Mit ‘Tobe Hooper’ getaggte Beiträge

the mangler (tobe hooper, usa 1995)

Veröffentlicht: September 17, 2017 in Film
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1995 war die Zeit, in der die Menschen hinter einer Stephen-King-Verfilmung noch eine echte Sensation erwarteten, zwar lang vorbei, doch der Name hatte immer noch einige Zugkraft, wie das etwa der Überraschungserfolg von SLEEPWALKERS einige Jahre zuvor unter Beweis gestellt hatte. Das Problem: Die großen Romane waren alle schon umgesetzt worden und was noch übrig blieb, waren Kurzgeschichten, die eigentlich nicht genug Stoff für einen abendfülllenden Spielfilm boten. So etwa „The Mangler“, die Geschichte um eine besessene Wäschemangel. Für die Verfilmung wurde die Geschichte „angedickt“, unter der Regie von Tobe Hooper umgesetzt und dann auf ein Publikum losgelassen, das dem Film die kalte Schulter zeigte, so wie man das eigentlich hätte erwarten müssen.

THE MANGLER spielt – wie die Vorlage – überwiegend in einer Wäscherei, die mit industrieller Architektur, menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen, schwitzenden, blassen Wäscherinnen, einem Befehle bellenden Vorarbeiter und einem über allem thronenden Chef (Robert Englund) einem antikapitalistischen Albtraum entsprungen scheint. Als eine junge Frau infolge eines Unfalls in die riesige Mangel blutet, entwickelt diese ein Eigenleben und „frisst“ eine ältere Angestellte. Der Polizist John Hunton (Ted Levine) beginnt die Ermittlungen und wird durch seinen Schwager Mark (Daniel Matmor) auf die Idee gebracht, die Wäschemangel könne besessen sein und müsse exorziert werden …

Nicht alles, was in literarischer Form funktioniert, funktioniert auch noch, wenn man es in bewegte Bilder übersetzt: THE MANGLER verfügt über einige Production Values – die Szenen in der an ein Gemälde von Hieronymus Bosch erinnernden Wäscherei sind ebenso bizarr wie toll -, trotzdem ist die alles beherrschende Frage: „What were they thinking?“ Die Wäschemangel sieht super aus, die Effekte um sie herum sind nicht uneffektiv, aber Schrecken geht von ihr beim besten Willen nicht aus. Sie steht fest an ihrem Platz und würden nicht immer wieder Menschen auf die dumme Idee kommen, ihre Gliedmaßen hineinzustecken, sie könnte harmloser kaum sein. Die These, dass sie besessen sein könnte, kommt Schwager Mark eine Nummer zu schnell und selbstbewusst über die Lippen, um ihm das wirklich abzukaufen, und der ganze hinzugedichtete Kram um einen seit Jahrzehnten kursierenden Fluch fügt der Story nichts Wesentliches hinzu – er bringt den Film eben nur auf Länge. Als Unterhaltung, bei der man der Auflösung mit Spannung entgegensieht und mit den Figuren mitfiebert, funktioniert THE MANGLER überhaupt nicht, weil er einfach viel zu abseitig ist.

Schaut man sich den Film heute so an, kann man sich daher nur am Kopf kratzen, wie dieses Vehikel jemals in Produktion gehen konnte. THE MANGLER ist von vorn bis hinten so rätselhaft, dass es fraglich scheint, ob wirklich jemand glaubte, er könne in dieser Form ein Publikum finden. Idee und Setting sind schon merkwürdig genug, dann wurde mit Ted Levine auch noch ein Hautdarsteller gewählt, der alle seine Dialogzeilen mit vollem Mund zu intonieren scheint. Wie gelang es Hooper, am Set die Spannung zu halten? Wie viele Takes des Showdowns, in dem John und Mark mit Kreuz und Bibel bewaffnet lateinische Beschwörungsformeln in Richtung der rasenden Maschine schreien, waren nötig, weil die Darsteller immer wieder ihren Lachanfällen erlagen? Welche Drogen nahm Englund zu sich, um sich für seinen Part des mit Metallschienen ausgestatteten Unternehmers in das richtige mindset zu begeben? Vor allem aber: Wie konnte es dazu kommen, dass THE MANGLER nicht eine, sondern sogar zwei Fortsetzungen erfuhr? Die Frage, ob mit THE MANGLER eine lang und zu Unrecht vergessene Perle in Hoopers Filmografie schlummert kann klar verneint werden. Sofern man ein Faible für filmische Freak Accidents hat, sollte man ihn sich aber trotzdem anschauen.

