Mit ‘Tom Cruise’ getaggte Beiträge

In den 23 Jahren, die seit Brian De Palmas erstem Teil vergangen sind, hat es diese Reihe nun also mittlerweile auf fünf Sequels gebracht – und dabei ihre ganz eigene Stilistik geprägt. Vielleicht erinnere ich das falsch, aber MISSION: IMPOSSIBLE war ja damals – mit Ausnahme des Tunnelfinales – eher down to earth, weniger an absurden Actionsequenzen interessiert als am Thrill, den die heute ikonische Heist-Szene mit dem am Seil hängenden Ethan Hunt idealtypisch repräsentierte. Est mit der Verpflichtung des damals super-angesagten John Woo für Teil zwei wurde ein deutliches Bekenntnis zu bildstürmerischer Action abgegeben und spätestens seit Teil vier steht das Franchise vor allem für haarsträubende, spektakuläre Stunts, bei denen sich Hauptdarsteller Tom Cruise enormen Gefahren aussetzt, und den Puls nach oben treibende Actionsequenzen. Diese Ausrichtung hat dazu geführt, dass jeder neue Teil sich zwar damit rühmen darf, einen neuen Standard in Sachen Machbarkeit zu schaffen, aber auch, dass alles andere demgegenüber in den Hintergrund tritt. Ich weiß noch, dass ich den vorangegangenen Teil, MISSION: IMPOSSIBLE – ROGUE NATION sehr gut fand, aber darüber hinaus kann ich mich an fast nichts mehr erinnern. Spontan würde ich behaupten, dass der erneut von McQuarrie inszenierte sechste Teil den Höhepunkt der Reihe bildet (vielleicht neben MISSION: IMPOSSIBLE III, aber den müsste ich erst mal wieder auffrischen), aber ich halte es nicht für unmöglich, dass ich 2021, wenn die nächste Fortsetzung ansteht, erneut Mühe habe, mich an Details zu erinnern.

Aber das ist eigentlich völlig okay. Schon die Serie war nicht für bahnbrechende Substanz berühmt, sondern in erster Linie für die Titelmelodie von Lalo Schifrin, die immer wiederkehrenden Demaskierungen und technische Gimmicks. Die Kinofilme sind nur die konsequente Fortführung auf höchstem produktionstechnischen Niveau: Es geht in ihnen nicht um Inhalte oder darum, kritische Aussagen zur internationalen Diplomatie oder zum Handeln der Geheimdienste zu treffen – mit dem Spionagethriller der Siebzigerjahre hat dieses Franchise nur oberflächlich zu tun, deutlich mehr verbindet sie mit den Filmen um den Superagenten James Bond. Es hat sich auf den spielerischen Umgang mit der Form spezialisiert, grift dafür auf die seit Jahrzehnten etablierten Motive und Mechanismen des Agentenfilms zurück, weil sie eine schöne Basis für die Vexierspiele, Verführungen, Täuschungs-, Ablenkungs- und Überrumpelungsmanöver darstellen, aus denen sie sich zusammensetzen. Ob es wirklich noch einen Sinn ergibt, wer da wen hintergeht und warum, ist von völlig untergeordneter Bedeutung: Es geht dabei vor allem darum, alles ständig in Bewegung zu halten, Sicherheit und Gewissheit zu minimieren und damit die erzählerische Grundlage dafür zu schaffen, dass hier zu jeder Zeit alles möglich ist. Damit korrespondiert auch die Zeichnung des Protagonisten Ethan Hunt (Tom Cruise): Der trug schon in John Woos erster Fortsetzung deutlich messianische Züge, die seitdem aber noch stärker akzentuiert wurden. In MISSION: IMPOSSIBLE III stellte man ihm noch eine Ehefrau (Michelle Monaghan) zur Seite, die er dann retten musste, in FALLOUT dient sie – mittlerweile von ihm getrennt – vor allem dazu, seine Zeichnung als übermenschlicher Retter zu stärken, der für eine Beziehung nicht geeignet ist, weil es ihn von seiner Hauptaufgabe, als Schutzengel über die Menschen zu wachen, abhielte. Die Aufgaben, die er im aktuellen Film zu bewältigen hat, sind unlösbar und dass er trotzdem aus jeder Zwickmühle herausfindet, jeden Sturz oder Kampf überlebt und das Unmögliche möglich macht, wäre eigentlich zum Totlachen, wenn ein anderer als Cruise ihn spielen würde.

