Mit ‘Thriller’ getaggte Beiträge

Liegt es an mir oder sind es die anderen? Als PASSION rauskam, las ich überall, der Film sei fremdschämig und theatralisch, lediglich als übersteuerter Trash zu gebrauchen, wenn man denn versteht, sich darauf einzulassen. Nun ja, De Palma spielte auch schon in seinen Glanzleistungen der Siebziger- und Achtzigerjahre immer wieder mit den Versatzstücken aus Trivialkultur und Exploitation, war weniger an Realismus interessiert als daran, der Wahrheit durch gezielte Überhöhung, Übertreibung und Artifizialität auf die Schliche zu kommen. Wer meint, dass PASSION da aus der Art schlage, der hat bei SISTERS, DRESSED TO KILL, BODY DOUBLE oder RAISING CAIN ganz einfach nur nicht richtig hingesehen. Meine Meinung. Wenn ich seinem bislang letzten Film etwas vorwerfen möchte, dann in erster Linie, dass er ein bisschen zu typisch geraten ist, nichts wirklich neues ausprobiert, sondern nur das bietet, was man gemeinhin mit De Palma assoziiert: schöne Frauen, vermeintlich anzüglichen Sex, eine Prise Melodrama, gemeine Intrigen und Morde und das alles abgelichtet in erlesenen, doppelbödigen Bildern voller vordergründiger Reize und spiegelglatter Oberflächen. Auch eine der Splitscreen-Sequenzes, für die De Palma einst bekannt war, darf nicht fehlen. Hätte man den Begriff früher schon gekannt, man hätte De Palma nicht immer wieder als Hitchock-Epigonen diffamiert, sondern als amerikanischen Giallo-Botschafter bezeichnet. Bei PASSION, der in Europa entstand, sind die Parallelen nun überhaupt nicht mehr zu übersehen.

PASSION ist das Remake von Alain Corneaus letztem Film, dem nur zwei Jahre zuvor entstandenen CRIME D’AMOUR, in dem sich Ludivine Sagner und Kristin Scott-Thomas gegenüberstanden. De Palma vertauscht die Haarfarben und verringert den Altersunterschied zwischen den beiden Protagonistinnen, ändert aber sonst nur wenig (zumindest wenn man eine kurze Inhaltsangabe als Anhaltspunkt nimmt): Christine (Rachel McAdams), Leiterin des Berliner Büros einer internationalen Werbeagentur, unterhält eine kleine Affäre mit Isabelle (Noomi Rapace) einer aufstrebenden Kreativkraft – die zudem eine Liaison mit Christines Freund Dirk (Paul Anderson) unterhält. Als Christine eine von Isabelles Ideen als ihre ausgibt, um ihre Karriere voranzutreiben, bekommt die Partnerschaft erste Risse. Isabelle schlägt mit ihren Mitteln zurück und zieht den Zorn der intriganten Chefin auf sich. Als sie wenig später ermordet wird, fällt der Verdacht auf Isabelle, die jedoch beteuert, ein Alibi zu haben …

Wer keine Tiefe oder stilistischen Überraschungen erwartet und sich mit De Palma auf verlässlichem Autopilot abfinden kann, wird mit PASSION zufrieden sein. Nach dem gescheiterten Versuch, mit REDACTED etwas Neues zu versuchen, hat mir die Rückkehr auf sicheres Terrain sehr gut gemundet. Klar, nichts an PASSION gerät jemals in den Verdacht, eine ähnliche Wirkung wie seine großen Meisterwerke zu hinterlassen und selbst an Spätwerke wie den genannten RAISING CAIN oder FEMME FATALE kommt PASSION mit seinen holzschnittartigen Charakteren und seiner etwas beliebigen Thrillerstory nicht annähernd heran. Aber die stilistische Handschrift ist unverkennbar und ich kann mich an De Palmas Bildkompositionen, seinem Einsatz von Musik und dieser Mischung aus Subversion und Altersgeilheit einfach nicht sattsehen. Die beiden Hauptdarstellerinnen haben mir ausgezeichnet gefallen und die Ballettsequenz hätte ich gern im Kino bewundert. Wer sich über die neuen Argentos ärgert und sich nichts sehnlicher wünscht, als eine Rückkehr des Italieners zu seinen Wurzeln, der sollte es ruhig mal mit PASSION versuchen. Ich mochte ihn!

