Mit ‘Timothy Olyphant’ getaggte Beiträge

Es war eine Frage der Zeit, bis Tarantino einen Film dreht, der in Hollywood und im Filmbusiness angesiedelt ist – aber dass es bis dahin über 20 Jahre gedauert hat, ist dann schon ein bisschen überraschend. ONCE UPON A TIME … IN HOLLYWOOD ist nun dieser Film, ein Film über Filmgeschichte, die besondere Situation, in der sich die Industrie an der Schwelle der Siebzigerjahre befand, über alternde, eitle Stars, beknackte Fernsehserien und den Ruf Cinecittàs, über Sharon Tate und Roman Polanski, die Manson Family und – wie immer bei Tarantino – über vieles mehr, das sich erst in den nächsten Jahren und Jahrzehnten bei wiederholten Sichtungen offenbaren wird. Es ist ein enorm vielseitiger, reicher, witziger, brutaler und kluger Film, der von der Liebe zum Kino und zu seiner Historie getragen wird, auch das ist keine Überraschung, aber er ist dann doch in vielerlei Hinsicht auch ein bisschen anders als seine Vorgänger. ONCE UPON A TIME … IN HOLLYWOOD ist wieder deutlich episodischer und weniger stringent als es der kammerspielartige THE HATEFUL 8 war, aber auch noch deutlich loser strukturiert als meinetwegen PULP FICTION oder JACKIE BROWN, aus denen man, wenn man wollte, noch so etwas wie eine Plotline herauskristallisieren konnte. Das einende Element von ONCE UPON A TIME … IN HOLLYWOOD ist nicht Handlung, sondern Zeit.

Die nominelle Hauptfigur ist der Schauspieler Rick Dalton (Leonardo DiCaprio), beliebter Star einer alten Westernserie namens „Bounty Law“ sowie zahlreicher Western- und Kriegsfilme, aber nun an einem Punkt in seiner Karriere angelangt, wo er ins zweite Glied verfrachtet wird. Statt der Hauptrollen bekommt er die Schurkenparts ab, deren Sinn und Zweck es letztlich ist, den Helden gut aussehen zu lassen, wie ihm der Produzent Schwarz (Al Pacino) mitleidlos auseinandersetzt. Der Ausweg führt nach Italien, aber Dalton ist zu stolz und eitel, um sich für die „Spaghettis“ in billigen Italowestern verheizen zu lassen. Er ertränkt seinen verletzten Stolz im Suff und hofft auf ein Wunder. Sein bester Freund ist sein Stunt Double Cliff Booth (Brad Pitt), der vermutlich einst seine Frau ermordete, damit aber davonkam und von Rick als eine Art Hausmeister und Hausmädchen gehalten wird: Er fährt den Star herum, säuft mit ihm, macht Besorgungen und nimmt Reparaturarbeiten vor. Und er begegnet auf seinen Fahrten immer wieder einem hübschen Hippiemädchen (Margaret Qualley), das ihn schließlich zu einem Besuch auf die Spahn Movie Ranch mitnimmt, die sie mit ihrer Kommune und dem in höchsten Tönen gelobten „Charlie“ bewohnt. Auf der anderen Seite stehen die Hollywood-Neuankömmlinge Roman Polanski (Rafal Zawirucha) und seine leuchtend schöne Ehefrau Sharon Tate (Margot Robbie), die sehr zur Freude Daltons das Haus neben seinem bezogen haben. Sharon wird als sorgloser Sonnenschein gezeichnet, der sich seiner eigenen Verführungskraft kaum bewusst zu sein scheint, und mit strahlenden Augen ihren eigenen Auftritt im Dean-Martin-Vehikel THE WRECKING CREW im Kino bewundert. Der Zuschauer, der ihr Schicksal kennt, ahnt mit Schrecken, worauf der Film hinausläuft, aber dann besuchen die Mörder von Charlies Family nicht Polanskis Haus, sondern das von Rick Dalton, dessen Kumpel Cliff einem der Hippies zuvor heftig die Fresse poliert hatte.

