Mit ‘Tim Thomerson’ getaggte Beiträge

In den Siebzigern überwog in der Auseinandersetzung mit moderner Technologie noch die Skepsis. Filme, die Computer und künstliche Intelligenz thematisierten, hatten meist deutlich dystopischen, mahnenden Charakter. In den Achtzigern war nicht mehr zu leugnen, dass der Personal Computer mehr und mehr in den Alltag Einzug halten würde: Man war sich zwar noch nicht ganz im Klaren darüber, was das für Konsequenzen haben würde, aber die Faszination, die Begeisterung über die neuen, kaum zu überschauenden Möglichkeiten überwog jede übrig gebliebene Skepsis. Die Achtziger lassen sich rückblickend als das Jahrzehnt betrachten, in dem der Mensch die Synthese mit der Maschine versuchte. Roboter mit Menschengesichtern oder Menschen mit Maschinenteilen mischten sich unters Volk (THE TERMINATOR, CYBORG, ROBOCOP), putzige Blechroboter freundeten sich mit Teenies an (SHORT CIRCUIT), Schuljungs programmierten ihre Traumfrau im heimischen Rechner (WEIRD SCIENCE). Die Musik, die dazu lief, kam nicht mehr vom Orchester, sondern aus dem Synthesizer, der bizarrerweise versuchte, organische Klänge nachzuahmen. Mehr als bloße Technikbegeisterung stand hinter all diesen Experimenten die Sehnsucht danach, das Geheimnis menschlichen Seins schlechthin zu ergründen. Es waren Versuche, Seele zu erschaffen und dem lieben Gott das Monopol abzunehmen. Insgeheim wusste man natürlich, dass das niemals gelingen würde. Die Achtzigerjahre waren ein zutiefst trauriges Jahrzehnt, in dem sich das berühmte Paradoxon von Zenon von Elea – in dem der Läufer Achilles den Vorsprung der Schildkröte niemals einholen wird – zu bestätigen schien. Das „Uncanny Valley“ war nicht zu überbrücken.

CHERRY 2000 passt perfekt in diese Tradition. Er spielt in einer nicht näher definierten Zukunft. Die Arbeitslosigkeit beträgt 40 %, der Mensch hat so viel Technikschrott produziert, dass Recycling eine der wichtigsten Beschäftigungen geworden ist. Männer und Frauen gehen keine Liebes-, sondern nur noch Geschäftsbeziehungen ein, die von den Frauen dominiert werden. Männer, die Sex wollen, müssen entweder in demütigenden Verhandlungen ihre Affluenz beweisen oder sich einen Roboter zulegen. So wie Sam Treadwell (David Andrews): Er führt eine glückliche Beziehung mit einem Roboter aus der Cherry-2000-Reihe (Pamela Gidley), der ihm jeden Wunsch von den Lippen abliest. Ein Kurzschluss beim nassfeuchten Liebesspiel in der Küche beendet das gemeinsame Glück. Konsterniert muss Sam feststellen, dass sein Traumroboter nicht mehr gebaut wird. Nur in der berüchtigten Zone 7 soll es noch einige Modelle geben. Mit dem „Tracker“ E. Johnson (Melanie Griffith) begibt sich Sam auf die gefährliche Reise durch die Wüste, in der der psychopathische Lester (Tim Thomerson) mit seiner Privatarmee Jagd auf Tracker macht. Und natürlich springt bald der Funke über zwischen Sam und E. …