Advertisements

SOMETHING WILD habe ich zuletzt während meiner Teeniezeit gesehen: Wenn ich mich recht erinnere, steckte die Videokassette in einer dieser schönen Hüllen, die man nicht komplett aufklappte, sondern an der schmalen Seite öffnen musste. Wie dem auch sei, ich mochte den Film damals, war aber davon enttäuscht, wie er sich in der zweiten Hälfte entwickelte. Als Criterion ihm vor ein paar Jahren die Ehre erwies, ihn in ihre ruhmreiche Collection aufzunehmen, war ich zunächst verwundert und dann enorm neugierig, ihn wiederzusehen. Das hat zwar etwas länger gedauert, aber dafür bin ich jetzt total weggeblasen: Mit SOMETHING WILD ist Jonathan Demme ein modernes amerikanisches Meisterwerk gelungen, ein Film, der seine späteren mehrfach ausgezeicheten Klassiker meiner Meinung nach weit übertrifft. Der Film vereint den Esprit, die Lockerheit und die sexuelle Progressivität, die die besten der populären Komödien der Achtzigerjahre sich aus der Screwball Comedy entlehnt hatten, mit einer subtilen Abgründigkeit, die in THE SILENCE OF THE LAMBS dann endgültig an die Oberfläche drang, und einem gleichermaßen liebevollen wie wissenden Blick auf die USA und ihre Kultur. SOMETHING WILD ist ein ungemein reicher Film, der immer wieder überrascht, wenn man meint, ihn“ausgerechnet“ zu haben, und selbst vermeintlich „unwichtige“ Szenen mit schön beobachteten Details zum Leben erweckt. Dem Titel angemessen handelt es sich um einen schnellen, emotionalen Film, der dennoch nie gehetzt wird, sondern sich immer wieder die Zeit nimmt, durchzuatmen, die Dinge wirken zu lassen. Und dann dieses Licht, eingefangen von Demmes Stammkameramann Tak Fujimoto. Ein Gedicht.

Charles Driggs (Jeff Daniels) ist der prototypische Eighties-Yuppie: Gerade zum Vizepräsident seiner Steuerberatungsfirma erkoren, nimmt er im feinen Zwirn seinen Lunch in Manhattan ein, als die schwarzhaarige Lulu (Melanie Griffith) in sein Leben tritt und es binnen Sekunden auf den Kopf stellt. Sie entführt ihn, verabreicht ihm Schnaps aus der Pulle, kettet ihn in einem schäbigen Motel in New Jersey ans Bett und zwingt ihn dann während des ungezügelten Sex dazu, erst seinen Chef und dann seine Frau anzurufen. Er meistert die unangenehme Situation mit Bravour und erntet dafür das Lob der unkonventionellen Verführerin: „You’re a good liar, Charlie.“ Sie ahnt in diesem Moment noch nicht, wie Recht sie wirklich hat. Was wie eine Liebesgeschichte über das „Manic Pixie Dream Girl“ beginnt, die dem langweiligen Spießer das wahre Leben zeigt, nimmt bald einen ganz anderen Verlauf: Erst verwandelt sich Lulu in die blonde, brave Audrey, dann taucht ihr Ex-Mann Ray (Ray Liotta) auf und entpuppt sich als gefährlicher Psychopath, der seine Frau nach absolvierter Haftstrafe verständlicherweise zurückhaben will. Der zögerliche Charles bekommt seine Chance, sich zu behaupten, SOMETHING WILD durchläuft eine weitere Metamorphose von der Liebeskomödie zum harten Thriller.

