Mit ‘Thomas L. Dyke’ getaggte Beiträge

Die „Spirits“, eine Motorradgang, wollen eigentlich nur ihren Traum von der Freiheit ausleben, kommen dabei aber immer wieder mit der Polizei in Konflikt, denen diese libertinären Bestrebungen – zusammen mit dem Erscheinungsbild der Rocker – ein Dorn im Auge sind. Als einer der Polizisten ein Mädchen aus dem Dunstkreis der „Spirits“ vergewaltigt, die Tat den Bikern in die Schuhe schiebt, dem erschütterten Vater suggeriert, dass er keine Chance habe, mit juristischen Mitteln zum Erfolg zu kommen, und das einzig effektive Mittel die Selbstjustiz sei, geht die blutige Hatz auf die Gang los, die plötzlich einer nach dem anderen von einem unsichtbaren Schützen weggemäht werden. Die Biker bewaffnen sich ihrerseits und so kommt es auf einem abgeschiedenen Friedhof zum großen Showdown …

Man kann drei Hauptstränge aus dem übersichtlichen Genre des Bikerfilms herausfiltern: Der erste, den ich mal als derivativen Bikerfilm bezeichnen und mit dem ich mich hier nicht weiter beschäftigen möchte, ist an den Bikern ausschließlich vordergründig interessiert, sieht in den Gangs vor allem ein reizvolles Sujet für ansonsten eher unspezifische Action. In den beiden anderen Strängen wird der Biker entweder als Freigeist idealisiert, der an einer intoleranten Gesellschaft scheitert, die in ihm nur den verfilzten Rowdy sieht (siehe etwa EASY RIDER), oder aber an ihm wird exemplarisch dargelegt, warum der in den späten Sechzigerjahren erblühte Traum von der Freiheit letztlich wie eine Seifenblase zerplatzen musste (siehe Cormans THE WILD ANGELS). Zwar kommen beide Stränge im Grunde genommen zum selben Ergebnis, doch treffen sie eben unterschiedliche Diagnosen. THE NORTHVILLE CEMETERY MASSACRE, der ja 1974 eigentlich schon zu spät war, um noch von der friedlichen Weltrevolution zu träumen, gehört eindeutig zur ersten Kategorie, was schon in der Eröffnungsszene deutlich wird: Ein Rentnerpärchen ist mitten in der Einöde des mittleren Westens mit einer Reifenpanne liegengeblieben und der klapprige Gatte schickt sich gerade an, ungeschickt den Reifen zu wechseln, als die Spirits angebraust kommen. Der Mann flüchtet ins Innere des Autos und befiehlt seiner Frau, die Scheiben hochzukurbeln. Die Rocker haben den Wagen derweil erreicht, halten an, steigen von ihren Öfen ab und umzingeln das Auto. Sie ziehen Grimassen, drücken ihre bärtigen Gesichter an die Scheiben und tun alles, um das Ehepaar zu verängstigen. Plötzlich jedoch stellt dieses fest, dass ihr Wagen aufgebockt wird: Die Rocker wechseln ihnen den Reifen! Zum Abschied beugt sich einer der Spirits durch das Beifahrerfenster ins Wageninnere und drückt der entzückten Oma einen dicken Kuss mitten auf den Mund, die sich daraufhin mit verklärtem Blick und um gefühlte 30 Jahre jünger ihrem Ehemann zuwendet. Dann fangen die Credits an zu laufen. Diese Charakterisierung der Rocker durchzieht den ganzen Film: Die Spirits (und auch ihre Genossen aus anderen Gangs) sind zwar ein roher, ungehobelter Haufen, aber absolut harmlos und liebenswert. Ganz anders die Polizei: Für sie steht jeder Biker unter Generalverdacht und um einen oder mehrere von ihnen für eine Nacht einzulochen, werden auch schon einmal haltlose Beschuldigungen aufgestellt. Der Oberschurke des Films ist eben ein Polizist: Ein gewissenloser Faschist, der sich nichts mehr wünscht, als jeden einzelnen der Spirits in die ewigen Jagdgründe zu schicken, und dem zur Erfüllung dieses Wunsches jedes Mittel recht ist. Seine Bösartigkeit wird durch seine Feigheit noch unterstrichen: Gemeinsam mit dem zweifelnden Vater und einem Waffenspezialisten, der sich selbst als Beschützer „seiner“ Herde und die Spirits als auszulöschende Raubtiere ansieht, stellt er sich den Rockern nicht etwa im Kampf entgegen, sondern erschießt sie aus dem Hinterhalt (oder im Showdown aus einem Helikopter heraus), ohne dabei selbst in Erscheinung zu treten. Jeder Schuss ist eine Explosion, die die nichts Böses ahnenden Spirits förmlich in Fetzen reißt.

