Mit ‘Thriller’ getaggte Beiträge

Detroit ist eine im Sterben liegende Stadt. Der Ort, wo „der American Way of Life erfunden“ wurde, wie ein Journalist angesichts der wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte der Stadt sagt, in der die Massenproduktion der amerikanischen Automobilindustrie erfunden wurde, ist heruntergekommen, von Armut und Verfall gezeichnet. Angeblich stehen rund 60.000 Häuser leer, die Einwohnerzahl hat sich in den letzten Jahrzehnten halbiert, das einzige, was noch floriert, ist die Kriminalitätsrate. Derzeit wird zwar der Aufschwung beschworen, aber noch säumen ausgestorbene Vorstädte die Peripherie des Zentrums, darauf wartend, dass das Leben zurückkehrt. Der desolate Zustand von Industriestädten wie Detroit ist wahrscheinlich einer der vielen Gründe, die den Aufstieg eines Populisten wie Trump begünstigen konnten – und liefert insofern gleich in doppelter Hinsicht das ideale Setting für einen Horrorfilm. Dass seine von der Natur reklamierten Wohnviertel und brachliegenden Firmengrundstücke höchst fotogen sind, hat ja zuletzt der großartige IT FOLLOWS unter Beweis gestellt. Nun tritt also Fede Alvarez, Regisseur des damals viel beachteten EVIL DEAD-Remakes in die großen Fußstapfen.

Die Hoffnung auf Besserung haben seine drei Protagonisten, die Teenager Rocky (Jane Levy), Alex (Dylan Minnette) und Money (Daniel Zovatto) längst aufgegeben. Rocky will nicht nur wegen des miesen Wetters und der tristen Zukunftsaussichten weg, sondern auch, weil sie ihrer Schwester ein besseres Zuhause bieten möchte, als das, was sie derzeit bei ihrer versoffenen Mutter und ihrem mit Hakenkreuzen tätowierten Stecher vorfinden. Um den Umzug ins gelobte Land Kalifornien zu finanzieren, brechen die drei in Wohnhäuser ein und klauen alles, was auf dem Schwarzmarkt Geld verspricht. Weil die Gewinnspannen aber zunehmend kleiner werden, wird ein neuer Plan geschmiedet: Im Haus eine kriegsversehrten Irak-Veteranen (Stephen Lang) soll ein Vermögen versteckt sein, dass er einst bekam, als seine Tochter überfahren worden war. Der Einbruch gelingt, der blinde Soldat scheint ein besonders leichtes Opfer zu sein, doch dann kommt alles ganz anders: Das Opfer wird aufgeschreckt, wenig später liegt Money tot am Boden und Rocky und Alex sind in dem festungsartig verbarrikadierten Haus gefangen …

Wie sein Vorgänger lebt auch DON’T BREATHE von der Reduktion des Handlungsraumes. Das Haus des Veteranen bietet zunächst ausreichend Verstecke und Möglichkeiten, dem Blinden auszuweichen, doch die Fluchtoptionen werden mehr und mehr beschnitten. Als das Opfer bemerkt, dass es nicht allein ist, beginnt es Türen und Fenster zu verbarrikadieren; während einer an THE SILENCE OF THE LAMBS erinnernden Sequenz zwingt er den in einem Keller gefangenen Rocky und Alex durch Löschen jeglichen Lichts seine Perspektive auf; schließlich wacht der bissige Rottweiler aus seinem betäubungsmittelinduzierten Schlaf wieder auf und erscheint verlässlich überall da, wo sein Herrchen gerade nicht sein kann. Die Beschneidung von Handlungsspielräumen, das Festnageln in einer desolaten Situation: Es ist nicht zu weit hergeholt, in Alvarez‘ Spannungsstrategie eine drastisch gesteigerte Fortsetzung jener ökonomischen Zwänge zu sehen, die seine Figuren überhaupt in ihre missliche Lage getrieben haben. Was bittererweise auf beide Seiten zutrifft: Seine jugendlichen Protagonisten hängen in einer sterbenden Stadt und in dysfunktionalen Familien fest, die keinerlei Zukunftsperspektiven bieten, der Veteran hat zwar ein Vermögen im Geldschrank, aber dessen Wert ist rein symbolisch, denn er nimmt längst nicht mehr an einem normalen Leben teil, in dem ihm dieses Geld einen echten Nutzen brächte. Sein Haus ist ein Mausoleum, in das er sich – durch einen Granatsplitter zum Krüppel geworden, zerstört von der Trauer um seine mit Gewalt aus dem Leben gerissene Tochter, völlig vereinsamt – zum Sterben zurückgezogen hat. Oder vielmehr um einen noch finsteren Plan zu verwirklichen, die dem Film im letzten Drittel noch einmal eine hübsch geschmacklose Volte bringen.

