Mit ‘Tim Curry’ getaggte Beiträge

Das Sequel zum Megahit war unvermeidbar und folgerichtig musste für den zweiten Aufguss alles eine Nummer größer sein: Warum Kevin also nicht allein nach New York verfrachten? Die Idee ist gut, die Umsetzung adäquat, aber ohne den Drive und die Selbstverständlichkeit, die noch das Original auszeichneten. Nichts Besonderes für einen zweiten Teil, der alles  eine Nummer schlechter macht als noch zuvor.

Dafür, dass Kevin allein in der Metropole landet (die 1991 immerhin noch ein bisschen gruselig war), muss die Glaubwürdigkeit im Unterschied zum ersten Teil arg überstrapaziert werden, der Mittelteil zerfällt noch mehr in unverbundene Episödchen und zielloses Location-Hopping, die Taubenfrau (Brenda Fricker), die als Ersatz für Roberts Blossom die Herzen erwärmen darf, kommt mit extra viel Zuckerguss (sorgt aber im Finale zumindest für ein wirklich tolles Bild, wenn die beiden tolpatischigen Einbrecher von Taubenschwärmen befallen werden), ein freundlicher Spielzeugladenbesitzer, der seine Weihnachtseinnahmen an ein Kinderkrankenhaus stiftet, dessen Patienten von ihren Fensterbänken aus traurig in die Weihnachtsnacht schauen, lässt sich nur schwer verteidigen, und es muss schon die dämlichste Hotelbelegschaft der Welt (Tim Curry & Rob Schneider) erfunden werden, damit die ganze Geschichte nicht krachend in sich zusammenstürzt. Dass der Film um diese Defizite weiß, macht es nicht unbedingt besser.

Die erneute Konfontation Kevins mit den Einbrechern aus Teil eins ist erwartungsgemäß noch spektakulärer, noch ausufernder und noch brutaler, versöhnt den, der mit dieser Art Entertaiment etwas anfangen kann, aber mit manchem müden Einfall des Films. Am schlimmsten sind natürlich all jene Szenen, die schon im ersten Teil nur mäßig witzig waren und dies in der aufgewärmten Version nun gar nicht mehr verbergen können: Die Nummer mit den Tonbandaufnahmen, die Kevin im Laufe des Films macht und dann immer passgenau einsetzt, ist so ein Element, von dem sich Hughes und Columbus besser getrennt hätten. Ich will das hier nicht über Gebühr ausdehnen: Es hat Spaß gemacht, das Teil mit meinen Kindern zu schauen. Sollte es ein zweites Mal geben, spulen wir aber bestimmt zum den Szenen vor, in denen Pesci und Stern auf die Glocke bekommen.

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Auf der 42nd Street in Manhattan, direkt am Times Square, schlug einst das Herz des Exploitationkinos. Vielleicht müsste man diese liebevoll „The Deuce“ genannte Ecke mitten im Zentrum der Metropole vielleicht eher als den Unterleib der Kinokultur bezeichnen, um im Bild zu bleiben: „Grindhouses“, Pornokinos und Sexshops reihten sich dort einträchtig aneinander, auf ihren leuchtenden Marquees verhießen die Titel von Sex-, Horror-, Actionfilmen und Eastern in großen Lettern mannigfaltige Vergnügungen. Auf der Straße davor tummelte sich ein buntgemischtes Völkchen aus Nachtschwärmern, Straßenmusikern, Touristen, Drogenabhängigen und Obachlosen, das nicht jeder New Yorker als imagefördernd betrachtete. Von der einstigen schmuddeligen Herrlichkeit ist am Times Square heute leider nicht mehr viel übrig. Die Aufräumaktionen der Achtziger- und Neunzigerjahre bedeuteten ein konsequentes Großreinemachen, bei dem die Tempel der Subkultur erst klinisch sauberen Geschäften und Multiplexen weichen mussten und anschließend auch das einstige Publikum gegen ein neues, saubereres und besser situiertes ausgetauscht wurde. Fotos von damals sprechen heute nicht nur von der lokalen New Yorker Vergangenheit, sie illustrieren auch, wie sich die Kinolandschaft (und mit ihr die Filme) weltweit von einer vielseitigen, brodelnden, ja, auch abenteuerlichen und vielleicht sogar „gefährlichen“, in eine sichere, gleichförmige, konsumorientierte verwandelt hat.  Wo früher also 20 Lichtspielhäuser auf engstem Raum mit individuellem Programm und eigenem Charakter um die Gunst der Zuschauer buhlten, da fertigt heute ein Multiplex mit 10 nahezu identischen Sälen die Zuschauer mit dem von Hollywood diktierten Einheitsprogramm ab. (Eine Entwicklung, die nebenbei nur exemplarisch für das allgegenwärtige städtische Facelifting ist, das Individualität durch Franchises, Markennamen und Ketten zerstört.) Wer die Wortkombination „Times Square 42nd Street Grindhouse“ googelt, der wird beim Betrachten des sich bietenden Bilderangebots tosende Nostalgieschübe über sich hinweg branden fühlen. (Eine besonders schöne Bildersammlung findet sich hier.) Auf Allan Moyles hierzulande eher unbekannten Film TIMES SQUARE, bin ich passenderweise gestoßen, als ich Bilder für mein Zweitblog „Marquees in Movies“ suchte. Er setzt seinem titelgebenden Schauplatz, so wie er sich vor knapp 35 Jahren darstellte, ein wunderschönes Denkmal, nimmt im Kern die bevorstehende Verwandlung vorweg und zeigt so noch einmal sehr deutlich, was damals verlorenging, als die Politiker mit dem städteplanerischen Besen Einzug hielten.

