Mit ‘Thriller’ getaggte Beiträge

capricorn-one-14889Endlich, endlich, endlich habe ich ihn gesehen. Hyams mag ich eh – einer der zu Unrecht vergessenen Professionals der Siebziger- und Achtzigerjahre, Vertreter einer Gattung von Filmemacher, die es heute nicht mehr gibt: versiert und ambitioniert, ohne sich selbst zu wichtig zu nehmen, immer nur dem gerade anstehenden Werk verpflichtet – und CAPRICORN ONE hatte ich seit mehr als 20 Jahren auf der Liste. Zum ersten Mal las ich von dem Film anlässlich seiner TV-Ausstrahlung und die Story fand ich sofort super. Aus welchem Grund es erst jetzt geklappt hat, weiß ich eigentlich nicht.Einzige Entschuldigung ist wohl, dass CAPRICORN ONE nicht gerade dr Riesen-Publikumsschlager ist, der ständig im Fernsehen liefe oder einem von den einschlägigen Versandhäusern entsprechend aufmerksamkeitsträchtig angedient würde. Ich habe ihn einfach immer wieder vergessen. Aber das lange Warten hat sich gelohnt, denn CAPRICORN ONE ist ziemlich genau so toll, wie ich es mir erhofft hatte.

Hyams inszenierte gegen Ende der Siebzigerjahre einen Nachzügler des paranoiden Politthrillers, der im Zuge von Watergate zu großer Popularität gelang. Auch bei ihm geht es um die finsteren Machenschaften der Politiker, die nicht davor zurückschrecken, Menschen zu opfern, wenn ihnen das hilft, die eigene Haut und das Budget für das nächste Jahr zu sichern, die in der Lage sind, Existenzen ganz einfach auszulöschen und Menschen buchstäblich vom Erdboden verschwinden zu lassen. Und die diese Skrupellosigkeit mit der Nüchternheit des Sachbeamten verargumentieren, über so etwas wie ein Gewissen, das ihnen in die Quere kommen könnte, gar nicht mehr zu verfügen scheinen (Hal Holbrook ist gleichermaßen furchteinflößend wie mitleiderregend als Richter im Namen der ökonomischen Ratio). Doch die bleiche Desillusioniertheit, die Filme wie THE PARALLAX VIEW oder ALL THE PRESIDENT’S MEN auszeichnete, ist in CAPRICORN ONE nicht mehr ganz so ausgeprägt: Weil Hyams weniger die bissige Kritik als vielmehr der Wunsch antreibt, sein Publikum zwei Stunden ordentlich durchzuwirbeln, gibt es am Ende zum Beispiel ein etwas kitschig geratenes Happy End – das etwa Alan J. Pakula so gewiss nicht inszeniert hätte.

Toll ist CAPRICORN ONE, weil er ganz unterschiedliche Elemente unter einen Hut bringt: den kalten Politthriller mit Private-Eye-Elementen – Elliott Gould ist der Verschwörung als Journalist Robert Caulfield dicht auf der Spur – aber auch den erhitzten Survival-Film vor unwirtlicher Wüstenkulisse. Wenn die flüchtigen Astronauten (James Brolin, O. J. Simpson und Sam Waterston) vor den Häschern im Staatsauftrag fliehen und sich durch die endlose Weite einer amerikanischen Felsenwüste schlagen müssen, ist das natürlich ein schöner Kontrapunkt zur im Fernsehstudio arrangierten Marskulisse – und eine unerwartete Überspitzung ihrer ursprünglichen Mission. Auf dem fremden Planeten wären sie ungleich sicherer gewesen, auf der Erde lauern waffenstarrende Helikopter mit schwarz getönten Scheiben wie motorisierte Riesenlibellen. Hyams schreckt nicht davor zurück, Bilder und Ruhemomente auch mal länger stehen zu lassen, anstatt immer bloß zur nächsten Attraktion zu hetzen, und schafft so mitunter eine eigentümliche Atmosphäre, die das Unfassliche der zugrundliegenden Geschichte erst richtig zur Geltung bringt. Die Schauspieler helfen ihm dabei: Hal Holbrook hatte ich schon erwähnt, grandios sind auch David Doyle in einem szenefressenden Kurzauftritt als Caulfields Chef, Brenda Vaccaro als trauernde Ehefrau sowie James Karen als Vizepräsident, David Huddleston als großkotziger Politiker und natürlich Telly Savalas als brummiger Pilot, der am Ende die Stimmung heben darf.

