Mit ‘Tomas Alfredson’ getaggte Beiträge

Um den Text zu diesem Film drücke ich mich jetzt seit einigen Tagen. Das hat etwas mit der derzeit herrschenden Hitze zu tun, die jede kontemplative Tätigkeit zu einem wenig befriedigenden Unternehmen macht, aber auch damit, dass ich nicht so recht weiß, wie ich TINKER TAILOR SOLDIER SPY anfassen soll. Auf Facebook habe ich mich via Verweis auf Rajko Burchardt zum Urteil „Meisterwerk“ hinreißen lassen – blöderweise noch bevor ich den Film tatsächlich zu Ende gesehen hatte. Nicht, dass ich ihn nicht immer noch ausgezeichnet fände; aber die ganz große Begeisterung, die die erste Dreiviertelstunde bei mir ausgelöst hatte, ist durch das leicht erklärbärige letzte Drittel des Films etwas abgeschwächt worden. TINKER TAILOR SOLDIER SPY ist klassisches Erzählkino. Darin ist er zwar weitaus besser, weil subtiler, geschmackvoller und stilsicherer, als andere Filme dieses eher konservativen Schlags, aber leider lässt er den Mut, dramaturgische Zwänge und narrative Klischees zugunsten einer neuen, befreiteren Perspektive aufzugeben, den er zunächst noch aufbringt, am Ende vermissen.

TINKER TAILOR SOLDIER SPY ist ein in den Siebzgerjahren – mitten im Kalten Krieg also – angesiedelter Agentenfilm. Er handelt von britischen Geheimagenten, von ihren Versuchen, Informationen über die Unternehmungen der Russen zu gewinnen, um mit diesen Informationen wiederum die Amerikaner zu ködern. Und er handelt von den sich unweigerlich einstellenden Problemen: von Doppelagenten, gescheiterten Missionen, unbekannten Maulwürfen, Deserteuren und Verrätern, von Akten, angeblichen – möglicherweise gefälschten? – Beweisen und Verhören, von strategischen Täuschungsmanövern, internen Machtkämpfen, persönlichen Eitelkeiten und Karriereplänen. Und letztlich von einer enorm paranoiden, klaustrophobischen Zeit, in der Menschen ihre Identität für ein abstraktes Konzept von Staat, Nation und den damit assoziierten Werten vollkommen aufgaben – und damit anscheinend sogar glücklich waren. Anscheinend.

Tomas Alfredson, der zuvor den tollen LÅT DEN RÄTTE KOMMA IN gedreht hatte, eine unterkühlte skandinavische Alternative zum etwas später zu Popularität gelangten TWILIGHT-Franchise, fängt in graubraunen Bildern die Tristesse eines Jobs ein, der sonst üblicherweise in schillernden Farben gezeichnet wird. Die Bondfilme und ihre Epigonen stilisierten den Geheimagenten zum mondänen, virilen Superhelden im feinen Zwirn, der Superschurken mit Weltbeherrschungsfantasien zur Strecke bringt und dazu exotische Schauplätze bereist, an denen ihn alkoholische Drinks en masse und willige Frauen mit Luxuskörpern erwarten. Aber selbst in der etwas realistischeren Variante ist er immer noch ein fescher Kerl mit Superausbildung, sein Job ein Abenteuer weit jenseits dessen, was man sich als „Alltag“ vorstellt. In TINKER TAILOR SOLDIER SPY hingegen streiten sich ältere Herren mit angegrauten Haaren und eingefallenen Gesichtszügen in tristen Büros darüber, welcher Information man wieviel Glauben beimessen sollte. Sie schicken Männer für Daten in den Tod, deren Inhalt sich dem Zugriff entzieht. Und die Spione, die in Istanbul, Budapest, Paris oder Moskau eingesetzt werden, sind die unzuverlässigen Sonderlinge, immer in Gefahr, bei einem lukrativen Angebot zum Überläufer zu werden: die Lohnarbeiter des Geheimdienstes. Seine Seele wohnt in einem unscheinbaren, als Lagerhau getarnten Gebäude und die Gehirne hinter jenen Operationen, an denen der Weltfrieden hängt, sind Beamte, durch und durch britisch und mit Leib und Seele dem Erhalt dessen verpflichtet, was sich hinter diesem Attribut ihrer Meinung nach verbirgt. Es ist ein spießiges, freudloses Milieu.