Die Komplexität der Geschichte wird getragen durch die Darsteller: Melanie Griffith ist als exotische Verführerin genauso überzeugend wie als verzweifelte damsel in distress; noch wichtiger ist es, dass ihr der Übergang gelingt. Dass sie die Verkleidung der selbstbewussten Femme Fatale ablegt, ist kein Zeichen der Schwäche, kein Kotau vor dem auserkorenen Liebhaber: Sie fühlt sich sicher, ihm ihr wahres Gesicht zeigen zu können, weil er sich ihr als vertrauenswürdig erwiesen hat. Jeff Daniels‘ triumphale Leistung liegt darin, das wahre Gesicht seines Charles zu verbergen: Charles spielt nämlich seinerseits ein Spiel mit Audrey, auch wenn er als völlig „offen“ erscheint: Er ist in der komfortablen Lage, sich dem Abenteuer ganz hinzugeben, die Rolle des überwältigten Langweilers auszufüllen und abzuwarten, wie sich die Dinge entwickeln. Er hat nichts zu verlieren, auch wenn es die ganze Zeit den Anschein macht, als müsste er eine existenzielle Entscheidung treffen. Demme hält diese Differenz sehr lang aufrecht, ohne sie aufzulösen. Wenn Charles kurz vor Schluss die Dinge in die Hand nimmt, seinen Rivalen konfrontiert und aufs Ganze geht, ist das gar kein so großer Schritt für ihn: Er hatte die ganze Zeit über ein gutes Blatt auf der Hand. Jetzt ist lediglich der Moment gekommen, in dem er sich entscheidet nicht länger zu bluffen. Und Ray Liotta ist ganz schmieriger Charme und schwelende Bedrohung, die lediglich durch diesen unendlich traurigen Blick unterwandert wird. Er ist der Schurke, aber man versteht seinen Schmerz.

Es gäbe noch so viel zu sagen über SOMETHING WILD: Über sein Amerika, das aus geschwungenen Highways durch grüne Wälder besteht, gesäumt von Motels, Diners, Tankstellen und Souvenirläden. Das von echten Originalen bevölkert wird (u. a. John Waters als Autoverkäufer und Charles Napier als Koch), von Menschen unterschiedlichster Herkunft und Klassen. Das jenseits der pulsierenden Metropolen aus kleinen Orten besteht, mit ihren eigenen Geschichten, die sich dann mit den Menschen über das Land verbreiten und mit anderen Geschichten verbinden. Das sich aus Träumen und Ideen speist, die manchmal spontan entstehen, manchmal aber auch durch den reichen Schatz an existierenden Filmen und Erzählungen befruchtet werden. Das schließlich von verschiedensten Klängen erfüllt ist, die sich alle zu einem unverwechselbaren Sound zusammenfügen, ein Sound der sich immer wieder verändert, entwickelt, entfaltet. Das Leben von SOMETHING WILD ist kein langer, ruhiger Fluß, es ist ein unberechenbarer Strom – und ob man kentert und untergeht oder am Ziel ankommt, hängt entscheidend davon ab, ob man bereit ist, sich auf die Herausforderungen, die seine Stromschnellen und Untiefen darstellen, einzulassen. Es lohnt sich.

 

Mit LA POLIZIA INCRIMINA LA LEGGE ASSOLVE war Castellari 1973 vielleicht für die Sternstunde des italienischen Polizeifilms verantwortlich gewesen. Für IL GIORNO DEL COBRA kehrte er sieben Jahre später noch einmal zu dessen Stilistika zurück: ein treibender Score, Franco Nero in der Hauptrolle, Verfolgungsjagden und Schießereien und die Erkenntnis, dass der Einzelne gegen das organisierte Verbrechen keine Chance hat. In diesem Fall ist es kein Polizist, der die bittere Lektion lernen muss, sondern ein geschasster Ex-Cop, der sich als Privatdetektiv mehr schlecht als recht über Wasser hält, aber von seinem alten Chef für einen neuen Fall rekrutiert wird, der ihn von San Francisco nach Genua führt, in seine alte Heimat.

Franco Nero interpretiert den Detektiv Larry Stanziani als guten, aber auch reichlich schmuddeligen Typen in der Tradition der Film Noir und des Pulpromans (eine besonders schattige Sequenz darf man als Liebeserklärung Castellaris an die „Schwarze Serie“ verstehen). Um ihn als Menschen greifbarer zu machen, zaubert Drehbuchautor Aldo Lado irgendwann einen Sohn aus dem Hut, der keine andere Aufgabe hat, als den Papa anzuhimmeln: Man ahnt, worauf das hinausläuft und wird dann auch nicht enttäuscht. Was allerdings in LA POLIZIA INCRIMINA noch absolut niederschmetternd wirkte, ist hier schon von Weitem als billiger Drebuchtrick zu erkennen. IL GIORNO DEL COBRA ist voll von solchen Momenten, in denen man merkt, dass „innere Logik“ bei der Fertigung des Films nicht gerade oberste Priorität genoss und die Klischees besonders locker saßen. Der Zufall hilft mehr als einmal tatkräftig mit und Stanziani löst den Fall weniger, als dass er auf die Lösung gestoßen wird. Wer hier Substanz erwartet, wird leider enttäuscht werden.

