Mit ‘Tippi Hedren’ getaggte Beiträge

roar-die-loewen-sind-losROAR rangiert als einer der großen Flops der jüngeren Filmgeschichte, einer derjenigen, dessen Scheitern eine weitaus bessere Geschichte abgibt, als anderer Werke Erfolg. Es ist ein Film über menschliche Hybris, über schieren, augenrollenden Wahnsinn, eines jener raren und deshalb umso heißer geliebten Exponate der Kunstform, bei denen man sich fragt, wie Menschen jemals auf die Idee kommen konnten, dafür Geld und in diesem speziellen Fall sogar ihr Leben zur Verfügung zu stellen. ROAR wurde nach nur einer Woche aus den Kinos gezogen, die überwiegend leer blieben (der Film spielte weltweit desaströse 2 Millionen Dollar ein), war danach lange, lange Zeit dem Vergessen anheimgefallen und ist erst im letzten Jahr dank der Bemühungen des Drafthouse in Austin wiederentdeckt und dann in einer restaurierten Version verfügbar gemacht worden, die den gebotenen Irrwitz in bestechender Schärfe sichtbar macht. Ich meine mich daran zu erinnern, den Film damals, als er bei uns auf Video erschien, gesehen zu haben, aber vielleicht waren das auch nur Ausschnitte im Fernsehen gewesen. Jedenfalls war mir als fünf-, sechsjährigem Steppke schon damals klar gewesen, dass ROAR alles andere war als ein „normaler“ Film. Es ist das lebensmüdeste, todessehnsüchtige Home Video, das jemals gedreht wurde.

Es handelt sich bei ROAR um das brain- und heartchild von Noel Marshall, der nicht nur als Produzent, Regisseur und Hauptdarsteller fungierte, sondern auch seine Familie – Gattin Tippi Hedren, deren Tochter, Melanie Griffith, sowie seine eigenen Söhne John und Jerry – mit in das Projekt zog. Tippi Hedren hatte 1972 die „Roar Foundation and Shambala Preserve“ gegründet, ein Wildtier-Reservat nördlich von Los Angeles, in dem Dutzende von Wildkatzen, die Opfer von Miss- oder Fehlbehandlung geworden waren, eine neue Heimat fanden. Was nach sozialem Engagement klingt, war nicht zuletzt aus der Dekadenz geborenes Hobby: Ihr Partner Noel Marshall hatte so viel Vermögen angehäuft, dass er, inspiriert durch einen Aufenthalt in Afrika, anfing Raubkatzen zu „sammeln“ und mit diesen zusammenzuleben. So entstand dann wohl gemeinsam der Wunsch, einen Film zu machen, der nicht nur den ungewöhnlichen Familienalltag dokumentierte, sondern auch das öffentliche Bewusstsein für Natur- und Tierschutz schärfte. Dank der guten Kontakte von Marshall war das Projekt schnell finanziert und ging in Produktion, doch einige Tierattacken und Unfälle später bekamen die Geldgeber kalte Füße und zogen ihr Engagement zurück. Der Erfolg von THE EXORCIST, für den Marshall als Executive Producer fungierte, bescherte ihm jedoch das nötige Privatkapital, um das „Baby“ selbst zu finanzieren. Die Dreharbeiten wurden eine Odyssee, verschlangen am Ende rund 20 Millionen Dollar (zum Vergleich: STAR WARS kostete 11 Millionen) und dauerten insgesamt sage und schreibe elf Jahre, während der es zu insgesamt 70 durch die Tiere verursachten Verletzungen innerhalb der Crew kam, die die Behandlung der Opfer erforderten und die Fertigstellung immer wieder herauszögerten. Kameramann Jan De Bont wurde von einem Löwen „skalpiert“ und musste mit 150 Stichen genäht werden, Melanie Griffith erlitt ebenfalls schwere Verletzungen, die kosmetische Operationen nötig machten. Eine Flut riss das Setting weg und trieb 28 gefährliche Großkatzen in die kalifornische Lanschaft. Dazu kam, dass das Drehbuch im Prinzip wertlos war, weil sich die Tiere nicht an die tollen Ideen der Autoren halten wollten (sie erhalten in der gefühlsduseligen Titlesequenz dafür einen Regie-Credit). Was man in ROAR sieht, ist das totale Chaos, nackte Angst der Akteure, die jederzeit damit rechnen müssen, von den riesigen Raubkatzen, die die totale Kontrolle am Set übernommen hatten, angegriffen zu werden. Einzig Noel Marshall scheint die Zeit seines Lebens zu haben, rennt da brüllend und keifend zwischen den riesigen Tieren herum, die noch nicht einmal böse Absicht verfolgen müssen, um einen Menschen lebensgefährlich zu verletzen, ihn immer wieder anspringen, nach ihm schlagen, ihm spielerisch in den Nacken beißen. Es fließt Blut, echtes Blut und man fragt sich unweigerlich, welche Drogen da im Spiel waren. Wahrscheinlich tatsächlich nur Adrenalin, aber davon eine Menge. ROAR ist der teuerste Snuff-Film, der jemals gedreht wurde.

Eine Dramaturgie hat ROAR nicht, auch keine Handlung, bestenfalls einen Plot: Mutter, Tochter und Söhne (Hedren, Griffith, Marshall & Marshall) besuchen den Vater Hank (Marshall), der in Afrika zusammen mit Raubkatzen in einem Haus lebt, verpassen ihn dort und müssen sich bis zu seiner Rückkehr gegen die Tiere zur Wehr setzen. Außerdem gibt es auch noch ein paar sadistische Großwildjäger, denen es ein Dorn im Auge ist, dass dank des Hobbys von Hank nun auch Tiger frei in Afrika herumlaufen. Der Film, der entgegen seiner ursprünglichen Intention als eindrucksvolles Plädoyer gegen die private Eigentümerschaft von Raubtieren gelesen werden muss, endet dann in völliger Verkennung seiner Wirkung mit einem hippieesken Folksong, der die Harmonie des Menschen mit der Schöpfung besingt, und Bildern der Familie, die vorher um ihr Leben fürchten musste und nun im ausgelassenen Spiel mit den Tieren zu sehen ist. ROAR zeigt, wie weit Omnipotenzwahn gehen kann: Hedren und Marshall setzten nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Kinder einem unkalkulierbaren Risiko aus und waren darüber hinaus so geschmackssicher, das ganze in Bild und Ton festzuhalten, zu veröffentlichen und sich dabei noch als Botschafter eine guten Sachen zu fühlen. Es wird oft geschrieben, aber hier passt es wie die Faust aufs Auge: Has to be seen to be believed.