Mit ‘Theodor Grädler’ getaggte Beiträge

Episode 013: Kamillas junger Freund (Alfred Vohrer, Deutschland 1975)

1531816_709208655771106_754426091_nBei einem Einbruch in das Haus der Familie Kessler wird der anwesende Ehemann (Siegfried Wischnewski) überrascht und nur Sekunden später das unvermutet hinzutretende Hausmädchen erschossen. Die Spur führt zu dem professionellen Gigolo Bocke (Karl Walter Diess), den Kesslers vom Eheleben enttäuschte und gelangweilte Gattin Kamilla (Luitgard Im) engagierte, um wenigstens etwas Liebe und Leidenschaft zu erfahren. Und Bocke missbraucht das Vertrauen, das ihm entgegengebracht wird, indem er das Wissen über die Gewohnheiten seiner Kundinnen und die Grundrisse ihrer Häuser nutzt, um gemeinsame Sache mit einer Bande professioneller Einbrecher zu machen.

Alfred Vohrers ersten Beitrag zur Serie habe ich mit Spannung erwartet und war dann etwas enttäuscht. „Kamillas junger Freund“ ist, wie es der an einen besonders unaufgeregten Rohmer-Film erinnernde Titel schon erahnen lässt, eine eher ruhige Angelegenheit, die ohne die besondere Perfidie auskommen muss, die die stärksten DERRICK-Folgen bis dahin auszeichnete. Aber da passiert stattdessen etwas anderes, steigert sich der unaufgeregt erzählte, von vornherein sehr durchsichtige und klare Kriminalfall zu einer Art melancholischer Introspektion. Das hektische Treiben um die Wahrung von Gesetz und Ordnung wird hier von einer beinahe meditativen, keineswegs aber beruhigenden Stimmung ersetzt. Es hatte sich schon zuvor angedeutet (und soll auch in den kommenden Episoden immer wieder thematisiert werden), aber Vohrers Episode macht es noch einmal besonders deutlich: Um das deutsche Beziehungsleben ist es alles andere als gut bestellt. Das Machtgefälle zwischen den erfolgreichen, finanziell gut dastehenden Patriarchatsbolzen und ihren braven und schönen, aber wie Sanatoriumsinsassinnen anämisch in ihren Prachthäuschen sitzenden Ehefrauen beginnt immer wieder unangenehme Konsequenzen zu zeitigen. Die ganze Jämmerlichkeit des Bürgertums, das sich in seinen mit groteske Einrichtungstand und hässlichen Statussymbolen zugestellten Behausungen einmauert wie in einer Gruft, Gefühle mit der kalten Empirie eines Buchhalters als unzuverlässig, überflüssig und potenziell beunruhigend behandelt, tritt plötzlich und unvermittelt an die Oberfläche. Getragen wird diese Sicht von einer Musik, die jenen Mangel in ihrer dunkelmelancholischen Schwülstigkeit nur umso euphorischer hinfortsingen will. „Kamillas junger Freund“ ist wie eine dunkle Operette, von der nur wenige Bilder, dafür aber Stimmungen und Klänge in Erinnerung bleiben. Und Derrick, der sagt: „Man kann mir alles Mögliche nachsagen, aber ich bin kein Moralist.“ In einer anderen Welt würde sich Stephan Derrick in Kamilla verlieben, sie aus ihrem Gefängnis holen und seinen Beruf an den Nagel hängen. Aber das hier ist Deutschland im Jahr 1975 und Derrick weiß das.

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Episode 014: Der Tag nach dem Mord (Helmuth Ashley, Deutschland 1975)

994697_712503745441597_1129766991_nAls der blässliche, nur wenig selbstbewusste Schüler Horst Wegmann (Oliver Grimm) erfährt, dass seine Freundin (Anita Lochner) und sein bester Freund Mario (Renzo Martini), ein italienischer KFZ-Mechaniker, ihn betrügen, lauert er letzterem auf und ersticht ihn schließlich im Affekt mit einem zufällig bereitliegenden Schraubenzieher. Der um Hilfe gebetene Vater (Alexander Kerst) kann nur noch den Tod des Freundes feststellen und leitet sofort alles in die Wege, um das Verbrechen seines Sohnes zu vertuschen: Unter anderem bittet er seine geschiedene Frau (Krista Keller), den beiden ein Alibi zu geben. Derrick und Klein ahnen schnell, wer der Mörder ist, doch müssen sie erst das Lügengerüst der Wegmanns durchbrechen …

Helmuth Ashley begibt sich nach der seltsamen Episode von Vohrer wieder auf die bisher begangenen Pfade der Serie. Seine Episode bezieht ihre Spannung aus der Frage des Zuschauers, wie Derrick die Lügner hinters Licht führen wird oder wie diese sich selbst verraten werden. Dem sachlich-unterkühlten Derrick, der den Missetaten des Bürgertums mitleidlos gegenübersteht, ihr orientierungsloses Umherirren mit zunehmender, in spöttischen Sarkasmus umschlagender Desillusionierung betrachtet, wird wieder einmal der Typus des von sich selbst vollkommen überzeugten und im Selbstbetrug zu Höchstform auflaufenden Patrarchen gegenübergestellt. Ihm zur Seite die Exfrau, die ihre Feigheit hinter einer pseudo-aufrührerischen Haltung verbirgt: Anstatt dem idiotischen Treiben ihres Mannes den Riegel vorzuschieben, ihm die Unterstützung bei seinem gefährlichen Spielchen zu versagen, begnügt sie sich mit letztlich harmlosen Zickereien, die ein Selbstbewusstsein vorgaukeln sollen, wo gar keines ist. In diesem emotionalen Minenfeld, wo es immer nur um Beherrschung, Leistung, Status und Rang geht, Gefühle, Empfindungen oder gar Verständnis als Weicheierkram abgetan werden, muss sich der Sohnenmann geradezu in einen Geist verwandeln. Im Laufe der Episode verschwindet er immer mehr, geht es immer weniger um ihn und immer mehr um den Mann, der sich ein letztes Mal als Beschützer seiner Brut profilieren will. Ein Albtraum in Braun und Grau.

