Mit ‘Tobias Moretti’ getaggte Beiträge

Wie sehr ich den Brenner vermisst habe, habe ich erst gemerkt, als DAS EWIGE LEBEN dann endlich in meinem Player rotierte. Die mittlerweile vierteilige Film-Reihe ist gleich in zweierlei Hinsicht ein Glücksfall für den deutschsprachigen Film: zum einen, weil der lakonische Humor, geprägt durch den tiefenentspannten Eigenbrötler Brenner (Josef Hader) – so eine Art österreichischer Big Lebowski -, in hiesigen Gefilden eine wohltuende Abwechslung zum aufgekratzten Klamauk-Halligalli bedeutet, zum anderen, weil es dem Filmemacher mithilfe seines Hauptdarstellers und Wolf Haas, dem Autor der schlicht brillanten Romanvorlagen, gelungen ist, die eigentlich unverfilmbaren Bücher adäquat ins Medium Film zu übertragen, ohne dass dabei das, was sie in erster Linie auszeichnet, verloren ginge. Mehr noch: Sie fügen dem Leseerlebnis noch eine weitere Facette hinzu, dürfen als wunderbare visuelle Ergänzung verstanden werden.

Der Clou der Brenner-Romane ist ihre Erzählstimme: ein in einer unverwechselbaren Mischung aus Dialekt, Soziolekt und eigenwilligem Wortwitz parlierendes Original, das den Leser an eine Theke versetzt, wo er sich dem unwiderstehlichen Redefluss eines Fremden ausgesetzt sieht, der den Brenner in- und auswendig zu kennen scheint. Die Narration ist gespickt mit weit hergeholten, aber hoch pointierten Vergleichen, putzigen Redewendungen, unerwarteten Exkursen und Ausflügen in die Gossenphilosophie. Die Filme stehen vor der eigentlich unlösbaren Aufgabe, diesen Erzähler zu eliminieren, seinen Humor aber in die Handlung zu integrieren. Das gelang bislang bravourös, weil Haas spannende Stories aus dem Redefluss der Erzählers herausfilterte und Josef Hader die Figur des Ex-Polizisten, den man in den Büchern nur vermittelt kennen lernt, zu einem rundum glaubwürdigen, sympathischen Charakterkopf formt, der zudem den Witz des Dampfplauderers vom Kneipentresen absorbiert zu haben scheint. Für die Adaption des sechsten Brenner-Romans „Das ewige Leben“ (mittlerweile gibt es acht) stand das Drehbuch-Autorentrio aus Murnberger, Haas und Hader allerdings vor einem zusätzlichen Problem: Mit dem Verzicht auf die Erzählstimme geht ihnen auch eine handelnde Figur verlustig, die zum Höhepunkt des Romans selbst ins Geschehen eingreift, ihre Identität endlich preisgibt.

DAS EWIGE LEBEN unterscheidet sich von den vorangegangenen skurrilen Brenner-Verfilmungen – KOMM, SÜSSER TOD, SILENTIUM und DER KNOCHENMANN – durch seine sentimentalen Untertöne. Brenner ist nicht mehr nur der außenstehende Ermittler, er ist selbst in einen Fall involviert, der ihn mit seiner eigenen Vergangenheit, alten Freunden und verdrängten Fehltritten konfrontiert. Hader hatte seinen Brenner schon in den vorigen Filmen als enttäuschten, resignierten, knurrig gewordenen Träumer und Idealisten angelegt und dieser Wesenszug rückt nun ins Zentrum des Films. Gleich zu Beginn bekommt er die Quittung für seinen unsteten Lebenswandel, als ihm auf dem Sozialamt das berufliche Totalversagen bescheinigt wird und er Armut und Obdachlosigkeit nur entrinnen kann, weil ihm das leerstehende Häuschen der Eltern im verhassten Puntigam, einem Stadbezirk von Graz, einfällt. Das Haus ist mit „sanierungsbedürftig“ noch freundlich umschrieben und die prekären Umstände des von heftigen Migräneattacken geplagten Brenner führen ihn endgültig auf den Nullpunkt: Dass er den Kopfschuss, den er sich verpasst, überlebt, ist unverschämtes Glück und bietet ihm die Gelegenheit, ein nicht abgeschlossenes Kapitel seiner Jugend zu schließen. Tobias Moretti überzeugt als Brenners alter Freund und Nemesis nach DAS FINSTERE TAL zum zweiten Mal in einer Schurkenrolle. Christoph Waltz nichts dagegen.

