Mit ‘Thriller’ getaggte Beiträge

sicario_posterOb sie verheiratet sei und Kinder habe, fragt der Flip-Flops tragende Unbekannte namens Matt Graver (Josh Brolin) die FBI-Agentin Kate Macer (Emily Blunt) in einem Gespräch, dessen Zweck der jungen Frau zunächst unbekannt ist. Graver hängt entspannt auf dem Stuhl des Besprechungsraumes zwischen lauter offiziellen Anzugträgern, ein ostentativ selbstbewusstes Lächeln im Gesicht, das die Freude über die Unsicherheit des Gegenübers und die Überlegenheit der eigenen Position gnadenlos zur Schau stellt. Soll Macer für einen Fehler bestraft werden? Offeriert man ihr eine Beförderung? Niemand rückt mit der Sprache heraus und nachdem sie die beiden Fragen wahrheitsgemäß mit “Nein” beantwortet hat, entlässt man sie auch schon wieder, um sich zu beraten. Wenig später bietet man ihr an, Teil einer Operation zu sein, die die Ergreifung des mexikanischen Drogenbarons Fausto Alarcon (Julio Cedillo) zum Ziel hat. Kurz zuvor war Macer bei einer Razzia in der Nähe von Phoenix auf ein Massengrab gestoßen, Opfer des Drogenkrieges und Alarcons. Nach ihrer Zusage wird ihr schnell klar, dass sie nicht an einem normalen Einsatz teilnimmt: Der folgende Flug nach El Paso geht tatsächlich über die mexikanische Grenze nach Juárez, wo unter Aufbietung einiger Schusskraft Kartellmitglied Manuel Diaz (Bernardo Saracino) entführt, in die USA gebracht und dort verhört wird. Immer mit dabei ist der mysteriöse Alejandro (Benicio del Toro), über dessen Identität sich Graver beharrlich ausschweigt. Macer muss erkennen, dass der “War on Drugs” mit Mitteln geschlagen wird, die anderen Regeln folgen als denen, deren Einhaltung sie als Kriminalbeamtin sichern soll.

SICARIO zeigt deutlich die Handschrift Villeneuves, die man schon im meisterlichen PRISONERS oder im weniger gelungenen ENEMY kennenlernen durfte: Er erzählt ruhig, selbst die wenigen Gewaltausbrüche wirken gedämpft, seine Charaktere pflegen sparsam mit Worten umzugehen, erheben nur ganz selten ihre Stimme. Die Welt ist deutlich aus den Fugen und alle bewegen sich in ihr, als stünden sie unter Schock. Der Blick der Kamera gleitet selbst wie hypnotisiert über die ausgebrannte, bleiche Wüstenlandschaft, in der ein aussichtloser, um seines selbst Willen geführter Kampf ausgetragen wird, und der Score besteht weniger aus Musik im traditionellen Verständnis als aus einem atonalen Dröhnen, das an einen apokalyptischen Fliegeralarm gemahnt. So eindeutig identifizierbar die Form von Villeneuves Film ist, so eigen ist auch sein narrativer Stil. SICARIO erhebt die Ahnungslosigkeit seiner Protagonistin zum Strukturprinzip, folgt einem Erzählfluss, dessen innere Logik sich dem Zuschauer nur bedingt erschließt (hierin erinnert er an Johnny Tos brillanten DU ZHAN, auch ein Drogenkriegsfilm). Es ist nie vorhersehbar, was als nächstes passieren wird, dem fest entschlossenen Treiben Gravers und Alejandros folgt man mit hündischer Ergebenheit, klammert sich daran, dass sie einen Plan haben. Und wenn der sich dann schließlich offenbart, ist es für ein Umkehren bereits zu spät.

Es gab vorher schon Filme über den Kampf der US-Regierung gegen die Drogenkartelle aus Mexiko, Soderberghs TRAFFIC ist wahrscheinlich der populärste von ihnen, aber selbst Serien wie WEEDS oder BREAKING BAD kamen nicht drum herum, irgendwann einen Fuß über die Grenze zu setzen. SICARIO greift einige der typischen Motive auf, vermittelt einen Eindruck von der viehischen Brutalität, mit der die Kartelle gegen ihre Gegner vorgehen, zeichnet eine Stadt wie Juárez als Vorhof zur Hölle, in dem ein Menschenleben nichts mehr wert ist, zeigt aber auch, wie Drogenhandel und Korruption Bestandteil eines ganz normalen mexikanischen Alltags zwischen Familie und Beruf sein können. Und er wirft natürlich einen kritischen Blick auf die Involvierung der entsprechenden US-Behörden, deren mitleidloses Vorgehen nicht immer die Richtigen trifft und das den Ruch der ziellosen Symbolpolitik nie ganz ablegen kann. Auf diesen Aspekt legt SICARIO sein Hauptaugenmerk und ich würde sogar soweit gehen, dass es Villeneuve nicht in erster Linie um die Auseinandersetzung mit dem “War on Drugs” ankam, sondern das dieser nur ein besonders konkretes Beispiel für ein Problem darstellt, das sich in Außen-, Sicherheits- und Interventionspolitik nicht nur der USA, sondern generell zeigt.

