Mit ‘The Rolling Stones’ getaggte Beiträge

sympathyforthedevil[1]Godard parallelisiert in seiner Semidoku den kreativen Prozess, der zur Entstehung eines der berühmtesten Songs der Rolling Stones führt, mit dem kognitiven Prozess, der einer linken Revolution vorangeht. In mehreren Kapiteln wohnt der Zuschauer abwechselnd den Stones im Tonstudio bei, wo er die Entstehung des Songs von den ersten Proben bis zu den Aufnahmen verfolgt, und verschiedenen gestellten Szenen, in denen etwa die Black Panther ihre Philosophie darlegen und sich auf die kommende Revolution vorbereiten, „Eve Democracy“ (Anne Wiazemski) im Wald von einem Fernsehteam interviewt wird – und stets mit „Ja“ oder „Nein“ antwortet -, eine Frau Wände, Autos und Plakatwände mit agitatorischen Grafitti besprüht und Menschen in einem Zeitschriftenladen Schundromane, Pornomagazine und Comics kaufen, während ein Mann nationalsozialistische Literatur verliest.

Ich musste  die zwangsläufig aufdämmernden Assoziationen zu kulturellen Errungenschaften der 68er-Generation wie linkem Impro-Theater, Happenings und bemühtem politischem Kabarett zunächst etwas beiseite schieben, um den Film genießen zu können, doch dieser potenziell furztrockene Thesenfilm hat mich irgendwann schließlich in seinen Bann gezogen, weil Godard viele formale Finessen aufbietet und – wie mein Mitgucker Kasi richtig ausführte – ein enorm weites thematisches Feld aufspannt, auf dem man sich in alle Richtungen verlieren kann. Der aufrührerische Gestus, mit dem hier linksradikale Schriften und Pamphlete verlesen werden, bildet meines Erachtens nämlich nur den Unterbau für (für mich) sehr viel spannendere Themen, wie etwa Godards Medien- bzw. Selbstreflexion, die Frage nach der Authentizität dokumentarischer Bilder oder jene nach dem Verhältnis von Spontaneität und Inspiration im künstlerischen Schöpfungsprozess. Letztere treibt vor allem die Stones-Sequenzen an: Akribisch-lückenlosen Passagen, die das Feilen an einer fast nackten Rohversion dokumentieren, werden von krassen Zeitsprüngen konterkariert, die den Betrachter plötzlich mit einer fast fertigen Fassung des Songs konfrontieren. Was ist dazwischen passiert? Und wie viel Zeit wurde übersprungen? Gerade für mich als musikalischen Laien, der nach zwei musikalisch reichlich unfruchtbar verlaufenen Band-Anfängerjahren frustriert das Handtuch warf, offenbart sich in diesem Sprung das ganze Mysterium großer Musik: Wie entsteht sie? Woran „erkennen“ diejenigen, die sie machen, dass ein Song fertig ist? Wussten die Stones, was sie wollten, als sie mit den Aufnahmen zu „Sympathy for the Devil“ begannen? Wie oft nahmen sie den Song auf, bis sie meinten, dass er fertig war? Und in wie vielen verschiedenen Versionen? Godard muss dieses Mysterium aufrecht erhalten, weil sie die Essenz seiner Musik/Revolutions-Metapher sind: Es ist ein langer Weg bis zum Umsturz und es gibt kein Patentrezept dafür, wie er zu gehen ist. (Ein solches Rezept wäre geradezu die Negation des Wesens von Revolution, denn wie heißt es in einem zentralen Satz des Films: „There is only one way to be an intellectual revolutionary and that is to give up being an intellectual.“) Kein Wunder, dass Godard darüber erzürnt war, dass seine Produzenten darauf bestanden, den fertigen Song unter den Endcredits laufen zu lassen (die von mir gesehene Fassung ist nicht die von Godard autorisierte; jene lautet auf den Namen ONE PLUS ONE).       

