Mit ‘Thalmus Rasulala’ getaggte Beiträge

Keiner der superbekannten Blaxploitation-Filme – dafür fehlte ihm vielleicht einer der großen Namen des Genres in der Hauptrolle -, aber definitiv einer der interessanteren. Regisseur Gilbert Moses erzählt die Geschichte vom Fall und der Läuterung des titelgebenden Zuhälters und er kommt dabei sowohl ohne überzogene Glorifizierungen einerseits als auch ohne moralische Dämonisierung andererseits aus.

Willie Dynamite (Roscoe Orman) ist ein New Yorker Pimp, mit seinen sieben Klassepferdchen die Nummer eins der Stadt – und er träumt davon, „dem Leben“ irgendwann einmal entfliehen zu können. Den Plan seiner Wettbewerber, sich gegenseitig abzusichern, lehnt er als Branchenführer ab, der Polizei, die darauf aus ist, ihn in den Knast zu bringen, lacht er ins Gesicht. Das Blatt wendet sich zu seinen Ungunsten, als die Sozialarbeiterin Cora (Diane Sands) Pashen (Joyce Walker) kennen lernt, Willies neueste Errungenschaft, und sich in den Kopf setzt, das Mädchen von der Straße zu holen …

WILLIE DYNAMITE „bedient“ das Blaxploitation-Publikum mit seinen grellen Pimp-Outfits, dem typischen jive talk und Willies überzeichnetem Gegenspieler Bell (Roger Robinson), einem Klischeeschwulen, der mit lackierten Fingernägeln und raumgreifenden Gesten zu Gewerkschaft der Pimps aufruft. Dem Treiben der Zuhälter, die ihren Bräuten eine güldene Zukunft versprechen, die wartet, wenn sie nur brav zu Daddy sind, steht er aber nur anfänglich kritiklos gegenüber. Die Dynamik des Films ändert sich merklich als Cora auftritt und gemeinsam mit der Polizei einen verbissenen Kampf gegen Willies Imperium aufnimmt. Moses gelingt eine schöne Mischung Action und Drama aus comichafter Stilisierung und authentischer Milieuzeichnung. Sein Film ist eine melodramatischere, idealistischere Version von Parks‘ SUPER FLY: Konnte dessen Protagonist am Ende zumindest vorübergehend obsiegen, liegt Willies Existenz als Pimp in Trümmern. Doch dafür sieht er als neuer Mensch auch einer neuen Zukunft entgegen, einer Zukunft, die nicht auf der Ausbeutung seiner Schwestern gegründet ist.

Im Mittelpunkt des Films steht nicht etwa Roscoe Orman, auf den ich glich noch zu sprechen komme, sondern Diane Sands: Den Feuereifer, mit dem Cora für ihre Überzeugung kämpft, macht Sands (u. a. THE LANDLORD) zu ihrem eigenen. Vielleicht wirkt sie auch deshalb so überzeugend, weil sie während der Dreharbeiten eine eigene Schlacht zu schlagen hatte. Sie litt an Krebs und erlebte die Uraufführung des Films nicht mehr: Sie verstarb mit nur 39 Jahren. Roscoe Orman vollzieht den Wechsel vom manipulativen Arschloch zum geläuterten Hoffnungsträger ebenfalls sehr glaubwürdig. Seine Karriere verlief kaum weniger überraschend als die seines filmischen Alter egos: Er landete einige Jahre nach WILLIE DYNAMITE bei der SESAME STREET, der er über 40 Jahre lang erhalten blieb. Blaxploitation-Mainstay Thalmus Rasulala hat eine nichtssagende Rolle, dafür reißt Roger Robinson alle Szenen, die er hat, mit Verve an sich. Unter den Damen in Willies Stall befinden sich einschlägig bekannte Aktricen wie Juanita Brown oder Judith Brown, die hier aber auf den Status von Eye Candy reduziert werden. Erstklassig ist auch der Score inklusive des schmissigen Titelsongs. Eine runde Sache und um Längen besser als so etwas wie SLAUGHTER.

 

bornamerican_onesheet_styleb_usa-1-500x755BORN AMERICAN ist Renny Harlins Spielfilmdebüt (er hatte zuvor vor allem Werbespots gedreht) und stellte für den damals 27-Jährigen einen Auftakt nach Maß dar: Es gelang ihm, einen US-amerikanischen Geldgeber von seinem Projekt zu überzeugen, sodass BORN AMERICAN nicht nur eine immens erfolgreiche Regiekarriere einleitete, sondern auch als teuerster finnischer Film in die Geschichte einging. Es ist beileibe kein perfekter Einstand, aber Harlin zeigt in seinem Debüt schon viele jener Charakteristika, die seine Filme durchaus über den reinen Entertainment Value hinaus interessant machen (dass ich Harlin-Fan bin, habe ich hier ja schon mehrfach betont).