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spontaneous combustion (tobe hooper, usa 1990)

Veröffentlicht: September 16, 2017 in Film
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Der Mythos der spontanen Selbstentzündung beruht laut Wikipedia auf Funden von teilweise verbrannten Leichen, deren Umgebung keinerlei Anzeichen auf ein Feuer zeigte. Es gibt jedoch keinerlei wissenschaftliche Belege oder gar Augenzeugenberichte dafür, dass Menschen plötzlich ohne Grund in Flammen aufgehen, wohl aber Erklärungen dafür, wie es zu den rätselhaften Verbrennungen kommen konnte. Für seinen Film von 1990 nahm sich Tobe Hooper der urbanen Legende an: Zwar heißt es dort einmal über das Phänomen „it happens all the time“, doch dafür sind alle, die damit konfrontiert werden, ziemlich unentspannt. Noch nicht einmal im Krankenhaus, weiß man, was man mit dem dampfenden Typen machen soll.

SPONTANEOUS COMBUSTION ist im Grunde genommen ein Superheldenfilm, nur ohne bunte Kostüme und Heldentaten: Er beginnt mit einer klassischen Origin Story und einer Rückblende in die Fünfzigerjahre, in denen das junge Ehepaar Brian (Brian Bremer) und Peggy Bell (Stacy Edwards) sich während der Zündung einer Atombombe zu Testzwecken in einen Bunker sperren lässt. Beide zeigen danach keine Anzeichen von radioaktiver Verseuchung, doch Monate später, kurz nach der Geburt ihres Sohnes, gehen beide ohne jede Vorwarnung in Flammen auf. Jahrzehnte später, David (Brad Dourif) ist mittlerweile erwachsen und Lehrer, schießt während eines Wutanfalls Feuer aus seinem Finger. Die Attacken werden immer schlimmer und noch dadurch begünstigt, das einige Menschen Kapital aus seiner Krankheit schlagen zu wollen scheinen. Ist David Teil einer Verschwörung, die Jahrzehnte in die Vergangenheit zurückreicht?

Ich wollte SPONTANEOUS COMBUSTION wirklich mögen, aber richtig befriedigend ist der Film nicht. Es ist schön, Brad Dourif mal in einer Haupptrolle zu sehen, die Effekte sind, wenn auch manchmal etwas fadenscheinig und krude, doch meist recht effektiv, originell und mitunter verstörend und auch visuell hat der Film, dem man ansieht, dass kein üppiges Budget hinter ihm stand, einiges zu bieten: Zeitgeist- und Designfanatiker werden angesichts Requisiten wie das von einer Neonröhre beleuchtete Glastelefon oder die Glasbausteine im türkisfarbenen Badezimmer gewiss frohlocken. Aber irgendwie kommt SPONTANEOUS COMBUSTION einfach nicht aus dem Quark, er bleibt uninvolvierend und kalt, zäh und träge. Brad Dourif, dem ich die Hauptrolle von Herzen gönne und der seine Sache gut macht, ist ein Teil des Problems: Er taugt einfach nicht als Held, weil er dafür zu linkisch und sonderbar ist. Er bleibt weitestgehend passives Opfer seiner „Krankheit“, was bedeutet, dass der Film sich entfaltet wie das Drama über einen Todgeweihten. So weit, so gut, nur taugt das „Fire Syndrome“ (so der deutsche Verleihtitel) nicht recht dazu, großes Mitleid mit ihm zu evozieren, zu absurd und mitunter unfreiwillig komisch ist es, wenn ihm während des Streits mit seiner Freundin Lisa (Cynthia Bain) unkontrolliert explosionsartige Feuerstöße entweichen. Es hilft nicht, dass die Hooper diese Geschichte um böse Machenschaften profitgieriger Wissenschaftler mit großem Ernst erzählt (selbst wenn Regiekollege John Landis einen lustigen Gastauftritt absolviert). Das passt einfach nicht zu einem Film, in dem Sams Flammenpower sogar dafür sorgt, dass Menschen, die mit ihm telefonieren, von aus der Muschel schießenden Feuerstrahlen versengt werden. Das tolle Finale, bei dem er – kurz vor dem totalen Zusammenbruch – förmlich unter Dampf steht und den Fadenzieher des Experiments hinter seinen Leiden aufsucht, entschädigt ein bisschen und zeigt, was möglich gewesen wäre. Wie gesagt: Es ist nicht so, dass der Film ganz ohne Meriten wäre, aber man muss sich dafür durch einen Sumpf der Tristesse kämpfen.

