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Noch vor ein paar Jahren hätte ich THE BIG FIX wahrscheinlich dafür kritisiert, dass ihm der große Clou fehlt, er nur eine typische, im Rückgriff auf die Traditionen des Noir komponierte und modernisierte Private-Eye-Geschichte erzählt und das weniger kunstvoll als etwa Robert Altman in THE LONG GOODBYE oder Arthur Penn in NIGHT MOVES. Heute liebe ich ihn gerade dafür, dass er sich damit begnügt, seinen überzeugend und liebevoll gezeichneten Charakteren durch zwei Stunden Plot-Labyrinth zu folgen. Ein Luxus, den sich heute ja kaum noch ein Hollywood-Film gönnen mag: Alle müssen sie den nächsten heißen Storytelling-Trend lostreten, das neueste technische Gimmick vorführen oder eine politische Agenda vertreten. Und vergessen dabei, worum es doch eigentlich geht – oder gehen sollte.

Moses Wine (Richard Dreyfuss) war in den späten Sechzigerjahren mittendrin in den Studentenunruhen, als idealistischer Revoluzzer trug er seinen Teil dazu bei, den gesellschaftlichen Umbruch einzuleiten, der dann leider doch nicht kam. Heute verdingt er sich als kleiner Privatdetektiv, hat sich zwar nicht mit dem Kapital gemein gemacht und seine Ideale verraten, dafür aber die Ehefrau (Bonnie Bedelia) verloren, die nicht als Erwachsene noch wie ein Student leben will. Neue Hoffnung keimt auf, als eine alte Flamme an Moses‘ Tür klopft: Lila Shane (Susan Anspach) arbeitet heute für Sam Sebastian (John Lithgow), den Wahlkampfmanager des Lokalpolitikers Hawthorne, der sich Hoffnung macht, den Posten des Gouverneurs zu erlangen, aber mit einer Schmierkampagne zu kämpfen hat, hinter der möglicherweise der seit Jahren von der Polizei gesuchte Linksradikale Howard Eppis steckt. Moses soll mit seinen alten Verbindungen dabei helfen, Eppis ausfindig zu machen. Natürlich steckt hinter dem vermeintlich einfachen Fall ein politisches Komplott, in dem der kleine Privatdetektiv nach dem gewaltsamen Tod Lilas plötzlich einer der Hauptverdächtigen ist …

THE BIG FIX wurde inszeniert von Jeremy Kagan, der weder vor noch nach THE BIG FIX besonders in Erscheinung getreten ist: Den Großteil seines zumindest quantitativ recht beachtlichen Werks bestritt er mit TV-Produktionen, zu seinen Kinofilmen zählen u. a. das Vietnam-Heimkehrerdrama HEROES, das fehlgeleitete Sequel THE STING II, der Disney-Kinderfilm THE JOURNEY OF NATTY GANN sowie das mit Eric Roberts besetzte Fechterdrama BY THE SWORD. Auch THE BIG FIX fällt nicht gerade mit opulenter Bildgestaltung oder genialen dramaturgischen Kniffen auf, sondern in erster Linie durch seinen locker-flockigen Flow und seinen Hauptdarsteller. Richard Dreyfuss ist idealbesetzt als intellektueller Slacker, der sich den Karrieristen zwar einerseits überlegen fühlt und gelangweilt auf die gängigen gesellschaftlichen Spielchen herabschaut, andererseits aber auch darunter leidet, dass ihn alle als Loser und Abgehängten identifizieren. Hätte er doch nur Meeresbiologie studiert, er hätte ein erstklassiger Haiforscher werden können. So reicht es nur für die ranzige Gammelbude, den lädierten VW Käfer und die gehässigen Sprüche vom neuen Lover seiner Ex-Frau, der sein Geld mit New-Age-Selbsthilfekursen verdient.

Der Fall, in den er verwickelt wird, ist symptomatisch für seine Situation, aber auch für den Zustand der Gesellschaft in den späten Siebzigerjahren: Die Gesetzeshüter kämpfen immer noch gegen die „linken Terroristen“ von einst, die ihnen angeblich in die Suppe spucken wollen, doch sind die in Wahrheit ja längst assimiliert. Die Radikalen von damals haben sich gut arrangiert mit dem System, streichen heute die dicke Knete ein oder helfen den Mächtigen dabei, an der Macht zu bleiben. Wenn es ihrem eigenen Fortkommen hilft, sind sie sogar dazu bereit, ihre einstigen Mitstreiter in die Scheiße zu reiten. Wer sich in dieser Welt, in der der am weitesten kommt, der über die flexibelsten Wertvorstellungen verfügt, den Luxus von Idealen und Überzeugungen leistet, landet unter den Rädern.

Wie es schon für den Noir der Vierziger- und Fünfzigerjahre galt, so ist es auch hier ziemlich unmöglich, den Twists und Turns der Handlung zu folgen oder gar sie vorherzusehen. Aber es macht Spaß, Moses zu begleiten, ihm zuzuhören, wie er sich mit seiner kommunistischen Tante darüber streitet, ob Bakunin nun eine Terrorist war oder nicht, seine Verachtung für das Establishment in seinen Augen aufblitzen zu sehen oder seinen Stolz, als er gegenüber den Drohungen der staatlichen Autorität nicht einknickt, sondern dem Apparat die Stirn bietet – und gewinnt. THE BIG FIX ist einfach endlos sympathisch, sowohl in seiner politischen Gesinnung als auch in der Entspanntheit der Erzählung und seiner Darbietungen. Ganz wunderbar ist etwa F. Murray Abrahams Auftritt, über den ich jetzt weiter nichts sagen will, weil das ein unnötiger Spoiler wäre. Ich empfehle Freunden des Noirs oder des New Hollywood ganz einfach, diesen Film ausfindig zu machen und zu genießen. Wer den Universal-Channel auf Amazon Prime abonniert, findet dort die erstklassige deutsche Synchronfassung vor.