Man muss das so deutlich sagen: Ohne Tom Cruise würde das ganze Franchise nicht funktionieren. Es gibt keinen Schauspieler, der diese Rolle übernehmen könnte, ohne dass die um sie herum konstruierten Filme etwas vollständig anderes werden müssten. Cruise ist nicht nur exakt der überlebensgroße Superstar, den es braucht, um die unermüdlich aneinandergereihten Absurditäten halbwegs glaubwürdig erscheinen zu lassen (man stelle sich mal andere Actionstars in dieser Rolle vor: Es geht nicht.), mit seiner an Todessehnsucht grenzenden Tollkühnheit treibt er die Reihe auch immer wieder zu jenen neuen Höhepunkten, die mittlerweile ihr Markenzeichen geworden sind. Zugegeben, ein Highlight wie die Burj-Khalifa-Sequenz aus GHOST PROTOCOL ist hier nicht dabei, aber dafür legt FALLOUT ein insgesamt halsbrecherisches Tempo vor. Das Spektrum reicht von erbittert geführten, ruppigen Keilereien über Verfolgungsjagden mit dem Wagen, dem Motorrad, zu Fuß und per Helikopter, Klettereien in schwindelerregender Höhe, Fallschirmsprünge durch Gewitterwolken und natürlich präzisen Shootouts. Im Finale gilt es nicht eine, sondern gleich zwei Atombomben zu entschärfen, wozu Hunt eine Fernsteuerung in seinen Besitz bringen muss, mit der der schurkische August Walker (Henry Cavill) im Hubschrauber davonfliegt. Für das Happy End muss er also den Hubschrauber erreichen, Walker bezwingen und ihm den Zünder abnehmen, während seine Partner Luther (Ving Rhames), Benji (Simon Pegg) und Ilsa (Rebecca Ferguson) zur gleichen Zeit nicht nur die Bomben finden, Feinde bezwingen und die richtigen Kabel durchknipsen müssen. Wenn FALLOUT zu Ende ist, ist man reif für einen Beruhigungstee. Doch die beste Sequenz ist eine andere für mich: Hunt muss den zu Fuß entkommenden Walker einholen, wobei ihm aber der kürzeste Weg versperrt wird. Der Weg, den er wie ein Irrer rennend zurücklegt, führt ihn daher über zahlreiche Umwege über Dächer, durch Großraumbüros und die obligatorische Fensterscheibe. Hier werden dann am ehesten Erinnerungen an die alten Kracher eines Jean-Paul Belmondo wach (der Schauplatz Paris tut sein Übriges), doch trotz der offenkundigen Reminiszenz schafft McQuarrie es, diese ganze Sequenz frisch, modern und innovativ erscheinen zu lassen, eben so, wie es sich für die Reihe gehört.

MISSION: IMPOSSIBLE – FALLOUT wird dem hart erarbeiteten Ruf des Franchises (ich weiß, der Begriff ist furchtbar) mehr als gerecht, stellt ein gut zweistündiges Bombardement an Edge-of-your-Seat-Sequenzen, physischem Actionkino und erzählerischen Winkelzügen dar, das in jeder Sekunde spielerisch-leicht und enorm sexy daherkommt. Gerne mehr davon!

Der FBI-Beamte Craig McCall (E. Roger Michell) ist auf das verschlafene Kaff Mena, Arkansas aufmerksam geworden, weil sich in den dortigen Banken ungewöhnlich große Geldmengen anhäufen. Bei seinem Besuch in dem Nest, das lediglich aus einer einzigen Straße besteht, eröffnet sich ihm ein merkwürdiger Anblick: Gleich mehrere brandneu errichtete Geldinstitute stehen dort nebeneinander und teure Autos fahren an ihm vorbei. Man darf annehmen, dass der Agent schon viel gesehen hat, aber auch das kann nicht verhindern, dass ihm die Kinnlade runterklappt. Die Szene findet sich ungefähr zur Hälfte von Doug Limans AMERICAN MADE, der die wahre Geschichte des ehemaligen TWA-Piloten Barry Seal erzählt, der erst zum Spion des CIA und dann zum Drogendealer für das kolumbianische Kartell avancierte und außerdem eine wichtige Rolle in der Contra-Affäre spielte, bevor er von Pablo Escobar Killern umgebracht wurde, und zeigt auf wunderbar  nachdrückliche Art und Weise, welche unerwarteten, mitunter kuriosen Folgen die auf globaler Ebene vollzogenen Winkelzügen der Geheimdienste auf der Mikroebene nach sich ziehen.

Barry Seal (Tom Cruise) ist einer der jüngsten Piloten der TWA-Geschichte, ein Naturtalent, noch dazu ausgestattet mit gutem Aussehen und einem unerschütterlichen Selbstbewusstsein. Sein Pilotengehalt bessert er sich mit dem Schmuggel kubanischer Zigarren auf, auf den er eines Tages in einer Flughafenbar von einem Herrn namens Schafer (Domhnall Gleeson) angesprochen wird. Der Mann ist vom CIA und er macht Seal zum Spion: Ausgestattet mit einem topmodernen zweimotorigen Flugzeug liefert Barry dem CIA in der Folge Überwachungsaufnahmen von Militärstützpunkten in Mittel- und Südamerika und betätigt sich als Bote für den panamaischen General Noriega. Bei einem Aufenthalt in Kolumbien wird er von drei „Geschäftsleuten“ namens Ochoa (Alejandro Edda), Escobar (Mauricio Media) und Rangel (Benito Martinez) kontaktiert: Die Herren, die in den nächsten Jahren als Medellin-Kartell von sich Reden machen werden, beauftragen den Piloten, für sie Drogen in die USA zu fliegen. Die Aussicht auf 2.000 Dollar pro Kilo überzeugt den Amerikaner mit der flexiblen Moral. Doch sein Nebenverdienst bleibt nicht unbemerkt. Er flieht vor der Polizei in seinem Heimatstaat Louisiana auf Geheiß Schafers nach Arkansas, wo man ihm ein 5.000 Hektar großes Grundstück samt eigenem Flugplatz zur Verfügung stellt. Während sich das Bargeld in seinem Haus türmt, gibt es den nächsten Auftrag für ihn: Weil Reagan die Contra-Rebellen in Nicaragua in ihrem Kampf gegen die Sandinistas unterstützen will, erhält Seal die Aufgabe, Waffen nach Mittelamerika zu liefern. Vor Ort stellen sich die Contras aber als nur mäßig interessiert am Widerstandskampf heraus. Viel mehr reizt sie das Geld, das sie mit kolumbianischen Drogen verdienen können, die ihnen Escobar und Co. im Tausch für die Waffen anbieten. Vollends absurd wird Seals Mission, als er die Contras zu Ausbildungszwecken nach Arkansas bringen muss: Die Freiheit des Landes der unbegrenzten Möglichkeiten vor Augen, nehmen sie in Scharen Reißaus. Derweil hat Seal immer größere Probleme, sein illegales Treiben vor den Behörden geheim zu halten.