Die oben angesprochene Parallelisierung der unterschiedlichen thematischen Stränge wird formal vor allem in der durchgehenden Inszenierung der einzelnen Sequenzen in langen Einstellungen ohne Schnitt deutlich. Die Black-Panther-Sequenzen zeigen die politischen Aktivisten auf einem Schrottplatz beim Verlesen politischer Texte, beim Erschießen von in weißen Nachthemden gekleideten weißen Frauen, dem Weiterreichen von Maschinengewehren oder dem Geben von Interviews. Die Sequenzen sind zwar wie gesagt ohne Schnitt realisiert, doch werden sie durch die Handlungen der gezeigten Personen strukturiert: Jede Sequenz unterteilt sich im Fluss in einzelne „Sinn“-Abschnitte (so wie ein Song sich in Strophen, Bridges und Refrains gliedert, die jedoch ineinandergreifen). Was sich auf dem Papier wie ein straffes, unflexibles und verkopftes formales Konzept liest, entwickelt im vorliegenden Film jedoch eine befreiende Kraft, die die Strenge der politischen Aussage geschickt unterwandert. Man sollte es kaum glauben, aber SYMPATHY FOR THE DEVIL ist ein schöner Film.

Spannend auch das Geschehen auf der Tonspur: Da mischen sich dn bester Popmanier der Voice-over und das onscreen Gesprochene zu einem unentwirrbaren Kauderwelsch, die misogynen Fantasien aus Pulpromanen mit der rassistischen Agitation von Eldridge Cleaver und nationalsozialistischem Gedankengut und geraten die live aufgenommenen Sprecher immer wieder aus dem Aufnahmebereich des onscreen vorhandenen Mikrofons – sowohl in den Stones-Passagen als auch besonders eklatant in der Eve-Democracy-Sequenz -, illustrieren das unfertige, improvisierte, spontane, das bei aller formalen Finesse diesen Film auszeichnet. Oder um es dialektisch auf die Punkte zu bringen: Die Finesse besteht gerade in der Spontaneität, die das Unerwartete und Schöne hervorbringt.

Ein Film, über den man endlos reden kann. Ich höre hier auf.

A70-10818[1]Das Altamont-Festival, das während des Auftritts der Rolling Stones  in einem durch ein Hell’s-Angels-Mitglied verübten Mord an einem Schwarzen kulminierte, stellt in der Rezeptions- und Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts so etwas wie den Sündenfall der Hippiebewegung dar. All die Hoffnungen auf ein friedliches Miteinander, die diese Bewegung einten, zerbrachen (spätestens) an diesem Tag und läuteten den Niedergang der in den Sechzigerjahren begonnenen Friedensbewegung ein. Freie Liebe, Halluzinogene, Blumen, Love-ins und Meditation konnten nichts an der Tatsache ändern, dass der Mensch des Menschen Wolf ist, der an diesem Tag im Winter 1969 seine Zähne zeigte.

Für die Dokumentarfilmer Albert und David Maysles sowie Charlotte Zwerin dürfte das Altamont-Festival aber noch aus einem anderen Grund eine einschneidende Bedeutung einnehmen: Der Auftritt der Stones in Altamont, mit dem die seinerzeit größte Rockband der Welt ihre US-Tour beenden wollte, sollte den triumphalen Höhepunkt ihres Films bilden. Stattdessen änderten der Auftritt der Stones und die mit diesem einhergehenden Ereignisse die Konzeption des Films, stellten die ursprüngliche Intention der Filmemacher in Frage und machten ein komplettes Umdenken erforderlich. Es ist nur einer der faszinierendsten Aspekte von GIMME SHELTER, zu betrachten, wie Szenen, die im Moment ihrer Entstehung vollkommen neutral oder gar positiv konnotiert gewesen sein mögen, mit dem Wissen über den weiteren Verlauf der Dinge in einem gänzlich anderen Licht erscheinen und beinahe prophetisch-drohend anmuten. GIMME SHELTER ist ein Film bitter schmeckender Erkenntnis. Er ist das Äquivalent zum Kater am Morgen und der langsam Konturen annehmenden Ahnung, dass man es am Vorabend entschieden zu weit getrieben hat. Es steckt eine tiefe Scham und Resignation in den Bildern von der Rockband, die Begeisterung und Ekstase auslösen will, aber Chaos und Tod verursacht.