Für Hooper begann mit SPONTANEOUS COMBUSTION, seinem ersten Spielfilm nach den Cannon-Jahren und THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE PART 2, der eher frustrierende letzte Teil seine Karriere. Weder die Kritik noch das Publikum konnten wirklich viel anfangen mit dem, was er da vom Stapel ließ. Zwischen zahlreichen Fernseharbeiten erschienen krude Werke wie THE MANGLER (demnächst hier!) und NIGHT TERRORS (dito). Selbst eine zumindest nominell interessante Sache wie der mit Carpenter realisierte Episodenfilm BODY BAGS konnten den stetigen Sinkflug nicht beenden. Schade, denn sein großes Potenzial war immer unverkennbar. Selbst in einem schwachen Film wie SPONTANEOUS COMBUSTION sieht man sein beachtliches Talent – Achtung! – aufglimmen.

THE FUNHOUSE, Hoopers Kirmeshorrorfilm, markierte für ihn den großen Karrieresprung nach den beiden unabhängig produzierten Vorgängern THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE und EATEN ALIVE. Und er ist ein sicherlich ganz entscheidender Schritt hin zu seinem Engagement bei POLTERGEIST gewesen. Heute gilt es ja als einigermaßen erwiesen, dass Spielberg seinem Protegé dabei die meiste Arbeit abnahm, ich meine aber, dass man in THE FUNHOUSE durchaus sieht, dass Hooper durchaus auch jene Art des eher pärchen- und familientauglicheren Horrors beherrschte, den man bei POLTERGEIST gern als Beleg dafür nimmt, dass er am Set nichts zu melden hatte. Egal, THE FUNHOUSE ist ein wunderschöner, stimmungsvoller und fantastisch fotografierter kleiner Schocker, der leider dazu verdammt ist, im Schatten größerer, einflussreicherer, vielleicht auch originellerer Filme zu stehen, die zu jener Zeit erschienen.Was nicht bedeutet, dass es hier nichts zu entdecken gibt. Ganz im Gegenteil. Man muss aber genau hinschauen.

Die Auftaktsequenz gibt die Marschroute vor: Ein junges, hübsches Mädchen steigt unter die Dusche, aus der HALLOWEEN-Subjektiven eines Unbekannten sehen wir, wie der sich in einem Zimmer mit FRANKENSTEIN-Poster und anderen Horrorfilm-Paraphernalia eine Maske überstülpt, einen Dolch greift und sich auf den Weg ins Badezimmer macht. Auf der Tonspur kreischen schon die PSYCHO-Violinen, es kommt schließlich zum berühmten Duschmord – oder vielmehr einer Imitation desselben: Der Dolch ist nämlich nur ein Gummimesser, der Killer in Wahrheit der kleine, Horrorfilm-besessene Bruder der duschenden Amy (Elizabeth Berridge).

