Mit ‘Thriller’ getaggte Beiträge

the-new-kids-poster„A New Ticket to Terror from the Director of ,FRIDAY THE 13TH‚“ verspricht das Plakat von THE NEW KIDS marktschreierisch. Mit dem Hit hatte Regisseur Sean S. Cunningham fünf Jahre zuvor nicht nur das Slasher-Genre als profitable Spielart des Horrorfilms aus der Taufe gehoben, er hatte auch gezeigt, wie man mit einem preisgünstig produzierten Indiefilm in die Phalanx der Großen einbrechen kann. Andere Filmemacher legen mit einem solchen Hit den Grundstein für eine große Karriere, aber von Cunningham kam danach nichts mehr, was auch nur annähernd an den Kassenschlager heranreichte. Er verlegte sich eher aufs Produzieren, drehte hier und da noch saubere, aber immer auch etwas unspektakuläre oder derivative Genrefilme wie A STRANGER IS WATCHING oder DEEP STAR SIX. THE NEW KIDS – auf deutsch sehr schön als DIE KIDS VON ORLANDO vermarktet und sogar geschnitten worden – ist wahrscheinlich einer seiner besten Filme, obwohl das oben Genannte auch auf ihn zutrifft. Gegenüber dem frechen FRIDAY ist dieser Teeniethriller fast aufreizend konzeptarm und bodenständig – aber vielleicht auch deshalb so verdammt effektiv.

Loren (Shannon Presby) und Abby (Lori Loughlin), Kinder eines soeben mit einer Tapferkeitsmedaille ausgezeichneten Soldaten (Tom Atkins), stehen völlig unverhofft als Waisen da, als ihre Eltern bei einem Autounfall verunglücken. Die Erleichterung ist groß, als ihr Onkel Charlie (Eddie Jones), sie zu sich und seiner Gattin nach Florida einlädt. Er hat einen maroden Vergnügungsparkt gekauft, in dem die Kinder leben und mit anpacken können. Das tun sie nach Kräften, doch bald gibt es Schwierigkeiten mit dem fiesen Mitschüler Dutra (James Spader) und seinen Schergen: Er hat es auf die neuen, vor allem die hübsche Abby, abgesehen und ist nicht bereit, ein „Nein“ als Antwort auf seine Avancen zu akzeptieren. Was als Schulhofstreiterei angefangen hat, weitet sich bald zu einem Duell auf Leben und Tod aus.

THE NEW KIDS ist aus zwei Gründen so gut: Zum einen, weil der Grundkonflikt des Films nicht weit weg ist vom eigenen Erfahrungshorizont und Cunningham bis zum Schluss kaum von dieser realistischen Prämisse abweicht, zum anderen weil Dutra und seine Kompagnons wirklich wunderbar hassenswerte Schurken abgeben. Es gibt ja diese Filme, bei denen man die Wut und Verzweiflung förmlich in sich hochkriechen spürt, die es einem nahezu unerträglich machen, taten- und hilflos vor dem Bildschirm auszuharren, die den unstillbaren Wunsch in einem anwachsen lassen, dem Übeltäter höchstselbst die fiese Fresse zu polieren. THE NEW KIDS ist einer davon. James Spader, der hier aussieht wie der verlorene Sohn von Christopher Walkens Max Zorin aus A VIEW TO A KILL, ist ein wahrlich widerliches Ekelpaket, in dessen arrorgant Visage man mit wachsender Begeisterung reinschlagen möchte, und die Redneck-Ärsche, die er um sich geschart hat, sind so richtig ignoranter, asozialer Abschaum ohne einen einzigen Funken Anstand im Leib. Wie sie in einem Fort vollkommen harmlose Mitschüler triezen, sich feige in ihrer Clique verstecken, Hunde zu blutgierigen Bestien abrichten, fremder Leute Eigentum mutwillig beschädigen und sich aufführen, als gehöre ihnen die Welt, verlangt einem jede Menge Disziplin ab, sie nicht gleich von der heimischen Couch aus mit unflätigen Kraftausdrücken zu überziehen. Dass Abby und Loren so überaus sympathische und gutmütige Kinder sind, trägt noch entscheidend dazu bei, dass das eigene Unrechtsbewusstsein lautstark Alarm schlägt.

