Mit ‘Ted Levine’ getaggte Beiträge

Es ist ein berühmtes popkulturelles Narrativ, dass 1991 das Jahr war, in dem Grunge bzw. Alternative Rock den Hardrock töteten, wie er in den Achtzigerjahren populär war. Weniger plattgetreten ist die These, dass Jonathan Demme mit THE SILENCE OF THE LAMBS eine neue Welle des „erwachsenen“ Horrorfilms bzw. Thrillers einläutete, nachdem das Genre im vorangegangenen Jahrzehnt vor allem Teenies adressierte. Plötzlich waren Serienmörder und die sogenannten Profiler en vogue – und sind es ja eigentlich bis heute: Die diversen CSI-Ableger, Serien wie CRIMINAL MINDS und Konsorten wären ohne Demmes Hit-Verfilmung des Bestsellers von Thomas Harris undenkbar und mit dem intellektuellen Kannibalen Hannibal Lecter schenkte er dem Pantheon berühmter Horrorgestalten einen neuen Protagonisten, der sich hinsichtlich Bekanntheitsgrad nicht mehr hinter Dracula, Frankenstein, Michael Myers oder Freddy Krueger verstecken braucht. THE SILENCE OF THE LAMBS zog mit Ridley Scotts HANNIBAL das zwangsläufige Sequel nach sich (wenn auch mit rund zehnjähriger Verspätung), der Romanvorgänger, an dem sich Michael Mann 1986 mit dem erstklassigen MANHUNTER schon einmal versucht hatte, ohne jedoch den gewünschten kommerziellen Erfolg zu erzielen, erlebte eine Neuverfilmung, mit HANNIBAL RISING entstand ein Prequel um den Menschenfresser und Mads Mikkelsen durfte ihn schließlich sogar in einer eigenen Fernsehserie spielen.

Das ganz große Trara um THE SILENCE OF THE LAMBS habe ich indessen nie wirklich verstanden: Die große Schockwirkung hatte er bei mir nicht entfaltet, wahrscheinlich, weil ich bereits Fangoria-gestählt war, als ich ihn zu Gesicht bekam, und die betont unterkühlte Atmosphäre, die Tak Fujimoto in monochrome grau-braune Bilder gießt, empfand ich immer eher als lähmend denn als spannend. Sicher, Demmes Film war schon sehr ordentlich inszeniert, getragen von den herausragenden Darbietungen von Hopkins, Foster und Levine, aber irgendwie war mir der Film immer eine spur zu intellektuell und sachlich. Erst vor einem Jahr schrieb ich, dass ich Demmes sträflichst vernachlässigten SOMETHING WILD für weitaus interessanter halte als das viel gepriesene „Meisterwerk“ seiner Filmografie. Wahrscheinlich hat mich THE SILENCE OF THE LAMBS bei dieser Sichtung zum ersten Mal wirklich begeistert. Die suggestive Kraft der Inszenierung, die vieles nur andeutet, die dräuende Ruhe und die Ahnung einer in den Tiefen des Unbewussten lauernden Gefahr hat endlich ihre volle Wirkung bei mir entfaltet. Die Psychoduelle zwischen Hopkins und Foster – mittlerweile Zielscheibe unzähliger Parodien und in deutlich schwächerer Ausführung ein gut abgehangener Standard des Genres – bilden tatsächlich das Rückgrat des Films und vor allem Hopkins versteht es, im Verbund mit Demme die Faszination des Zuschauers für das irrational Böse herauszukitzeln. Lecter ist auch deshalb so bedrohlich, weil sein mörderisches Potenzial sich nie voll entladen darf. Das ist auch der Hauptunterschied zu Scotts Grand-Guignol-Sequel, das zwar die blutigen Tatsachen und Geschmacklosigkeiten anhäuft, aber bei Weitem nicht so beunruhigend ist. Aber das ist ja nichts Neues, dass es meist effektiver ist, die Dinge nicht voll auszuspielen.