Hooper verquickt in THE FUNHOUSE konsequent den alten, klassischen und den neuen, modernen Horror. Am deutlichsten wird das natürlich im Bild der Kirmes mit ihren aus der Zeit gefallenen Schaustellern (Kevin Conway in drei verschiedenen Rollen), die im monotonen Singsang Attraktionen und Sensationen anpreisen, die zwar keiner mehr so richtig versteht, die aber ihre Wirkung dennoch nicht verfehlen; und in der titelgebenden Geisterbahn, deren Pappmaché-Monster zwar keinem Angst machen, die sogar als geeigneter Ort für ein Schäferstündchen auserkoren wird, aber dennoch tief in ihren Eingeweiden den echten Schrecken beherbergt.

Es dauert relativ lang, bis Hooper so etwas wie einen Plot zu entwickeln: Das gesamte erste Drittel des Films verbringt er damit, diese seltsame Kirmesatmosphäre einzufangen – und das gelingt ihm ausgezeichnet. Es ist eine rätselhafte, magische Welt, die die vier jugendlichen Protagonisten da betreten, als landeten sie direkt in der Vergangenheit. Und genau das scheint ja auch Teil des Reizes zu sein: Die Attraktionen der Kirmes stehen in keinerlei Verbindung zur Welt da draußen. Selbst wenn sie sich die Tier- und Embryomutationen in der Freakshow ansehen, geschieht das in einem „sicheren“ Raum, aus dem nichts in die Realität hinausdringt. Die Geschichten über Todesfälle in anderen Orten, in denen die Kirmes gastierte, verstärken den Grusel, können aber niemanden davon abbringen, den Abend zwischen den Bretterbuden, Karussells und abgehalfterten Gestalten zu verbringen, die die Twilight Zone mitten in der Normalität bevölkern.

Die Kirmes und die Geisterbahn in THE FUNHOUSE sind nichts als Platzhalter für das Kino, auf dessen Leinwand ein Horrorfilm flimmert. Wir begeben uns mit diesem Kribbeln auf der Haut in die Dunkelheit und wir sind bereit, zu vergessen, dass das, was da vor uns passiert, nur make-believe ist. Für die Dauer des Films nehmen wir die Bilder als Ersatzrealität war. Und das funktioniert, weil sie an etwas in uns rühren, was echt ist, tief in uns verborgen. Am Ende taumeln wir wieder ins Licht, ganz so wie Amy am Ende von Hoopers Film. Wir sind dem Schrecken im Dunkeln entkommen, aber wir sind doch nicht mehr ganz dieselben. Wir nehmen etwas mit.

tobe hooper (1943 – 2017)

Veröffentlicht: August 28, 2017 in Film, Zum Lesen
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Nur wenige Wochen nach dem Tod George A. Romeros müssen wir uns von einem weiteren der großen Bilderstürmer des amerikanischen Horrorfilms der Siebzigerjahre verabschieden: Am 26. August verstarb Tobe Hooper, der mit seinem Debüt THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE ein bis heute unerreichtes Meisterwerk des Horrorfilms geschaffen hat. Für mich stellt dieser Film tatsächlich den Gipfelpunkt des Genres dar, es ist ein Film, den ich unzählige Male gesehen habe und der mich immer wieder begeistert, erschreckt, fasziniert und verstört. Für Critic habe ich einen Nachruf auf den Texaner geschrieben, dessen Großtat auch ein Fluch war: Sein weiteres Schaffen musste zwangsläufig immer im Schatten des Debüts stehen, das einfach nicht zu übertreffen war.

In meinem Herzen hatte ich immer einen Platz für Tobe Hoopers EATEN ALIVE. Schon die Beschreibung im Horrorfilmlexikon von Hahn/Jansen las sich für mich unglaublich reizvoll: ein irrer Motelbesitzer, der seine Opfer an ein in einem Tümpel lebendes Krokodil verfüttert. Die Sichtungen des Films waren dann immer eher Appetizer. Irgendwas war da, was mein Interesse rechtfertigte und mich immer wieder zurückkehren ließ, aber der Funke sprang nie so wirklich über. Vielleicht auch nur, weil dieser Funke durch die durchweg mäßige Qualität, in der ich EATEN ALIVE zu Gesicht bekam, erstickt wurde. Jedenfalls habe ich jetzt, nachdem ich mir Hoopers Film in HD zu Gemüte geführt habe, das Gefühl, ihn zum ersten Mal wirklich gesehen zu haben. EATEN ALIVE ist immer noch kein Meisterwerk, von der epochemachenden Brachialität eines THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE meilenweit entfernt, aber seine Reize wurden gestern offenbar und rechtfertigten meine anhaltende Mini-Faszination für ihn.

