Mit ‘Timur Bekmambetov’ getaggte Beiträge

Der Mittzwanziger Wesley (James McAvoy) hat ein Kackleben: einen idiotischen Bürojob mit einer cholerischen Chefin, eine Freundin und einen besten Freund, die es hinter seinem Rücken miteinander treiben, einen Vater, der ihn nur sieben Tage nach der Geburt im Stich ließ, anscheinend wissend, was für einen Loser er da in die Welt gesetzt hatte, und noch dazu immer wieder heftige Panikattacken, die es ihm unmöglich machen, die Initiative zu ergreifen, wenn es darauf ankommt. Doch eines Tages wird alles anders: Als ein Unbekannter (Thomas Kretschmann) in einem Supermarkt das Feuer auf Wesley eröffnet, eilt ihm die geheimnisvolle Schöne Fox (Angelina Jolie) zur Hilfe und bringt ihn danach zu Sloan (Morgan Freeman). Der stellt sich dem verblüfften jungen Mann als Anführer der „Weber“ vor, einer Gruppe von Elitekillern, die sich als Gehilfen des Schicksals betrachten und der angeblich auch sein Vater angehörte, bis er vor Kurzem von genau jenem Mann erschossen wurde, der nun auch Wesley nach dem Leben trachtet. Und Wesley ist dazu auserkoren, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten …

NOCHNOI DOZOR-Regisseur Bekmambetov adaptiert in seinem Hollywood-Debüt die gleichnamige Comicserie für die Leinwand als visuell slicken Reigen von Over-the-Top-Actionsequenzen, die im Gegensatz zu seinen russischen MATRIX-Ripoffs dank eines nicht ungeschickten Drehbuchs auch erzählerisch etwas zu bieten hat. WANTED kann die FIGHT CLUB-Einflüsse bei Exposition und Charakterisierung der Hauptfigur zwar kaum verleugnen, aber das gereicht dem Film, der sich um Glaubwürdigkeit eher wenig schert und die Grenzen zum Kintopp in seinen absurden Actionszenen weit hinter sich lässt, eher zum Vorteil. Wesley, dessen Voice-over-Narration die Geschichte entscheidend vorantreibt, wird zur sympathischen Identifikationsfigur und vor allem zum Anker, der das kommende Aburdion noch halbwegs in der Realität hält. Alles um ihn herum ist bis ins Extrem übersteigerter Style: die abgehärmte Killerfrau mit dem katzenhaften Gesicht – idealbesetzt: Angelina Jolie –, die supercoole Pistolentechnik, die es den Killern erlaubt, um Ecken zu schießen, Naturgesetze, die nur darauf warten, entkräftet zu werden, eine Stadt, die zum Spielplatz  für die tollkühnen Auftragsmörder wird. Dazu friert die Kamera das Geschehen ein oder beschleunigt es nach Belieben, dreht die Zeit zurück oder nach vorn oder rast entfesselt und in weiser Voraussicht von einem Ort zum nächsten.

Apropos „Auftragsmörder“: Sloan und seine „Weber“, wie sich die sektenhafte Vereinigung nennt, fungieren nicht als käuflicher verlängerter Arm für Wirtschaft und Politik. Niemand versichert sich ihrer Dienste, um sich unliebsame Konkurrenten oder Mitwisser vom Hals zu schaffen, vielmehr operieren die Killer einzig aus eigenem Antrieb. Die Namen ihrer zukünftigen Opfer liest Sloan Tag für Tag unter Anwendung eines uralten Codes aus einer Art Webteppich, den eine Maschine quasi als physische Repräsentanz des Schicksals webt. Wessen Namen Sloan auch immer aus dem Fadenwerk herausliest, ist dem Tode geweiht, auch wenn er sich nichts hat zu Schulden kommen lassen. Das Schicksal muss nicht hinterfragt werden: Einen Todeskandidaten zu verschonen, könnte bedeuten, dass dieser später ein ungleich größeres Übel anrichtet, als es seine Ermordung gewesen wäre. Natürlich muss die Selbstherrlichkeit, mit der sich Sloan zum Interpreten und Vollstrecker eines vermeintlich kosmischen Willens macht, in den Omnipotenzwahn führen: Letztlich sind auch die „Weber“ nur allzu menschlich, um darauf zu verzichten, die Regeln zu beugen, wenn es für sie besser ist. WANTED setzt ein bisschen auf den Trend zu Verschwörungstheorien, erfindet eine Organisation ähnlich den Illuminaten, macht aber dankenswerterweise nicht den Fehler, sich damit selbst für allzu sozialkritisch zu halten. Was er dem stehenden Diskurs hinzufügt, ist in erster Linie ein klares Bild, dass den Irrsinn eines jeden sich selbst verabsolutierenden Systems offenlegt. Wie sehr die „Weber“ in ihrem Glauben an die seherischen Fähigkeiten eines Teppichs danebenliegen, zeigt sich schon, wenn man ihren Schicksalbegriff einer genaueren Betrachtung unterzieht: Warum sollte das „Schicksal“ menschliche Gehilfen brauchen? Und wäre das, was einträte, wenn die Weber einen Todeskandidaten davonkommen ließen, nicht auch nur Schicksal?

Ob man WANTED mag, hängt in erster Linie davon ab, ob man sich auf diese heute allgegenwärtige Art des effektlastigen, auf den größtmöglichen visuellen Eindruck hin inszenierten Actionfilms einlassen kann. Ich finde, er gehört da zu den durchaus gelungenen Werken amerikanischer Prägung der vergangenen Jahre. Eben auch, weil er cleverer ist, als man ihm das zunächst zutrauen mag. Sicher, hier und da inszeniert Bekmambetov etwas zu berauscht von den eigenen Einfällen, schleicht sich dann und wann ein etwas ungutes Pathos in den Film, das ihm nicht besonders gut zu Gesicht steht. Aber das verzeihe ich ihm, weil die letzte Dialogzeile ein echter Kicker ist und das überkandidelte Treiben wieder an seinen menschlichen Kern zurückführt. Fickt das Schicksal!