Auch der Subtext von Misogynie und institutionellem Sexismus hat sich für mich erst bei dieser Sichtung wirklich als solcher entfalten können: Clarice Starling kämpft von Anfang an gegen eine Männerfront an, die sie eigentlich scheitern sehen will und Fujimoto bildet das ab, indem er die Protagonistin mehr als einmal als einzige Frau in männlich dominierten Gruppenbildern festhält. Überall trifft sie auf Männer, die sie aufgrund ihres Geschlechts für inkompetent halten, sie lediglich als leckeres Betthäschen betrachten oder ihr gleich das Sperma ins Gesicht schleudern. Auch Lecter versucht sie mit entsprechenden Demütigungen aus der Reserve zu locken und natürlich ist der Killer mit dem Spitznamen Buffalo Bill ein Frauenmörder, der die blinde Heldin im legendären Showdown schwer atmend aus dem Dunkel belauert. Starlings Trauma, die schreienden Lämmer nicht retten zu können, das sie seit der Kindheit plagt, wird in der Gegenwart des Films nicht nur durch die Gerissenheit der Serienmörder  angefeuert, sondern eben auch durch die vermeintlichen Verbündeten, die der Frau in ihren Reihen keinen Erfolg gönnen, ihr lieber Steine in de Weg legen, als sie zu unterstützen. Jodie Foster ist die Idealbesetzung für die ihre Zweifel und Verwundbarkeit hinter einer Fassade der Unnahbarkeit verbergende Polizistin, die im Dialog mit Lecter an ihre Grenzen stößt und sich nun ungewollt den Dämonen stellen muss, die sie so erfolgreich unter Verschluss gehalten hat. Um sich zu behaupten, muss sie sich erst selbst überwinden: Eine Herausforderung, die den Kollegen, die das lück hatten, mit dem „richtigen“ Geschlecht geboren worden zu sein, erspart bleibt.

In erster Linie sollte ein Film wie THE SILENCE OF THE LAMBS den Betrachter aber natürlich bei der Gurgel packen, ihn nicht mehr loslassen und den Druck bis zum Showdown unablässig erhöhen: Von der oben als vermeintlicher Schwachpunkt ausgemachten Ruhe, mit der Demme erzählt, sollte man sich dann auch nicht täuschen lassen: Der Regisseur lullt einen langsam ein, bevor er dann zuschlägt. Set Pieces wie jenes, dass Lecters brutal-gerissene Flucht aus der Haft schildert, oder Starlings Konfrontation mit einem Zeugen, der sich dann, sehr zu ihrem Erschrecken, als der Mörder entpuppt, sind saumäßig effizient gescriptet und inszeniert. Das fällt vor allem auf, wenn man etwa letztere Sequenz mit der ganz ähnlichen Auftaktszene aus Ratners RED DRAGON vergleicht, die kaum mehr als ein laues Lüftchen entfacht. Nein, nein, THE SILENCE OF THE LAMBS ist ein außergewöhnlich guter Thriller, der seinen Ruf ausnahmsweise zu Recht genießt. (Ich glaube, SOMETHING WILD finde ich aber trotzdem einen Tick besser.)

the mangler (tobe hooper, usa 1995)

Veröffentlicht: September 17, 2017 in Film
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1995 war die Zeit, in der die Menschen hinter einer Stephen-King-Verfilmung noch eine echte Sensation erwarteten, zwar lang vorbei, doch der Name hatte immer noch einige Zugkraft, wie das etwa der Überraschungserfolg von SLEEPWALKERS einige Jahre zuvor unter Beweis gestellt hatte. Das Problem: Die großen Romane waren alle schon umgesetzt worden und was noch übrig blieb, waren Kurzgeschichten, die eigentlich nicht genug Stoff für einen abendfülllenden Spielfilm boten. So etwa „The Mangler“, die Geschichte um eine besessene Wäschemangel. Für die Verfilmung wurde die Geschichte „angedickt“, unter der Regie von Tobe Hooper umgesetzt und dann auf ein Publikum losgelassen, das dem Film die kalte Schulter zeigte, so wie man das eigentlich hätte erwarten müssen.

