur Aufklärung, sondern wahrscheinlich zur Verstärkung existierender Mythen wesentlich beigetragen. (Ein verzeihlicher Fehler, wurden diese „Spitting Incidents“ doch in zahlreichen Medien kolportiert.)

Die erste Sichtung seit sechs Jahren – damals entstand in der Folge dieser Himmelhunde-Text – war ein kleines bisschen ernüchternd: Begeistert der Film bis zum Finale mit seiner packenden Inszenierung, seinen halsbrecherischen Stunts, der ikonischen Hauptfigur und seiner einmalig klaustrophobischen Atmosphäre, die Rambos Desposition so treffend widerspiegelt, habe ich gerade das Final als arg messagelastig und geschwätzig empfunden. Und die vom Film beabsichtigte Affektsteuerung hat auch nicht mehr so ohne Weiteres funktioniert. Ich finde, dass sich die Sympathien in der zweiten Hälfte sehr zu Ungunsten Trautmans und damit auch Rambos verteilen. In Vertretung des Militärs wird er zum eigentlichen Schurken: Die Art, wie er über seinen Schüler als perfekte Maschine spricht, die er „gebaut“ hat, lässt ihn als gefühlskalten Unmenschen erscheinen, für den Krieg eine bloße Rechenoperation ist. Sein eisiger Realismus ist die Vorraussetzung für das reibungslose Ablaufen der Kriegsmaschinerie, aber auch Ursache für den Zusammenbruch seines Schützlings, über den er nun spricht, wie über eine defektes Haushaltsgerät. Teasle, selbst bestimmt kein Kind von Traurigkeit, kann seine Abscheu für den technokratischen Jargon des Militärmannes kaum verbergen – und ich war da ganz auf seiner Seite. Und dass er seine Stadt vor dem Amoklauf eines Irren bewahren will, kann man ihm ebenfalls kaum verübeln, auch wenn er nur den Sturm erntet, den er gesät hat. Mit John J. Rambo wird auch Colonel Trautman ein nötiges „Reboot“ im Sequel erfahren, als gütiger Freund und einziger Vertrauter seines Schülers in einer Welt, die nur Unverständnis für ihn hat. Kein Wunder, dass die Zivilgesellschaft in den kommenden Teilen keinen Platz mehr haben wird.

Der Botschafter Kubas wird in New York erschossen. Die CIA setzt den US-Marshal Michael Dane (Dolph Lundgren) auf die vermeintliche Mörderin Simone Rosset (Maruschka Detmers) in Prag an, wo in Bälde ein Gipfeltreffen zwischen den USA und Kuba stattfinden soll und somit weitere Morde befürchtet werden. Dane und seinem Mentor und Ziehvater Alex Reed (John Ashton) gelingt es, die verführerische Frau dingfest zu machen, doch die streitet jede Verantwortung für den Mord vehement ab …

Ted Kotcheff, der mit FIRST BLOOD ein Stück Filmgeschichte schrieb und den für Actionfreunde auch nicht ganz unerheblichen UNCOMMON VALOR inszenierte, meldete sich 1995 nach etlichen Fernseharbeiten mit diesem Werk zurück, das vor allem die äußeren Umstände daran hinderten, mehr zu sein. Tschechisch koproduziert und überwiegend in Prag gedreht, scheint HIDDEN ASSASSIN (in Deutschland als THE SHOOTER erschienen) ein früher Vorläufer all jener aus Kostengründen im ehemaligen Ostblock entstandenen Actionfilme, die seit ca. zehn Jahren der Standard des Direct-to-DVD-Geschäfts sind. Und so vermisst man dann auch allzu große Exzesse und Gewaltexplosionen, Kotcheffs Film mutete eher klein an, lediglich die architektonischen Schönheiten seines Schauplatzes verschaffen einen Hauch von Prunk. Eigentlich ist das nicht weiter schlimm: HIDDEN ASSASSIN lehnt sich nicht am Blockbuster- und Eventkino US-amerikanischer Prägung an, sondern eher an den europäischen (bzw. französischen) Polit- und Agententhrillern der Sechziger- und Siebzigerjahre. Für Kintopp bleibt da nicht allzu viel Platz, Realismus und Authentizität sind gefragt. Das funktioniert über weite Strecken zwar ganz gut – besonders gut gefallen hat mir, wie Dane den ganzen Film über mit einer fiesen Schnittwunde am Arm zu kämpfen hat, die er sich im ersten Drittel zuzieht –, doch kommt dem Erfolg auf ganzer Linie die nicht gerade unerhebliche Grundkonstellation des Films in die Quere. Mit der Figur der verführerischen Killerin haben sich die Drehbuchautoren mehr als nur ein wenig verhoben: Wahrscheinlich wollten sie ein Stück vom Erfolg von Bessons NIKITA oder auch Verhoevens BASIC INSTINCT – es wird angedeutet, dass Simone Rosset bisexuell ist – profitieren, den trockenen Thrillerstoff mit etwas schlüpfriger Erotik anreichern. Ohne Frage ist Maruschka Detmers eine attraktive, auch erotische Frau, aber dieser Aspekt der Handlung wirkt dennoch forciert, führt letztlich zu nichts: Kotcheff scheint sich kaum für die erotische Verbandelung zwischen Dane und Rosset interessiert zu haben. Und so hat man das Gefühl, einen Film zu sehen, der seiner eigenen „Unique Selling Proposition“ nicht vertraut. Ungefähr so, als hätten sich die Dinos in JURASSIC PARK am Ende als immaterielle Hologramme entpuppt.

Was bleibt ist ein solide gemachter Thriller, mit Gavan DEATH WISH 3 O’Herlihy und John „Taggart“ Ashton auch in den Nebenrollen gut besetzt und am Schluss dann auch mit dem Körpereinsatz, den man vorher ein wenig vermisst hat. Dolph Lundgren ist verlässlich wie eh und je – erschreckend eigentlich, dass niemand sein Potenzial auch für größere Rollen erkannt hat –, HIDDEN ASSASSIN somit durchaus ansehnlich und auch sympathisch. Aber umgehauen hat er mich nun nicht.

EDIT 01.03.2015: Habe eben erst festgestellt, dass ich da eine 15 Minuten gekürzte Fassung des Films gesehen habe.