Der Spannungsbogen ist sehr geschickt gespannt, langsam und stetig eskaliert die Situation vom harmlosen Streit bis zur lebensbedrohlichen Vendetta, beschleunigt sich die Gewaltspirale, bis sie von niemandem mehr aufzuhalten ist. Das Finale auf dem gammeligen Vergnügungspark-Gelände bietet dann zum Abschluss genug rostige Gerätschaften für diverse spektakuläre Todesarten und Hinrichtungen und das offene Ende ist erwartbar, aber in diesem Kontext dann auch nicht ohne. Mag sein, dass THE NEW KIDS den finalen Kick vermissen lässt, der die Etikettierung als „Klassiker“ gerechtfertigen würde. Aber seine Qualitäten sind m. E. unverkennbar und ich denke, für die Behauptung, Cunninghams Film sei ein nicht zu unterschätzender Vorläufer des in den letzten zehn Jahren so populären, realistischen Terrorkinos, lassen sich einige sehr stichhaltige Argumente formulieren. Guter Film!

 

curtainsAuf der Bühne eines kleinen, menschenleeren Theaters gibt Samantha Sherwood (Samantha Eggar) ihrem Regisseur Jonathan Stryker (John Vernon) eine Darbietung als rachsüchtige, betrogene Frau. Als sie die Waffe zieht, um ihren Liebhaber umzubringen, lacht Stryker nur: Er nimmt ihr die Rolle nicht ab. Um ihm zu beweisen, wie weit sie für die Rolle der in den Wahn abdriftenden Audra, der Protagonistin seines nächsten Films, bereit ist zu gehen, lässt sie sich gar in eine Nervenheilanstalt einweisen. Umgeben von manischen Patientinnen scheint ihr ein echter Horrortrip bevorzustehen. Wird sie ihre geistige Gesundheit bewahren?

CURTAINS geht dieser Frage aber nicht weiter nach, fängt nach einem fallenden Vorhang lieber noch einmal neu an: Stryker hat die Idee, Sherwood zu besetzen, verworfen und stattdessen sechs andere Darstellerinnen zum Casting in ein einsames Landhaus geladen. Die geschasste Aktrice ist wütend und kündigt einen Vergeltungsschlag an, der sich schon bald in einer Mordserie zu entladen scheint. Nacheinander fallen die Bewerberinnen um „ihren“ Part einem maskierten Mörder zum Opfer.

CURTAINS ist eine Slasher-Film-Kuriosität, ein Werk, das erst kürzlich wieder ausgegraben und als vergessene Perle beworben wurde. Dem Schema seines Subgenres mag er sich nicht wirklich fügen, das Stalk’n’Slash, das sonst im Zentrum des Interesses steht, nimmt hier einen vergleichsweise kleinen Spielraum ein. Viel eher ist CURTAINS ein Sammelsurium von Ideen, die in ihrer Kombination ein höchst seltsames Ganzes ergeben. Irgendwie hat mich das an Robert Aldrichs THE LEGEND OF LYLAH CLARE erinnert, mit dem CURTAINS vordergründig eigentlich kaum etwas gemeinsam hat. Aber neben seinem Horrorplot handelt Ciupkas Film eben auch vom unbarmherzigen Filmbusiness, von den komplizierten Beziehungen zwischen Regisseuren und ihren Musen, von unerreichbaren Träumen, geplatzten Hoffnungen und gescheiterten Karrieren. Zu allem Überfluss inszenierte Ciupka seinen Film auch noch unter dem Namen seines Film-Alter-egos Stryker, was CURTAINS endgültig auf die selbstreflexive Metaebene hebt und es schwer macht, den Film at face value zu nehmen. Der Film hat eine melodramatische Qualität, die von den bisweilen kitschigen, in Pastelltönen gehaltenen  Bildern gestützt wird, wirkt wie der Albtraum einer im Alkohol- und Tablettenrausch darniederliegenden Diva. Eine mörderische Puppe taucht auch auf, ohne dass man wirklich weiß warum, und ein junger Michael Wincott hat eine Sexszene. Ein wahrlich merkwürdiges Teil.

tenlittleindiansAgatha Christies Roman „And then there were none“ von 1939 wurde etliche Male verfilmt: Die früheste Adaption datiert laut Wikipedia auf 1945 und wurde von René Clair inszeniert, selbst mehrere indische und tamilische Produktionen sind bekannt. Peter Collinsons Film von 1974 liegt ganz auf der Linie der im selben Jahr mit Sidney Lumets MURDER ON THE ORIENT EXPRESS gestarteten Poirot-Reihe: Beeindruckende Star-Ensembles wurden für gediegen-altmodische, leicht schwarzhumorige internationale Prestigeproduktionen vor der Kamera versammelt und für die nötigen Schauwerte an exotische Schausplätze verfrachtet. Im vorliegenden Fall sind es Oliver Reed, Richard Attenborough, Herbert Lom, Elke Sommer, Stephane Audran, Adolfo Celi, Gert Fröbe, Charles Aznavour, Maria Rohm und die Stimme von Orson Welles, die um die Gunst des Zuschauers buhlen. Leider bekommen sie vom Drehbuch nicht viel geliefert: Sie sagen brav ihre Dialogzeilen auf, geistern sonst aber ebenso verloren durch die pompöse Kulisse des Shah Abbas Hotels in Isfahan wie ihre Charaktere, die sich einem unbekannten, aus dem Dunkel zuschlagenden Mörder gegenübersehen. Ich meine, den Film als Kind gesehen und sehr beeindruckend gefunden zu haben, heute regierte eher die Langeweile, die nur von der Sympathie für solche in ihren Marketing-Mechanismen krass durchsichtigen und Mitte der Siebziger von der Zeit eigentlich längst überholten Vehikel etwas gemildert wird.

