Mit ‘Thriller’ getaggte Beiträge

Don Siegels achter Spielfilm ist trotz seines Criterion-Treatments keiner jener Titel, die man sofort als Klassiker des großen Regisseurs identifiziert, aber er ist dennoch bemerkenswert. Als Produzent fungierte Walter Wanger, der in seiner rund 50-jährigen Laufbahn für alle großen Studios arbeitete und dabei solche Filme wie Cukors TARNISHED LADY, Fords STAGECOACH, Hitchcocks FOREIGN CORRESPONDENT, Flemings JOAN OF ARC sowie zum Abschluss seiner Karriere das gebeutelte Mammutepos CLEOPATRA verantwortete. Er hatte einige Jahre zuvor für großes Aufsehen gesorgt, als er den Agenten seiner Ehefrau Joan Bennett, den er verdächtigte, eine Affäre mit ihr zu haben, anschoss und daraufhin einer viermonatige Haftstrafe verbüßte, und da er ein mit allen Wassern gewaschener Produzent war, machte er einen Film aus dem Erlebnis: RIOT IN CELL BLOCK 11 wurde mit echten Häftlingen und Wärtern im Folsom State Prison gedreht und markiert außerdem den ersten Karriereschritt von Sam Peckinpah, der als „Third Assistant Casting Director“ angeheuert wurde, aber – zumindest wenn man Wikipedia glaubt – deutlich größeren Einfluss auf das Endergebnis nahm: Es war angeblich seine Herkunft aus einer Familie einflussreicher Richter, die den Gefängnisdirektor schließlich davon überzeugte, den Dreh zu gestatten. Ein weiterer Akteur, Leo Gordon, der den psychopathischen Carnie spielt, hatte tatsächlich eine fünfjährige Haftstrafe in Folsom absolviert und war nicht unbedingt ein gern gesehener Gast.

RIOT IN CELL BLOCK 11 beginnt mit einem für diese Zeit nicht unüblichen aufklärerischen Prolog im Reportage-Stil, der allen Zuschauern klar macht, dass die folgende Geschichte auf realen Vorgängen fußt. Ein Sprecher erklärt, dass es in den letzten 20 Monaten Gefängnisaufstände in 35 Staaten gegeben habe, diese Aufstände Millionen von Steuergeldern kosteten und auch in Zukunft weiterhin zu erwarten seien. Außerdem kommt ein Politiker zur Sprache, der die Zustände in den Gefängnissen als Ursache der Aufstände ausmacht. Dass RIOT IN CELL BLOCK 11 genau dies anschließend bestätigt, ist wenig überraschend. Der deutlich pädagogische Ansatz bremst den Film immer auch ein bisschen aus, aber echten Schaden fügt er ihm nicht zu.

In Zellenblock 11 sind die wirklich harten Jungs eingesperrt. Eines Tages gelingt es ihnen, aus ihren Zellen auszubrechen, die Wärter und den Trakt in ihre Gewalt zu bringen und sich schließlich Gehör für ihre Forderungen zu verschaffen: Angeführt von James Dunn (Neville Brand) wollen sie bessere Haftbedingungen, die Trennung von „irren“ und „normalen“ Gefangenen und die Möglichkeit, im Gefängnis zu arbeiten, um später bessere Chancen haben, sich in der Gesellschaft zu integrieren. Der Gefängnisdirektor Reynolds (Emile Meyer), der die Missstände selbst seit Jahren predigt, ohne auf Verständnis zu stoßen, tut sein bestes, die Situation nicht eskalieren zu lassen. Und tatsächlich scheint eine Besserung in Sicht …