Die Nostalgie, die der „Zeitenwendenfilm“ sonst aufbringt, weil er ahnt, dass das Neue nicht unbeidngt besser sein wird, erhält hier einen dezidiert konservativ-reaktionären Einschlag. Der reaktivierte Geheimdienstler George Smiley (Gary Oldman), der einen Maulwurf in den eigenen Reihen ausfindig machen soll und dafür gegen seine alten Kollegen, die ihn aus dem Job gedrängt hatten, ermittelt, wacht morgens in seiner geschmackvoll eingerichteten, aber auch dunklen und düsteren britschen Wohnung auf. Er ist ein zurückhaltender, stiller Mann, unscheinbar und grau, ein perfekter Staatsdiener. Und als solcher steht er in krassem Kontrast zu den karrieristischen Konkurrenten, die immer wieder beschwören, dass sich die Zeiten nun einmal geändert haben, dass kein Platz mehr für Männer wie Smiley ist. Es fügt sich nahtlos ins Bild, dass die Homosexualität zweier Agenten am Ende den Fehler im System erzeugt. Für ein Privatleben ist kein Platz und für eines neben der Norm schon gar nicht. Der Triumph Smileys, des akribischen Denkers, der am Ende mit zufriedenem Lächeln an der Spitze des „Circus“ , des britischen Geheimdienstes, Platz nehmen darf, nachdem er zuvor aussortiert worden war, ist ein Sieg des Patriotismus über den Opportunismus, einer der Werte über die bloße Ökonomie, aber so richtig freuen mag sich der Zuschauer darüber nicht. Zu verschlossen, zu zynisch, zu abgebrüht und emotionsarm ist seine Branche, als dass man ihr etwas Positives abgewinnen könnte. „It was a good time back then.“, sagt eine ebenfalls entlassene Kollegin Smileys bei der Betrachtung alter Erinnerungsstücke aus vergangenen Tagen verträumt. „It was a war, Connie.“, antwortet Smiley, die rätselhaften Wege der Nostalgie bloßlegend. Der Kalte Krieg hat die klare Zuordnung von Werten unmöglich gemacht und die Frontlinie, an der die Geheimdienste angeblich kämpfen, ist durchlässig geworden. Mit ihrem an ein Kinderspiel erinnernden Geheimjargon – der Feind, der KGB, heißt nur „Karla“ – und dem Ringen um Informationen, deren Gehalt genauso unbestimmt bleibt wie ihr Zweck im Gesamtzusammenhang, präsentiert sich der Geheimdienst als hermetisch abgeriegeltes System, das vor allem einem Zweck dient: Männer zu beschäftigen, die für die normale Welt verloren sind.

TINKER TAILOR SOLDIER SPY ist erlesen fotografiert und ausgestattet wie ein Historienfilm. Er macht die Zeit, in der die Angst vor dem Feind ungleich größer war als die tatsächliche Bedrohung, in freudlos symmetrischen Bildern greifbar und untermalt sie mit gediegenem Jazz, der die disziplinierte Präzision aller Handlungen akzentuiert. Die Darsteller verbergen ihre Gesichter hinter grauen Masken: Sie spielen zwanghafte Charaktere, die es gelernt haben, sich hinter einer Fassade der Stärke und Unnahbarkeit zu verstecken. Sie sind alleamt perfekt besetzt, aber es ist wieder einmal Gary Oldman, der allen die Schau stiehlt. Das ist man von ihm seit den Neunzigerjahren, als er der Liebelingsakteur für grelle Bösewicter war, zwar gewöhnt, doch heute gelingt ihm das mit auffallend unspektakulären Rollen, die eine Facette an ihm zeigen, die man ihm nicht zugetraut hatte. Man vergleiche seinen George Smiley (oder seinen Commissioner Gordon aus THE DARK KNIGHT und THE DARK KNIGHT RISES) mit dem bedreadlockten Zuhälter aus TRUE ROMANCE und mache sich klar, dass es sich hier tatsächlich um ein und denselben Schauspieler handelt. Die ausgesprochene Kultiviertheit der Oberfläche von TINKER TAILOR SOLDIER SPY lädt aber auch zur Kritik ein. Alfredsons Film ist vielleicht ein wenig selbstverliebt, zu berauscht von seiner eigenen Kunstfertigkeit, zu bemüht darin, immer wieder neue elegante Bilder der Tristesse zu malen. Der Film ist ein wenig zu streng und erliegt dann am Schluss, wie schon erwähnt, den Anforderungen der Handlung, anstatt einfach nur Stimmungsbild zu sein. Dann aber handelt er natürlich genau davon: Von Menschen, die in ein Korsett gezwängt werden, in dem sie sich erstaunlich wohl fühlen …

