Mit ‘Thriller’ getaggte Beiträge

Nach EUGÉNIE springe ich noch einmal ein paar Jahre in die Vergangenheit: RIFIFI EN LA CIUDAD ist wie LA MUERTE SILBA EN BLUES wahrscheinlich am ehesten als Noir oder Gangsterfilm zu beschreiben, zeigt aber wie dieser das für Franco typische entspannte Pacing, das dem Aufbau von Bedrohung und Spannung eher abträglich ist und auch hier dazu beiträgt, aus RIFIFI einen gewalttätigen Loungefilm zu machen.

Die Handlung dreht sich um den mexikanischen Polizisten Mora (Fernando Fernán Gómez), der einen jungen attraktiven Mann namens Juan (Serafín García Vázquez) als Informanten benutzt, im Beweise gegen den Verbrecherboss Leprince (Jean Servais) zu sammeln, der auch ein sehr aussichtsreicher Kandidat bei der bevorstehenden Wahl ist. Als Juan auffliegt und ermordet wird, beginnt eine Serie von Morde an den Handlangern von Leprince.

Franco adaptierte für RIFIFI EN LA CIUDAD einen französischen Pulp-Bestseller, den er ab wesentlich abänderte. Für die Rolle des schurkischen Strippenziehers konnte er Leprince gewinnen, der einige Jahre zuvor im immens erfolg- wie einflussreichen DU RIFIFI CHEZ LES HOMMES die Hauptrolle gespielt hatte und dessen Mitwirken hier wohl auch den Titel erklärt. Die als französisch-spanische Kollaboration ausgewiesen Produktion bekam Probleme, als die französische Finanzierung wegbrach, trotzdem erlebte der Film seine Premiere in Frankreich. In Spanien, wo Franco Zeit seines Lebens immer wiede Probleme mit der Zensur hatte, rutschte RIFIFI EN LA CIUDAD interessanterweise unbeanstandet durch, und das obwohl man durchaus Parallelen zwischen dem verbrecherischen Leprince, dessen Konterfei auf Plakaten, die an Orwells „Big Brother“ denken lassen, geradezu omnipräsent sind, und dem spanischen Diktator Franco deutlich erkennbar sind. Vermutlich lenkte der Handlungsort Mexiko die Aufmerksamkeit der staatlichen Zensoren ab.

RIFIFI EN LA CIUDAD ist ein schöner Film mit bestechender Schwarzweiß-Fotografie und dem obligatorischen Lounge-Score. Was ihm fehlt, sind der Punch und ein fester Dreh an der Spannungsschraube. Auch wenn die Menschen sterben wie die Fliegen und ein maskierter Killer umgeht (man spürt einen leichten Einfluss der deutschen Wallace-Filme und spürt in den geflüsterten Drohungen des gesichtslosen Killers den Giallo heraufziehen), verliert RIFIFI EN LA CIUDAD nie seine aufreizende Lässigkeit. Die visuell aufregendste Szene ist dann auch eine schön choreografierte Tanznummer im „Stardust“, dem schicken Nachtclub, in dem Leprince seine schmutzigen Geschäfte abzieht, die voll ausgespielt wird. Das Ende ist wunderbar konstruiert, unendlich tragisch und melodramatisch zugleich. Man kann durchaus produktiv darüber diskutieren, ob dieses Finale auch bei einem ruppigeren, „amerikanischeren“ Gangsterfilm noch so funktioniert hätte: Franco impft dem Stoff die für ihn typische Melancholie ein, die eben am besten mit einer gewissen Langsamkeit korrespondiert. RIFIFI EN LA CIUDAD ist demnach nicht als abendfüllendes Kinohighlight zu programmieren, sondern eher als fluffiges Ambientkino für einen lauschigen Vormittag. Außerdem ist er als Anschauungsunterricht für Skeptiker geeignet, die Franco für einen Nichtskönner halten. Man sieht hier sehr deutlich, dass er durchaus in der Lage wahr, technisch sauber zu arbeiten und dann beachtliche Ergebnisse zu erzielen – aber eben auch, dass ihn konventionelles Erzählkino nicht so richtig reizte.

