Mit ‘Thriller’ getaggte Beiträge

In den USA startete BACKFIRE gleich im Fernsehen, während er hierzulande auf Video ausgewertet wurde – und mir in Form eines schön reißerischen Trailers mehrfach über den Weg lief: In Deutschland reüssierte der Film als FINAL NIGHT. Der technisch über jeden Zweifel erhabene Neo Noir von Gilbert Cates gewinnt zwar garantiert keine Originalitätspreise, dennoch vermisse ich die Zeit, als solche erstklassig besetzten, erwachsenen und gimmickfreien Thriller gedreht wurden, von Filmemachern, die ihr Handwerk von der Pike auf gelernt hatten und sich in einer filmischen Tradition sahen. Cates zum Beispiel merkt man die Begeisterung für den Noir der Vierziger- und Fünfzigerjahre an und seine erzählerischen Innovationen ergeben sich organisch aus der Fortentwicklung dieser Traditionen, nicht aus irgendwelchen „krassen“ Ideen, die auf Gedeih und Verderb übergestülpt werden, um irgendwelche Trends zu befriedigen oder Kids ins Kino zu ziehen, die sich mehr für Comics, Videoclips oder Dating-Apps interessieren.

Der eigentlich Witz an BACKFIRE ist, dass er einen Noirstandard adaptiert und dessen Plotverlauf gewissermaßen doppelt. Der Film fängt an einer Stelle an, wo seine ideellen Vorläufer üblicherweise enden: Mara (Karen Allen) ist mit dem wohlhabenden Donnie (Jeff Fahey) verheiratet und wohnt mit ihm in einer riesigen Villa in seinem Heimatort. Alles könnte gut sein, doch Donnie wird die Schreckensbilder des Krieges nicht los, hat Albträume, trinkt, ist kaum noch unter Leute zu bringen – und paranoid. Als Mara ihn eines Abends allein zu Hause lässt, erleidet er einen besonders schlimmen Anfall – bei dem Mara gemeinsam mit ihrem Lover Jake (Dean Pal Martin) kräftig nachgeholfen hat, um ihn in den Selbstmord zu treiben und sich sein Vermögen unter den Nagel zu reißen. So weit so gut, doch der Plan geht doppelt schief: Nicht nur überlebt Donnie und sitzt nun im Stadium der Katatonie im Rollstuhl, eine Urkunde verdonnert Mara auch dazu, ihn zu pflegen, wenn sie einen Anspruch auf seinen Besitz haben möchte. Verbittert beißt sie in den sauren Apfel und bändelt nur wenig später mit dem drifter Reed (Keith Carradine) an, der wie aus dem Nichts im Ort auftaucht …

BACKFIRE ist ein morality play, dessen Crime-does-not-pay-Botschaft in Verbindung mit einigen drastischen Bildern etwas an die EC-Horrorcomics erinnert. Der Spieß wird im weiteren Verlauf des Films erwartungsgemäß zu Ungunsten von Mara umgedreht, wobei gerade Donnies Vietnamvergangenheit, die für seinen Absturz verantwortlich war, auch bei seiner Vergeltung eine wichtige Rolle spielt. Die Geschichte erhält ihre Ambivalenz aus dem Charakter Maras: Wir verstehen sie und sympathisieren in gewisser Weise mit ihr. Auch wenn ihr Plan, den Ehemann in den Selbstmord zu treiben, nicht gerade freundlich ist, wir erkennen sie eher als Getriebene: Donnie ist ein Waschlappen, unfähig, selbst einen Weg aus seiner Krankheit zu finden, aber auch nicht bereit, sich helfen zu lassen. Seine Unzufriedenheit lässt er dann immer wieder an seiner Gattin aus, für die kaum noch Raum zur Entfaltung bleibt. In der Enge des Heimatorts ist sie zudem immer noch die Schlampe aus ärmlichen Verhältnissen, die sich damals mit ihren Hexenkräften den „golden boy“ unter den Nagel gerissen hat, um von seinem Reichtum zu profitieren. Niemand kommt ihr zur Hilfe, auch wenn alle wissen, in welch erbarmungswürdigem Zustand sich Donnie befindet.