EATEN ALIVE kommt nahezu ausschließlich über seine Atmosphäre und das Setting: Eine Handlung ist zwar vorhanden, lässt sich aber im Wesentlichen darauf runterkürzen, dass die nacheinander eintreffenden Gäste eines abgelegenen Südstaatenmotels von seinem durchgeknallten Besitzer abgemurkst werden. Das Motel hatte Hooper offensichtlich irgendwo im Studio aufbauen lassen, den Score teilen sich eine quakende Sumpf-Atmo und dissonante Synthie- und Industrialklänge, die denen aus THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE nicht unähnlich sind, die Beleuchtung taucht alles in das blutrote Licht einer an der Studiodecke untergehenden Südstaatensonne, die Nebelmaschine macht Überstunden. Das alles verleiht dem Film eine klaustrophobische Stimmung, als tauche man direkt in das zerklüftete Unterbewusstsein des alten Judd (Neville Brand), dessen geistesabwesenden, irren Monologe die Tonspur füllen. EATEN ALIVE existiert in einem stilistischen Limbo zwischen beinahe argentoesker Artifzialität und der schorfigen Ungehobeltheit des Grindhouse-Kinos, auch inhaltlich, wenn die offenkundigen Anleihen bei Hitchocks PSYCHO und die Ausflüge in das gestörte Hirn eines Kriegsveteranen mit wüstem Krokodil-Schlock und feistem Splatter gepaart werden. Der ganze Film hat etwas von knarzigen Horrorcomics, die ihre naiv-blöden Moritaten auch in unvergessliche Bilder zu kleiden pflegten, die sich gerade jungen Lesern unauslöschlich ins Unterbewusstsein meißelten.

Entscheidend für die „richtige“ Lesart des Films ist wohl die Besetzung mit Neville Brand. Der zum Zeitpunkt des Films Mitte-50-Jährige war einer der meistdekorierten US-Soldaten des Zweiten Weltkriegs gewesen, eine Tatsache, die ihm bei seiner späteren Filmkarriere gewiss geholfen hatte, wenngleich sein Hollywood-Ruhm auch überschaubar blieb. In EATEN ALIVE sieht man die Schattenseiten vermeintlichen Kriegsheldentums, denn Brands Judd ist ein sabbernder Spinner, der nie wirklich von den Schlachtfeldern in Europa zurückgekehrt ist, immer noch in Armeekleidung herumläuft und sich ständig in ziellosen Selbstgesprächen verliert, wenn er nicht mit der Sense den grimmen Schnitter gibt. Hooper greift immer wieder Inszenierungsideen aus seinem großen Klassiker auf und manche Motive und Szenen wirken wie direkte Zitate: Der schon erwähnte Score natürlich, das Motel im Hinterland, das an das Haus des Sawyer-Clans erinnert, die Verfolgungsjagd am Schluss, wenn Judd die Prostituierte Lynette (Janus Blythe) durchs Unterholz jagt und dabei seine Sense schwingt wie ein Irrer. Ebenfalls auffällig ist, dass es in EATEN ALIVE einen schweren Überhang gestörter und gewaltbereiter Männer gibt, mit denen die Frauen irgendwie zurechtkommen müssen. Neben Judd zeigt auch der Freier Buck (Robert Englund) reichlich unangenehme Macho-Tendenzen und Hotelgast Roy (William Finley), Familienvater und Ehemann von Faye (Marilyn Burns), ist fast noch gestörter als der Inhaber: Der hysterische Anfall, den er erleidet, nachdem der kleine Familienhund dem Krokodil zum Opfer gefallen ist, seine Unfähigkeit, die Kritik seiner Gattin hinzunehmen, die verzweifelt darum bemüht ist, die aufgelöste Tochter zu trösten, sind noch gruseliger als alle Ausfälle des Sensenmanns und Finley, ein Stammgast im Frühwerk De Palmas, ist perfekt für die Rolle – ein echter scenestealer. Mel Ferrer hat den denkwürdigsten Tod und die vielleicht differenzierteste Männerrolle, aber auch er will letztlich seine Kontrolle über eine Frau ausüben – in diesem Fall seine Tochter, die sich im Bordell von Miss Hattie (Carolyn Jones) verdingt.