Die vorschriften- und regeltreue Macer muss sich damit abfinden, dass Fairness und Menschlichkeit im Krieg keinerlei Priorität genießen, dass die Verfassung, auf der sich ihre Nation gründet, ohne zu zögern außer Kraft gesetzt wird, sobald sie im Weg ist. Es ist die Erkenntnis, die Hunderte ausgebrannter Bullen des Copfilms bereits im kleineren Rahmen machen mussten: Man kann kein Spiel gewinnen, wenn der Gegner sich nicht an die Regeln hält, an die man selbst gebunden ist. Die Konsequenz ist nur logisch: Mit Graver und Alejandro werden zwei Soldaten für den erfolgreichen Kampf von allen Verpflichtungen entbunden, gehen mit derselben Härte und Brutalität gegen das Kartell vor, mit der dieses seine Rivalen ausschaltet. Moral, Rechtsstaatlichkeit oder gar Menschlichkeit werden bewusst außer Kraft gesetzt. Doch was bedeutet das? Ist dies wirklich der Weg zum Ziel, der Befreiung vom Verbrechen? SICARIO zeigt sehr deutlich, dass genau das Gegenteil der Fall ist: Der Einsatz von Killern wie Alejandro dient der Zuspitzung des Konflikts, die nun ihrerseits wieder die Rechtfertigung liefert, nur noch härter zuzuschlagen. “Das hier ist jetzt das Land des Wolfs”, sagt Alejandro am Ende, als er seine Aufgabe getan, den Drogenzar exekutiert hat. Das Geräusch von fernen Maschinengewehrsalven zerreißt die Stille. Der Kampf hat erst begonnen.

paid-in-full-movie-poster-2002-1020202470Seit alten Blaxploitation-Tagen ein Standard des urbanen Crimefilms: die Rags-to-Riches-Story vom afroamerikanischen Kleinkriminellen, der durch Drogenverkauf und unbarmherzige Härte zum Kingpin aufsteigt – und dann für gewöhnlich dem Gesetz, abtrünnig gewordenen Freunden oder der Konkurrenz zum Opfer fällt. Gespickt mit Hip-Hop-Soundtrack zelebrieren diese Filme für gewöhnlich einen hemmungslosen Hedonismus und Materialismus mit entspechend glamourös gestalteter Oberfläche, bevor am Ende mit der “Crime-does-not-pay”-Keule zugelangt wird. PAID IN FULL stellt inhaltlich nur bedingt eine Ausnahme von dieser Regel da, ist aber doch ganz anders als der Rest, nämlich deutlich zurückgenommener, realistischer, setzt weniger auf flashige SCARFACE-Reminiszenzen (der einmal im Kino läuft und das Harlem-Publikum zum Ausrasten bringt) und ausufernde Gewalt. Charles Stone III hat einen ruhigen Film gedreht, der eher über seine Charaktere und ein sehr schön eingefangenes Lokalkolorit kommt als über eine schillernde Oberfläche. Das hat mich schon überrascht, fungierten als Produzenten mit Damon Dash und Jay-Z doch die damaligen Köpfe des Rap-Imperiums Roc-A-Fella, das eigentlich eher für einen Larger-than-Life-Ansatz bekannt war.