Manisches Herzstück von CAPRICORN ONE ist aber die Episode um die Auslöschung von Caulfields Bekanntem: Wie der innerhalb von wenigen Sekunden während Caulfields Gang zur Theke aus einer gut besuchten Bar verschwindet, in seiner Wohnung nichts mehr an ihn erinnert, vielmehr eine fremde Frau behauptet, schon immer dort gewohnt zu haben, ist auch deshalb so gruselig, weil Hyams es vergleichsweise unaufgeregt in Szene setzt und Elliott Gould das Ganze seinerseits nur mit einem belämmerten Gesichtsausdruck quittiert. Diese Beiläufigkeit ist eine Stärke des Films, dem man daher auch manchen kleineren Fehlgriff – wie das erwähnte Happy End – gern verzeiht.

e9hxsmmkolgfxigay3in1hmm3l0Deutschland, deine Titelschmiede: QUELLA ETÀ MALIZIOSA (etwa: „Dieses bösartige Alter“) erschien hierzulande erst 1981, also sechs Jahre nach seiner italienischen Kinoauswertung, und wurde sogleich dem noch immer nicht abgekühlten FLOTTE TEENS-Zyklus eingemeindet, der schon kaum noch zu überblicken war und mit seinem ursprünglichen Ausgangspunkt LA LICEALE rein gar nichts mehr zu tun hatte. So wurde Amadios Film dann flugs FLOTTE TEENS UND HEISSE TYPEN oder auch WENN BEI TEENS DIE HÜLLEN FALLEN getauft, auf Video gar als DIE SÜNDIGEN TÖCHTER VON IBIZA vermarktet. Vor allem letzterer Einfall ist ein echtes Husarenstück, denn der Film spielt zum einen auf Elba, zum anderen kommt nur eine einzelne sündige Tochter darin vor.

QUELLA ETÀ MALIZIOSA verstärkt die bei meinen Ausflügen ins Oeuvre des blonden Sexsternchens Gloria Guida gewonnene Erkenntnis, dass die Commedia sexy all’Italiana ein bisweilen tückisches Genre ist. Auch dieser Beitrag ist alles andere als komisch, hat viel mehr mit dem amerikanischen Noir gemein als mit dullen Tittenwitzchen, die von Scherzbolden wie Gianfranco D’Angelo, Alvaro Vitali, Lino Banfi oder Mario Carotenuto grimassierend kommentiert werden. Schon die Auftaktsequenz, in der Protagonist Napoleone (Nino Castelnuovo) – Elba + Napoleon, get it? – schweigend, aber zunehmend genervt eine minutenlange Schimpftirade von einer hinter der subjektiven Kamera verborgen bleibenden Mutter über sich ergehen lassen muss, bevor er (letztlich aber folgenlos) sogar zur Schusswaffe greift, erstickt jede Hoffnung auf harmloses Amüsement im Keim. Danach verschlägt es den seinen Lebensumständen verständlicherweise Entfliehenden nach Elba, wo er im Auftrag einer wohlhabenden Familie als Gärtner arbeiten soll. Die Mutter (Anita Sanders), eine unterkühlte Rothaarige, scheint irgendetwas zu verbergen, der Vater (Andrea Aureli), angeblich unter einer schweren Krankheit leidend, bleibt lange unsichtbar, und die Tochter Paola (Gloria Guida) fängt schon im Bus an, sich heftig an dem neuen Bediensteten zu reiben. Es entspinnt sich eine Affäre zwischen Napoleone und der ihre jugendlichen Reize provokant einsetzenden Jugendlichen, doch statt Liebesglück und Happy End setzt es Mord und Totschlag …