Alvarez hat damals schon aus der wenig beneidenswerten Aufgabe, einen Film neu aufzulegen, dessen Update keiner wirklich haben wollte, das Beste gemacht. Hier erweist er sich als überaus geschickt darin, ein minimalistisches Szenario auszureizen und dem Publikum die Daumenschrauben anzulegen. DON’T BREATHE ist fies spannend, von zupackender Härte, ohne dabei in pubertäres Gore-Gematsche abzugleiten (ein Vorwurf, den sich der ganz ähnlich gelagerte THE GREEN ROOM gefallen lassen musste), und sehr effektiv inszeniert: Besonders hervorzuheben sind hier m. E. der Einsatz von Stille und das plötzliche Einbrechen von Soundeffekten, die jedesmal für den entsprechenden Schock sorgen. Aber DON’T BREATHE ist längst nich nur gut geölte Spannungsmaschine: Wie hier letztlich die Verlierer der sozio-ökonomischen Realität aufeinander losgehen, spiegelt den traurigen Zustand, in dem sich die westlichen Industrienationen derzeit befinden und diesen mit einem beunruhigenden Rechtsruck bezahlen.

 

gr_webThematisch ist sich Saulnier nach BLUE RUIN treu geblieben. Stellte der viel beachtete Rachethriller die Konventionen des Subgenres auf den Kopf, in dem er einen hoffnungslos überforderten Zivilisten zum Racheengel machte, dessen Feldzug dementsprechen chaotisch und schmutzig verlief, lässt er in GREEN ROOM eine Gruppe naiv-idealistischer Nachwuchspunks gegen eine Bande organisierter, schwerkrimineller Skinheads antreten. Im Schlüsseldialog des Films berichtet Pat (Anton Yelchin) dann auch von einem Paintball-Match, in dem er und seine Freunde von Marines mit Kriegserfahrung auseinandergenommen worden sein – bis sich einer seiner Kumpel ein Herz gefasst und in Kamikaze-Manier über die Soldaten hergefallen sei und sie so auf dem falschen Fuß erwischt habe. Wenn Taktiererei nicht funktioniert, hilft manchmal der Frontalangriff.

Auch stilistisch greift Saulnier auf die bewährte Gegenüberstellung von atemloser Suspense, brutaler körperlicher Gewalt und atmosphärischen Bildern, mit denen er den Zuschauer immer wieder in eine Art Schwebezustand versetzt. Dass das diesmal nicht ganz so gut aufgeht wie im großartigen Vorgänger liegt an der arg gimmickartigen Prämisse und der Fokussierung auf blutigen, aber auch eindimensionalen Suvrvival-Horror, bei dem man die leisen Zwischentöne weitestgehend vermisst. GREEN ROOM ist ein Gewaltreißer und funktioniert als solcher ausgezeichnet,  hat darüber hinaus aber nur wenig Substanz zu bieten. Als Debüt wäre er ein durchaus beachtliches Werk, das Hoffnung auf mehr macht, nach BLUE RUIN ist er allerdings schon ein wenig enttäuschend. Zumal da so ein latenter autoritärer Zug mitschwingt: Saulniers Punk-Protagonisten sind im Grunde genommen weniger politisch motiviert wie sie von sich behaupten, sondern in erster Linie ein paar frustrierter Teenies, die mit ihrem prekär-improvisierten Lifestyle gern kokettieren, aber eigentlich noch nie echte Härten haben erfahren müssen. Überdies stellt sich im weiteren Verlauf des Films auch noch heraus, dass sie noch nicht einmal hinter ihrer Musik zu 100 % stehen: Über eine Interviewfrage nachdenkend, welche Band sie mit auf eine einsame Insel nehmen würden, verwerfen sie ihre zunächst getroffene Aussagen im Verlaufe des Films zugunsten mainstreamiger oder gar poppigern Musiker. Man hat so ein bisschen den Eindruck, Saulnier nehme die Rolle des Altvorderen ein, der naseweisen Posern eine Lektion erteilen wolle.