Es ist ein weites, fließendes, im Wind wehendes Kleid, das Tarantino seinem Film anstelle eines engen Korsetts angelegt hat: ONCE UPON A TIME … IN HOLLYWOOD hat keine Eile, er lässt sich treiben und harrt mal hier, mal dort aus. Er bietet Gelegenheit, Bruce Lee (Mike Moh) kennenzulernen (dessen Zeichnung als großmäuliger, Reden schwingender und allzu sehr von seiner Legende überzeugtes Großmaul, das dann auch noch von Cliff einen mitbekommt, so manchen Die-hard-Lee-Fan in meiner Facebook-Timeline sehr verärgert hat – ich fand’s hingegen sehr lustig und werde auch noch erläutern, warum), Rick und Dalton beim Fernsehgucken zuzuschauen, den Dreharbeiten einer Westernepisode der Serie LANCER beizuwohnen, für die Rick einen seiner Schurken gibt, gibt Einblicke in die bei seinem halbjährigen Exkurs nach Rom entstandene Filmografie des Protagonisten (die danach um Filme von Corbucci und Margheriti reicher ist) oder in eine Szene von THE GREAT ESCAPE mit Dalton in der McQueen-Rolle. McQueen tritt auch an anderer Stelle auf, nämlich als Gast einer Party in der Playboy Mansion, bei der Sharon Tate die Tanzflächer verzaubert, während der Star (Damian Lewis) uns über das Beziehungsdreieck von Polanski, Tate und ihrem Ex-Mann Jay Sebring (Emile Hirsch) aufklärt. ONCE UPON A TIME … IN HOLLYWOOD ist ein entspannter, gut gelaunter und sonniger Film, aber es ziehen Wolken herauf, die einen Sturm ankündigen. Von seinen Protagonisten werden diese Wolken gar nicht wahrgenommen oder aber unterschätzt: Was Dalton für eine persönliche Krise hält, sind in Wirklichkeit Zeichen einer grundlegenden bevorstehenden Kurskorrektur Hollywoods, das für Stars wie ihn bald schon keinen Platz mehr hatte. Sharon Tates und Polanskis goldene Zukunft sollte unter den mörderischen Händen der Manson Family bald ein jähes, grausames Ende finden, das ebenfalls symptomatisch für die Zeitenwende war: Der viel zitierte Sommer der Liebe würde enden, der Kater danach jahrelang andauern. Die lange Sequenz auf der Spahn Ranch wird allein durch das Vorwissen des Betrachters und den Vorsprung gegenüber dem sich überlegen fühlenden Cliff zur nervenzerfetzenden Angelegenheit, eine kurze Stippvisite von Charles Manson (Damon Herriman) am Haus Polanskis zur drohenden Prophezeiung, deren Konsequenz dann aber außerhalb des Filmes liegt.