Als Zuschauer hat man einen ständigen Wissensvorsprung vor den Akteuren, die ja noch nicht wissen, was ihnen bervorsteht, und deren Aussagen daher eine naiv-leichtsinnige Note erhalten. Der aufreizend-provokant herumtänzelnde, um keinen markigen Spruch verlegene Mick Jagger der ersten 80 Minuten blickt am Schluss, nachdem ihm die Filmemacher das Material des Festivals vorgeführt haben, geradezu beschämt in die Kamera. Er steht als enttarnter Lügner da: Nicht nur konnte er sein Versprechen an die Fans nicht einlösen, die Ereignisse des Abends führten dieses Versprechen vollkommen ad absurdum. Dass er die schon während des ganzen Tages schwelenden und immer wieder in kleineren Scharmützeln ausbrechenden Aggressionen der Menge ausgerechnet mit „Under my Thumb“ (in einer grauenhaft lahmen Version, die die ganze Verunsicherung und das Unbehagen der Band hörbar macht) abkühlen will, zeigt, wie überfordert der Frontmann mit seiner Rolle ist: Darauf hat ihn niemand vorbereitet. GIMME SHELTER macht Schluss mit einem Irrglauben der Popkultur: Der Rockmusiker ist kein genialer Marionettenspieler, der sein Publikum in der Hand hat. Er ist nur derjenige, der den ersten Dominostein umstößt und dann hofft, dass die restlichen Steine so fallen, wie er das geplant hat. Die Regeln des Spiels, auf das er sich eingelassen hat, sind ihm nicht vollständig bekannt. Dass man ihn in dem Glauben lässt, alles unter Kontrolle zu haben, gehört zum faustischen Vertrag, den er unterzeichnet hat und der ihn nun in Ketten schlägt.

Es ist angesichts der Umstände kaum verwunderlich, dass GIMME SHELTER eine denkbar unorthodoxe Rockmusik-Dokumentation ist. Anstatt ungezügelter Begeisterung und dionysischen Taumels löst er ein Gefühl des Unbehagens aus. Dazu passt es, dass mir während der Betrachtung spontan Assoziationen zu zwei Horrorfilmen kamen, die sich jeweils mit den zweifelhaften Errungenschaften einer aus dem Ruder gelaufenen Konsumgesellschaft und der Frage nach Moral und Verantwortung in einer medial geprägten Welt befassen. Das Finale von GIMME SHELTER – die mit dem Helikopter fluchtartig das Festivalgelände verlassenen Stones und das Bild der im Gegenlicht der aufgehenden Sonne über einen Hügel wankenden Silhouetten der Fans – verweisen auf Romeros DAWN OF THE DEAD (schon vorher trägt ein offensichtlich unter dem Einfluss diverser Drogen stehender Fan die Züge eines Zombies), die Szenen, in denen die Musiker gemeinsam mit den Filmemachern das Material betrachten und kommentieren und man aus ihrem Blick die Ohnmacht lesen kann, lässt unweigerlich an CANNIBAL HOLOCAUST denken. In jenem Moment, in dem Jagger sich den Hergang des Mordes ansieht, der Regisseur das Material zurückspult, um durch Einzelbildschaltung sowohl die Waffe des Schwarzen als auch den folgenden tödlichen Messerstich sichtbar zu machen, erreicht der Filme seine volle Wirkung, sein volles kritisches Potenzial. Es ist der Moment, in dem der Film von der Leinwand kriecht: Passenderweise ertappte ich mich dabei, natürlich genau jene Szene ebenfalls zurückzuspulen.