In der neurologischen Abteilung des Krankenhauses begegnen sich Nicky Marotta (Robin Johnson). eine aufmüpfige Ausreißerin mit Rockstar-Ambitionen, und Pamela Pearl (Trini Alvarado), die Tochter eines ehrgeizigen Lokalpolitikers (Peter Coffield), die frustriert ist, weil sie von ihrem Vater lediglich zur Durchbringung seiner politischen Ziele – die Säuberung der 42nd Street – missbraucht wird. Die beiden so gegensätzlichen Mädchen erkennen sich als Verbündete im Kampf gegen das Unverständnis der Erwachsenen, die sie gefügig machen wollen, reißen kurzerhand aus und schlagen sich auf eigene Faust durchs Leben. Ihnen zur Seite steht dabei der Radiomoderator Johnny LaGuardia (Tim Curry), der von ihrer Geschichte und Nicky Musik begeistert ist und sie der breiten Öffentlichkeit bekannt macht. Natürlich gefällt Pamelas Vater diese Publicity überhaupt nicht …

TIMES SQUARE macht mal wieder klar, wie weit ein interessanter, lebendiger Schauplatz, ein herausragender Score, charismatische, frische Hauptdarsteller und eben jene vielen kleinen Details, die das ausmachen, was man gemeinhin „Atmosphäre“ nennt (ohne genau sagen zu können, was das ist), einen Film tragen können. Allan Moyle, der sich ein paar Jahre später mit PUMP UP THE VOLUME erneut als Anwalt der Jugend erwies (und nebenbei Christian Slaters einst verheißungsvolle Karriere kickstartete), versteht es, die Magie und ikonografische Bedeutung seines titelgebenden Handlungsortes einzufangen, außerdem jene zu Beginn der Achtzigerjahre in der Luft liegende Stimmung. Der „Sommer der Liebe“ war lang vorbei und hatte einen massiven Kater hinterlassen, der direkt in die Selbstkasteiungen und den Nihilismus des Punk müdete. Eine Therapie bot Disco mit affirmativem Hedonismus, doch die Scheuklappentechnik schien nicht für alle Menschen zu funktionieren. Die Suche nach einem neuen Ziel machte die Neuorientierung in einer Welt erforderlich, in der eine friedliche Revolution keine Option mehr zu sein schien, ein Krieg aber gleichbedeutend mit dem Ende war. Der Zorn war noch da, aber irgendwie wollte man auch weitermachen, ohne sich selbst hassen zu müssen. Aus dem neuen Lebensgefühl erwuchs dann auch ein neuer Sound: New Wave verband zum einen die Direktheit des Punk mit den Grooves und dem utopischen Klang von Disco. Aber mit diesem Klang wurden auch die Ernüchterung über das Platzen der Träume, die trotzige Euphorie über das Sein im Hier und die Hoffnung auf die Verheißungen der Zukunft zu einer dialektischen Einheit verschränkt. Was das bedeutet zeigt sich in Nicky Marotta (der breite Brooklyner Akzent enttarnt sie als „marauder“) und Pam: Von den Lügen der Erwachsenenwelt angewidert und ohne ein echtes Konzept davon, wer sie morgen sein wollen, erfinden sie sich buchstäblich on the fly.  Sie sind noch zu jung, um der Welt mit Resignation und Lethargie oder auch nur Gelassenheit zu begegnen, und stürzen sie sich so voller Enthusiasmus ins Nachtleben am Times Square, das zwar keine nachhaltigen Pläne, aber zumindest Selbstbestimmung verheißt. Doch auch diese Welt ist schon im Verschwinden begriffen, zersetzerischen Elementen darf eben kein Rückzugsort geboten werden.  Die Polizei ist entweder nicht weit weg oder schon da, um den Spaß zu verderben. TIMES SQUARE ist vor allem ein lebendiges Porträt jener kurzen Übergangsphase: On location gedreht, zeichnet er das Bild eines pulsierenden urbanen Herzens, eines schillernden Ortes, der – obwohl mitten im Zentrum der Zivilisation – völlig ungebändigt scheint. Die Menschen, die sich unter den bunten Marquees tummeln, sind alle auf der Suche und angetrieben werden sie vom Groove der Talking Heads, die den Brückenschlag zwischen afrikanischer Tradition und synthetischen Klängen proben, als wollten sie musikalisch nachvollziehen, was es mit Hegels Fortschrittsdialektik auf sich hat. Und genauso verkörpern Nicky und Pam die beiden Gesichter jener Zeit: Die eine emotional zerrüttet und nur einen Schritt vom Absturz entfernt, die andere mit großen Augen in sich aufsaugend, was man von ihr immer fernhalten wollte, ohne jedoch blind auf die Verlockungen hereinzufallen, immer noch in der Vernunft geerdet.