Der ehemalige Agent und jetzige Universitätsprofessor Jonathan Hemlock (Clint Eastwood) wird von seinem ehemaligen Auftraggeber, dem „Drachen“ (Gordon Thayer), reaktiviert, um dem Mörder eines alten Freundes und Partners Hemlocks unschädlich zu machen. Der Haken: Die Identität des Mannes ist unbekannt, es steht lediglich fest, dass er vorhat, die Eiger Nordwand zu besteigen. Um sich für die Bezwingung des Berges zu wappnen, an der er bereits zweimal gescheitert ist, lässt sich Hemlock im Monument Valley von seinem Kumpel Ben Bowman (George Kennedy) ausbilden.

THE EIGER SANCTION nimmt im Schaffen Eastwoods einen eher unbedeutenden, für seine Entwicklung als Filmemacher aber nicht ganz so unwichtigen Platz ein: Nach den vergleichsweise kleinen Regiearbeiten SADISTICO, HIGH PLAINS DRIFTER und BREEZY handelte es sich um eine deutlich größere, publikumsträchtige Beststellerverfilmung, die zudem das Ende von Eastwoods Kollaboration mit Universal bedeutete, mit deren Einsatz er unzufrieden war. Das Drehbuch kursierte zum Zeitpunkt von Eastwoods Involvierung bereits seit einigen Jahren durch Hollywood; es hatte einige Probleme, die zum Ausstieg des zuvor mit ihm verknüpften Stars Paul Newman führten und derer sich auch Eastwood bewusst war. Was ihn an dem Projekt aller Schwierigkeiten zum Trotz aber reizte, war die Möglichkeit, fernab des Studiotreibens mit einem kleinen Team zu arbeiten und natürlich seine eigenen Bergsteigerstunts durchzuführen. Seine Haltung zu dem Agentenplot, der ihn nur wenig interessierte, spiegelt sich dann auch in der Struktur des fertigen Films, der zwar aufwändiges Unterhaltungskino mit spektakulären Landschaftsaufnahmen und halsbrecherischen Stunts bietet, aber nie ganz verbergen kann, dass seine Story nur den Vorwand liefert, seine Figuren an die „Mordwand“ zu schicken, an der etliche Bergsteiger zuvor ihr Leben gelassen hatten.

Die Besteigung der Eiger Nordwand stellt dann auch den unbestrittenen Höhepunkt des Filmes dar und nimmt ungefähr sein letztes Drittel ein: Für Hemlock geht es dabei darum, sich sowohl als Bergsteiger zu behaupten als auch seinen Widersacher ausfindig zu machen (bevor dem dasselbe mit ihm gelingt) und ihn dann auszuschalten. Die schwierige Wetterlage erschwert dieses Vorhaben aber erheblich. Die Zuspitzung der dramatischen SItuation, auf die der Zuschauer mit dem Protagonisten zusammen hinfiebert, findet letztlich aber niemals statt; auch die Bezwingung des Berges misslingt und die Auflösung wird auf eine kurze Dialogszene verlegt, die nach der zweistündigen Aufbauarbeit unbefriedigend und antiklimaktisch wirkt, worüber auch der zuvor betriebene Aufwand und die mitunter atemberaubenden Kletterszenen nicht vollständig hinwegtäuschen können. In seiner Anlage erscheint THE EIGER SANCTION damit fast schon als Vorläufer jener „High Concept“-Filme, die den Zuschauern heute mehr Event als Film versprechen, eher auf einem Bild oder einer einzelnen visuellen Idee aufbauen als auf Charakterzeichnung und Dramaturgie. Die Kritik, die intradiegetisch an den sogenannten Totenvögeln laut wird, Touristen, die die Seilschaften mit Ferngläsern beobachten und insgeheim darauf hoffen, einer Katastrophe beiwohnen zu können, ist somit ein bisschen scheinheilig, denn natürlich baut auch Eastwood mit seinem Film ganz wesentlich auf Angstlust und Sensationalismus. Es ist aber nicht das einzige Element von THE EIGER SANCTION, das heute ein „Geschmäckle“ hat: Das Frauenbild des Films ist bisweilen schockierend gestrig, er bietet gleich mehrere Damen auf, die vor dem Charme des männlichen Protagonisten allzu bereitwillig auf die Matratze sinken, dazu reihenweise Männer, die sich ihrer Unwiderstehlichkeit und Überlegenheit sehr bewusst sind, und und noch dazu einen Schurken, dessen hervorstechendste Eigenschaft seine Homosexualität ist. Diese peinlichen Klischees verstärken in ihrer Häufung noch den Eindruck, dass man sich hier mit Details gar nicht lang aufhielt: Wen interessiert das schon, die Leute gehen eh nur ins Kino, um jemanden abstürzen zu sehen.