Ace (Wood Harris) und Mitch (Mekhi Phifer) sind alte unzertrennliche Jugendfreunde und dennoch grundverschieden: Während Ace in einer Reinigung arbeitet und nur wenig Geld nach Hause bringt, kann sich Mitch als Dealer ein Leben voller geiler Klamotten und Autos leisten. Alle Versuche, den Kumpel von diesem Lifestyle zu überzeugen, scheitern aber: Ace ist sich der Risiken zu sehr bewusst. Als Mitch eine Haftstrafe absitzt, findet Ace in der Hose eines Kunden ein Klümpchen Kokain, das er seinem Besitzer pflichtbewusst zurückbringt und so dessen Vertrauen erntet. Mit dem besten Produkt der Stadt steigt er in kurzer Zeit zum erfolgreichen und wohlhabenden Dealer auf, immer darauf bedacht, nicht allzu sehr aufzufallen. Doch damit ist Schluss, als Mitch entlassen wird und den aufbrausenden, unbeherrschten Rico (Cameron Giles) mitbringt …

Im Zentrum des Films steht Ace, der in der großen Darbietung von Wood Harris mit kleinen Gesten, Bewegungen und Blicken zum dreidimensionalen Charakter heranwächst. Er ist es, der diese Geschichte mit beiden Beinen am Boden hält und auch für Menschen nachvollziehbar macht, die mit dem Sujet sonst eher weniger anfangen können. Hinter seiner etwas verschlafen wirkenden Fassade steckt ein hellwacher Geist, der sich seine Umwelt ganz genau anschaut und erst dann tätig wird, wenn er einen todsicheren PLan hat. Das unterscheidet ihn von den impulsiven Lustmenschen um ihn herum, die eher Opfer ihrer eigenen Schwächen als in der Lage sind, diese zu beherrschen. Bestes Beispiel dafür ist natürlich Rico, der den Typus des großmäuligen, gewaltbereiten, immer kurz vor der Explosion stehenden Gangbangers verkörpert. Der Rapper Cam’ron, dessen eigenes DTV-Vehikel KILLA SEASON mir aufgrund unfasslicher Unzulänglichkeiten eine Maulsperre bescherte, profitiert hier davon, von einem echten Regisseur angeleitet zu werden, der seine Stärken in die richtigen Bahnen lenkt: Rico ist ebenso furchteinflößend wie mitleiderregend in seiner Unfähigkeit zu jeglicher Reflektion.

Die protokollierende Art, mit der Stone Aufstieg und Untergang von Aces Drogenimperium zeichnet, ermöglicht es außerdem, die universellen Wahrheiten der Geschichte in den Blick zu fassen. Abseits allen Lokal- und Zeitkolorits – PAID IN FULL spielt in den Achtzigerjahren – wird hier eine Geschichte über die korrumpierende Macht des Kapitals erzählt, der gerade diejenigen am schnellsten erliegen, die nie etwas hatten. Mitch und Rico mögen für sich in Anspruch nehmen, ihre Drogen selbst nie angefasst zu haben und völlig clean zu sein, aber sie sind von der trügerischen Verführungskraft des Geldes abhängig und bereit, jeden umzubringen, der ihnen etwas davon wegnehmen will. PAID IN FULL zeigt auf diese Art und Weise sehr schön, wie die Ghettoisierung in den USA als selbsterhaltendes System ohne jeden Eingriff von außen funktioniert.

 

hc3b6rigbiszurletztensc3bcndeUnter anderem wegen solcher Entdeckungen pilgere ich jetzt seit etwas über zwei Jahren nach Nürnberg. HÖRIG BIS ZUR LETZTEN SÜNDE ist ein Film, den es nach filmhistorischem Ermessen eigentlich gar nicht geben dürfte: Die im schwarzweißen Gewand des Noirs gehaltene Verbindung von Sex and Crime war 1970 stilistisch eigentlich schon ein paar Jahre zu spät, begeistert aber mit seiner sperrigen Actioninszenierung, seinen unverhohlenen Sexismen und einem Protagonisten, der als eines der größten Arschlöcher der deutschen Filmgeschichte gelten dürfte. Über 81 Minuten entfaltet sich hier ein Inferno der Niedertracht, das dem Zuschauer aber mit den wohlfeil dargebotenen Reizen seiner hübschen Darstellerinnen schmackhaft gemacht wird. Ein kleines, schmückendes Detail, das großes Staunen im Publikum auslöste, war die Selbstverständlichkeit, mit der die Frauen ständig “unten ohne” herumlaufen. War das mal Mode, dass man zwar Pullover, aber keine Hosen trug?