Wer der Meinung war, das ein Prequel zu THE SILENCE OF THE LAMBS, das sich mit der Genesis des Kannibalen Hannibal Lecter beschäftigt, eine richtige Scheißidee ist, der wird sich nach dem bislang letzten Film der Reihe sicherlich darüber gefreut haben, Recht behalten zu haben. Eine Reihe, die zuvor sogar Brett Ratner noch halbwegs gut überstanden hatte, landet mit dem Beitrag des Briten Peter Webber (der seine Kinokarriere damit effektiv beendete) endgültig in der Jauchegrube. Nun, streng genommen hatte Ridley Scott sich mit seinem denkwürdigen HANNIBAL schon deutlich in deren Nähe begeben, aber den provokativen Tanz auf der Kante bravourös und mit wissendem Lächeln gemeistert: Webber hat weniger Glück und Körperbeherrschung: Er erinnert eher an die depperten Protagonisten aus Pannenvideos, die als letzte merken, welches Schicksal ihnen droht, und fröhlich in die Kamera grienen, während sich das Unheil über ihnen zusammenbraut. Man muss zu seiner Ehrenrettung sagen, dass kein Geringerer als Thomas Harris himself (nach eigenem Roman) die Drehbuchvorlage für diese Vollkatastrophe lieferte und ein Jungdarsteller wie Gaspard Ulliel natürlich auch nicht dazu geeignet war, hier Schadensbegrenzung zu leisten.

Ich muss hier noch einmal betonen, für wie fehlgeleitet ich die Idee des Prequels generell halte. Ich verstehe durchaus den Wunsch, möglichst viel über eine geliebte fiktive Figur zu erfahren: Aber in dem Absolutheitsanspruch, den sie meist für sich in Anspruch nehmen  – endlich die ganze, wahre Geschichte! – besiegeln sie bereits ihren Niedergang. Das moderne Prequel ist in den allermeisten Fällen der Idee verpflichtet, das bereits Bestehende zu untermauern und das schlägt es in kreative Ketten. Ihm zugrunde liegt ein Trugschluss: Fiktive Figuren haben nämlich keine Biografie, ihre Lebensgeschichte lässt sich nicht herleiten, höchstens nachträglich erfinden. Und das ist eben problematisch: Wer erklären will, wie Hannibal Lecter zu dem wurde, der er ist, steht vor der Herausforderung, eine Geschichte zu erzählen, deren Ende wir schon kennen, bevor sie angefangen hat – und dabei zusätzlich eingeschränkt zu sein, weil gewisse Erwartungen erfüllt werden müssen. Als Thomas Harris Hannibal Lecter erdachte, kamen dabei verschiedene spannende Ideen zusammen. Der Hintergrund von HANNIBAL RISING ist es nun aber nicht, eine für sich genommen spannende Geschichte zu erzählen, sondern im Nachhinein eine Biografie zu einem bereits bestehenden Charakter zu entwickeln, die zumindest halbwegs plausibel ist (ob sie das ist, dazu komme ich später). Hannibal Lecter, der hoch gebildete Akademiker und Intellektuelle, der Menschen frisst und in die Köpfe seiner Gegenüber eindringt, ist eine spannende Figur. Der jugendliche Hannibal Lecter, der während des Zweiten Weltkriegs aus seiner Heimat Litauen flieht, leider nicht so sehr.

Die Geschichte, die sich Harris ausdachte, geht ungefähr so: Während des Zweiten Weltkriegs muss Hannibal Lecter miterleben, wie seine wohlhabenden Eltern umgebracht werden, und infolgedessen auf seine kleine Schwester Mischa aufpassen. Beide geraten in die Fänge von litauischen Kollaborateuren, die Mischa von Hunger geplagt verspeisen. Die folgenden Jahre verbringt er, von anderen Jugendlichen gedemütigt, im ehemaligen Elternhaus, das nun ein Waisenhaus ist. An der Schwelle zum Erwachsenenalter reist er nach Frankreich, wo ihn eine angeheiratete Tante, die stolze Japanerin Murasaki (Gong Li), empfängt, ihn in das Schwertkämpferethos der Samurai einweist und auch darin, selbst die Klinge zu schwingen. Hannibal absolviert ein Medizinstudium, verübt seinen ersten Mord, täuscht die ermittelnden Beamten und geht dann schließlich auf die Jagd nach jenen, die einst seine Schwester töteten. Ich bin kein Psychologe aber ich kann mir nicht helfen: Diese Geschichte stinkt zum Himmel, noch dazu ist sie in höchstem Maße unglaubwürdig und so über Gebühr konstruiert, dass es beim Zusehen Schmerzen bereitet. Ein braver, intelligenter Junge aus bester Familie, ein liebevoller Bruder, der durch den Horror des Krieges geht, mit absolutem Schrecken sieht, wie Menschen anderen Menschen Böses antun und sich bei all dem immer bewusst ist, was da passiert, soll zum berechnenden Lustmörder und Kannibalen werden? Sorry, aber das halte ich für ausgemachten Schwachsinn.