Dazu konfrontiert er sie mit Antagonisten, die nicht nur schwerkriminell, sondern auch noch Nazis sind. Die Chance, in einem Nazischuppen aufzutreten, nehmen die Kids nicht gerade begeistert wahr, aber es bleibt ihnen nichts anderes übrig, der Sprit fürs den Bandbus will bezahlt werden. Ihre Entscheidung, ihr Set mit einer Coverversion des Dead-Kennedys-Klassiers „Nazi punks fuck off“ zu beginnen, ist eher eine Geste juvenilen Omnipotenzwahns denn echter Zivilcourage oder gar politischer Überzeugung und der Gesichtsausdruck von Gitarrist Pat verrät, dass zumindest er eine opportunistischere Songwahl unbedingt bevorzugt hätte. Wenig später ist die Kacke am Dampfen: Als Pat eine frische Leiche im Backstageraum entdeckt und die Jungpunks daraufhin erst in eine Geiselsituation geraten, sich dann schließlich vor den draußen lauernden Verbrechern unter der Führung des grauen Wolfs Darcy (Patrick Stewart) verbarrikadieren müssen.

GREEN ROOM ist durchweg spannend, gerade im schweißtreibenden Aufbau der verfahrenen Situation ziemlich stressinduzierend und ausgesprochen schmerzhaft, wenn es ans Eingemachte geht. Funsplatter ist das definitiv nicht, trotzdem wirkt die Art, wie Saulnier das ganze Szenario zur größtmöglichen Eskalation treibt, schon ein wenig infantil, kein Vergleich zum klugen BLUE RUIN. Das Talent des Regisseurs blitzt immer wieder auf, etwa in der schönen Episode, mit der der Film beginnt, oder im Finale, das eher unspektakulär ist, anstatt noch einmal eine Schippe draufzulegen. GREEN ROOM macht das, was er macht, sehr ordentlich, aber er bleibt dann doch seinen engen Konventionen verpflichtet.

 

 

thefirstpower4Gerade eben erst habe ich festgestellt, dass THE FIRST POWER tatsächlich einen deutschen Kinostart hatte: Trotzdem ist er ein hervorragendes Beispiel für die mit den Videotheken untergegangene Tradition der Verleihhits. Das waren Titel der zweiten Reihe – die damals noch nicht ganz so weit von den Lichtspielhäusern weg war wie heute -, die vom Verleih mit großem Werbeaufwand gepusht wurden und in den Videotheken entsprechend auffällig ausgestellt waren. Filme dieser Gattung waren noch nicht als „DTV“ verschrieen und wurden auch nicht als „minderwertig“ wahrgenommen, im Gegenteil. So mancher dieser Titel avancierte zum Publikumsfavoriten und lief in der Gunst der Leiher sogar den großen Blockbustern den Rang ab. Und THE FIRST POWER – deutsches Cover nebenstehend – war so einer: Lou Diamond Philips galt damals, nach LA BAMBA, RENEGADES und YOUNG GUNS, noch als Star, mit dem Posterdesign orientierte man sich offenkundig an Alan Parkers ANGEL HEART und die exploitative Mischung aus Copfilm und Horror war geradezu prädestiniert für die heimische Couch. Man musste das Teil einfach ausleihen.