Summer Scars (Großbritannien 2007)
Regie: Julian Richards

Eine Gruppe von pubertierenden Jugendlichen um den hitzköpfigen Bingo (Cieran Jones) und den freundlichen Paul (Jonathan Jones) begegnet im Wald einem erwachsenen Fremden. Dieser stellt sich als Peter (Kevin Howarth) vor und zeigt reges Interesse an den Spielen der Jugendlichen. Als es Streitereien zwischen den Jungs gibt, kippt allerdings die Stimmung und der zwar etwas merkwürdige, aber doch freundliche Peter zeigt plötzlich sein wahres Gesicht …

Julian Richards‘ Werk als heterogen zu bezeichnen, ist fast noch geschmeichelt. Dem famosen und mit viel Lob bedachten DARKLANDS ließ er den uninspirierten Krimi SILENT CRY folgen und nach dem visionären THE LAST HORROR MOVIE (und einem mir unbekannten Film namens MESSIAH) kommt nun mit SUMMER SCARS ein Werk, das zwar keineswegs schlecht ist, aber dennoch kaum für offene Münder sorgen wird. Eng verwandt mit Rob Reiners STAND BY ME – in beiden geht es um Jugendliche, die ihre kindliche Unschuld verlieren – mutet SUMMER SCARS an wie das kleine Fernsehspiel. Das ist durchaus spannend, routiniert inszeniert und glaubwürdig gespielt, bietet darüber hinaus aber nur wenig. Wenn man über einen Film sagt, er sei „unaufgeregt“ ist das ja eigentlich ein Lob: In diesem Fall hätte es aber ruhig etwas mehr sein dürfen. Seiner eigenen Logik folgend müsste der nächste Richards-Film eigentlich wieder ein Knaller werden …


Dance of the Dead (USA 2008 )
Regie: Gregg Bishop

Aus Unlust und dem Bedürfnis, dem Diskurs auszuweichen, habe ich mir statt des Pflichtfilms WALTZ WITH BASHIR diesen 1.923ten Zombie-Funsplatter-Teeniefilm angesehen, an den sich schon nächstes Jahr kein Mensch mehr erinnern wird, der aber auch nicht ganz so schlimm ist, wie man das eigentlich erwarten durfte. Die Darsteller sind ebenso sympathisch wie ihre Charaktere, allzu hohle Zoten und beifallheischende In-Joke- und Zitatorgien vermeidet Bishop über weite Strecken, dafür sind Kameraarbeit und Schnitt aber eine absolute Katastrophe. Über ein paar gute Ideen verfügt DANCE OF THE DEAD zwar, aber machen wir uns nix vor: Was er betreibt, ist ist reine Bedürfnisbefriedigung. Bishops Film ist das filmische Äquivalent zum Snickers: Es schmeckt (ab und zu), aber man käme nicht auf die Idee, sich davon ernähren zu wollen, auch wenn die Werbung suggeriert, dass das möglich sei. Der frenetische Applaus des Publikums wirft aber die Frage auf, ob sich jemand über diese Tatsache im Klaren ist.