Nach THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE musste EATEN ALIVE als Riesenenttäuschung wahrgenommen werden: Der Film ist nicht viel mehr als ein schundiger kleiner Schocker, dessen fraglos vorhandenen guten Ideen sich nicht zu einem größeren Ganzen addieren, aber einen beknackten Horrorfilm eben ein bisschen besser machen. Und er ist fraglos hübsch anzusehen, verströmt eine Stimmung, die ihn aus der Masse vergleichbarer Filme hervorstechen lässt. Ich mag ihn genau so wie er ist.

 

Hinter dem Haus der Familie Gardner landet mitten in der Nacht ein UFO. Die Warnungen des kleinen David (Hunter Carson), der die Landung beobachtet hat, wird von seinen Eltern in den Wind geschlagen. Als aber der Papa (Timothy Bottoms) wenig später nicht nur eine verdächtige Narbe im Nacken trägt, sondern auch äußerst merkwürdige Verhaltensweisen an den Tag legt, schöpft David Verdacht. Und tatsächlich stellt sich wenig später heraus, dass Außerirdische seinen verschlafenen Heimatort als Ausgangsunkt einer Invasion ausgewählt haben. Gemeinsam mit der Schulkrankenschwester Linda (Karen Black) nimmt der Junge den Kampf gegen die Invasoren auf …

INVADERS FROM MARS, das Remake des Fünfzigerjahre-Klassikers, ist der zweite von drei Filmen, die Tobe Hooper mitte der Achtzigerjahre für die Cannon inszenierte. Und wie  LIFEFORCE und THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE PART 2 sollte auch dieser Film an der Kniokasse weit hinter den Erwartungen zurückbleiben, seine Produktionskosten nicht einmal annähernd wieder einspielen. Die Zeit heilt bekanntlich alle Wunden: Das Sequel des Kettensägenfilms gilt mittlerweile als rehabilitiert und wird für gewöhnlich unter dem Etikett „zu seiner Zeit missverstandenes Meisterwerk“ einsortiert, LIFEFORCE und INVADERS FROM MARS profitieren heute nicht unerheblich vom Eighties-Bonus und werden vor allem von in jener Zeit aufgewachsenen Filmnerds favorisiert, die den bunten Stil von damals, die „handgemachten“ Effekte und den Charme von millionenschwerem, naivem Trash schmerzlich vermissen. Tatsächlich ist INVADERS FROM MARS sympathisch unschuldiges Entertainment, fügt sich fast nahtlos in das jugendfreie Genrekino dieser Zeit, wie es von Steven Spielberg oder auch Joe Dante geprägt wurde, ein. Fast.