So richtig enttäuscht waren damals wahrscheinlich die wenigsten, denn THE FIRST POWER ist der Inbegriff der soliden Videothekenware. Nichts, was einen total vom Hocker reißt oder einem gar schlaflose Nächte und schweißnasse Hände beschert, aber eben ein Film, der gut reinläuft und auf diese angenehme Art überraschungsarm und vorhersehbar ist. Man muss sich nicht wirklich konzentrieren, kann zwischendurch mal aufs Klo oder zum Kühlschrank gehen oder neue Chips aus dem Schrank holen, ohne Gefahr laufen, den Anschluss zu verpassen. Man fühlt sich auf Anhieb zu Hause: Es gibt da zwar diese improvisierten Rumpelecken, für die man seit Jahren schon eine Lösung finden will, aber wirklich stören tun einen auch die nicht mehr, man hat sich damit arrangiert. So muss man in THE FIRST POWER damit leben, dass Held und Heldin irgendwann ein Techtelmechtel beginnen, das niemand braucht und an das offensichtlich noch nicht einmal die Filmemacher glaubten; dass der Plot hanebüchen ist und der Drehbuchautor (Regisseur Resnikoff selbst) sich damit begnügt hat, seine paar Ideen aneinanderzureihen: Ausgearbeitet wird hier wirklich gar nichts und das Ende wirkt regelrecht so, als hätten die Macher irgendwann die Lust verloren. Man denkt sich zu jeder Sekunde, dass man dies und jenes hätte viel, viel besser machen können, freut sich dann aber wieder über die kleinen Einfälle, die hervorstechen, oder die geilen Stunts (ein paar Mal wird da sehr spektakulär gestürzt und einen fetten Autocrash gibt’s auch). Oder auch einfach nur über diesen coolen, weiten Achtzigerjahre-Mantel, mit dem Philips ständig rumläuft.

Ich fand THE FIRST POWER gestern doch eher mau: Die Hoffnung, ein vergessenes Highlight wiederzuentdecken, verflog schnell, zu formelhaft ist Resnikoffs Film. Es bleibt einfach nicht viel hängen und Resnikoff bekam die entsprechende Quittung: Er arbeitete nie wieder in Hollywood. Aber die Erwartungshaltung, mit der ich an den Film herangetreten bin, ist ihm auch nicht angemessen. Der durchschnittliche Viedeothekenkunde, der damals einfach nur auf der Suche nach Stoff für einen unterhaltsamen Abend vor der Glotze war, war mit THE FIRST POWER sicherlich gut bedient. Und irgendwie finde ich den Film in seiner ambitionslos-routinierten Art auch sehr sympathisch. Sowas gibt es heute nicht mehr: Videothekenfilme, die im Kino liefen. Oder hätten laufen können. Oder eben Kinofilme, die besser auf Video aufgehoben waren. Und die im Diskurs als gleichwertig behandelt wurden. „ANGEL HEART? Also ich fand PENTAGRAMM geiler. Mit dem Philips, weißte? Geiles Teil, musst du mal leihen!“

jacks-back-poster-screams-80sIn L.A. geht ein Serienmörder um, der zum 100. Geburtstag die Verbrechen Jack the Rippers exakt nachstellt. Der junge Mediziner John Wesford (James Spader) entdeckt das letzte Opfer und den möglichen Täter; einen Kollegen, der ihn im folgenden Zweikampf umbringt und den Verdacht so auf ihn lenkt. Johns Bruder Richard (James Spader) glaubt nicht an die Schuld seines Bruders und begibt sich mit dessen Kollegin Chris (Cynthia Gibb) selbst auf die Suche – oder ist er der Täter?

