Mit ‘Todd Phillips’ getaggte Beiträge


Teil drei der HANGOVER-Reihe wirkt nach dem sehr auf Nummer Sicher gedrehten zweiten Teil ganz so, als wolle sich jemand für die mangelnde Risikobereitschaft entschuldigen. War der Vorgänger dem ersten Teil nahezu bis in Detail nachempfunden, macht der Abschluss der Trilogie nun bewusst alles anders: Es gibt keinen drogeninduzierten Rausch mit folgendem Blackout und Hangover in exotischer Kulisse, keine verzweifelte, von bitterer Selbsterkenntnis gesäumte Spurensuche mehr, auch keine Bildershow zum Abschluss (wohl aber einen Gag, der einen möglichen vierten Teil anteasert, mit dem dann alles wieder von vorn beginnen könnte). Stattdessen werden einige lose Plotfäden aufgegriffen bzw. eher nachträglich erdichtet, um sie für den Abschluss der Trilogie aufgreifen zu können. Im Zentrum von THE HANGOVER PART III steht Alan, in der Darstellung durch Zach Galifianakis auch in den vorangegangenen Teilen der heimliche Star, für den der Rest des Wolfpack samt angeschlossener Familie eine Intervention einberuft. Alan soll sich in psychiatrische Behandlung begeben und er willigt tatsächlich ein. Doch auf der Fahrt zu seinem Kurort werden die Freunde vom Gangsterboss Marshall (John Goodman) überfallen: Er erklärt ihnen, dass es auch ihr Treiben gewesen sei, dass ihn um insgesamt 21 Millionen Dollar in Gold gebracht habe, die sich nun in Chows Händen befinden, dem es in der Zwischenzeit wiederum gelungen ist, sich aus seinem thailändischen Gefängnis zu befreien. Das Wolfpack wird beauftragt, die 21 Millionen Dollar zurückzuholen, doch dazu benötigen sie Chows Hilfe. Und dem chinesischen Großmaul ist einfach nicht zu trauen.

„The epic finale to THE HANGOVER trilogy“ versprach die oben abgebildete Ankündigung im Vorfeld – und damit auch etwas, womit wahrscheinlich keiner der Zuschauer der ersten beiden Teile überhaupt gerechnet hatte. Zwar bauten die ersten beiden Teile rein chronologisch aufeinander auf, doch mutete das erste Sequel eher wie eine Wiederholung des Erfolgsrezeptes an als wie der zweite Akt einer Trilogie. Niemand hätte sich gewundert, wenn auch Teil drei das bewährte Rezept noch einmal neu aufgekocht hätte, vielleicht mit ein Paar kosmetischen Änderungen, die nach THE HANGOVER PART II angebracht schienen. Wo Teil 2 also etwas zu risikoarm war, hat Teil 3 im Gegenzug abseits der Hauptfiguren und dem Verweis auf vergangene Plotelemente kaum noch etwas mit der Grundidee der Vorgänger zu tun,  entwickelt sich stattdessen zu einer Art Heist Movie, dessen zentrale Verfolgung des amoklaufenden Chow die Helden zurück nach Las Vegas führt und für sie Züge einer Konfrontationstherapie annimmt, von der vor allem Alan profitiert. Was dann das Happy End der Serie ist.

Die Veränderungen tun einerseits gut, weil ein erneutes Aufkochen des zweifachen Erfolgsrezepts zwangsläufig auch einen erneuten Qualitätseinbruch mit deutlichen Ermüdungserscheinungen bedeutet hätte, andererseits fühlt sich THE HANGOVER 3 durch den völligen Verzicht auf den zentralen Witz, der die HANGOVER-Serie erst zur HANGOVER-Serie machte, auch etwas beliebig an. Die Story selbst rechtfertigt für sich genommen kaum das Interesse und dass wir ihr dennoch gern folgen, liegt einzig und allein darin begründet, dass wir die Charaktere aus den Vorgängern in unser Herz geschlossen haben. Bevor sich das alles zu negativ anhört, sei gesagt, dass Phillips Inszenierung ordentlich Tempo macht, und die zahllosen turbulenten Einfälle und haarsträubenden Gags dann auch wieder ganz dem Geist der Vorläufer entsprechen. Dass sich der dritte Teil verstärkt Alan und Chow zuwendet, macht Sinn, denn beide sind natürlich die schrillsten Figuren der Reihe und damit ideal für den Over-the-Top-Charakter der ganzen Unternehmung. Wenn zum großen Finale noch einmal einige Locations des ersten Teils angesteuert werden, Alan gar seine große Liebe (Melissa McCarthy) finden darf und somit endlich die Stabilität findet, die er vorher vermissen ließ, entspricht das dem humanistischen Gestus, der schon die Vorgänger über den bloßen Klamauk hob. Trotzdem bleibt der Eindruck, dass Phillips hier etwas zu Ende brachte, was erst seine Produzenten und der bahnbrechende Erfolg überhaupt zu einer „Sache“ gemacht hatten. Der Film riecht ein wenig nach Kompromiss, nach großer Anstrengung und „Augen zu und durch“  und er täuscht darüber hinweg, indem er retroaktiv eine große, „epische“ Geschichte „dahinter“ konstruiert, die eigentlich niemand wirklich brauchte und die mehr als nur etwas forciert wirkt. Trotzdem: mit kleineren Abstrichen gut.