Siegel entwickelt seine Geschichte im Hin und Her zwischen den Häftlingen, die zwar durch die Sache geeint sind, aber dennoch eine hochgradig heterogene Masse, und den Obrigkeiten, die ebenfalls keine eindeutige Front bilden. So ist Dunn zwar eine Stimme der Vernunft, aber um seinen Kampf führen zu können, braucht er Gewalttäter wie Carnie um sich, die nicht davor zurückschrecken, die Drecksarbeit zu erledigen – oder sogar darauf hinfiebern, einen der Wärter kaltstellen zu dürfen. Ihm gegenüber steht Reynolds, der die Inhaftierten sehr genau kennt, weiß, dass es sich bei ihnen nicht um Tiere handelt, die man einfach so wegsperren kann, aber bei den Entscheidern aus Politik, die ausschließlich Law and Order im Sinn haben, auf taube Ohren stößt. In diesem Spannungsverhältnis entfaltet sich Siegels Erzählung, die zwangsläufig etwa daran krankt, dass die Diskussionen der grauen Eminenzen nicht so interessant sind wie der Kampf der Unterdrückten. Aber die Bilder des Aufstands sind beeindruckend und selbiges gilt vor allem für die Darbietung von Neville Brand. Er verkörpert den etwas rohen, ungehobelten, aber durchaus intelligenten Verbrecher mit vollem körperlichem Einsatz und hoher Glaubwürdigkeit. Man fühlt seinen Schmerz, fiebert mit ihm, drückt ihm die Daumen: Das Ende des Films gewinnt auch dank seiner Leistung an Kraft – und ist wahnsinnig deprimierend. Fast wie das echte Leben. RIOT IN CELL BLOCK 11 ist als Gesamtentwurf nicht perfekt: Der Film kann die Fesseln seiner didaktischen Intention nicht ganz abstreifen, aber Siegel weiß natürlich, wie man leidende, kämpfende, zornige Männer zu inszenieren hat. Insofern gilt hier natürlich: Muss man mal gesehen haben.

 

 

Advertisements

Eine junge Frau, eine Kunstschmiedin, wandert über ein marode und rostig aussehendes Hafengelände und steigt schließlich in ein kleines Boot. Ein Mann in einem schwarzen Motorradanzug, dessen Gesicht durch den schwarzen Helm verdeckt bleibt, steigt zu ihr, überwältigt sie und beginnt sie mit dem Griff seines Messers zu vergewaltigen. Erinnerungen an einen Safe steigen in ihr hoch und das Bild einer schwarz behandschuhten Hand, die in ihn hineingreift. Ist das nur ein Albtraum oder ist das alles tatsächlich passiert? Wer ist die schwarz vermummte Gestalt?

Begeisternd an diesem frühen Film von Satô (er war damals gerade 31 Jahre alt) war für mich vor allem die oben geschilderte Albtraumsequenz, die (wahrscheinlich durch Aussparung von Einzelbildern) einen überwältigenden, verstörenden und irgendwie unmittelbaren Charakter erhält. Untermalt wird sie von metallisch-perkussiven, gleichzeitig aber auch sanften Klängen, die ihre irreale Anmutung noch verstärken. Diese traumgleiche Stimmung zieht sich durch den ganzen Film, der sich danach den Versuchen seiner weiblichen Hauptfigur widmet, mit den immer wiederkehrenden Bildern und Erinnerungsfetzen klarzukommen. Sie sucht eine Klinik auf, in der man sich zur Meditation in mit Flüssigkeit gefüllte Tanks legt. Auch hier wird sie vergewaltigt. Ihre Ängste agiert sie schließlich aus, indem sie in der U-Bahn schwarze Lederjacken zerschneidet.

BOKO CLIMAX! ist wie alle Filme von Satô, die ich bislang gesehen habe, gleichermaßen konkret-materialistisch wie amorph und geisterhaft. Man versteht irgendwie instinktiv, was da vorgeht, ohne es in Worte überführen zu können – ich kann es jedenfalls nicht. Am Ende bleibt alles rätselhaft, wie das Leben. Satôs Charaktere sind im Fluss, sie verschwimmen miteinander, sind weniger psychologische Einheiten als vielmehr wandelnde Repräsentanten unterdrückter Gefühlszustände. Sie leiden unter vergangenen Erlebnissen meist sexueller Natur, die auch ihre Körper unterwerfen. Traumata nehmen physische Gestalt an: Hier liegt wohl auch die immer wieder strapazierte Gemeinsamkeit zum Body Horror Cronenbergs. Wie die Filme des Kanadiers sind auch Satos Werke kalt, unfreundlich, von einer tief in sich eingekapselten Traurigkeit durchzogen, in der sich die Orientierungslosigkeit in bizarren Perversionen Ausdruck verschafft. BOKO CLIMAX! ist aber auch immer wieder sehr schön und weich, nicht zuletzt weil Wasser eine wichtige Rolle spielt. Visuell hat er mir von den bislang gesehenen Werken am besten gefallen: Der Kontrast zwischen der geschilderten Härte und Kälte und der traumartigen Sanftheit ist einfach sehr reizvoll. Letztlich handeln seine Filme von der Möglichkeit der Liebe in der kapitalistischen Apokalypse. Und dann sind da immer wieder diese Szenen, die Satô mit der „versteckten Kamera“ inmitten der geschäftigen Massen auf den Straßen Tokios dreht: Hier ersticht seine Protagonistin im Vorbeigehen einen Mann in schwarzem Lederanzug. Er sinkt tot zu Boden, bleibt reglos auf einem Zebrastreifen liegen. Und keiner hält an, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen.