Rowdy ROAD HOUSE Herrington hat einen interessanten kleinen Thriller gedreht, der nicht durch vordergründige Gimmicks besticht, sondern sich durch seine brüterische Atmosphäre auszeichnet. JACK’S BACK ist trotz seiner latent marktschreierischen Prämisse ein erstaunlich bodenständiger und zurückhaltender Film geworden: Lediglich die Exposition, führt den Zuschauer mit einigen Twists auf die falsche Fährte, danach bewegt sich der Thriller dann sehr geradlinig. Wer das ganz große Hexenwerk erwartet, ist hier sicherlich eher an der falschen Adresse, aber mir haben die unaufgeregte Art und der Ernst, mit dem das alles umgesetzt ist, sehr zugesagt. James Spader, den ich in den letzten Wochen häufiger gesehen habe und der mir dabei fast immer gut gefallen hat, überzeugt hier als stiller, schwer einordenbarer Einzelgänger, dessen inneren Abgründe und Gefühlsregungen man eher erahnen kann, als dass sie akribisch ausformuliert würden. Die Ungewissheit über die Identität des Killers erwächst dann auch gar nicht so sehr aus irgendwelchen geschickt konstruierten Drehbucheinfälen, sondern vor allem aus dem Spiel des Hauptdarstellers, aus dem man lange nicht so recht schlau wird. Richtig super fand ich die Szene, in der er sich in die Wohnung seines toten Bruders schleicht, zu dem er keine besonders enge Beziehung hatte, sichtbar versucht, einen Eindruck von dieser ihm fremd gewordenen Person zu erlangen und dann deutlich versteinert, als er vor ihrem Bett steht, in dessen Kopfkissen man noch den Abdruck von der vergangenen Nacht sieht.

JACK’S BACK hat eine Qualität, die ich nur schwer benennen kann, eine, die auf keine konkreten äußeren Aspekte zurückzuführen ist. Aus der Verbindung einzelner Bestandteile – der Doppelrolle Spaders als sozusagen „halbtotes“ Bruderpaar, die dazu führt, dass auch der „Tote“ immer noch anwesend ist, der Ruhe der Inszenierung, der Verlagerung der eigentlichen Mordserie in einen dem Film zeitlich vorgelagerten Raum, dem weitestgehenden Verzicht auf Action- oder überhaupt laute Szenen und der Konzentration auf die Nachtstunden – erwächst etwas Metaphysisches, Geisterhaftes. Mehr als von einem Serienmörder, einer Mordserie oder der Suche nach einem Killer handelt JACK’S BACK von der Leere die bleibt, wenn jemand für immer geht, eine Leere, die paradoxerweise gerade dadurch spürbar wird, dass da immer noch ein Rest übrig ist, Erinnerungen, Gedanken oder gar die körperliche Ähnlichkeit. Der Zuschauer wird durch Herringtons Besetzungscoup in die Rolle Richards gedrängt: Er vermisst den toten Bruder, der in der Gestalt Spaders doch in jeder Szene anwesend ist.

alice, sweet alice (alfred sole, usa 1976)

Veröffentlicht: November 14, 2016 in Film
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asw_vhsALICE, SWEET ALICE, ein kleiner, bleicher Psychothriller mit einer überwiegend aus Unbekannten bestehenden Besetzung, genießt einen ausgezeichneten kritischen Leumund, auch wenn er seinerzeit kaum Spuren hinterließ. Sein eigentlicher „claim to fame“ ist aber die Anwesenheit der damals gerade 11-jährigen Brooke Shields, die zwei Jahre später in Louis Malles PRETTY BABY auf sich aufmerksam machen sollte und nach weiteren zwei Jahren in THE BLUE LAGOON zum feuchten Traum zahlreicher Jungs avancierte. Als sie in den frühen Achtzigern für kurze Zeit als der kommende weibliche Superstar galt, erfuhr auch ALICE, SWEET ALICE eine Neuauswertung unter dem Titel HOLY TERROR, die allerdings von genauso wenig Erfolg gekörnt war wie seine Erstauswertung. Kein Wunder: Soles Films ist nicht der Stoff, aus dem die Hits gemacht werden, noch nicht einmal die kleinen. Sein antireligiöser Psychothriller ist zu komplex, zu intelligent, zu vielschichtig und zu wenig interessiert am lauten, aber schnell wieder vergessenen scare. ALICE, SWEET ALICE (ursprünglich als COMMUNION im Kino gestartet) ist durchaus dem Horrorfilm zuzurechnen, aber genauso handelt es sich um ein Familien- und Ehedrama. Übersinnliches ist hier gänzlich abwesend – auch wenn Sole sich vor Roegs meisterlichem DON’T LOOK NOW verneigt – der Wahnsinn kommt vielmehr direkt aus dem Schoße der christlichen Familie gekrochen.