Das unumstrittene Highlight von BACKFIRE ist die opulente Kameraarbeit von Tak Fujimoto, der immer wieder das prachtvolle Anwesen umkreist, die Natur des nordamerikanischen Nordwestens im Hintergrund einfängt und dem es wunderbar gelingt, die emotional-sexuell aufgeladene Atmosphäre in gleichermaßen heiße wie kalte Bilder zu übersetzen. Gleiches gilt für den Score von David Shire, dessen orchestrale Pracht das private Drama zum Lehrstück über die Conditio humana erhebt. Der Mensch ist des Menschen Wolf und wenn man kein Glück hat, kommt meist auch noch Pech dazu: Gut, wenn man einen Buddy aus Vietnam hat. BACKFIRE hat mich nicht zuletzt nostalgisch gestimmt: Leute wie Allen, Carradine oder Fahey würden heute wahrscheinlich maximal eine Nebenrolle in einer Fernsehserie angeboten bekommen – und da kann man mir erzählen, was man will: Formal spielen die in einer anderen, nämlich tieferen Liga. Zugegeben, BACKFIRE repliziert einige heute etwas überkommen scheinende Rollenklischees: Carradine darf den geheimnisvollen drifter als tequilatrinkenden, markige Sprüche reißenden man’s man interpretieren, der dem Fettsack in der Truckerkneipe die Fresse poliert und die leading lady mit seinem sehnigen Körper in den Wahnsinn treibt. Und Fahey weiß zweifellos, was seine stahlblauen Augen wert sind. Selbst als sabbernder Wachkompatient sieht er noch makellos aus – der einzige echte Haken des Films. Als Maras Lover ist Dean Paul Martin zu sehen, Dean Martins Sohn, der kurze Zeit nach Ende der Dreharbeiten mit seinem Kampfflugzeug an einem Berg zerschellte. Er begleitete meine Jugend mit der hübschen, aber kurzlebigen Serie MISFITS OF SCIENCE, die als DIE SPEZIALISTEN UNTERWEGS auf RTL lief. MIttelpunkt des Geschehens ist aber eindeutig Karen Allen. Man kennt sie ja in erster Linie als kulleräugige Freundin von Indiana Jones in RAIDERS OF THE LOST ARK, aber hier zeigt sie, dass sie auch in einer ambivalenten Rolle als Schurkin zu überzeugen weiß. Ein wirklich schöner Film.

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In Deutschland erschien dieser putzige Serienmörderthriller, der deutlich weniger schmierig und billig ist, als ich es erwartet – und um ehrlich zu sein: erhofft – hatte, unter dem herrlichen Titel DIE NACHT DER APOKALYPSE mit einem toll reißerischen Videocover. Damit kann das Original zwar nicht dienen, aber Horrorfilme, die auf dem Cover mit vollbärtigen Schmierlappen in Latzhose werben, können sich meiner grundsätzlichen Zuneigung natürlich trotzdem gewiss sein, vor allem, wenn sie ihm eine Heckenschere in die Hand drücken und eine nackte Frau in unmittelbarer Nähe platzieren. Letztlich ist LADY STAY DEAD ein ziemlich stilsicher und routiniert inszenierter Psychothriller, der den positiven Eindruck, den man sich von Ozploitation bislang gemacht hat, festigt – aber er ist auch irgendwie ein bisschen langweiliger als es das nebenstehende Bild suggeriert.

Gordon (Chard Hayward) ist Gärtner, vor allem aber ein Spinner: Er himmelt die Popsängerin Marie (Deborah Coulls) an, deren Garten er pflegt, bespannt sie beim Baden im Meer, wobei er sich in Folterfantasien ergeht und in den Sand vögelt – tja und dann vergewaltigt er sie und bringt sie um. Wie das in solchen Filmen so ist, bleibt es nicht bei dem einen Mord: Der freundliche ältere Nachbar, der Gordon mit der Leiche ertappt, muss ebenfalls beseitigt werden. Und dann taucht wenig später Maries ältere Schwester Jenny (Louise Howitt) auf, die schnell ahnt, dass dieser Gordon nicht mehr alle Latten am Zaun hat. Es kommt zu einer Belagerungssituation …