 

THE HANGOVER war im Jahre des Herrn 2009 ein Riesenerfolg, schloss in den Jahrescharts mit einem Einspielergebnis von über 277 Millionen US-Dollar auf Platz sechs ab – kein Wunder, dass die Fortsetzung nicht lang auf sich warten ließ. Ob man hinter der Tatsache, dass Phillips das Erfolgsrezept für Teil 2 einfach noch einmal verwendete, Faulheit, Ideenarmut, Zynismus oder vielmehr punkerhafte Fuck-you-Attitüde vermutet, bleibt jedem selbst überlassen: Fakt ist, dass THE HANGOVER PART II logischerweise ohne den Überraschungseffekt des Vorgängers auskommen muss, mithin zwangsläufig schwächer ist, aber dafür alles noch eine Nummer größer und wilder macht und sich darüber hinaus zu Recht auf seine clevere Prämisse und seine Charaktere verlassen kann, die auch beim Aufguss noch ausreichend interessant sind.

Diesmal geht es also nach Thailand zu Stus (Ed Helms) Hochzeit, nicht zum Junggesellenabschied – auf den verzichtet Stu nach den Erlebnissen des ersten Teils dankend und überaus nachvollziehbar. Weil aber auch der instabile Alan (Zach Galifianakis) wieder mit dabei ist, kommt es zum erneuten Blackout: Die drei Kumpels wachen völlig zerstört in einem schäbigen Hotelzimmer in Bangkok auf, ihr Begleiter, Stus jugendlicher Schwager Teddy (Mason Lee), ist verschwunden, nur ein abgetrennter Finger ist von ihm übrig. Die Hatz durch die thailändische Metropole führt das „Wolf Pack“ erneut mit dem chinesischen Kriminellen Chow (Ken Jong) zusammen und enttarnt den so auf Besserung bedachten Stu wieder einmal als von dunklen Obsessionen getriebenes Tier.

THE HANGOVER PART II führt für eigentlich jedes Detail des Vorgängers eine Entsprechung ein: Statt drogenversetzter Drinks gibt es mit Drogen versetzte Marshmallows. Statt Doug verschwindet Teddy, der keine Matratze, sondern einen Finger als Hinweis hinterlässt. Stu fehlt kein Zahn, dafür hat er nun ein Gesichtstattoo. Die Rolle des Babys übernimmt ein Äffchen, die des gestohlenen Polizeiautos ein entführter buddhistischer Mönch. Der geehelichten Stripperin entspricht hier ein Transsexueller, mit dem Stu eine Nummer geschoben hat, und dem Stand-off mit Chow und seinen henchmen steht ein Stand-off mit dem Interpol-Mann Kingsley (Paul Giamatti) gegenüber, der das Wolf-Pack missbraucht, um Chow dingfest zu machen. Dafür müssen die Kumpels keine 80.000 Dollar aufbringen, sondern einen Zettel mit einem Code in ihren Besitz bringen. Der missglückten Rettungsaktion folgt wie in Teil eins der kleinlaute Anruf bei der wartenden Familie und selbst ornamentale Elemente wie das Ständchen am Piano, mit dem Stu im ersten Teil in einer Pause das Geschehen kommentierte, werden im Sequel wiederholt – hier singt er ein Lied, während er auf einer Akustikklampfe spielt. Im großen Finale muss die heimliche Hauptfigur sich nicht der dominanten Freundin stellen und ihr den Laufpass geben, sondern seinem herablassenden Schwiegervater beweisen, dass er keineswegs ein Waschlappen, sondern ein echter Kerl ist, der sich nicht länger herumschubsen lässt. Schließlich darf sogar Mike Tyson einen Auftritt absolvieren und wie gehabt endet das Ganze mit einem Blick auf die während der rauschenden Nacht entstandenen Fotos, die danach für immer gelöscht werden. Sogar das über dem ersten Teil stehende Motto „What happens in Vegas, stays in Vegas“ findet sein Echo in der wiederholt fallenden, aber weniger gut zitierbaren Aussage, dass Bangkok jemanden „gekriegt habe“.