HÖRIG BIS ZUR LETZTEN SÜNDE beginnt ohne viel Federlesen mit einem “todsicheren” Banküberfall, der aber katastrophal in die Binsen geht. Nur einer von drei Bankräubern kann schwer verwundet mit der Beute entkommen, um deren Wiederbeschaffung es im Folgenden geht. Interesse an dem Zaster haben sowohl die Polizei als auch ein fieser Anwalt (Horst Naumann), dem alle Mittel Recht sind, die Knete in die Finger zu bekommen, und der auf dem Weg dahin keinen Frauenkörper unangetastet lässt. Wie lange HÖRIG BIS ZUR LETZTEN SÜNDE eine neutrale Haltung zu diesem Arschloch beibehält, gehört zu seinen faszinierendsten Elementen und macht den Film zu einer Art deutschem BAD LIEUTENANT, bei dem halt ein Anwalt die Rolle des Cops übernimmt. Die Figur reitet sich immer tiefer in die Scheiße und die moralische Sackgasse, verprellt nach und nach alle Figuren, die ihm die Treue halten, und bekommt am Schluss natürlich die gerechte Strafe. Bis dahin hat man als Zuschauer allerdings einen ziemlich heißen Ritt vor sich.

Da quartiert der Anwalt einfach mal so ein Mädchen im Appartement seiner Freundin ein, als dieses ihm beichtet, wegen Fahrerflucht mit Todesfolge gesucht zu werden. Es entpuppt sich natürlich als Gangsterbraut, die Informationen über den Verbleib der Beute beschaffen soll und dafür später eine lesbische Beziehung mit der Anwaltsfreundin eingeht, während deren feiner Lebenspartner kurzerhand die Witwe des Bankangestellten ehelicht, der den Räubern als Inside Man diente und sich im Knast erhängte. Die verschüchterte Dame wird vom Anwalt gnadenlos bearbeitet und ausgenutzt, nicht ohne dass der dabei auf seine Kosten käme natürlich. HÖRIG BIS ZUR LETZTEN SÜNDE spielt noch in einer Zeit, in der es gewissermaßen ein Kavaliersdelikt war, seiner Partnerinnen nach Strich und Faden zu betrügen oder ihnen auch schon mal den Handrücken durchs Gesicht zu ziehen, ja, in der sowas zum “Mannsein” eigentlich sogar dazugehörte. Man kommt da aus dem Staunen wirklich nicht mehr raus und die schmucklos-raubeinig-rumpelige Inszenierung tut ihr Übriges, fängt jede Schweinerei mitleidlos und mit sadistischem Genuss ein. Höhepunkt ist wahrscheinlich ein höchst ungeschickt geführter Bitchfight zwischen den beiden “Lesben”: Den Schauspielerinnen mag es einfach nicht gelingen, den Eindruck von Ernst zu erwecken oder auch nur einen halbwegs realistischen Schlag auszuteilen. Dafür stolpern sie aber höchst dekorativ über alle herumstehenden Möbelteile und die Kamera hält gnadenlos drauf, berauscht vom sich vor ihr entfaltenden Spektakel. Diese Lust an der Gewalt, dem Tabubruch, der Regelverletzung, der Niedertracht zeichnet HÖRIG BIS ZUR LETZTEN SÜNDE aus und macht ihn so rasant. Es wird nicht viel Zeit mit Nettigkeiten verbracht, kurze Atempausen müssen reichen, dann geht es wieder zielstrebig und umweglos in die Jauche. Das habe ich so noch nicht gesehen. Ein Meisterwerk.

fright_poster_1971_susan_georgeVon einer ca. 25 Jahre zurückliegenden Fernsehsitzung ist mir FRIGHT – deutscher Titel: DIE FRATZE – bis heute lebhaft in Erinnerung geblieben. Es war nicht unbedingt eine traumatische Begegnung, aber Collinsons Film hatte bei meinem 14-, 15-jährigen Selbst seine Wirkung nicht verfehlt und ihm einen gruseligen Abend beschert. Das nostalgisch bewegte Wiedersehen erinnerte mich an meine damalige Gänsehaut, brachte aber auch eine deutliche Ernüchterung. FRIGHT hat seine Momente, vor allem in der ersten Hälfte, ist sauber inszeniert und stimmungsvoll, aber letztlich insgesamt enttäuschend. Außerdem zeigte sich auch wieder einmal, dass dieses Filmgeektum auch ein Fluch sein kann: Damals war ich wohl auch nicht zuletzt deshalb voll drin in FRIGHT, weil ich den Film voll als “Realität” akzeptierte. Das ist mir heute so einfach nicht mehr möglich, wenn ich da gleich die schmollmündige Susan George und “Pussy Galore” Honor Blackman identifiziere und die Illusion schon bei der Titlesequenz zerbröckelt.