Der spannendste Aspekt des Films, sein Thema, wenn man so will, ist sein Verhältnis zur Realität: Tarantino zeichnet die (medien-)historischen Details der Epoche mit großer Akribie nach, verwendet neben zahlreichen authentischen Serien- und Filmausschnitten auch andere bildliche Hinweisen auf die Filme der Zeit in Form von Postern und Marquees sowie nicht zuletzt unzählige Radioschnipsel und natürlich Songs, die als allgegenwärtiger Klangteppich unter den Bildern liegen. Aber dann macht er auch immer wieder deutlich, dass wir uns nicht in der historischen Realität des Jahres 1969 bewegen, sondern in einem Bild jener Zeit, das vor allem im Rückblick, auf der Basis eben dieser ns bekannten popkulturellen Zeugnisse konstruiert wird (aber interessanterweise sind es nicht die „großen“ Namen und Titel jener Zeit, die er für die Konturierung dieses Bildes heranzieht, sondern die TV-Serien und längst vergessenen Genrevehikel – ich denke, das liegt nicht nur in seinen persönlichen Vorlieben begründet). Das zeigt sich am deutlichsten an der Zeichnung on Sharon Tate als blondes Phantom, als verlockendes Symbol einer unschuldigen Zeit. Im Vorfeld gab es ja einige Artikel, die Tarantinos angebliche Misogynie daran festmachen wollten, wie wenig Dialogzeilen Margot Robbie als Sharon Tate abbekommen hat, aber diese Interpretation kann man nur als böswillige Unterstellung bezeichnen oder zumindest eine halbblinde Betrachtung des Films konstatieren: Zwar stimmt es, dass ihr Charakter in erster Linie durch den (männlichen) Blick auf sie geformt wird, dennoch ist sie ganz eindeutig die Sympathiefigur des Films. Rick Dalton ist ein reaktionärer, weinerlicher, selbstverliebter und letztlich geradezu lachhafter Geck, Cliff ein schlagkräftiger Simpleton ohne Ambition, ein Versager, der sich für seinen reichen Freund schon beinahe prostituiert (und wahrscheinlich seine Gattin ermordet hat, weil sie ihm auf die Nerven ging), die Hippies schlicht wahnsinnige Spinner, mit deren Friedfertigkeit es recht schnell vorbei ist. Sharon Tate ist auf der einen Seite zwar ein Fetischobjekt für den Zuschauer, auf der anderen Seite aber auch Verbündete, weil sie der sich in Hollywood eröffnenden Welt selbst mit den staunenden Augen des Filmfans gegenübersteht, der mit amerikanischen Filmen aufgewachsen ist und es nun kaum glauben kann, selbst Bestandteil dieser Welt zu sein. Die Sequenz mit ihr im Kino ist einfach herzallerliebst und spricht den oben zitierten Vorwürfen geradezu Hohn. Tarantino macht nie einen Hehl daraus, dass er eine Welt männlicher Toxizität zeichnet, ob die sich nun in Daltons alkoholgeschwängerten rassistischen Rants äußern oder eben im Einfluss eines Charles Manson auf seine Jünger.

ONCE UPON A TIME … IN HOLLYWOOD ist ein Theme-Park-Ride durch die Traumfabrik, in dem Authentizität ständig von der Fantasie unterlaufen wird. Das zeigt sich auch in der bereits angesprochenen Bruce-Lee-Szene: Die Zeichnung des Kung-Fu-Asses als selbsternannter Philosoph kommt ja nicht von ungefähr, sondern wird durch etliche Interviews belegt. In den Augen von Leuten wie Dalton oder Booth musste dieser chinesische Zwerg einfach so rüberkommen wie im Film gezeigt. (Und dass Cliff tatsächlich eine Chance gegen ihn hat, ist natürlich durch die Handlung mitbegründet: Der Kampf gegen Lee bildet die Grundlage, vor der wir seine Überwältigung eines baumlangen Hippies auf der Spahn Ranch und seine finalen Amoklauf akzeptieren können.) Aber Tarantino erhebt nie den Anspruch, den „echten“ Bruce Lee abzubilden: Er arbeitet sich an einem Bild ab und liefert eine Karikatur, die wesentlich darauf fußt, dass Lee damals ein Paradiesvogel in Hollywood war, eine Figur, von der man nicht wusste, wohin mit ihr. Nach THE GREEN HORNET, der Serie, die er in ONCE dreht, ging er ja dann auch erst einmal wieder zurück nach Hongkong, wo er dann erst zu dem Star reifte, den wir heute kennen und den Hollywood gern wieder in Empfang nahm. Das deutlichste Indiz für seine Ausrichtung ist natürlich die Wendung, die Tarantino am Ende nimmt: Ob er eine parallele Geschichtsschreibung vornimmt, in der der Einsatz von Dalton und Booth den Tod Tates verhindert, oder die Bluttat einfach nur nach dessen Credits verlegt, ist Anlass für Diskussion. Ich fand es wunderbar, dass er die schöne, unschuldige Sharon Tate überleben lässt, ihrem Gatten den Verlust der schwangeren Ehefrau erspart, statt in einer unfassbaren Tragödie in einer kintopphaft überzogenen, ultraspaltterigen Keilerei kulminiert. Im Film ist eben alles möglich – es wäre schön wenn sich die Welt manchmal mehr an ihm orientieren würde.