INVADERS FORM MARS ist ein bisschen wie die mit Superstars gespickte Fußballmannschaft, bei der das Gesamte dann merkwürdigerweise weniger wert ist als die Summe seiner Teile: Der herrlich künstliche, farbintensive Look des Films, seine fantasievollen Settings, der schöne Einsatz der Steadicam, die die langsam Gestalt annehmende Gewissheit in kaum merklich schwankenden Bildern einfängt, der suggestive Score von Christopher Young, die herausragende Effektarbeit von John Dykstra und Stan Winston und das inspirierte Casting – Bud Cort als Science-Nerd! Louise Fletcher als besessene, froschfressende Lehrerin! James Karen als ledernackiger Militärchef! – addieren sich leider nicht zu einem rundum befriedigenden Film. Wie schon Hoopers LIFEFORCE zuvor wird auch INVADERS FROM MARS von einer rätselhaften Bräsigkeit daran gehindert, Fahrt aufzunehmen. Es ist schwer, dieses Versagen an betimmten Ursachen festzumachen: INVADERS FROM MARS wirkt irgendwie leblos, der Funke, der bei den Filmen Spielberg und Dante sofort auf den Zuschauer überspringt, verglimmt hier, bevor er das Herz in Flammen setzen kann. Dass allein auf Hauptdarsteller Hunter Carson zu schieben, der als Protagonist zu blass bleibt, wäre zu einfach. Hooper inszeniert wie mit angezogener Handbremse, der Mittelteil des Films zieht sich zu lang und das Drehbuch hakt lediglich Plotpoints ab, ohne jemals wirklich spezifisch zu werden. Es fehlen einfach die Details, die den Ort und seine Bewohner für den Zuschauer erst wirklich lebendig machen und ihn so überhaupt ein Interesse an ihrer Rettung entwickeln lassen würden. Auch die Angst, dass die eigenen Eltern einem nach dem Leben trachten, die letztlich den psychologischen Kern des Films ausmacht, entwickelt nie die existenzielle Schwere, die nötig wäre, um den Film wirklich anzutreiben. So plätschert INVADERS FORM MARS so dahin und das Getöse, das auf dem Bildschirm herrscht, lässt einen merkwürdig ungerührt.

Das ist ausgesprochen schade, denn äußerlich stimmt eigentlich alles und man sieht jederzeit, was ein profilierterer Regisseur mit den zur Verfügung stehenden Mitteln hätte anfangen können. INVADERS FROM MARS ist insofern ein typischer Hooper: Der Schöpfer des Jahrhundertfilms THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE hat heute längst den Status der Eintagsfliege mit tragisch-ernüchterndem Karriereverlauf inne und die hier aufgeführten Kritikpunkte lassen sich mit ganz wenigen Ausnahmen (THE FUNHOUSE, TCM 2) auf fast alle seiner Filme anwenden. INVADERS FORM MARS ist mit entsprechend modifizierter Erwartungshaltung trotzdem sehenswert, eben ein Vertreter einer Art von Blockbuster-Kino, die es heute so nicht mehr gibt. Und wenn man sich vor Augen führt, was Hooper etwa ab Mitte der Neunzigerjahre so vorgelegt hat, dann erscheint er fast wie eine kleine Meisterleistung.

In L.A. geht ein Serienmörder um: Nacht für Nacht wird Detective Dave Mooney (Richard Jaeckel) mit fürchterlich verstümmelten Leichen konfrontiert, die auf einen Mörder mit Superkräften hindeuten. Nicht nur sein Chef und die Öffentlichkeit sitzen ihm im Nacken, auch der schriftstellernde Ex-Knacki Roy Warner (William Devane), dessen Tochter eines der Opfer des Killers ist, und der auf eigene Faust Nachforschungen anstellt. Der Hinweis des Pathologen, dass der Mörder wahrscheinlich nicht irdischen Ursprungs ist, verkompliziert die Ermittlungen zusätzlich, zumal der einzige nützliche Hinweis von einer Wahrsagerin stammt (Jacquelyn Hyde) … 