AMERICAN MADE erzählt eine unglaubliche Geschichte in einem halsbrecherischen Tempo, streckt die Paranoia-Sequenz aus Scorseses GOODFELLAS gewissermaßen auf Spielfilmlänge und bildet eine Art Gegenstück zu De Palmas SCARFACE. Wie Tony Montana steigt auch Barry Seal im Verlauf seiner Doppelagentenkarriere in absurde Höhen auf, aus denen er irgendwann zwangsläufig abstürzen muss. Der Unterschied: Während der fiktive kubanische Drogenzar Montana seinen Untergang wie ein antiker griechischer Held selbst herbeiführt, wird Seal Opfer eines schmutzigen Spiels, in dem er letztlich nur eine austauschbare Spielfigur ist. Der Geheimdienst steht ihm genau so lange zur Seite, wie er die dunklen Machenschaften, in die er verstrickt ist, noch decken kann. Anders als die unterkühlten Politik- und Spionagethriller der Siebzigerjahre, in denen abgezockte Profis ihr Handwerk unbemerkt von der „normalen“ Welt verrichten und die in den Schaltzentralen der Macht ausgeklügelten Pläne mit eiskalter Präzision ausführen, zeichnet AMERICAN MADE ein reichlich chaotisches Bild von den Geheimdiensten: Da handeln mit großer Machtfülle ausgestattete Beamten aus dem Bauch heraus auf eigene Faust, gibt es keinerlei Kontrollinstanzen, die die Arbeit der eingesetzten Kräfte auch nur ansatzweise überwachen würden, werden Maßnahmen ergriffen, ohne diese auch nur im geringsten kritisch zu hinterfragen. Wenn alles in Rauch aufgeht, sucht man das Heil in der Flucht, verbrennt alle Beweise und stellt sich dumm. AMERICAN MADE ist wahnsinnig komisch in der Protokollierung all dieser haarsträubenden Fehleinschätzungen, die sich zu einer Kettenreaktion potenzieren, deren Ende niemand mehr absehen kann: Die oben beschriebene Szene kulminiert etwa im Bild eines in Tarnkleidung gewandeten Contras, der sich auf der Hauptstraße des Südstaatennests, in dem er auffällt wie ein Eskimo am Äquator, an einem Zeitungsautomaten zu schaffen macht. Wenn man sich genau überlegt, dass AMERICAN MADE auf Tatsachen beruht (die für den Film natürlich etwas gebeugt wurden), vergeht einem das Lachen aber: Ziemlich gruselig, sich vorzustellen, dass tatsächlich so gearbeitet wurde und immer noch wird.

Eine der größten dichterischen Freiheiten, die sich der Film nimmt, ist die Zeichnung seines Protagonisten: Der echte Barry Seal war klein und übergewichtig, keinesfalls das smarte Sexsymbol, das Cruise verkörpert, darüber hinaus ohne jede Reue für seine Taten. Aber die Besetzung mit dem wahrscheinlich größten lebenden Filmstar ist natürlich goldrichtig: Cruises Seal ist kein Schurke, sondern ein verdammt gutaussehender, talentierter und charmanter Schelm, der die sich ihm bietende Chance nicht zuletzt deshalb ergreift, weil es geradezu absurd wäre, sich dieses einem Groschenroman entsprungene Abenteuer entgehen zu lassen. Und so rast Seal im Adrenalinrausch mit einem ungläubig-geflashten Dauergrinsen durch den Film, er kann einfach nicht fassen, was ihm da in den Schoß gefallen ist. Und wer wollte ihm das verübeln?

AMERICAN MADE ist großartig, intelligent, witzig, spannend, actionreich, toll gespielt, voller Überraschungen und Steigerungen und immer wieder gesprenkelt mit historischen TV-Aufnahmen, etwa von Ronald Reagan, die in diesem Kontext betrachtet geradezu absurd anmuten. Tom Cruise – für mich eh ein Gigant – beweist mal wieder, dass er der wahrscheinlich größte Schauspieler seiner Generation ist und jeden Film, in dem er mitwirkt, schon mit seiner bloßen Präsenz aufwertet. Von seinem nahezu unfehlbaren Gespür für spannende Stoffe mal ganz zu schweigen. Dann ist da dieser geile Polaroid-Look, der gleichermaßen übersättigt wie vergilbt wirkt und eine schöne Abwechslung von der entweder ganz monochromen, oft flachen oder aber comichaft übersteigerten Farbpalette gegenwärtiger Produktionen darstellt. Für mich ein Highlight meines persönlichen Filmjahres 2019 und ganz sicher einer der besten US-Filme der letzten Dekade.

 

Ein beliebter Texteinstieg, wenn man nicht weiß, wie man anfangen soll: Erwähnen, dass Quentin Tarantino den betreffenden Titel irgendwann mal gelobt hat oder gar zu seinen Lieblingsfilmen zählt.  Case in point KNIGHT AND DAY, der mal in irgendeiner Tarantino-Liste mit den beszen Filmen des Jahrgangs oder des Jahrzehnts auftauchte. Was in doppelter Hinsicht eine Überraschung war, schließlich hatte man KNIGHT AND DAY bei Erscheinen als maximal uninteressantes Cruise-Vehikel abgetan und außerdem nie gedacht, dass ausgerechnet der auf Abseitiges und Schrundiges abonnierte Tarantino eine solche Hochglanz-Produktion mit seinem Urteil adeln würde.

