Mit ‘Thriller’ getaggte Beiträge

Ich gehöre ja zu den Menschen, die TURBO KID ziemlich schrecklich finden. Er ist sicherlich gut gemeint und nicht vollends unerträglich, aber eben genau jene Sorte von Fanservice, Zitatekino und Nerdjerking, mit der ich einfach nichts anfangen kann, die ich grauenvoll unproduktiv finde. Besonders schlimm: Dieses Eighties-Nostalgiegedöns, bei dem man merkt, dass die Urheber die Achtziger auch nur aus komischen Retroshows kennen. SUMMER OF 84 ist der Nachfolger von TURBO KID und macht weiter mit dem Achtziger-Worshipping, auch wenn das hier stärker in den Hintergrund rückt und der Film diese Zeit nur als  (allerdings ziemlich willkürlich gewählten) Rahmen für seine Geschichte verwendet. SUMMER OF 84 ist besser und „reifer“ und auch so angelegt, aber diese Anlage offenbart nun auch endgültig, dass die Filmemacher nicht wirklich etwas zu sagen haben. Auch wenn man TURBO KID ätzend fand, konnte man ihm zugutehalten, dass er immerhin den nötigen Drive und auch einen gewissen Witz mitbrachte, wenn man diesen Humor auch nicht teilte. SUMMER OF 84 läuft zwar gut rein, er ist „funktionabel“, wenn man so will, aber am Ende bleibt einfach nichts übrig. Ein Film, der nicht in erster Linie über seine Schauwerte, Gags und Effekte funktioniert, sollte etwas zu sagen haben. SUMMER OF 84 ist ganz nettes Entertainment, aber er versagt auf dieser Ebene völlig. Er zeigt ziemlich deutlich, dass diese Art von Rückwärtsgewandtheit völlig leer und sinnlos ist, wenn man keine Haltung zu der Zeit und ihren kulturellen Artefakten findet, die man da referenziert.

Der Teenie Davey Armstrong (Graham Verchere) ist der festen Überzeugung, dass sein Nachbar, der Polizist Wayne Mackey (Rich Sommer), der Serienmörder ist, der seit einiger Zeit im County sein Unwesen treibt und es hauptsächlich auf Knaben wie Davey abgesehen hat. Mehrere Hinweise erhärten den Verdacht und so bringt Davey seine Kumpels dazu, auf eigene Faust zu „ermitteln“. Als ihr Detektivspiel auffliegt und Mackey nur wenig später einen Verdächtigen verhaftet, scheint der Fall erledigt. Aber Davey ist immer noch von der Schuld des Polizisten überzeugt.

Eine Prise STAND BY ME, etwas Stephen Kings „Es“ (oder auch die nur ein Jahr zuvor überaus erfolgreich gelaufene Verfilmung), schließlich deutliche Anleihen bei FRIGHT NIGHT, dessen Vampir durch einen ordinären Serienkiller ersetzt wird: So in etwa lässt sich SUMMER OF 84 zusammenfassen. Will man es positiv wenden, so kann man konstatieren, dass es dem Regisseursteam gelungen ist, einen Film zu inszenieren, der die Vorbilder sehr originalgetreu emuliert. Die heterogene Protagonistenschar – zu den Kumpels, die alle einen bestimmten Typus repräsentieren, gesellt sich auch noch die scharfe, etwas ältere Nikki (Tiera Skovbye) – wird mit einigen wenigen Pinselstrichen zum Leben erweckt, das unschuldige Detektivspiel gerät mehr und mehr außer Kontrolle, und hinter dem biederen Antlitz des Killers steckt natürlich die wachsende Erkenntnis, dass die behütete Kindheit bald zu Ende und die Welt da draußen voller Gefahren und unangenehmer Überraschungen ist. Das kennt man, das funktioniert, auch zum hundertsten Mal noch. Aber das ist es dann auch schon. Die als große Erkenntnis dargebotene Weisheit, dass sich hinter dem Nachbar ein kranker Mörder verbergen kann, ist wohl einer der abgedroschendsten Standards des Horror- und Serienmörderfilms und der Hinweis auf Ronny und seine Reaganomics ist wahrscheinlich gesetzlich vorgeschrieben, wenn man einen Film über die American Eighties drehen will. Ansonsten reduzieren sich die Referenzen auf Band-T-Shirts, Poster, Plattencover und Soundtrack sowie den ein oder anderen hingeworfenen Dialogsatz. SUMMER OF 84 könnte genauso gut in den Sechzigern, Siebzigern, den Neunzigern oder den Nullern spielen, der Zeitrahmen ist reiner Zierrat, dessen einzige Funktion darin besteht, die anvisierte Zielgruppe zu triggern. Gähn.