Wieder einmal ein komischer Film: Für einen Quasi-Noir verwendet Amadio zu viel Zeit auf das amouröse Hin und Her zwischen den Protagonisten und die Geheimniskrämerei der Familie, deren Zweck sich nicht so recht erschließen mag. Man erwartet am Ende, dass das alles ein großes Komplott war, dass man Napoleone gar nicht als Gärtner, sondern als willfährigen Mordgehilfen engagiert hat, aber dem ist nicht so. Das böse Finale ist eigentlich dem Zufall geschuldet und warum dem armen Napo so böse mitgespielt wird, erschließt sich aus dramaturgischer Sicht nicht wirklich. Was soll man aus QUELLA ETÀ MALIZIOSA mitnehmen? Dass man sich besser nicht mit den frechen, minderjährigen Töchtern seiner Arbeitgeber einlässt? Dass man auf seine Mama hören und was Ordentliches lernen soll? Dass Elba mit seiner urwüchsigen Vegetation und den schroffen Felsen immer eine Reise wert ist? Oder dass Fischer sich auf der Mittelmeerinsel mit ekstatischen Veitstänzen als geeigneter Sexualpartner anbieten? Es bleibt das Geheimnis von Silvio Amadio und – wieder einmal – Piero Regnoli, die das Drehbuch gemeinsam verfassten und viele interessante Ideen einbrachten, die am Ende etwas unverbunden nebeneinanderstehen. Trotz vieler offen bleibender Fragen ist QUELLA ETÀ MALIZIOSA aber durchweg unterhaltsam, wenn auch nicht unbedingt spannend. Vielleicht ist es sogar eine ausgesprochene Stärke, dass die Dinge hier so unvermittelt passieren, ohne in passende Schubladen eingeordnet werden zu können. Ich bin mir noch nicht so sicher, aber durchaus fasziniert.

s-l1000Mario Imperolis zweiter Film mit Gloria Guida – er hatte sie bereits bei ihrem Spielfilmdebüt LA RAGAZZINA dirigiert – ist ein seltsames Teil. Zunächst deutet alles auf eine typische Sexkomödie hin: Die jugendliche Herumtreiberin und Gelegenheitsprostituierte Daniela Anselmi (Gloria Guida), genannt „Blue Jeans“, wird von der Polizei mit einem Freier aufgegriffen. Weil sie noch minderjährig ist, kommt die Frage nach ihren Eltern auf, doch Daniela behauptet, dass ihre Mutter tot sei und sie ihren Vater nie getroffen habe. Letzterer wird von den Staatsbeamten relativ schnell ausfindig gemacht: Es handelt sich um Dr. Carlo Anselmi (Paolo Carlini), einen Kunstrestaurator, der gerade mitten in der Scheidung von seiner zweiten Ehefrau steckt und mit seiner neuen Partnerin, der eifersüchtigen Marisa (Annie Carol Edel), zusammen auf einem zu restaurienden Schloss lebt. Dass er Vater sein soll, kann er kaum glauben, erklärt sich dann aber doch bereit, das freche blonde Früchtchen Daniela in seine Obhut zu nehmen, mit den zu erwartenden Folgen.

Diese Prämisse ist nicht neu, die Witzchen, die sich üblicherweise aufdrängen, bleiben aber aus. Klar, es geht um den Konflikt zwischen dem etwas spießigen und vor allem ungeübten Vater, dem die Freizügigkeit seines Backfischs peinlich ist und der sie daher erfolglos „bändigen“ will. Außerdem sieht er sich recht bald der Eifersucht seiner Geliebten ausgesetzt, der die neue Tochter, die langsam, aber sicher das Herz des frischgebackenen Papas gewinnt, ein Dorn im Auge ist. Aber richtig komisch ist das alles nicht, und der völlige Verzicht auf den überdrehten Humor, den man mit einem solchen Stoff vielleicht assoziiert, macht die eh schon auf einem schmalen Grat wandelnde Inzestgeschichte erst so richtig ungemütlich. Das ist aber noch nicht alles, denn im letzten Drittel vollzieht BLUE JEANS eine 180-Grad-Wendung und verwandelt sich in einen Thriller bzw. Quasi-Noir. Da taucht nämlich ein alter Bekannter Danielas auf, der Zuhälter Sergio (Gianluigi Chirizzi), der gern das Vermögen des Papas einstreichen würde. So wird am Ende sogar noch gestorben – nicht allerdings, ohne dass sich die verhaltene Liebesgeschichte zwischen Papa und Tochter zur handfesten Romanze mit zartem Petting vor dem gemütlich prasselnden Kaminfeuer ausweitet …