Auf der Habenseite verbucht THE EIGER SANCTION aber, wie schon erwähnt, diese imposanten Kulissen, die DoP Frank Stanley  effektreich einfängt und die dem 08/15-Plot erheblichen Scope verleihen. John Williams‘ Score passt sich den erhabenen Bildern an und strebt mit Pathos-getränkten Melodien zum Himmel. Make no mistake: Der Film macht Spaß und Lust auf den nächsten Urlaub, er ist spannend und in seinen Bergsteigerszenen atemberaubend bis nervenzerrend: Was fehlt, ist ein Narrativ, das es mit dem betriebenen formalen und logistischen Aufwand aufnehmen und darüber hinwegtäuschen kann, dass sich wirklich keiner der Beteiligten für die fadenscheinige Agentengeschichte interessierte.

Wie bezeichnet man solche Filme eigentlich richtig? LA MUERTE SILBA UN BLUES ist im weitesten Sinne ein Gangsterfilm, aber ihn so zu bezeichnen, würde völlig falsche Erwartungen wecken. Der Film ist sehr entspannt und relaxt, statt zerreißender Spannung regiert eher eine sanfte Melancholie. Selbst wenn es mal handfest zur Sache geht, ist das verglichen mit den Gewaltspitzen, die man mit dem Genre assoziiert, geradezu anrührend harmlos. Das Tempo ist gemächlich und es bleibt immer Zeit für melodramatische Anwandlungen, Musik und komödiantische Einlagen.

Die Handlung dreht sich um ein vor mehreren Jahren (je nachdem, welche Fassung man zu Gesicht bekommt, sind es fünf oder zehn) verübtes Verbrechen: Im Auftrag ihres Bosses Radeck schmuggeln zwei Männer namens Castro und Smith Waffen und werden erwischt. Castro verliert sein Leben, Smith landet im Kittchen. In der Gegenwart des Films ist aus Radeck der wohlhabende Nachtclubbesitzer Vogel (Georges Rollin) geworden, der mit Lina (Perla Cristal), der Witwe von Castro, verheiratet ist. Als Smith aus dem Gefängnis entlassen wird, wird auch die Vergangenheit wieder aufgerollt. Dazu kommt, dass die Agentin Moira (Danik Patisson) Radeck enttarnen soll und sich die Gerüchte mehren, dass Castro mitnichten tot ist. Verbirgt er sich vielleicht hinter dem Neuankömmling Al Pereira (Conrado San Martín), der plötzlich in der Stadt auftaucht?

Die Geschichte von LA MUERTE SILBA UN BLUES ist überaus vollmundig in New Orleans und Kingston, Jamaika, angesiedelt, aber abgedreht wurde das alles natürlich auf der iberische Halbinsel. Der Film ist stimmungsvoll, liebenswert, im Rahmen der Möglichkeiten exzellent fotografiert und untermalt mit wunderbarer Easy-Listening- und Jazz-Musik, die zum Teil aus Francos eigener Feder stammt. Nur zwingend ist das alles überhaupt nicht: Dass Krimis aus dieser Zeit nicht viel mit den Reißern späterer Jahrzehnte zu tun hatten, habe ich oben bereits erörtert, aber erschwerend kommt sicherlich Francos Desinteresse an klassischem Storytelling hinzu, das sich in den Folgejahren immer stärker zeigen sollte. Das Uhrwerk- und Maschinenhafte, das einen guten Thriller auszeichnet, war seine Sache nicht, und so verliert sich der Regisseur auf dem Weg zum Ziel immer wieder in allerdings liebenswerten Nebensächlichkeiten und Details, die vom Wesentlichen ablenken. Wie Stephen Thrower sehr richtig anmerkt, fehlt LA MUERTE SILBA EN BLUES außerdem ein überzeugender Bösewicht: Dafür, dass es sich im Kern um einen Rachefilm handelt, fehlt jegliche Fallhöhe, man hat nie den Eindruck, dass wirklich etwas auf dem Spiel steht. Wie schon für LA MANO DE UN HOMBRE MUERTO gilt auch hier, dass man dieses Frühwerk am besten als Mood-Piece konsumiert, als Urlaubs- oder Strandfilm, der ein bestimmtes Lebensgefühl transportiert. Als solcher ist LA MUERTE SILBA UN BLUES dann tatsächlich ganz hübsch.