Es ist etwas undankbar, den Film zu kritisieren: Er macht eigentlich nichts falsch, aber das liegt eben auch nicht zuletzt daran, dass er absolut nichts Neues, Eigenes ausprobiert. SUMMER OF 84 ist das filmische Äquivalent zur Coverband. Unter Umständen ganz nett, musikalisch vielleicht sogar beeindruckend, aber eben doch nur ein Abklatsch des Echten.

 

Zuerst: Ich habe keinen einzigen Roman aus Lee Childs Reihe um den Titelhelden aus McQuarres Film gelesen, kann also wenig dazu sagen, inwiefern der Figur da Recht oder Unrecht widerfahren ist. Der Film hat mir ganz gut gefallen, aber er hat auch seine Probleme, die man auch ohne Kenntnis der literarischen Vorlage bemerkt.

Wie eigentlich immer, wenn eine beliebte Romanfigur den Weg auf die Leinwand findet, waren die Liebhaber auch im Falle von JACK REACHER damals enttäuscht. Die Besetzung mit Superstar Tom Cruise wurde durchaus kontrovers diskutiert, zumal mit ihm in der Haupt- und Titelrolle auch klar war, dass die Härten der Romane zugunsten der Massenverträglichkeit weichen mussten. Reacher ist ein mit allen Abwassern gewaschener Superprofi, Ex-Militärpolizist mit undurchsichtiger Vergangenheit, ein Loner, der, wenn er will, jahrelang von der Bildfläche verschwindet, Menschen mit einem gezielten Schlag zum Krüppel machen kann, zudem über das Denkvermögen eines avancierten Schachcomputers, ein fotografisches Gedächtnis und einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn verfügt. Die Figur ist, wie man dieser Beschreibung entnehmen kann, ein echter Supermann, für den Cruise, dessen MISSION:IMPOSSIBLE-Held Ethan Hunt ähnlich übermachtig, aber deutlich comichafter angelegt ist, in vielerlei Hinsicht die Idealbesetzung darstellt. Es gibt wahrscheinlich niemanden, der eine solch übertriebene Figur auf der Leinwand glaubwürdig verkörpern kann, ohne dafür auf entwaffnende Selbstironie zurückgreifen zu müssen. Cruise ist selbst eigentlich kaum noch ein Mensch, sondern eine Entertainment-Maschine, die in ihrem eigenen Kosmos schwebt, bevor sie sich wie einst Zarathustra dazu herbalässt, wieder einmal zu den Sterblichen hinabzusteigen. Er ist wahrscheinlich der größte Actionstar der Welt, aber er hat sich diesen Ruf nicht unbedingt mit Filmen unbarmherziger Härte erkämpft, wie seine Kollegen. Für JACK REACHER ist das schon auch ein Problem, wenngleich nicht das größte.

Der Film, der auf dem Roman „Sniper“ basiert, beginnt mit dem Attentat eines Scharfschützen (Jai Courtney), der anscheinend wahllos fünf Passanten am Ufer des Ohio Rivers erschießt. Alle Beweise führen zu einem ehemaligen Scharfschützen aus dem Irak-Krieg, der aber keine Stellung zu seiner Involvierung nehmen will (der Zuschauer weiß, dass er es nicht war). Das einzige, was er sagt, ist ein Name: Jack Reacher. Der taucht wenig später in Pittsburgh auf: Er hatte den Verdächtigen, der in Bagdad mehrere US-Soldaten erschossen hatte, damals festgesetzt, musste dann aber mitansehen, wie er freigelassen wurde, weil seine Opfer ordentlich Dreck am Stecken hatten und das Militär keinen Staub aufwirbeln wollte. Nun hofft Reacher, den Mann endlich zur Strecke zu bringen, doch je mehr er sich mit dem Fall beschäftigt, umso mehr wachsen die Zweifel an seiner Schuld. Die Staatsanwältin Helen Rodin (Rosamund Pike) steht ihm bei seinen Ermittlungen zur Seite.

