Mit ‘Tim Matheson’ getaggte Beiträge

Die Bedeutung von NATIONAL LAMPOON’S ANIMAL HOUSE – sowohl für das Genre der Teenie- bzw. Collegekomödie als auch für die kommerzielle US-Komödie insgesamt – kann kaum überschätzt werden. Basierend auf Stories aus dem in Studentenkreisen beliebten Magazin „National Lampoon“, für das Harold Remis als Schreiber tätig war, wurde Landis‘ dritter Spielfilm ein gewaltiger Erfolg, avancierte zum kultisch verehrten und sogar in der National Film Registry verbrieften Klassiker, dessen Einfluss bis heute spürbar ist. Landis und Ramis griffen einen brachliegenden Standard auf – u. a. hatten ja schon die Marx Brothers mit HORSE FEATHERS eine Collegekomödie im Gepäck gehabt – und schufen die Blaupause, mit der in den folgenden Jahren etliche Nachahmer arbeiten konnten: Man denke an REVENGE OF THE NERDS, MAKING THE GRADE, BACK TO SCHOOL, REAL GENIUS, OLD SCHOOL, aber auch an die POLICE ACADEMY-Reihe oder die Armee-Komödie STRIPES – sie alle wären nicht denkbar ohne ANIMAL HOUSE. Selbst hinsichtlich der Postergestaltung schuf ANIMAL HOUSE einen Präzedenzfall: Anarchokomödien, die etwas auf sich hielten, schmückten sich in den Folgejahren immer wieder mit cartoonesken Wimmelbildern von Zeichnern, die u. a. für das MAD Magazine tätig waren. Und jenes Magazin zog natürlich nach, nachdem die Konkurrenz erfolgreich in die Kinos expandiert war: UP THE ACADEMY von 1980 floppte und blieb ein Einzelfall, während bis heute Filme mit dem Zusatz „National Lampoon’s“ versehen werden (allerdings ebenfalls, ohne jemals an den Sensationserfolg oder die Klasse von ANIMAL HOUSE anknüpfen zu können).

Die zeitgenössischen Kritiken waren dabei durchwachsen gewesen: ANIMAL HOUSE hatte mit feinsinnigem Witz so viel am Hut wie seine Protagonisten mit Lerndisziplin und brannte ein wahres Feuerwerk an schlüpfrigen, respektlosen und wilden Gags ab, das die Feuilleton-Elite verschreckte. Der Humor lag ganz auf der Linie von Landis vorangegangenem KENTUCKY FRIED MOVIE, mit der Ausnahme, dass die Witze nun in eine klassische Story verpackt waren und weitestgehend ohne selbstreferenzielle Metaspäßchen auskamen: Die Partybiester der Delta-Fraternity müssen sich am vom autoritären Dean Wormer (John Vernon) geleiteten Faber College gegen die Sabotage-Akte der Preppies und Streber von Omega Theta Pi behaupten, die die Exmatrikulation der Chaoten zum Ziel haben. Zwar geht der Plan der Intriganten auf, doch die Deltas rächen sich am Schluss mit einer Reihe von Attentaten auf die Homecoming Parade, bevor sie (via Texteinblendungen, die AMERICAN GRAFFITI entlehnt sind und dessen Pathos eine lange Nase drehen) in eine erfolgreiche Zukunft abmarschieren. Hinter der Abfolge von kruden Scherzen, die sich meist um Sex, Alkohol und sinnlose Zerstörungswut drehen, steckt der Spirit von Rebellion, Nonkonformismus und Liberalismus, der sich gegen alle Spießer, Speichellecker, Karrieristen und Reaktionäre richtet. Das College repräsentiert die USA im Kleinen: Das Fraternity-System spiegelt eine rigorose Zwei-Klassen-Gesellschaft, in der nur aufsteigt, wer von den Oberen für „würdig“ gehalten wird, und dann bereit ist, sich einer Reihe von Demütigungen zu unterziehen, mit denen er seine Unterwerfung demonstriert. Es herrscht ein strenger Corpsgeist, der Regelverstöße und Individualismus verachtet und gnadenlos sanktioniert. Das heruntergekommene Haus der Deltas bietet ein rares Refugium für alle, die von der Elite für unwürdig gehalten werden: Zu seinen Bewohnern gehören neben denen, die die Norm als zu hässlich, zu dumm oder zu arm gebrandmarkt hat (oder auch solche, die keine gebürtigen Amerikaner sind), auch die Innovatoren und Bilderstürmer, also jene, die gar keine Lust haben, nach den Regeln von Leuten zu spielen, die selbst keine Fantasie haben, sondern es bereits für eine Leistung halten, vom Schicksal auf der richtigen Seite platziert worden zu sein.