BLACK SUNDAY, Frankenheimers Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Hannibal-Lecter-Erfinder Thomas Harris, sollte ein Riesenhit werden. Die Testvorführungen liefen gigantisch und ließen keinen anderen Schluss zu, man erwartete nichts weniger als einen Kassenschlager im Stile von JAWS. Superproduzent Robert Evans schien tatsächlich das nächste As im Ärmel zu haben. Doch dann kam alles anders: Niemand, wirklich niemand wollte BLACK SUNDAY sehen. Möglicherweise abgetörnt von dem kurz vorher gelaufenen Flop TWO MINUTE WARNING, der mit einer ähnlichen Prämisse aufwartete, blieben die Menschen, die Frankenheimers Film zu einem Megahit hatten machen sollen, den Kinos in Scharen fern. Und auch wenn man heute weiß, dass BLACK SUNDAY ein meisterlich inszenierter Thriller und ein Musterbeispiel für Hochspannung ist, hängt ihm das Pech von einst immer noch nach. Auf eine adäquate HD-Version fürs Heimkino warten wir heute noch.

BLACK SUNDAY entführt uns in eine Zeit, in der nicht der Terror des IS die Welt in Atem hält, sondern die Aktionen der PLO und ihrer verbündeten Splittergruppen. 1972 hatte das Massaker bei den Olympischen Spielen von München ein unüberhörbares Signal gesendet, das auch Harris zu seinem Roman inspirierte, in dem eine palästinensische Terrorgruppe einen Anschlag auf den Superbowl und seine 80.000 Zuschauer plant. Für die Drehbuchadaption zeichnete unter anderem Kenneth Ross verantwortlich, der mit solchen Stoffen schon Erfahrung hatte: Von ihm stammt auch das Script zu Fred Zinnemanns THE DAY OF THE JACKAL, der die Vorbereitungen auf ein Attentat ähnlich nüchtern, protokollarisch und präzise schilderte wie Frankenheimer. Der wesentliche Unterschied: In THE DAY OF THE JACKAL ging es um die Ermordung Charles De Gaulles, des französischen Präsidenten, in BLACK SUNDAY hingegen um die Leben ganz normaler Amerikaner, die im Film allerdings eine anonyme Größe bleiben. Vielleicht ein zu schwer zu schluckender Brocken für das Publikum, das sich unweigerlich mit den Stadionbesuchern identifizieren mussten, ohne wirklich einen Repräsentanten unter den Protagonisten zu haben. So sehr BLACK SUNDAY ein Film über die Fähigkeiten der Geheimdienste ist, so sehr ist er auch einer über die lemminghafte Ohnmacht der Bürger, die lediglich als Zahl von Interesse sind.