JACK REACHER profitiert zum einen von der immensen Coolness seines Stars, der die allumfassende Souveränität und Abgezocktheit Reachers glaubwürdig verkörpert, und dem Drehbuch McQuarries, der offensichtlich große Freude daran hat, ihm eine geeignete Plattform für seine Show zu liefern. Das Timing stimmt, die Dialoge sind pointiert und erinnern auch sehr schön an die Hard-Boiled-Tradition der Romanvorlage, der der Film in den mit angezogener Handbremse inszenieren Gewaltszene nicht immer gerecht wird. Ein paar mehr Härten hätten JACK REACHER nicht geschadet, wie er aller guten Ansätze zum Trotz und sehr im Kontrast zu seiner subject matter überhaupt etwas bieder und leblos geraten ist. Das zeigt sich etwa in der ausgedehnten Sequenz, in der uns alle Opfer des Amokschützen als unbescholtene Tugendbolzen präsentiert werden, samt pathetischem Musik- und Zeitlupeneinsatz, wenn sie dann noch einmal effektreich ins Gras beißen dürfen. Nach der sehr gelungenen Einführung – der Auftritt Reachers etwa ist wunderbar – wird der Film zusehends stromlinienförmiger, bis er nach viel zu langen zwei Stunden in sein austauschbares Finale mündet, bei dem mich die Hintergründe des Falls schon kaum noch interessierten. Schade ist es vor allem um Werner Herzog, der hier eine sehr schöne Darbietung als diabolischer Schurke abliefert, aber trotzdem wie ein zusätzlich aufgepfropftes Gimmick wirkt: Wie er sich in die verschwurbelte Geschichte einfügt, habe ich dann auch nicht so ganz geblickt.

Unterm Strich dennoch ein ganz hübscher Film, für mich als Cruise-Apologeten und Rosamund-Pike-Schwärmer sowieso, und für Freunde des Hard-Boiled-Thrillers auch. Ist doch schön, dass es solche ernsten Thriller ohne irgendwelchen Schnickschnack noch gibt. Das kann man, bei allen kleineren Fehlern, gar nicht ausreichend loben.

 

Tief dringt die Kamera ein in das enigmatische Funkeln eines Rohdiamanten, fliegt immer tiefer hinein, als verberge sich eine ganze Welt in dem über Tausende, wenn nicht Millionen von Jahren hoch verdichteten Mineral. Heraus findet sie über den Darm des Diamantenhändlers und Juweliers Howard Ratner (Adam Sandler), der sich gerade einer Koloskopie unterzieht. Ist UNCUT GEMS vielleicht eine bittere Satire über den gnadenlosen Verwertungskreislauf des Kapitalismus, der sich alles einverleibt, nur um die unbrauchbaren Reststoffe am Ende wieder auszuscheißen? Leider ist der Film deutlich banaler, was auch das Wiederaufgreifen der oben genannten Kamerafahrt am Ende belegt: Das Leben, so wollen die Safdies sagen, ist ein unvorhersehbares Wagnis, ein Labyrinth aus verlockenden Irrwegen und Sackgassen. Und das große Ziel, das man anscheinend vor Augen hat, ist vielleicht doch nur der eigene Tod.

Der von Netflix produzierte UNCUT GEMS wurde in den letzten Monaten gehypt wie kaum ein zweiter Film des vergangenen Jahres. Und der von der „intelligenten“ Filmkritik so verhasste Adam Sandler sah sich aufgrund seiner Darstellung des spielsüchtigen, gedemütigten und vom Pech verfolgten Ratner plötzlich als verkanntes Genie und schauspielerischer Gigant rehabilitiert (dass man dieselbe Offenbarung schon vor fast 20 Jahren anlässlich von Paul Thomas Andersons PUNCH-DRUNK LOVE erlebt hatte, ist schon längst wieder vergessen). Wer Sandler positiv oder auch nur unvoreingenommen gegenübersteht, den wird seine Leistung in UNCUT GEMS hingegen weniger überrascht haben: Zum einen hatte er bereits in einigen anderen Filmen angedeutet, dass er sein Handwerk zweifellos versteht (siehe oben) und mehr kann, als den Clown zu geben. Zum anderen können nur die verblendetsten Hater übersehen, dass Sandler ja auch in diesen vermeintlich „schlechten“ Filmen eine unleugbare Präsenz ist. UNCUT GEMS ist durchaus sehenswert, aber wer hier in der Hauptrolle nicht diese „Offenbarung“ erlebt, der wird auch dem Rest gelassener gegenüberstehen; und dann wahrscheinlich bemerken, dass UNCUT GEMS alles andere ist als die Neuerfindung des Rades.