Wenn man sich den Film anschaut, ist die Zuneigung gleich um Einiges verständlicher, auch wenn ich nicht ausschließen möchte, dass Kalkül hinter der Nominierung steckte, dass es Tarantino eben auch um den Überraschungseffekt ging. KNIGHT AND DAY ist eine selbstreferenzielle Actionkomödie mit romantischen Untertönen: Mangold schwebte vermutlich eine Art actionreicher Hommage an die eleganten Screwball-Komödien der Dreißigerjahre oder auch die bunten Romanzen vor, die Rock Hudson in den Fünfzigerjahren mit Gina Lollobrigida oder Doris Day zu machen pflegte. Tom Cruise fungiert in der Rolle des stets souveränen und charmanten, dazu unüberwindlichen Superagenten Roy Miller als eine Art Parodie auf sein eigenes Image, während Cameron Diaz als Zivilistin June Havens in seinen Bannkreis und einen wüsten Agentenkrieg gezogen wird. Sie verfällt ihm nicht nur mit Haut und Haaren, sie wächst auch zu einer annähernd gleichwertigen Partnerin heran, die den Spieß im Epilog des Films schließlich herumdreht.

Wie schon häufiger geschrieben, fußt der romantische Agentenfilm nicht zuletzt auf der Idee, dass Liebe die Fortsetzung der Spionage mit anderen Mitteln ist. Auch in der Liebe und den ihr vorangehenden Balzritualen geht es darum, den anderen zu verführen, ihm etwas vorzuspielen oder auch Details zu verheimlichen. Man benutzt Tricks, um sich attraktiver erscheinen zu lassen, manchmal lügt man vielleicht sogar und wenn man etwas offenbart, sucht man dafür stets einen taktisch klugen Zeitpunkt. Mangold treibt diese Idee auf die Spitze muss die beinahe magnetische Anziehungskraft seiner Hauptfiguren dank der überirdisch scheinenden Attraktivität seiner Stars gar nicht erst lang einführen. Vor allem die erste Hälfte des Films ist ein Gedicht, unschlagbar im Timing, witzig, geistreich und spritzig – also eigentlich ganz anders, als man es von einer solchen millionenschweren Unternehmung erwartet. Auch die Actioneinlagen sind fulminant, bisweilen grotesk übertrieben, aber immer mit dem tänzerische Aspekt im Hinterkopf. Und Cruise hat ganz offenkundig Riesenspaß daran, sich über sein eigenes Superman-Image lustig zu machen.

Aber wenn ich auf seine Partnerin zu sprechen komme, bedeutet das auch, über die Kehrseite der Medaille zu sprechen. Cameron Diaz ist gut, das ist es nicht, aber für sie bleibt in diesem Film bis zum Ende die ziemlich undankbare Rolle der hilflosen, ganz auf den makellosen Kerl an ihrer Seite angewiesenen damsel in distress. Gleich zwei oder sogar dreimal wird sie von Miller betäubt, um ihm nicht weiter zur Last zu fallen bzw. geschützt zu werden und wenn sie sich dann einmal wehrt oder beweist, folgt sofort die Validation durch ihn. Sie ist so verknallt in ihn, dass sie sich kaum noch über etwas anderes definieren kann. Der Film ist sich dieser problematischen Rollenverteilung durchaus bewusst, aber anstatt sie aufzubrechen oder diese Tatsache auch nur zu kommentiere, bestärkt er sie. Ich hatte bisweilen den Eindruck, Mangold sehne sich nach einer Zeit zurück, in der eine Frau den Mann noch hemmungslos anhimmeln konnte und damit vollkommen ausgelastet war. Der Schlussgag deutet wie oben erwähnt an, dass June den Spieß herumdreht, aber das ist eher ein Gag als eine wirkliche Kehrtwende hin zu einer gleichberechtigten Beziehung. June findet es, glaube ich, ganz cool, dass sie einen Ritter an der Seite hat, der sie auffängt, wenn sie einen Ohnmachtsanfall erleidet.

Erstsichtung – und was für eine! Keine Ahnung, warum ich erst jetzt auf RISKY BUSINESS aufmerksam geworden bin. Ich wusste von seiner Existenz, kannte natürlich die ikonische Tanzszene mit Tom Cruise in Unterhose, aber hatte darüber hinaus wirklich keine Ahnung, worum es geht und wie großartig böse dieser Film ist. Der Eintrag im Buch „Teen Movie Hell“ (sorry, das spielt derzeit einfach eine ziemlich große Rolle in meinem Leben) machte mir klar, dass ich RISKY BUSINESS dringend nachholen muss und die Sichtung hat mich dann auch kein Stück enttäuscht. Paul Brickman hat hier eine pechschwarze Abrechnung mit Yuppietum und Kapitalismus vorgelegt und das zu einem Zeitpunkt, als die Achtzigerjahre eigentlich noch in den Kinderschuhen steckten. Anscheinend ahnte er, dass er diese Leistung nicht mehr würde tappen können: Erst sieben Jahre später, nämlich 1990, erschien sein Zweitlingswerk MEN DON’T LEAVE, der bis heute sein letzter Spielfilm bleiben sollte.

RISKY BUSINESS beginnt zunächst einmal wie deine typische Teeniekomödie, mit einem an der Schwelle zum Erwachsenwerden stehenden Jungmann, der keine größere Sorge hat, als endlich seine Jungfräulichkeit zu verlieren. Der Verlauf ist prototypisch: Seine Kumpels (u. a. Curtis Armstrong und Bronson Pinchot) sticheln und stacheln ihn an, endlich Nägel mit Köpfen zu machen, verkuppeln ihn dann, als seine strengen reichen Eltern für ein paar Tage weg sind, mit einer Prostituierten, die sich als Mann in Frauenkleidern entpuppt, ihm aber immerhin den Kontakt zu der heißen Lana (Rebecca de Mornay) zusteckt. Bei der stößt sich Joel dann zwar die Hörner ab, doch damit beginnt erst der Ärger. Und für den Zuschauer eine ziemliche Achterbahnfahrt voller unerwarteter Wendungen. Am Ende ist Joel tatsächlich erwachsen geworden: Er hat alle sich vor ihm auftürmenden Herausforderungen gemeistert, er ist nicht von den Eltern erwischt, dafür aber vom Prestige-College Princeton aufgenommen worden, für seine „Unternehmertalente“, die er sich mit welcher Tätigkeit erworben hat? Richtig, als Zuhälter.