BLACK SUNDAY ist ein Politthriller durch und durch. Seine Hauptfiguren sind der Mossad-Agent Kabakov (Robert Shaw), der die Terroristen auf fremdem Boden dingfest machen will, und Corley (Fritz Weaver), sein Kollege vom FBI, sowie auf der anderen Seite Dahlia (Marthe Keller), die Verantwortliche für die Aktion, und Lander (Bruce Dern), ein neurotischer Vietnamveteran und ehemaliger POW, für den nach der Heimkehr wirklich alles schief gelaufen ist, als ihr Vollstrecker. Die Spielzeit teilt sich paritätisch auf beide Seiten auf, wobei Lander dem Ideal eines Sympathieträgers ironischerweise am nächsten kommt, weil auch er ein Opfer ist. Im Vietnamkrieg verheizt worden, in Kriegsgefangenschaft geraten, zu Hause von der Ehefrau verlassen worden: Er steht den Zuschauern des Superbowls sehr nahe, ist selbst einer der Machtlosen, die dem System als funktionstüchtige Zahnrädchen dienen, und dann entsorgt werden. Nur hat er es satt, sich in diese Rolle zu fügen, also plant er, mit einem großen Knall aus dem Leben zu gehen – und Tausende mitzunehmen. Aber wenn Lander hier die eigentliche Identifikationsfigur ist, was sagt das über den „Helden“ Kabakov? So tapfer und aufopferungsvoll sein Einsatz auch ist – der Showdown ist wahrhaft selbstmörderisch und wäre auch in einem James-Bond-Film oder im nächsten Teil der MISSION: IMPOSSIBLE-Reihe nicht fehl am Platz -, so sehr er die Katastrophe verhindern will, wir wissen doch, dass er zum Teil des Systems gehört und letztlich auch nur ein Vollstrecker ist, der tut, was man ihm befiehlt. Im vorliegenden Fall kämpft er auf der richtigen Seite, aber ist das wirklich immer so? Wir wissen, wie wir diese Frage beantworten müssen.

Das macht BLACK SUNDAY emotional zu einem ziemlich komplexen Film, der sich keinen falschen Illusionen über Heldentum hingibt. Kabakov macht seinen Job und ist dabei genauso fehleranfällig wie jeder Mensch. Am Anfang sehen wir ihn, wie er Dahlia bei einem Angriff auf das Quartier der Terroristen verschont, weil er sie für eine Unbeteiligte hält: Menschlichkeit kann mitunter hohe Kosten nach sich ziehen. Der Terror von Dahlia und ihrer Gruppe hingegen kann noch so perfekt geplant werden, gegen den Überwachungsapparat der Geheimdienste haben sie nichts außer ihre Überzeugung und ihr Engagement vorzubringen – sowie natürlich die Entschlossenheit, für „die Sache“ bis zum Äußersten zu gehen. Frankenheimer muss gar keine unlauteren Tricks anwenden, um die Sympathien ganz unmerklich hin zu den Terroristen zu verschieben: Auch wenn es sich um verblendete Fanatiker handelt, allein ihr Außenseiterstatus bringt sie uns schon näher als den Geheimdienstler Kabakov, der ein ähnliches Schicksal hinter sich hat wie Lander, seinen Zorn aber in eine andere Richtung kanalisiert.

Wie man das alles auch bewerten und einordnen mag: Fakt ist, dass BLACK SUNDAY sauspannend ist. Es ist einer dieser Filme, bei denen ein unsichtbarer Countdown abzulaufen scheint, die von Minute zu Minute dringlicher werden, einem eine Schlinge um den Hals legen, die sich immer weiter zuzieht. Frankenheimer setzt sehr effektiv auf eine Bildsprache zwischen äußerster Geschliffenheit – an der Kamera: Oscar-Preisträger John A. Alonzo – und der Unmittelbarkeit von Cinema Verité, die dem Film einen dokumentarischen Charakter verleiht. Nach seinem FRENCH CONNECTION II serviert er uns darüber hinaus eine brillante Zu-Fuß-Verfolgungsjagd, diesmal durch die Straßen von Miami Beach. Für Authentizität sorgt auch der Einsatz dreier echter Goodyear-Zeppeline, die im atemberaubenden Showdown während des Superbowl X zwischen Pittsburgh und Dallas in Miami zum Einsatz kommen. Der Aufwand, der hier betrieben wurde, ist gigantisch, logistisch war der Dreh mit großer Wahrscheinlichkeit ein einziger Albtraum. Das bringt mich zum historischen Status des Film: BLACK SUNDAY mag heute weitestgehend vergessen sein, aber hätte er sein Publikum gefunden, würden wir uns heute an ihn als einen jener Blockbuster erinnern, die in den Siebzigern das Fundament für das heutige Eventkino legten. Sein Titel würde zu Recht in einem Atemzug mit Filmen wie STAR WARS oder JAWS genannt werden. Aus welchem Grund man sich BLACK SUNDAY heute anschaut ist aber eigentlich egal, Hauptsache, man tut es.