Zwei Herzen schlagen, ach, in seiner Brust: CRIMES OF PASSION ist auf der einen Seite visuell berauschend, mitunter verstörend, subversiv, mutig und provokant, witzig, poetisch, seinem Sujet überaus angemessen mal unverschämt ziemlich sexy und dann wieder niederträchtig und abtörnend, auf der anderen Seite leider aber auch irgendwie inkonsequent, unbeholfen und ja, auch unangenehm spießig und einseitig. Ich bin mir noch nicht ganz sicher, ob diese Janusköpfigkeit einfach daher rührt, dass Russell sich, wie Drehbuchautor Sandler zu Protokoll gab, für das normale Familien- und Eheleben seines Protagonisten nicht so sehr interessierte, oder ob diese Kluft nicht tatsächlich Teil des Programms ist. Das werden zukünftige Sichtungen vielleicht verraten – oder auch nicht.

Nicht unähnlich den De Palma-Filmen DRESSED TO KILL oder BODY DOUBLE geht es bei CRIMES OF PASSION um Sex, um unerfüllte Fantasien, das Bedürfnis, sie Realität werden zu lassen, den Konflikt zwischen einem Leben in der Wirklichkeit, eingebunden in alltägliche Zwänge, und einer Traumwelt, die man zumindest teilweise wahr werden lässt, und die Gefahren, die damit einhergehen, wenn man permanent Masken trägt. Die Protagonisten sind auf der einen Seite die Modedesignerin Joanne Crane (Kathleen Turner), die nachts unter ihrem Künstlernamen „China Blue“ auf den Strich geht und ihren Freiern jeden noch so bizarren Wunsch erfüllt, auf der anderen Seite der biedere Unternehmer und Familienvater Bobby Grady (John Laughlin), der ihr irgendwann begegnet. Bobby ist seit über zehn Jahren mit Amy (Annie Potts) verheiratet, doch ihre Ehe existiert eigentlich nur noch als Erinnerung, vor allem das gemeinsame Sexleben ist nonexistent. Was in seiner Beziehung alles falsch läuft, erkennt er, als er Sex mit China Blue hat: ein geradezu ekstatisches Erweckungserlebnis, nach dem er eine Liebesbeziehung mit der Prostituierten anstrebt, die mit ihren Rollen selbst eine tiefe Verunsicherung kaschiert – und darüber hinaus von dem irren Prediger Shayne (Anthony Perkins) verfolgt wird.

CRIMES OF PASSION fängt bärenstark an, ist mit seiner artifiziellen Neonoptik und an Ikonenmalerei erinnernden Bildkompositionen um seine weibliche Hauptfigur ein absolutes Fest, das aufgrund der grellen Musik von Rick Wakeman und natürlich der Thematisierung von Sexualität und Geisteskrankheit Erinnerungen an den italienischen Giallo wachruft. Russell und sein DoP Dick Bush (u. a. SORCERER und LAIR OF THE WHITE WORM) zeichnen das Rotlicht-Milieu als bisweilen schmutzige und deprimierende, aber eben auch schillernde, geheimnis- und reizvolle Welt und ziehen den Zuschauer mit in seinen Sog. Kathleen Turner agiert als souveräne Herrscherin der Fantasien, als selbstsicherer Zeremonienmeister, der jedem gibt, was er sucht – nur eines nicht: sich selbst. Es liegt eine tiefe, bittere Ironie darin, dass der etwas einfach gestrickte Bobby, der zu Hause Liebe, Leidenschaft und Ehrlichkeit vermisst, ausgerechnet bei einer Professionellen fündig geworden zu sein glaubt. Er ist der Trottel des Films, ein Mann, der sich sicher ist, nicht dem typischen Puffgänger zu entsprechen, aber schon beim ersten Besuch gnadenlos in das gängige Muster fällt und glaubt „seine“ Nutte retten zu müssen, mehr bei ihr ausgelöst zu haben als der übliche Stecher.