Auch DAS EWIGE LEBEN ist wieder ein Genuss, knochentrocken und doch warmherzig, weise, ohne altklug zu sein, intelligent, ohne sich aber die ein oder andere beherzte Albernheit zu verbieten. Vermisst habe ich vielleicht den Sense of Place, der die Vorgänger so lebendig gemacht hatte: Graz ist ein etwas austauschbarer Schauplatz und über Puntigam erfährt man fast gar nichts. Dafür ist DAS EWIGE LEBEN, ganz unabhängig von seinem Brenner-Kontext, ein ungemein schöner Film über das Altern, weil er sich traut, den auf Raten vollzogenen Abschied von der Jugend und den damals gehegten Hoffnungen als traurigen und auch furchteinflößenden Prozess zu zeigen, anstatt ihn hemmungslos zu romantisieren. DAS EWIGE LEBEN ist schmerzhaft und „schonungslos“ in seiner Darstellung eines ins Nichts laufenden Lebenswegs, aber er ist niemals deprimierend oder gar depressiv. Man muss sich den Brenner, dieses menschgewordene Schulterzucken, tatsächlich als glücklichen Menschen vorstellen.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kommt ein junger Mann aus den USA in ein abgelegenes Tal irgendwo in den österreichischen Alpen und bittet in einem kleinen Dorf um Quartier. Von den sechs Söhnen des bettlägerigen Brenner (Hans-Michael Rehberg), des Dorfpatriarchen, wird er ausgesprochen feindselig aufgenommen, darf aber bleiben, nachdem er ihnen gezeigt hat, was er kann: Er ist Fotograf. Doch Greider (Sam Riley), wie er sich nennt, ist nicht da, um Fotos zu machen. Das werden die Brenners, die mit eiserner Hand über das Dorf regieren und alle Einwohner in einem dauerhaften Zustand der Angst halten, bald schmerzhaft erfahren …

Vorab: DAS FINSTERE TAL ist derzeit auf unseren Leinwänden zu sehen und sollte von jedem, der sich für bildgewaltiges, ungewöhnliches, intelligentes und emotionales Kino interessiert, gesehen werden. Zumal er, immerhin deutsch koproduziert, eindrucksvoll zeigt, wie eigenwilliges deutsches Kino jenseits von Bildungsauftrag und ästhetischem Einheitsbrei, aber mit gleichermaßen kommerziellem wie künstlerischem Anspruch aussehen könnte. Ein Österreicher macht es (wieder mal) vor: Andreas Prochaska hatte mich vor Jahren schon mit dem unerwartet vielschichtigen, düsteren IN 3 TAGEN BIST DU TOT 2, dem Sequel zu dem ebenfalls von ihm inszenierten, mir aber noch unbekannten IN 3 TAGEN BIST DU TOT, völlig auf dem falschen Fuß erwischt, und stellt hier erneut unter Beweis, dass er sich nicht damit zufrieden geben mag, schnell wieder vergessenes Gebrauchskino oder schnöde Fernsehunterhaltung zu machen. Da lässt jemand großen Ehrgeiz erkennen und, was noch wichtiger ist, eine Idee, wie das aussehen könnte, das große, massentaugliche, aber anspruchsvolle deutschsprachige Genrekino, das es hierzulande in den vergangenen Jahrzehnten sehr schwer gehabt hat.

Prochaska hat offenkundig von den Besten gelernt. DAS FINSTERE TAL  ist gleichermaßen Aneignung fremder Motive und Stilistiken wie es daran erinnert, auf welch reiche und große Tradition deutsche und österreichische Filmemacher eigentlich zurückblicken können. Ein amerikanischer Antiheld mit österreichischen Wurzeln hält selbstbewussten Einzug in das Alpensetting, das ein wenig an matschig-nasse Italowestern wie KEOMA oder DJANGO erinnert, um dort den HIGH PLAINS DRIFTER zu spielen. Den metaphysischen Überbau braucht er nicht, schließlich kennt man sich in diesen Breiten ja aus mit Vergangenheit und ihrer Scheinbewältigung, mit dem Festhalten an alten Gewohnheiten, deren einschneidende Wirkung man sich schönredet, statt sich ihrer zu entledigen.  „Die Freiheit ist ein Geschenk, das sich nicht jeder gerne machen lässt.“, lautet die Tagline des Films. Geäußert wird sie dort nicht etwa am Anfang, sondern ganz am Ende und was genau sie bedeutet – vielmehr: was die Beschenkten mit ihrer Freiheit nun anfangen, oder besser: nicht anzufangen wissen –, lässt der Film offen. Aber es liegt nahe, in in diesen Worten auch die treffende Beschreibung einer in Österreich (und Deutschland?) vorherrschenden Geisteshaltung und eine Prophezeiung noch in der Zukunft liegender Schandtaten zu erkennen, auf die die Schweinereien der Brenners nur ein Vorgeschmack waren.