Es ließe sich hier noch weiter ausholen, weil ONCE mehr als einen langen geschlossenen Text eine Stellenlektüre inspiriert, aber das hebe ich mir dann für eine weitere Sichtung auf. Mit seinem neuesten Film hat Tarantino jedenfalls erneut unter Beweis gestellt, dass er einer der originellsten und wichtigsten Filmemacher unserer Zeit ist und einer der wenigen, dem die Rezeption immer noch meist hinterherhinkt, egal, wie sehr sie sich an ihm abarbeitet. Als Filmfan, der es ernst meint, kommt man an ihm nicht vorbei – und das gilt für seinen Neuesten noch einmal in ganz besonderem Maße.

 

 

Mit Staffel 2 kommt JUSTIFIED richtig ins Rollen: Das Fundament ist gelegt, die Hauptcharaktere sowie der Handlungsort sind etabliert und der Spaß kann beginnen. Infolgedessen wird die Zahl der innerhalb einzelner Folgen abgeschlossenen Fälle, die es zuvor noch häufiger gab, merklich reduziert, stattdessen spannt Schöpfer Graham Yost mit seinen Co-Autoren einen über die volle Distanz der 13 Episoden reichenden Spannungsbogen und integriert seine kleineren Storys in eine große. Boyd Crowder (Walton Goggins), in Staffel eins als Rivale des Protagonisten Raylan Givens (Timothy Olyphant) etabliert, tritt hier ein wenig in den Hintergrund. Stattdessen konzentrieren sich Yost und seine Regisseure auf den Hillbilly-Clan um die Matriarchin Mags Bennett (Margo Martindale), die mit ihren Söhnen Dickie (Jeremy Davies), Coover (Brad William Henke) und Doyle (Joseph Lyle Taylor) – letzterer pikanterweise ein Diener des Gesetzes – den Marihuana-Handel in Harlan County kontrolliert. Es entspinnt sich im Folgenden nicht nur ein Streit um die Drogenvorherrschaft zwischen den Crowders und den Bennetts, die rigorose Clanleaderin stellt sich als Sprecherin ihrer Gemeinde auch noch den Bemühungen einer Bergbaufirma entgegen, den Bewohnern das Land abzukaufen. Gleichzeitig steuert sich der Streit zwischen Givens und seinem kriminellen Vater Arlo (Raymond J. Barry) auf einen neuen Eskalationspunkt zu, als dieser in die Organisation von Crowder einsteigt. Und auch Wynn Duffy (Jere Burns), ein Vertreter der „Dixie Mafia“, hat weiterhin seine Hände im schmutzigen Geschäft und versucht, für seine Vorgesetzten etwas vom Drogengeld abzugreifen, wo er nur kann.

Auch wenn JUSTIFIED über die volle Distanz der sechs Staffeln hinweg exzellentes TV-Entertainment mit engagierten Schauspielerleistungen, einem arschcoolen Helden und pointierten Dialogen darstellt: In Staffel zwei erreicht die Serie dank Margo Martindale ihren vorzeitigen Höhepunkt, schwingt sich gewissermaßen zur Backwood-Variante von Coppola THE GODFATHER-Trilogie auf. Wie bei Vito und Michael Corleone steht hinter Mags eisenhartem Geschäftsgebaren das Bewusstsein für die Pflicht als Oberhaupt ihrer Familie. Der Drogenhandel ist auch nur ein Geschäft, das geeignete Mittel zum Zweck und in den Bergen und Wäldern Kentuckys beinahe ebenso fest verwurzelt wie der Kohlebergbau und die Schnapsbrennerei. Der Bennett-Clan hat eine lange Geschichte, das Wort von Mags Gewicht unter den Einheimischen und dass sie die Ihren mit dem Mut und der Gewalt eines Bären zu verteidigen bereit ist, hat ihr viel Respekt eingebracht. Staffel zwei von JUSTIFIED gelingt es noch mehr als der vorangegangenen oder den folgenden Staffel, die sozioökonomische Grundstruktur von Harlan County bloßzulegen und die Region als lebendiges Soziotop mit einer reichen Vergangenheit darzustellen. Givens‘ Arbeit wird zusehends nicht nur dadurch erschwert, dass er sich durch das Minenfeld über Jahrzehnte gewachsener Beziehungen und Rivalitäten bewegen muss, sondern auch dadurch, dass er selbst hoffnungslos in dieses Geflecht verstrickt ist.