Man sieht das Potenzial an allen Ecken und Enden: Die Fotografie ist fantastisch, ein Italiener hätte mit den zur Verfügung stehenden Mitteln vermutlich einen wunderbar psychedelischen Giallo gezaubert. So saß aber der Brite Collinson auf dem Regiestuhl: TEN LITTLE INDIANS ist weitgehend spaßfrei, knochentrocken und von seiner eigenen Bedeutung als großes Entertainment allzu sehr überzeugt. Die strukturelle Herausforderung, einen Film ohne Mörder zu drehen, bekommen weder er noch das Drehbuch in den Griff, manchmal nimmt der Film geradezu unverzeihliche Abkürzungen: Die „Durchsuchung“ des in den Totalen als monumentaler Komplex erkennbaren Hotels dauert gerade mal fünf Minuten, nach denen die Figuren wahrhaftig der festen Überzeugung sind, jeden Winkel durchkämmt zu haben. Die meiste Zeit gucken sie demnach trüb in die Gegen und überlegen, wer der Bösewicht sein könnte, bevor einer in rätselhafter Geistesabwesenheit die Gruppe verlässt und ebenso offscreen wie  unspektakulär sein Leben aushaucht. Spannung kommt auch nicht auf, als die Verbliebenen beginnen sich gegenseitig zu verdächtigen, wohl auch, weil keiner von ihnen echtes Profil über sein berühmtes Antlitz hinaus entwickeln darf. Erst der Schlussgag sorgt dann für ein wenig Stimmung und jenes wohlige Frösteln, das TEN LITTLE INDIANS eigentlich während seiner kompletten Laufzeit hätte hervorrufen sollen. Kein richtiger Reinfall, aber doch eher ernüchternd.

headhunter01Ich habe drei oder vier Anläufe gebraucht, um HEADHUNTER zu schauen und nach dem ersten gescheiterten Versuch, bei dem ich gleich mehrfach weggepennt war, hatte ich eigentlich noch vorgehabt, es dabei zu belassen. Der auf der Halbsichtung basierende Text war schon geschrieben, was ich ja eigentlich sonst nicht mache: Es war meine Gattin, die mich davon überzeugte, dem Film noch eine Chance zu geben. Und sie hatte ja auch einen Punkt, denn HEADHUNTER ist schon irgendwie faszinierend: Ihn einfach als Gurke zu bezeichnen, wird ihm nicht gerecht. Es handelt sich nicht, wie ich dachte, um einen typischen Horror-/Slasherfilm der Achtzigerjahre-Prägung, sondern eigentlich um einen trotz aller Klischees recht ungewöhnlichen Copfilm mit übersinnlichen Elementen. Regisseur Schaeffer orientierte sich nicht, wie das Postermotiv glauben macht, an Freddy Krueger und Konsorten, sondern eher an Alan Parkers ANGEL HEART oder Schlesingers THE BELIEVERS. Seine Geschichte um die beiden befreundeten Miami-Cops Katherine Hall (Kay Lenz) und Pete Giuliani (Wayne Crawford), die in einer Serie von Ritualmorden in der nigerianischen Gemeinde der Stadt ermitteln und sich dabei von gefestigten Realitätsvorstellungen verabschieden müssen, ist eigentlich sehr interessant.