LADY STAY DEAD ist weniger glatt als vergleichbare US-Produktionen und eben irgendwie ein bisschen anders, so wie man das von australischen Exploitern kennt, ohne genau benennen zu können, worin dieser Andersartigkeit eigentlich besteht. Gerade in der ersten halben Stunde ist Bourkes Film sleaziger und expliziter als es solche Thriller üblicherweise sind, was nicht zuletzt an Haywards geekigem Killer liegt (der mich an eine muskulösere Mischung aus John Landis und Tobe Hooper erinnert hat), aber er ist auch nicht so schundig und abgrundtief spekulativ, wie es fürs Bahnhofskino oder das Drive-in gefertigte Titel aus dem Zwischenreich von Slasher und Serienmörderfilm sind. Wenn das Katz-und-Maus-Spiel beginnt, versandet LADY STAY DEAD aber leider etwas in der Beliebigkeit, auch wenn Bourke seine Sache gut macht, sein Film über einer weit überdurchschnittliche Kameraarbeit und einen schicken Score verfügt. Es fehlt das Quäntchen Wahnsinn, zumal der nun endgültig durchdrehende Psycho nur selten richtig gefährlich wirkt, eher wie ein jähzorniges Kind rüberkommt. Ozploitation-Freunde sollten ruhig mal einen Blick riskieren, zumal der Film in einer supercrispen HD-Variante vorliegt: Ich fand LADY STAY DEAD zwar nicht rundum zufriedenstellend, aber doch sehr sympathisch.

wu ming huo (bryan leung, hongkong 1984)

Veröffentlicht: März 18, 2018 in Film
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Dreckig, asozial, brutal: Leungs Regiedebüt ist ein finsterer, Rachereißer, der sich nicht lang mit langweiligem Scheiß wie „Charakterisierung“, „Differenzierung“ oder gar „Ambivalenz“ aufhält. Exploitation in Reinkultur – und wer sich im Hongkongkino nur ein bisschen auskennt, der weiß, dass die sich von ihren US-amerikanischen Artgenossen darin unterscheidet, dass sie noch greller, noch ignoranter, noch wahnsinniger, mithin noch ehrlicher daherkommt. WU MING HUO (internationaler Titel: PROFILE IN ANGER) erzählt ein gut abgehangene, gewissermaßen trockengereifte Story, deren Verlauf man bereits nach eineinhalb Takten punktgenau voraussagen kann: Chun-yue (Bryan Leung) ist ein prominenter, überall beliebter Superdude, der seine wunderhübsche Verlobte Hydi (Pat Ha) zu Beginn am Flughafen abholt. Dort trifft er in einer der ersten unverschämt naiven Abkürzungen, die sich das Drehbuch gleich reihenweise gönnt, seinen alten Schulfreund Kin-Hang (Damian Lau), einen schweigsamen Hänfling mit Riesenbrille, und nimmt ihn sogleich mit zu sich nach Hause. Was er nicht weiß: Der Spargeltarzan, dem er früher immer gegen die Bullies half, ist auf dem Rachetrip. Er will den schwerreichen Juwelenhändler Wai Kit (Yi Chang) umbringen, der seine Eltern auf dem Gewissen hat. Natürlich geht das schief, der Schurke stellt de Verbindung zwischen Kin-Hang und Chun-yue her und hetzt dem Helden seine Killer auf den Hals, die seine frisch angetraute umbringen. Chun-yue tut, was Mann in einer solchen Situation tun muss: Er lässt sich einen Verzweiflungsvollbart wachsen, geht zum Pumpen ins Fitnessstudio und dann auf Mordtour.

Das Blöde und das Geile geben sich in WU MING HUO die Klinke in die Hand: Die Charaktere sind mit „eindimensional“ noch wohlwollend umschrieben und mehr als einmal hat man das Gefühl, das Script wurde von einem Achtjährigen geschrieben. Einer der beiden Schurken trägt eine Ted-Herold-Gedächtnisfrisur, entpuppt sich dann aber als Glatzkopf mit furchtbaren Verbrennungen: Seine Kopfhaut sieht aus wie ein Brathering und er tritt dem Helden zum Showdown auf einem Schrottplatz in Unterhose entgegen. In einer anderen, völlig abseitigen Szene geht es um eine Rockerbande: Die sieht aus, wie aus DEATH WISH 3 oder MAD MAX 2: THE ROAD WARRIOR entsprungen und begibt sich mit dem exzessiven Konsum von Haschgiftzigaretten ins totale Delirium. Die Mitglieder sitzen apathisch im Dreck, tragen kabukiartiges Make-up, treiben es unabhängig vom Geschlecht des anderen miteinander und beißen lebenden Ratten die Köpfe ab. REEFER MADNESS wirkt dagegen wie ein wissenschaftliche Studie. Und das geht in einer Tour so weiter.