CHERRY 2000 ist eines jener knallbunten Film-Wunderwerke irgendwo zwischen Trash, Mainstream, Pop, Anarchie und Avantgarde, von denen es in den Achtzigerjahren so einige gab. Viele von ihnen fielen damals an den Kinokassen leider durch und erwarben sich erst später, nach Video- oder Fernsehauswertung, ihren Kultstatus: THE ADVENTURES OF BUCKAROO BANZAI ACROSS THE EIGHTH DIMENSION, NIGHT OF THE COMET, THE LAST DRAGON oder NEVER TOO YOUNG TO DIE, um nur ein paar zu nennen. CHERRY 2000 traf es besonders hart: 1985 gedreht, wurde er in den USA erst 1988 veröffentlicht, nachdem Melanie Griffith mit WORKING GIRL zu größerer Berühmtheit gelangt war. Warum, erschließt sich aus heutger Sicht überhaupt nicht. Na klar, De Jarnatts Film fehlt vielleicht ein zugkräftiger Name, aber ansonsten hat er alles, was man von 90-minütiger Unterhaltung erwarten darf. Die Handlungsprämisse wird nicht überstrapaziert, der Film behandelt sein zentrales Problem als genau das was es ist: ein Genrestandard, der nicht groß hergeleitet werden muss. Auch die Dystopie, in der CHERRY 2000 angesiedelt ist, wird nur kurz skizziert und so umso reizvoller. Was sich in der Welt genau abgespielt hat, dass sie in der Gegenwart dieses Films münden konnte, bleibt schleierhaft, aber gerade deshalb wirkt der Film so lebendig und auch glaubwürdig. Wenn De Jarnatt zeigt, wie lüsterne Männer sich mit im Juristenjargon parlierenden Zuhältern und Prostituierten herumschlagen, um in den Genuss von Sex mit echten Frauen zu kommen, erweckt er den Eindruck, als wüsste er etwas, was uns verborgen geblieben ist. Auch dass er mit keiner Silbe erklärt, warum sich im buchstäblich ver-wüsteten Las Vegas ein Lager mit unbenutzten Robotern befindet, trägt zur Authentizität dieser Welt entscheidend bei. Die Charaktere wissen ja, was passiert ist, warum sollten sie darüber reden? Der Film bietet Raum für Fantasie, anstatt alles mit Erklärungen zu ersticken.

Das Herz von CHERRY 2000 schlägt aber in seinem wunderbar episodischen Verlauf, der vielen wunderbaren Darstellern eine Plattform bietet: Laurence Fishburne spielt einen der Zuhälter zu Beginn, Robert Z’Dar einen Handlanger des Schurken Lester, den Tim Thomerson als gut gelaunten Öko-Priester mit Weltherrschaftsfantasien interpretiert. Wenn er sich auf der Jagd nach E. und Sam von seiner Frau ein Sandwich auspacken lässt und genüsslich hineinbeißt, geht die Sonne auf. Ben Johnson gibt E.’s Mentor Six Fingered Jake, der in seiner Höhle auf einem riesigen Vorrat von verpackten Toastern sitzt und sich damit mit Vorliebe Klapperschlangen zubereitet. Als weiterer Veteran betreibt Harry Carey jr. als Snappy Tom ein Bordell mitten in de Wüste und Lieblingsschurke Brion James überzeugt in seinem Kurzauftritt als Ganove Stacy mit Buffalo-Bill-Bart. Hauptdarsteller David Andrews überzeugt als Sympathiefigur und Kevin-Costner-Lookalike: Der spätere Superstar war ursprünglich für diese Rolle vorgesehen. Melanie Grffith war damals noch auf dem Gipfel ihrer Sexiness und bewältigt auch die Actionszenen mit Bravour. Besonders hervorzuheben natürlich jene Szene, in der die beiden Protagonisten mit ihrem Auto in schwindelerregender Höhe an einem Kran hängen und von dort aus mit den Schurken aufräumen. Eine großartige, adrenalinpumpende Szene und Höhepunkt eines Films ohne jede Schwäche. Er ist bunt, grell, schnell, witzig, krawallig, aber niemals blöd. So was nenne ich dann: Super!

Dino Corelli (Desi Arnaz jr.), Sohn des italienischen Einwanderers Luigi (Vittorio Gassman) und seiner wohlhabenden Gattin Regina (Nina Van Pallandt), heiratet Muffin Brenner (Amy Stryker), ihrerseits Tochter des irischstämmigen Spediteurs Snooks Brenner (Paul Dooley). Die große Feier im stattlichen Herrenhaus der Corellis beginnt denkbar tragisch mit dem Tod von Nettie Sloan (Lillian Gish), Reginas altersschwacher Mutter, und mit zunehmender Dauer gesellen sich zur Toten noch weitere, wenn auch – bis zum Finale – nur metaphorische Leichen aus den Kellern der Beteiligten hinzu. Die Situation eskaliert endgültig, als herauskommt, dass Buffy Brenner (Mia Farrow) ein Kind vom frisch gebackenen Gatten ihrer Schwester erwartet …

