Mit ‘Todd Phillips’ getaggte Beiträge

Dokumentationen sind ein wichtiger Bestandteil bei den Morbid Movies und sowohl SICK: THE LIFE AND DEATH OF BOB FLANAGAN, SUPERMASOCHIST als auch BLACK METAL VEINS waren Höhepunkte der vergangenen beiden Festivals. Todd THE HANGOVER Phillips‘ Debüt über den Skandalpunkrocker und Soziopath G. G. Allin war von Anfang an ein Kandidat für den Doku-Slot und stellte eine würdige Fortsetzung unserer kleinen Reihe dar.

Phillips‘ kam in den frühen Neunzigern – Allins Ruf eilte ihm voraus, jeder seiner Auftritte endete in Massenschlägereien und wurde vorzeitig abgebrochen oder unterbunden – auf die Idee, den Musiker und seine Band, die Murder Junkies, auf einer Tournee filmisch zu begleiten. Allin war begeistert und brach seine Bewährungsauflagen, um teilzunehmen. HATED beginnt mit genau dieser kurzen Erklärung durch den Regisseur und konfrontiert den Zuschauer dann in knappen 60 Minuten mit dem Chaos: Beim Auftritt in einer Universität schiebt sich der Sänger eine Banane in den Hintern und isst dann die Reste, er wirft mit Stühlen nach dem Publikum. Bei Konzerten zieht er sich regelmäßig aus, provoziert Schlägereien, verprügelt sich selbst oder entleert sich auf die Bühne. Bei einer Geburstagsparty wünscht er sich ein Mädchen, dass ihm in den Mund pisst: Begierig trinkt er ihr Urin, erbricht sich über sich selbst und nimmt begierig den nächsten Schluck. Seine Mission ist es, den Rock’n’Roll wieder „gefährlich“ zu machen. Einer seiner Fans vergleicht eine typische Allin-Show mit einem Zirkus, beschreibt ihren Reiz damit, dass man nie wisse, was passiere – und dass der Musiker Dinge tue, die man sich selbst nie trauen würde. Andere sind sich da nicht so sicher: Ein offensichtlich eifersüchtiger Ex-Gitarrist hält Allin für einen Loser, das US-Fernsehen, das ihn für sich entdeckt hat, für einen größenwahnsinnigen Spinner, perfektes Talkshow-Material. Der Film endet mit Allins Tod und der Beerdigung: Nach einem erneut ausgearteten Gig stirbt der Sänger, der mehrfach angekündigt hatte, sich auf der Bühne das Leben zu nehmen, an einer ordinären Überdosis.

Phillips hält sich mit eigenen Bewertungen weitestgehend zurück. Eine Stärke des Films ist, dass er dem Zuschauer kein Narrativ an die Hand gibt, sondern lediglich mehrere Ansätze anbietet. Besonders bemerkenswert: Das dysfunktionale Elternhaus, dem Allin entstammt (sein Vater glaubt, G.G. sei der wiedergeborene Messias, was ihn nicht davon abhielt, ihn regelmäßig zu verprügeln), wird kein einziges Mal auch nur erwähnt. Dass Allin mehrere Dämonen hat, daran besteht kein Zweifel, aber Phillips hat kein Interesse daran, ein psychologisches Profil aufzustellen, das seinem Protagonisten einen handfesten Schaden nachweist und den Betrachter damit aus der Verantwortung entlässt. Zum einen wäre das eh nur die halbe Wahrheit, zum anderen bewahrt es die Würde Allins – und es verhindert, dass man seine Geschichte leichtfertig als die eines Kranken abhaken kann. Für Phillips ist Allin zunächst einmal ein Mensch und dann ein Künstler, für den es keinerlei Kompromisse und keinerlei Angst zu geben scheint. Kommerzielle Erwägungen spielen genauso wenig eine Rolle wie gesundheitliche, Allin geht raus und zieht seine Show ab. Wenn sie zu Ende ist, hat er verbrannte Erde hinterlassen, er blutet und muss mal wieder in einer Zelle übernachten. Aber Phillips begeht auch nicht den Fehler, Allin und seinen Lifestyle zu glorifizieren: Der Mann war ein wandelnder Albtraum und Gewaltverbrecher, zum Zeitpunkt der Dreharbeiten außerdem durch Drogen- und Alkoholmissbrauch schon reichlich weichgekocht, kaum mehr Herr seines Verstands. Wer es mit ihm aushalten wollte, musste entweder Familie, komplett scmerzfrei oder selbst irre sein.