Das Schlimmste ist aber, dass es noch nicht einmal Harris und Webber, die mir diese Geschichte schließlich verkaufen sollen, gelingt, sie plausibel zu machen. Der Übergang vom netten, erschöpften Kriegsopfer mit intaktem Moralverständnis zum grausamen Mörder ist eine Zäsur, ein Sprung: HANNIBAL RISING versagt genau in jenem Moment, der ihm doch eigentlich seine ganze Daseinsberechtigung verleiht. Noch weitaus schwerer wiegt, dass Webbers Film geradezu unverschämt öde ist: Er gefällt sich in seiner aufgesetzten Epik und seinen geleckten, pseudogeschmackvollen Bildern, hat aber außer Banalitäten rein gar nichts zu bieten. Da lobe ich mir Ridley Scotts HANNIBAL: Der war auch hirnrissig und über Gebühr von seinem eigenen Stilbewusstsein berauscht (einmal sieht man da sogar ein GLADIATOR-Poster an einem Florentiner Kino hängen), aber er lieferte wenigstens ein paar saftige Gewaltschübe, die man so noch nirgendwo anders gesehen hatte, schon gar nicht in einem solchen Big-Budget-Schinken. Und er war in dieser Verbindung von Seriosität und Schund eben reizvoll. HANNIBAL RISING verlässt sich einzig und allein darauf, dass alle wissen wollen, wo dieser Lecter denn herkommt. Irrtum: Es ist mir scheißegal, vor allem, wenn die Geschichte, die mir dann aufgetischt wird, so kreuzlangweilig ist. Die zauberhafte Gong Li muss einem Leid tun, genau wie der junge Gaspard Ulliel, der mit dem Klammerbeutel gepudert gewesen wäre, hätte er diese Chance nicht ergriffen, aber er ist ein absolutes Charme-Vakuum, was er durch unangenehmes Psychopathen-Overacting auszugleichen sucht, und damit eine absolute Fehlbesetzung. Andererseits würde ich mutmaßen, dass niemand diesen Quark hätte retten können. Angesichts der vielen Fehlentscheidungen, die dieses Debakel kennzeichnen, muss man wahrscheinlich noch froh darüber sein, dass man davon abgesehen hat, den jugendlichen Hannibal von Anthony Hopkins spielen zu lassen.

Nachdem HANNIBAL zehn Jahre auf sich warten ließ, folgte die Neuverfilmung des ersten Romans um Hannibal Lecter nur wenig später. 1986 hatte Michael Mann bereits seine Adaption MANHUNTER vorgelegt – einer seiner stärksten Filme -, doch der war seinerseits massiv gefloppt und musste zudem noch ohne Anthony Hopkins auskommen, der seit THE SILENCE OF THE LAMBS untrennbar mit dem kannibalistischen Serienkiller verknüpft war. In Manns Film hatte Brian Cox eine extrem unterkühlte, sachliche Interpretation des Charakters vorgenommen, die vielen, die den Film nach SILENCE gesehen hatten, als nicht „spektakulär“ genug erschien (ich glaube ja, dass Hopkins sich ganz genau angeschaut hatte, wie sein Vorgänger den Killer angelegt hatte und dann darauf aufbaute). Mit der Entscheidung, Brett Ratner auf den Regiestuhl zu setzen, der vorher lediglich als Regisseur der Chris-Tucker-Vehikel MONEY TALKS, RUSH HOUR und RUSH HOUR 2 aufgefallen war, zeigt sich schon deutlich, wo hier die Prioritäten lagen. RED DRAGON ist in allererster Linie getrieben von dem Wunsch, den Harris-Stoff in die bestehende Erfolgsserie einzugemeinden. Mit der Besetzung von Anthony Hopkins war das wichtigste Zugpferd an Bord, der Rest müsste lediglich absolviert werden. Und das macht Ratner dann auch, sich dabei auf ein Drehbuch stützend, dass ganze Passagen originalgetreu von Michael Manns Script übernimmt: Bezeichnete man RED DRAGON als ein Remake von MANHUNTER läge man nicht ganz falsch damit.

Ratners Film ist solides Entertainment, das sich die Produzenten mit barer Münze erkauften: Die Besetzung ist schon recht beeindruckend, aber wie der ganze Film auffallend risikolos. Edward Norton war damals unter Hollywoods Top-Stars sicherlich der Vorzeigeintellektuelle und somit prädestiniert für die Rolle des Profilers Will Graham, der dem teuflischen Lecter zu nah gekommen war und nun mit Bildern zu kämpfen hat, die er nicht mehr los wird. Aber diese Besessenheit nimmt man Norton eben nicht ab: Das verhielt sich bei Manns Graham William Petersen noch anders. Ralph Fiennes ist ein weiterer Fall eines Top-Darstellers, der „Mut“ mit einer riskanten Rolle beweist: Doch wo Tom Noonan in MANHUNTER mit einer zwischen den Polen „furchteinfößend“ und „bewegend“ changierenden Darstellung der Bestie restlos begeisterte, manövriert sich Fiennes auf Autopilot durch eine Darbietung, die man wohlwollend als „routiniert“ bezeichnen könnte, für die die Begriffe „gelangweilt“ oder „uninspiriert“ aber weitaus treffender sind. Elfengesicht Emily Watson muss in erster Linie ihre großen Kulleraugen aufreißen, um als verletzliches, weil blindes Opfer Empathie zu erzeugen, Philip Seymour Hoffman spielt Schmierlappen wie den Tabloid-Journalisten Lounds im Schlaf, Keitel konnte für den Part als FBI-Agent Jack Crawford seine RESERVOIR DOGS-Garderobe noch einmal verwenden und Mary-Louise Parker reiht sich ein in die endlose Riege von attraktiven Hollywood-Film-Ehefrauen, die sich zu Hause dekorativ und tränenreich Sorgen um den weltrettenden Protagonisten machen dürfen. Bleibt die USP des Films, Anthony Hopkins als Hannibal Lecter: Von dessen beunruhigender Kraft bleibt kaum noch etwas übrig, weil er längst eine Masche abspult und die Szenen zwischen ihm und Graham nicht mehr sind als eine aufgewärmte Variante der Psychoduelle mit Clarice Starling aus Demmes Film. Die Macher gaben sich alle Mühe, möglichst nahtlos an diesen anzuknüpfen – Anthony Heald gibt erneut den schmerigen Anstaltsleiter Chilton, sogar für die hier höchst unbedeutende Rolle des Wärters Barney Matthews holte man Frankie Faison zurück und natürlich baute man das Original-Setting nach -, ganz so als handle es sich bei RED DRAGON um THE EMPIRE STRIKES BACK, aber die Defizite treten im direkten Vergleich sowohl mit SILENCE als auch mit MANHUNTER natürlich nur noch offener zu Tage. Ratners Film ist ein leidlich effektiver, professionell gemachter Thriller, dem aber jede Eigenständigkeit oder gar Vision vollkommen abgeht.