Die kunstvolle dramaturgische Struktur der Staffel, die über die 13 Episoden unaufhaltsam auf den finalen, blutigen Kampf zusteuert, kann man gar nicht genug loben. Diese trotz der zahlreichen handelnden Personen und ihrer kleinen Subplots bestehende Klarheit werden die beiden nächsten Staffeln, so viel vorweg, leider vermissen lassen: Im entbrennenden Krieg zwischen dem Gesetz auf der einen, den Crowders, den verbliebenen Bennetts, den verschiedenen Unterhändlern der Dixie Mafia und einem afroamerikanischen BBQ-Experten sowie den vielen interpersonellen Zwistigkeiten verliert der Zuschauer manchmal den Überblick. Spaß macht das immer noch, die emotionale Unmittelbarkeit von Staffel zwei wird aber nicht mehr erreicht.

 

 

 

Wie auch immer man nun über Serien denkt, ob man sie für die Neuerfindung oder Revolutionierung des narrativen Rades hält oder auch nur für netten Zeitvertreib: die populärsten Vertreter des Genres regen längst ebenso hitzige Debatten und thinkpieces an wie die großen Blockbuster. Für mich erstaunlich dabei, dass es eigentlich immer dieselben Titel sind, die da Erwähnung finden, zumindest in meiner Social-Media-Filterblase. Über JUSTIFIED, eine Serie, die es zwischen 2010 und 2015 auf sechs Staffeln brachte und dabei in den USA ebenso gute Kritiken wie Einschaltquoten erzielte, hat sich in meinem Dunstkreis bislang allerdings noch niemand geäußert, was ich angesichts der Qualität des Gebotenen (und der Tatsache, dass sie thematisch eigentlich genau auf der Linie meiner filmaffinen Facebook-Freundschaften liegt) erstaunlich finde. Vielleicht liegt es daran, dass Erfinder Graham Yost einen angenehm bodenständigen Ansatz wählt: Er nimmt nicht für sich in Anspruch, mit JUSTIFIED das Genre neu zu erfinden oder, wie man es heute formuliert, zu „dekonstruieren“, vielmehr liefert er auf der Basis des von Elmore Leonard erfundenen US Marshals Raylan Givens und der Kurzgeschichte „Fire in the Hole“ einen hardboiled Crime-Stoff, der durch sein interessantes rurales Setting, einprägsame, vielseitige und sympathische Charaktere, geschliffene, aber niemals selbstverliebte Dialoge, einen exzellenten Cast sowie eine ausgewogene Mischung aus Thrill, Action, Drama und Witz überzeugt. Wer sich also TV-Serien zuwendet, weil er das serielle Erzählen für „innovativer“ hält, für den ist JUSTIFIED vielleicht zu konservativ. Ich hingegen schaue die Serie gerade zum zweiten Mal und finde sie bei diesem Durchlauf sogar noch besser als zuvor: Grund genug, sie hier vorzustellen.

