Mit ‘Tom Shankland’ getaggte Beiträge

Beim Fantasy Filmfest 2007 (so lang ist das schon her?) zählte WΔZ zu meinen Favoriten. Die Sichtungssituation trug dabei nicht unwesentlich zum Erfolg des Films bei: Ich erwartete wenig, um nicht zu sagen nichts von Shanklands Debüt, doch in der späten Schiene nach einem vollgepackten Filmtag traf er mich mit der massigen Wucht eines ins Kreuz geworfenen Kantholzes. Ich war leicht übermüdet, hatte gegen den Schlaf anzukämpfen und wurde vom brachialen Sounddesign des Films – nuschelig-leise eingesprochene Dialoge werden von übersteuert-lauten Geräuschen zerrissen – immer wieder brutal daran gehindert einzunicken. Den Details des Plots konnte ich mangels Untertiteln nur bedingt folgen, aber wichtiger war eh die Vision einer Welt, die nur noch von einem alles verschlingenden Feuer gerettet werden kann – oder vom Liebesopfer eines Märtyrers. WΔZ ist ganz eindeutig ein später Nachzieher von Finchers SE7EN, aber er treibt der schon düsteren Vorlage auch noch den letzten Rest an Hollywood-Konvention aus und gibt den Blick frei auf die sprichwörtliche Hölle auf Erden.

Cop Eddie Argo (Stellan Skarsgård) ermittelt mit seiner Partnerin Helen Westcott (Melissa George) in einer bizarren Mordserie: Es werden immer zwei meist über eine emotionale Bindung zueinander verfügende Menschen tot aufgefunden, einer von ihnen jeweils brutal verstümmelt und mit verbrannter Zeigefingerkuppe, der andere durch Stromstöße umgekommen und die mathematische Formel „WΔZ“ in den Leib geritzt. Ein Verhaltensforscher erklärt, dass es sich dabei um die Price-Gleichung handelt, die – verkürzt gesagt – (tierischen) Altruismus als genetisch prädisponiert zeigt. Offensichtlich versucht der Täter die Gleichung auch für den Menschen zu belegen: Er foltert dazu eines seiner Opfer solange, bis dieses sich seine Verschonung und sein Leben durch den Mord des geliebten Gegenübers sichert oder aber selbst stirbt. Hinter dem grausamen Experment steckt das Vergewaltigungsopfer Jean Lerner (Selma Blair), die ihren Schändern einst selbst den Tod der Mutter befahl, um sich selbst zu retten. Ermittelnder Beamter im damaligen Fall war niemand geringerer als Eddie Argo …

Meine unmittelbare Reaktion nach dem Ende von WΔZ waren die Worte „Was für ein Brett“. Tatsächlich ist Shanklands Film nicht nur unglaublich düster und brutal, sondern auch wahnsinning dicht und druckvoll inszeniert. Triste Ansichten urbanen Verfalls bestimmen das Bild, Dunkelheit, Schmutz und Schuld sind nicht mehr wegzuwaschen. Wie ein Schlafwandler schlurft Argo durch den Fall, seine Arbeit hat jeden falschen Enthusiasmus längst getilgt. Die Menschen, die ihm begegnen, sind Treibgut der Nacht, Verlorene, Junkies, Kleinkriminelle, Mörder, Stricher und Huren, die sich wie Geister durchs Limbo treiben lassen. Der totale Nihilismus wird zwar am Ende aufgelöst, im verkarsteten Herzen von WΔZ haust ein verbliebener Kern des Humanismus, doch nimmt sich sein mattes Glimmen gegenüber der alles erstickenden Hoffnungslosigkeit geradezu lächerlich aus. Argos finales Liebesopfer rettet die Mörderin Lerner vor dem totalen transzendentalen Niedergang, aber seine Tat muss in einer dem Untergang geweihten Welt singulär bleiben.