Man entnimmt dieser Aufzählung schon, dass sich Philipps und seine beiden Co-Autoren nicht unbedingt ein Bein ausgerissen haben, sondern vielmehr nach dem Motto  „Don’t fix ist it isn’t broken“ verfahren sind. Ganz falsch liegen sie damit nicht: Die Geschichte um drei Typen, die schmerzhaft erfahren müssen, was für ein Chaos sie im Rausch angerichtet haben, funktioniert auch ein zweites Mal noch ganz gut – zumal das exotische Setting für zusätzliche Schauwerte und noch mehr Fallhöhe sorgt. Überhaupt muss man sagen, dass die HANGOVER-Reihe visuell aus dem Einerlei der meist doch eher einfach gehalten US-Komödien positiv heraussticht: Die beunruhigenden Unterströmungen der Story um drei „brave“ Männer, die keine Grenzen mehr kennen, wenn man sie einmal von der Kette lässt, spiegelt sich auch in der optischen Gestaltung, die Bangkok abwechselnd zum schillernden Sündenbabel, dann wieder zur postapokalyptischen Einöde verzeichnet. Begrüßenswert ist die Entscheidung, dem Chinesen Chow diesmal eine etwas größere Rolle zu geben: Eine Gelegenheit, die Ken Jong für eine komplett freidrehende Performance nutzt, die nur noch von Tyson Darbietung des Murray-Head-Gassenhauers „One Night in Bangkok“ getoppt wird. Tyson ist ja eh sowas wie der Schutzpatron dieser ersten beiden Filme: Er ist nicht nur deshalb am Start, weil er ein Promi mit Gesichtstattoo ist, sondern weil er eine Art Seelenverwandten der Protagonisten darstellt. Ein Mann, dessen Karriere gesäumt ist von idiotischen, impulsiv getroffenen Entscheidungen, die ihm aber kein Stück peinlich zu sein scheinen.

Ich fand THE HANGOVER PART II fast zwangsläufig eine Nummer schlechter als den ersten Teil, aber eine Sache gelingt ihm noch besser als diesem: Wenn Stu mit der Tatsache konfrontiert wird, dass er Sex mit einem Mann hatte, reagiert er nach dem Gesetz der Gay Panic mit dem obligatorischen Brechreiz. Doch dann erklärt ihm sein One-Night-Stand, dass sie gleichzeitig gekommen seien, dass er vor Glück geweint habe. Diese Aussage benutzt Phillips keineswegs dazu, die Demütigung für Stu noch größer zu machen, sondern im Gegenteil dazu, ihn liebevoll zu besänftigen, seine vermeintliche Schmach zu verringern: Stu hat Seiten, die nur zum Vorschein kommen, wenn er völlig frei ist von den gesellschaftlichen Zwängen, die ihn sonst gefangen halten – und er ist tatsächlich glücklich, wenn er sie zeigen kann. Diese Haltung macht die HANGOVER-Reihe sehr ungewöhnlich und liebenswert – und sie ist darin absolut untypisch für eine „Männerkomödie“.

 

Mein Urteil nach der Erstsichtung von THE HANGOVER vor knapp zehn Jahren war zwar positiv, meinem damals entstandenen Text merkt man aber an, dass der Film keine große Leidenschaft entfacht hatte. Ich wusste nicht so richtig, was ich mit dem Teil anfangen sollte, sein Witz hatte bei mir nicht gezündet. Die Sequels, die dann 2011 und 2013 entstanden, habe ich mir dann demzufolge gar nicht erst angeschaut. Erst das Wiedersehen mit OLD SCHOOL, einem anderen Phillips-Film, den ich vorher „nur“ gut gefunden hatte, war jetzt ausschlaggebend dafür, auch THE HANGOVER nochmal eine Chance zu geben. Und was soll ich sagen: Die Sichtung geriet zum Triumphzug, der Film ist das totale Meisterwerk.