Immerhin hält sich die Enttäuschung in Grenzen (ich war auf das Schlimmste vorbereitet und fand RED DRAGON immerhin ganz unterhaltsam), denn man ahnt gleich in der Auftaktszene, dass man seine Erwartungen hier nach unten schrauben sollte: Die für Graham so traumatische Begegnung mit Lecter, über die Mann seine Charaktere nur in vielsagenden Andeutungen sprechen ließ, wird hier zum klischierten Kintopp-Zweikampf eines sich nur mäßig clever verhaltenden Kriminalbeamten mit dem Killer, der seinen Gäste der Hochkultur nur wenige Stunden zuvor ein Menü aus Menschenfleisch serviert hatte (und dabei ein eitles Zöpfchen trug). Und natürlich muss es, anders als in MANHUNTER, auch einen herausgezögerten Showdown geben, bei dem dann die Familie des Profilers noch einmal in Gefahr gerät. MANHUNTER und THE SILENCE OF THE LAMBS waren herausragend, weil sie ganz neue Bilder und Strategien für den Thriller erfanden, HANNIBAL konnte immerhin noch für sich in Anspruch nehmen, einzigartig geschmacksverirrt zu sein. RED DRAGON ist einfach nur solide Stangenware.

Zehn Jahre nach dem bahnbrechenden, Oscar-gekrönten Erfolg von Demmes THE SILENCE OF THE LAMBS erschien endlich das von vielen sehnlich erwartete Sequel: Grund für die lange Wartezeit war die banale Tatsache, dass sich Thomas Harris, der Autor der literarischen Vorlage, selbst bis 1999 Zeit gelassen hatte, einen weiteren Roman um den kannibalistischen Serienkiller zu schreiben. Die Vorfreude wich schnell der Ernüchterung: Die Filmkritik hatte nur wenig Gutes über Scotts Film zu sagen (der natürlich trotzdem ein Hit wurde), beklagte den Verlust jener Subtilität, die Demmes Vorgänger ausgezeichnet hatte, und befand, dass die dafür nun in die Waagschale geworfenen grafischen Geschmacklosigkeiten keinen adäquaten Ersatz darstellten. Und während THE SILENCE OF THE LAMBS seinen Platz im Horrorfilm-Pantheon sicher hat, ist die Fortsetzung heute kaum mehr als eine Fußnote wert. Tatsächlich ist HANNIBAL eine ziemliche Katastrophe, aber eben eine, die sich mit ihren Over-the-Top-Gewaltdarstellungen und ihrem pompösen Kitsch unauslöschlich ins Gedächtnis einbrennt. Ich habe auch hier nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich Ridley Scott für einen der überbewertetsten Filmemacher überhaupt halte (eine kleine Handvoll erstklassiger Filme stehen einem weitaus höheren Berg von Mittelmaß und Schrott gegenüber), aber HANNIBAL würde ich tatsächlich gegen alle Kritiker verteidigen.