THE MANGLER spielt – wie die Vorlage – überwiegend in einer Wäscherei, die mit industrieller Architektur, menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen, schwitzenden, blassen Wäscherinnen, einem Befehle bellenden Vorarbeiter und einem über allem thronenden Chef (Robert Englund) einem antikapitalistischen Albtraum entsprungen scheint. Als eine junge Frau infolge eines Unfalls in die riesige Mangel blutet, entwickelt diese ein Eigenleben und „frisst“ eine ältere Angestellte. Der Polizist John Hunton (Ted Levine) beginnt die Ermittlungen und wird durch seinen Schwager Mark (Daniel Matmor) auf die Idee gebracht, die Wäschemangel könne besessen sein und müsse exorziert werden …

Nicht alles, was in literarischer Form funktioniert, funktioniert auch noch, wenn man es in bewegte Bilder übersetzt: THE MANGLER verfügt über einige Production Values – die Szenen in der an ein Gemälde von Hieronymus Bosch erinnernden Wäscherei sind ebenso bizarr wie toll -, trotzdem ist die alles beherrschende Frage: „What were they thinking?“ Die Wäschemangel sieht super aus, die Effekte um sie herum sind nicht uneffektiv, aber Schrecken geht von ihr beim besten Willen nicht aus. Sie steht fest an ihrem Platz und würden nicht immer wieder Menschen auf die dumme Idee kommen, ihre Gliedmaßen hineinzustecken, sie könnte harmloser kaum sein. Die These, dass sie besessen sein könnte, kommt Schwager Mark eine Nummer zu schnell und selbstbewusst über die Lippen, um ihm das wirklich abzukaufen, und der ganze hinzugedichtete Kram um einen seit Jahrzehnten kursierenden Fluch fügt der Story nichts Wesentliches hinzu – er bringt den Film eben nur auf Länge. Als Unterhaltung, bei der man der Auflösung mit Spannung entgegensieht und mit den Figuren mitfiebert, funktioniert THE MANGLER überhaupt nicht, weil er einfach viel zu abseitig ist.

Schaut man sich den Film heute so an, kann man sich daher nur am Kopf kratzen, wie dieses Vehikel jemals in Produktion gehen konnte. THE MANGLER ist von vorn bis hinten so rätselhaft, dass es fraglich scheint, ob wirklich jemand glaubte, er könne in dieser Form ein Publikum finden. Idee und Setting sind schon merkwürdig genug, dann wurde mit Ted Levine auch noch ein Hautdarsteller gewählt, der alle seine Dialogzeilen mit vollem Mund zu intonieren scheint. Wie gelang es Hooper, am Set die Spannung zu halten? Wie viele Takes des Showdowns, in dem John und Mark mit Kreuz und Bibel bewaffnet lateinische Beschwörungsformeln in Richtung der rasenden Maschine schreien, waren nötig, weil die Darsteller immer wieder ihren Lachanfällen erlagen? Welche Drogen nahm Englund zu sich, um sich für seinen Part des mit Metallschienen ausgestatteten Unternehmers in das richtige mindset zu begeben? Vor allem aber: Wie konnte es dazu kommen, dass THE MANGLER nicht eine, sondern sogar zwei Fortsetzungen erfuhr? Die Frage, ob mit THE MANGLER eine lang und zu Unrecht vergessene Perle in Hoopers Filmografie schlummert kann klar verneint werden. Sofern man ein Faible für filmische Freak Accidents hat, sollte man ihn sich aber trotzdem anschauen.

Von seinem Partner, für den er eine Haftstrafe wegen Mordes absitzt, wird der Bankräuber Sam (Jean Claude Van Damme) bei einem Gefangenen-transport rausgehauen. Den Flüchtigen verschlägt es danach in eine ländliche Gegend, wo Clydie (Rosanna Arquette), Witwe und Mutter zweier Kinder, ihr Heim gegen den Grundstücks-spekulanten Franklin Hale (Joss Ackland) verteidigt, der dort eine luxuriöse Wohnsiedlung errichten möchte. Sam steht ihr in diesem Kampf, der sich durch das Handeln von Hales Partner Mr. Dunston (Ted Levine) immer mehr zuspitzt …