A WEDDING war der vorläufige Schlusspunkt unter einer beispiellosen Serie künstlerischer Großtaten Altmans; wahrscheinlich sein letzter wirklich großer Film vor seinem viel beachteten Comeback mit THE PLAYER in den frühen Neunzigerjaren. (Ich werde diese Vermutung im weiteren Verlauf meiner Altman-Retro noch verifizieren oder falsifizieren.) In einer eigentlich kaum noch für möglich gehaltenen Steigerung verdoppelte Altman die Zahl der Protagonisten aus NASHVILLE auf satte 48, die er diesmal allerdings in einem wesentlich enger abgesteckten Setting beobachtete. Wie in seinem genannten Meisterwerk nutzt Altman die offene Prämisse einer Hochzeitsfeier für eine genuss-, aber durchaus auch liebevolle Sezierung der amerikanischen Oberklasse, die Kollision von „Old Money“ und „New Money“, wie er es im auf der DVD enthaltenen Interview bezeichnet. In A WEDDING hat nahezu jeder Charakter ein mehr oder weniger dunkles Geheimnis, das die mühsam aufrechterhaltene Fassade von Kultiviertheit und Anstand als eben solche enttarnt: Regina wird vom Hausarzt Dr. Meecham (Howard Duff) mit Drogen versorgt, Muffins Mutter Tulip (Carol Burnett) führt eine unglückliche Ehe mit ihrem Mann und wird von Reginas Schwager Mackenzie (Pat McCormick) leidenschaftlich hofiert, Sohn Dino und seine Kameraden von der Militärakademie sind alles andere als brav und vorbildlich und das Objekt ihrer Begierde Buffy, ihrerseits uneingeschränkter Liebling ihres Vaters, gibt nur vor, ein stilles Mäuschen zu sein, hat es vielmehr faustdick hinter den Ohren. Doch das ist alles nichts im Vergleich zu dem geheimen Abkommen, dass Luigi einst mit seiner Schwiegermutter getroffen hatte und das mit ihrem Tod nun seine Gültigkeit verloren hat.

Altman stellt die feine Gesellschaft als heuchlerisches und eitles Volk bloß, das den eigenen hohen Ansprüchen an Sitte, Moral und Anstand längst nicht mehr gerecht wird und sich über die emotionale Verarmung gnadenlos in Widersprüchen verstrickt. Die ach so mustergültigen Ehen und perfekten Familien existieren eigentlich nur auf dem Papier und im Fall Luigi Corellis stimmt noch nicht einmal der Name im Pass. Das Problem ist jedoch nicht die etwaige Verkommenheit dieser Menschen, sondern die absurden Vorstellungen darüber, was „richtiges“ Leben eigentlich bedeutet. Das, was sich die Angehörigen der Hochzeitsgesellschaft darunter vorstellen, erweist sich als schlicht nicht lebbar. So wird ausgerechnet die Hochzeitsfeier, ein von vorn bis hinten durchnormiertes und nach klaren Regeln und Konventionen ablaufendes Gesellschaftsritual und noch dazu eines, das das Ehepaar in die Schuld des wohl strengsten Richters überhaupt – Gott – stellt, der Anlass, zu dem alle Beteiligten ihr Korsett abstreifen, sich aus den Zwängen befreien und ein neues Leben in Betracht ziehen. Auch wenn es manchmal schmerzhaft ist, dem zuzuschauen – A WEDDING ist voll von peinlichen Enthüllungen und Entgleisungen –, inszeniert Altman dieses Schauspiel mit der dringend nötigen Leichtigkeit und lässt niemals einen Zweifel daran aufkommen, dass sich die Figuren mit all ihren Verfehlungen seiner Sympathie gewiss sein könnnen. A WEDDING ist tatsächlich einer der lustigsten Filme Altmans und es ist schlicht ein Vergnügen, sich als Zuschauer unter die Anwesenden zu mischen, mal hierhin und mal dorthin zu schlendern und Eindrücke zu sammeln, die sich manchmal zu einem Gesamtbild zusammenfügen, manchmal aber auch nicht. Altman enthüllt nämlich längst nicht alle Geheimnisse (zumindest nicht nach der Erstsichtung): Warum von den hunderten von geladenen Gästen tatsächlich nur einer gekommen ist, wird ebenso wenig beantwortet, wie etwa die Frage nach der unfreiwilligen Kinderlosigkeit der Hochzeitsplanerin (Geraldine Chaplin), die in einem der für Altman so typischen hingeworfenen Dialogsätze ein persönliches Drama offenbart, dem andere Regisseure einen ganzen Film gewidmet hätten, ohne jedoch dieselbe Durchschlagskraft zu erzielen.