THE NORTHVILLE CEMETERY MASSACRE, der auf der DVD-Hülle als „The Ultimate Biker Flick“ gepriesen wird, ist wohl vor allem wegen seines immensen Blutvergießens bekannt, das oft Vergleiche mit Peckinpahs THE WILD BUNCH nach sich gezogen hat. Weil Dear und Dyke aber eher unbedarft inszenieren, erschöpfen sich die Parallelen mit genanntem Jahrhundertfilm in der Drastik der Einschüsse (die mich aber gerade in Verbindung mit der erwähnten „Unsichtbarkeit“ der Schützen eher an THE HUNTING PARTY erinnerten) und dem Showdown, der keine Gewinner, nur Verlierer kennt. THE NORTHVILLE CEMETERY MASSACRE bemüht sich um Authentizität, die wohl vor allem durch die Besetzung der Spirits mit einer echten Bikergang (den Scorpions nicht aus Hannover, sondern aus Detroit), aber auch durch die Episodenhaftigkeit, mit der der lustige Bikeralltag gezeichnet wird, erreicht werden soll. Dem stehen jedoch einige komische und wohl satirisch gemeinte Szenen im Weg, etwa jene, in der die Spirits einen Armyfreak aufsuchen, um sich zu bewaffnen, und dieser eine flammende Rede vor dem Star Spangled Banner hält, damit deutlich auf die ikonische Szene aus Schaffners PATTON anspielend. Der Begriff, der den Film am besten umschreibt, ist wohl „naiv“. Nicht erst seit dem medienwirksam aufgebauschten Streit zwischen Hell’s Angels und Bandidos weiß man um die Verbindung so mancher Bikergang zum organisierten Verbrechen und ahnt, dass die Vorurteile der Gesetzeshüter nicht immer so unbegründet waren, wie es hier dargestellt wird. Die schon angesprochene Inszenierung mit ihren schablonenhaften Figuren und den klischierten Szenenabläufen trägt ihren Teil dazu bei, dass man den Filmemachern ihre „Message“ nicht so ganz abnehmen kann.

Ich habe den Film gestern nicht unter idealen Voraussetzungen geschaut, eigentlich nur in Ermangelung einer besseren Alternative. Der Ton auf der „30th Anniversary Edition“ ist zudem stark verrauscht und Untertitel gibt es nicht, was die Sichtung zusätzlich belastet hat. Einen Knaller habe ich sicher nicht erwartet, aber auch wenn man einen eher mittelprächtigen Film antizipiert, muss man doch einräumen, dass THE NORTHVILLE CEMETERY MASSACRE nicht gerade gut gealtert ist. Versöhnlich gestimmt hat mich allerdings der wirklich famose Schluss, also nicht der eigentliche Showdown, sondern tatsächlich die letzten Einstellungen des Films, in denen die Klischeereiterei der vorangegangenen 80 Minuten transzendiert wird und der Film zu einer nicht mehr für möglich geglaubten Wahrhaftigkeit gelangt. Mir fallen auf Anhieb etliche Filme ein, für die ich mir dieses Ende gewünscht hätte. Ein leises Finale eben, aber eines, das darum umso mehr knallt. Wenn ich darüber nachdenke, möchte ich fast den bisherigen Text revidieren. Mal wieder ein Beweis dafür, dass ein gutes Ende die vorher gefestigte Meinung nachträglich (fast) komplett drehen kann.