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Alarm auf Revier 12 (Zbynek Brynych, Deutschland 1975)   

Folie1Kurz nachdem er aus der Haft entlassen wird, nimmt der brutale Berufsverbrecher Albert Ross (Gert Haucke) sein Geschäft schon wieder auf. Derrick und Klein kommen ihm auf die Schliche, als er ein Mitglied aus seine Einbrecherbande erschießt. Nun gilt es nicht nur, einen Einbrecher zu stellen, sondern einen Mörder. Und letzteres ist gar nicht so einfach, denn Ross ist ebenso gerissen wie er verkommen ist …

Mit dem DERRICK-Debüt des Tschechen Zybnek Brynych, der von vielen Connaisseuren als so etwas wie der Meister des deutschen Fernsehserienkrimis gehandelt wird, beginnt sich die Serie, der zu diesem Zeitpunkt nur mittelmäßiger Erfolg im Fernsehen beschieden war, dramaturgisch zu verändern. Das rigide durchgezogene Konzept mit dem in der ersten Viertelstunde gezeigten Verbrechen sowie dessen Vor- und Nachbereitung durch den Täter und dem harten Schnitt hin zu dem Ermittlerduo um Derrick und Klein wird in „Alarm auf Revier 12“ zum ersten Mal durchbrochen. Brynych beginnt mit der Einführung von Ross und gibt in den ersten Minuten keinerlei Aufschluss darüber, worum es in seiner Episode gehen wird. „Alarm auf Revier 12“ ist weniger geradlinig als bisherige Episoden, lässt sich zunächst Zeit, Ross als Riesenarschloch und Brutalo zu charakterisieren: Vor dem Knast lässt er seine Gattin geradezu links liegen – nein, das stimmt nicht, er gibt ihr Befehle –, um sich in gespielter Vaterfreude ganz auf seine mittlerweile erwachsene Tochter zu konzentrieren. Später ist es mit seiner Achtung für sie aber auch nicht mehr so weit her: Ihren Freund Haller (Nikolaus Paryla) – ein Mitglied seiner Bande, was weder Mutter noch Tochter wissen – beleidigt er vor ihr als Waschlappen, verpasst ihr in seiner Anwesenheit eine Ohrfeige, um ihn zu demütigen. Später wird er ihr noch sagen, dass sie mit „dem Arsch, den Titten“ etwas Besseres verdient habe als Haller, da ist dieser aber bereits tot, von Ross erschossen, weil er die Polizei über die anstehenden Einbrüche informieren wollte.

Derrick trifft recht bald auf Ross, den er bereits kennt. Der Moment, in dem er ihm zum ersten Mal seit Jahren wieder gegenübersteht (siehe Bilderserie links), ihn erkennt und wohl instinktiv ahnt, auf der richtigen Fährte zu sein, wie erst ein leises Lächeln über sein Gesicht huscht, das dann immer mehr zu einem triumphierenden Grinsen wird, ist unbezahlbar. Hier ist er wieder, dieser andere Derrick: Nicht der triste graubraunbeigefarbene Gesetzeshüter, der kraftlos-übermüdet zwar, aber mit unbeirrbarem Pflichtbewusstsein durch den Morast der Gesellschaft watet, sondern der von einem beinahe kindlichen Spieltrieb angetriebene Ermittler mit dem Schalk im Nacken und dem gefährlichen Blitzen im Auge, dem es eine beinahe orgasmische Freude bereitet, Übeltäter von ihrem hohen Ross (no pun intended) zu stoßen, sie unsanft mit ihrer Fehlbarkeit zu konfrontieren und den mahlenden Rädern der Justiz zu überantworten. In diesen Momenten verkörpert Derrick dann auch nicht die un- und überpersönliche Staatsmacht, den Vertreter und Verfechter eines abstrakten Textes, vielmehr rückt er so näher an den Zuschauer, scheint mit ihm Regungen wie Schadenfreude, Zorn und Abscheu, die er sich sonst verbietet, zu teilen. Es wird aber nicht ganz klar, ob das nicht auch nur Strategie ist, ob er dieses Grinsen nicht nur aufsetzt, um sich an uns heranzuwanzen, uns in Sicherheit zu wiegen, damit wir die Deckung fallen lassen. Er benutzt diese Strategie ja auch immer wieder bei seinen Gegenspielern: So lädt er am Ende Ross zu einem Bier ein, wissend, dass dieser eigentlich zu einem Bruch verabredet ist. Ross läst sich die Gelegenheit nicht nehmen, er ist viel zu stolz, um sich vor Derrick eine Blöße zu geben, und sieht außerdem, wie ihm der Polizist quasi ein Alibi auf dem goldenen Tablett serviert. Es wird für ihn der Anfang vom Ende.