Während Scott ganz oft den Eindruck erweckt, keinen echten Plan davon zu haben, was einen Stoff wirklich interessant macht, so hat er das HANNIBAL zugrundeliegende Problem sehr genau erkannt: THE SILENCE OF THE LAMBS, in dem Lecter ja streng genommen nur eine Nebenfigur war, profitierte massiv davon, dass seine interessanteste Figur über weite Strecken der Handlung in seiner Freiheit massiv eingeschränkt war, ihr Potenzial mithin nie voll entfalten konnte. In der Interpretation von Hopkins war da kaum mehr als eine Ahnung von seiner Grausamkeit, die den Killer aber noch furchteinflößender machte. In HANNIBAL rückt der Kannibale nun ins Zentrum der Geschichte, er wird zum gleichberechtigten Protagonisten neben Clarice Starling (Julianne Moore) und seine Taten werden voll ausgespielt. Ein typisches Sequelproblem, das schon vielen Fortsetzungen das Genick gebrochen hat. Scott begegnet diesem Problem, indem er den Gore- und Geschmacklosigkeitsregler bis zum Anschlag aufreißt: Es dürfte nur wenige Filme dieser Preisklasse geben, die ähnlich lustvoll in Blut und Gedärm waten. Das beginnt schon im Prolog mit der Erschießung einer Aids-infizierten Drogendealerin, die ein Baby im Arm hält, setzt sich fort über Gary Oldmans Albtraum-induzierendes Make-up (sein Päderast Mason Verger schnitt sich einst auf Geheiß von Lecter unter Drogeneinfluss das Gesicht weg), den armen Kriminalisten Pazzi (GIancarlo Giannini), dessen Eingeweide sich auf eine florentinische Piazza ergießen, sowie menschenfressende Wildschweine und endet dann in der unfasslichen Sequenz, in der Hannibal Krendler (Ray Liotta) bei vollem Bewusstsein das eigene Gehirn verfüttert. Sicher, mancher Vertreter des sogenannten „Torture Porn“ ist noch zeigefreudiger, reiht noch mehr Schweinereien und Tabubrüche in noch kürzerer Zeit aneinander, aber diese Filme kommen eben auch nicht mit dem Stempel des Multimillionen-Mainstream-Sequels zu einem anerkannten Welthit daher. Es ist Ridley Scotts Verquickung von blutrünstiger Exploitation und opulentem Bilderbuchkino, die den Film so verstörend macht. Vor dem Hintergrund der florentinischen Kulisse mit ihren Renaissance-Palazzos und Opern-Vorstellungen, von John M athieson festgehalten in ultraslicken Bildern, nimmt HANNIBAL tatsächlich den Charakter einer bizarren Gewaltoper an, der spätestens im dritten Akt sämtliche Gäule durchgehen. Als hätte Rob Zombie nach einem miesen Heroin-Trip Thomas Manns „Tod in Venedig“ verfilmt. (Einschränkend muss man sagen, dass sich die Wikipedia-Inhaltsangabe des zugrunde liegenden Romans kaum weniger gestört liest und der Filmtod von Mason Verger tatsächlich eine „softe“ Version des Schicksals ist, das sich Harris für ihn erdacht hatte.)

Als Thriller betrachtet funktioniert HANNIBAL dann aber nur in Teilen: Scott gelingt es zwar noch einmal, diese Bedrohung einzufangen, die von dem freundlichen alten Mann ausgeht, und die annähernd versteinernde Furcht, die Menschen in seiner Gegenwart befällt, wenn sie wissen, mit wem sie es zu tun haben, besonders in den beiden Konfrontationen zwischen ihm und Pazzi (Giancarlo Giannini ist sehr gut als trauriger Kriminalist, der Morgenluft wittert, als er den gesuchten Lecter ausfindig macht), aber dem Film fehlt ein klarer Konflikt. Dass sich Starling und Lecter erst im letzten Akt begegnen, ist ein dramaturgischer Schwachpunkt, wie überhaupt der Charakter der FBI-Agentin hier nichts mehr mit dem Vorgänger zu tun hat. Starling ist nun nur ein weiterer Vertreter der klischierten tough cops, die es gelernt haben, ihre Gefühle hinter einer Wand der Härte zu verbergen (Jodie Foster lehnte die Rolle ab, weil ihr die Richtung, die Harris einschlug, überhaupt nicht gefiel). Und Lecter verliert über die vole Distanz viel von dem Schrecken, den er in wenigen Szenen von Demmes Film erzeugte, weil man erstens zu viel von ihm zu sehen bekommt, zweitens der „Schöne und das Biest“-Aspekt zu stark betont wird. Hopkins ist immer noch gut in der Rolle, aber der Film wird bisweilen von blankem Sensationalismus befallen. Subtil ist hier wirklich gar nichts mehr und in seiner permanenten Übertreibung, sei es hinsichtlich der bestialischen Gewalt oder auch hinsichtlich der Darstellung von Lecters Affluenz und seines Intellektualismus, mutet HANNIBAL an wie ein Splatterfilm für Leute, die sich sonst mit Vorliebe an Home Stories über Adelsfamilien delektieren. Aber wie schon einleitend gesagt: Diese seltsame Verbindung ist immerhin originell und tatsächlich durchzieht HANNIBAL eine Aura der Perversion und des Sadismus, die sehr passend ist für den Stoff. Es lohnt sich nicht mehr, wie noch bei Demmes Klassiker, lange über ihn nachzudenken, weil alles auf der Hand liegt, aber HANNIBAL ist immerhin noch ein guter, fieberhafter Albtraum geworden. Das ist nicht wenig, würde ich sagen.

Es ist ein berühmtes popkulturelles Narrativ, dass 1991 das Jahr war, in dem Grunge bzw. Alternative Rock den Hardrock töteten, wie er in den Achtzigerjahren populär war. Weniger plattgetreten ist die These, dass Jonathan Demme mit THE SILENCE OF THE LAMBS eine neue Welle des „erwachsenen“ Horrorfilms bzw. Thrillers einläutete, nachdem das Genre im vorangegangenen Jahrzehnt vor allem Teenies adressierte. Plötzlich waren Serienmörder und die sogenannten Profiler en vogue – und sind es ja eigentlich bis heute: Die diversen CSI-Ableger, Serien wie CRIMINAL MINDS und Konsorten wären ohne Demmes Hit-Verfilmung des Bestsellers von Thomas Harris undenkbar und mit dem intellektuellen Kannibalen Hannibal Lecter schenkte er dem Pantheon berühmter Horrorgestalten einen neuen Protagonisten, der sich hinsichtlich Bekanntheitsgrad nicht mehr hinter Dracula, Frankenstein, Michael Myers oder Freddy Krueger verstecken braucht. THE SILENCE OF THE LAMBS zog mit Ridley Scotts HANNIBAL das zwangsläufige Sequel nach sich (wenn auch mit rund zehnjähriger Verspätung), der Romanvorgänger, an dem sich Michael Mann 1986 mit dem erstklassigen MANHUNTER schon einmal versucht hatte, ohne jedoch den gewünschten kommerziellen Erfolg zu erzielen, erlebte eine Neuverfilmung, mit HANNIBAL RISING entstand ein Prequel um den Menschenfresser und Mads Mikkelsen durfte ihn schließlich sogar in einer eigenen Fernsehserie spielen.

