Mit ‘Thomas Schadt’ getaggte Beiträge

1989 war das Jahr, in dem ich anfing „harten“ Metal zu hören, nachdem ich mich langsam über den damals noch angesagten Hardrock herangetastet hatte. Die Dokumentation THRASH, ALTENESSEN, in denen die damals schon zu den Großen der deutschen Thrash-Szene gehörenden Kreator im Mittelpunkt standen, habe ich damals noch halb befremdet im Fernsehen gesehen. Metal war für mich ein Faszinosum, das natürlich etwas davon befeuert wurde, dass man die „normalen“ Leute damit erschrecken konnte – zu denen ich mich ja auch noch zählen musste. Ich war damals 13, noch ein Kind also, und die knapp zehn Jahre älteren Musiker der Doku waren für mich schon richtige Erwachsene, obwohl sie, das weiß ich heute, ja selbst gerade eben erst langsam den Kinderschuhen zu entwuchsen. Das, was sie taten und sagten, hatte demnach ein ganz anderes Gewicht für mich. Heute lache ich über die Naivität vieler Texte von damals, früher hielt ich Mille Petrozza, den Sänger von Kreator für einen Intellektuellen, weil er sich textlich mit Dingen auseinandersetzte, für die sich der gemeine Popstar nicht interessierte. Und den Mummenschanz um Teufel und Dämonen, den viele Bands ja nur deshalb zelebrierten, weil sie damit wunderbar das Esrablishment erschrecken konnten, nahm ich anno dunnemals auch noch für bare Münze. THRASH, ALTENESSEN war demnach heute für mich ein komplett anderer Film als damals. Und ein besserer, möchte ich ergänzen.

Ich habe Schadts Film unmittelbar nach Helmut Käutners fantastischem, jedem Filmbegeisterten (und an deutscher Nachkriegsgeschichte Interessiertem) unbedingt ans Herz zu legendem Meisterwerk SCHWARZER KIES (Rezension folgt in Kürze) gesehen und er stellte eine Art perfektes Sequel zu jenem dar – was natürlich nicht geplant war. In beiden Filmen geht es um eine schwierige Phase gesellschaftlich-wirtschaftlichen Umbruchs: die Zeit der Besatzung nach dem Zweiten Weltkrieg in Käutners Film, die Anfänge der Übergangsphase vom Industriestandort hin zur heute kulturell florierenden „Metropolregion“ Ruhrgebiet in THRASH, ALTENESSEN. Die Charaktere in Käutners German Noir werden die Vergangenheit nicht los. Die Protagonisten von THRASH, ALTENESSEN hingegen wissen nicht, was die Zukunft bringen wird. Die Zechen haben allesamt dicht gemacht, ragen aber überall noch wie Mahnmale in den Himmel, für die Jugendlichen gibt es keinerlei berufliche Perspektiven, ihre Heimat befindet sich auf der Suche nach einer neuen Identität, derweil die Alten über die zunehmenden Veränderungen klagen. Geburtswehen, der Weg der Geschichte, mittendrin die Jungs von Kreator, die die Frustration über das Jetzt in ihre energetische, aggressive Musik gießen.

THRASH, ALTENESSEN ist nicht wirklich eine Metal-Doku, auch wenn sie vor allem als solche einen Ruf hat. Klar, es ist toll, Kreator, die innerhalb der Szene ja damals eigentlich schon Veteranen waren und heute längst Legendenstatus haben, hier als Kids zu sehen, die im Alltag noch der Beschäftigung als Zivildienstleistende nachgehen, aber Schadts Anspruch ist nicht der einer Muckerbiografie. Vielmehr zeichnet er in knapp 90 Minuten das facettenreiche Stimmungsbild einer ganzen Region. Da gibt es die seit nunmehr 30 Jahren in Essen lebenden Gastarbeiter, die die Wochenenden mit einem Kasten KöPi und dem alten Zechenkumpel im Schrebergarten verbringen; die arbeitslosen Kumpel, die mit 400 Mark deshalb über die Runden kommen, weil man nix mehr zu essen braucht, wenn man Bier trinkt; den Rentner, der gegen den Ausbau der A52 demonstriert, weil dafür ein paar Häuser abgerissen werden müssen, deren Einwohner dort zum Teil seit 30 Jahren leben. Mich macht das alles fertig, weil ich weiß: Diese Menschen sind heute tot, die Welt für die sie da kämpfen oder deren langsamen Niedergang sie betrauern, seit annähernd 30 Jahren Vergangenheit. Dieses Ruhrgebiet, das THRASH, ALTENESSEN zeigt, das gibt es in dieser Form nicht mehr, auch wenn sich die alte Bergbautradition natürlich in der Mentalität der Menschen dort verfestigt hat, was immer das genau bedeutet. Die Welt ist nicht untergegangen, sie hat sich weiterentwickelt. Einiges ist dabei auf der Strecke geblieben, auch Menschen sicherlich, aber die Zeit lässt sich nicht aufhalten. Nicht unbeträchtlichen Reiz bezieht der Film aus der Beschwörung einer Vergangenheit, die für mich, der in den frühen Achtzigern aus dem beschaulichen Nordhessen ins Rheinland kam, zwar noch greifbar ist, aber so konkret vor Augen geführt wie hier doch 1.000 Jahe alt erscheint. Fährt man heute ins Ruhrgebiet, was ich relativ oft tue, sieht man zwar noch diese kasernenartigen Häuser der Bergarbeiter und die alten Strukturen, aber alles ist rausgeputzt, sauber, begrünt. Bei den Bildern von THRASH, ALTENESSEN hingegen fühlt man sich in albanische oder kasachische Industriebrachen versetzt, wo dunkelhäutige Kinder mit Spielzeug aus Müll im Dreck spielen. Ein Kumpel aus dem Dunstkreis der Kreator-Jungs erzählt von seiner Ausbildung unter Tage, davon, wie er 1.000 Meter in der Tiefe bis zu den Knien im Dreck steht, während um ihn herum Maschinen die Kohle aus den Tunnelwänden reißen. Er ist vielleicht 23. Unfassbar aus heutiger Perspektive.

Die Traurigkeit, die einen befällt, wenn man diese Tristesse sieht, wird nur geringfügig durch das Wissen abgemildert, dass es dem Pott heute eigentlich sehr gut geht. Denn da ist ja trotzdem etwas gestorben. Die alte Identität musste abgestreift werden und mancher alte Kumpel ist dabei vor die Hunde gegangen. In THRASH, ALTENESSEN sieht man das, was man „Fortschritt“ nennt, am Werk, mit all seinen Verwerfungen und den Schmerzen, die er mit sich führt. Ein großartiger Film – mit einem großartigen Soundtrack natürlich.