Was ihn auszeichnet, ist sein manisches Tempo: Die Dramaturgie entspricht der sprichwörtlichen Achterbahnfahrt, bei der es hier aber immer nur abwärts geht. Zu Beginn scheint noch der große Reibach für Howard anzustehen, denn er hat einen raren Opal aus Äthiopien aufgetrieben, einen mystisch aufgeladenen, uralten und angeblich mit magischen Kräften ausgestatteten Stein, für den er auf einer New Yorker Auktionen einen hohen Millionenbetrag zu erzielen hofft. Man ahnt da schon, dass Howie vielleicht etwas zu optimistisch mit seiner Schätzung sein könnte, aber bevor es zur Auktion kommt, gibt es zahlreiche weitere Hürden zu überwinden. Kevin Garnett, der Basketballprofi aus Boston, muss den Opal als Glücksbringer haben und dem Juwelenhändler gelingt es nicht, ihm diesen Wunsch abzuschlagen. Den Meisterschaftsring, den er von Garnett als Pfand erhält, verpfändet er, um Bargeld für eine riskante Wette zu haben: Ihm is klar, dass Garnett mit dem Opal im Gepäck ein sensationelles Spiel hinlegen wird. Mit dem Gewinn will er die Schulden bei Arno (Eric Bogosian) begleichen, der langsam die Geduld mit dem Verwandten verliert, von dem er immer nur vertröstet wird, und natürlich den Ring zurückkaufen. Tatsächlich landet Howard mit seiner Wette einen Riesencoup, doch er ist trotzdem der Verlierer: Arno hat die Wette canceln lassen und so hat der Pechvogel nicht nur kein Geld gewonnen, sondern auch das Problem, dass er den Ring zurückkaufen muss, um wieder an seinen Opal zu kommen. Diese Episode ist aber nur ein Glied in einer engmaschigen Kette aus Verstrickungen, Schicksalsschlägen und Fehlentscheidungen, mit denen sich der Protagonist kontinuierlich und gnadenlos in die Scheiße reitet – bis UNCUT GEMS nach rund zweieinhalb Stunden genauso endet, wie man das eigentlich von Anfang an erwartet hat.

Das ist unterhaltsam, auch spannend, vor allem aber aufreibend und anstrengend, weil es kaum einmal einen Moment der Ruhe gibt. Das betrifft sowohl die beschriebene Dramaturgie als auch die Hochfrequenzdialoge und den Schnitt. Und inhaltlich ist der Film ähnlich eindimensional: UNCUT GEMS spielt in einer Welt, in der ständig alle dem großen Geld hinterherrennen oder aber sich selbst verkaufen. Echte Vertrauensbeziehungen gibt es nicht, vielmehr umschleichen sich alle wie die lauernden Raubtiere, nur auf den Moment wartend, in dem der andere eine Schwäche zeigt und zu Fall gebracht werden kann. Dinah (Idina Menzel), Howards Noch-Ehefrau hat für ihren Gatten nur noch offene Verachtung übrig, die gemeinsame Tochter nimmt ihn auch nicht mehr ernst. Aber noch nicht einmal in seinem Beruf kommt Howard zur Ruhe: Deals platzen, verprellte Kunden bezichtigen ihn des Betrugs, das automatische Schließsystem der Tür fällt immer wieder aus und zwingt betuchte Kunden, in der engen Schleuse auszuharren, bis das technische Problem mit Mühe und Not gelöst ist. Natürlich bringt auch der Opal nicht die erhofften Millionen und selbst das, was er wert ist, kann Howie nicht einstreichen. Er ist für diese Welt einfach nicht gemacht, aber man bekommt als Zuschauer einfach keinen echten Einblick, worin sein Versagen eigentlich besteht: Kommt zu seiner Spielsucht, seinem Leichtsinn und seiner linkischen Art gar auch noch berufliche Inkompetenz hinzu? Hier bleibt UNCUT GEMS leider zu vage. Letztlich erzählt er die geschickt, aber trotzdem überkonstruierte Geschichte eines Süchtigen, der alle Mäßigung verliert und dafür bestraft wird. Das ist alles andere als revolutionär und in der hier dargebotenen Schärfe nicht nur unproduktiv, sondern fast ein wenig sadistisch.

Schön ist die Cinematografie von Darius Khondji, der überwiegend auf Schwarz- und Grautöne setzt, dann aber immer wieder grelle Farbpunkte wie Lichtreflexe in einem Diamant aufblitzen lässt. Auftritte von Basketballprofi Garnett, Soul-Crooner Abel Tesfaye aka The Weeknd oder das Tilda-Swinton-Cameo passen ebenfalls ins Bild. Aber letztlich ist UNCUT GEMS tatsächlich in erster Linie ein Showcase für Sandler, der nahezu jede Szene bestreitet und die ernste, „realistische“ Variante seiner liebenswerten Clowns und Losers geben darf. Er überzeugt auf ganzer Linie und sorgt auch wesentlich dafür, dass einem Howies Schicksal nicht am Arsch vorbeigeht. Er ist somit aber nicht das i-Tüpfelchen auf einem Meisterwerk, sondern der Faktor, der UNCUT GEMS überhaupt erst zum Gesprächsthema macht. Über den Rest muss man wirklich nicht nach Hause schreiben.