Ich schätze mal, dass RISKY BUSINESS von seinem Publikum damals weitestgehend unkritisch rezipiert wurde, gewissermaßen als filmische Erfüllung der eigenen unerfüllten Jugend- bzw. Jungs-Fantasien: Protagonist Joel steigt vom Waschlappen zum Entrepreneur mit superscharfer Freundin auf, darf unwiderstehlich cool über den Rand der Ray-Ban grinsen und die Geldscheine zählen, vor allem aber den erwachsenen Spießern den virtuellen Stinkefinger zeigen und wird dafür dann sogar noch gefeiert. Kein Zweifel: Dieser Joel hat es voll drauf und wird von Tom Cruise zu Beginn seiner Jahrhundertkarriere geradezu perfekt verkörpert. Hätte es Cruise nicht gegeben, man hätte ihn für RISKY BUSINESS erfinden müssen, denn er geht mit seinem Filmcharakter eine untrennbare Symbiose ein. Den Wandel vom Kind, das nicht viel hat, außer diesem Gewinnerlächeln, und in Socken und Unterhosen zu Bob Segers Republikanerrock über Parkett rutscht, zum selbstbewussten Schnösel ohne Skrupel bewältigt Cruise jedenfalls mit genau jener eiskalten Professionalität, die ihn seit über 30 Jahren zum alterslosen Kassenmagneten macht. RISKY BUSINESS erzählt auch von einer Art faustischem Pakt, nur dass es hier keines Mephistopheles mehr bedarf: Sex und Geld regieren, letzteres hilft erheblich dabei, ersteres zu bekommen, und ersteres kann dazu eingesetzt werden, letzteres zu vermehren, ein ewiger Kreislauf, der sich immer schneller dreht und immer geiler macht. Die Welt in Brickmans Film ist geradezu beängstigend einseitig, kalt und oberflächlich, aber niemand ist in der Lage oder auch nur bereit, sich in Distanz zu ihr zu positionieren. Alle machen sie mit, sogar der Hüter der vermeintlich intellektuellen Sphäre: Man meint, Princeton knallt die Pforten zu, als der Abgesandte Joel in seinem zum Luxusbordell umfunktionierten Elternhaus besucht, aber der nutzt die sich bietende Gelegenheit und dankt Joel die Dienstleistung auf exakt jene Weise, mit der auch Politiker an ihre Pöstchen kommen. Eine Hand wäscht die andere, scheiß was auf die Moral. Geld stinkt nicht und die Nutten sind auch alle frisch gewaschen, aus dem oberen Regalbrett sozusagen.

Die Achtziger sind lange her, die Mode hat sich weiter- und dann wieder zurückentwickelt, die Kokainpreise sind gestiegen und haben den Siegeszug anderer Designerdrogen begünstigt. Die Börsenkurse haben den ein oder anderen Crash hingelegt und sich wieder erholt. Nur Bob Sieger hört hoffentlich kein Schwein mehr. Trotzdem ist es ziemlich gruselig, wenn man sieht, dass sich an der in RISKY BUSINESS bloßgelegten neoliberal-kapitalistischen Denke eigentlich nichts geändert hat. Letzten Endes wollen wir alle ein geiles Leben, ein geiles Leben kostet Geld und mit „ehrlicher“ Arbeit und Prinzipientreue ist das halt nicht zu bekommen. Oder es ist zu anstrengend und dauert zu lang. Also schmeißt man alles über Bord und freut sich, wenn die Rechnung aufgeht. Mit dem Stapel Geldscheine in der Tasche ist man plötzlich wer, auch wenn die Nutten die ganze Arbeit gemacht haben. Man weiß genau, wohin Joels Weg führen wird: In ein topmodernes Büro in der oberen Etage eines Wolkenkratzers, wo er den ganzen Tag am Telefon hängt, virtuelle Geldbeträge von A nach B verschiebt, sich von der Sekretärin unter dem Schreibtisch einen blasen lässt und auf der Marmorplatte des Manager-WCs eine Line zieht, nachdem er das in der Mittagspause mit den Großkotzkollegen eingenommene Angeberessen ausgeschissen hat. Das eigentlich Schlimme: Genau wie seine Kumpels weiß er natürlich, dass das alles eigentlich nicht funktionieren dürfte und sollte, er hasst diese Oberflächlichkeit und die Tatsache, dass er alles aufgegeben hat, aber er fügt sich. „What the fuck?“ eben. Nicht zu viele Gedanken machen.

RISKY BUSINESS ist ein richtig geiler Film, nicht nur für Eighties-Fetischisten, aber für die natürlich ganz besonders. Nächtliche Autofahrten, Tangerine Dream, dieses kaum wahrnehmbare Augenblinzeln hinter dem Glas der Sonnenbrille. Heißkalt, wie Fieber im Hochsommer.