NOWHERE TO RUN war bei mir als eher actionarmer Versuch Van Dammes abgeheftet, sich als ernster Darsteller und romantischer Liebhaber zu etablieren – kein untypischer, aber meist erfolgloser Karriereschritt für Actionstars –, weshalb ich ihn bislang links liegen lassen habe. Zwar reduziert THE HITCHER-Regisseur Harmon etwaige Fights und ist um eine gewisse Ernsthaftigkeit bemüht, dennoch ist NOWHERE TO RUN ohne Zweifel ein Actionfilm; eben lediglich einer, der nicht nur den Kickbox-begeisterten Prolo in Trainingshose, sondern eben ein breiteres Publikum anspricht. Er orientiert sich ganz eindeutig an George Stevens großem Klassiker SHANE – der mysteriöse Fremde, der wie aus dem Nichts kommt und den Guten im Kampf gegen das Böse beisteht – und spult dann eine Geschichte ab, die man nur als Standard bezeichnen kann: Kleineren Auseinandersetzungen folgen bald größere, die Enthüllung seiner dunklen Vergangenheit entzweit den Helden und seine damsel in distress, er tritt die Weiterreise an, bevor er dann schließlich pünktlich zur totalen Zuspitzung wieder auf der Bildfläche erscheint, um den Tag zu retten. Das sieht alles sehr hübsch aus und ist so kurzweilig, wie man eine solch abgedroschene Geschichte erzählen kann.

Was oben angesprochene (Fehl-)Einschätzung des Films als Liebesdrama angeht, so ist diese nicht gänzlich aus der Luft gegriffen: Mehr als sonst wird hier das traute Familienidyll beschworen und der großbusigen Clydie (die Arquette zieht zweimal blank) stehen zu diesem Zweck gleich zwei kulleräugige Balgen (eins davon Macauleys Bruder Kieran Culkin) zur Seite, um den schönen Fremden dauerhaft zu binden. Die Szenen, in denen JCVD vom Sohnemann angehimmelt wird, sind vielleicht ein bisschen zu viel des Guten, aber diese Kritik verkennt ja auch, dass die Muscles from Brussels mehr als alle anderen Actiondarsteller immer einen entschieden bürgerlichen Impuls hatten. Van Damme war als gutaussehender, junger Darsteller mehr als seine Kollegen prädestiniert für die heiße Romanze und die Rolle als fürsorglicher Ehemann: Dass er die schnittige Witwe hier aus ihrer Einsamkeit rettet und gleichzeitig auch noch den Traumpapa abgibt, ist also nicht so verwunderlich.

Wohl aber, dass Drehbuch-Zampano Joe Eszterhas selbst diesem biederen Stoff noch seinen gewohnt sexualisierten Schmier verpasst. Am Esstisch bemerkt das Töchterchen sehr zur stillen Freude Sams, das er einen „big penis“ hat (sie hatte ihn vorher nackig beim Baden gesehen), worauf Clydie – zu seiner Ernüchterung – entgegnet, er sei keinesfalls „big“, sondern nur „average“ (sie durfte ihn zuvor beim Duschen begutachten). Und nachdem die beiden Turteltauben dann endlich die erste Nacht gemeinsam verbracht haben und Clydie ihrem Sohn am nächsten Morgen verbietet, ihn schon zu wecken, da fragt er sie ebenso wissend wie vorwurfsvoll, was sie denn mit ihm angestellt habe. Das soll lustig sein und man darf diese Anflüge von Humor zumindest als gewissermaßen subversiv in ihrer Offenheit bezeichnen, aber sie befremden dennoch, weil man diese vom Actionfilm eigentlich nicht gewohnt ist – und auch nicht unbedingt haben will. Der mysteriöse Fremde wird durch solche Volten auf eine Art und Weise banalisiert, die der Figur nicht gerade hilft. Hier scheint lediglich auf die Masturbationsfantasien von Hausfrauen mit Van-Damme-Faible abgezielt worden zu sein. Für Eszterhas, der sonst eher Männer mit Wichsvorlagen bediente, immerhin ein fast emanzipatorisch zu bezeichnendes Novum. Für NOWHERE TO HIDE heißt es, dass man zwei, dreimal die Zähne zusammenbeißen muss, ansonsten aber einen ordentlichen Actionfilm für Zwischendurch bekommt, an dem man nicht wirklich rumnörgeln muss.