WU MING HUO ist zuerst ein bisschen trist, aber wenn er nach 30, 40 Minuten Fahrt aufgenommen hat, gibt es kein Halten mehr. Die Stunts sind sparsamer als in anderen Hongkong-Spektakeln, aber kaum weniger lebensmüde, die pure Lust an der Gewalt, die hier zum Vorschein kommt, verleiht dem Film etwas Psychotisches, und alles, was man zu Beginn vielleicht vermisst, packt Leung dann in die letzten 20 Minuten. Da verprügelt einer der Bösewichter erst ein Kind und überfährt dann dessen schwangere Mutter, bevor ihm der Held mit einem panzermäßig aufgemotzten Truck den Gar aus macht. Wai Kit wird mit einer Schrotflintenladung aus dem Fenster seines Luxusrestaurants gepustet und die Frage, wie Chun-yue mit Springerstiefeln, Armeehose und Unterhemd da überhaupt reingekommen ist, stelllt sich angesichts solcher Chuzpe nicht mehr. Super.

 

Hal Ashbys Filmografie in den Siebzigern kann sich mit denen der allergrößten Filmemacher messen: HAROLD AND MAUDE, THE LAST DETAIL, SHAMPOO, COMING HOME und BEING THERE zählen zu den Sternstunden des New Hollywood, zuvor hatte er bereits als Cutter Großes geleistet und etwa CINCINNATI KID, IN THE HEAT OF THE NIGHT, THE RUSSIANS ARE COMING! THE RUSSIANS ARE COMING! und THE THOMAS CROWN AFFAIR mit seiner Kunst veredelt. Die Akribie, mit der er diese Filme bearbeitete, sich teilweise tagelang im Schneideraum einschloss, zahlte sich zu Beginn seiner Karriere noch aus, später verhedderte er sich unter dem Einfluss seiner Lieblingsdroge Cannabis oft bei der Arbeit und hatte aufgrund seines Perfektionismus zunehmend mit Schwierigkeiten mit seinen Auftraggebern zu kämpfen. 8 MILLION WAYS TO DIE, den er nach einigen Flops inszenierte, sollte sein letzter Film werden. Vielleicht wäre die Kritik etwas freundlicher mit ihm gewesen, wenn sie gewusst hätte, das eine große Karriere kurz vor ihrem Ende stand. So floppte die erste Verfilmung eines Matt-Scudder-Romans von Lawrence Block aus der Feder Oliver Stones und wurde bis heute nicht wirklich rehabilitiert. Danach drehte Ashby noch zwei Fernsehfilme und eine Doku über die Rolling Stones, bevor ihn Leber- und Darmkrebs im Alter von nur 59 Jahren 1988 hinwegraffte.

Aber man muss auch konstatieren, dass 8 MILLION WAYS TO DIE in jener Zeit starke Konkurrenz hatte – und Ashby, ein echter Hippie, der in den Siebzigern aufblühte, in den Achtzigerjahren etwas verloren wirkte. Den Zynismus und die Kälte, die der Copfilm in diesem Jahrzehnt an den Tag legte, waren seine Sache nicht, und die Ankündigung, mit der der ab- und ausgebrannte Cop Scudder (Jeff Bridges) den Film im Stile des Noir eröffnet, kann Ashby nie so richtig einlösen. Los Angeles sei eine verlorene Stadt an der Grenze zu Chaos, in der es acht Millionen Wege gäbe, jeden Tag sein Leben zu verlieren, sagt Scudder, doch Ashby ist kein Untergangsprophet, sondern ein Mann der Hoffnung. Er war vielleicht wirklich der Falsche, um Stones Drehbuch – wie SCARFACE eigentlich eine Aufarbeitung von dessen Drogenvergangenheit – adäquat und mit letzter Überzeugungskraft zu verfilmen. 8 MILLION WAYS TO DIE hat seine Momente, darunter wirklich eine haarsträubend eskalierende Drogenübergabe-Szene und einen ziemlich furchterregenden Handlungssprung, aber er leider auch sehr antiklimaktisch.