Seltsamerweise springt ihm Russell in seiner Verblendung aber zur Seite – jedenfalls macht es diesen Eindruck. Amy ist eine Frau ohne jede positive Eigenschaft: Gibt es zu Beginn noch einige kurze Situationen, in denen sie mit ihrer Kritik an Bobby im Recht scheint, verwandelt sie sich irgendwann zum Inbegriff der missgünstigen, ungerechten Zicke. Bobby wird demgegenüber viel zu schnell vom Haken gelassen: Er ist der manchmal etwas dümmliche, im Grunde seines Herzens aber stets ehrliche Mann, den die Gattin im Stich ließ und ihm dann keine Chance mehr gab. Diese Einseitigkeit mutet in einem Film, in dem es im Wesentlichen um die Beziehungen zwischen Mann und Frau, aber natürlich auch um Machtstrukturen und – wir sind hier schließlich bei Russell – um den Kampf gegen den Status quo geht, schon etwas seltsam an. Von einer Kritik an Maskenhaftigkeit, Unehrlichkeit und Verdinglichung schlägt er plötzlich um in die reine Männerfantasie. Keine Ahnung, was da schiefgelaufen ist. Für faszinierend und sehenswert halte ich CRIMES OF PASSION aber dennoch. Ob trotz oder wegen dieser Unentschlossenheit wird sich in der Zukunft noch zeigen.

geschenktipp #1

Veröffentlicht: November 30, 2019 in Film
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I done did it again. Für das Mediabook von Eric Reds COHEN & TATE habe ich das Booklet beigesteuert. Der Film ist ein vielbesungener, aber selten gesehener kleinen Actionthriller und das überaus gelungene Regiedebüt des Mannes, der zuvor die gefeierten Drehbücher zu THE HITCHER und Kathryn Bigelows NEAR DARK geliefert hatte. Basierend auf einer Kurzgeschichte von O. Henry schuf er mit COHEN & TATE einen arschtighten, spannenden Reißer, wie sie heute leider nicht mehr gemacht haben. Wer ihn noch nicht kennt, kann ihn sich in dieser Fassung getrost zulegen.

VENGEANCE: A LOVE STORY ist kein guter Film. Er feierte seine Premiere in den meisten Ländern auf Streamingportalen oder auf Heimkinomedien, wo er, man muss dass deutlich sagen, auch hingehört. Der nominelle Hauptdarsteller Nicolas Cage ist eigentlich eine Nebenfigur und gibt eine seiner zurückhaltenden, wenn nicht gar müden Darbietungen. Deborah Kara Unger macht auch ein bisschen mit und sorgt mit ihrem Botox-Gesicht für mehr Schmerzen beim Zuschauer als alle Gewaltakte, die die Geschichte anhäuft. Don Johnson spielt einen schmierigen Anwalt, dem man mit wachsender Begeisterung die Fresse polieren möchte. Es geht um eine Justiz, die Straftäter freilässt, um Männerbünde, gedemütigte Frauen und um Rache, die aber spannungsarm, unaufgeregt und ohne große Actioneinlagen abgewickelt wird. Ja, irgendwo ist der Film auch, wie der Untertitel verspricht, eine Liebesgeschichte, aber auch die bleibt in ihrem Frühstadium stecken. Außerdem ist das alles erwartungsgemäß erzreaktionär und jede Figur so konstruiert, dass es dem Drehbuch für seine fragwürdige Message in die Karten spielt. Wie gesagt, VENGEANCE: A LOVE STORY ist kein guter Film. Aber es macht Spaß, über ihn nachzudenken. Irgendwie mochte ich ihn.