Paul Verhoevens sechster Langfilm ist auch der letzte, den er in den Niederlanden produzierte. Direkt im Anschluss folgte er dem Ruf Hollywoods, wo zwei Jahre später sein düsterer Historienfilm FLESH & BLOOD erschien. Ich habe Verhoevens Frühwerk leider noch nicht begutachtet, aber wenn man DE VIERDE MAN sieht, ahnt man schon, dass es für den Filmemacher in seiner Heimat nicht mehr viel Luft nach oben gab. Um weiterzukommen, sich neuen Herausforderungen zu stellen und seine Kunst weiterzuentwickeln, musste er fast zwangsläufig über den großen Teich gehen. Das heißt nicht, dass DE VIERDE MAN von irgendwelchen Makeln oder Kompromissen beeinträchtigt würde, im Gegenteil. Er ist nahe dran an der Perfektion, dazu von einer formalen Geschliffenheit und dramaturgischen Pointierung, die man sonst eigentlich mit Hollywood assoziiert. Die provokante subject matter erinnert noch am ehesten daran, dass dieser Film europäischen Ursprungs ist, aber wie wir wissen, half Verhoeven den Amerikanern ja auch in dieser Hinsicht auf die Sprünge. Es grenzt demnach an Ironie, dass ausgerechnet dieser Film, der Verhoevens Sprung über den großen Teich unabwendbar machte, in den Niederlanden weniger Geld einspielte, als seine vorangegangenen Filme.

Für DE VIERDE MAN, der auf dem gleichnamigen Roman von Gerard Reve basiert, vereint der Regisseur Elemente des Künstlerdramas, des Film noir und des Thrillers miteinander. Der bisexuelle, alkoholsüchtige und überaus zynische Schriftsteller Gerard Reve (Jeroen Krabbé) reist für eine Lesung nach Vlissingen, wo er die attraktive Christine (Renée Soutendijk) kennenlernt und sofort mit ihr anbändelt. Sein Interesse an ihr steigt, als er herausfindet, dass sie nicht nur überaus wohlhabend, sondern auch mit dem gutaussehenden Herman (Thom Hoffman) liiert ist. Die Offenbarung, dass Christine bereits dreimal verheiratet war und alle drei Männer unter mysteriösen Umständen ums Leben kamen, stürzt den eh schon von Halluzinationen geplagten Autor vollends in die Krise.

DE VIERDE MAN ist das Porträt eines Künstlers kurz vor dem Zusammenbruch: Reve ringt mit seiner Alkoholsucht, seiner Kunst und seiner finanziellen Situation, dazu kollidiert seine Sexualität hart mit seinem Katholizismus, den er als Grundlage seiner Kunst verteidigt, auch wenn er alles andere als fromm ist. Tagträume, Halluzinationen, Mord- und Todesfantasien sind sein ständiger Begleiter und lassen ihn zunehmend an seinem eigenen Verstand zweifeln, gleichzeitig lässt er sich obsessiv von seinen Trieben leiten. Er stellt sich vor, wie er seinen Liebhaber erwürgt, jagt dann einem jungen Mann nach, dem er im Bahnhofskiosk begegnet. Er tritt ein in das Bild eines Hotels, das in seinem Zugabteil hängt, und wird von der Vision einer blutenden Tür aufgeschreckt: Aus der Reisetasche einer jungen Mutter, die ihm immer wieder über den Weg läuft und die er als Marienerscheinung interpretiert, ist Tomatensaft aus- und über das Bild gelaufen. Bei der Lesung filmt ihn die kühle blonde Christine, entführt ihn dann in ihr riesiges Haus, in dem sie einen Schönheitssalon mit dem Namen „Sphinx“ betreibt: Weil das „h“ und das „x“ der Leuchtreklame defekt sind, lautet das Schild einfach „Spin“ – Niederländisch für Spinne. Während sich Reve von der jungen Frau aushalten lässt, wächst sein Verdacht, dass er in Gefahr schwebt. Er träumt von seiner Kastration, sieht immer wieder Trugbilder und Zeichen seines nahenden Todes. Seine Paranoia nähert sich dem Gipfelpunkt, als er Herman begegnet, für den er eine heftige Leidenschaft verspürt und mit dem er eine heimliche Affäre beginnt. Es ist klar, dass das alles in einer Katastrophe enden muss.