Dass „Alarm auf Revier 12“ bis hierhin die beste DERRICK-Folge markiert, liegt nicht nur an Brynych. Herbert Reineckers Drehbuch hätte wohl auch einen Spielfilm geadelt, überzeugt mit einem cleveren Aufbau, vielen unerwarteten Wendungen und überlebensgroßen, glaubwürdigen Charakteren. Und es hat Witz: Als Derrick und Klein den Tatort eines Einbruchs besichtigen und dabei zum verwüsteten Swimming Pool kommen (tolle Szene übrigens, wie die Einbrecher – darunter auch Walter Sedlmayer – ihren Bruch im wahrsten Sinne des Wortes feuchtfröhlich feiern, während der Hausherr gefesselt im Stuhl sitzt), antwortet Derrick auf die nüchterne Feststellung Kleins, die Einbrecher hätten wohl ein Bad genommen, staubtrocken: „Wieso? Es ist doch noch da.“

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Episode 016: Tod der Kolibris (Dietrich Haugk, Deutschland 1976)

Bildschirmfoto 2014-01-08 um 15.48.41Eine Asiatin, offensichtlich eine Prostituierte, wird tot in einem Kofferraum aufgefunden. Ein anonymer Anrufer rät der Polizei, sich im Hause eines Dr. Scheibnitz (Ernst Schröder) umzusehen und zu -hören. In der Villa treffen Derrick und Klein nicht nur auf den Doktor, der jede Bekanntschaft mit der Toten ableugnet, sondern auch auf seine querschnittsgelähmte Tochter Anita (Sylvia Manas). Als die beiden sie verhören, erkennen sie sofort ihre Stimme: Sie hatte den Tipp per Telefon gegeben …

„Tod der Kolibris“ muss nach der grandiosen Brynych-Episode fast zwangsläufig abfallen, aber auch diese Folge hat leuchtende Momente. Der Anfang ist bärenstark: Nach dem Mord widmet Haugk sich einem betrunken von einer Party zurückkommendem Ehepaar, das plötzlich mit der Leiche einer ihm fremden Frau im Kofferraum seines Wagens konfrontiert wird. Der Mann verwirft den vernünftigen Plan der Gattin, die Polizei zu rufen, schließlich hat er „mindestens 2 Promille“. Stattdessen schlägt er vor, die Tote wegzuschaffen, und zwingt seine Ehefrau, mit anzupacken. Bevor sich „Tod der Kolibris“ jedoch zur DERRICK-typischen Geschichte über die Verantwortungslosigkeit und Feigheit des Durchschnittsbürgers entwickelt, werden die beiden von einem herannahenden Auto gestört und entdeckt. (Ganz toll: Wie das Bild in dem Augenblick einfriert, in dem die Frau, vom Lichtkegel des Autos erfasst, die Füße der Toten fallenlässt und wegrennt, während der Mann dumm aus der Wäsche guckt und dann die bekannte Titelmelodie einsetzt.)

In höhere Regionen deutscher Fernsehunterhaltungs-Vertrahltheit der Siebzigerjahrer dringt Haugk aber erst später vor, wenn er nämlich das merk- und fragwürdige Verhältnis des Doktors zu seiner Tochter unter die Lupe nimmt. Die 18-jährige Anita erinnert in ihrer misslichen Lage und ihrem puppenhaften Äußeren an eine alternde Hollywood-Diva, führt ein Dasein zwischen dem überprotektiven Vater, der keinerlei Verständnis für den Gemütszustand seiner Tochter hat und sie stattdessen behandelt wie einen Fall, und den hässlischen Stofftieren und Puppen, mit denen sie ihr Zimmer teilt. Als er eine Tonbandaufnahme von ihrem Anruf hört, der ihn ja belastet, stürzt er sich sofort auf die vermeintlich geistig labile Person, beginnt sie an sich zu drücken, zu küssen und auf sie einzureden. Es ist klar, dass er sie davon abhalten will, etwas zu sagen, aber sein Verhalten ist durchaus repräsentativ für die Beziehung, die er zu ihr pflegt. Haugk treibt diese seltsame Vater-Tochter-Beziehung mit Lust auf die Spitze, lässt sie schließlich in der Szene kulminieren, in der er sie – immerhin eine erwachsene Frau – auf den Händen durch die Gegend trägt. Die Episode erreicht in diesen Momenten eine verstörende, irgendwie perverse Qualität, die durch eine gewisse kitschige Melodramatik noch unterstrichen wird. Leider verbinden sich diese hervorragenden Ansätze nicht zu einem schlüssigen Ganzen, und das Interesse ließ bei mir merklich nach, wann immer es um die bloße Ermittlungsarbeit ging.