Aber wie gesagt, die erste Hälfte ist stark: Die Babysitterin Amanda (Susan George) tritt ihr erstes Engagement für das in einem düsteren Haus lebende Ehepaar Lloyd (Honor Blackman und George Cole) an, das sich etwas seltsam benimmt: Vor allem Gattin Helen scheint vor dem Abschied nervös und beunruhigt. Allein bemerkt Amanda bald eine schemenhafte Gestalt, die ums Haus schleicht, und ihr Freund Jim (Dennis Waterman), der wenig später eintrifft, schwört Stein und Bein darauf, direkt zur Haustür gegangen zu sein. Collinson steigert die Spannung ganz langsam, nutzt sehr effektiv die Stille in dem dunklen Haus und überträgt dieses Gefühl, ganz allein und völlig ungeschützt zu sein, eins zu eins auf den Zuschauer. Wenn sich das Unbehagen dann in Form von an Fensterscheiben vorbeihuschender Schatten manifestiert, sitzt man bereits mit aufgestellten Nackenhaaren auf der Sesselkante. Es ist der nächste Schritt, der misslingt: Wenn der Psychopath sich Zugang zum Haus verschafft, sich die vage Bedrohung konkretisiert, verpufft auch die Spannung, verwandelt sich FRIGHT in einen recht banalen Home-Invasion-Thriller, der keinen Trumpf mehr im Ärmel hat. Ian Bannen, eigentlich ein namhafter Charakterdarsteller, legt seinen Irren zudem eher als jämmerliche Gestalt an, was den Film zwar inhaltlich ausdifferenziert, aber ihm auch die Schneidezähne zieht. Man weiß einfach, dass man nicht wirklich um das Leben Amandas fürchten muss und so verkommt der Schlussakt zum letzten Endes langweiligen, weil durchsichtigen Make-believe. Die Schlusspointe, die sich betont dramatisch gibt, aber einfach nur unangemessen wirkt, unterstreicht noch, wie weit Collinson sein ursprüngliches Ziel verfehlt hat. Schade.

 

00651605IL MIELE DEL DIAVOLO ist der erste Film, den Lucio Fulci nach seiner schweren Krankheit fertigstellte, die ihn fast zwei Jahre lang, 1984 und 1985, ans Bett gefesselt hatte. Es spricht einiges dafür, IL MIELE DEL DIAVOLO als Auftakt von Fulcis Spätwerk zu betrachten (zumindest ist das die These, die Sven Safarow und ich im hoffentlich nächsten Jahr erscheinenden Fulci-Buch vertreten werden): Es ist der erste Film, den er nach seinem Bruch mit Drehbuchautor Dardano Sacchetti fertigstellte, mit dem er seit SETTE NOTE IN NERO an einigen seiner erfolgreichsten Filme  zusammengearbeitet hatte (Fulci hatte ohne Sacchetti zuvor bereits CONQUEST und MURDERROCK gedreht, und die Nichtkollaboration bei ersterem, einem kommerziell sehr ambitionierten Fantasyfilm, hatte Sacchetti sehr verärgert), und bezeichnenderweise der erste seit 1977, der in Deutschland gar nicht erst herausgebracht wurde, nachdem seine Horrrofilme zuvor mit teilweise immensem Erfolg bei uns in den Kinos gelaufen waren. Für viele (selbst ernannte) Fulci-Experten markiert der Bruch zwischen Fulci und Sacchetti den Anfang von Fulcis Ende. Dem würde ich entgegenhalten, dass Fulci sowohl vor Sacchetti als auch später noch herausragende Filme gemacht hat: IL MIELE DEL DIAVOLO zählt meiner Meinung nach dazu, auch wenn er gewiss nicht aus dem Stoff gemacht ist, der dem gemeinen Horrorfan das Herz aufgehen lässt (was mir eher die Ursache hinter der obigen Einschätzung zu sein scheint). Und man sieht hier und mehr noch in den kommenden Jahren, dass sich das gesamte italienische Kino in einer finanziellen Abwärtsspirale befand, die auch Fulci mitriss. Konnte Argento als anerkannter Künstler für OPERA anno ’87 noch ein üppiges Budget einstreichen, musste der mittlerweile als “Zombie-Opa” verschrieene Fulci sich mit Engagements fürs italienische Fernsehen zufriedengeben.