Gute Unterhaltung bietet Castellaris Film dennoch, und wer ein Faible für das italienische Crimekino der Siebziger hat, macht auch mit diesem Beitrag nichts falsch. IL GIORNO DEL COBRA ist schwungvoll inszeniert, Franco Nero ist natürlich super, genauso wie die Musik Paolo Vasile, Langeweile kommt zu keiner Sekunde auf. Was man vermisst, ist ein Quäntchen Originalität oder eben diese Extraklasse, die man in LA POLIZIA INCRIMINA bewundern durfte. IL GIORNO DEL COBRA ist ein Epigone, ein deutlich von kommerziellen Interessen geleiteter Film, in den gewiss niemand, auch Castellari nicht, besonders große Ambitionen investierte. Es ist einfach ein netter Crimefilm, der erheblich von seinem Zeit- und Lokalkolorit profitiert – und natürlich von all den Zutaten, von denen Freunde des Italofilms nicht genug bekommen können. Das reicht für generelles Wohlwollen und Amüsement, aber nicht für höhere Weihen.

Ein Brite dreht mit spanischem und schweizerischem Geld einen Film über drei traumatisierte Vietnamveteranen: Keine ganz gewöhnliche Konstellation, aber OPEN SEASON ist auch kein ganz gewöhnlicher Film. Für eine Auseinandersetzung mit dem Vietnamkrieg, der 1974, als OPEN SEASON entstand, noch nicht beendet war, ist er ziemlich früh und atmosphärisch darüber hinaus näher dran an Vietnam-inspirierten Horrorfilme wie THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE oder natürlich John Boormans DELIVERANCE. Mit beiden teilt er neben dem Setting und der realistischen Darstellung von Gewalt und Bedrohung den weitestgehenden Verzicht auf neunmalkluge Psychologisierung und sonstige Erklärungen. Seine drei Protagonisten kommen nach ihren Erfahrungen in Indochina vom Töten nicht mehr runter, aber mehr noch ist es der ganz normale amerikanische-männliche Größenwahn, der sich bei ihnen Bahn bricht – und der sie auch einst in den Krieg führte.

Gleich zu Beginn wird einem jungen Mädchen gesagt, dass sie mit ihrem Vorwurf, von drei Jungs vergewaltigt worden zu sein, keinen Erfolg haben werde, denn bei den Beschuldigten handele es sich um echte „all American boys“, denen niemand etwas Böses nachsagen werde. Auch wenn OPEN SEASON es niemals expliziert: Aus den drei Vergewaltigern von einst sind die Protagonisten des Films geworden und auch rund zwanzig Jahre später hat sich an ihnen nicht viel geändert. Zwar sind sie mittlerweile erwachsene Männer, mit braven Frauen, hübschen Kindern, verantwortungsvollen Berufen und schönen Häusern, aber noch immer teilen sie dunkle Geheimnisse und Leidenschaften, von denen ihr Umfeld rein gar nichts mitbekommt. Die lüsternen Blicke, die sie für jede attraktive Frau übrig haben, offenbaren ihr entitlement – jede Frau ist für sie potenziell verfügbar -, eine Ruhe- und Rastlosigkeit, der sie längst entwachsen sein müssten, und natürlich ein ungutes Verhältnis zum anderen Geschlecht, dessen Angehörige sie als Jagdgut betrachten, als Trophäen, mit denen man sich schmückt. Und so ist es für die drei Freunde Ken (Peter Fonda), Artie (Richard Lynch) und Greg (John Philipp Law) naheliegend, dass sie eine junge, gutaussehende Frau samt ihrem Freund überwältigen, entführen, auf ihre Blockhütte verschleppen, wo sie regelmäßig ihre Männerwochenenden verbringen, sie quälen, demütigen und schließlich jagen wie Tiere.