Verhoeven inszeniert diese Geschichte mit viel visuellem Flair und aufdringlicher Symbolik: Er sagte seinerzeit, er habe es mit christlichen Symbolen bewusst übertrieben, um die Kritiker, die ihm zuvor stets nackten Sensationalismus vorgeworfen hatten, an der Nase herumzuführen. Er schafft so eine sehr künstliche Oberfläche, nicht unähnlich den Giallos, die Argento einst so meisterhaft inszenierte, aber mit weniger akademischer Strenge und mehr Humor. Zu seinem Protagonisten hat Verhoeven ein ambivalentes Verhältnis: Er schätzt seinen Witz und seinen ätzenden Zynismus („Es gibt eh bald Krieg“, sagt Reve mehrfach), seine Spontaneität und seine Fantasie, aber er hält ihn auch für einen hoffnungslosen Narziss mit Hang zum Drama und einem auffallenden Mangel an Selbstkontrolle. Jeroen Krabbé gelingt es auf brillante Art und Weise, diesen nun nicht gerade durchschnittlichen Charakter zum Leben zu erwecken und ihn und seine psychische Disposition nachvollziehbar und greifbar zu machen. DE VIERDE MAN ist zunächst ein formal beeindruckendes filmisches Vexierspiel, so schillernd und trügerisch wie ein Spiegelkabinett oder ein Glaslabyrinth, aber dahinter verbirgt sich mehr. Der Film ist auch eine Auseinandersetzung mit einer Generation – der des Regisseurs und seines Hauptdarstellers, Jahrgang 1938 respektive 1944 -, die es gewohnt ist, die Deutungshoheit über die Dinge zu haben und der plötzlich der Boden unter den Füßen weggezogen wird.

 

Nach EUGÉNIE springe ich noch einmal ein paar Jahre in die Vergangenheit: RIFIFI EN LA CIUDAD ist wie LA MUERTE SILBA EN BLUES wahrscheinlich am ehesten als Noir oder Gangsterfilm zu beschreiben, zeigt aber wie dieser das für Franco typische entspannte Pacing, das dem Aufbau von Bedrohung und Spannung eher abträglich ist und auch hier dazu beiträgt, aus RIFIFI einen gewalttätigen Loungefilm zu machen.

Die Handlung dreht sich um den mexikanischen Polizisten Mora (Fernando Fernán Gómez), der einen jungen attraktiven Mann namens Juan (Serafín García Vázquez) als Informanten benutzt, im Beweise gegen den Verbrecherboss Leprince (Jean Servais) zu sammeln, der auch ein sehr aussichtsreicher Kandidat bei der bevorstehenden Wahl ist. Als Juan auffliegt und ermordet wird, beginnt eine Serie von Morde an den Handlangern von Leprince.

Franco adaptierte für RIFIFI EN LA CIUDAD einen französischen Pulp-Bestseller, den er ab wesentlich abänderte. Für die Rolle des schurkischen Strippenziehers konnte er Leprince gewinnen, der einige Jahre zuvor im immens erfolg- wie einflussreichen DU RIFIFI CHEZ LES HOMMES die Hauptrolle gespielt hatte und dessen Mitwirken hier wohl auch den Titel erklärt. Die als französisch-spanische Kollaboration ausgewiesen Produktion bekam Probleme, als die französische Finanzierung wegbrach, trotzdem erlebte der Film seine Premiere in Frankreich. In Spanien, wo Franco Zeit seines Lebens immer wiede Probleme mit der Zensur hatte, rutschte RIFIFI EN LA CIUDAD interessanterweise unbeanstandet durch, und das obwohl man durchaus Parallelen zwischen dem verbrecherischen Leprince, dessen Konterfei auf Plakaten, die an Orwells „Big Brother“ denken lassen, geradezu omnipräsent sind, und dem spanischen Diktator Franco deutlich erkennbar sind. Vermutlich lenkte der Handlungsort Mexiko die Aufmerksamkeit der staatlichen Zensoren ab.

RIFIFI EN LA CIUDAD ist ein schöner Film mit bestechender Schwarzweiß-Fotografie und dem obligatorischen Lounge-Score. Was ihm fehlt, sind der Punch und ein fester Dreh an der Spannungsschraube. Auch wenn die Menschen sterben wie die Fliegen und ein maskierter Killer umgeht (man spürt einen leichten Einfluss der deutschen Wallace-Filme und spürt in den geflüsterten Drohungen des gesichtslosen Killers den Giallo heraufziehen), verliert RIFIFI EN LA CIUDAD nie seine aufreizende Lässigkeit. Die visuell aufregendste Szene ist dann auch eine schön choreografierte Tanznummer im „Stardust“, dem schicken Nachtclub, in dem Leprince seine schmutzigen Geschäfte abzieht, die voll ausgespielt wird. Das Ende ist wunderbar konstruiert, unendlich tragisch und melodramatisch zugleich. Man kann durchaus produktiv darüber diskutieren, ob dieses Finale auch bei einem ruppigeren, „amerikanischeren“ Gangsterfilm noch so funktioniert hätte: Franco impft dem Stoff die für ihn typische Melancholie ein, die eben am besten mit einer gewissen Langsamkeit korrespondiert. RIFIFI EN LA CIUDAD ist demnach nicht als abendfüllendes Kinohighlight zu programmieren, sondern eher als fluffiges Ambientkino für einen lauschigen Vormittag. Außerdem ist er als Anschauungsunterricht für Skeptiker geeignet, die Franco für einen Nichtskönner halten. Man sieht hier sehr deutlich, dass er durchaus in der Lage wahr, technisch sauber zu arbeiten und dann beachtliche Ergebnisse zu erzielen – aber eben auch, dass ihn konventionelles Erzählkino nicht so richtig reizte.