JUSTIFIED beginnt mit einer Szene, die den Titel erklärt und bereits den Protagonisten einführt: Der in Miami tätige, stets mit einem Stetson bekleidete US-Marshal Raylan Givens (Timothy Olyphant) trifft auf der luxuriösen Dachterrasse eines Nobelhotels den schmierigen Drogengangster Tommy Bucks (Peter Greene), der dort gerade sein Essen einnimmt. Er habe ihm 24 Stunden Zeit gegeben, die Stadt zu verlassen, erklärt Givens, und diese Frist laufe nun ab. Bucks könne der Aufforderung nun Folge tragen oder er müsse mit den tödlichen Konsequenzen leben. Bucks weigert sich natürlich, denn was kann Givens schon tun: Ihn hier vor allen Leuten erschießen? Givens lässt sich aber nicht beirren, zählt weiter die verbleibenden Sekunden herunter, bis es Bucks schließlich zu dumm wird: Er zieht die Waffe – und wird vom Gesetzeshüter eiskalt erschossen. Natürlich kann das nicht ohne Konsequenzen bleiben: Givens wird von seinem Vorgesetzten strafversetzt, und zwar in seine einstige Heimat Kentucky, der er vor Jahren mit der Hoffnung den Rücken zukehrte, nie wieder zurückkehren zu müssen. Auch wenn Givens beharrlich darauf hinweist, dass Bucks zuerst gezogen habe und seine Reaktion damit „justified“ gewesen sei, muss er mit dem Ruf leben, den Schusswechsel in kühler Berechnung provoziert zu haben und ein unberechenbarer Cowboy zu sein, dessen alttestamentarische Rechtsvorstellung in der heutigen Welt keinen Platz mehr hat. Doch in Kentucky, wo der Southern Drawl breit ist, der Selbstgebrannte aus Einmachgläsern getrunken wird und Hillbillys Methlabore im Wald betreiben, ist Givens‘ Masche gar nicht so sehr aus der Welt gefallen: In seiner alten Heimat bekommt er es mit seinem ehemals besten Freund Boyd Crowder (Walton Goggins) zu tun, der sich mittlerweile als White Supremacist ausgibt, um so willige Nazis für Banküberfälle zu rekrutieren, mit seiner Ex-Frau Winona (Natalie Zea), seinem kriminellen und ungeliebten Vater Arlo (Raymond J. Barry) sowie seiner Highschool-Flamme Ava (Joelle Carter), die just ihren Gatten Bowman Crowder, den gewalttätigen Bruder Boyds, in die ewigen Jagdgründe befördert hat. Dazu wird der inhaftierte Anführer des Crowder-Clans Bo (M.C. Gainey) aus der Haft entlassen, um sein Backwood-Imperium zu alter Stärke zu führen und zu allem Überfluss hat auch das Drogenkartell aus Miami noch ein Hühnchen mit dem Gesetzeshüter zu rupfen …

In den 13 knapp einstündigen Episoden der ersten Staffel verbindet Schöpfer Yost bekannte Motive des Cop- bzw. Western- und Actionfilms auf sehr leichtfüßige, liebevolle und clevere Art und Weise. Das beginnt mit der Zeichnung von Protagonist Raylan Givens, der rein optisch mit seinem Stetson zwar als Cowboy und somit als Relikt aus einer vergangenen Zeit erscheint, dabei aber niemals zur grimmigen Law-and-Order-Karikatur verkommt. Er ist nicht der schießwütige Soziopath mit chronisch vibrierendem Abzugsfinger und brennendem Hass auf alle Gesetzesbrecher, sondern ein eigentlich ein ziemlich reflektierter und intelligenter Vertreter seiner Gattung. Was ihn von anderen unterscheidet, ist lediglich, dass er bereit ist, in Extremsituationen bis zum Äußersten zu gehen, wenn es gilt, Unschuldige, Kollegen oder sich selbst zu schützen, und alle anderen Wege verbaut sind. Der biografische Ballast, den er mit sich herumschleppt, allem voran die mit „dysfunktional“ noch freundlich umschriebene Beziehung zu seinem Vater, tut das Übrige: Man bekommt einen Einblick in das Seelenleben des Helden, erhält eine Ahnung davon, warum er so handelt, wie er es tut, aber die Drehbücher vermeiden das Fettnäpfchen, alle Entscheidungen Givens‘ mithilfe küchenpsychologischer Weisheiten totzuerklären. So klischiert die Figur des „am Rande der Legalität auf eigene Faust“ kämpfenden Cops auch ist, in JUSTIFIED wird sie in der Darstellung Olyphants zum differenzierten Charakter aus Fleisch und Blut – was man auf nahezu alle handelnden Personen ausweiten kann. Die genretypischen Konflikte mit dem Vorgesetzten Art Mullen (Nick Searcy) etwa wirken vor dem kleinstädtisch-provinziellen Hintergrund der Serie familiärer und persönlicher: Er schätzt seinen Angestellten als Mensch, verzweifelt zwar manchmal an dessen Grenzüberschreitungen, nicht zuletzt weil sie ihn gegenüber Vorgesetzten in Erklärungsnotstände bringen, kann aber aus seiner Sympathie keinen Hehl machen. Alle Figuren sind durch enge, oft Jahrzehnte in die Vergangenheit zurückreichende Verbindungen miteinander verwoben, die sich nicht so einfach kappen lassen – auch dann nicht, wenn das Gesetz im Weg steht. Auch wenn JUSTIFIED also zuerst dem Genre der Crime Fiction zuzuordnen ist, könnte man die Serie ebenso gut als „Familiendrama“ bezeichnen: Das verschlafene Hillbilly-Nest Harlan nimmt im Laufe der sechs Staffeln ähnlich komplexe Strukturen an wie das Baltimore von THE WIRE. Niemand steht seinem Gegenüber dort unvorbelastet entgegen, jeder hat eine Geschichte mit dem anderen, die eine saubere Lösung nahezu unmöglich macht. Was JUSTIFIED meines Erachtens nach ebenfalls besser hinbekommt als andere Serien ist das Switchen zwischen Makro- und Mikroerzählung: In der ersten Staffel werden im Wesentlichen die Freundschaft/Feindschaft von Raylan Givens und Boyd Crowder sowie die Hassliebe zwischen dem Protagonisten und seinem Vater eingeführt, die wesentlich für die zukünftige Handlungsentwicklung sind. In zweiter Instanz geht es um die Rachepläne des Kartells und Bos Ansinnen, seine Geschäfte wieder aufzunehmen. Aber einzelne Episoden widmen sich auch kleineren Fällen, die dann innerhalb der Stundenfrist gelöst werden und für den Rest der Erzählung keine weitere Bedeutung haben. Dennoch wirken diese Nebenarme nie wie zwischengeschoben (wie das m. E. bei HANNIBAL der Fall ist) oder wie pflichtschuldiges Abwickeln von Aufbauarbeit: Alles fügt sich schlüssig zusammen und strickt mit am großen Gesamtbild.