 

di shi pan guan (herman yau, hongkong 1993)

Veröffentlicht: Oktober 30, 2017 in Film
Schlagwörter:, , ,

CAT III-Schmier vom Besten, was soll da groß schief gehen? Nichts, und selbst wenn TAXI HUNTER an wahnsinnige Kotzbrocken wie THE UNTOLD STORY und EBOLA SYNDROME nicht herankommt, liefert Yau doch wieder eine ordentliche Packung aus Elementen, die nirgendwo anders als in Hongkong zusammen gingen.

Ah Kin (Anthony Wong) ist ein erfolgreicher aber braver Versicherungsvertreter kurz vor der Beförderung. Seine Ehefrau erwartet in Kürze ein Baby, alles könnte ganz wunderbar sein. Doch dann verliert sie durch das grob fahrlässige Verhalten eines ignoranten Taxifahrers ihr Leben. Kin ist untröstlich – und geht auf einen blutigen Rachefeldzug gegen alle Taxifahrer, die sich auf Hongkongs Straßen benehmen wie die buchstäbliche Axt im Walde.

TAXI HUNTER ist eine grelle Mischung aus TAXI DRIVER und FALLING DOWN, begeistert mit vielen stimmungsvollen Szenen im neonbeleuchteten Nachtleben der Metropole, rührt darüber hinaus noch jede Menge fehlgeleiteter Komik in den Thriller und agitiert, dass die Schwarte kracht. Über Taxifahrer und ihren oft rücksichtslosen Fahrstil zu lästern, ist auch hierzulande durchaus üblich, der Hass, den Yau und Wong auf sie niedergehen lassen, spielt aber in einer ganz anderen Liga. Man kann bei Betrachtung des Films aber tatsächlich den Eindruck bekommen, dass in Hongkong nur asoziale Taugenichtse, Menschenfeinde und arbeitsunwillige Faulpelze in der Personenbeförderung arbeiten: ein Taxifahrer verweigert Kins Frau den Transport, weil er befürchtet, sie ruiniere sein Auto, Beschiss ist an der Tagesordnung, droht Ärger, wird Verstärkung geholt, die äußerst rabiat zu Werke geht. Und Kin tritt nun also an, diesen Arschgeigen zu zeigen, wo der Hammer hängt. Er stürzt sich ins Nachtleben und schaut sich die besonders miesen Schweine unter den Taxifahrern aus, mit denen er dann kurzen Prozess macht – sehr zur Begeisterung der normalen Bürger, die schon lange die Schnauze voll haben.

Konterkariert wird das vom Subplot um Kins bestem Freund, dem Hardboiled-Polizisten Kai-chung Yu (Rongguang Yu), der mit seinem neuem Partner, dem trotteligen Gao (Ng Man-tat), in den Fall verwickelt wird. Gao agiert als Undercover-Cop und läuft den ganzen Film über in US-Sports-Montur herum, mit der er aussieht wie ein Zurückgebliebener. Seine Tochter, die süße Fernsehreporterin Mak (Athena Chu), mischt auch noch mit, ohne dass das so wirklich eine Rolle spielt. Wie das im Hongkong-Kino oft der Fall ist, ist auch TAXI HUNTER so vollgestopft, dass für den eigentlichen Plot kaum noch Raum bleibt. Da geht es dann auch mal um die Vorliebe Gaos für die Chilisauce seiner Tochter. Diese erzählerische Unfokussiertheit führt dazu, dass sich TAXI DRIVER schon nach ein paar Morden bereits dem Ende zuneigt. Den beiden Cops hilft letzten Endes vor allem die Unbedarftheit des Täters, mehr als eigenes Ermittlungsgeschick. Hinsichtlich Blut und Geschmacklosigkeit muss man gegenüber den beiden weiter oben genannten Tabubrechern einige Abstriche machen: TAXI HUNTER wird mit seinen Gewaltdarstellungen niemanden um den Schlaf bringen und ist mit seinen absurden Übertreibungen viel zu weit draußen, um seine Selbstjustiz-Verherrlichung wirklich ernst zu nehmen. Aber als völlig enthemmte Oper und epileptische FALLING DOWN-Variante ist er natürlich definitiv einen Blick wert.