Ich habe bei dieser Sichtung auch verstanden, warum ich beim ersten Mal Schwierigkeiten mit ihm hatte. Ich schrieb damals, dass der eigentliche Witz des Films, die zentrale Ellipse, um deren Rekonstruktion es dann für die Protagonisten geht, mich auch um das gebracht hatte, was ich eigentlich lieber gesehen hätte: die Party und den Exzess, die dann zum titelgebenden Hangover und dem partiellen Gedächtnisverlust der Protagonisten führen. Partyfilme üben seit je her großen Reiz auf mich aus: Ich mag nicht nur, dass die besten von ihnen in der Lage sind, einem das Gefühl zu vermitteln, mitgefeiert zu haben, sondern auch den Aspekt von Freund- und Gemeinschaft, der bei allen diesen Filmen eine wichtige Rolle spielt. Die Prämisse von THE HANGOVER bot die Möglichkeit, diesen Charakteren durch die Nacht zu folgen, durch die verschiedenen Etablissements, in denen sie dann wiederum verschiedenen Nebenfiguren begegnet wären, die für kurze Zeit eine gewisse Bedeutung erhalten hätten. Vielleicht hätten sich ihre Wege zwischendurch getrennt, nur um sich dann später wieder zu kreuzen. THE HANGOVER wäre auch ein Film über eine rauschende Nacht gewesen – und ich liebe Filme, die in einer Nacht spielen, einem den Eindruck von Echtzeit vermitteln. THE HANGOVER lässt diese Möglichkeit aus. Er verweigert sie dem Betrachter mit Absicht. Er wartet noch nicht einmal mit einer verschworenen Gemeinschaft alter Freunde auf: Die vier Hauptfiguren – der wölfische Lehrer Phil (Bradley Cooper), der etwas biedere Zahnarzt Stu (Ed Helms), der angehende Ehemann Doug (Justin Bartha) und der unreife Psychotiker Alan (Zach Galifianakis) – sind nur noch lose miteinander verbändelt, zum Teil bereits auf dem Wege der Entfremdung, Alan ist als Dougs Schwager in spe, der um des Familienfriedens willen mitgenommen wird, nur geduldet. Das Miteinander ist geprägt durch kaum noch unterschwellig zu nennende innere Spannungen, die sich in „kumpelhaften“ Beleidigungen und Demütigungen niederschlägt. Zum Blackout kommt es dann auch nicht, weil die vier so wahnsinnig viel Spaß miteinander haben: Alan mischt ihnen heimlich Ecstasypillen in den Drink, die sich dann als Roofies entpuppen (der Dealer hatte sich im Beutel vergriffen). Nach dem Erwachen ist die teure Suite des Caesar’s Palace in Las Vegas, in der sie sich eingemietet haben, vollkommen verwüstet, Stu fehlt ein Zahn, im Badezimmer lauert ein Tiger, ein mutterloses Baby liegt im begehbaren Kleiderschrank und Doug ist spurlos verschwunden. Die Suche nach ihm gerät zur detektivischen Ermittlungsarbeit, bei der die drei Partybiester die Ereignisse des vorigen Abends Stück für Stück rekonstruieren müssen, um den Junggesellen rechtzeitig zu seiner Hochzeit nach Hause bringen zu können. Auf dem Weg dahin sind sie auch gezwungen, sich mit ihren verborgenen Obsessionen auseinanderzusetzen. Am Ende sind sie geläutert – und zu jener verschworenen Gemeinschaft zusammengewachsen, die sie am Anfang nicht waren.

Schon OLD SCHOOL hatte seine Untiefen, die durch die insgesamt sehr wohlwollende, überzeichnete Darstellung seiner Hautfiguren – wie hier Männer, die sich mit dem Erwachsenwerden und den Anforderungen der „Reife“ schwertun – aber noch verdeckt wurden. In THE HANGOVER kommt kaum ein Gag ohne Preis, eigentlich zeichnet Phillips ein Horrorszenario, legt das (selbst)zerstörerische Potenzial seiner männlichen Protagonisten gnadenlos bloß und wirft die Frage auf, was mit „uns Männern“ eigentlich falsch ist. Schon das Ritual des Junggesellenabschieds, dem die Begleiter deutlich mehr entgegenfiebern als der Junggeselle selbst, stellt eine Lizenz zum unverhohlenen Regress dar und man fragt sich unweigerlich: Warum überhaupt heiraten, wenn man sich doch viel lieber wie eine enthemmte Wildsau ohne jeden Sinn für Verantwortung benehmen will? Der Eindruck, dass die Beteiligten sich von den Anforderungen des langweiligen Alltags mit Karriere und Familie heftigst eingeschnürt fühlen, bewahrheitet sich dann, als die Drogen ins Spiel kommen und alle Hemmungen gnadenlos fallen: Am deutlichsten zeigt sich das an Stu, dem vermeintlich vernünftigsten der vier: Er heiratet im Vollrausch gleich eine Stripperin (Heather Graham) und zieht sich selbst einen Zahn, um seine Männlichkeit unter Beweis zu stellen. Der Wahnsinn, den die Kumpels auf ihrer Reise durch Las Vegas entfacht haben, ist so allumfassend, dass sie sich mit der Möglichkeit auseinandersetzen müssen, absolute Monster zu sein. Mehr noch: Sie stellen fest, dieses Potenzial wirklich in sich zu tragen. Las Vegas gerät zum Vorort der Hölle, der die niedersten Instinkte in ihnen anspricht und hervorkitzelt. Der Spruch „What happens in Vegas, stays in Vegas“, auf den sie sich zu Beginn ihrer Odyssee einschwören, erhält noch eine dunklere, beinahe apokalyptische Bedeutung: Vielleicht wäre es besser, wenn diese Irren gleich hier blieben, zwischen all den Verdammten und Gestrandeten, die in diesem an ein Gemälde von Hieronymus Bosch erinnernden Labyrinth ihren eigenen Trieben nachgehen, bis sie ausgezehrt im Wüstensand verenden.