Shankland inszeniert seine Serienkiller-Geschichte als universelle Untergangsparabel. Sein Film spielt in New York, aber erst ganz zum Schluss erkennt man in einigen Totalen die typischen Landmarks, die helfen, das Geschehen zu verorten. Und dann wirkt es weniger gewollt, als vielmehr so, als habe es sich nicht vermeiden lassen. Es ist nicht zuletzt auch die bestimmt nicht zufällig interationale Besetzung – der Schwede Skarsgård, der Brite Tom Hardy, die Australierin Melissa George, die Amerikanerin Selma Blair – die jede konkrete geografische Zuschreibung erschwert. In seiner trostlosen Zeichnung städtischer Tristesse erinnert WΔZ an den britischen sozialen Realismus (wie real dieser „Realismus“ ist, sei dahingestellt), doch keinerlei Dialekt oder sprachlicher Verweis deutet auf den Schauplatz hin, alles bleibt vage, allgemeingültig. WΔZ ist reiner Kafka, kurzgeschlossen mit der frappierenden Nüchternheit Celines. Hier werden keine konkreten, irgendwie „sozialen“ Missstände mehr verhandelt, sondern der Status quo menschlichen Daseins per se. Das ist es, mehr als jeder grafische oder formaler Angriff, der WΔZ zu einem gleichermaßen niederschmetternden wie faszinierenden Erlebnis machen: Seiner Vision kann man nicht entfliehen, sie ist total.

thechildren_posterWeihnachten, die Zeit der Liebe. Zwei Familien – die Ehefrauen miteinander verschwistert – feiern gemeinsam in einem luxuriösen Landhaus. Die besinnliche Stimmung wird aber schon bald durch die vier Kleinkinder gestört, die erst noch normal störrisch und quengelig, dann irgendwann aber handgreiflich werden. Die Situation eskaliert schließlich, als einer der beiden Ehemänner mit aufgeplatztem Schädel im Schnee verendet. Teenie-Mädel Casey (Hannah Tointon) ahnt, das irgendetwas mit den Blagen nicht stimmt, aber als Schwarzes Schaf der Familie hat sie einen schlechten Stand …

Tom Shankland hatte vor zwei Jahren mit WAZ einen der Überraschungshits auf dem Fantasy Filmfest gelandet. Zumindest für mich hat THE CHILDREN das Zeug dazu, diesen Erfolg zu wiederholen. Die bekannte Geschichte um die mörderischen Kinder (man denke an VILLAGE OF THE DAMNED, QUIÈN PUEDE MATAR A UN NINO, DEVIL TIMES FIVE oder die zahlreichen Besessenheitsfilme mit kulleräugigen Satansbraten) wird durch Shanklands Inszenierung, die alle Möglichkeiten, die Bild, Ton und Schnitt bieten, ausreizt, zum enervierenden Nägelkauer. Dass er die Ursache des infantilen Blutrauschs offen lässt und mehrere in unterschiedliche Richtungen weisende Hinweise gibt, macht den Film auch in der Nachbetrachung noch spannend: Handelt es sich um eine Virusinfektion oder doch nur die Rache für die elterliche (Fehl-)Erziehung?

Die Kinder, durch das parallelisierende Baum- und Waldmotiv als unergründliche Natur apostrophiert, bleiben für die Eltern trotz aller vorgeschützen Liebesbekundungen und Ambitionen stets unbekannte Wesen. Von Verständnis geprägte Dialoge zwischen den beiden Parteien gibt es überhaupt gar nicht, die Eltern wenden sich an ihre Kinder entweder mit Befehlen, Mahnungen oder Anweisungen, und von denen ist wiederum nur markerschütterndes Geschrei zu hören. Die Versuche, das Verhalten der Kinder mit „Sternchen“ zu entlohnen, sind Ausdruck der Hilflosigkeit der Eltern und Symbol für den langen Arm der Leistungsgesellschaft, der schon bis ins Kinderzimmer reicht.

Shankland hält den Druck konstant hoch, verzerrt selbst Szenen des ganz normalen Familienwahnsinns zur Horrorvision. Für einen werdenden Vater wirft THE CHILDREN eine ganze Reihe unangenehmer Fragen auf, die jedoch niemals beantwortet werden. So muss der Charakter der Casey – als Teenagerin zwischen den Parteien stehend – als zentrales Mysterium betrachtet werden. Ist sie wirklich die Unschuldige in dem ganzen Treiben oder haben die Kinder sie doch schon frühzeitig unter ihre Kontrolle gebracht? Die Antwort darf sich jeder Betrachter selbst geben. Ich freue mich schon unbändig auf die DVD. Klasse!