Wir schreiben die frühen Sechzigerjahre (das erkennt man an den omnipräsenten Porträts von Präsident Kennedy): Die von ihrem Mann Dom (Niles McMaster) getrennt lebende Catherine (Linda Miller) hat alle Hände voll mit der Erziehung der beiden ungleichen Schwestern Karen (Brooke Shields) und Alice (Paula Sheppard) zu tun. Karen ist brav, zierlich und folgsam, Alice hingegen forsch, ungezogen und aufbrausend: Die Bevorzugung, die Karen aufgrund dieser Eigenschaften durch die Mutter erfährt, vergrößert die Kluft nur noch und führt schließlich – anscheinend – zur Katastrophe: Bei ihrer Kommunion wird Karen umgebracht, der Verdacht fällt schnell auf ihre Schwester und erhärtet sich, als auch die von Alice verachtete Tante Annie der Messerattacke eines maskierten Unbekannten zum Opfer fällt …

Soles Film beginnt noch wie ein relativ typischer Slasher oder auch wie ein italienischer Giallo: Nur zu gut könnte man sich nach dem Mord an Karen den für beide Subgenres Sprung in die Gegenwart vorstellen, in der die Bluttat dann von einem Unbekannten gesühnt wird. Doch anstatt das makabre Spiel um eine minderjährige Psychopathin weiter auszureizen, das Kind zum Monstrum zu machen und sich an der kognitiven Dissonanz und dem Schauer zu erfreuen, der daraus erwächst, geht der Regisseur andere Wege. Er verlagert den Fokus von der vermeintlichen Mörderin auf ihre Eltern und das soziale Umfeld. Was da zum Vorschein kommt, ist nicht unbedingt erschreckend, aber doch sehr vielsagend. Der Alltag im Haus der alleinerziehenden Mutter ist freudlos und emotional unbeholfen, die Trennung zwischen ihr und dem Vater keineswegs so sauber und klar, wie es zunächst den Anschein hat. Hinzu kommt die enge Bindung an die Kirche, die zwar bei jedem Schritt involviert ist, aber den Blick für den Pädophilen eine Etage tiefer auch nicht schärfen kann. ALICE; SWEET ALICE ist auch deshalb interessant, weil er ohne jeden ätzenden Zorn, ohne Verachtung und ohne Selbstgerechtheit auskommt. Die Vertreter des Klerus sind bei ihm keine bigotten Machtmenschen, sondern selbst ziemlich bemitleidenswert, weil sie gar nicht bemerken, was aus ihren rigiden Glaubenssätzen für eine Gefahr erwächst.

Der Eindruck, den ALICE, SWEET ALICE beim Betrachter – oder wenigstens bei mir – hinterlässt, ist der einer unfassbaren Tragik. Niemand, wirklich niemand ist in der Lage, mit seinen Emotionen umzugehen, mehr noch, emotional ehrlich zu handeln. Alle an der Katastrophe Beteiligten, sind unfähig, in irgendeiner Form einzugreifen, auch nur ein einziges auf Verständigung und Verstehen abzielendes Gespräch zu führen. Nicht weil sie böse oder dumm wären: Die Mittel stehen ihnen einfach nicht zur Verfügung. ALICE, SWEET ALICE zeichnet ein sehr niederschmetterndes Bild einer Zeit, die man aus heutiger Perspektive – nicht nur wegend des damals amtierenden Präsidenten – gern verklärt. Da passte dann auch der ausgeblichene, ausgewaschene Look der Version, die mir gestern zur Sichtung vorlag, wie die Faust aufs tränende Auge. Starker Film, für den eine Sichtung nicht wirklich ausreicht. Jetzt würde ich gern noch Soles TANYA’S ISLAND sehen, in dem sich Vanity mit einem Affen vergnügt. Ich schätze mal, das wird eine andere Baustelle sein.