Schaeffer scheint das auch zu wissen: Seine Protagonisten sind keine souveränen Supercops, sondern höchst durchschnittliche Typen, die schnell merken, dass sie auf verlorenem Posten kämpfen, mit ihren Hilfegesuchen aber immer wieder in beinahe kafkaesker Manier bei ihrem rassistischen Chef auf taube Ohren stoßen. Der will einen Fall, in dem eh nur ein paar „negroes“ sterben, und zwar noch nicht einmal „our negroes“, keinesfalls verkomplizieren. Die Beziehung zwischen Katherine und Pete nimmt relativ viel Raum ein: Er ist gerade von seiner Frau vor die Tür gesetzt worden, weil sie sich eine Geliebte zugelegt hat und leidet darunter wie ein Hund, hat aber auch ein Faible für die Partnerin, die indessen mit einem etwas weniger weinerlichen Kollegen liiert ist. Die Freundschaft der beiden Cops ist fast wichtiger als der Fall, in dem sie ermitteln, und so wie sie sich darstellt, recht originell und liebenswert. Auch im letzten Drittel wird es nicht zur sonst unvermeidlichen Sexszene kommen. Die nigerianische Gemeinde Miamis, eigentlich ein überaus reizvoller Hintergrund, bleibt demgegenüber leider ein bloß ornamentales Detail. Doch so klischeehaft die afrikanischen Immigranten mit ihren natürlich heidnischen Ritualen auch gezeichnet sein mögen, das Streben Schaeffers nach einer Verständigung zwischen den beiden fremden Welten wirkt ernst gemeint. Die exzellente Fotografie des deutschen Hans Kühle liefert tolle, stimmungsvolle und farbintensive Bilder und rückt immer wieder den Kontrast zwischen der gläsernen Glitzerwelt der US-Metropole und der unbekannten Subkultur der Afrikaner in den Mittelpunkt. Toll ist etwa eine Szene, in der Katherine nachts ein altes, schon von der Natur zurückerobertes Fabrikgelände erkundet und dort dann auf eine Zeremonie der Nigerianer stößt. Oder die Szene bei einem verarmten Afrika-Spezialisten, der mit seiner schwerkranken, hinter einer Atemmaske verborgenen Frau in einem winzigen, völlig zugestellten Zweizimmerappartement haust.

Doch leider, leider vereinen sich die verheißungsvollen Ansätze nie zu einem kohärenten Ganzen. HEADHUNTER ist nicht unbedingt langweilig, wohl aber gnadenlos umständlich erzählt. Er kommt einfach nicht in die Gänge, tritt endlos auf der Stelle, teasert immer wieder einen Spannungsanstieg an, nur um dann wieder zurückzuschalten. Das Finale ist reiner Horror-Kintopp, der mit seinem Gummidämon nicht so recht zum ernsten und bodenständigen Rest passen mag, übereilt und nahezu antiklimaktisch wirkt, selbst wenn zum ersten Mal so richtig die Fetzen fliegen. Wo genau liegt das Problem? Zum einen verfügt Regisseur Schaeffer einfach nicht über das Talent, das dafür nötig war, aus den vielen vorhandenen Ideen den wohl geplanten atemlosen Hochspannungsthriller zu machen. Das Drehbuch ist mitunter zerfahren, häuft einfach zu viele Ansätze an, ohne sie konsequent zu Ende zu entwickeln. Und dann sind da die aus dem Fernsehen entsprungenen und nicht gerade mit einem Übermaß an Charisma ausgestatteten Hauptdarsteller, die auf Distanz halten (Wayne Crawford ausdrücklich ausgenommen). Auch die technische Seite lässt mitunter zu wünschen übrig: Vor allem die Tonmischung ist unterirdisch, die Dialoge dumpf und mitunter nur schwer zu verstehen, offensichtliche Overdubs sollen Schwachstellen kaschieren, verstärken aber nur den Eindruck, dass hier mit ganz heißer Nadel gestrickt wurde.

Mit einem abschließenden Urteil tue ich mich sehr schwer: Ich finde es durchaus lobenswert, dass die Macher mit HEADHUNTER versuchten, eigene Wege zu gehen, und würde es dem Film immer zugute halten. Richtig gelungen ist das alles aber trotzdem nicht.

flatliners-posterHing damals vielleicht sogar das deutsche Kinoposter in meinem Zimmer? Ich weiß es nicht mehr genau, wohl aber, dass ich FLATLINERS damals im Kino sah und ziemlich knorke fand. Wobei die Tatsache, dass ich mir für die Zweitsichtung trotzdem satte 26 Jahre Zeit gelassen habe, einige Rückschlüsse auf die Belastbarkeit dieser Meinung zulässt. Dass die Ernüchterung groß gewesen wäre, kann ich nicht behaupten: Schumacher hat ein paar brauchbare Filme gedreht, aber bedeutend häufiger großen Käse verbrochen. FLATLINERS ist nicht ganz so hirnerweichend dumm wie sein magnum opus 8MM, aber das liegt einzig daran, dass er sich für seine Auseinandersetzung mit der Frage, was nach dem Tod kommt, ins Reich der Fantasie begibt, wo man sich eben grundsätzlich einigen Unfug erlauben kann, ohne dafür ausgelacht zu werden. Dass die „Erkenntnisse“, die er bei seinem kleinen Ausflug ins Nachleben gewinnt, erschreckend banal sind für den Lärm, mit dem sie dargeboten werden, dürfte aber selbst dem einfältigsten Zuschauer kaum entgehen. Man spielt nicht mit dem Tod, weil es dafür gute Gründe gibt, die sich der liebe Gott in seiner Weisheit ganz allein ausgedacht hat. Und wenn doch, etwa weil man ein übermotivierter Medizinstudent ist, sollte man durch die Erfahrung wenigstens zum besseren Menschen werden, das ist ja wohl das Mindeste. So oder ähnlich könnte man FLATLINERS zusammenfassen.