Captain Peter Skellen (Lewis Collins) ist ein harter Hund beim SAS, so hart, dass er suspendiert wird, nachdem er zwei neue Mitglieder bei einer Übung foltern lässt. Doch der Rauswurf ist natürlich nur ein Vorwand, ihn als free agent für die Zwecke der einer terroristischen Vereinigung interessant zu machen. Skellen schmeißt sich sogleich an die Anführerin Frankie (Judy Davis) heran, die in dem einstig regimetreuen Spezialisten einen idealen Verbündeten gefunden zu haben glaubt. Gemeinsam planen sie ihren großen Coup: Die internationalen Gäste des Botschafters sollen als Geisel genommen und die Zündung einer Atombombe in Schottland als Preis für ihr Leben gezahlt werden …

WHO DARES WINS ist angeblich inspiriert von der Befreiung der durch Terroristen belagerten iranischen Botschaft in London aus dem Jahr 1980 durch ein Kommando der SAS. Mithin ist WHO DARES WINS – so die Losung des Special Air Service – ein schöner Werbefilm, der allerdings nicht mit dem Glanz und Sexappeal eines TOP GUN daherkommt, sondern das Collins’sche Pokerface und die Abgebrühtheit des zynischen europäischen Agentenfilms der Siebziger zeigt. Die Welt ist in Auflösung begriffen: Linke Protestler demonstrieren gegen Aufrüstung und Atomkraft, wenn sie nicht zu tosendem Applaus antiamerkanische Agit-Prop-Art aufführen, die ehrenwerten Männer aus Regierung und Militär, die es natürlich besser wissen, suchen händeringend nach Lösungen. Wie gut, wenn man einen eiskalten Vollstrecker wie Skellen auf seiner Seite weiß: Er steigt lächelnd mit der Terroristin ins Bett und hat keinerlei Skrupel, alles, was ihm nutzen kann, aus ihr herauszupressen, wohl wissend, dass es für sie kein gutes Ende nehmen wird.

Die Kaltschnäuzigkeit, mit der Sharp die Arbeit Skellens und des SAS abbildet, steht in scharfem Kontrast zu dem Fähnlein Fieselschweif der Bösewichter. Judy Davis gibt die fanatische, zu allem Entschlossene, „intellektuelle“ Anführerin, deren gesamte Argumentation in sich zusammenfällt, sobald sie von Richard Widmark eine Standpauke bekommt. Man fragt sich nur: Warum hat der vorher niemand mal die Hammelbeine langgezogen? Schlimmes hätte vermieden werden können. Das unerbittliche Zuschlagen des SAS mutet angesichts der zwar gefährlichen, aber eben gnadenlos fehlgeleiteten Aktionen der Rebellen einfach nur brutal an. Franke wird ohne ein Zögern weggepustet, es reicht nicht einmal mehr für den Abschied zwischen ihr und Skellen. Der dreht sich einfach nur um und geht dem nächsten Job entgegen. Es wird nicht lang dauern, denn der Staat mit denen, die Terrorismus finanzieren, unter einer Decke, wie uns der Prolog wissen lässt.

WHO DARES WINS stammt aus einer seltsamen Zeit, in der Actionfilme meist kalte, zynische Brocken waren, mit ausgehöhlten Profis, gefangen als entbehrliche Diener in unmenschlichen Machtapparaten, die Welt kurz vor dem totalen Kollaps durch Umweltverschmutzung, Verbrechen oder Dritten Weltkrieg stand, inszeniert von Veteranen, die mit diesen Filmen noch einmal den Kasernenhofton des Kriegsfilms aufleben ließen. Sharps Film ist bemerkenswert in seiner lässigen Haltung gegenüber dem Treiben der Spezialeinheiten, wenig schmeichelhaft in der Zeichnung von Friedenskämpfern, resigniert im Blick nach vorn. Eine Entwicklung für den Helden gibt es nicht, weder große Erleichterung am Ende noch Niedergeschlagenheit. Einfach nur ein konsterniertes: Weiter so ohne Richtung und Idee.