Das Schöne an THE HANGOVER und seinen Sequels, aber auch von OLD SCHOOL ist, dass er weder bei der langweiligen Erkenntnis stehenbleibt, dass Männer eine „dunkle Seite“ haben, noch als einfache Lösung vorschlägt, dass wir unsere Begierden entsagen sollten, vielmehr strebt er eine Synthese an. Erst durch den Druck gesellschaftlicher Zwänge können auch unsere Obsessionen überhaupt erst so monströs anwachsen. Wenn wir der Wildsau nur ein wenig mehr Freiraum gäben oder uns auch nur eingeständen, dass es sie gibt, müsste sie beim Junggesellenabschied nicht so gnadenlos mit uns durchgehen.

 

 

 

 

Fuck, ist das echt schon 16 Jahre her? Das war ja noch ein anderes Leben …

OLD SCHOOL – von HATED– und HANGOVER-Regisseur Phillips – stammt noch aus der ersten Welle der Filme des sogenannten Frat Packs, einer Gruppe von Komikern und Schauspielern, die sich um Ben Stiller formiert hatte, und zu der etwa Owen und Luke Wilson, Will Ferrell und Vince Vaughn gehörten. SNL-Komiker Will Ferrell, der hier zum ersten Mal in einer größeren Rolle zu sehen war, etablierte sich in der Folge selbst als Filmstar, der dann oft mit Adam McKay kollaborierte und Zentrum seines eigenen „Kreises“ wurde, während etwa Vince Vaughns Stern dank fragwürdiger Rollenauswahl unaufhörllich zu sinken begann.

OLD SCHOOL hat mich damals nicht so richtig gekriegt, aus Gründen, die ich heute kaum nachvollziehen kann, denn bei der gestrigen Sichtung habe ich sehr, sehr viel Freude mit dem Teil gehabt. Vielleicht hat die veränderte Perspektive geholfen: Auch wenn die Protagonisten des Films Anfang 30 sein sollen und damit fast 15 Jahre jünger sind als ich jetzt, stehen sie mir heute deutlich näher als damals, als ich eigentlich in ihrem Alter war. Ihre Lebenssituation kann ich heute viel besser nachvollziehen und ihre Entgleisungen bringen demnach eine gewisse kathartische Funktion mit sich. Ich gönne ihnen den Spaß, beneide sie ein bisschen darum und verstehe, warum sie an ihrer idiotischen Fraternity festhalten wollen. OLD SCHOOL bedient ohne Zweifel einen typisch männlichen Irrglauben und Omnipotenzwahn: dass man in der frühen Adoleszenz seinen Zenith erreicht und diesen Zustand im Idealfall bis ins Rentenalter ausdehnen sollte; dass man auch mit 40 noch saufen und feiern kann wie mit 20; und dass Männer, die saufen, feiern und sich gebärden wie Teenager, eine nahezu magische Anziehungskraft auf junge Frauen ausüben bzw. diese eigentlich nie verloren haben. OLD SCHOOL ist gleichzeitig ein Film über die Midlife Crisis und ihre peinlichsten Auswüchse, aber er blickt mit Verständnis und Empathie auf seine Protagonisten und ihre Marotten. Sie sind letztlich nette Jungs, die mit dem Prozess des Alterns und den gesellschaftlichen Anforderungen und Konzepten von „Reife“, die damit einhergehen, gnadenlos überfordert sind.