IL MIELE DEL DIAVOLO markiert bildlich und inhaltlich zunächst einmal eine Rückbesinnung auf die Siebziger- und Sechzigerjahre, in denen sich Fulci nicht zuletzt mit Sexkomödien einen Namen gemacht hatte. Es geht beinahepornös zur Sache: Der Saxofonspieler und Popstar Johnny (Stefano Madia) treibt es überaus bunt und einfallsreich mit seiner schönen Freundin Jessica (Blanca Marsillach), die ihm sexuell absolut erlegen ist (einmal kommt sein Blasinstrument orgsamusstiftend in der Aufnahmepause zum Einsatz). Johnny ist ein Hedonist, der keine Hemmungen kennt und die beiden fast in einen Frontalzusammenstoß mit einem LKW führt, als er sich von ihr auf dem fahrenden Motorrad einen runterholen lässt. Die Quittung erhält er, als er sich bei einem seiner Spielchen den Kopf anschlägt, wenig später bewusstlos zusammenbricht und auf dem OP-Tisch von Dr. Wendell Simpson (Brett Halsey) landet. Der ist mit Carol (Corinne Cléry) verheiratet, tobt sich aber immer wieder bei Prostituierten aus, während im heimischen Ehebett rein gar nichts mehr geht. Als Johnny unter seinem Messer verstirbt, kidnappt ihn die untröstliche Jessica, kettet ihn in Johnnys Strandhaus an und demütigt ihn in dem Vorhaben, ihn irgendwann umzubringen. Natürlich kommt es anders.

Die Story weckt Assoziationen etwa zu Pedro Almodóvars ATAME! oder auch zu diversen japanischen BDSM-Filmen – Yasuzo Masumuras MÔJÛ fällt mir spontan ein -, doch wo diese sich entweder in abstrakten Psychologisierungen ergehen oder sich vollends in den Wahn hineinderilieren, verwandelt sich der Stoff in den Händen Fulcis in eine melodramatische, schwülerotische und quasiromantische Liebesgeschichte voller ungewöhnlicher Einfälle und Wendungen. Die Geiselnahme-Geschichte wird immer wieder durch Rückblenden in Jessicas Vergangenheit mit Johnny unterbrochen, die mehr und mehr deutlich machen, dass ihre Erinnerung an diese Beziehung extrem idealisiert ist, sie sich bei Johnny im Grunde in einer ähnlichen Situation befand wie Dr. Simpson bei ihr. In einer großartigen Szene schaut sie sich im Schlafzimmer ein Video an, das sie einst am selben Ort gedreht hatte: Man sieht Johnny auf dem Bett sitzen, Saxofon spielen und mit ihr flirten, die sich ja nun für den Zuschauer sowohl unsichtbar hinter der Kamera verbirgt als auch sichtbar vor dem Fernseher sitzt. Schließlich zieht Johnny Jessica ins Sichtfeld der Kamera und beginnt sie gegen ihren Willen auszuziehen und zu küssen, während sie in der Gegenwart ihrer eigenen Vergewaltigung zuschaut. IL MIELE DEL DIAVOLO überrascht nicht nur mit solchen formalen Spielereien und erzählerischen Abgründen, sondern auch mit seinem Exhibitionismus. Wie oben schon erwähnt, streift der Film die Grenze zum Porno manchmal sehr bewusst und die überaus ansehnliche Blanca Marsillach (die Schwester von Cristina, Hauptdarstellerin aus OPERA) verbringt fast die gesamte zweite Hälfte des Filmes nackt. Und der Symbolismus des Films gewinnt ob des frontalen, alles andere als subtilen Inszenierungsstiles Fulcis eine sehr eigene, überdrehte Qualität, die ihn zu einem der ungewöhnlicheren Psychodramen macht, die ich bislang sehen durfte. Dieses eher unbekannte Werk sei damit allen wärmstens als “echter Fulci” ohne Abstriche ans Herz gelegt.

Damals, in den Achtzigern, da dachte ich, diese Art von professionell gefertigten, routiniert, aber mit im besten Sinne “unsichtbarer” Handschrift inszenierten Action-Thriller-Komödien, zu denen auch SHOOT TO KILL gehört, würde es ewig geben, gewissermaßen als solides Fundament des Hollywood-Outputs. Ein Irrglaube: Heute ist diese Spielart des bodenständigen, rundum unterhaltsamen, aber niemals überkandidelten Kinos beinahe völlig ausgestorben. Spottiswoodes Film habe ich damals schon geliebt, aber dann irgendwann aus den Augen verloren. Anlässlich von ENEMIES CLOSER, dem aktuellen Film von Spottiswoodes altem Eighties-Regie-Kollegen Peter Hyams, ist er mir wieder eingefallen und sofort auf meine imaginäre Rewatch-Liste gewandert.