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Episode 017: Tod des Trompeters (Zbynek Brynych, Deutschland 1976)

Derrick erhält einen Anruf eines unbekannten Informanten: Er wolle sich mit ihm treffen, um ihm von einer bevorstehenden Entführung zu erzählen. Als Derrick und Klein am vereinbarten Treffpunkt ankommen, werden sie Zeuge, wie ihre Kontaktperson erschossen wird. Wenig später ist seine Leiche verschwunden, doch ein bei ihr zuvor gefundenes Trompetenmundstück bringt die beiden auf die richtige Spur: Bei dem Toten handelte es sich um einen Musiker, der von dem Plan seiner Bandkollegen, einer Gruppe von Entführern gegen Bezahlung bei der Umsetzung ihres Plans zu helfen, nicht allzu begeistert war …

Brynychs zweite DERRICK-Folge erzählt wieder einmal von der Selbstüberschätzung des Durchschnittsmenschen, der sich in seiner Sehnsucht nach einem besseren Leben in seinen Mitteln versteigt und auf der falschen Seite des Gesetzes landet, mit für ihn unübersehbaren Konsequenzen. Die vier jungen Musiker (darunter Bernd Herzsprung als Schlagzeuger) riskieren für eine gemessen am Risiko lächerlichen Summe Unschuld und Leben, bezahlen ihre Dummheit überaus teuer mit dem Leben ihres Freundes. Ich fand die Episode nicht wahnsinning aufregend, nur gut, aber da ist wieder diese Musik …

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Episode 018: Angst (Theodor Grädler, Deutschland 1976)

Bildschirmfoto 2014-01-09 um 17.54.03Der verheiratete Unternehmer Dr. Hertel (Hans Dieter Zeidler) erfährt von seiner Jahrzehnte jüngeren Geliebten Irene (Uschi Glas), dass Sie einen neuen Liebhaber hat und ihre Beziehung zu Ende ist. Hertel ist Niederlagen nicht gewöhnt: Er verliert die Kontrolle und erwürgt die junge Frau an Ort und Stelle. Er meldet den Tod der Polizei, lenkt den Verdacht auf Irenes neuen Freund (Bernd Herzsprung) und fordert anschließend seine anämische Frau Franziska (Heidelinde Weis) auf, ihm ein Alibi zu geben. Die ihrem bulligen, unberechenbaren Gatten hilflos gegenüberstehende Frau ahnt nun, dass sie mit einem Mörder zusammenlebt. Derrick und Klein, die sicher sind, dass Hertel der Mörder ist, wissen, dass es wahrscheinlich nur eine Frage des einwirkenden Drucks ist, bis Frau Hertel zusammenbricht. Und das weiß wiederum auch Dr. Hertel, der sicherstellen muss, dass sie dichthält …

„Angst“ macht sich das Thema einer dysfunktionalen Ehe, das bisher wenn auch nicht gerade im Hintergrund schwelte, so doch meist nur von tangentieller Bedeutung für den Plot war, ganz und gar zu eigen. Das Paar ist wirklich eine Kombination, wie man sie nur in Fieberträumen erdenken kann: Er ein vierschrötiger, nie weit vom Ausbruch entfernter Machtmensch, der es nicht gelernt hat, ein „Nein“ zu akzeptieren, ein potenzieller Gewalttäter, der seine Natur auch hinter seinem Haifischlächeln nicht verbergen kann, sie ein stilles, blässliches Mäuschen, das neben ihrem raumgreifenden Ehemann beinahe zu verschwinden droht und in steter Angst davor lebt, selbst zum Objekt seines unberechenbaren Zorns zu werden. „Klein, blass, nicht überzeugend“, beschreibt Derrick sie nach einem kurzen Telefonat mit ihr, und das ist ja ein wahrlich niederschmetterndes Urteil über einen Menschen. Auch ihr Ehemann lässt sich über ihr fehlendes Selbstbewusstsein, ihren Identitätsmangel und ihre Lebensunfähigkeit aus, freilich ohne zu ahnen, dass es für jeden empfindsamen Menschen schwierig sein muss, sich neben jemandem wie ihm zu entfalten oder gar zu behaupten. Aber die ganze Geschichte wird für sie zum Wendepunkt, erkennt sie doch, dass sie nun das zementierte Machtgefüge endlich einmal zu ihren Gunsten wenden kann. Dummerweise ist alles schon zu spät.

Grädler kann für seine Episode nicht nur auf ein großartig konstruiertes Drehbuch und mit Zeidler und Weis auf ein brillant harmonierendes Hauptdarstellerpaar zurückgreifen, er stellt das Antagonistentum der beiden auch in fantastisch komponierten, spannungsgeladenen Bildern häuslichen Psychoterrors aus, die das DERRICK-Thema der problematischen Liebesbeziehungen kontrastreich auf den Punkt bringen.