 

Noch so ein Film aus der VHS-Sammlung meiner Eltern, den ich als Kind immer in kleinen Happen zu mir genommen habe: NORTH SEA HIJACK ist auch ein schönes Beispiel dafür, wie in jener Zeit zu Beginn der Achtziger immer noch Filmemacher aktiv waren, die ihr Handwerk in einer ganz anderen Epoche gelernt hatten. Andrew V. McLaglens Debüt stammt aus den Fünfzigern, er hatte noch etliche Western mit John Wayne gedreht und gehörte zu einer Generation von Filmemachern, die nach New Hollywood überkommen und gestrig wirken mussten. Und auch wenn sich NORTH SEA HIJACK mit einem zeitgenössischen Thema – Terrorismus – auseinandersetzt, handelt es sich doch um einen Film, der mit seinem Protagonisten noch mit einem Fuß in einer Zeit steht, in der das britische Empire Teile der Welt beherrschte, Frauen in der Armee nichts zu suchen hatten und Männer niemandem Rechenschaft ablegen mussten.

Rufus Excalibur ffolkes (Roger Moore) ist ein britischer Exzentriker, der auf seiner Burg eine Privatarmee von Tauchern ausbildet. Eine Versicherungsgesellschaft beauftragt den Frauen- und Raucherhasser dazu, einen Plan zu entwickeln, wie eine Geiselnahme auf einer Ölbohrinsel zu verhindern oder zu lösen sei. Wenig später erfolgt genau eine solche Geiselnahme auf der Plattform Jennifer: Ein Mann namens Kramer (Anthony Perkins) erobert mit seinen Männern die Plattform und stellt eine Lösegeldforderung – kommt man ihr nicht nach, droht er, die Insel zu sprengen. ffolkes lässt sich mit Admiral Brinsden (James Mason) auf die Plattform bringen, um die Verbrecher zu beseitigen …

NORTH SEA HIJACK erinnert ein wenig an Richard Lesters JUGGERNAUT, bei dem Richard Harris eine Bombe auf einem Luxusliner entschärfen musste. Wie dieser greift Laglen Elemente des Katastrophen- und Actionthrillers auf, schildert die Vorbereitungen der Gangster sowie ihrer Gegner mit protokollarischer Genauigkeit und erfreut sich im Showdown an der Präzision, mit der die Befreiungsaktion dann tatsächlich vonstatten geht. Das alles ist handwerklich perfekt umgesetzt, man merkt dem Film die Routine eines Veteranen in jeder Sekunde an, keine Spur eines Fehltritts oder auch nur eines misslungenen Rückprojektionseffekts: NORTH SEA HIJACK ist in dieser Hinsicht großes Kino. Was hingegen eindeutig fehlt, ist die Aufregung und Spannung, die ein Actionfilm braucht. Das Gefühl großer Bedrohung stellt sich nie ein und am Schluss, wenn plötzlich alles ganz schnell vorbei ist, wirkt NORTH SEA HIJACK sogar klein: Hat Anthony Perkins in seiner Rolle als Oberbösewicht überhaupt einmal den Kontrollraum der Insel verlassen? Ich glaube nicht. Seiner Präsenz schadet das nicht, denn er hilft dem Film dabei, im Gedächtnis zu bleiben, etwas, was sonst nur ffolkes‘ peinliche Marotten leisten. Roger Moore hat sichtlich Spaß an seinem Charakter, den man sich durchaus in weiteren Abenteuerfilmen dieser Art hätte vorstellen können. Nachdem NORTH SEA HIJACK aber massiv gefloppt war, konnte davon natürlich keine Rede mehr sein. Wer weiß, wofür es gut war.