Ferrell, der ja eh immer eine Art großes Kind spielt, und Vaughn sind als wild gewordenes Party Animal „Frank the Tank“ und der in der minutiösen Organisation ehrfurchtgebietender Parties geradezu begnadete Beanie perfekt besetzt. Ferrell hat erwartungsgemäß die lustigsten und bescheuertsten Szenen, stürzt sich mit der Verve eines hyperventilierenden Elefantenbullen in seine zweite Jugend, misst sich mit Jugendlichen beim Beer-Bong-Saufen, rennt nackt durch die Stadt (in dem Glauben, dass ihm Hunderte folgen würden), schießt sich mit einer Tranquilizer-Gun in den Hals und entwickelt eine unbändige Freude darin, die Pledges herumzukommandieren und zusammenzuscheißen. Und natürlich lässt er es sich nicht nehmen, am Grab eines verstorbenen „Bruders“ „Dust in the Wind“ zu singen. Vaughns Part ist weniger spektakulär, aber nicht weniger toll: Beanie ist eben Vater geworden und er geht in dieser Rolle absolut auf, aber er lässt es sich trotzdem nicht nehmen, dieses Parallelleben nicht zur zu führen, sondern es mit großem Eifer zu planen. Er geht in dem Projekt „Fraternity“ auf wie andere Familienväter im Projekt „Hausbau“.

In seiner ganzen Haltung kommt OLD SCHOOL seinem Vorbild NATIONAL LAMPOON’S ANIMAL HOUSE sehr nahe, auch wenn er eine ganz andere Geschichte erzählt: Gemeinsam ist beiden Filmen die Sympathie für das Außenseitertum sowie die Verachtung für konformistische Streber, deren wesentliche Motivation oft nichts weniger als Selbsthass und Neid sind. Die „Bruderschaft“, die Mitch (Owen Wilson), Frank und Beanie, da um sich scharen (um das auf dem Uni-Campus gelegene Haus nicht zu verlieren), ist eine mitleiderregende Ansammlung von Outcasts, die anderswo keine Chance hätten, nun aber die Gelegenheit haben, an etwas Größerem teilzunehmen. Dieses Größere beinhaltet im Wesentlichen wüste Besäufnisse mit Starbesuch (Snoop Dogg absolviert einen Cameo-Auftritt), die Zuneigung geiler Weiber und Attraktionen wie ein Mixed-Wrestling-Turnier in Öl – bei dem dann auch das älteste Mitglied, der 89-jährige Blue (Patrick Crenshaw) verstirbt: als wahrscheinlich glücklichster Mensch der Welt („YOU’RE MY MAN, BLUE!“). Das Arschloch des Films ist Jeremy Piven in der John-Vernon-Rolle als klemmiger Dean Pritchard: Er ist ein Jugendfreund der Protagonisten, wurde schon als Kind von ihnen gehänselt und verarscht, ist stets der Langweiler von einst geblieben und kompensiert seine Minderwertigkeitskomplexe nun, indem er seine „Macht“ ausspielt. Dass da jemand Spaß am Leben hat, ist für ihn nicht duldbar. Auch wenn ihm gar nichts getan wird.

Aber bei allem anarchischen Geist, den Phillips in die Waagschale wirft, sieht man an OLD SCHOOL auch, was sich in den 30 (mittlerweile 40) Jahren seit ANIMAL HOUSE verändert hat: Der Regress von Frank und Beanie darf nicht einfach für sich stehen, vielmehr muss ihnen mit Mitch ein Charakter gegenüber gestellt werden, der den „guten“ reifen Erwachsenen verkörpert: Mitch will keine Fraternity, er will nicht wild herumhuren und sich von einem Exzess in den nächsten stürzen, vor allem will er nicht als „Godfather“ angesehen werden. (Wie er da von wildfremden Männern mit wissend-bewunderndem Blick gewürdigt wird, erinnert etwas an FIGHT CLUB.) Aber er hat seinen beiden außer Rand und Band geratenen Kumpels nichts entgegenzuhalten, auch dann nicht, als das ihm auferlegte Dasein seine neu aufkeimende Beziehung gefährdet. Aus dramaturgischer Sicht ist es wahrscheinlich sinnvoll, einen „geerdeten“ Charakter zu etablieren, einen Ausgleich zu Frank und Beanie zu schaffen und ihre Exzesse so letztlich noch extremer wirken zu lassen, aber man hat dennoch immer das Gefühl, in einer egalen RomCom gelandet zu sein, wenn Mitch da mit seinem langweiligen love interest anbändelt. Der Film untergräbt damit immer wieder seine Botschaft der Individualität, denn letztlich wird einem dann doch wieder die heteronormative, monogame Beziehung als das Nonplusultra angeboten, für das Mitch seine bekloppten Freunde irgendwie in die Schranken weisen muss. Aber ich will hier gar nicht meckern: OLD SCHOOL ist zu 95 Prozent toll, urkomisch und liebenswert, die restlichen fünf Prozent spiegeln lediglich die Produktionsrealität Hollywoods wider. Aber so ist das Leben: Mitch, Frank und Beanie müssen sich schließlich auch mit Dean Pritchard herumschlagen. Oder mit ungehorsamen Pledges.