Dieses Konstrukt ist es aber auch, dass TIMES SQUARE in der zweiten Hälfte in Ketten schlägt. Dann greifen alle Plotklischees, die das 101 des Drehbuchschreibens erfordert. Auf die Euphorie muss der Konflikt folgen, dessen Lösung am Ende einen neuen Anfang markiert.  Eine Figur wie der verständnisvolle Johnny LaGuardia verkommt zum bloßen Handlungs-Katalysator und Tim Curry ist mit seinem dämonischen Augenrollen alles andere als ideal besetzt: So sehr er auch den Rebellen im System gibt, man traut ihm nie so ganz, dass er nicht doch eine geheime Agenda verfolgt, wenn er die beiden Mädchen unterstützt, von denen eine ganz sicher Hilfe benötigt. (Der Fairness halber muss man einräumen, dass ihm am Ende auffällt, dass er einen gefährlichen Hype betrieben hat.) Und dann muss man sich schließlich fragen, ob Moyle den Times Square nicht doch hoffnungslos idealisiert, ob es diesen alle sozialen Unterschiede transzendierenden Gemeinschaftssinn in dieser Form tatsächlich gab, ob ein 13-jähriges Mädchen als Tänzerin in einem Animierschuppen – auch wenn sie stets züchtig verhüllt bleibt – wirklich so gut aufgehoben ist, ob sie dort wirklich nur freundlich beklatscht worden wäre. Schließlich, ob der „Ruhm“ den Nicky als Punk-Poetin erlangt, nicht nur Augenwischerei ist, die kurze Laune einer orientierungslosen Jugend, die begierig jeden Knochen aufnimmt, der ihr hingeworfen wird, um ihn wieder auszuspucken, sobald er abgenagt ist. Lou Adlers grandioser LADIES AND GENTLEMEN, THE FABULOUS STAINS, bildet so etwas wie die realistischere, reflektiertere Schattenseite zu dieser märchenhaften Träumerei. Aber diese Mängel ändern auch nichts daran, dass TIMES SQUARE faszinierende Ansichten bietet, zudem einen traumhaften Soundtrack, der Größen wie die erwähnten Talking Heads, XTC, The Ramones, The Cars, Suzi Quatro, The Pretenders, Joe Jackson, Gary Numan, Lou Redd, The Cure und Patti Smith miteinander zu einem restlos beglückenden Klangbild vereint. Und Pam – Trini Alvarado spielte rund 15 Jahre später die Hauptrolle in Peter Jacksons Hollywood-Debüt THE FRIGHTENERS – und Nicky sind Charakere, die einem in den knapp 110 Minuten ans Herz wachsen. Man wünscht ihnen am Ende alles Gute, auch wenn man bei Nicky – grandios gespielt von der wenig später in der Versenkung verschwunden Robin Johnson, deren schmale Credits recht bezeichnend ein „Punk Girl“ in Scorseses AFTER HOURS listen – irgendwie kein so richtig gutes Gefühl hat …

Und weiter geht’s mit den Fantasy Filmfest Nights: BURKE AND HARE war vielleicht nicht der beste Film des Festivals, aber der, der mich am glücklichsten gemacht hat. Der Einbruch von Landis, der bis in die späten Achtzigerjahre einen Klassiker nach dem anderen gedreht hat, stellte für mich immer zugleich eine absolute Tragödie wie auch ein völliges Rätsel dar. Mit BURKE AND HARE liefert er einigen Grund zur Hoffnung, dass man mit ihm nun wieder rechnen kann. Meinen Text gibt’s hier.