 

 

a-stranger-is-watching-movie-poster-1982-1020437597A STRANGER IS WATCHING, EYES OF A STRANGER, SOMEONE’S WATCHING ME: Drei Filme, die ich immer durcheinanderbringe. Letzterer ist ein von Carpenter fürs Fernsehen inszenierter Thriller, EYES ein Serienmörderfilm mit garstigen Effekten von Tom Savini. Cunninghams direkter Nachfolger des megaerfolgreichen FRIDAY THE 13TH, die Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Mary Higgins Clark, liegt ziemlich genau zwischen den beiden. Man merkt ihm an, dass Cunningham nach dem von der Kritik weitgehend als Bodensatz verrissenen Vorgänger etwas „Respektables“ vorlegen wollte, aber auch, dass er einen „Ruf“ zu verteidigen und Erwartungen zu erfüllen hatte. A STRANGER IS WATCHING ist ein Großstadtthriller, der sich bei Hitchcock, dem Meister des Genres bedient, aber sich die Gewaltspitzen nicht ganz verkneifen mag.

Die kleine Julie (Shawn von Schreiber) musste vor zwei Jahren mitansehen, wie ihre Mutter, die Gattin des Zeitungsverlegers Steve Peterson (James Naughton), von einem Eindringling vergewaltigt und umgebracht wurde. Der damals festgenommene Ronald Thompson (James Russo) beteuerte seine Unschuld, erwartet nun aber die Exekution – die erste seit mehreren Jahrzehnten in New York vollstreckte. Während eine heiße mediale Diskussion um die Todesstrafe tobt, in die auch die Journalistin Sharon Martin (Kate Mulgrew) involviert ist, pikanterweise die Geliebte von Peterson, taucht der Mörder von einst wieder auf. Artie Taggart (Rip Torn) verschafft sich erneut Zugang zum Haus der Petersons und verschleppt Julie und Sharon in einen Kellerraum irgendwo im New Yorker U-Bahnnetz …

A STRANGER IS WATCHING ist ein kompetent gemachter Thriller, dessen Reiz auch darin besteht, dass er nicht alles ausformuliert. Wer ist dieser Taggart eigentlich? Mit Lederkappe und -jacke weckt er Assoziationen zur damals sehr aktiven schwulen Lederszene (siehe CRUISING oder auch NEW YORK CITY INFERNO), auch das verliesartige Untergrundszenario passt dazu, aber inhaltlich wird die sexuelle Komponente nie wirklich ausformuliert, aber sie schwingt immer mit. Das Drehbuch konzentriert sich auf die Gegenüberstellung des hilflos wartenden Vaters und dem Kampf der beiden Opfer, die verzweifelt versuchen, aus ihrer misslichen Lage zu entkommen. Am Ende ist es dann auch nicht die Polizei, die dem Killer ein Ende setzt, sondern weibliche Entschlossenheit und Tatkraft. Irgendwie ist A STRANGER IS WATCHING auch ein Rape-and-Revenge-Film (in der Romanvorlage wurde kein Mädchen, sondern ein Junge entführt), in dem es um tief im Inneren verborgene männliche Aggression und sexuelle Frustration geht: In einer Szene wird Taggart auf einer öffentlichen Toilette von den Mitgliedern einer Gang verdroschen. Ein guter Thriller, dem man lediglich etwas mehr Mut gewünscht hätte, offener mit seinen Implikationen umzugehen.

body-of-lies-posterIch kann es ja doch nicht lassen, irgendwie schaue ich mir dann ja doch jeden Film des von mir so gern diffamierten Ridley Scott an. Dieser hier hatte beim Start keine Chance bei mir: Dass sich so ein ergrauter Herr Marke Oberstudienrat in einem Kino, wo der Film damals plakatiert war, zungeschnalzend zu der kennerhaften Bemerkung hinreißen ließ, diesen Film „müsse“ man einfach sehen, bestärkte mich in meiner Überzeugung, dass wirklich nur die allerfantasielosesten Leute Ridley Scott für einen Meister halten. Naja, heute sehe ich das etwas entspannter. Der Mann hat zu Beginn seiner Karriere unfassbares Glück gehabt, bei den bahnbrechenden ALIEN und BLADE RUNNER mitwirken zu können, und hat seitdem im Schnitt kaum mehr als solide Unterhaltungsware für den leicht gehobenen Anspruch fabriziert. Was man aber durchaus auch als Leistung anerkennen kann, anstatt darauf herumzureiten, denn richtigen Schrott habe ich von ihm bislang auch noch nicht gesehen (na gut, GLADIATOR musste ich beim letzten Versuch angeekelt abbrechen). Zum „Meister“ gehört für mich allerdings etwas mehr und das zeigt auch BODY OF LIES, ein großer, gewiss ambitionierter Agententhriller um US-amerikanische Anti-Terror-Aktivitäten in Nahost, der ganz gut reinläuft und kompetent gemacht ist, aber kaum eine einzige neue Idee aufweist.