Ich scheue trotzdem davor zurück, den Film rundheraus zu verreißen, obwohl er es durchaus verdient hat. Aber ich habe Mitleid mit ihm, denn er entspricht ziemlich genau dem Bild, dass man sich von einem Schumacher-Film aus dem Jahr 1990 macht. Der Mann war nie für seine besondere Subtilität bekannt, sondern dafür, seine Filme so zu designen, dass man den Zeitpunkt ihrer Produktion beinahe punktgenau benennen kann. FLATLINERS ist dann auch eine schöne Zeitkapsel, in der alles, was am Jahr 1990 glatt und oberflächlich und dumm und zum Glück schnell wieder vorbei war, für immer konserviert ist. Kiefer Sutherland trägt Restvokuhila und macht mit undefinierter Speckplauze klar, warum er seinen damaligen Jungstar-Status nicht zu einer richtigen Hollywood-Karriere ausweiten konnte. William Baldwin gibt einen Vorgeschmack auf SLIVER, einen anderen Nineties-Kackfilm, und bekommt von einer Verehrerin gesagt, er sehe aus wie ein Model. Ja, damals sahen Traumtypen eben aus wie schmierige Rasierwerbungsvergewaltiger. Julia Roberts hat fritzelige Endloslocken und trägt diese hüfthohen, arschbetonten Jeans. Kevin Bacon hat lange Haare, Lederjacke und Holzfällerhemden, fährt einen Armee-Jeep und seilt sich aus seinem Apartement ab, anstatt die Treppe zu benutzen. Außerdem ist er Atheist und hat die Regeln der Medizinschule gebrochen: ein Rebell eben. Oliver Platt ist brillant, deshalb trägt er Fliege und darf sonst nichts machen. Alles ist in goldbraunrotes Licht getaucht, man sieht ständig Kreuze und Heiligenbilder, weil es ja um Tod und Gott und so geht, und wenn es gruselig werden soll, knallt Jan de Bont den Blaufilter rein, passt dann schon.

FLATLINERS ist so besessen von seinem eigenen Style, dass er seine haarsträubend dumme Geschichte gar nicht bräuchte, um Lachattacken auszulösen. Die Medizinstudenten wohnen allesamt in riesigen Loftwohnungen oder Altbauappartements mit jeweils eigener Lichtstimmung und perfekt ihren Charakter widerspiegelnder Einrichtung. Aus Gullideckeln steigt immer diese ominöse Dampf auf. Mit Vorliebe stromern die Protagonisten des nachts durch menschenleere Straßen in abgerissenen Vierteln oder an Bahndämmen entlang. In einem riesigen, blutrot ausgeleuchteten Diner ist außer ihnen keine Menschenseele. Ihre geheimen Experimente machen sie in einer prachtvollen alten Kirche, die eigentlich eine Touristenattraktion sein sollte, hier aber völlig verlassen ist. Die erste Gruselszene ereignet sich wie durch Zufall in einer dunklen Sackgasse mit ominösen Neonfratzen-Grafittis. Und die Todeserfahrungen beinhalten so originelle Bilder wie den Flug über verschneite Berggipfel und im Wind wogende Wiesen oder hinein in dunkle U-Bahn-Schächte. Man versteht sofort, dass das alles sehr, sehr deep ist, weshalb es gar nicht schlimm ist, dass FLATLINERS tatsächlich soviel Tiefgang hat wie ein Fischkutter auf einer Sandbank.

Die Story dreht sich bekanntlich um ein paar Jungmediziner, die herausfinden wollen, was nach dem Tod passiert, weshalb sie ihren Tod medizinisch kontrolliert herbeiführen und sich dann zurückholen lassen. Ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse treten jedoch bald zugunsten eines jugendlichen Mutprobengehabes in den Hintergrund. Nachdem der coole Nelson (Kiefer Sutherland) zwei Minuten im Jenseits verblieben ist, müssen die anderen ihn überbieten, bringt ja sonst nix, so wissenschaftlich gesehen und so. Das bietet Anlass für cooles Mackergehabe der Typen einerseits und für beleidigtes Weibergezicke von Rachel (Julia Roberts) andererseits, weil sie immer wieder von den Kerlen überboten wird. Sie darf zum Ausgleich dafür den BH anbehalten, als sie ins Jenseits geschickt wird. Die Probleme, die die Protagonisten aus dem Totenreich mitbringen, sind, wie man das von Schumacher erwarten darf, erschreckend bieder und furchtbar moralisch: Nelson hat als Kind aus Versehen einen Schulkameraden getötet (und nebenbei noch dessen Hund). David (Kevin Bacon) hat immer ein kleines Mädchen gehänselt. Joe (William Baldwin) benutzt und belügt Frauen (und filmt sie beim Sex!). Rachel hat ihren Veteranenpapa beim Fixen erwischt und in den Selbstmord getrieben. Was das mit dem Jenseits zu tun hat, bleibt das Geheimnis von Schumacher, der am Ende aber trotzdem alle zu besseren Menschen macht, weil das so schön amerikanisch ist und zu einem Film halt dazugehört, auch wenn es keinen Sinn ergibt.