Mit dieser Anti-Establishment-Haltung rennt man bei den jungen Leuten, an die sich der Film richtete, immer offene Türen ein, wahrscheinlich besonders in den späten Siebzigern, nach den Desillusionierungen durch Vietnam und Watergate. Aber Landis verlässt sich nicht nur auf die ewige Anziehungskraft juveniler Rebellion: Sein Film ist mit jener unbändigen Energie ausgestattet, die nur ein echter Überzeugungstäter aufbringt, reiht Höhepunkt an Höhepunkt, Klassiker an Klassiker, ohne jedoch zur zusammenhanglosen Gagparade zu verkommen. Diese Energie muss, das legt ANIMAL HOUSE in jeder Sekunde nahe, auf alle Beteiligten ansteckend gewirkt haben, denn ausnahmslos alle füllen ihre Rollen, egal wie klein und unbedeutend, mit pulsierendem Leben. Ein unplanbarer Glücksfall. Man kann über ANIMAL HOUSE nicht sprechen, ohne John Belushi zu erwähnen, der den Spirit des Films in Reinkultur verkörpert, gewissermaßen seine Essenz darstellt. Belushi war als Teil des Saturday Night Live-Ensembles bereits zu nationaler Berühmtheit gelangt, doch erst mit seiner Performance hier, in seinem Spielfilmdebüt, wurde er zum Comedy-Gott und manifestierte sein Image als Party Animal (das ihm nur wenige Jahre später das Leben kosten würde). Sein Bluto, ein saufender, rülpsender, zerstörungswütiger, partysüchtiger, aber dabei herzensguter Derwisch, kommt nahezu ohne Dialogzeilen aus und wäre in den Händen eines weniger begnadeten Darstellers ganz sicher zur witzlos-eindimensionalen Karikatur verkommen, gerät so aber zu einer echten Ikone, der anschließend (meist vergeblich) nachgeeifert wurde. Dass man seine Exzesse akzeptiert, liegt auch daran, dass Landis und Remis um ihn herum Charaktere gruppierten, die etwas geerdeter und „normaler“ anmuten. Tim Matheson ist großartig als charmant-selbstbewusster Leader und Frauenschwarm Otter, Peter Riegert macht den für sich genommen eher langweiligen Boon, der als einziger eine echte Beziehung führt (mit der ewig süßen Karen Allen), nahbar und sympathisch. Thomas Hulce und Stephen Furst sind ultimativ liebenswert als Loser, die sich inmitten des Chaos wunderbar aufgehoben fühlen und über sich hinauswachsen, Bruce McGill stellt Belushis Bluto mit D-Day einen handfesten Vollstrecker zur Seite und James Widdoes gibt den wortgewandten, etwas spießigen Hoover, der dafür sorgt, dass nicht alles total aus den Fugen gerät. Für das zwingend notwendige Gleichgewicht sorgen die Schurken: Mark Metcalfe militaristischer Doug Niedermeyer ist ein Arschloch für die Geschichtsbücher (wie er die Worte „pledge pin“ ausspricht oder besser -spuckt, ist schon allein den Eintritt wert), James D aughton als schleimiger Greg Marmalard nicht nur brillant benannt, sondern auch der Inbegriff des langweiligen Schmierlappens: Die Szenen, in denen er sich von seiner Freundin vergeblich einen runterholen lässt (natürlich mit Gummihandschuhen) – „is it supposed to be this soft?“ -, während er nicht aufhört zu smalltalken, sind göttlich: Pointierte und schärfer wurde das Klischee des closet homosexuals auch danach nicht mehr ins Bild gerückt. John Vernons knurrender Dean Wormer geriet gar so überzeugend, dass der Schauspieler den Part in der Folge immer wieder referenzieren durfte: Wann immer es irgendwo eine arschlockige Autoritätsfigur zu besetzen galt, wussten Casting Directors, dass sie mit ihm nichts falsch machen können. Und Donald Sutherland sollte man als bekifften Literaturprofessor auch nicht vergessen.

ANIMAL HOUSE lädt unweigerlich dazu ein, seine Lieblingsszenen aufzuzählen, was allein schon einen ganzen Text rechtfertigt – der dann am Ende doch unvollständig wäre: Ich liebe eigentlich alles an ihm und habe beim ersten Wiedersehen seit mehr als zehn Jahre noch mehr Freude gehabt, als ich vermutet hatte. Seine Wildheit ist ansteckend, dabei sollte nicht verkannt werden, dass es eines Könners bedurfte, dies alles in die richtigen Bahnen zu lenken. Das komische Timing des Films ist dann auch unnachahmlich, die Trefferquote beachtlich, fast genauso zielsicher wie die unzähligen Bierflaschenwürfe des Films, ob es sich nun um elaboriertere Gags handelt, wie die „Road Trip“-Sequenz mit dem klimaktischen Besuch in einem Schwarzenclub, oder kurze, vermutlich improvisierte Sight Gags: Grandios, wie Bluto beim Eintreten ins Delta House dem ihm entgegenkommenden Typen einfach wortlos den Karton aus der Hand schlägt. Herrlich, wie er sich das schwülstige Folkliedchen des Akustikgitarrenhippies anhört und dann in einem kurzen Wutanfall dessen Gitarre zerdrischt. Zum Niederknien, wie er einen Schreianfall bekommt, als ein Karton mit Schnapsflaschen zu Boden fällt. Manchmal sind es winzige Details, die große Wirkung entfalten: Die typische Voyeurszene wird durch seinen Blick in die Kamera transzendiert, mit dem er den Zuschauer zu seinem Partner macht. Jede Szene mit ihm ist schon für sich genommen eine kunstvolle Humor-Miniatur, ein Haiku des Wahnsinns. Und NATIONAL LAMPOON’S ANIMAL HOUSE ist das Denkmal, das um ihn herum erdichtet wurde. Inklusive dem besten Pferdestandbild aller Zeiten. Wer anderer Meinung ist, wird mit double secret probation belegt.