Wie gesagt, das ist alles irgendwie hochgradig seltsam, und heute kaum noch nachvollziehbar. Fand man das damals in Italien wirklich witzig? Dass die Commedia sexy all’italiana sich nicht zwingend in Derbheit übte, habe ich ja schon in meinem Text zu LA MINORENNE geschrieben, aber Imperoli hat mit BLUE JEANS gewiss auch keine böse Gesellschaftskritik im Sinn gehabt. Sein Film sitzt zwischen allen Stühlen und will nicht wirklich funktionieren, auch wenn er gewiss kein echter Reinfall ist. Er lohnt sich vor allem deshalb, weil er moralisch ganz weit draußen ist, dabei aber aussieht und sich anfühlt wie ein Unterhaltungsfilm für die ganze Familie. Das so hinzubekommen, ist auch eine Kunst.

screamforhelpmovieposterNachdem ich nun etliche Filme von Michael Winner nachgeholt und seine Autobiografie gelesen habe, bin ich nur wenig klüger als vorher. Sein Ruf als Filmemacher ist nicht unbedingt der beste gewesen: Nicht nur wird er oft für seine politische Gesinnung kritisiert und von ehemaligen Weggefährten als Arschloch und Misogynist bezeichnet, auch seine handwerklichen Fähigkeiten werden mitunter in Frage gestellt. Die Leichtigkeit seiner frühen Brit-Klassiker (THE SYSTEM, THE JOKERS, I’LL NEVER FORGET WHAT’S ‚ISNAME) war schnell verschwunden und wich einer bisweilen bleiernen Klobigkeit, die man durchaus abstoßend finden kann. Dass er seine Filme gern dazu nutzte, sein Publikum zu provozieren, oft um der reinen Provokation Willen, trägt zu diesem Eindruck bei. Ich weiß nicht, ob Winner wirklich so an Film als Kunst interessiert war: Auch wenn er in seiner Autobiografie schreibt, wie gern er in seiner Kindheit und Jugend ins Kino gegangen ist, spürt man nur wenig Leidenschaft oder gar Liebe zur Kunst in seinen Filmen. Es fühlt sich für mich so an, als sei die Entscheidung, Regisseur zu werden, aus reinem Klakül gefällt worden: Winner wusste, dass er mit Filmen die meisten Menschen würde erreichen können und demnach auch die größtmögliche Wirkung erzielen.

SCREAM FOR HELP ist heute kaum noch zu erklären. Winners Stern war in den Achtzigerjahren bereits im Sinkflug, von der einstigen Hoffnung des britischen Kinos war nicht mehr so viel übrig, ein Superhit wie DEATH WISH schien bereits ganz außer Reichweite. Aber kurz zuvor hatte er immerhin noch mit Faye Dunaway und John Gielgud zusammengearbeitet und ein Jahr später sollte er Charles Bronson eine weitere Rückkehr als Paul Kersey bescheren. In der Gegenwart von Stars fühlte Winner, der sich bereits als Jugendlicher das Taschengeld als Film- und Societyjournalist aufgebessert hatte, immer wohl: Was also bewog ihn dazu, SCREAM FOR HELP zu drehen, einen zwar recht spannenden, aber doch auch irgendwie unspektakulären kleinen Thriller (für den er immerhin Led-Zeppelin-Bassist John Paul Jones als Komponisten gewinnen konnte)? Vielleicht wollte auch Winner seine Hitchcock-Hommage drehen, aber von dessen Eleganz ist er mit dem mitunter grotesk plumpen, sleazigen Schocker weit entfernt. Was nicht heißt, dass SCREAM FOR HELP ohne Meriten ist, denn Sleaze und Geschmacksunsicherheit sind ja auch was Feines.