Das ganz große Trara um THE SILENCE OF THE LAMBS habe ich indessen nie wirklich verstanden: Die große Schockwirkung hatte er bei mir nicht entfaltet, wahrscheinlich, weil ich bereits Fangoria-gestählt war, als ich ihn zu Gesicht bekam, und die betont unterkühlte Atmosphäre, die Tak Fujimoto in monochrome grau-braune Bilder gießt, empfand ich immer eher als lähmend denn als spannend. Sicher, Demmes Film war schon sehr ordentlich inszeniert, getragen von den herausragenden Darbietungen von Hopkins, Foster und Levine, aber irgendwie war mir der Film immer eine spur zu intellektuell und sachlich. Erst vor einem Jahr schrieb ich, dass ich Demmes sträflichst vernachlässigten SOMETHING WILD für weitaus interessanter halte als das viel gepriesene „Meisterwerk“ seiner Filmografie. Wahrscheinlich hat mich THE SILENCE OF THE LAMBS bei dieser Sichtung zum ersten Mal wirklich begeistert. Die suggestive Kraft der Inszenierung, die vieles nur andeutet, die dräuende Ruhe und die Ahnung einer in den Tiefen des Unbewussten lauernden Gefahr hat endlich ihre volle Wirkung bei mir entfaltet. Die Psychoduelle zwischen Hopkins und Foster – mittlerweile Zielscheibe unzähliger Parodien und in deutlich schwächerer Ausführung ein gut abgehangener Standard des Genres – bilden tatsächlich das Rückgrat des Films und vor allem Hopkins versteht es, im Verbund mit Demme die Faszination des Zuschauers für das irrational Böse herauszukitzeln. Lecter ist auch deshalb so bedrohlich, weil sein mörderisches Potenzial sich nie voll entladen darf. Das ist auch der Hauptunterschied zu Scotts Grand-Guignol-Sequel, das zwar die blutigen Tatsachen und Geschmacklosigkeiten anhäuft, aber bei Weitem nicht so beunruhigend ist. Aber das ist ja nichts Neues, dass es meist effektiver ist, die Dinge nicht voll auszuspielen.

Auch der Subtext von Misogynie und institutionellem Sexismus hat sich für mich erst bei dieser Sichtung wirklich als solcher entfalten können: Clarice Starling kämpft von Anfang an gegen eine Männerfront an, die sie eigentlich scheitern sehen will und Fujimoto bildet das ab, indem er die Protagonistin mehr als einmal als einzige Frau in männlich dominierten Gruppenbildern festhält. Überall trifft sie auf Männer, die sie aufgrund ihres Geschlechts für inkompetent halten, sie lediglich als leckeres Betthäschen betrachten oder ihr gleich das Sperma ins Gesicht schleudern. Auch Lecter versucht sie mit entsprechenden Demütigungen aus der Reserve zu locken und natürlich ist der Killer mit dem Spitznamen Buffalo Bill ein Frauenmörder, der die blinde Heldin im legendären Showdown schwer atmend aus dem Dunkel belauert. Starlings Trauma, die schreienden Lämmer nicht retten zu können, das sie seit der Kindheit plagt, wird in der Gegenwart des Films nicht nur durch die Gerissenheit der Serienmörder  angefeuert, sondern eben auch durch die vermeintlichen Verbündeten, die der Frau in ihren Reihen keinen Erfolg gönnen, ihr lieber Steine in de Weg legen, als sie zu unterstützen. Jodie Foster ist die Idealbesetzung für die ihre Zweifel und Verwundbarkeit hinter einer Fassade der Unnahbarkeit verbergende Polizistin, die im Dialog mit Lecter an ihre Grenzen stößt und sich nun ungewollt den Dämonen stellen muss, die sie so erfolgreich unter Verschluss gehalten hat. Um sich zu behaupten, muss sie sich erst selbst überwinden: Eine Herausforderung, die den Kollegen, die das lück hatten, mit dem „richtigen“ Geschlecht geboren worden zu sein, erspart bleibt.

In erster Linie sollte ein Film wie THE SILENCE OF THE LAMBS den Betrachter aber natürlich bei der Gurgel packen, ihn nicht mehr loslassen und den Druck bis zum Showdown unablässig erhöhen: Von der oben als vermeintlicher Schwachpunkt ausgemachten Ruhe, mit der Demme erzählt, sollte man sich dann auch nicht täuschen lassen: Der Regisseur lullt einen langsam ein, bevor er dann zuschlägt. Set Pieces wie jenes, dass Lecters brutal-gerissene Flucht aus der Haft schildert, oder Starlings Konfrontation mit einem Zeugen, der sich dann, sehr zu ihrem Erschrecken, als der Mörder entpuppt, sind saumäßig effizient gescriptet und inszeniert. Das fällt vor allem auf, wenn man etwa letztere Sequenz mit der ganz ähnlichen Auftaktszene aus Ratners RED DRAGON vergleicht, die kaum mehr als ein laues Lüftchen entfacht. Nein, nein, THE SILENCE OF THE LAMBS ist ein außergewöhnlich guter Thriller, der seinen Ruf ausnahmsweise zu Recht genießt. (Ich glaube, SOMETHING WILD finde ich aber trotzdem einen Tick besser.)