Collinson, dessen Werk sehr heterogen ist und der mit OPEN SEASON vielleicht seinen besten Film vorlegte (sein Hammer-Film STRAIGHT ON TILL MORNING könnte ein Konkurrent sein, aber die letzte Sichtung liegt schon zu lang zurück), erzielt große Wirkung durch Distanz und Zurückhaltung. Es gibt keinerlei Gegengewicht zu den drei Chauvi-Ärschen des Films. Bis zum unerwarteten (und ein bisschen Kintopp-mäßigen) Schluss haben sie keinen Gegner, niemanden, der sich wirklich zur Wehr setzte oder sie in ihre Schranken verwiese. Noch nicht einmal das arme Pärchen, das ihnen zum Opfer fällt, fungiert als echter moralischer Kompass: Erst verharren sie in kanickelhafter Passivität, dann schließlich beginnen sie sich selbst zu zerfleischen. Man leidet mit ihnen, aber nicht unbedingt, weil es sich um ausgesprochene Sympathieträger handelt. Ken, Greg und Artie sind natürlich die interessanteren Charaktere und Collinson stürzt den Zuschauer damit in einen aufreibenden Zermürbungskampf: Er stellt die drei in ihrer ganzen Arschlochigkeit aus, die sich in der Enge ihrer Blockhütte voll entfalten kann. Und man hasst diese Typen umso mehr, als man weiß, dass sie zu Hause für echte Traumtypen gehalten werden, für Musterexemplare der Gattung Mann. Wenn sie wenigstens zu ihrem miesen Charakter und ihren Perversionen stehen würden: Stattdessen verstecken sie sich in all ihrer Selbstherrlichkeit hinter der Maske von Biedermännern, lassen diese nur dann fallen, wenn sie sich in Sicherheit wiegen können, unbeobachtet sind und keine Strafen zu befürchten haben. Ich bekomme schon beim Schreiben das kalte Kotzen.

OPEN SEASON ist ein Kind seiner Zeit, in der eine ganze Reihe von solchen Abrechnungen mit den vermeintlich „Normalen“ entstanden, den Zuschauer zum Blick in den Spiegel zwangen und ihm mit Schmackes vors Schienbein traten. OPEN SEASON ist einer der etwas weniger bekannten Vertreter jener Spielart Film, aber er verfehlt seine Wirkung auch heute nicht, was auch den drei Hauptdarstellern zu verdanken ist, die in ihrer Laufbahn nicht immer solche Gelegenheit bekamen, ihr Können unter Beweis zu stellen. Vor allem die Besetzung mit Peter Fonda als Anführer der gutsituierten Dreckschweine ist ein echter Coup: Nur wenige Jahre zuvor in EASY RIDER eines der Gesichter der Gegenkultur, erkennt man hier sehr schön, wie schnell es mit der Herrlichkeit des Sommers der Liebe vorbei war und wie schmerzhaft der Kater danach in der Birne hämmerte.

Wenn selbst ein vermeintliches Liebhaberprojekt wie ELECTRIC BOOGALOO: THE WILD, UNTOLD STORY OF CANNON FILMS lediglich die tausendfach gehörte (und also keinesfalls „unerzählte“) Geschichte von den israelischen Bonzen mit dem miesen Geschmack erzählt, dann muss man sich wohl keine Illusionen darüber machen, dass die Produktionsfrma Cannon irgendwann einmal die Rehabilitation erfährt, die sie verdient hat. Möglicherweise ist das einfach zuviel verlangt: Dass eine Welt, die ein schnödes Langweilerprdoukt wie THE SHAWASHANK REDEMPTION ernsthaft für den besten Film aller Zeiten hält, die Schönheit eines TOUGH GUYS DON’T DANCE nicht erkennt, ist kaum verwunderlich. THE AMBASSADOR, Rock Hudsons letzter Film, bevor er an Aids starb, dauert noch keine zehn Minuten, da steht schon zum ersten Mal der Mund offen. Mal ganz von der unglaublichen Besetzung abgesehen: Welches große Studio hätte im Jahr 1984 sonst die Traute gehabt, eine Sexszene mit der barbusigen, damals bereits 52-jährigen Ellen Burstyn in die ersten zehn Minuten ihres Eventfilms zu packen?