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Bildschirmfoto 2013-12-26 um 14.01.10Der Eindruck aus den ersten vier Episoden wird im weiteren Verlauf der Serie deutlich verfeinert und ausdifferenziert: DERRICK lässt zwar nach wie vor biografische Details seines Titelhelden weitestgehend vermissen – in der Folge „Madeira“ betrachtet er das Foto einer Frau, die sich dann jedoch nicht als seine Gattin, sondern ein Mordopfer erweist, in der Episode „Pfandhaus“ ertappen wir ihn mit einer Geliebten, die sich von ihm chronisch vernachlässigt fühlt –, entwickelt jedoch in der Jagd auf die Verbrecher einen geradezu unerbittlichen, aber dennoch unterkühlten Furor. Es bereitet ihm Freude, diese feigen, mittelmäßigen Durchschnittsmenschen in die Ecke zu drängen, sie noch ein Weilchen zappeln zu lassen, bevor er sie endgültig festnagelt. Sein Haifischlächeln, das sich in sein Gesicht schleicht, wenn sich diese rückgratlosen Würmer vor ihm winden, vor Angst zittern und sich in haarsträubende Widersprüche verstricken, gleichzeitig eine trotzige Fassade der Selbstsicherheit aufrechterhalten, lässt keinen Zweifel daran, wer am Ende als Sieger hervorgehen wird. Es ist seine Mission, den Tätern die Maske vom Gesicht zu reißen, ihre Jämmerlichkeit zu entblößen und den rechtstaatlichen Frieden wiederherzustellen. Doch der Job fordert seinen Tribut: „Es ist meine Aufgabe, den Menschen alles zuzutrauen. Und es widert mich an.“, sagt er einmal, in der Episode „Pfandhaus“. Inhaltlich werden die Folgen etwas variabler, drehen sich nicht mehr nur um Frauenmorde. Dennoch ist auffällig, dass die Morde stets aus einer Position der Macht heraus erfolgen, so etwa in „Nur Aufregungen für Rohn“, in der ein junger Mann seinen alten Nachbarn erwürgt. Und mehr und mehr schleicht sich der Sleaze in die tiefenpsychologisch aufgearbeiteten Einblicke in die deutsche Mörderseele: „Zeichen der Gewalt“ ist die deutsche Appropriation italienischer Poliziottesco inklusive Stripclub-Ausflügen, der erotisch aufgeladene Tanz, den der gerissene Forster (Klaus Maria Brandauer) mit der jüngeren Geliebten seines Erpressungsopfers vor dessen Augen zu deutscher Schwermutsdico aufs Parkett legt, entblößt gewissermaßen den Unterleib der deutschen Mittelklasse.

Einige inhaltliche Elemente tauchen wiederholt auf: So erinnert Derricks Coup, den vollkommen panischen Hoffmann in „Hoffmanns Höllenfahrt“ noch einmal mit den Umständen seiner Tat und dem Opfer zu konfrontieren, sehr an die Episode „Johanna“, in der er die Zwillingsschwester der Toten dazu brachte, deren Kleidung zu tragen und ihrem Mörder gegenüberzutreten. In dieser Strategie entbirgt sich Derricks Funktion als alttestamentarischer Racheengel am deutlichsten: Es geht nicht nur darum, Mörder festzusetzen und die Gesellschaft zu schützen, sondern stets auch darum, die Täter mit ihrer Schuld zu konfrontieren, ihre Verleugnungen zu durchbrechen, ihr schlechtes Gewissen bloßzulegen. DERRICK ist eine 290-teilige Mahnfabel: Nicht nur lohnt sich Verbrechen materiell nicht, ist nicht an ein Davonkommen zu denken, weil ein Derrick die Schuld riechen kann wie ein Drogenhund, sie ist für den Durchschnittsbürger auch psycholgisch nicht zu ertragen. Die Essenz dieser frühen DERRICK-Folgen: Der Deutsche ist viel zu jämmerlich und durchschnittlich, um mit einem Mord durchzukommen. Das Geschmeiß auf der Straße mag sich für intelligent, gerissen und abgezockt halten, doch die Realität sieht ganz anders aus. Und Derrick weiß das. Weswegen es ihn schier krank macht, dass diese armseligen Gestalten es immer wieder versuchen, anstatt sich in ihr deutsches Dasein zu fügen.

„Tod am Bahngleis“ erinnert mit seinen Einblicken in die Psyche eines Frauenmörders – es wird sogar ein Psychologe hinzugezogen – etwas an Derricks Debüt in „Waldweg“. In „Madeira“ spielen Derrick und sein Partner nur eine Nebenrolle, die Folge fungiert in erster Linie als Showcase für Curd Jürgens, dessen Bubach wie Raskolnikow in Dostojewskis „Schuld und Sühne“ ein beinahe wissenschaftliches Interesse bei seinen Morden an den Tag legt. „Zeichen der Gewalt“ und „Ein weichen am stärksten vom Rest ab: Hier sind es keine einfachen Bürger, die in einem Moment der Schwäche zu Mördern werden, sondern Unterweltler, deren Gewissenlosigkeit schon eingeschliffen ist. Beide Folgen erinnern mit ihren Besprechungen im Polizeirevier, verschiedenen Beamten und Einsätzen an klassische Police Procedurals. „Paddenberg“ deutet etwas an, was eher subliminal in jeder Folge mitschwingt: dass sich viele Deutsche im Krieg die Hände schmutzig gemacht haben, auch wenn sie nicht mit den Nazis unter einer Decke steckten.

 

Episode 005: Tod am Bahngleis (Alfred Weidenmann, Deutschland 1975)

Die Münchener Polizei sieht sich den Taten eines Frauenmörders gegenüber: Alle Opfer nahmen offensichtlich den letzten Zug aus München, wurden beim Aussteigen vom Killer abgefangen, erwürgt und dann an den Gleisen abgelegt. Beim Täter handelt es sich um den Gleisarbeiter Hugo Hase (Peter Kuiper): Von seinen Kollegen (u. a. Arthur Brauss, Ulli Kinalzik, Günter Strack und Rinaldo Talamonti) wird er wegen seiner unbeholfenen Art verlacht, nachts „rächt“ er sich an den Frauen, zu denen er einfach keinen Zugang herstellen kann …

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Episode 006: Nur Aufregungen für Rohn (Wolfgang Becker, Deutschland 1975)