Der ehemalige Agent und jetzige Universitätsprofessor Jonathan Hemlock (Clint Eastwood) wird von seinem ehemaligen Auftraggeber, dem „Drachen“ (Gordon Thayer), reaktiviert, um dem Mörder eines alten Freundes und Partners Hemlocks unschädlich zu machen. Der Haken: Die Identität des Mannes ist unbekannt, es steht lediglich fest, dass er vorhat, die Eiger Nordwand zu besteigen. Um sich für die Bezwingung des Berges zu wappnen, an der er bereits zweimal gescheitert ist, lässt sich Hemlock im Monument Valley von seinem Kumpel Ben Bowman (George Kennedy) ausbilden.

THE EIGER SANCTION nimmt im Schaffen Eastwoods einen eher unbedeutenden, für seine Entwicklung als Filmemacher aber nicht ganz so unwichtigen Platz ein: Nach den vergleichsweise kleinen Regiearbeiten SADISTICO, HIGH PLAINS DRIFTER und BREEZY handelte es sich um eine deutlich größere, publikumsträchtige Beststellerverfilmung, die zudem das Ende von Eastwoods Kollaboration mit Universal bedeutete, mit deren Einsatz er unzufrieden war. Das Drehbuch kursierte zum Zeitpunkt von Eastwoods Involvierung bereits seit einigen Jahren durch Hollywood; es hatte einige Probleme, die zum Ausstieg des zuvor mit ihm verknüpften Stars Paul Newman führten und derer sich auch Eastwood bewusst war. Was ihn an dem Projekt aller Schwierigkeiten zum Trotz aber reizte, war die Möglichkeit, fernab des Studiotreibens mit einem kleinen Team zu arbeiten und natürlich seine eigenen Bergsteigerstunts durchzuführen. Seine Haltung zu dem Agentenplot, der ihn nur wenig interessierte, spiegelt sich dann auch in der Struktur des fertigen Films, der zwar aufwändiges Unterhaltungskino mit spektakulären Landschaftsaufnahmen und halsbrecherischen Stunts bietet, aber nie ganz verbergen kann, dass seine Story nur den Vorwand liefert, seine Figuren an die „Mordwand“ zu schicken, an der etliche Bergsteiger zuvor ihr Leben gelassen hatten.

Die Besteigung der Eiger Nordwand stellt dann auch den unbestrittenen Höhepunkt des Filmes dar und nimmt ungefähr sein letztes Drittel ein: Für Hemlock geht es dabei darum, sich sowohl als Bergsteiger zu behaupten als auch seinen Widersacher ausfindig zu machen (bevor dem dasselbe mit ihm gelingt) und ihn dann auszuschalten. Die schwierige Wetterlage erschwert dieses Vorhaben aber erheblich. Die Zuspitzung der dramatischen SItuation, auf die der Zuschauer mit dem Protagonisten zusammen hinfiebert, findet letztlich aber niemals statt; auch die Bezwingung des Berges misslingt und die Auflösung wird auf eine kurze Dialogszene verlegt, die nach der zweistündigen Aufbauarbeit unbefriedigend und antiklimaktisch wirkt, worüber auch der zuvor betriebene Aufwand und die mitunter atemberaubenden Kletterszenen nicht vollständig hinwegtäuschen können. In seiner Anlage erscheint THE EIGER SANCTION damit fast schon als Vorläufer jener „High Concept“-Filme, die den Zuschauern heute mehr Event als Film versprechen, eher auf einem Bild oder einer einzelnen visuellen Idee aufbauen als auf Charakterzeichnung und Dramaturgie. Die Kritik, die intradiegetisch an den sogenannten Totenvögeln laut wird, Touristen, die die Seilschaften mit Ferngläsern beobachten und insgeheim darauf hoffen, einer Katastrophe beiwohnen zu können, ist somit ein bisschen scheinheilig, denn natürlich baut auch Eastwood mit seinem Film ganz wesentlich auf Angstlust und Sensationalismus. Es ist aber nicht das einzige Element von THE EIGER SANCTION, das heute ein „Geschmäckle“ hat: Das Frauenbild des Films ist bisweilen schockierend gestrig, er bietet gleich mehrere Damen auf, die vor dem Charme des männlichen Protagonisten allzu bereitwillig auf die Matratze sinken, dazu reihenweise Männer, die sich ihrer Unwiderstehlichkeit und Überlegenheit sehr bewusst sind, und und noch dazu einen Schurken, dessen hervorstechendste Eigenschaft seine Homosexualität ist. Diese peinlichen Klischees verstärken in ihrer Häufung noch den Eindruck, dass man sich hier mit Details gar nicht lang aufhielt: Wen interessiert das schon, die Leute gehen eh nur ins Kino, um jemanden abstürzen zu sehen.