Eine echte Entdeckung, ein Film, der keinem gleicht, den ich bisher gesehen habe, und dem es gelingt, auf unkonventionelle Art und Weise Thrill und ebenso provokante wie intelligente Gesellschaftskritik unter einen Hut zu bringen.

THE SPOOK WHO SAT BY THE DOOR beginnt zunächst wie eine Komödie: Der schwindende Rückhalt bei der schwarzen Bevölkerung (er hatte eine „Law & Order“-Rede gehalten) beschert einem Politiker fallende Umfragewerte. Ein schwarzes Schaf muss her: die CIA! Die verabschiedet sich in einem Akt der Wiedergutmachung sofort von ihrer diskriminierenden Einstellungspolitik und rekrutiert die besten Afroamerikaner, um sie zu Topagenten auszubilden. Der ehrgeizige Dan Freeman (Lawrence Cook) kann sich am Ende gegen alle Konkurrenten behaupten und landet in verantwortlicher Position beim Geheimdienst, wo er all die subtilen und weniger subtilen Rassismen, die er sich von seinem väterlichen weißen Vorgesetzten anhören muss, mit freundlichem Lächeln hinnimmt. Die Genügsamkeit hat einen Grund: Er hat seine eigenen Pläne, wie der Zuschauer bald erfährt. Als er genug gelernt hat, kündigt Freeman seine Stelle, um in Chicago als Sozialarbeiter tätig zu werden. Doch das ist nur Tarnung: Er benutzt sein Wissen, um eine schwarze Widerstandsarmee zu gründen, zu schulen und in den Krieg gegen „whitey“ zu führen. Tatsächlich stürzen die von ihm geleiteten Stadtguerrillas Chicago in kriegsähnliches Chaos …

Dass THE SPOOK WHO SAT BY THE DOOR etwas umständlich erzählt wird, der Rekrutierung und den Eifersüchteleien unter den Kandidaten streng genommen zu viel Zeit eingeräumt wird, ist wahrscheinlich zuerst der Tatsache geschuldet, dass Drehbuchautor Greenlee auch die gleichnamige literarische Vorlage verfasst hatte und sich schwertat, auf einige Elemente ganz zu verzichten. Letztlich schadet diese fehlende editorische Disziplin dem Film nicht, weil sie seine zentrale Kritik stärkt. Wie es Freeman seinem alten Collegekumpel, jetzt in verantwortlicher Position bei der Chicagoer Polizei, erklärt: Das Ghetto ist nicht erst durch die Taten der Widerständler zum Kriegsschauplatz geworden, das Gesetz des Dschungels galt hier schon vorher. Die Staatsgewalt ist auf diesen Straßen ein ständiger Begleiter, nur ist sie nicht dazu da, die Bewohner zu schützen, sondern das Kapital, den Grundbesitz, der sich in den Händen von Weißen befindet. Der Rassismus, der keine Lynchmobs und keine Rassentrennung mehr braucht, weil er es sich im Alltag gemütlich gemacht hat, in zwischenmenschlichen Beziehungen und gesellschaftlichen Strukturen, in denen er sich hinter einer zivilisierten Maske verbirgt, ist in Dixons Film allgegenwärtig: Er zeigt sich zu Beginn in der Alibiaktion des CIA, in der Art, wie dessen Verantwortliche sich damit brüsten „integriert“ zu sein und schon planen, den „negro“ in die Empfangshalle zu setzen, damit ihn jeder sieht (darauf bezieht sich auch der Titel); in der Herablassung, in der Freemans Vorgesetzter dessen „Rasse“ fürihre sportlichen Leistungen lobt, aber gleich einschränkt, dass man wohl noch „Generationen“ brauche, um den „cultural gap“ zu schließen; aber man sieht auch die Auswirkungen unter den Schwarzen selbst, die sich damit begnügen, eine Quote zu erfüllen, anstatt wirklich ihren Platz in der Gesellschaft einzufordern.

Freemans Zorn ist ein gerechter, aber es ist natürlich recht schnell klar, dass er nicht ans Ziel führen wird, sondern nur in ein sinnloses Blutvergießen, das keine Veränderung bringt, nur mehr Schmerzen. Der Weg wird Dixon und Greenlee mit der Kühle und Akribie von Chronisten beschrieben, wie THE SPOOK WHO SAT BY THE DOOR überhaupt auffallend schmucklos ist. Gerade die Innenszenen wirken extrem trist, technisch ist der Film gerade einmal solide zu nennen, nicht weit entfernt von den drittklassigen Blaxploitern, die in dieser Zeit in Reihe entstanden. Aber das fällt nicht negativ ins Gewicht, weil Dixon und Greenlee ihre Botschaft mit solcher Inbrunst nach außen tragen, dabei so viel Stoff zum Nachdenken, Diskutieren und Streiten liefern, wie ich dasschon lange nicht mehr gesehen habe. Ein ganz wesentlicher Schlüssel zum Erfolg ist Hauptdarsteller Lawrence Cook, der seinen Radikalen Dan Freeman mit maximaler Überzeugungskraft, messerscharfer Intelligenz und beunruhigendem Charisma ausstattet. Während andere gerade letzteren Faktor zu Ungunsten des zweiten aufblasen und so jeden Revoluzzer zum augenrolleden Spinner degradieren, bekommt man bei Cooks Freeman einen ganz guten Eindruck davon, wie die Gründung einer solchen Organisation in der Realität tatsächlich funktionieren könnte.