FLATLINERS erinnert mich ein bisschen an meine Tochter, die sich manchmal die Ohren zuhält, wenn wir sie mit etwas Unangenehmem konfrontieren oder sie schimpfen. Schumacher hat seine Idee, von der lässt er sich nicht abbringen, auch wenn er sich damit selbst widerspricht. Einmal fragt Rachel den Atheisten David, warum alle Menschen, die von einer Todeserfahrung sprechen, Ähnliches davon berichten, wenn es doch seiner Meinung nach kein Jenseits gebe. David antwortet überzeugend, dass dahinter die Tätigkeit eines Hormons stecken könnte, das im Moment des Todes freigesetzt wird. „Now you’re reaching“, ist Rachels Antwort, die das Gespräch autoritär beendet. Schumacher ist der Troll unter den amerikanischen Filmemachern: kackdreist, unverschämt, dumm und für vernünftige Argumente unempfänglich. Aber manchmal auch ganz praktisch, wenn man jemanden ohne Reue beleidigen will. Schumacher, du blöde unfähige Sau, deine Filme sind so kackfickdumm wie ein Meter Feldweg. Bitte mehr davon.

37280_230Mehr als ein Jahr habe ich MÄDCHEN MIT GEWALT vor mir hergeschoben: Ich wusste nicht so recht, was ich von dem Film erwarten sollte, trotz der lobenden Worte meiner Freunde von Eskalierende Träume, die auch in die Erstellung des Bonusmaterials auf der Subkultur-Veröffentlichung involviert waren. Nur dass es um Vergewaltigung gehe, wusste ich, was ein zusätzliches Problem darstellte, da ich Filme für gewöhnlich mit meiner lieben Gattin zusammen schaue, die eine exploitative Herangehensweise an das Thema nachvollziehbarerweise eher nicht so gut verkraftet. Es gab in meiner Vorstellung genau zwei Möglichkeiten: Entweder, MÄDCHEN IST GEWALT war ein richtig harter Diskursstreifen, für den man sich wappnen muss, oder ein provokanter Exploitationbolzen, der nicht ehefrauentauglich ist. Vorsichtshalber habe ich ihn daher allein geschaut und bin mir heute ziemlich sicher, dass er auch Leena gefallen hätte.Glücklicherweise liegt MÄDCHEN MIT GEWALT nämlich ziemlich genau in der Mitte der beiden Pole, nimmt eindeutig die Position der Frau ein, ohne aber zum lahm-aufklärerischen Sozialdrama zu verkommen. Der Film hat seine Untiefen, und das ist gut so, aber man muss keine ideologischen Verrenkungen vornehmen, um ihn schätzen zu können.

Die Protagonisten sind die Angestellten Werner (Klaus Löwitsch) und Mike (Arthur Brauss). Beide hängen ständig zusammen rum, scheinen außer einander keinerlei Freunde zu haben: Kein Wunder, beide sind ziemlich Soziopathen und gehen regelmäßig gemeinsam auf Frauenjagd, wobei der Begriff sehr wörtlich zu nehmen ist. Frauen sind keine gleichberechtigten Partner für sie, es geht ihnen nicht um die Eroberung, den Kitzel des Flirts, das Schaffen einer Verbindung, sondern um Erniedrigung, Bedrohung und Unterwerfung. Auf einer Go-Kart-Bahn lernen sie Alice (Helga Anders) kennen, die mit ihren Freunden (darunter Rolf Zacher) da ist. Gemeinsam beschließt man, zum nächtlichen Nacktbad und Grillen einen Baggersee aufzusuchen. Doch Werner und Mike hängen Alice‘ Freunde ab und sind nun mit dem Mädchen allein. Die muss bald feststellen, dass die beiden Typen besondere Pläne mit ihr haben …