Die Teenagerin Christie Cromwell (Rachael Kelly) hat ihren Stiefvater Paul Fox (David Allen Brooks) im Verdacht, ihre Mutter (Marie Masters) umbringen zu wollen, seit sie ihn bei der Maipulation eines Sicherungskastens erwischt hat, dem wenig später ein Elektriker zum Opfer fiel. Sie beobachtet ihn beim Tête-à-tête mit einer anderen Frau, die offensichtlich seine Ko-Konspiratorin ist. Aber niemand will Christie glauben, auch nicht als sie selbst Zielscheibe diverser Mordanschläge wird …

Drehbuchautor Tom Holland hat für Winner eigentlich einen recht hübschen Paranoia-Thriller geschrieben, der in seinem Schlussdrittel mit einem unerwartet spannenden Belagerungsszenario aufwartet: Von den Schurken in ihrem Haus gefangen genommen, müssen sich Mutter und Tochter gemeinsam ihres Lebens erwehren und wachsen dabei über sich hinaus. Das ist auch deshalb so effektiv, weil Winner die Auseinandersetzungen mit einer ruppigen Härte inszeniert, die man von den in den frühen Neunzigern reüssierenden Home-Invasion-Hochglanzthrillern, die SCREAM FOR HELP etwas vorwegnimmt, eher nicht kennt. Trotzdem ist es nicht ganz leicht, diesen Film so richtig einzuordnen. Die sich durch den ganzen Film ziehende Thematisierung jugendlicher Sexualität läuft der eigentlichen Handlung fast den Rang ab und verblüfft mit geschmacksunsicherer Schmierigkeit, an der zumindest Winner unverkennbar einigen Spaß hat. Protagonistin Christie ist vielleicht keine ausgesprochene Asketin und sie bekommt ja dann auch eine Sexszene mit ihrem Schulfreund Josh (Corey Parker), aber trotzdem sind ihr das orgiastische Rein-Raus und der Austausch von Körperflüssigkeiten der Erwachsenen, aber auch ihrer Freundin Janey (die prompt schwanger wird) einigermaßen suspekt. Als sie ihren Stiefvater beim aggressiven Doggystyle-Sex erwischt, stößt sie der Anblick so sehr ab, dass sie jede Lust auf eigene erotische Betätigung verliert. Das etwas gestelzte Spiel der Jungdarsteller, die Art wie sie die eh schon nicht besonders eleganten Dialogzeilen intonieren und unfreiwillig komisch erscheinen lassen, stützt den Eindruck, dass es hier um jugendliches Unbehagen allgemein geht. Die Angst vor der eigenen wie auch der Körperlichkeit des anderen ist es, die auch Christies Verdacht gegenüber ihrem Stiefvater beflügelt. Dass sie damit Recht hat, ist eher der Genrekonvention geschuldet.

Ein kleines Trivia-Nugget noch zum Abschluss:  In Deutschland erschien SCREAM FOR HELP unter dem bescheuerten Titel SPUR IN DEN TOD. Als ein paar Jahre später Joseph Rubens erstklassiger STEPFATHER herauskam, der ein ganz ähnliches Thema hat, erinnerte sich der deutsche Verleih an Winners Film und machte kurzerhand SPUR IN DEN TOD 2 daraus. Bei STEPFATHER 2 besann man sich dann wieder – oder machte das Chaos vielmehr perfekt, indem man den Originaltitel übernahm, obwohl es den ersten Teil in Deutschland ja streng genommen gar nicht gab. Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht?

 

dirty_weekend_theatrical_release_posterObwohl Michael Winner Ende der Achzigerjahre noch einige prestigeträchtige Filme gedreht hatte – die Agatha-Christie-Verfilmung APPOINTMENT WITH DEATH mit Peter Ustinov in der Rolle des Meisterdetektivs Hercule Poirot sowie den mit Jeremy Irons und Anthony Hopkins hochkarätig besetzten A CHORUS OF DISAPPROVAL -, war seine große Zeit fraglos vorbei. Mehr noch: Sein Output in den späten Siebziger- und Achtzigerjahren hatte seinen in den Sechzigern erworbenen Ruf als „Wunderkind“ des britischen Kinos mehr oder weniger zerstört (wenn auch gewiss nicht zu seinem finanziellen Nachteil), spätestens mit dem grellen Exploiter DEATH WISH 3, wahrscheinlich sein letztes echtes Meisterwerk, war die Karriere als ernstzunehmender Filmemacher im Eimer. Mit DIRTY WEEKEND, seinem vorletzten Film, der Adaption des gleichnamigen Skandal-Romans von Helen Zahavi, der bei seinem Erscheinen 1991 einen Aufschrei moralischer Entrüstung und erhitzte Debatten verursacht hatte und darüber zum Bestseller avanciert war, knüpft Winner nach einigen eher zahmen Werken an DEATH WISH an, seinen größten Erfolg. Und man kann nur darüber staunen, was das für ein schmieriger, sadistischer Film das geworden ist.