 

Dokumentationen sind ein wichtiger Bestandteil bei den Morbid Movies und sowohl SICK: THE LIFE AND DEATH OF BOB FLANAGAN, SUPERMASOCHIST als auch BLACK METAL VEINS waren Höhepunkte der vergangenen beiden Festivals. Todd THE HANGOVER Phillips‘ Debüt über den Skandalpunkrocker und Soziopath G. G. Allin war von Anfang an ein Kandidat für den Doku-Slot und stellte eine würdige Fortsetzung unserer kleinen Reihe dar.

Phillips‘ kam in den frühen Neunzigern – Allins Ruf eilte ihm voraus, jeder seiner Auftritte endete in Massenschlägereien und wurde vorzeitig abgebrochen oder unterbunden – auf die Idee, den Musiker und seine Band, die Murder Junkies, auf einer Tournee filmisch zu begleiten. Allin war begeistert und brach seine Bewährungsauflagen, um teilzunehmen. HATED beginnt mit genau dieser kurzen Erklärung durch den Regisseur und konfrontiert den Zuschauer dann in knappen 60 Minuten mit dem Chaos: Beim Auftritt in einer Universität schiebt sich der Sänger eine Banane in den Hintern und isst dann die Reste, er wirft mit Stühlen nach dem Publikum. Bei Konzerten zieht er sich regelmäßig aus, provoziert Schlägereien, verprügelt sich selbst oder entleert sich auf die Bühne. Bei einer Geburstagsparty wünscht er sich ein Mädchen, dass ihm in den Mund pisst: Begierig trinkt er ihr Urin, erbricht sich über sich selbst und nimmt begierig den nächsten Schluck. Seine Mission ist es, den Rock’n’Roll wieder „gefährlich“ zu machen. Einer seiner Fans vergleicht eine typische Allin-Show mit einem Zirkus, beschreibt ihren Reiz damit, dass man nie wisse, was passiere – und dass der Musiker Dinge tue, die man sich selbst nie trauen würde. Andere sind sich da nicht so sicher: Ein offensichtlich eifersüchtiger Ex-Gitarrist hält Allin für einen Loser, das US-Fernsehen, das ihn für sich entdeckt hat, für einen größenwahnsinnigen Spinner, perfektes Talkshow-Material. Der Film endet mit Allins Tod und der Beerdigung: Nach einem erneut ausgearteten Gig stirbt der Sänger, der mehrfach angekündigt hatte, sich auf der Bühne das Leben zu nehmen, an einer ordinären Überdosis.

Phillips hält sich mit eigenen Bewertungen weitestgehend zurück. Eine Stärke des Films ist, dass er dem Zuschauer kein Narrativ an die Hand gibt, sondern lediglich mehrere Ansätze anbietet. Besonders bemerkenswert: Das dysfunktionale Elternhaus, dem Allin entstammt (sein Vater glaubt, G.G. sei der wiedergeborene Messias, was ihn nicht davon abhielt, ihn regelmäßig zu verprügeln), wird kein einziges Mal auch nur erwähnt. Dass Allin mehrere Dämonen hat, daran besteht kein Zweifel, aber Phillips hat kein Interesse daran, ein psychologisches Profil aufzustellen, das seinem Protagonisten einen handfesten Schaden nachweist und den Betrachter damit aus der Verantwortung entlässt. Zum einen wäre das eh nur die halbe Wahrheit, zum anderen bewahrt es die Würde Allins – und es verhindert, dass man seine Geschichte leichtfertig als die eines Kranken abhaken kann. Für Phillips ist Allin zunächst einmal ein Mensch und dann ein Künstler, für den es keinerlei Kompromisse und keinerlei Angst zu geben scheint. Kommerzielle Erwägungen spielen genauso wenig eine Rolle wie gesundheitliche, Allin geht raus und zieht seine Show ab. Wenn sie zu Ende ist, hat er verbrannte Erde hinterlassen, er blutet und muss mal wieder in einer Zelle übernachten. Aber Phillips begeht auch nicht den Fehler, Allin und seinen Lifestyle zu glorifizieren: Der Mann war ein wandelnder Albtraum und Gewaltverbrecher, zum Zeitpunkt der Dreharbeiten außerdem durch Drogen- und Alkoholmissbrauch schon reichlich weichgekocht, kaum mehr Herr seines Verstands. Wer es mit ihm aushalten wollte, musste entweder Familie, komplett scmerzfrei oder selbst irre sein.