MÄDCHEN MIT GEWALT spielt sich innerhalb eines Zeitraums von etwa 24 Stunden ab, die meiste Zeit davon während der Nacht und des anbrechenden Morgens, und konzentriert sich dabei nach einer etwa halbstündigen Exposition ganz auf die Dynamik zwischen den drei Hauptfiguren. Man glaubt, dass es zu einem Kippen des zunächst etablierten Machtgefüges kommen wird, dass die beiden fiesen Vergewaltigerschweine ihr Fett wegbekommen und sich die fragile Alice als Rächerin behauptet, aber Regisseur Fritz ist an den Konventionen des Genrefilms nicht interessiert. Es gibt am Ende keine eindeutigen Sieger und Verlierer, keine Moral von der Geschicht und keine Katharsis, nur Fragen. Und das ist gut so, macht Fritz‘ Film zu einer Ausnahmeerscheinung. Es ist aber wohl auch der Grund dafür, dass der Film von der Kritik missverstanden und verrissen wurde, an der Kinokasse unterging und danach für gut 45 Jahre in der Versenkung verschwand. Es war Fritz‘ letzter Kinofilm, bevor er seine Regiekarriere 1981 mit FRANKFURT KAISERSTRASSE für die LISA-Film beendete. Die Fähigkeiten Fritz‘ erkannte man wohl: So bescheinigte ihm etwas das Hamburger Abendblatt gönnerhaft, „dazugelernt“ zu haben, aber ansonsten wollte man vor allem brutal ausgespielte Gewaltszenen und Geschmacklosigkeiten gesehen haben. Mit einem Kino, das keine eindeutigen Handlungsanweisungen gibt oder mit einer griffigen Lebensweisheit endet, hat man sich in Deutschland schon damals schwer getan.

Dabei gibt es in MÄDCHEN MIT GEWALT nicht nur viel zu entdecken für einen Drei-Personen-Film, der in einer Kiesgrube spielt, sondern auch jenen entspannten Erzählflow, der sonst eher nicht so die Stärke des deutschen Films ist. Anders als vergleichbare „Kammerspiele“ wirkt MÄDCHEN MIT GEWALT eben nicht überkonstruiert und parabelhaft-künstlich, sondern absolut natürlich in seiner Handungsentwicklung, die weniger einem genialischen Plotkonstrukt, sondern dem zufälligen Zusammentreffen der einzelnen Charaktere entspringt. Vor allem die Dynamik, die Werner und Mike entwickeln, ist faszinierend und spannend, ständig in Bewegung und verhindert so, dass man den weiteren Verlauf schon im Vorfeld absehen kann. Zunächst scheint es nämlich so, als habe Werner die Hosen an: Er ist im Job der Ranghöhere, derjenige, der bei den gemeinsamen Raubzügen die Initiative ergreift, den etwas schüchtern anmutenden Mike anschubst. Aber dieses Bild muss bald relativiert werden: Werners Aggression ist auch Zeichen einer tiefen Unsicherheit, während Mikes abwartende Haltung aus dem Selbstbewusstsein und der daraus resultierenden Ruhe entspringt. Als die beiden mit Alice allein in der Kiesgrube sitzen, ist es Mike, der das Spiel bestimmt, Werner zügelt, wenn es nötig ist. Aber diese Konstellation ist es auch, die ihr Spielchen beinahe eskalieren lässt. Denn Werner wittert bald Morgenluft, hat keinen Bock mehr, immer nur die zweite Geige zu spielen und meint, in seinem Wahn, es könne tatsächlich eine gemeinsame Zukunft für ihn und Alice geben. Am Ende haben sich beide blutig geprügelt, versucht sich abzustechen und sich gegenseitig umzubringen. Als die Polizei anrückt, sieht es so aus, als gingen die beiden doch noch in den Bau. Aber dazu kommt es nicht: Zu dritt fahren die drei ab wie eine neue, schwer dysfunktionale, aber irgendwie auch perfekte Familie. Die beiden Männer, die sich brauchen, um sich über ihre Schwächen hinwegzutäuschen, die junge Frau, der sie sich überlegen fühlen, die aber das Ruder heimlich in den Händen hält aus Mitleid mit diesen armen, schwanzgesteuerten Tröpfen, aber auch in dem Wissen, dass der Tag der Frau erst in Zukunft anbrechen wird.