Auf der Habenseite verbucht THE EIGER SANCTION aber, wie schon erwähnt, diese imposanten Kulissen, die DoP Frank Stanley  effektreich einfängt und die dem 08/15-Plot erheblichen Scope verleihen. John Williams‘ Score passt sich den erhabenen Bildern an und strebt mit Pathos-getränkten Melodien zum Himmel. Make no mistake: Der Film macht Spaß und Lust auf den nächsten Urlaub, er ist spannend und in seinen Bergsteigerszenen atemberaubend bis nervenzerrend: Was fehlt, ist ein Narrativ, das es mit dem betriebenen formalen und logistischen Aufwand aufnehmen und darüber hinwegtäuschen kann, dass sich wirklich keiner der Beteiligten für die fadenscheinige Agentengeschichte interessierte.

Wie bezeichnet man solche Filme eigentlich richtig? LA MUERTE SILBA UN BLUES ist im weitesten Sinne ein Gangsterfilm, aber ihn so zu bezeichnen, würde völlig falsche Erwartungen wecken. Der Film ist sehr entspannt und relaxt, statt zerreißender Spannung regiert eher eine sanfte Melancholie. Selbst wenn es mal handfest zur Sache geht, ist das verglichen mit den Gewaltspitzen, die man mit dem Genre assoziiert, geradezu anrührend harmlos. Das Tempo ist gemächlich und es bleibt immer Zeit für melodramatische Anwandlungen, Musik und komödiantische Einlagen.

Die Handlung dreht sich um ein vor mehreren Jahren (je nachdem, welche Fassung man zu Gesicht bekommt, sind es fünf oder zehn) verübtes Verbrechen: Im Auftrag ihres Bosses Radeck schmuggeln zwei Männer namens Castro und Smith Waffen und werden erwischt. Castro verliert sein Leben, Smith landet im Kittchen. In der Gegenwart des Films ist aus Radeck der wohlhabende Nachtclubbesitzer Vogel (Georges Rollin) geworden, der mit Lina (Perla Cristal), der Witwe von Castro, verheiratet ist. Als Smith aus dem Gefängnis entlassen wird, wird auch die Vergangenheit wieder aufgerollt. Dazu kommt, dass die Agentin Moira (Danik Patisson) Radeck enttarnen soll und sich die Gerüchte mehren, dass Castro mitnichten tot ist. Verbirgt er sich vielleicht hinter dem Neuankömmling Al Pereira (Conrado San Martín), der plötzlich in der Stadt auftaucht?

Die Geschichte von LA MUERTE SILBA UN BLUES ist überaus vollmundig in New Orleans und Kingston, Jamaika, angesiedelt, aber abgedreht wurde das alles natürlich auf der iberische Halbinsel. Der Film ist stimmungsvoll, liebenswert, im Rahmen der Möglichkeiten exzellent fotografiert und untermalt mit wunderbarer Easy-Listening- und Jazz-Musik, die zum Teil aus Francos eigener Feder stammt. Nur zwingend ist das alles überhaupt nicht: Dass Krimis aus dieser Zeit nicht viel mit den Reißern späterer Jahrzehnte zu tun hatten, habe ich oben bereits erörtert, aber erschwerend kommt sicherlich Francos Desinteresse an klassischem Storytelling hinzu, das sich in den Folgejahren immer stärker zeigen sollte. Das Uhrwerk- und Maschinenhafte, das einen guten Thriller auszeichnet, war seine Sache nicht, und so verliert sich der Regisseur auf dem Weg zum Ziel immer wieder in allerdings liebenswerten Nebensächlichkeiten und Details, die vom Wesentlichen ablenken. Wie Stephen Thrower sehr richtig anmerkt, fehlt LA MUERTE SILBA EN BLUES außerdem ein überzeugender Bösewicht: Dafür, dass es sich im Kern um einen Rachefilm handelt, fehlt jegliche Fallhöhe, man hat nie den Eindruck, dass wirklich etwas auf dem Spiel steht. Wie schon für LA MANO DE UN HOMBRE MUERTO gilt auch hier, dass man dieses Frühwerk am besten als Mood-Piece konsumiert, als Urlaubs- oder Strandfilm, der ein bestimmtes Lebensgefühl transportiert. Als solcher ist LA MUERTE SILBA UN BLUES dann tatsächlich ganz hübsch.