Am Ende ist HATED ein Film über einen extremen Außenseiter. Allin ist nicht einfach nur durchs Raster gefallen, er stand der Gesellschaft, die ihn ausgespuckt hat, mit jeder Faser seines Körpers entgegen. Wie ist das möglich? Was ist da schief gelaufen? Und wie gehen wir damit um? Das sind die Fragen, die HATED aufwirft und die dafür sorgen, dass er einem noch lange im Gedächtnis bleibt. Sie hallen auch dann noch nach, wenn der reine Shock Value sich längst abgenutzt hat.

the hangover (todd phillips, usa 2009)

Veröffentlicht: Dezember 8, 2009 in Film
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Zum Junggesellenabschied fährt der Ehemann in spe Doug (Justin Bartha) mit seinen beiden besten Freunden Phil (Bradley Cooper) und Stu (Ed Helms) sowie seinem Schwager Alan (Zach Galifianakis) nach Las Vegas. Am Morgen nach der rauschhaften Nacht wachen Phil, Stu und Alan nicht nur in einem vollkommen verwüsteten Hotelzimmer auf, in dessen Badezimmer es sich zudem ein Tiger bequem gemacht hat, sie bemerken auch bald, dass Doug spurlos verschwunden ist. Weil alle drei schwer mit den Nachwirkungen des Gelages und akutem Gedächtnisverlust zu kämpfen haben, müssen sie die Ereignisse der vorigen Nacht mit Mühe und Not rekonstruieren, um ihren Freudn zu finden und pünktlich zur Hochzeit nach Hause zu bringen. Und sie stellen bald fest, dass sie beim Feiern nichts haben anbrennen lassen …

Mit THE HANGOVER habe ich ungefähr dasselbe Problem wie mit Philipps OLD SCHOOL: Beide Filme sind recht sparsam mit ihren Gags und entlassen den Zuschauer mit dem Gefühl, ihr Potenzial nicht vollkommen ausgereizt wurde. Vielleicht ist das aber auch eine ausgesprochene Stärke beider Filme: Dass sie eben nicht in ein heilloses Gagfeuerwerk münden, dem die Narration komplett untergeordnet wird, sondern eine Geschichte erzählen, die ihr komisches Potenzial aus der Konfrontation der Figuren mit absurden Situationen bezieht. THE HANGOVER hat einen sehr gleichmäßigen Flow, eine sehr „saubere“ Dramaturgie, was durchaus untypisch für eine Komödie ist, die sich normalerweise viele Ruhepausen und „Nummern“ gönnt und den roten Faden gern zugunsten wilder Slapstickeinlagen opfert. Philipps inszeniert auch THE HANGOVER eher wie ein Drama, mit dem Unterschied, dass es hier nie um Leben oder Tod geht, sondern alles eine gewisse Leichtigkeit behält. Getragen wird das nicht zuletzt von den Darstellern, die ihre schematischen Figuren – Phil ist der attraktive, unverantwortliche Draufgänger, Stu der ängstlich-biedere Pantoffelheld und Alan schließlich das leicht psychotische Partyanimal – zum Leben erwecken und vor der Beliebigkeit retten. Interessant ist auch, wie Philipps seine Geschichte aufbaut: Die exzessive Party selbst – eigentlich Zentrum eines solchen Films – wird ausgespart, Einzelheiten kommen nur sporadisch ans Licht und zum Schluss deuten nur ein paar Fotos an, was passiert ist. Das ist wohl auch einer der Gründe, warum man als Zuschauer – wie die Protagonisten – das Gefühl hat, bei THE HANGOVER das Wesentliche verpasst zu haben. Aber gerade dieser Kniff verleiht dem Film das gewisse Etwas, das ihn von anderen, vergleichbaren Komödien unterscheidet, seine Glaubwürdigkeit und bewahrt zudem die Würde der Figuren. Je mehr ich über den Film nachdenke, umso besser gefällt er mir eigentlich. Wenn man mit korrigierter Erwartungshaltung an THE HANGOVER herangeht – einen komischen Film statt einer tumben Krawallkomödie erwartet – wird man sein Glück wohl finden. Ich muss den demnächst noch einmal schauen, um ihn richtig einschätzen zu können.