Der mittellose Student Harald Rohn (Thomas Fritsch) hat sich einen Coup ausgedacht, wie er an Geld kommen kann: Er überfällt seinen Nachbarn, den alten Herrn Seibach (Helmut Käutner), der als Geldbote für einen Supermarkt arbeitet. Dummerweise verliert er etwas am Tatort, was das Opfer auf seine Spur bringt. Als Seibach Rohn in dessen Wohnung konfrontiert und auffordert, sich zu stellen, sieht der junge Mann keine andere Möglichkeit, als Seibach umzubringen. Derrick und Klein sind von Beginn an überzeugt, dass er der Mörder ist, denn der Student hat viel zu viele Fehler gemacht. Aber es fehlt der entscheidende Beweis …

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Episode 007: Madeira (Theodor Grädler, Deutschland 1975)

Eine ältere Dame verschwindet spurlos, nachdem sie ihren Mietvertrag gekündigt und alle Konten aufgelöst hat, um mit einem Herrn nach Madeira auszuwandern. Bei dem Mann handelt es sich um Paul Bubach (Curd Jürgens), der Ausschau nach alleinstehenden Frauen hält, ihnen eine neues Leben auf der Atlantik-Insel schmackhaft macht und sie dann umbringt, wenn sie ihm ihre Ersparnisse anvertraut haben.

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Episode 008: Zeichen der Gewalt (Theodor Grädler, Deutschland 1975)

Von einem anonymen Anrufer wird der Anwalt Rieger (Joachim Bißmeier) dazu aufgefordert, seinem wegen Totschlags inhaftierten Mandanten Günter Hausmann (Raimund Harmstorf) eine Schusswaffe ins Gefängnis zu bringen, man habe seine Gattin Herta (Gaby Dohm) in der Gewalt. Der Anwalt tut, wie ihm befohlen wurde, Hausmann bricht wenig später aus und erschießt dabei einen Polizeibeamten. Der Anwalt ist untröstlich und bringt sich selbst um, derweil Derrick und Klein herauszufinden versuchen, wo sich Hausmann aufhalten könnte. Die Spur führt zu seinem Nachtclub „Crazy“, wo seine Gattin Irina (Sybil Danning) die Hauptattraktion ist …

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Episode 009: Paddenberg (Franz Peter Wirth, Deutschland 1975)

Der sein Geld als Schrankbemaler in einem Kaufhaus verdienende Kleinkünstler Hofer (Heinz Bennent) trifft durch Zufall Goldinger (Peter Pasetti) wieder, einen ca. 20 Jahre älteren Mann, zu dem er während der gemeinsamen Zeit im Kriegsgefangenenlager eine von Bewunderung geprägte Freundschaft entwickelt hatte. Er erfährt, dass Goldinger heute auf den Namen Paddenberg hört und erfolgreicher Geschäftsmann ist. Der Erkannte reagiert distanziert auf das Wiedersehen: Er hat ein entschiedenes Interesse daran, dass seine wahre Identität verborgen bleibt und bringt den harmlosen Hofer daher kaltblütig um. Von Derrick und Klein mit der Tatsache des Todes ihres Ehemanns konfrontiert, wittert Irene Hofer (Anaid Iplicjian) ihre Chance. Sie weiß, wer der Mörder ist und will diese Tatsache zu ihren Gunsten nutzen …

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Episode 010: Hoffmanns Höllenfahrt (Theodor Grädler, Deutschland 1975)

Auf der Heimfahrt begegnet der Handwerker Hoffmann (Klaus Löwitsch) der jungen, attraktiven Nachbarstochter Anneliese (Ingrid Steeger), die leicht über den Durst getrunken hat. Das Mädchen, dass er von Kindesbeinen an kennt, ist etwas anhänglich, Hoffmann weiß sich nicht zu beherrschen. Als sie ihm droht, alles ihrem Vater zu sagen, bringt er sie um und versteckt die Leiche auf einem Schrottplatz. Doch er ist nicht der Charakter, der einen Mord geschickt vertuschen kann: Von der ersten Sekunde an verstrickt er sich vor seiner Familie (u. a. Judy Winter und Pierre Franckh) in Widersprüchen und verliert angesichts der Befragung durch Derrick und Klein jede Contenance …

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Episode 011: Pfandhaus (Dietrich Haugk, Deutschland 1975)

Gustl Karruska (Max Mairich) ist zwar ein erfolgreicher und wohlhabender Geschäftsmann, aber dennoch voller Minderwertigkeitskomplexe. Diese werden noch bestärkt, als er erfährt, dass seine gut 30 Jahre jüngere Geliebte Ursula (Doris Kunstmann) ein Verhältnis mit dem vorbestraften Forster (Klaus Maria Brandauer) hat. Zu allem entschlossen besucht er dessen Wohnung, um ihn zu erschießen. Doch seine Kugeln treffen nur dessen Freund. Anstatt zur Polizei zu gehen, wittert Forster die Gelegenheit, sich eine Scheibe vom Kuchen Karruskas abzuschneiden. Er schweigt gegenüber Derrick und Klein, nistet sich in Karruskas Haus ein und beginnt den Mann offen zu demütigen …

Wertung: ****/*****

 

Episode 012: Ein Koffer aus Salzburg (Alfred Weidenmann, Deutschland 1975)