Leider gibt es über THE AMBASSADOR sonst nicht viel Positives zu berichten. Zugegeben, das Ende ist schon ziemlich unglaublich, aber leider nicht auf die gute Art. Der Film setzt sich mit dem Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern bzw. der PLO auseinander, erläutert seine Hintergründe zu Beginn in einem ausladenden Text und widmet sich den Bemühungen des amerikanischen Botschafters Peter Hacker (Robert Mitchum) als diplomatischer Vermittler zwischen den verfeindeten Parteien und als Friedensstifter zu fungieren. Seine Bemühungen kulminierem in einem übersteuerten Finale, in dem er israelische Studenten und Vertreter der PLO zusammenbringt und sie miteinander diskutieren lässt. Doch kaum hat eine Annäherung stattgefunden, skandieren die jungen Leute gemeinsam „Peace“, kommen auch schon die Terroristen mit den rotweißen Schals und ballern alle über den Haufen. Das Blutbad ist schockierend, doch die gelegte Saat geht dennoch auf. Nur wenige Stunden später gibt es vor dem Haus des Botschafter eine große Kundgebung und die mit Kerzen ausgestatteten Teilnehmer fordern erneut lautstark „Peace“. Hacker steht gerührt auf seinem Balkon: Sein Werk ist getan, er kann jetzt abreisen.

Das mag gut gemeint sein, aber mal davon abgesehen, dass die Darstellung unangenehm kitschig und naiv ist, stößt es schon etwas sauer auf, dass es lediglich die warmen Worte eines gütigen Amerikaners bedarf, um einen seit Jahrzehnten schwelenden Konflikt zu beenden. Es ist der größte, wenn auch nicht der einzige Fehltritt von Thompsons Film, der mit seiner Starbesetzung, den Originalschauplätzen und seinem aktuellen Thema den Eindruck großen Kinos erwecken möchte, aber nur eine ziemlich lahmarschige, durch krude Details zudem reichlich holprige Politschmonzette auf den Weg bringt. So hat Hackers Gattin Alex (Ellen Burstyn), die sich von ihrem Gatten vernachlässigt fühlt, eine Affäre mit dem Antiquitätenhändler Hashimi (Fabio Testi), der sich dann als wichtiger PLO-Mann entpuppt. Das gemeinsame Schäferstündchen wird von den Terroristen aufgezeichnet und Hacker damit erpresst, dass man den Film an die internationale Presse weitergeben will. Rock Hudson gibt Hackers Berater und Leibwächter Frank Stevenson, dessen Aufgabe es ist, seinen Chef zur Vorsicht zu mahnen oder Maulschellen an Finsterlinge zu verteilen. Aber richtig aus den Pötten kommt der Film nicht: Die Geschichte entwickelt sich zu einer Suche nach dem kompromittierenden Filmmaterial, aber ein nahe des Wachkomas agierender Mitchum erstickt mit seiner Indifferenz jedes Aufkommen von Spannung im Keim. Hier und da gibt es mal etwas, was über das bloß routinierte Formelkino hinausgeht, etwa die Dialoge zwischen Hacker und seiner Ehefrau, die die jahrzehntelange Vertrautheit der beiden Partner sehr schön einfängt, aber insgesamt ist THE AMBASSADOR vor allem betulich und öde. Schade, denn der Anfang lässt durchaus noch auf einen spannenden Politthriller mit aktuellem Bezug hoffen. So bleibt es nur ein weiterer der vielen irgendwie fehlgeleiteten Filme der Cannon, den zu verteidigen eine Aufgabe ist, der ich mich jetzt nicht stellen möchte. Für Trivialisten: Donald Pleasence wirkt als israelischer Minister Eretz mit, unter den Einheimische befinden sich unter anderem Zachi Noy und Jesse Katzur. Außerdem meine ich, Spiros Focás, bekannt als Rambos afghanischer Sidekick in RAMBO III, entdeckt zu haben, aber die IMDb möchte das nicht verifizieren.

 

Für THE STAR CHAMBER verquickt Peter Hyams den zu Beginn der Achtzigerjahre und angesichts steigender Kriminalitätsraten immer noch nicht aus der Mode gekommenen Selbstjustizfilm mit dem Polit- und Verschwörungsthriller der Siebzigerjahre. Wie das bei Hyams meistens so ist, hat man am Ende zwar das Gefühl, dass man aus dem Stoff inhaltlich noch eine ganze Menge mehr hätte herausziehen können, dafür bekommt man aber ein Werk, das absolut fantastisch aussieht und so rund läuft wie eine gut geölte, schnurrende Maschine.