Bella (Lia Williams), eine Mittzwanzigerin, zieht nach mehreren frustrierenden Beziehungen in eine Wohnung nach Brighton. Dort wird sie schon nach kurzer Zeit von einem Nachbarn (Rufus Sewell) mit obszönen Anrufen und sogar Morddrohungen belästigt. Genervt davon, sich immer wieder in der Opferrolle einzufinden, beschließt sie, den Spieß umzudrehen. Sie dringt in die Wohnung ihres Nachbarn ein und erschlägt ihn im Schlaf mit einem Hammer. Das Erlebnis beflügelt und inspiriert sie zu einem Rachefeldzug gegen Chauvieschweine und Frauenfeinde, die sie mit Sex ködert und dann kurzentschlossen umbringt …

Vom verspielten Inszenierungsstil von Winners Anfangstagen ist DIRTY WEEKEND weit entfernt und auch die Bilder glamouröser Appartements, Designerinterieurs und anderem Luxus, mit denen sich Winners oft gut situierten Protagonisten umgaben, sucht man vergebens. Hervorstechendstes Merkmal ist die scheußliche Staubigkeit und Durchschnittlichkeit der frühen Neunzigerjahre: Alles sieht falsch, deprimierend und billig aus, nicht nur Kleidung und Möbel, auch die Körper. Richtiggehend abstoßend wird es, wenn Bella in der Lobby eines Hotels einen dickleibigen Schnauzbartträger mit unreiner Haut und Fetthaaren aufreißt, der sich auf dem Zimmer vor dem anstehenden Akt erst einmal stolz auf der Teigwampe herumklatscht und die Manboobs schlackern lässt. Nicht einmal der Blick auf seine Krampfadern kann vom sich darbietenden Grauen ablenken. Das Schreckenskabinett widerlicher Männertypen (unter anderem entdeckt man David McCallum und Sean Pertwee unter den Opfern) findet seinen Höhepunkt in einem Frauenmörder, vorher noch darf Bella drei schmierige Proleten beiseite räumen, die in einer dreckigen Sackgasse eine greise Obdachlose befingern und verbal demütigen. Abgefedert wird das alles durch einen beißenden, die Grenze zur Groteske mehr als einmal überschreitenden Humor: Bella verwandelt sich von der „authentischen“ Protagonistin in eine sadistisch grinsende, boshafte Sprüche klopfende Slasherin, eine Comicfigur, die als feministische Rachefantasie durch eine Welt voller Perverser und Vergewaltiger stolziert. Von einem angeblichen Frauenhasser wie Winner hätte man das vielleicht nicht unbedingt erwartet, aber mehr als als Ausdruck der Sympathie mit den Frauen, die leider stets damit rechnen müssen, Opfer sexueller Gewalt zu werden, kommt in DIRTY WEEKEND wieder einmal seine Verachtung vor der gesamten Menschheit zum Ausdruck, die er hinter einer Maske der Satire verbirgt.

DIRTY WEEKEND ist nicht unbedingt die Sternstunde des Winner’schen Schaffens, dafür ist der Film insgesamt zu schmucklos und krude, aber als rarer Vertreter des Neunzigerjahre-Sleaze kommt ihm ein kleiner, versiffter, bewichsfleckter Ehrenplatz in einem heruntergekommenen Pornokino zu.

 

 