Der Film beginnt mit einer seiner spektakulärsten Szenen: Der Cop John Dromoor (Nicolas Cage) und sein Partner stellen einen Serienmörder. John kann ihn niederstrecken, nachdem sein Partner erschossen und er selbst verwundet wird (der Partner hatte zuvor den Fehler gemacht, von seinem bevorstehenden Heiratsantrag zu erzählen und John den Ring zu zeigen – ein sicheres Todesurteil). Wenig später lernt er in einer Bar die scharfe, allein erziehende Mutter Teena (Anna Hutchison) kennen, die ihn als „Helden“ aus der Zeitung erkennt und ihm deutliche Avancen macht. Bevor sie sich jedoch wiedertreffen, wird sie im Anschluss an eine Independence-Day-Feier von vier Rednecks vergewaltigt. Gemeinsam mit ihrer zwölfjährigen Tochter Bethie (Talitha Eliana Bateman) hatte sie eine Abkürzung durch ein dunkles Waldstück genommen. Bethie gelingt die Flucht, sie begegnet John, doch als der am Tatort ankommt, sind die Täter bereits verschwunden. Immerhin kann er Teena retten und sie in ein Krankenhaus bringen. Mithilfe von Bethie gelingt es ihm, die Vergewaltiger wenig später zu fassen, darunter auch zwei Brüder, deren Eltern den Anwalt Jay Kirkpatrick (Don Johnson) einschalten, um ihre Söhne rauszuhauen. Mit seinem schmierigen Charme zieht Kirkpatrick den Richter auf seine Seite, lässt die Anklägerin wie eine Anfängerin aussehen und stellt Teena als verantwortungslose Schlampe dar, die es eigentlich wollte. John wohnt dem Spektakel ungläubig bei und nimmt das Gesetz schließlich in die eigenen Hände.

Gute Selbstjustiz- und Rachefilme erkennt man meistens daran, dass es ihnen gelingt, einen auf ihre Seite zu ziehen, nur um einem dann den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Wenn es in VENGEANCE: A LOVE STORY zur Gerichtsverhandlung kommt, die Redneck-Familie die gedemütigte, schwer verletzte und vergewaltigte Teena als „Hure“ beschimpft und siegesgewiss grinst, Don Johnson als Kirkpatrick mit seinem Eine-Million-Dollar-Lächeln und Schmelz in der Stimme seine Lügengeschichte auftischt, die dieses Arschloch von Richter sofort frisst, klappt einem das Messer in der Tasche auf. Die Exekution des ersten Täters, dem John auf dem Parkplatz vor einer Kneipe furztrocken und ohne mit der Wimper zu zucken in den Kopf schießt, ist ungemein befriedigend. Und so geht das bei den folgenden drei Rachemorden weiter, die Regisseur Martin ohne jede Aufregung in Szene setzt. Es gibt keine lange Vorbereitung, keinen Konflikt, keine Gefahr, entdeckt zu werden. John konfrontiert die Täter, nietet sie um, steigt in sein Auto und fährt davon. Es fühlt sich gut an. Aber der Moment, in dem einem der Boden unter den Füßen weggezogen wird, bleibt aus: Am nächsten kommt ihm die finale Begegnung Johns mit Kirkpatrick, der sagt, dass die Verfassung jedem noch so miesen Verbrecher das Recht auf Strafverteidigung zubilligt, aber nirgends die Selbstjustiz legitimiere. Er hat natürlich Recht, aber er sagt das nicht aus echter Überzeugung, sondern weil er gern gewinnt. Auch er weiß, dass die Welt ohne diese vier Arschgeigen ein besserer Ort ist. Im absurdesten Moment des Films steigt der fein betuchte Anwalt danach auf seine fette Harley und braust davon. Teena und Bethie fangen in Kalifornien ein neues Leben an, John bleibt allein zurück. Er muss keine Sanktionen befürchten.