Zwei Szenen spiegeln das breite Spektrum des Films am besten wieder: So versammelt sich etwa in der Mitte des Films die gesamte Hochzeitsgesellschaft in Luigis Kellerbar, um vor einem heraufziehenden – reinigenden? – Sturm Schutz zu suchen und werden von Regina spontan zu einer gemeinsamen, ausgelassenen Gesangseinlage angespornt. Auf einmal sind alle gärenden Konflikte vergessen und alle sind einfach nur da, aufgelöst in einem Moment von unbeschreiblicher Magie. Demgegenüber steht das Ende, das den Seelenfrieden der beiden Kernfamilien mit dem Tod zweier Nebenfiguren erkauft: Hier ist dann doch wieder der Zyniker Altman am Werk, der seine Zuschauer einfach nicht entlassen kann, ohne ihnen einen Nasenstüber zu verpassen. Aber so ist das Leben: Trauer und Glück liegen eng beieinander und bedingen sich oftmals sogar. Alles hat seine zwei Seiten und manchmal muss man diese Dialektik einfach hinnehmen, ohne sie auflösen zu können.

Eric Binford (Dennis Christopher), ein junger Mann und fanatischer Filmfan, lebt zwischen Postern und Filmrollen bei seiner querschnittsgelähmten Tante Stella (Eve Brent), die für den jungen Mann kein gutes Wort übrig hat, weil sie ihn für ihre Behinderung verantworlich macht. Und auch an der Arbeit bekommt Eric nur Verachtung zu spüren. Als er ein Date mit dem Marilyn-Monroe-Lookalike Marilyn O’Connor (Linda Kerridge) hat, aber versetzt wird, fliegt bei ihm eine Sicherung raus und er rächt sich an allen, die ihm übel zugesetzt haben. Für seine Morde schlüpft er in die Rollen geliebter Kinofiguren …

Endlich auch mal gesehen! FADE TO BLACK rechtfertigt all die lobenden Worte, die ich über die Jahre über ihn vernommen habe, vereint seine tragische Loser-Geschichte geschickt mit einem nie aufgesetzten Metahumor und fesselt darüber hinaus mit dieser herrlich tristen Atmosphäre, die Genrefilme aus jener Zeit so auszeichnet. Ganz entscheidend für den Erfolg ist natürlich die Leistung des Hauptdarstellers und die Wahl der richtigen Referenzobjekte und bei beiden beweist Vernon Zimmerman – der danach leider nur noch wenig inszenierte – ein glückliches Händchen. Dennis Christopher ist spitze als in seiner Traumwelt zwar gefangener, aber niemals zu seltsamer, in seinem Enthusiasmus eher sogar liebenswerter Verlierer Eric, und die Entscheidung, dem Golden Age of Hollywood zwischen 1930 und 1960 die Referenz zu erweisen, ist ebenfalls goldrichtig. Mit Vorliebe imitiert Eric den quäkigen Brooklyn-Akzent von James Cagney, andere Objekte der Begierde sind THE MALTESE FALCON und CASABLANCA, über die er in einen Disput mit seinem Arbeitskollegen (Mickey Rourke in einer frühen Rolle) verwickelt ist, THE CREATURE FROM THE BLACK LAGOON, KISS OF DEATH und natürlich Marilyn Monroe. In den Mordszenen schlüpft er u. a. in die Rolle des Lugosi-Draculas, der Mumie und Hopalong Cassidys, und in einer längeren Sequenz kann man zahlreiche Kino-Marquees bewundern. Das Hollywood-Lokalkolorit trägt viel zum Gelingen des Films bei, der nebenbei auch noch die Frage aufwirft, ob Gewalt im Film Gewalt in der Realität auslöst. Der Psychologe Dr. Moriarty (noch eine Anspielung!) (Tim Thomerson) scheint diese Ansicht zu vertreten, aber der Zuschauer ist natürlich klüger: Er weiß, dass es die fantasielose und totgenormte Umwelt ist, die Eric zum Mörder macht – und dass die filmischen Vorbilder seinen Gräueltaten wenigstens einen Hauch von Glamour verleihen.