Man darf argwöhnen, dass THE DARK, ein Schnarchfest vor dem Herrn, von Anfang an zum Scheitern verurteilt war: Die Geschichte um einen von seinen Eltern vollkommen isoliert von der Außenwelt aufgezogenen Jungen, der sich nach deren Tod in einen Killer verwandelt, wurde kurz vor knapp in einen Science-Fiction-Stoff um ein mörderisches Alien umgemodelt, weil die Produzenten der Meinung waren, dass sich das besser verkaufe, und Regisseur Tobe Hooper nach nur wenigen Drehtagen durch John „Bud“ Cardos ersetzt (der seine „Meisterleistung“ mit KINGDOM OF THE SPIDER hier jedoch meilenweit verfehlt). Es dürfte nur wenige Filme geben, die einen solchen Fuck-up unbeschadet überstehen und THE DARK gehört definitiv nicht dazu. Die ganze Außerirdischen-Thematik passt – wen wundert’s? –  nicht für fünf Cents zur Atmosphäre oder auch nur zur Handlung des Films, dem man zu jeder Sekunde anmerkt, dass er ursprünglich als düsterer urbaner Serienmörderfilm angelegt worden war und die Änderungen in letzter Sekunde mit dem Feingefühl einer Dampframme eingearbeitet wurden. Das „Alien“ ist ein äffisch wirkender Hüne in Straßenkleidung, der nun nicht gerade die idealtypische Verkörperung einer überlegenen intergalaktischen Spezies darstellt, der er laut dem einleitenden Text angehören soll, und daran ändern auch die in der  Postproduction eingefügten Laserstrahlen nichts, die er nun mit seinen Augen verschießt. Trotzdem ist der Showdown, in dem das Monster ein ganzes Dutzend wild herumballernder Polizisten in einer Industrieruine in die ewigen Jagdgründe schickt, der einsame Höhepunkt eines Films, dessen Lahmarschigkeit in krassem Missverhältnis zur Idiotie des Plots steht.

Es ist ja nicht so, dass man nicht auch aus einer bescheuerten Prämisse einen brauchbaren Film machen könnte: Der gesamte Bereich des Exploitationkinos beruht auf dieser Erkenntnis. Aber dafür muss man dann auch bereit sein, dahin zu gehen, wo es wehtut. THE DARK nimmt sich aber viel zu ernst, verbringt seine Laufzeit von 89 Minuten zu 99 % mit langweiligen Dialogszenen, die einem spätestens ab der Hälfte den letzten Nerv rauben, weil die Charaktere angesichts der Last-Minute-Änderungen sowieso auf verlorenem Posten stehen. Am deutlichsten wird das in der Darstellung Devanes, dessen Warner als heruntergekommener Penner mit Fetthaaren, Stirnband und Sonnenbrille eingeführt wird, dem über dem Tod seiner Tochter erstmal ein satter Rülpser entfährt, der seine Trauer dann aber innerhalb von nur einem Tag verarbeitet hat und zum smarten Verführer und Helden mutiert. Auch den zahlreichen anderen Figuren wird ein Raum zugestanden, den ihre Funktion innerhalb des Plots nie rechtfertigt: Richard Jaeckel hat keinen Plan, Cathy Lee Crosby gibt die obligatorische ehrgeizige Fernsehreporterin, die sich mit Warner verbündet, weil sie in der Story eine Karrierechance wittert (gähn!), ihr Chef und Mentor (Keenan Wynn) verschwindet irgendwann einfach so und ein junger Mann, der von der Wahrsagerin gleich zu Beginn des Films als kommendes Opfer des Mörders identifiziert wird, wird vom Drehbuch völlig vergessen, bevor er dann in den letzten 15 Minutend wieder aus dem Hut gezaubert wird, weil man ja irgendwie zum Ende finden muss. Ein Auftritt von MIAMI VICE-Star Philip Michael Thomas als Leader einer Straßengang schließlich ist völlig pointless, weil man ihm gar nicht erst einen zweiten Auftritt gönnt.

Was hätte man aus THE DARK nicht alles machen können? Gut, will man unbedingt etwas Positives über ihn sagen, könnte man ins Feld führen, dass er sich durch seine Verfehlungen wenigstens von den 1.000 anderen generischen B-Movies unterscheidet, er außerdem exzellent besetzt ist, über einen erstklassigen Score verfügt, der in bester Goblin-Manier keucht, stöhnt und ächzt, und von Shriek Show einen exzellenten Transfer spendiert bekommen hat, der einen unweigerlich an die Redensart denken lässt, die sich um das Verwandeln von Scheiße in Gold dreht. Ach ja, das Coverartwork ist auch ziemlich geil. Sich dieses 90 Minuten lang anzuschauen, ist aufregender als der Film.