Mit ‘Tim Burton’ getaggte Beiträge

peeweefeb12Pee-wee Herman (Paul Reubens) lebt mit seinem Hund Speck in einem mit Spielsachen und absurden Erfindungen vollgestopften Haus und liebt nichts so sehr wie sein rotes Fahrrad, das auch sein Erzrivale Francis (Mark Holton), verwöhnter, fetter, etwas einfältiger Sohn des reichen Mr. Buxton (Ed Herlihy) unbedingt haben will. Nach dem Einkauf ist die Katastrophe dann perfekt: Das Fahrrad wurde gestohlen und der untröstliche Pee-wee begibt sich auf eine Suche quer durch die USA …

Ich fange mal wieder ganz schnöde mit der Inhaltsangabe an, weil ich einfach nicht den richtigen Dreh für diesen Film finde. Pee-wee Herman ist eine Kunstfigur, die der Komödiant Paul Reubens in den späten Siebzigern als Teil der Comedytruppe „The Groundlings“ erdachte, weil er sich so schlecht herkömmliche Witze merken konnte. Pee-wee ist ein etwas zurückgeblieben anmutender Sonderling, der aber tatsächlich ziemlich scharfsinnig und nicht ohne eine gewisse irrationale, vormoralische Boshaftigkeit ist. Darüber hinaus sieht er aus wie eine menschliche Puppe: Da schwingt noch eine seltsame sexuelle Komponente mit, die auch Bestandteil des ursprünglichen Bühnenacts war und für Tim Burtons Spielfilmdebüt nicht vollständig getilgt wurde. Die Figur ist dann auch eher kurios als wirklich witzig, der Film nur bei flüchtigem Hinsehen kindlich und quirky, dahinter nahezu verstörend und bizarr. Tim Burton sollte später einen größeren Perfektionismus bei der Gestaltung seiner Kunstwelten an den Tag legen und natürlich mehr Geld für Spezialeffekte und Bühnenbildner zur Verfügung haben, aber was ihn auszeichnet, ist hier schon da und vielleicht umso wirkungsvoller, weil der Film seine Welt nicht lang erklärt, sondern uns einfach hineinwirft.

Es ist nicht wirklich eine Fantasiewelt, nur einzelne Teile unterscheiden sie von unserer: Die Einkaufsstraße, in der Pee-wee seines Fahrrads verlustig geht, beherbergt eine merkwürdige Häufung skurriler Geschäfte wie einen Laden für Scherzartikel, einen Perückenladen und das riesige Fahrradgeschäft, in dem die süße Dottie (Elizabeth Daily) arbeitet, die aus unerfindlichen Gründen ein Faible für den asexuellen Pee-wee hat. PEE-WEE’S BIG ADVENTURE wimmelt außerdem von popanzigen Vaterfiguren mit großen Hornbrillen und barocken Hausmänteln, komischen Außenseitergestalten und gesund-rotbackigen All-American girls. Die von Paris träumende Kellnerin Simone (Diane Salinger) erinnert sicherlich nicht nur deshalb an Olive Oil, weil ihr hünenhafter Freund genauso aussieht wie Bluto. Und Pee-wee mag die Schlagkräftigkeit und Einsilbigkeit von Popeye vermissen lassen, aber er bewegt sich genauso ungerührt von äußeren Einflüssen durch diese Welt wie der Seemann mit der Vorliebe für Dosenspinat. Man bekommt diese Figur einfach nicht zu fassen: Mal benimmt er sich Dottie gegenüber wie ein totales Arschloch, dann kommt seine naive Gutherzigkeit zum Vorschein als er alle Tiere einer Zoohandlung einzeln vor einem Brand rettet – sogar die ekligen Schlangen, was ihn vor Ekel in Ohnmacht fallen lässt. Mal wirkt er wie ein Simpleton, dann wieder scheint er alles zu durchschauen und mit subversiver Intelligenz zu enttarnen.

Endgültig rätselhaft ist das Finale: Nachdem Pee-wee bei einer Verfolgungsjagd über das Studiogelände der Warner Bros. für ein heilloses Chaos gesorgt hat, wird seine Geschichte verfilmt, und zwar mit James Brolin und Morgan Fairchild als er und Dottie. Pee-wee schaut sich die Premiere in einem Autokino mit allen seinen neuen Bekannten und Freunden an und plötzlich schiebt sich da ein postmoderner, erstaunlich greifbarer Witz in den Film, der vorher völlig abwesend war. Man wird völlig rausgerissen aus der Welt, die Burton zuvor etabliert, aber nie wirklich abgezirkelt hat. Ich weiß nicht genau, wie ich den Film finden soll. Einerseits ist er brillant und mitunter geradezu rührend in seinem autistisch-singulären Blick auf Amerika und Americana, aber den Protagonisten verstehe ich nicht so recht, finde ihn eher irritierend als amüsant, bisweilen verstörend und unheimlich, dann wieder sehr liebenswert und putzig. PEE-WEE’S BIG ADVENTURE ist ein wirklich seltsames Teil. Später hat Burton ja nur noch „seltsame“ statt seltsame Filme gedreht.