Eine Putzfrau wird beim nächtlichen Reinigen eines Zuges aus Salzburg von einem Mann (Ralf Schermuly) überrascht und erschossen. Offensichtlich hatte sie ihn dabei erwischt, wie er einen Koffer aus dem Zug entwendete. Der Mann kann entkommen, die Ermittlungen führen Derrick und Klein auf die Spur einer Schmugglerbande …

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Im Zuge meines entflammten Interesses am deutschen Film (vor allem der Zeit zwischen 1930 und 1980) ist es fast unumgänglich, dass ich mich auch den großen Krimiserien widme, die ab den 1960er-Jahren produziert wurden. Viele Regisseure, die sich zuvor mit Kinofilmen einen Namen gemacht hatten, fanden nach der Einführung des Fernsehens dort ein neues Auskommen. Und die berühmteste all dieser Fernsehserien ist DERRICK, mit insgesamt 281 Episoden in 24 Jahren wahrscheinlich die weltweit erfolgreichste und langlebigste Serie überhaupt. Natürlich habe ich als Kind auch die ein oder andere Folge gesehen: Das Fernsehprogramm bestand aus drei Sendern mit übersichtlichem Angebot und DERRICK gehörte zu den Heiligtümern deutscher Abendunterhaltung. Richtig gemocht habe ich sie damals nicht: Wenn ich mal davon absehe, dass ich mit Krimis eh nicht so viel anfangen konnte, fand ich den Polizisten Stephan Derrick immer eher unangenehm mit seiner dunkelbraun getönten Sonnebrille, den aufgequollenen Tränensäcken, der kehligen Stimme und den stets braun-grauen Anzügen und Mänteln. Ich konnte das damals natürlich noch nicht so benennen, aber DERRICKS titelgebender Protagonist – und mit ihm die Serie – verkörperte die deutsche Spießigkeit in Reinkultur. Die Episoden rochen immer irgendwie nach kaltem Zigarrettenrauch, nach abgestandenem Bier, nach Staub, den Linoleumböden in deutschen Amtsstuben und nach Bohnerwachs und waren damit entschieden unsexy. Als dieses Jahr die Nazivergangenheit Tapperts ans Licht kam, da schloss sich im Grunde genommen der Kreis: Denn auch wenn Stephan Derrick als Kriminalbeamter das Gesetzt vertrat, so haftete ihm immer etwas entschieden Furchteinflößendes an. In einer der ersten vier Episoden sagt er zu seinem Partner einmal, dass es ihm unangenehm sei, das Gesetz zu vertreten, weil ihm das zu abstrakt erschiene. Und tatsächlich wirkt dieser Derrick meist nicht wie ein Mensch, ein Individuum mit Privatleben, Familie und Vergangenheit, sondern wie eine entindividualisierte Staatskraft, eine Art Robocop ohne Metallteile. Dieser Derrick begibt sich abends nicht nach Hause, er wird in seinem Büro von Technikern runtergefahren und für den Einsatz am nächsten Tag gewartet und neu aufgeladen. Was interessant ist an dieser Assoziation und an der Spießer-Unterstellung: In den ersten vier Episoden räumt dieser Derrick gerade mit jenem deutschen Spießertum auf, das er doch selbst zu vertreten scheint. Er bekommt es eben nicht mit den Außenseitern und Extremfällen der Gesellschaft zu tun, sondern gewissermaßen mit der frappierenden Banalität des Bösen, dem Biedermann mit der Leiche im Keller. Auch wenn DERRICK zu Beginn/Mitte der Siebziger seine Premiere erlebte: Man kann kaum anders, als zumindest die ersten Folgen als Kommentar zu einer immer noch nicht verarbeiteten deutschen Vergangenheit begreifen.

 

 

Episode 001: Waldweg (Dietrich Haugk, Deutschland 1974)

Oberinspektor Derrick (Horst Tappert) und sein Assistent Harry Klein (Fritz Wepper) werden an ein Mädcheninternat im Münchener Umland beordert. Dort sind binnen kürzester Zeit zwei Mädchen auf ihrem abendlichen Weg vom Bahnhof zur Schule von einem unbekannten Täter ermordet worden. Der erste Verdacht fällt auf den jungen Lehrer Dackmann (Herbert Bötticher), der einen sehr lockeren, vielleicht zu lockeren Umgang mit den Schülerinnen pflegt. Doch noch verdächtiger erscheint Derrick der zurückhaltende Herr Manger (Wolfgang Kieling), der mit seiner alten Mutter zusammenlebt. Weil Derrick jedoch keine echten Beweise für seinen Verdacht hat, setzt er einen Köder aus …

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Episode 002: Johanna ( Leopold Lindberg, Deutschland 1974)

Alfred Balke (Helmut Lohner) ermordet seine wohlhabende, rund 20 Jahre ältere Gattin Martha (Lilli Palmer), um mit der Erbschaft und seiner jüngeren Geliebten durchzubrennen. Obwohl Balke als einziger Verdächtiger zunehmend nervöser und erratischer wird, kann ihm Derrick nichts nachweisen: Balke hat ein wasserdichtes Alibi. Weil Derrick jedoch ahnt, dass nur er als Täter infrage kommen kann, bringt er Johanna (Lilli Palmer), die Schwester der Verstorbenen, die ihr wie aus dem Gesicht geschnitten ist, dazu, ihren Schwager zu konfrontieren …