DAS FINSTERE TAL ist zu gleichen Teilen period piece, geprägt von dem Bemühen, die historischen Hintergründe möglichst authentisch abzubilden, wie er Mythologisierung betreibt. Aber beide Impulse lassen sich nicht mehr klar voneinander trennen, Geschichte und Mythos greifen ineinander, bedingen sich gegenseitig und stehen in einem wechselseitigen Verhältnis zueinander. Das wird schon zu Beginn klar, wenn die zu diesem Zeitpunkt noch gesichtslose Protagonistin dem heutigen Zuschauer via körperlosem Voice-over erklärt, dass die Vergangenheit die Zukunft prägt, auch wenn man sie noch so sehr totschweigt. Die Wahrheit, sie sickert durch, und wenn sie auch nie offen zu Tage tritt, so steckt sie doch in den Dingen, lässt sich nie vollständig und spurenlos tilgen. Das zeichnet sich auch in der Gestalt Greiders ab, dem Fremden, der in diesem Fall zwar einen Namen hat, aber eben einen, bei dem man nicht weiß, ob er nicht doch nur ein Scherz ist. Greider klingt auffällig wie „Rider“ und als solcher kommt er ja auch in das Dorf, sein knabenhaftes Gesicht eine leicht ironisierte, den Todesengel als Engel tarnende Variante von Eastwoods Hundeschnauze. Ein großes Geheimnis macht er aus seiner Vergangenheit und dem Grund seines Aufenthalts, nur wenig Worte hat er übrig für die Fragenden, aber diese Schweigsamkeit dient nicht allein der Tarnung. Der Rider ahnt bereits, dass die Ereignisse der Vergangenheit, die er nun geraderücken will, ihn ganz direkt betreffen. Doch wie sehr er wirklich in das Schicksal des Dorfes und seiner Einwohner verwoben ist, wird ihm erst im Verlauf seiner Rache klar. Dann läuft ihm eine einzelne Träne über die Wange. Vielleicht ist gar nicht die Freiheit der Dorfbewohner gemeint, die die Protagonistin da als ungewolltes Geschenk bezeichnet, sondern die des Riders, der sich wünscht, hinter seine bittere Erkenntnis zurückzufallen?

DAS FINSTERE TAL ist bild- und tongewaltiges Monumentalkino, wortkarg und assoziationsreich. Der Winter, der die Bewohner des Tals von der Außenwelt abschneidet, fährt auch dem Betrachter in die Glieder, setzt sich im Nacken fest wie ein nagendes, schlechtes Gewissen. Das Krachen der Baumstämme auf dem gefrorenen Boden, das Knacken der Dielenböden, das Klirren der Sporen an den Stiefeln, das Heulen des Windes, das Splitternd er Eisschicht auf dem Wasser: Die ganze Welt ist aufgeladen mit Leben, das sich gegen das dräuende Unrecht erheben möchte, aber keine Stimme findet, sich Gehör zu verschaffen. Unter der Oberfläche, unter dem Schnee, dem Schlamm, den wuchtigen, dem Himmel entgegengetürmten Holzhäusern da versteckt sich die Schuld, das Leid, die Ungerechtigkeit, und alle helfen sie mit, sie noch tiefer in den Boden zu stampfen, sie noch tiefer in der Erde zu vergraben. Aber sie sind dann immer noch nicht verschwunden, verseuchen stattdessen das Grundwasser, geraten von da aus in die Pflanzen und Bäume zu geraten und gehen schließlich, am Ende des Kreislaufs, als Regen und Schnee hernieder. Der Mensch hat sich sein eigenes Gefängnis gebaut. und wartet im finsteren Tal auf seinen Greider.