Ich habe in den vergangenen Einträgen oft über diese kleinen Exploiter geschrieben, die mit markigem Titel und Coverartwork sowie einem etwas verblassten Star um die Aufmerksamkeit von Streamingkunden oder DVD-Käufern werben. Sie sind mehr oder weniger nach Schema F gestrickt, aber die Einschnitte bei Budget, Zeit und involviertem Talent sorgen oft für seltsame Idiosynkrasien, die ein reibungsloses „Funktionieren“ oft verhindern, aber diese Filme auch auf ihre eigene Art und Weise interessant machen. Auch VENGEANCE: A LOVE STORY hat einige dieser Holprigkeiten: Die Eröffnungsszene um die Erschießung von Johns Partner hat eigentlich keinen anderen Zweck, als ihn danach in einer Kneipe zu zeigen. Die Protagonistin Teena scheint zwischen der ersten und zweiten Szene ein komplett anderer Mensch geworden zu sein. In Dialogen wird auf ihre privaten Probleme eingegangen, die letztlich aber keine weitere Rolle spielen. Bethie weint einmal darüber, dass sie sich nicht mehr an das Gesicht ihres verstorbenen Vaters erinnern können: Auch das bleibt ein einsam im Raum stehendes Fragment. John selbst taucht immer wieder für länger Strecken des Films ab, bevor er dann in dramatisch-sinnlosen Szenen an den Niagarafälle gezeigt wird, die vor allem dazu da sind, den Zuschauer daran zu erinnern, dass er auch noch da ist. Cage wirkt müde, gelangweilt, deutlich älter als im später entstandenen MANDY, und stand wahrscheinlich nur für ein paar Tage zur Verfügung, die man dann unter anderem damit vergeudete, ihn an der Klippe der Niagarafälle mit im Wind wehender Lederjacke zu zeigen. Fraglich ist auch, auf wen sich der Untertitel eigentlich bezieht, denn eine deutlich engere Bindung als zu Teena nimmt er zu Bethie auf. Und dann sind da eben diese völlig einseitigen Charakterisierungen der „Bösen“, die so krass überzeichnet werden, dass jeder Zweifel an der Rechtmäßigkeit von Johns Racheakt von vornherein aus dem Weg geräumt wird.

Nicht nur sind die vier Täter frei von jedem positiven Charakterzug, vielmehr großmäulige, abstoßende, gemeine, obszöne und sadistische Arschlöcher, die die sich bietende „Chance“, ohne jedes Zögern nutzen, auch alle um sie herum sind Dreckschweine. Da sind die Eltern sowie die jüngere Schwester der beiden Vergewaltiger, die fest davon überzeugt sind, dass ihre Jungs nichts getan haben, wüst über das Opfer herziehen, sogar dessen Tochter in der Öffentlichkeit bedrohen. Ihr Anwalt entspricht dem Typus des schleimigen Opportunisten, der für Geld alles tut und insgeheim Spaß daran hat, der Ungerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. Der Richter, ein alter Sack, dessen Voreingenommenheit einfach so als Tatsache hingestellt wird, verbündet sich sofort mit ihm, während Teenas Anwältin reichlich naiv darauf vertraut, dass die Gerechtigkeit siegen wird, ohne wirklich etwas dafür zu tun. Kirkpatricks bizarres Plädoyer bei der Anhörung wird vom anwesenden Publikum frenetisch bejubelt, die geschundene Frau hingegen geradezu verhöhnt: Als sie in den Zeugenstand gerufen wird, zwingt der Richter sie dazu, ihre Sonnenbrille abzunehmen, die sie wegen der erlittenen Verletzungen trägt, und Regisseur Martin kostet den Moment weidlich aus, filmt voll ins gleißende Gegenlicht, um die Blendung, die Teena erfährt, auch dem Betrachter zu verpassen. Anstatt die Füße stillzuhalten, alles dafür zu tun, um bis zur Verhandlung bloß nicht negativ aufzufallen und ihre Chance auf einen Freispruch zu wahren, bringen die Rednecks als erstes die Katze von Teena und Bethie um und belauern sie aus dem Auto heraus. Das alles ist so dermaßen übertrieben und unglaubwürdig, dass der Film sich fast selbst ein Bein stellt: Um etwa zu zeigen, dass das Gesetz von Männern gemacht wird, die sich im Hinterzimmer Herrenwitze erzählen und abklatschen, werden die Frauen als extrawehrlos und naiv gezeichnet. Würde eine Mutter, die ihrer zwölfjährigen Tochter eben noch verboten hat, auf einem Vordach zu sitzen, mit ihr wirklich im bauchfreien Shirt und mit Hotpants durch den dunklen Wald latschen, bloß um ein paar Meter abzukürzen? Würde eine Anwältin wirklich so krass unvorbereitet in eine Verhandlung gehen? Wohl eher nicht. Was ich auch faszinierend fand, ist die Orientierungslosigkeit der ganzen Unternehmung: VENGEANCE: A LOVE STORY hält sich wahrscheinlich für liberal und aufgeklärt, wendet sich sehr deutlich gegen die ekligen Rednecks, vertritt dann aber eine dumpfe Law-and-Order-Auffassung, mit der er sich gerade solchen Truckermützen-tragenden, Pick-up-fahrenden Patrioten andient. Wäre der Film nicht so gnadenlos mittelmäßig, würde ich ihn fast dafür loben, dass er auf so schön unreflektiert einfängt, wie verdammt kompliziert die Welt doch ist.