403457Nach dem enttäuschenden PUBLIC ENEMIES, Michael Manns letztem Kinofilm, hatte ich eigentlich gedacht, dass es jetzt also auch ihn erwischt, dass auch er sich nun in die Riege der in Ehren ergrauten Veteranen eingegliedert habe, von denen man vielleicht noch routiniert-langweiliges Qualitätskino erwarten dürfe, aber keinesfalls mehr eine echte Offenbarung auf dem Level ihrer künstlerischen Hochphase. Die positiven Reaktionen meiner Filmschreiber-Freunde auf BLACKHAT vernahm ich durchaus mit Freude, aber auch mit einer gewissen Skepsis (PUBLIC ENEMIES fand ja auch mancher gut) und so habe ich den Film bis gestern vor mir hergeschoben, zu groß war die Angst, dass ich Michael Mann – der mit THIEF, MANHUNTER und MIAMI VICE drei absolute Meisterwerke und Lieblingsfilme, mit THE KEEP eine wunderschöne Extravaganz, die sich ihrer HD-Entjungferung weiterhin hartnäckig widersetzt, und darüber hinaus etliche weitere Wunderwerke gedreht hat – danach  endgültig würde abschreiben müssen. Was soll ich sagen: Die Furcht war unberechtigt, BLACKHAT ist wieder ein richtiger Hammer geworden, der den öden Dillinger-Film vergessen macht und darüber hinaus etliche jener todtraurigen Gänsehautmomente liefert, für die ich Manns Kino so liebe. Das ist weit, weit mehr, als ich zu hoffen gewagt hatte.

Die Story um den im Knast einsitzenden Hacker Hathaway (Chris Hemsworth), der freigelassen wird, um ein chinesisch-amerikanisches Ermittlerpaar auf der Jagd nach einem Computerterroristen zu unterstützen, ist spannend und temporeich, bietet reichlich Gelegenheit für ökonomisch über den Film verteilte Actionschübe, einen feisten Showdown und den dichten Tech-Talk, den Mann so schätzt. Aber eigentlich liefert sie nur den Rahmen für diese ebenso verheißungs- wie sehnsuchtsvollen Bilder nächtlicher Straßen, des verführerischen Glitzerns metallischer oder gläserner Oberflächen oder des melancholischen Funkelns dunkler Augen. Kein anderer Regisseur ist dazu in der Lage, den fragenden Blick ins Nichts, den Sekundenbruchteil der schicksalhaften Entscheidung, die Abwesenheit der Sprache, das blinde Verständnis zwischen Seelenverwandten so einzufangen wie Mann, und egal, welches Spektakel er auch aufbietet, diese Momente fungieren wie ein Gravitationsfeld, das alle Aufmerksamkeit unweigerlich auf sich zieht.

Manns Protagonisten – auch Hathaway – sind ewig Suchende, Getriebene, Gejagte, Gescheiterte, immer wieder zieht es sie in Flugzeuge, Sportwagen, Motorboote, mit denen sie der Vergangenheit und sich selbst zu entkommen versuchen, immer wieder hinaus in das Glitzern der Nacht, wo die Chance auf sie wartet, immer wieder finden sie den einen Vertrauten, dem sie sich offenbaren können – oft in der Anonymität eines Nachtlokals oder Diners -, immer wieder scheint es so, als müssten sie ihn verlassen, als könne es aufgrund ihrer einzelnen Vergangenheit keine Möglichkeit auf eine gemeinsame Zukunft geben. Und als Zuschauer wird man gnadenlos in dieses Weltempfinden mit hineingezogen, möchte die sich bietende Gelegenheit mit aller Macht beim Schopfe packen und sich dann ins Ungewisse beamen, in eine Zukunft voller schillernder Möglichkeiten und ungeahnter Potenziale, oder aber an der unüberwindbaren Kluft stehen, die sich zwischen einem selbst und der Welt auftut, und an der Schönheit des Unerreichbaren vergehen.

BLACKHAT ist an den Kinokassen gnadenlos untergegangen. Wir sind allein.

knock knock (eli roth, usa 2015)

Veröffentlicht: Mai 6, 2016 in Film
Schlagwörter:, , , , ,

061156Bisher waren Eli Roths Filme stets grelle Splattersatiren, die man sich als Zuschauer – bei allem erkennbaren Realitätsbezug – gut vom Leib halten konnte. Sicher, ihre Gewalt schnitt oft schmerzhaft ins eigene Fleisch, aber von Bedrohungen von HOSTEL, HOSTEL 2 oder auch THE GREEN INFERNO konnte man sich ja schon allein dadurch distanzieren, dass man brav zu Hause blieb, anstatt den ehemaligen Ostblock oder den peruanischen Urwald zu bereisen. Mit KNOCK KNOCK – dem Remake eines weitgehend unbekannten Siebzigerjahrethrillers – ist das nun anders: Nicht nur, dass das Böse hier, wie der Titel schon sagt, an die eigene Tür klopft, es trägt auch nicht mehr die Maske des perversen Machtmörders oder des klitorisbeschneidenden Wilden, sondern bittet in Gestalt zweier anscheinend harm- und hilfloser Mädchen mit devotem Augenaufschlag um Einlass ins traute Heim eines braven Familienvaters.