 

Liegt es an mir oder sind es die anderen? Als PASSION rauskam, las ich überall, der Film sei fremdschämig und theatralisch, lediglich als übersteuerter Trash zu gebrauchen, wenn man denn versteht, sich darauf einzulassen. Nun ja, De Palma spielte auch schon in seinen Glanzleistungen der Siebziger- und Achtzigerjahre immer wieder mit den Versatzstücken aus Trivialkultur und Exploitation, war weniger an Realismus interessiert als daran, der Wahrheit durch gezielte Überhöhung, Übertreibung und Artifizialität auf die Schliche zu kommen. Wer meint, dass PASSION da aus der Art schlage, der hat bei SISTERS, DRESSED TO KILL, BODY DOUBLE oder RAISING CAIN ganz einfach nur nicht richtig hingesehen. Meine Meinung. Wenn ich seinem bislang letzten Film etwas vorwerfen möchte, dann in erster Linie, dass er ein bisschen zu typisch geraten ist, nichts wirklich neues ausprobiert, sondern nur das bietet, was man gemeinhin mit De Palma assoziiert: schöne Frauen, vermeintlich anzüglichen Sex, eine Prise Melodrama, gemeine Intrigen und Morde und das alles abgelichtet in erlesenen, doppelbödigen Bildern voller vordergründiger Reize und spiegelglatter Oberflächen. Auch eine der Splitscreen-Sequenzes, für die De Palma einst bekannt war, darf nicht fehlen. Hätte man den Begriff früher schon gekannt, man hätte De Palma nicht immer wieder als Hitchock-Epigonen diffamiert, sondern als amerikanischen Giallo-Botschafter bezeichnet. Bei PASSION, der in Europa entstand, sind die Parallelen nun überhaupt nicht mehr zu übersehen.

PASSION ist das Remake von Alain Corneaus letztem Film, dem nur zwei Jahre zuvor entstandenen CRIME D’AMOUR, in dem sich Ludivine Sagner und Kristin Scott-Thomas gegenüberstanden. De Palma vertauscht die Haarfarben und verringert den Altersunterschied zwischen den beiden Protagonistinnen, ändert aber sonst nur wenig (zumindest wenn man eine kurze Inhaltsangabe als Anhaltspunkt nimmt): Christine (Rachel McAdams), Leiterin des Berliner Büros einer internationalen Werbeagentur, unterhält eine kleine Affäre mit Isabelle (Noomi Rapace) einer aufstrebenden Kreativkraft – die zudem eine Liaison mit Christines Freund Dirk (Paul Anderson) unterhält. Als Christine eine von Isabelles Ideen als ihre ausgibt, um ihre Karriere voranzutreiben, bekommt die Partnerschaft erste Risse. Isabelle schlägt mit ihren Mitteln zurück und zieht den Zorn der intriganten Chefin auf sich. Als sie wenig später ermordet wird, fällt der Verdacht auf Isabelle, die jedoch beteuert, ein Alibi zu haben …

Wer keine Tiefe oder stilistischen Überraschungen erwartet und sich mit De Palma auf verlässlichem Autopilot abfinden kann, wird mit PASSION zufrieden sein. Nach dem gescheiterten Versuch, mit REDACTED etwas Neues zu versuchen, hat mir die Rückkehr auf sicheres Terrain sehr gut gemundet. Klar, nichts an PASSION gerät jemals in den Verdacht, eine ähnliche Wirkung wie seine großen Meisterwerke zu hinterlassen und selbst an Spätwerke wie den genannten RAISING CAIN oder FEMME FATALE kommt PASSION mit seinen holzschnittartigen Charakteren und seiner etwas beliebigen Thrillerstory nicht annähernd heran. Aber die stilistische Handschrift ist unverkennbar und ich kann mich an De Palmas Bildkompositionen, seinem Einsatz von Musik und dieser Mischung aus Subversion und Altersgeilheit einfach nicht sattsehen. Die beiden Hauptdarstellerinnen haben mir ausgezeichnet gefallen und die Ballettsequenz hätte ich gern im Kino bewundert. Wer sich über die neuen Argentos ärgert und sich nichts sehnlicher wünscht, als eine Rückkehr des Italieners zu seinen Wurzeln, der sollte es ruhig mal mit PASSION versuchen. Ich mochte ihn!