Der 2013 verstorbene Elmore Leonard gilt zusammen mit Hardboiled-Ikonen wie Mickey Spillane, Dashiell Hammett, Raymond Chandler oder dem immer noch fleißigen James Ellroy als einer der großen Autoren des Genres und der amerikanischen Gegenwartsliteratur überhaupt, und seine Bücher und Short Stories werden bereits seit den Sechzigerjahren regelmäßig verfilmt (u. a. HOMBRE, THE BIG BOUNCE, THE MOONSHINE WAR, MR. MAJESTYK, THE AMBASSADOR, STICK, 52 PICK-UP, GET SHORTY, JACKIE BROWN oder OUT OF SIGHT). Kritiker heben besonders seine authentische Sprache, allen voran die von der Straße aufgeschnappten Dialoge hervor: Leonards Helden sind keine einsilbigen, wortkargen Typen, die markige One-Liner absondern, sondern meist mit einem eloquenten mouth piece und einem feinen Sinn für Humor ausgestattet. Es sind harte Typen und Einzelgänger, oft mit kriminellem oder militärischem Background, aber keine Soziopathen, die ihre Depressionen in Whisky ersäufen und sich in Zynismus und Menschenhass ergehen. Der Ton der Bücher ist daher auch – durchaus ungewöhnlich für das Genre – beschwingt und locker, Gewalt wird nicht geschönt, aber sie gehört eben zum Leben seiner Figuren und zu dem Milieu, in dem sie sich bewegen, dazu. JUSTIFIED fängt diesen Ton sehr gut ein und vermeidet das Fettnäpfchen, die Geschehnisse „tarantinoesk“ zu überzeichnen oder zu glorifizieren. Ja, Raylan Givens ist eine coole Socke, aber er wirkt nie wie die der Posterboy eines propagierten Lifestyles unangepasster, ungebeugter Männlichkeit. Er ist einfach wie er ist: Manchmal erscheint er als strahlender Ritter, dann wieder stehen ihm die eigenen Prinzipien meterhoch im Weg. Wenn ich einen Kritikpunkt habe, dann ist es Walton Goggins. Sein Boyd ist eine der schillerndsten und komplexesten Schurkenfigur der letzten Jahre und gibt anhaltende Rätsel auf, aber ich nehme sie Goggins nicht ganz ab. Wahrscheinlich liegt das aber auch nur daran, dass Goggins als Detective Shane Vendrell in THE SHIELD so unfassbar brillant war, dass ich ihn in einer anderen Rolle kaum noch akzeptieren kann.