Matt Scudder erträgt seinen Job nur, weil er immer mal wieder einen Schluck aus der Pulle nimmt. Nachdem er bei einer Razzia einen Verdächtige vor den Augen von dessen Familie erschießt, weil er einen Baseballschläger zückt und auf Scudder Kollegen losgeht, quittiert er den Dienst und stürzt dann spektakulär ab. Frau und Tochter sind danach weg, doch bei den Anonymen Alkoholikern macht er einen vielversprechenden Neuanfang. Bis er der Prostituierten Sunny (Alexandra Paul) begegnet, die ihn um Hile bittet. Sie gehört zum Stall des schnieken Zuhälters Chance (Randy Brooks), von dem sie sich lösen möchte, doch sie fürchtet um ihr Leben. Ihre Angst bewahrheitet sich: Sie wird vor den Augen des hilflosen Scudder umgebracht, der danach einen heftigen Rückfall in die Alkoholsucht erlebt. Chance indessen behauptet, mit dem Mord nichts zu tun zu haben. Der Verdacht des Ex-Polizisten fällt auf den Drogendealer Angel Maldonado (Andy Garcia), der in Chances Haus ein und aus geht …

8 MILLION WAYS TO DIE fängt mit einem großartigen Flug über die Freeways der Westküstenmetropole, in dessen Verlauf das Bild immer mehr kippt, bis es schließlich fast auf dem Kopf steht. Das Gefühl des Kontrollverlustes, das dieses Bild evoziert und das wahrscheinlich auch Stone mit seinem Script anstrebte, wird aber leider viel zu selten wirklich fühlbar. Ashby geht ein eher behäbiges Tempo und hat vielleicht auch zu viel Empathie, um seinen Protagonisten so richtig abschmieren zu lassen. Bridges ist als Scudder eminent sympathisch und trotz seiner Abstürze scheint er doch zu geerdet: Die Besessenheit, mit der er sich in diesen merkwürdigen Fall stürzt, habe ich ihm nicht so richti abgenommen. Sein Charakter kommt aus einer gänzlich anderen, sich echter anfühlenden Welt als etwa sein Gegenspieler Maldonado, ein Tony Montana im Westentaschenformat, immerhin aber mit schön schmierigem Zöpfchen, oder auch Sunny, eine typische Männerfantasie, die die Autoren des Film Noir deutlich besser hinbekommen haben. Und das Happy End – Scudder geht mit Sarah (Rosanna Arquette), einer anderen Nutte aus Chances Stall in eine wahrscheinlich bessere Zukunft – wirkt auch eher dem Zweck geschuldet als wirklich glaubwürdig.

Ein Reinfall ist 8 MILLION WAYS TO DIE trotzdem nicht. Er verfügt über gut aufgelegte Darsteller, eine schön schwüle Atmosphäre und zumindest zwei sehr denkwürdige Szenen. Wie Scudder ohne Vorwarnung im Krankenhaus aufwacht, nicht nur ihm, sondern auch dem Zuschauer mehrere Tage einfach fehlen, ist schon ein großer Wurf, dessen Wirkung vom klischierten Drumherum leider stark abgedämpft wird. Ich mag den Film schon, vielleicht gerade weil ich ständig das ungehobene Potenzial durchschimmern sehe. Es ist ein unperfekter Film über einen unperfekten Protagonisten von einem großen Filmemacher, für den sich die Dinge leider nicht so etwickelt haben, wie sie es hätten tun sollen und insofern wahrscheinlich auch sehr richtig so, wie er ist. Wer ein „L-A-Copfilm-der-Achtzigerjahre“-Special plant, sollte auch 8 MILLION WAYS TO DIE unbedingt mit ins Programm aufnehmen, ihn aber vielleicht nicht direkt vor oder nach TO LIVE AND DIE IN L.A. schauen.

Wer es immer noch nicht weiß: Unsung hero Peter Hyams bewies auch mit diesem Film, dass er einer der großen Stilisten des USA-amerikanischen Actionfilms und Thrillers war – und den meisten seiner Konkurrenten in punkto Geschmack und Stil meilenweit voraus. Sich Fleischers meisterlich minimalistischen Zug-Noir von 1952 für ein Remake rauszupicken, zeugte nicht nur von einem großen Bewusstsein fürs amerikanische Genrekino, sondern war auch insofern eine kluge Idee, weil sich dessen B-Produktion für ein Re-Imagining im Stile des Blockbusterkinos wirklich eignete. Eine hilflose Zeugin, ein für Außendiensteinsätze nur mäßig begabter Staatsanwalt, zwei skrupellose Killer, ein Zug und Hunderte von Meilen menschenleerer Wildnis: Das sind die Rahmenbedingungen für Hyams Hochspannungs-Thriller, der auch gut 30 Jahre nach seiner Premiere noch als Lehrstunde fungiert. Schade, dass diesen Kurs keiner mehr besuchen mag, weil das Kino längst nach anderen Gesetzen funktioniert, die aber leider selten besseren Filme abwerfen.