 

 

Die Highschool-Buddies Woody (Tom Cruise), Spider (John Stockwell) und Dave (Jackie Earle Haley) haben für das Wochenende den Trip ihres Lebens geplant: In Tijuana, dem Sündenbabel kurz hinter der mexikanischen Grenze, wollen sie sich ins Nachtleben stürzen und es so richtig krachen lassen. Die erste Hürde gilt es schon vor der Abfahrt zu nehmen, denn ihr Finanzier fällt aus und so müssen die Jungs wohl oder übel Daves kleinen Bruder Wendell (John P. Navin jr.) mitnehmen, der immer Bares in der Tasche hat. Auf dem Weg gabeln die Vergnügungssüchtigen dann auch noch Kathy (Shelley Long) auf, die sich in Mexiko von ihrem Ehemann scheiden lassen will. Im Nachtleben von Tijuana werden die Freunde dann getrennt und müssen sich mit gehörnten Mexikanern, korrupten Polizisten und schlagkräftigen US Marines herumärgern …

LOSIN‘ IT verdankt seine Prominenz nicht zuletzt der Tatsache, dass Tom Cruise hier sein allererstes Top Billing erhielt. Der spätere Superstar bildet als sensibler Träumer Woody zwar das romantische Herz des Films, aber im Gedächtnis bleibt vor allem Jackie Earle Haley, der den mit Abstand saftigsten Part des Jungdarsteller-Trios abbekommen hat. Sein Dave ist bekennender Sinatra-Fan mit passendem, schief sitzendem Hütchen und gefällt sich in der Rolle des mit allen Wassern gewaschenen, welterfahrenen Ladies‘ Man – der in Wahrheit aber weder von Tuten noch von Blasen Ahnung hat. Stockwell spielt hingegen den kampferprobten Jock der Clique, der seine Lektion dann in einer schäbigen mexikanischen Gefängniszelle  lernen muss, während der Softie Woody die erfahrene Kathy verführt – oder von ihr verführt wird. Die von Curtis Hanson inszenierte Komödie spielt im Jahre 1965 und profitiert vom Zeit- und Lokalkolorit: DoP Gilbert Taylor (u. a. REPULSION, FRENZY, STAR WARS, THE OMEN und FLASH GORDON) beweist seine Klasse und stilisiert das nächtliche Tijuana zu einem fast mythischen Ort, der mit seinen bunten Lichtern, den fantasievollen Dekorationen der Ladenlokale und dem ameisenhaften Gewusel auf den Straßen all das verkörpert, was die jungen Helden sich erträumt haben. Sogar den Auftritt des obligatorischen Esels gibt es, auch wenn der nicht zum Einsatz kommt – das gab das Rating dann doch nicht her.

Das ist dann auch das kleine Problem des ansonsten sehr unterhaltsamen Films: Er schöpft sein Potenzial nicht ganz aus. Hinter der Geschichte um drei Jungs aus einem der reichsten Länder der Welt, die mit ihren Dollars in einem der ärmeren einfallen, um sich dort wie die Wildsäue zu benehmen, verbirgt sich ja auch eine bittere Abrechnung mit den Baby Boomers bzw. deren Eltern, die aber zugunsten eines munteren Jugendabenteuers vernachlässigt wird. Manchmal bricht sie durch, etwa in der Konfrontation mit dem mexikanischen Gesetzeshüter, der voller Neid das teure Auto bestaunt, mit dem die Dreikäsehochs da unterwegs sind. Wie sehr die Jungs bereits in jungen Jahren verinnerlicht haben, welche Macht mit ihrem amerikanischen Geld einhergeht und dass die „Armen“ immer auch käuflich sind, zeigt sich, als sie dem Polizisten wie selbstverständlich Geld anbieten, um sich seines Wohlwollens zu versichern. Er weist sie dann sehr sachlich darauf hin, dass sie trotzdem ein kaputtes Bremslicht haben. Im Puff werden die Machtverhältnisse dann umgekehrt, die notgeilen Männer unten mit den üppigen Senoritas geködert und oben dann von traurigen, desillusionierten Kettenraucherinnen abgefertigt. Die Betreiber wissen natürlich: Wenn die Freier einmal die Treppe erklommen haben, geht die Bereitschaft, wieder umzukehren, gegen null. Im US-amerikanischen Puritanismus liegt auch eine Chance für die mexikanische Wirtschaft; Wenn sie den Amis einfach all das versprechen, was sie zu Hause nie bekommen, sind die schon mit der Hälfte davon zufrieden. Ob Woody und seine beiden Freunde diesen Mechanismus durchschaut und ihre Rolle als Kulturimperialisten begrifen haben, darf bezweifelt werden. Dass sie trotzdem geläutert nach Hause kommen, liegt einfach daran, dass Reisen nun einmal bildet.

Der legendäre Bourbon Club auf dem Sunset Strip steht vor dem Aus: Die Betreiber Dennis Dupree (Alec Baldwin) und Loy (Russell Brand) haben zwar den Spirit, aber nicht unbedingt das wirtschatliche Geschick. Dazu kommt die Kampagne der Politikergattin Patricia Whitmore (Catherine Zeta-Jones), der der Tempel der Ausschweifung ein Dorn im Auge ist und die sich einen sauberen Sunset Strip wünscht, während ihr Gatte (Bryan Cranston) sich mit seiner Sekretärin in SM-Spielchen auslebt. Wie sich später herausstellt, ist Whitmores eigentlicher Beweggrund Rache: Der Rockstar Stacee Jaxx (Tom Cruise) ließ das ehemalige Groupie einst fallen wie eine heiße Kartoffel.