BORN AMERICAN handelt von den drei amerikanischen Freunden Savoy (Mike Norris), Mitch (Steve Durham) und K.C. (David Coburn), die einen Finnland-Urlaub machen. Besonders reizvoll empfinden sie die Grenze zum bösen Russland, und als sie bei einem Ausflug durch Zufall plötzlich tatsächlich am Grenzstreifen stehen, überkommt sie der Kitzel. Was soll schon passieren? Man wird sie gewiss nicht umbringen. Doch der Grenzübertritt wird bemerkt: Auf der Flucht vor den Soldaten landen die drei Freunde in einem kleinen Dorf, wo sie des Mordes an einer Einwohnerin bezichtigt werden. Es kommt zu einem Feuergefecht und weiteren Toten. Als sie wenig später dem Militär in die Hände fallen und gefoltert werden, unterzeichnen sie das Geständnis, dass sie Terroristen seien. In einem unmenschlichen Kerkerloch eingesperrt, droht ihnen ein trauriges Schicksal …

Der Reiz von BORN AMERICAN besteht darin, ein Thema, das zur Entstehungszeit des Films meist in fetten Hollywood-Produktionen auf großer Bühne behandelt wurde, durch einen kleinen Kniff in die Alltäglichkeit zu holen. Es geht eben nicht um Elitesoldaten, Meisterspione, hohe Diplomaten oder ähnliche von der Zuschauerperspektive enthobene Charaktere, sondern um drei Kumpels, die sich vom anvisierten Publikum nur marginal unterscheiden. Das Kribbeln, das sie angesichts der kyrillischen Schriftzeichen auf einem unscheinbaren Zaun mitten im verschneiten Nirgendwo empfinden, ist wahrscheinlich für jeden, der damals im Westen aufwuchs, nachvollziehbar. So alltäglich die angenommene Bedrohung durch den Feind jenseits des Eisernen Vorhangs war, so wenig greifbar war er doch für die meisten, gerade in den USA. Die UdSSR war weit weg und die Vorstellung, dass das „Evil Empire“ tatsächlich auf einen geografisch konkreten Ort festzunageln war, muss vielen angesichts der geradezu mythischen Überhöhung, die das Land medial erfuhr, geradezu absurd erschienen sein. Diese ersten Minuten von BORN AMERICAN sind die stärksten, weil Renny Harlin diesen Einbruch des Unfassbaren in die Realität toll herausarbeitet. Wie banal dieses finstere Russland auf einmal erscheint und so gar nicht böse: Da steht eine jämmerliche Wachhütte im Schnee, bewacht von einem bedauernswerten, frierenden Kommißbrötchen. Jugendliche Amerikaner, die sie sind, bleibt den Protagonisten fast gar keine andere Wahl, als sich im Omnipotenzwahn zu ergehen und den Ernst der Lage krass zu unterschätzen. Die geilste Mutprobe der Welt, wer könnte da schon widerstehen?

Dass sich BORN AMERICAN danach in eine Art naive Version von MIDNIGHT EXPRESS verwandelt, der eine klare Richtung (und vielleicht ein etwas großzügigeres Budget) fehlt, ist ein bisschen enttäuschend. Schon die Ballerei, mit der die Jungs sich noch tiefer in die Scheiße reiten, unterwandert die zuvor etablierte Glaubwürdigkeit, und als sie dann im Gefängnis landen, häufen sich die Klischees zu Ungunsten einer klarer herausgearbeiteten Dramaturgie. Es gibt natürlich diverse Foltereien sowie die obligatorische Dresche durch einen sadistischen Häftling, der schwächste der Freunde vegetiert bald schwerverletzt dem Tod entgegen, der amerikanische Diplomat, der zur Hilfe abgestellt ist, hat außer wohlklingenden Absichtsbekundungen nichts anzubieten, macht im Gegenteil gemeinsame Sache mit dem Feind, und ein ehemaliger amerikanischer Top-Agent (Thalmus Rasulala) sucht sich unter dem Decknamen „The Admiral“, den sich die Gefangenen respektvoll zuraunen, den Feind von innen heraus zu zersetzen. Alles scheint auf einen großen Arenafight zuzulaufen: Die Gefangenen treten in einem lebenden Schachspiel zu Kämpfen auf Leben und Tod gegeneinander an, doch das wird letztlich nur eingeführt, um kurz vor Schluss eine kleine Reminiszenz an Ciminos THE DEER HUNTER einzubauen. Der Film mäandert bis zum finalen Ausbruch ohne echte Höhepunkt vor sich hin.

Letztlich ist BORN AMERICAN trotz gefälligem Gesamtergebnis doch auch ein Film der vertanen Chancen. Schlecht ist er nicht und das sich später bestätigende Potenzial Harlins unübersehbar, aber trotzdem bleibt ein etwas zwiespältiger Eindruck: Für einen feisten Actionkracher ist zu wenig los, für ein runterziehendes Knast-Drama gibt es dann doch etwas zu viel Kintopp. Wie das Teil wohl ausgesehen hätte, wenn der ursprünglich vorgesehene Chuck Norris mitgewirkt hätte? Sein Sohn ist sicherlich der bessere Schauspieler, aber vielleicht hätte der Veteran dem Werk die schmerzlich fehlende Grimmigkeit verpasst.