NARROW MARGIN stammt aus dieser kurzen Zeit, in der solche perfekten, im positiven Sinne auf Hochglanz polierten, aber im positiven Sinne klassischen Thriller in schöner Regelmäßigkeit auf die große Leinwand gewuchtet wurden. Filme wie STAKEOUT, SHOOT TO KILL, MIDNIGHT RUN oder NO WAY OUT, die keine abgefahrene Prämisse und kein High Concept brauchten, keine Serie, kein Spielzeug, kein Videogame, auf das sie sich berufen konnten, mit Schauspielern, die einfach nur ihren Job machten, ohne sich dafür Kilos anzufressen, runterzuhungern oder sonstigen selbstverliebten Method-Firlefanz abzuziehen, und von Regisseuren, denen es genügte, Filme zu drehen, die die Menschen sich anschauen wollten, anstatt mit großen Tönen Aufmerksamkeit auf ihre gepeinigte Künstlerseele zu ziehen. Ein Peter Hyams kann als Person hinter seinem Film zurücktreten, weil er Taten sprechen lässt: NARROW MARGIN ist „nur“ ein Thriller, aber er sieht von vorn bis hinten fantastisch aus, ist mit voller Konzentration inszeniert und so scharf geschnitten, dass man aufpassen muss, sich nicht zu verletzen. 90 Minuten können verdammt schnell vorbeigehen – und trotzdem satt machen. Eine erfrischende Erkenntnis nach ca. 25 130-minütigen Marvelfilmen, die sich immer mehr wie ein zunehmend witzloser Teaser für etwas anfühlen, was nie kommen wird.

Man kann durchaus eine Träne verdrücken, wenn man bedenkt, dass es zu dieser Sorte Kino kein Zurück mehr gibt. Nicht nur, weil es zwischen den ganzen 200-Millionen-Dollar-Produktionen keinen Platz mehr für solche eher kleinen Mittelklasse-Filme gibt. Man vermisst ja auch den Look, der einem hier geboten wird und der mit den zweifelhaften Errungenschaften des digitalen Films leider der Vergangenheit angehört: diese wunderbaren Zwielichtszenen zu Beginn, wenn Anne Archer dem ebenfalls wunderbaren J. T. Walsh begegnet (noch so ein Verblichener, schnüff), und die Luft um die beiden herum zu atmen scheint, diese milchige Verrauchtheit im Speisewagen des Zuges, das Licht der kleinen Telefonzelle in der Schwärze eines kanadischen Prvinzbahnhofs. Und dann Gene Hackman: Man konnte ja in den vergangenen Jahren oft darüber lesen, dass er ein totales Arschloch ist, aber wenn er dem arroganten Killer hier mit einem unschlagbaren Lächeln sagt, welche Freude es ihm bereitet, Dreckskerle wie ihn in den Bau zu schicken, möchte man ihm einfach nur ein Bier ausgeben. Es ist kein cooles Haifischlächeln, das sich auf seinem Gesicht abzeichnet, es ist das Lächeln des Bürohengstes, der den Moment, in dem auch er einmal ein Actionheld sein darf, voller Genugtuung auskostet. Und Gene Hackman bekommt hier reichlich Gelegenheit, sich zu beweisen. Das Finale, mit halsbrecherischer Kraxelei auf dem Dach eines fahrenden Zuges, ist noch einmal der Stoff, aus dem die abgekauten Fingernägel sind. Auch ohne Greenscreen, Motion Capturing, CG-Explosionen und sonstigen Schnickschnack. Einfach nur. Großes. Kino.

 

Immer, wenn dieser Film irgendwo gezeigt wrd, stirbt irgendwo eine Feministin – weinend, allein und mit zerrissenen Strümpfen.

Andrea Bianchis QUELLI CHE CONTANO ist wirklich ein ziemlich unverschämtes Stück Kino, von einer teuflischen Energie befeuert, die ihn nach saftigem, aber noch vergleichsweise gediegenem Auftakt immer tiefer in den stinkenden Abgrund treibt. Wenn man genau hinschaut, meint man manchmal Schemen einer kritischen Auseinandersetzung mit italienischer Machokultur und dem Ehrbegriff der Mafia erkennen zu können, aber Bianchi macht das alles unkenntlich, indem er es fingerdick mit ranzigem Fett, verdorbenem Schweinemett, Sperma und Scheidensekret einschmiert, bis es nur noch nach Verzweiflung und Niedertracht riecht.