beetlejuice (tim burton, usa 1988)

Veröffentlicht: Oktober 13, 2008 in Film
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Die Maitlands (Alec Baldwin und Geena Davis) haben im ländlichen Connecticut ihr absolutes Traumhaus gefunden. Als sie bei einem dummen Autounfall versterben, scheint dem ewigen Glück in den vier Wänden trotz der anfänglichen Desorientierung nichts im Weg zu stehen. Doch dann ziehen die neureichen Deetzes (Jeffrey Jones, Catherine O’Hara und Winona Ryder) aus New York ein und verwandeln das Haus kurzerhand in einen Albtraum der Geschmacklosigkeit. Als die erbärmlichen Spukversuche der Maitlands nicht den gewünschten Effekt erzielen, suchen sie Hilfe beim „Bio-Exorzist“ Beetlejuice (Michael Keaton: herrlich!) …

Mein Verhältnis zu Burton ist in den letzten Jahren etwas abgekühlt: SWEENEY TODD war für mich symptomatisch für eine nicht immer glücklich verlaufende Regiekarriere. Die zunehmende Perfektion, die Burton bei der Gestaltung seiner Märchenwelten an den Tag legte, bot zwar immens viel eye candy und lud zum Schwelgen ein, saugte seinen Filmen aber auch merklich das Leben aus den fragilen Gliedern. BEETLEJUICE, Burtons zweiter Spielfilm nach PEE-WEE’S BIG ADVENTURE, wirkt demgegenüber noch deutlich eklektizistischer in seiner visuellen Gestaltung, bunter und nicht ausschließlich dem monochromen Gothic Horror verpflichtet, speist sich stattdessen aus ganz unterschiedlichen und nicht immer auf Anhieb verifizierbaren Quellen. Auch seine Effekte sind nicht immer hundertprozentig überzeugend – können sie auch gar nicht sein –, verleihen dem Film aber gerade deshalb eine unwiderstehliche Lebendigkeit, die den minutiös gestalteten Computerwelten seiner letzten FIlme vollkommen abgeht. Aber der Reiz von BEETLEJUICE erklärt sich nicht nur aus Kinonostalgie und dem Charme des Unperfekten: Auch inhaltlich gibt es viel zu entdecken, ist der Film viel weniger monothematisch angelegt als man das von Burton zuletzt gewohnt war (Ausnahmen bestätigen die Regel: BIG FISH). So etwa die Gegenüberstellung von Innen- und Außenräumen, die sich gleich auf mehreren Ebenen spiegelt, unter anderem in der ebenso einfachen wie herrlichen Creditsequenz, in der Burton während eines Kameraflugs fast unmerklich von der Landschaft Connecticuts auf ein genau diese nachbildendes Modell im Haus der Maitlands schneidet. Die scheinbare Paradoxie vom Leben im Tod, die Gegenüberstellung der glücklichen Toten und den schon toten Lebenden, ist hingegen natürlich idealtypischer Burton, doch auch dieses Motiv wird in BEETLEJUICE noch deutlich frischer verhandelt als in seinen späteren Filmen, in denen es zum rein ästhetischen Phänomen geronnen ist. BEETLEJUICE hat mir als zwölfjährigem Steppke im Kino nur wenig gefallen: Die satirischen Elemente habe ich nicht verstanden, der Humor von Beetlejuice selbst war mir wohl auch zu andeutungsreich, um darüber lachen zu können, der ganze Film mit seiner absichtlichen Künstlichkeit einfach zu fremd. Gestern war die Überraschung umso größer, habe ich mit BEETLEJUICE doch einen wunderbaren, warmherzigen, originellen, witzigen und klugen Film wiederentdeckt, der Anlass genug für mich darstellt, mir den frühen Burton in Zukunft noch einmal zu Gemüte zu führen – und mir über diesen Umweg vielleicht auch einen neuen Zugang zu seinem Spätwerk zu erarbeiten. Denn das Burton trotz aller (vermeintlicher) Verfehlungen der letzten Jahre zum Trotz ein Filmemacher mit einer vollkommen originären Vision ist, daran besteht auch für mich kein Zweifel.

Texte auf F.LM

Veröffentlicht: März 5, 2008 in Zum Lesen
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Meine Rezensionen zu NO COUNTRY FOR OLD MEN und SWEENEY TODD kann man übrigens auch woanders lesen, wenn man sich die SPLATTING IMAGE nicht dafür kaufen möchte (böse, böse, böse!) oder nicht so lange warten will. Auf F.LM findet man hier den Coen und dort den Burton.