Bei diesem handelt es sich um den Architekten Evan (Keanu Reeves), dessen Gattin mit den beiden Kindern übers Wochenende verreist ist, um ihm Gelegenheit zum ungestörten Arbeiten zu geben. Diese Arbeit wird bald durch das titelgebende Klopfen gestört: Zwei junge, attraktive Mädchen – Genesis (Lorenza Izzo) und Bell (Ana de Armas) – stehen vom Regen durchnässt vor der Tür, können die Party, zu der sie eigentlich eingeladen sind, nicht finden, und bitten darum, füe ein Telefonat hereingelassen zu werden. Wer wäre Evan, wenn er ihnen die Hilfe nach anfänglichem Zögern verweigerte? Doch die Machtverhältnisse kippen schnell: Fühlt er sich zunächst noch sehr wohl und sicher in der Rolle des charmanten Gönners mit Traumfamilie, Karriere und Luxushaus, gerät er in die hilflose Defensive, als die beiden hübschen Mädchen anfangen ihm eindeutige Komplimente zu machen, ihn spielerisch zu berühren, ausgesprochen offenherzig über ihre sexuellen Vorlieben zu reden und ihm dann schließlich ein einmaliges Abenteuer zu versprechen. Der zuvor so coole Evan wird zum Nervenbündel, das den Sitzplatz im Minutentakt wechselt und die Rettung durch das gerufene Taxi zitternd herbeisehnt. Aber es kommt alles anders: Am Ende seiner Widerstandskräfte angelangt, landet er mit den beiden im Bett und tobt sich so richtig aus. Der Kater am nächsten Morgen wird nicht besser, als die beiden immer noch da sind. Und nicht nur zeigen sie keinerlei Bereitschaft, ihn wieder allein zu lassen, sie haben noch ganz andere Pläne mit ihm …

KNOCK KNOCK ist auch deshalb so perfide, weil man sich (als Ehemann zudem) unweigerlich fragt, wie man die Situation selbst besser gehandhabt hätte. Dessen Dilemma ist unmittelbar nachvollziehbar: Sein Wille, treu zu bleiben, der Versuchung nicht nachzugeben, ist da, aber er hat keine Chance gegen die Manipulationen der beiden Verführerinnen, die es schließlich genau darauf angelegt haben, ihn in die Falle zu locken. Die lange Sequenz, in der die beiden den freundliche-distanzierten Mann gnadenlos und noch spielerisch becircen, ist auch deshalb so enervierend, weil Reeves‘ Spiel das Rattern der mentalen Zahnräder und das Feuerwerk der Hormone hinter der nicht mehr ganz so coolen Fassade gnadenlos sichtbar macht. Bislang musste Roth seine Protagonisten mit dem absolut inhumanen Grauen konfrontieren, um sie an ihre Grenzen zu führen, hier reichen ein paar vielsagende Blicke und verbale Suggestionen, um alle Prinzipien bröckeln zu lassen. Und die Folgen sind dann nicht weniger verheerend.

Evans Ausbruch kurz vor dem Finale, als er in Panik voller Selbstmitleid seine Unschuld beteuert, zu seiner Verteidigung anführt, seinen weiblichen Peiniger doch nur dahin gefolgt zu sein, wo sie ihn haben wollten, macht seine ganze Jämmerlichkeit sichtbar. Er hatte immer die Wahl: Was ihm fehlte war der Einblick in und der Glaube an die möglichen Konsequenzen. Als er allein aufwacht, sieht man ihm an, dass er die Möglichkeit ins Auge fasst, das Abenteuer der letzte Nacht könne nur ein Traum gewesen sein, bis er schließlich die eindeutigen Spuren findet. Die Stimmen der Mädchen zerstören dann die Männerfantasie vom reuelosen Dreier mit den geilen Schlampen, plötzlich kommen da andere Motivationen und Pläne ins Spiel, für die man eigentlich keinen Platz hat. Was für ein Ärgernis, dass beim Sex andere Menschen involviert sind …