 

 

 

capricorn-one-14889Endlich, endlich, endlich habe ich ihn gesehen. Hyams mag ich eh – einer der zu Unrecht vergessenen Professionals der Siebziger- und Achtzigerjahre, Vertreter einer Gattung von Filmemacher, die es heute nicht mehr gibt: versiert und ambitioniert, ohne sich selbst zu wichtig zu nehmen, immer nur dem gerade anstehenden Werk verpflichtet – und CAPRICORN ONE hatte ich seit mehr als 20 Jahren auf der Liste. Zum ersten Mal las ich von dem Film anlässlich seiner TV-Ausstrahlung und die Story fand ich sofort super. Aus welchem Grund es erst jetzt geklappt hat, weiß ich eigentlich nicht.Einzige Entschuldigung ist wohl, dass CAPRICORN ONE nicht gerade dr Riesen-Publikumsschlager ist, der ständig im Fernsehen liefe oder einem von den einschlägigen Versandhäusern entsprechend aufmerksamkeitsträchtig angedient würde. Ich habe ihn einfach immer wieder vergessen. Aber das lange Warten hat sich gelohnt, denn CAPRICORN ONE ist ziemlich genau so toll, wie ich es mir erhofft hatte.

Hyams inszenierte gegen Ende der Siebzigerjahre einen Nachzügler des paranoiden Politthrillers, der im Zuge von Watergate zu großer Popularität gelang. Auch bei ihm geht es um die finsteren Machenschaften der Politiker, die nicht davor zurückschrecken, Menschen zu opfern, wenn ihnen das hilft, die eigene Haut und das Budget für das nächste Jahr zu sichern, die in der Lage sind, Existenzen ganz einfach auszulöschen und Menschen buchstäblich vom Erdboden verschwinden zu lassen. Und die diese Skrupellosigkeit mit der Nüchternheit des Sachbeamten verargumentieren, über so etwas wie ein Gewissen, das ihnen in die Quere kommen könnte, gar nicht mehr zu verfügen scheinen (Hal Holbrook ist gleichermaßen furchteinflößend wie mitleiderregend als Richter im Namen der ökonomischen Ratio). Doch die bleiche Desillusioniertheit, die Filme wie THE PARALLAX VIEW oder ALL THE PRESIDENT’S MEN auszeichnete, ist in CAPRICORN ONE nicht mehr ganz so ausgeprägt: Weil Hyams weniger die bissige Kritik als vielmehr der Wunsch antreibt, sein Publikum zwei Stunden ordentlich durchzuwirbeln, gibt es am Ende zum Beispiel ein etwas kitschig geratenes Happy End – das etwa Alan J. Pakula so gewiss nicht inszeniert hätte.

Toll ist CAPRICORN ONE, weil er ganz unterschiedliche Elemente unter einen Hut bringt: den kalten Politthriller mit Private-Eye-Elementen – Elliott Gould ist der Verschwörung als Journalist Robert Caulfield dicht auf der Spur – aber auch den erhitzten Survival-Film vor unwirtlicher Wüstenkulisse. Wenn die flüchtigen Astronauten (James Brolin, O. J. Simpson und Sam Waterston) vor den Häschern im Staatsauftrag fliehen und sich durch die endlose Weite einer amerikanischen Felsenwüste schlagen müssen, ist das natürlich ein schöner Kontrapunkt zur im Fernsehstudio arrangierten Marskulisse – und eine unerwartete Überspitzung ihrer ursprünglichen Mission. Auf dem fremden Planeten wären sie ungleich sicherer gewesen, auf der Erde lauern waffenstarrende Helikopter mit schwarz getönten Scheiben wie motorisierte Riesenlibellen. Hyams schreckt nicht davor zurück, Bilder und Ruhemomente auch mal länger stehen zu lassen, anstatt immer bloß zur nächsten Attraktion zu hetzen, und schafft so mitunter eine eigentümliche Atmosphäre, die das Unfassliche der zugrundliegenden Geschichte erst richtig zur Geltung bringt. Die Schauspieler helfen ihm dabei: Hal Holbrook hatte ich schon erwähnt, grandios sind auch David Doyle in einem szenefressenden Kurzauftritt als Caulfields Chef, Brenda Vaccaro als trauernde Ehefrau sowie James Karen als Vizepräsident, David Huddleston als großkotziger Politiker und natürlich Telly Savalas als brummiger Pilot, der am Ende die Stimmung heben darf.

Manisches Herzstück von CAPRICORN ONE ist aber die Episode um die Auslöschung von Caulfields Bekanntem: Wie der innerhalb von wenigen Sekunden während Caulfields Gang zur Theke aus einer gut besuchten Bar verschwindet, in seiner Wohnung nichts mehr an ihn erinnert, vielmehr eine fremde Frau behauptet, schon immer dort gewohnt zu haben, ist auch deshalb so gruselig, weil Hyams es vergleichsweise unaufgeregt in Szene setzt und Elliott Gould das Ganze seinerseits nur mit einem belämmerten Gesichtsausdruck quittiert. Diese Beiläufigkeit ist eine Stärke des Films, dem man daher auch manchen kleineren Fehlgriff – wie das erwähnte Happy End – gern verzeiht.