Die wunderschöne Barbara Bouchet, großartig in Lucio Fulcis NON SI SEVIZIA UN PAPERINO, hat wahscheinlich einen besonderen Platz in ihrem Herzen für diesen liebenswerten Film: Als Margie, stets angetrunkene amerikanische Ehefrau des Mafiosi Don Ricuzzo Cantimo (Fausto Tozzi) und natürlich Ex-Hure, darf sie den Protagonisten, Killer Tony Aniante (Henry Silva) erst becircen, indem sie sich in einem Stall mit Milch einreibt (sie tut das, ohne zu wissen, wer er ist oder ihn auch nur einmal zuvor gesehen zu haben, einfach so). Dann isst sie für ihn auf die aufreizendste Art und Weise, die jemand der oft verlachten Frucht jemals angedeihen ließ, eine Banane – mindestens ebenso eindrucksvoll wie ihre Einsatzbereitschaft ist allerdings die Ahnungslosigkeit ihres Gatten, der dem Schausspiel teilnahmslos beiwohnt – und wird dafür mit einer denkwürdigen „Liebesszene“ belohnt, bei der sie kopfüber in eine offene Schweinehälfte gefickt wird. Das ist aber immer noch nicht genug, am Ende zieht der gute Tony ihr noch seinen Gürtel durchs Gesicht, bis sie kaum nch wiederzuerkennen ist. Der italienische Exploitationfilm ist in den Siebzigerjahren selten zimperlich mit seinen Frauen umgegangen, aber QUELLI CHE CONTANO setzt wahrhaft Maßstäbe: Warum er dieser beklagenswerten Figur mit solch mitleidloser Verachtung begegnet, lässt sich nicht abschließend klären, zur Verteidigung lässt sich höchstens einräumen, dass keiner wirklich gut wegkommt. Die Gangster, die Kinderleichen zum Drogenschmuggel benutzen nicht, aber auch der Protaagonist nicht. Am Ende der Geschichte, die sich ein bisschen an Kurosawas YOJIMBO bzw. Leones PER UN PUGNO DI DOLLARI anlehnt, mit Henry Silvas Aniante in der Mifune- respektive Eastwood-Rolle, stellt sich heraus, dass auch er ein Gelackmeierter war und sich seiner Unverwundbarkeit zukünftig keinesfalls sicher sein darf.

QUELLI CHE CONTANO ist nicht nur ein heftigst geschmackloser und abgeschmackter, sondern auch ein sehr seltsamer Film, der neben seiner Mafiageschichte auch noch Elemente des Horrofilms aufgreift: Tony Aniante hat die an Ikonen des Slasherfilms erinnernde Gabe, immer da auftauchen zu können, wo seine Schießkünste gefragt sind, auch wenn das eigentlich völlig unmöglich ist, und er pflegt sich dabei mit einer kunstvoll gepfiffenen Melodie anzukündigen, die ein ziemlich offensichtliches Morricone-Zitat darstellt. Ob er das Pfeifen gehört habe, fragt ihn einmal sein Boss Don Cascemi (Vittorio Sanipoli), nachdem er von seinem Bodyguard rausgehauen wurde, doch der antwortet nur mit einer Gegenfrage: Welches Pfeifen denn? Er hab nichts gehört. Bianchi greift das nie wieder auf, lässt das einfach so stehen. Warum sagt Aniante nicht einfach, dass das sein Markenzeichen ist? Keine Ahnung. Aber das ist ja auch das eine zu nennende Schöne an diesem Film: Diese Unreflektiertheit, mit der er seinen blutigen Stiefel abspult.

Auch unter dem Titel THE KILLING HOUR oder, in Deutschland, als AMERICAN KILLING bekannt, handelt es sich bei Armand Mastroiannis Thriller um einen kleinen, wenig spektakulären, aber kompetent gemachten Film, der sich irgendwo zwischen den Polen „übersinnlicher Mysterygrusel“ und „dreckiger New-York-Copfilm“ einpendelt. Erster hatte seine große Zeit mit Filmen wie AMITYVILLE HORROR, AUDREY ROSE, THE EYES OF LAURA MARS schon etwas hinter sich, befruchtete aber immer noch den Exploitationfilm, letzterer taumelte seinem finsteren Höhepunkt entgegen.