Der Richter Steven Hardin (Michael Douglas) ist verzweifelt: Wegen Formfehlern muss er zunächst einen mehrfachen Raubmörder, dann schließlich zwei Päderasten und Kindermörder ziehen lassen. Wo ist nur die Unfehlbarkeit des Rechts, in die er sich während seines Studiums so verliebt hatte? Sein Mentor Benjamin Caulfield (Hal Holbrook) kennt die Lösung: Er ist Angehöriger einer Gruppe von Richtern, die all die Fälle nicht verurteilter Krimineller neu verhandelt, zum Schuldspruch kommt und die Strafe auf dem Fuße nachreicht – in Form eines Killers. Auch Hardin wird in den Kreis eingeführt und darf die beiden Kindermörder nachträglich zum Tode verurteilen. Doch dann stellt sich heraus, dass die beiden die Tat nicht begangen haben können …

Hyams hat in THE STAR CHAMBER viel zu erzählen: Er führt seinen Protagonisten geduldig auf den Moment hin, in dem Caulfield ihn für die Aufnahme in seinen Vigilantenbund geeignet hält. In der ersten Hälfte geht es also um die Fehlbarkeit der Rechtssprechung, die Formfehler, die die Polizei bei der Beweiserhebung macht und die Hardin keine andere Wahl lassen, als die Verbrecher – teilweise trotz vorliegender Geständnisse – auf freien Fuß zu setzen. Ironischerweise eine Situation, mit der außer den überraschen Freigesprochenen keiner glücklich ist, nicht einmal deren Verteidiger, die ja auch nicht blind sind. Aber das Gesetz fordert absolute Regeltreue. Die zunehmende Frustration Hardins, der öffentlich als verantwortlich dafür gesehen wird, gewissenlose Killer auf freien Fuß zu setzen, kulminiert, als der Vater des ermordeten Jungens im Gerichtssaal zur Waffe greift, um die Mörder selbst zu richten. Wo eigentlich Ordnung und Gerechtigkeit herrschen sollten, ist das absolute Chaos ausgebrochen.

Die „Star Chamber“ (im Film fällt dieser Begriff kein einziges Mal) verspricht Abhilfe, aber der Zuschauer weiß natürlich sofort, was er von dem geheimniskrämerischen Treiben zu halten hat – genauso wie Hardin übrigens, dessen Teilnahme eigentlich von Anfang an ein Eingeständnis seiner Hilflosigkeit ist. Die echte Überzeugung will sich bei ihm nicht einstellen. Zu Recht: Wenn sich da die Richter – allesamt dem gehobenen Mittelstand angehörige, distinguierte ältere Damen und Herren – in einem mondän eingerichteten Kaminzimmer versammeln, um Todesurteile zu verhängen, hat das nicht nur etwas Geheimbündlerisch-Verschwörerisches: Hier wird Rechtstaatlichkeit nicht gerettet, sondern aus dem Weg geräumt. Es ist schon bezeichnend, dass die Rache der Richter ausschließlich Menschen aus den unteren Schichten trifft. Der Umschwung lässt dann auch nicht allzu lang auf sich warten und stellt keinen echten Sinneswandel dar: Natürlich kommt Hardin mit seinem Appell an die Menschlichkeit bei den Überzeugungstätern nicht weiter. Der Stein, der einmal ins Rollen gebracht wurde, lässt sich nicht aufhalten und wo gehobelt wird, fallen bekanntlich Späne. Besser einen Unschuldigen über die Klinge springen lassen, als zehn Schuldigen aufgrund von Formfehlern die Freiheit zu gewähren. Für die Dramaturgie von THE STAR CHAMBER ist Hardins Humanismus und der Glaube an eine Rechtstaatlichkeit, die diesen Begriff wirklich verdient, ein Problem: Die Freude an der einfachen Lösung, die andere Vigilanten antreibt, kennt er nicht. Der Richter sieht nicht rot, wie es der deutsche Titel suggeriert, sein Blick ist nur kurzzeitig etwas eingetrübt.

Hyams selbst löst das Problem, indem er den Film in einen Showdown münden lässt, der die Ambivalenz des Selbstjustizfilms bewahrt, welche ihm sein Protagonist verweigert. Die beiden „Unschuldigen“, die Hardin vor dem Killer bewahren will, sind beileibe keine Unschuldslämmer. Man kann nicht behaupten, dass die Rache der „Star Chamber“ wirklich die Falschen getroffen hätte. Aber bei der Rechtsprechung, die Hardin vertritt, geht es eben nicht um eine alttestamentarische Strafe, mit der Amoral sanktioniert werden soll. Es geht um die Frage nach Täterschaft in ganz konkreten Fällen. Auch das größte Dreckschwein muss den Freispruch bekommen, wenn es einer Tat bezichtigt wird, die es nicht begangen hat. Am Ende führt Hardin den Cop Lowes (Yaphet Kotto) zum Gerichtssaal der Star Chamber: Er wird wohl die richtige Entscheidung treffen.