 

 

your move (luke goss, usa 2017)

Veröffentlicht: November 20, 2019 in Film
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Auch wenn die deutsche Synchro von Anfang an äußerst schmerzhaft klang, hatte ich doch eine Weile lang Hoffnung für YOUR MOVE, das Regiedebüt des ehemaligen Bros-Sängers, der ja nun schon seit gut 15, 20 Jahren als Schauspieler unterwegs ist und dabei ein großes Betätigungsfeld im Bereich der DTV-Action gefunden hat. Sein Film geht gleich in medias res: Strohwitwer David (Luke Goss) skypt mit seiner Gattin Isabel (Patricia De Leon) und seiner Tochter, die beide in Mexiko bei seinen Schwiegereltern weilen, und muss mitansehen, wie plötzlich ein Fremder eindringt, die beiden überwältigt und entführt. Völlig verzweifelt reist er nach Mexiko, wo der Kriminalbeamte Romero (Robert Davi) ihm seine Unterstützung zusagt, mit seinen Ermittlungen aber nicht wirklich weiterkommt, sodass David das Gesetz in seine eigenen Hände nimmt. Auf die Explosionen, Hubschraubereinsätze und Ballereien mit Superknarren, die das Posterartwork in Aussicht stellt, wartet man aber leider vergebens. YOUR MOVE ist vor allem eins: laaaangweilig.

Man spürt das Bemühen Goss‘, hier einen nervenzerrenden Thriller über die Verzweiflung eines Mannes zu inszenieren, der mit Gewalt nichts zu tun hat, aber letztlich keine andere Möglichkeit sieht, als zu den äußersten Mitteln zu greifen. YOUR MOVE sieht auch ganz ordentlich aus, mit seinen – via Colorgrading – saturierten, aber durchaus schön komponierten Bildern, aber er kommt einfach nicht aus dem Quark, findet keinen Rhythmus, lässt sich erst zu viel Zeit, stolpert dann ungeschickt durch diverse Plotholes, lässt Handlungsstränge einfach fallen, denen er zuvor noch akribisch nachgegangen ist und verfehlt so einfach die emotionale Durchschlagskraft, die er ganz offenkundig anpeilt. Am Ende zeigt YOUR MOVE alle Eigenschaften eines (unter)durchschnittlichen DTV-Films: eine reißerische Prämisse, die aus Motiven erfolgreicher Filme zusammengeklaut ist, einen versierten Hauptakteur, der aber gegen die Schwächen des eigenen Drehbuchs und der eigenen Regie anspielen muss, einen Gaststar, der seine letztlich sinnlosen Auftritte wahrscheinlich neben einem ausgedehnten Urlaub absolvierte, eine etwas aufdringliche visuelle Gestaltung inklusive Wackelkamera, die Dynamik vortäuschen soll, wo eigentlich keine ist, und eine Dramaturgie, die an einem Stoff scheitert, der nun wirklich dutzendfach in solch passabler Form aufbereitet wurde, dass es an Vorlagen zum Sich-Bedienen eigentlich nicht mangelte. Mein grundsätzliches Wohlwollen wich irgendwann, als ich erkennen musste, dass die große Kehrtwende, auf die ich gehofft hatte, nicht mehr kommen würde, der totalen Gleichgültigkeit. Irgendwie schade, denn ich finde Goss als Darsteller eigentlich ganz cool und Davi natürlich sowieso. YOUR MOVE ist allerdings gar nix.