New York in den Achtzigern, das war so etwas wie der Beweis für Pessimisten und Misanthropen, dass der Mensch des Menschen Wolf ist, und die moderne Idee der Metropolen ein grausamer Irrtum. Religiöse Hardliner ahnten oder hofften vermutlich, dass die Folge der ständigen Horrornachrichten von steigenden Verbrechens- und Mordraten, von aufgegebenen, verfallenden Stadtvierteln und marodierenden Gangs unweigerlich die Sintflut nach sich ziehen müsse und Filmemacher wie John Carpenter setzten ins (übersteigerte) Bild, was andere bereits laut dachten: Mauer drum, Tür zu, Schlüssel wegschmeißen. Oder gleich die Bombe oben drauf. In dieses New York entführt uns THE CLAIRVOYANT.

Armand Mastroiannis Film beginnt dannn auch mit drei sadistischen Morden bzw. Leichenfunden: ein nacktes Mädchen wird aus dem Hudson gefischt, ein Mann im Swimming Pool ertränkt, eine anderer elektrifiziert. Die Kriminalbeamten Weeks (Norman Parker), Sporaco (Jon Polito), Rich (Joe Morton) und Cullum (Kenneth McMillan) haben nichts in der Hand, außer der Tatsache, dass bei allen drei Morden Handschellen zum Einsatz kamen, und sind eher genervt als wirklich frustriert. Sie kennen das schon zu Genüge. Das einzige, was sie vorerst tun können, ist Schadensbegrenzung betreiben und die Verbindung der drei Verbrechen unter Verschluss halten, um keine Panik aufkommen zu lassen. Doch der Fernsehjournalist und Talkmaster McCormack (Perry King) macht ihnen einen Strich durch die Rechnung: Er gibt Details über die Morde in seiner Call-in-Show bekannt, weil er die Chance auf eine große Karriere widmet. Dann kommt auch noch die Kunststudentin Virna Nightbourne (Elizabeth Kemp) ins Spiel: Sie verfügt über seherische Fähigkeiten und hat die Morde vorab auf ihren Bildern festgehalten …

Die Story ist zwar nicht besonders originell, aber aufgrund ihres Patchwork-Charakters auch wieder ganz interessant: Es gibt da die Konkurrenz zwischen den Bullen, die mangels Beweisen auf die Hilfe einer „Seherin“ angewiesen sind (deren Gabe sie natürlich erst einmal für Spinnerei halten) und dem Fernsehmoderator, der das Klima in der Stadt nutzt, um Stimmung zu machen. Die Wiederherstellung des Gesetzes und der Schutz der Unschuldigen spielen für ihn zwar nur eine untergeordnete Rolle, aber seine Show bietet ihm die Gelegenheit, sich zum furchtlosen Tatmenschen zu stilisieren und gleichzeitig reich und berühmt zu werden. Und seine Vorgesetzten machen natürlich nichts, weil sie letztlich doch der Meinung sind, dass die Quote jedes Mittel heiligt. McCormack ist ein Vorläufer von Robert Downey jr.s Wayne Gale aus NATURAL BORN KILLERS, der ja dann in äußerster Konsequenz gleich mit auf Mordtour ging. McCormack ist etwas braver, aber der geübte Zuschauer ahnt schon, dass er ein dunkles Geheimnis in seiner Brust spazieren trägt. Und so ist es dann auch.

THE CLAIRVOYANT ist ein bisschen unspektakulär und er könnte definitiv mehr New-York-Schmutz vertragen. Ein paarmal geht es in den Polizeigesprächen um Sexshops und Bordelle, aber zu Gesicht bekommt man diesen seedy underbelly Manhattans leider nicht. Mastroianni konzentriert sich meines Erachtens zu sehr auf den eigentlich uninteressantesten Teil der Story, nämlich die Begabung der schönen Virna (die dann auch mt beiden männlichen Protagonisten rumknutschen darf), was zulasten des grimmigen Tons geht, den er zu Beginn anschlägt. Der Film lullt ein bisschen ein, was dann aber zur Folge hat, dass die fiese Auflösung zum Schluss wieder ziemlich reinknallt. THE CLAIRVOYANT ist definitiv kein Muss, sondern ein klares Kann: Wer ihm aber eine Chance gibt, wird dies allein wegen der schönen Besetzung nicht bereuen.