Dass sich THE SPOOK WHO SAT BY THE DOOR durchaus auch als eine Art Anleitung sehen lässt, war sicherlich einer der Gründe, warum United Artists den Film kurz nach seiner Veröffentlichung vom Markt nahmen. Der Film war lange Zeit nur als Bootleg erhältlich, bis er Mitte der 2000er auf DVD wiederveröffentlicht wurde. 2012 zählte Dixons Werk zu den 25 Neueinträgen in die „National Film Registry“, in der Filme von kultureller, geschichtlicher und sozialer Relevanz für die Nachwelt bewahrt werden sollen. Verspätete Ehrung für einen Film, der zur Zeit seiner Entstehung viel zu dicht dran war an der schmerzhaften Wahrheit und kein Interesse an Vermittlung zeigte. Ein radikaler, immens spannender und packender Film, den ich hiermit allen meinen Lesern ans Herz legen möchte.

 

Der Kommissar aus Eisen heißt eigentlich Mauro Mariani und wird natürlich weniger gespielt als verkörpert von Maurizio Merli. 1978 war der italienische Poliziottesco ja eigentlich schon fast am Ende, aber Merli hatte noch längst nicht fertig. In Stelvio Massis spätem Film kommt er ein bisschen müder, ausgelaugter und resignierter daher, er scheint bereit, die ganze Scheiße hinter sich zu lassen, aber es gibt halt doch noch ein bisschen was zu tun – und dann holt ihn auch noch die Vergangenheit ein. Als nämlich der Sohn eines von ihm Verhafteten wiederum seinen Sohn als Geisel nimmt, aus Rache für den Suizid des Vaters, der dem Knast nicht gewachsen war.

Massis Film ist viel ordentlicher strukturiert als die Poliziotteschi der Hochzeit: Damals ging es ja auch immer darum, ein möglichst apokalyptisches Bild des italienischen Alltags zu zeichnen, also schossen die Subplots und Episoden genauso ins Kraut wie das Gesindel auf seinen Mopeds um die Straßenecken. Angepisste, unter Hochspannung stehende Cops wie eben jene, die Merli zu verkörpern pflegte, konnten sich kaum einmal umdrehen, ohne des nächsten Verbrechens ansichtig zu werden. Kaum war der eine Strauchdieb eingebuchtet, wartete schon der nächste Taugenichts darauf, mit einer ordentlichen Maulschelle auf den Pfad der Tugend zurückgeführt zu werden. Man kam als Zuschauer fast mit den Protagonisten aus der Puste angesichts dieser Raserei von einem Tatort zum anderen. Und die Filmemacher, die diese Geschichten auf die Leinwand brachten, versuchten gar nicht erst, Ordnung ins Chaos zu bringen. Sie reihten schön eine Ballerei an die nächste, unterbrachen das höchstens für eine scheppernde Verfolgungsjagd oder eine zünftige Keilerei.

IL COMMISSARIO DI FERRO ist da anders, ich bin fast versucht ihn als amerikanisch zu bezeichnen: Diese Parallelführung zweier Handlungsstränge – Mariani ist auf der Suche nach einem flüchtigen Schwerverbrecher und bekommt deshalb zu spät mit, dass sich in seinem Büro ein Geiseldrama vollzieht – ist schulbuchmäßig, wenn man mal davon absieht, dass Plot A mit Plot B rein gar nichts zu tun hat: Das hätte man schon noch eleganter lösen können. Der Spannungsaufbau gelingt aber dennoch und die persönliche Involvierung Merlis ist hier viel direkter als in seinen anderen Filmen: In denen verfolgte er zwar auch jeden Taschendieb so, als habe der seiner eigenen Oma das Ersparte geklaut, aber letztlich war er doch immer einer nur abstrakten Idee verpflichtet. Hier nun geht es wirklich seinem eigen Fleisch und Blut an den Kragen. Der Witz des Films – der Geiselnehmer weigert sich, den Treffpunkt und die Zeit zu nennen, weil Mariani diesen bereits kenne, doch der kann sich nicht vorstellen, was gemeint ist – verpufft ein wenig, weil man als Zuschauer lange vor Mariani ahnt, worauf der Schurke hinaus will, aber die Idee ist trotzdem gut: All diese Bankräuber, Gewalttäter, Diebe, Einbrecher, Mörder, die Mariani/Merli in ihrer Karriere eingebuchtet haben, sind für sie nichts weiter als Nummern, aber natürlich verbirgt sich hinter jeder einzelnen dieser Nummern ein Individuum, eine Geschichte des Scheiterns, ein Schicksal, ein komplexer Charakter.

IL COMMISSARIO DEL FERRO wirkt ein bisschen wie das ernüchterte Resümee unter einem Jahrzehnt der heißgelaufenen Bullen, die am Rand der Legalität kämpfen und die Regeln für ihre Zwecke beugen: die Idee, dem Verbrechen mit immer mehr Härte und Unnachgiebigkeit entgegenzutreten, hat außer Kriegsversehrten auf beiden Seiten nicht viel gebracht. Für Mariani/Merli wurde es langsam Zeit das Schießeisen an den Nagel zu hängen und irgendwo neu anzufangen. Natürlich nicht, bevor er dem Entführer seines Sohnes in diesem Film auch noch eine Kugel vor den Latz knallt. Er kann halt nicht raus aus seiner Haut.