Wahrscheinlich ging SHOOT TO KILL damals sogar als “high concept” durch: Er verbindet das immer beliebte Fish-out-of-water-Thema mit dem typischen Buddy-Movie-Kniff zweier unterschiedlicher Typen, die gegen ihre anfängliche Abneigung zusammenarbeiten müssen, verpflanzt eine Verbrecherjagd aus ihrem natürlichen Großstadtsetting in die Bergwelten des pazifischen Nordwestens. Als zusätzliches Mittel der Spannungserzeugung wird der Schurke mit einer Gruppe unschuldiger Angler zusammengebracht und seine Identität zunächst geheimgehalten. So arbeitet der Film zunächst an zwei Fronten: Der FBI-Agent Warren Stantin (Sidney Poitier), ein typischer Stadtmensch, muss sich in der Verfolgung gegenüber dem mürrischen Bergmann Jonathan Knox (Tom Berenger) als echter Kerl erweisen und ihn gleichzeitig im Zaum halten, die tapfere Bergführerin Sarah (Kirstie Alley), Knox’ Freundin, in deren Gruppe sich der Killer eingeschlichen hat, sich gegen diesen zur Wehr setzen. Spottiswoode inszeniert mit der sicheren Hand des versierten Handwerkers, immer zielstrebig und mit dem sicheren Gespür dafür, wann sein Film eine Prise Humor vertragen kann, Poitier und Berenger agieren ohne Firlefanz und Manierismen, Michael Chapmans Kamera (u. a. RAGING BULL, HARDCORE, DEAD MEN DON’T WEAR PLAID) fängt die majestätische Landschaft ein und schlägt gekonnt die Brücke zum Abenteuerfilm und Western und John Scott lässt in seinem Score die Synthiedrums pumpen, dass es eine wahre Freude ist. Es ist erstaunlich, dass man Filme dieser Effizienz und Perfektion früher für identitätslos und anonym halten konnte: Heute vermisst man sie an allen Ecken und Enden, wünscht sich einen Auftragsregisseur wie Spottiswoode herbei, der solche von der ersten bis zur letzten Sekunde packenden Hundertminüter ohne Ausfall und Peinlichkeit über die Rampe schickt.

In der schönsten Szene des Films werden Stantin und Knox beim Erklimmen eines Berggipfels von einem Schneesturm überrascht und müssen sich eine Schneehöhle graben, um sich zu schützen. In der gebärmutterartigen Geborgenheit der engen Höhle zieht Knox seines nassen Klamotten aus, fordert Stantin auf, es ihm gleichzutun, und beginnt den vor Kälte zitternden Cop mit den Händen zu reiben und mit seinem eigenen nackten Körper aufzuwärmen. Die Szene wäre heute ganz gewiss Anlass für dumm-homphobe Witzchen, aber hier wird sie ganz straight ausgespielt. Es ist ein wunderbarer, ungeheuer menschlicher Moment, der ein Interesse für die Charaktere offenbart, das man so kaum noch gewohnt ist.

Die Klage, dass Filme (vor allem aus Hollywood) heute nicht mehr so gut und bedeutsam sind, wie sie es vor Jahrzehnten einmal waren, gehört zum Standardrepertoire des leidgeprüften Cinephilen. Weitaus weniger oft gehört, aber kaum weniger zutreffend ist die Feststellung, dass Filme heute auch auf andere Art und Weise beschissen sind, eine bestimmte Spielart des Schrotts leider völlig verschwunden ist. Vorbei die Zeit, als mit markigen Airbrush-Covermotiven ausgestattete Billighuber von ahnungslosen Videothekaren im Regal neben den starbesetzten Actionknaller geräumt wurden, der Amateurhobel dank Kreativität und Fleiß des Effektmannes zum “Klassiker” avancierte, berühmte Publikumsschlager unbeholfene Rip-offs aus aller Herren Länder erfuhren, die die Lachmuskeln der mehr oder weniger überraschten Zuschauer strapazierten. Sicher, Dilettanten gibt es im Filmgeschäft immer noch, aber es ist leichter geworden, das eigene Unvermögen zu kaschieren (oder natürlich es absichtlich zu betonen, um das verblödete SchleFaZ-Publikum abzuholen). Auch wenn mancher selbsternannte Digitalkameramann beim Wort “Achsensprung” wahrscheinlich erschrocken unter seinen Golf GTI kriecht: Moderne Schnittprgramme erlauben es mit ein bisschen Fingerfertigkeit alle Spuren des Versagens zu tilgen und den aus der Portokasse des örtlichen Gebrauchtwagenhändlers finanzierten Film fast aussehen zu lassen wie den neuen McG. Dass Realismus und Authentizität das vorherrschende Paradigma geworden sind, hat ebenfalls dazu beigetragen, überbordende Absurdität, Albernheit und Infantilität, die manchen Actioner früher zur Lachnummer machten, zum No-Go zu erklären. Grimmigkeit und heiliger Ernst sind Trumpf und nicht gerade der beste Nährboden für Humor, egal ob freiwiliger oder unfreiwilliger Couleur. Aber manchmal wird man überrascht, was mich zu CHAIN OF COMMAND bringt, einem Billigfilm, der die Grenze zum Amateurbereich mehr als nur haarscharf streift und von Minute zu Minute blöder wird.