Es war eigentlich zu erwarten, dass ROCK OF AGES hinsichtlich seiner Pro-Fun-Anti-Gentrifzierungs-Message ein Wolf im Schafspelz ist. Denn das Bild von Rock’n’Roll-Exzess, das er zeichnet, ist ebenso glattgebügelt wie der von AOR-Schmalz durchsetzte, musicalesk aufbereitete Hardrock-Soundtrack: Julianne Hough und Diego Boneta, die nominellen Hauptdarsteller, sehen aus, als seien sie geradewegs dem Disney-Club entsprungen, die Partys im Bourbon-Club sind zwar wild, aber immer harmlos, ziehen noch nicht einmal einen Kater nach sich, der Sex ist PG-13 und Tom Cruise, der als ausgewaschener Rockstar eine Läuterung erfahren darf, natürlich viel zu sehr auf Wahrung seines Images bedacht, als dass er seine Karikatur jemals wirklich dahin gehen ließe, wo es weh tut. Seine Darbietung macht Spaß, aber es handelt sich um eine jener Gimmick-Rollen, die seine Filmografie jenseits der großen Starvehikel seit MAGNOLIA durchsetzen und die man mittlerweile wunderbar einsortieren kann. Wer sehen will, wie jämmerlich Rocker im Suff sind, muss weiterhin zu Penelope Spheeris THE DECLINE OF THE WESTERN CIVILIZATION PART 2: THE METAL YEARS greifen. Diese Tendenz zieht sich durch den ganzen Film: Wenn Sherries (Julianne Hough) Träume von der großen Sangeskarriere sie auch ins Rotlichtmilieu führen, so landet sie doch wenigstens im Luxus-Etablissement der divenhaften Justice (Mary J. Blige), wo sie zwar an der Stange tanzen, aber sich nicht ausziehen muss. Dass ihr Love Interest, der aufstrebende Musiker Drew (Diego Boneta) vom dubiosen Agenten (Paul Giamatti) in eine Boyband und lachhafte Klamotten gesteckt wird, spielt der Film jedenfalls als die deutlich größere Demütigung aus.

So sehr man dem Film diese Tendenzen vorwerfen kann und muss, sie kommen alles andere als überraschend – und ändern auch nichts daran, dass die ganze Angelegenheit durchaus amüsant (wenn auch gut 20 Minuten zulang) ist, wenn man mit der Musik etwas anfangen kann. Und dass ich einer der wenigen lebenden Apologeten des als solchem verunglimpften „Hair Metals“ bin, muss ich wahrscheinlich nicht sagen. Es geht hier ja nicht darum, eine Szene authentisch abzubilden, ROCK OF AGES ist kein Period Piece und schon gar kein Dokumentarfilm – die Songs decken das ganze Jahrzehnt ab, reichen von ca. 1981 (Foreigners „Juke Box Hero“ und Journeys „Don’t stop believing“) bis 1989 (Warrants „Heaven“). Auch wenn er von sich behauptet, in den Achtzigerjahren, dem „goldenen Zeitalter der Rockmusik“ (waren das nicht die Siebziger?) zu spielen und einige Aspekte des Films dies unterstreichen, sind sein Look und Feel ohne Zweifel gegenwärtig. Kein Wunder: ROCK OF AGES ist ganz und gar der Nostalgie verpflichtet, also nicht so sehr der Zeit, in der er angeblich spielt, sondern der idealisierten Erinnerung an diese Zeit. Der Märchenplot tut sein Übriges. Die Zuschauer, die in ihrer Jugend Alben von Def Leppard kauften und zu Poisons „Nothin‘ but a good time“ feierten, sind heute in den Vierzigern und Fünfzigern und führen vermutlich ein ruhiges Familienleben. L.A. und den Strip haben die wenigsten von ihnen in dieser Zeit erlebt, und selbst wenn, liegt diese Zeit mittlerweile 30 Jahre in der Vergangenheit. Hardrock und Glam Metal sind tot, führen in den USA vielleicht auf Classic-Rock-Radiostationen noch ein zombiehaftes Dasein, wo sie mit AOR und Seventies-Rock vermischt werden.

ROCK OF AGES gelingt es, diese Nostalgie noch einmal zu befeuern, was im Wesentlichen an den lebhaften Leistungen der Darsteller und der Ballung von bekannten Hits liegt: Höhepunkt ist ganz sicher die Sexszene zwischen Cruise und Malin Akermans Rolling-Stone-Reporterin zu Foreigners „I wanna know what love is“. Was er enttäuschenderweise versäumt – ja, was er gar nicht anstrebt -, ist es, den Wert dieser Musik hervorzuheben, zu zeigen, was vielleicht verlorenging, als sie in den frühen Neunzigern vom Alternative Rock hinweggespült wurde. Diesen nackten, harmlosen Fun, den Verzicht auf jede Prätention darf man durchaus vermissen, das damals als Posertum verlachte Aufbrezeln seiner Protagonisten kann man heute gar als progressiv und wegweisend bezeichnen. Progressiv ist ROCK OF AGES ganz und gar nicht. Wenn der eine homosexuelle Beziehung seiner beiden Rock-Machos Dennis und Lonny andeutet, ist das zwar – Baldwin und Brand sei Dank – ganz putzig, aber die dahinterstehende Gesinnung ist erstaunlich spießig: Haha, die beiden sind ja schwul! Da war das Cover von Poisons Debütalbum „Look what the cat dragged in“ mutiger.

Die Widersprüchlichkeiten des Films liegen, das muss man fairerweise einräumen, auch in der Musik und der Szene, der sie entsprang, begründet: Viele Lyrics aus der Zeit muten heute sexistisch und dumpf an, und der rebellisch-hedonistische Gestus war in Verbindung mit den schrillen Outfits irgendwann auch nur noch eine Masche, ein Marketing-Vehikel, das die großen Major Labels geschickt bedienten, so lange die Nachfrage danach herrschte. Dass der Lebensstil der größten Stars dieser Zeit nach dem AIDS-Schock ein Anachronismus war, sich altersbedingt irgendwann eh nicht länger hätte aufrechterhalten lassen, steht ebenfalls außer Frage. Aber ROCK OF AGES blendet das alles aus. Das ist wohl auch seiner Bühnenherkunft geschuldet: Das zugrundeliegende Musical sollte in erster Linie eine Party sein, den Zuschauern eine Art Throwback in die eigene Jugend samt passendem Greatest-Hits-Soundtrack liefern. Wahrscheinlich haben sich die wenigsten von ihnen darüber hinaus mit der Musik beschäftigt. Sie bekommen auch mit dem Film eine ganz gute Packung. Nothin‘ but a goood time. Ich fühle mich mit meiner Liebe zu diesem Sound nur bedingt repräsentiert.