Aber das ist beileibe nicht das einzige Problem dieses Terrorismus- und Politthrillers, der ein bisschen so wirkt, als habe ein zigfach verschlimmbessertes Drehbuch zugrunde gelegen oder als habe man ursprünglich einen Dreistünder geplant, dann aber mittendrin beschlossen, dass zwei auch reichen. Dafür, dass da tonal in jeder Sekunde allergrößte Wichtigkeit signalisiert wird, kommt am Ende reichlich wenig rum: Dass die amerikanischen Geheimdienste mitnichten edle und unschuldige Ritter im Einsatz für das Gute sind, sondern mit ihren dubiosen Methoden ein Teil des Problems, hat man ja auch vorher schon geahnt, wenn man nicht komplett verblendet oder aber lachhaft uninformiert ist. In BODY OF LIES wird der Name „Guantanamo“ in einer Art und Weise verwendet, als glaubten die Macher, man müsse ihn nur oft genug aussprechen, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Der Film schließt mit der Folter des Protagonisten (Leonardo DiCaprio) unter den Händen grimmiger Dschihadisten, so richtig eklig im Stil der berüchtigten Internetvideos gedreht, in die immer wieder Bilder reinflashen, die den Amerikaner als Folterer zeigen. Und Russell Crowe spielt einen amerikanischen Geheimdienstmann und Familienpapa, der über Headset auch dann noch Mordaufträge gibt, wenn er am Sportplatz seiner Tochter steht oder einkaufen geht. Eigentlich ein schöner Einfall, doch Scott will damit nicht etwa die von Hanna Arendt beschworene „Banalität des Bösen“ bebildern, sondern die moralische Verfemtheit dieses Mannes betonen, der doch wenigstens so pietätvoll sein könnte, sich für seine Machenschaften ins Büro zu begeben.Wer das für deep hält, ist mit BODY OF LIES tatsächlich gut bedient. (Immerhin beweist Crowe mit Plauze und Meckischnitt, dass er am besten ist, wenn er Durchschnittstypen spielt)

Auch dramaturgisch funktioniert Scotts Film nicht, er hat einfach keinen Rhythmus: Die ersten rund 75 Minuten sind im Grunde genommen Exposition und dann bleibt für die eigentliche Geschichte, die „Erfindung“ eines neuen Terroristen, kaum noch Zeit. Der Protagonist darf um eines runden Schlusses wegen von einer Szene zur nächsten Gewissensbisse bekommen und aussteigen, seine Verbündeten noch einmal bsonders nachhaltig unter Beweis stellen, dass sie Schweine sind, die auch ihre Oma verrieten, wenn es ihren Interessen diente. Das ist alles so offensichtlich und flach, dass es wehtut. Ich habe gestern noch einmal einen alten Artikel von Armond White gelesen, der die These aufstellt, dass es mit der amerikanischen Filmkultur 2004 den Bach runterging. Am Beispiel der damals heiß diskutierten THE PASSION OF CHRIST und FAHRENHEIT 9/11 macht er fest, dass es seitdem im Kino nicht mehr um die Auseinandersetzung mit der conditio humana gehe, sondern nur noch um tendenziöse Gesinnungshuberei. Ich weiß nicht, ob ich diese These in dieser Schärfe unterschreiben würde, aber BODY OF LIES ist ein Film, der seinen Plan, amerikanische Sicherheitspolitik als unmenschlich bloßzustellen, mit solch blinder Vehemenz betreibt, dass er darüber selbst unmenschlich wird. Hmm, wenn ich es mir recht überlege, ist dieser Film schon ziemlich scheiße.