Am Ende ist HATED ein Film über einen extremen Außenseiter. Allin ist nicht einfach nur durchs Raster gefallen, er stand der Gesellschaft, die ihn ausgespuckt hat, mit jeder Faser seines Körpers entgegen. Wie ist das möglich? Was ist da schief gelaufen? Und wie gehen wir damit um? Das sind die Fragen, die HATED aufwirft und die dafür sorgen, dass er einem noch lange im Gedächtnis bleibt. Sie hallen auch dann noch nach, wenn der reine Shock Value sich längst abgenutzt hat.

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the hangover (todd phillips, usa 2009)

Veröffentlicht: Dezember 8, 2009 in Film
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Zum Junggesellenabschied fährt der Ehemann in spe Doug (Justin Bartha) mit seinen beiden besten Freunden Phil (Bradley Cooper) und Stu (Ed Helms) sowie seinem Schwager Alan (Zach Galifianakis) nach Las Vegas. Am Morgen nach der rauschhaften Nacht wachen Phil, Stu und Alan nicht nur in einem vollkommen verwüsteten Hotelzimmer auf, in dessen Badezimmer es sich zudem ein Tiger bequem gemacht hat, sie bemerken auch bald, dass Doug spurlos verschwunden ist. Weil alle drei schwer mit den Nachwirkungen des Gelages und akutem Gedächtnisverlust zu kämpfen haben, müssen sie die Ereignisse der vorigen Nacht mit Mühe und Not rekonstruieren, um ihren Freudn zu finden und pünktlich zur Hochzeit nach Hause zu bringen. Und sie stellen bald fest, dass sie beim Feiern nichts haben anbrennen lassen …

Mit THE HANGOVER habe ich ungefähr dasselbe Problem wie mit Philipps OLD SCHOOL: Beide Filme sind recht sparsam mit ihren Gags und entlassen den Zuschauer mit dem Gefühl, ihr Potenzial nicht vollkommen ausgereizt wurde. Vielleicht ist das aber auch eine ausgesprochene Stärke beider Filme: Dass sie eben nicht in ein heilloses Gagfeuerwerk münden, dem die Narration komplett untergeordnet wird, sondern eine Geschichte erzählen, die ihr komisches Potenzial aus der Konfrontation der Figuren mit absurden Situationen bezieht. THE HANGOVER hat einen sehr gleichmäßigen Flow, eine sehr „saubere“ Dramaturgie, was durchaus untypisch für eine Komödie ist, die sich normalerweise viele Ruhepausen und „Nummern“ gönnt und den roten Faden gern zugunsten wilder Slapstickeinlagen opfert. Philipps inszeniert auch THE HANGOVER eher wie ein Drama, mit dem Unterschied, dass es hier nie um Leben oder Tod geht, sondern alles eine gewisse Leichtigkeit behält. Getragen wird das nicht zuletzt von den Darstellern, die ihre schematischen Figuren – Phil ist der attraktive, unverantwortliche Draufgänger, Stu der ängstlich-biedere Pantoffelheld und Alan schließlich das leicht psychotische Partyanimal – zum Leben erwecken und vor der Beliebigkeit retten. Interessant ist auch, wie Philipps seine Geschichte aufbaut: Die exzessive Party selbst – eigentlich Zentrum eines solchen Films – wird ausgespart, Einzelheiten kommen nur sporadisch ans Licht und zum Schluss deuten nur ein paar Fotos an, was passiert ist. Das ist wohl auch einer der Gründe, warum man als Zuschauer – wie die Protagonisten – das Gefühl hat, bei THE HANGOVER das Wesentliche verpasst zu haben. Aber gerade dieser Kniff verleiht dem Film das gewisse Etwas, das ihn von anderen, vergleichbaren Komödien unterscheidet, seine Glaubwürdigkeit und bewahrt zudem die Würde der Figuren. Je mehr ich über den Film nachdenke, umso besser gefällt er mir eigentlich. Wenn man mit korrigierter Erwartungshaltung an THE HANGOVER herangeht – einen komischen Film statt einer tumben Krawallkomödie erwartet – wird man sein Glück wohl finden. Ich muss den demnächst noch einmal schauen, um ihn richtig einschätzen zu können.