William Fruets BEDROOM EYES hat weder Oliver Reed noch Peter Fonda oder eine Satansviper wie der vorangegangene SPASMS. Es handelt sich vielmehr um einen kleinen Erotikthriller ohne Stars oder besonders hervorstechende Schauwerte. Den Soundtrack bestreiten auch nicht Tangerine Dream, sondern ein peinliches Mark-Knopfler-Soundalike namens John Tucker mit dem heute wie eine Parodie klingenden AOR-Song „Motion City Moves“. Aber er ist trotzdem um Längen besser – nicht zuletzt, weil er das meist für seine aufgesetzte Ernsthaftigkeit und slicke kinkyness bekannte Genre mit einer Prise Humor infiziert, die auch dem Schlangenhorrorfilm gut getan hätte.

Der Stock Broker Harry Ross (Kip Gilman) kommt beim nächtlichen Joggen am Fenster einer verführerischen Dame vorbei, die sich in ihrem Zimmer mit einem Mann auf eine Art und Weise verlustiert, die Harry selbst völlig unbekannt ist. Er kehrt in den folgenden Nächten zurück an ihr Fenster und entwickelt eine Obsession für die Frau, die ihm so unangenehm ist, dass er die Psychiaterin Alex (Dayle Haddon) aufsucht. Einige Tage später ist das Objekt seiner Begierde tot, umgebracht und Harry entdeckt die Leiche: Er verständigt sofort die Polizei, gerät aufgrund der zahlreichen Spuren, die er vor dem Fenster und um den Wohnblock hinterlassen hat, aber schnell selbst in Verdacht, den Mord begangen zu haben – und hat außerdem den echten Killer im Nacken, der keinen Zeugen gebrauchen kann …

Neues hat BEDROOM EYES wahrlich nicht zu erzählen, aber es ist die Art und Weise wie er das Bekannte aufbereitet, die ihn sofort sympathisch macht: Harry ist nicht der Gilette-rasierte Supertyp, der die Weiber scharenweise in seiner Designerwohnung flachlegt, sondern ein zwar attraktiver, aber eher etwas verklemmter Typ. Das, was er da Nacht für Nacht zu sehen bekommt, ist wahrlich nicht so aufregend, wie es der Film suggeriert (natürlich auch, weil niemand die Zensur herausfordern wollte), aber für ihn geradezu mindblowing, was den Charakter nachvollziehbar macht. Dass er sofort eine Psychologin aufsucht, um sicherzustellen, dass er kein „Perverser“ ist, und die Tatsache, dass er sich mit Sonnenbrille in deren Praxis schleicht, zeigen, dass er mit den notgeilen, selbstverliebten Chauvi-Protagonisten des Erotikthrillers rein gar nichts gemein hat. In einer sehr putzigen Szene wird er beim Dinner in einem Restaurant von seiner ausgehungerten Arbeitskollegin aggressiv angegangen: Er macht mit, aber die ganze Situation ist ihm vor allem unangenehm und peinlich – keine Spur von cooler Souveränität oder Freude am Reiz des Verbotenen. Als sie ihn danach noch mit in ihre Wohnung nehmen will, lehnt er dankend ab. Das ist ihm alles zu viel.

Diese Charakterisierung rührt auch daher, dass Fruet unverkennbar versucht, in die Fußstapfen des großen Hitchcock zu treten: Harry ist ein etwas tölpelhafter, aber grundguter Kerl, und nichts könnte ihm ferner liegen, als jemandem etwas zuleide zu tun, trotzdem avanciert er zum Hauptverdächtigen in einem Mordfall. Die Zeichnung des echten Täters kommt dann wieder geradewegs aus der Mottenkiste des Kintopp, aber das macht nichts, weil BEDROOM EYES sonst angenehm gegen den Strich sonstiger Klischees geht. Auch das Polizeitrio bestätigt das: Die zwei typischen, desillusionierten Veteranen werden von einem Rookie ergänzt, den sie erst als „too enthusiastic“ belächeln, bevor er sich dann doch bewährt – ohne aber gleich zum Supergenie stilisiert zu werden. Eine wirklich runde Sache, die mir gut gefallen hat.