Zunächst beginnt der Film von Kevin Carraway ganz ordentlich, nämlich mit der besten Einstellung des Films, die wahrscheinlich irgendwo geklaut oder aber Archivmaterial ist, denn der Unterschied zum Rest des Films ist eklatant. CHAIN OF COMMAND (Alternativtitel: ECHO EFFECT) ist eines jener Werke, dessen Figuren allesamt in blitzblanken, völlig unbewohnt und seltsam steril aussehenden Fertighäusern wohnen und mit Autos herumfahren, die gerade frisch vom Fließband gerollt zu sein scheinen. Gedreht wurde im schönen Hamilton, Ohio, das mit seinen unbelebten Straßen an ein besonders attraktives Gewerbegebiet erinnert, auch wenn die meistens nicht über ein schlammfarbenes Flüsschen verfügen, an dessen begrünten Ufern Parkbänke zum gemütlichen Verweilen mit Aussicht auf Lager- und Fabrikhallen einladen. Star der Show ist Michael Jai White, der einem nur leid tun kann: Seine große Chance auf Ruhm und Stardom verflog einst mit dem Flop von SPAWN, danach konnte er immerhin in DTV-Actionern wie UNDISPUTED 2 oder BLOOD AND BONE punkten und war zuletzt bei mir in Form von TACTICAL FORCE und SKIN TRADE zu Gast. Hier bleibt ihm nichts anderes übrig als gute Miene zum bösen Spiel zu machen, was ihm nur bedingt gelingt. Ich meine, im Verlauf des Films eine gewisse Genervtheit und Ernüchterung in seinem Gesicht gesehen zu haben, die ich nur zu gut verstehen kann, denn was einem hier geboten wird, spottet jeder Beschreibung. Der zweite “Hauptdarsteller” Steve Austin hat kaum mehr als einen verlängerten Cameo, der darauf schließen lässt, dass er eher zufällig in der Gegend war und engagiert wurde, um mit seinem Namen prahlen zu können. Er bekommt nichts zu tun und wird ziemlich traurig durch einen über Bande abgefeuerten Schuss getötet, was seine vorangegangenen Großmaulsprüche, mit denen er als unbesiegbarer badass charakterisiert wurde, umso armseliger erscheinen lässt. Alle anderen Darsteller sehen aus wie erfolglose Schuhverkäufer und gleichen mangelndes Talent oder Charisma durch überbordenden Enthusiasmus aus. Immer eine tödliche Kombination. So schleppt sich die uninteressante Geschichte höhepunktarm von einer miserabel geblockten, einfallslos abgelichteten und schlicht scheiße aussehenden Szene zur nächsten, in den kurzweiligen Schusswechseln immer wieder “ansprechend” garniert von grottenschlecht animierten CGI-Blutspritzern. Der große “Twist” am Ende schlägt dem Fass dann engültig den Zacken aus der Pfanne: Die Kohle, die die bösen Drogendealer vermissen, wurde beim Helden im Garten unter ca. 6 Zentimetern Erde vergraben, auf dass er sie dort irgendwann finden würde. Gern hätte ich hier gern spektakulärere Erkenntnisse oder Beobachtungen weitergeben, aber die Scheißigkeit von CHAIN OF COMMAND ist eher von der tristen Art. Plastikkraken oder an der Schnur gezogene Torpedos sucht man also vergebens, aber wer Freude an sinnlos eingestreuten reaction shots trantütiger Visagen, abscheulichen Bildhintergründen, mit dem Rücken zur Kamera stehenden Darstellern, einschläfernd pluckernder Spannungsmusik oder langweiligen Laufszenen hat, der findet hier einen treuen Freund fürs Leben.