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Episode 003: Stiftungsfest (Helmut Käutner, Deutschland 1974)


Ein Gesangsverein aus Augsburg feiert sein rauschendes Stiftungsfest in einem Münchener Wirtshaus. Alle sind ausgelassen, es wird kräftig getrunken und vor allem der Vereinsvorsitzende August Bark (Siegfried Lowitz) agiert wie entfesselt. Als er Irene (Andrea Rau), die Geliebte seines Sohnes, die schon auf der Tanzfläche äußerst offenherzig getanzt und damit seine Aufmerksamkeit erregt hatte, nackt in ihrem Zimmer trifft, kann er sich nicht mehr halten. Doch dann klopft sein Sohn Helmut (Bruno Dietrich) an die Tür, Bark gerät in Panik und die Situation außer Kontrolle: Irene stürzt unglücklich und bricht sich das Genick. Bark kann unerkannt entkommen, Helmut findet nur noch die Leiche seiner Freundin. Als wenig später Oberinspektor Derrick eintrifft, ist nur eines klar: Der Täter muss sich noch unter den Gästen des Hauses befinden …

Wertung: *****/*****

Episode 004: Mitternachtsbus (Theodor Grädler, Deutschland 1974)

Als Erich Holler (Hartmut Becker) von Helga (Christiane Schröder), einer Kellnerin im Gasthof seines Vaters Oskar (Werner Kreindl), erfährt, dass sie von ihm schwanger ist und das Kind nicht abtreiben will, da bringt er sie kurzerhand um. Der Vater ist nur darauf bedacht, seinen Sohn aus der Schusslinie zu bringen, und bietet dem ermittelnden Oberinspektor Derrick sofort den schwachsinnigen Bruno (Lambert Hamel) als Täter an. Der geistig Zurückgebliebene kann sich eh nicht wehren, ist ungemein kräftig und zudem weiß jeder, dass er an Helga einen Narren gefressen hatte und ihr nachzustellen pflegte. Doch Derrick ist das zu einfach, also erhöht er mithilfe der Kellnerin Frau Jahn (Bruni Löbel) den Druck auf den Vater …

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Die vier Episoden, mit denen Oberinspektor Derrick im Jahr 1974 seine lange Karriere als Fernsehkriminalist begann, sind erstaunlich homogen. Das betrifft längst nicht nur die Handlungsstruktur, die später modifiziert wurde – jede Episode beginnt mit dem Verbrechen, der Täter ist dem Zuschauer stets bekannt, Derrick tritt nach ca. einem Drittel der einstündigen Laufzeit auf und muss dann den Fall lösen –, sondern auch den Inhalt: In allen vier Fällen ist der Täter kein abgezockter Killer, sondern ein „heißgelaufener“ Biedermann, der zunehmend in Panik gerät. In allen vier Fällen ahnt Derrick, wer der Täter ist, bevor er einen stichhaltigen Beweis in der Hand hält. In allen vier Fällen drängt er den Täter durch rhetorische Kniffe und Psychospielchen in die Enge und lässt ihn sich selbst verraten. Und in drei der vier Fälle sind es dem Täter nahestehende Personen, die ihn schützen und sein Lügengebilde aufrechterhalten. Der mahnende Charakter, die Crime-does-not-pay-Strategie, die Kriminalfilme fast immer zumindest unterschwellig bedienen, wird in DERRICK durch diese Ausrichtung besonders hervorgehoben. Die Identifikation des Zuschauers findet weniger über die Figur des Ermittlers Derrick statt, als über die Täter, die allesamt der Mitte der Bevölkerung entspringen, von ihren Taten genauso schockiert zu sein scheinen wie der Zuschauer und gegen das kriminalistische Genie Derricks von Beginn an auf verlorenem Posten stehen. DERRICK suggeriert die Ohnmacht des Einzelnen vor der Staatsmacht, verdeutlicht, dass es keinen Zweck hat, sich zu verstellen: Wenn wir schon keine Indizien hinterlassen haben, die uns verraten, so tut dies garantiert unser schlechtes Gewissen, das Profis wie Derrick auf Meilen gegen den Wind riechen. Dass es in erster Linie Derricks untrügliche Menschenkenntnis ist, die ihn auf die Siegesstraße bringt, unterstreicht noch den beinahe alttestamentarischen Unterton der Serie: Derrick steigt wie ein allwissender Engel zu uns herab, um das Tohuwabohu, das die Menschen in ihrer Fehlbarkeit angerichtet haben, wieder geradezubiegen. Fast hat man am Ende jeder Episode den Eindruck, die Täter seien ihm dankbar dafür, dass er ihnen mit dem Geständnis wie ein Beichtvater auch die erdrückende Last der Schuld abgenommen hat. Und wenn man sich anschaut, wer diese Täter sind, wie sie leben, was sie umgibt, dann kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es Deutschland selbst ist, das sie die Grenze überschreiten lässt. Man schaue sich nur an, zu welch düsterem Ort Theodor Grädler einen ganz normalen deutschen Gasthof verzerrt. Hier kann gar nichts anderes gedeihen als die Schuld. Aber dass es ausgerechnet ein Ex-Nazi ist, der sich dieser deutschen Kollektivschuld stellt, das ist schon bemerkenswert und verleiht der sowieso schon reichlich tristen Serie rückblickend noch eine Extradosis Abgründigkeit.