DAYS OF THUNDER ist ein ausgesucht dummer Film. Es ist ein Männerfilm, für den man sich als Mann schämen muss. Alle Männer im Film sind Idioten. Mehr noch, alle Männer im Film glauben, es sei ihr verbrieftes Recht, sich wie Idioten zu benehmen. Es gibt keinen nennenswerten Reifeprozess, für keinen der Charaktere. DAYS OF THUNDER sieht, wie fast alles von Tony Scott, geil aus, aber es ist trotzdem schmerzhaft, ihn sich anzusehen. Wenn jemand diese Hirnies als geeignete Identifikationsfiguren ansieht, was für ein Weltbild hat diese Person? (Vom Frauenbild mal ganz zu schweigen.)

Hinter DAYS OF THUNDER steckt natürlich mastermind Don Simpson. Mit TOP GUN hatte er sich, im Team mit Tony Scott und Tom Cruise, eine goldene Nase verdient, in die er sich dann eine Pipeline nach Kolumbien legen ließ, aus der auch Robert Towne, Drehbuchautor extraordinaire der Siebziger, häufiger naschte, was sein Script erklärt. Als Simpson das ideelle Sequel um ein paar Nascar-Racer auf die Straße brachte, war der verbliebene Rest seines Hirns wahrscheinlich bereits in die Eier gerutscht. Oder die Eier nach oben, keine Ahnung. Die Idee ist natürlich super: Die bunten Rennautos knallen gut rein, vor allem unter diesen Tony-Scott-Himmeln, und dass Autorennen durchaus geeigneten Stoff für die große Leinwand hergeben, hatten in der Vergangenheit schon mehrere bewiesen – man denke etwa an LE MANS. An den philosophisch-impressionistischen Dimensionen des Sports ist Simpson aber leider nicht interessiert, DAYS OF THUNDER ist eine Huldigung an den leeren Materialismus und das Privileg der Männer, sich auch im Alter noch wie verwöhnte Blagen zu benehmen.

Tom Cruise ist Cole Trickle (alle Rennfahrer im Film haben bescheuerte Namen), ein namenloser Rennfahrer, der unter der Anleitung des Veteranen Harry Hogge (Robert Duvall), dem neuen Rennstall von Manager Tim Daland (Randy Quaid) zu Ruhm und Erfolg verhelfen soll. Cole fährt im Training wie ein besessener, unterbietet gleich mal die Zeit des amtierenden Champions Rowdy Burns (Michael Rooker), damit den Grundstein für eine erbitterte Rivalität legend, die sich später in eine echte Männerfreundschaft verwandeln wird. Aber Trickle hat ein Problem: Nicht nur ist er ein Heißsporn, er hat auch von Autos keine Ahnung und muss erst langsam an die Details des Rennsports herangeführt werden, die über Erfolg und Misserfolg entscheiden. Seinem Aufstieg an die Spitze steht danach nichts mehr im Wege, bis er in einen schweren Unfall mit Rowdy verwickelt wird.

Zunächst mal: Ich habe ja wirklich ein Faible für Tom Cruise, aber sein Cole Trickle gerät dank seines Spiels zu einem unangenehmen Fatzke, der eine schwere Bürde für DAYS OF THUNDER ist. Wer will schon mit einem unreifen Schönling mitfiebern, der immer gleich beleidigt ist, wenn man ihm mal die Meinung sagt? In einer der bescheuertsten Szenen des Films liefert er sich ein lebensgefährliches Autorennen mit einem Taxifahrer, bloß weil der es gewagt hatte, ihn anzuhupen. Und seinen Rivalen, den arroganten Schmierlappen Russ Wheeler (Cary Elwes), rammt er einmal auf dessen Ehrenrunde, womit er gleich zwei Autos ruiniert. Dieses Verhalten wäre wirklich nur zu entschuldigen, wenn Trickle nicht gleichzeitig so ein unerträgliches Weichei wäre. Ein Großteil des Films dreht sich um seine Ängste, nach dem Unfall wieder in einen Rennwagen zu steigen, und alle umsorgen diesen Dummkopf, dessen einzige positive Eigenschaft es ist, sehr gut autofahren zu können. Vor allem Harry macht sich mit seiner väterlichen Fürsorge in einer Tour zum Affen, niemals schlimmer, als in der Szene, in der er die Ärztin Claire Lewicki (Nicole Kidman), die Trickle behandelt, um Verzeihung bittet, weil sein Protegé sie zuvor für eine Stripperin gehalten hatte. Klar, eine gutaussehende und intelligente Frau, das sprengt Trickles Vorstellungskraft. Man kann es ihm nicht recht verübeln, denn Townes Script kennt außer ihr tatsächlich nur Stripperinnen oder brave Eheweiber, die dem Ehemann mit Quäkstimme hohle Stichworte zuwerfen und dafür Schweigen ernten.

Positiv im Gedächtnis bleiben demnach ausschließlich Bilder, sobald „Menschen“ den Mund aufmachen, wird es haarsträubend doof, was zugegebenermaßen durch die deutsche Synchro noch erheblich verstärkt wird. Zur Ehrenrettung der vielen begabten Sprecher muss man sagen, dass es wahrscheinlich eine extrem undankbare Aufgabe war, diese Knalltüten auch nur halbwegs normal erscheinen zu lassen. Vielleicht muss man ihre Leistung sogar ausdrücklich loben, weil sie ans Tageslicht geholt haben, was im Orginal verborgen blieb. Andererseits: Schaut man sich die Rezeption an, die DAYS OF THUNDER erfahren hat, haben die meisten Zuschauer sehr klar gesehen. Somit gibt es nur ein Fazit: Tony Scotts Rennfahrerfilm ist ein Monument männlicher Minderbemittelheit.