Lat den rätte komma in (Schweden 2008 )
Regie: Tomas Alfredson

Schweden in den frühen Achtzigerjahren: Der 12-jährige Oskar (Kare Hedebrand) wird in der Schule gemobbt, Freunde hat er keine und so muss er die langen dunklen schwedischen Wintertage ganz allein verbringen. Bis ihm EIi (Line Leandersson) begegnet, ein gleichaltriges Mädchen aus der Nachbarwohnung. Eine Freundschaft entsteht zwischen den beiden, weil auch Eli das Gefühl der Einsamkeit nur allzu gut kennt: Sie ist nämlich ein Vampir …

LAT DEN RÄTTE KOMMA IN verdankt Kathryn Bigelows modernem Vampirfilmklassiker NEAR DARK einige Vorarbeit: Auch in Alfredsons Film wird viel Gewicht auf eine elegische Stimmung gelegt, die das vampirische „Lebensgefühl“ widerspiegelt. Dies erreicht Alfredson neben der großartigen Fotografie, die viele einprägsame Bilder der Leere und Dunkelheit malt, vor allem durch einen Verzicht auf einen gängigen Plot. LAT DEN RÄTTE KOMMA IN erzählt viele kleine Geschichten in seinen knapp zwei Stunden, auf ein bequemes narratives Korsett verzichtet er aber. So läuft sein Film still und gleichmäßig vor sich hin, erweckt den Eindruck, Zeit und Raum seien ausgeschaltet und es könne ewig so weitergehen. Besonders interessant ist – wie könnte es anders sein – die Figur der Eli: Jene muss ein Leben zwischen Kindheit und Geschlechtsreife und somit in der Asexualität leben, was der Film immer wieder explizit thematisiert. LAT DEN RÄTTE KOMMA IN wirkt dadurch noch über sein Ende hinaus: Denn wir als Zuschauer sehen all die Probleme, die auf die Freundschaft zwischen Oskar und Eli zukommen. Oskar wird älter werden und Eli ihre Opfer beschaffen, damit diese den Vampirvirus nicht weiter verbreiten muss, Eli wird jedoch immer in ihrem geschlechtslosen 12 Jahre alten Körper gefangen bleiben. Es klingt wie eine hohle Phrase, aber in diesem Fall trifft sie ausnahmsweise zu: LAT DEN RÄTTE KOMMA IN ist ein leiser Film, der dafür umso nachhaltiger wirkt. Eine Tragödie, ein Melodram, eine schwarze Komödie, ein Horror-, ja vielleicht sogar ein Endzeitfilm: All das ist LAT DEN RÄTTE KOMMA IN. Und immer trifft er den richtigen Ton. Bis hierhin der beste Film des Festivals.

Überraschung, Überraschung: Ein Podcast zum LAT DEN RÄTTE KOMMA In findet sich hier.


Downloading Nancy (USA 2008 )
Regie: Johan Renck

Die 15 Jahre alte Ehe zwischen Nancy (Maria Bello) und Albert (Rufus Sewell) hat längst den Charakter eines Nichtangriffspakts: Liebe und Leidenschaft gibt es nicht zwischen den beiden, eine Tatsache, die die psychisch labile Nancy geradwegs in die Katastrophe treibt. Diese wurde in ihrer Kindheit misshandelt und assoziiert Lustgewinn seither mit körperlichem Schmerz, den sie sich holt, indem sie sich Schnittwunden zuführt. Im Internet lernt sie den geschiedenen Louis (Jason Patric) kennen, mit dem sie eine Zweckbindung eingeht: Er soll sie aus ihrem tristen, hoffnungslosen Leben befreien. Doch Louis verliebt sich in die verwundbare Frau …

DOWNLOADING NANCY umweht wie den französischen MARTYRS der Ruch des Skandals: Auf dem Sundance-Festival sorgte Rencks Film für Aufruhr, die Befürchtung, dass er es gerade darauf angelegt habe, bleibt aber zum Glück unbegründet. Exploitativ wird DOWNLOADING NANCY nie, immer hält er die Distanz, nie missbraucht er seine Hauptfigur für billige Effekte. Natürlich hat es immer auch etwas von Elendstourismus, sich auf Spielfilmlänge dem Leiden eines Menschen auszusetzen, dennoch berührt DOWNLOADING NANCY im Inneren, kapriziert sich nicht auf vordergründige Schocks. Er zeichnet das Poträt dreier innerlich vollkommen zerstörter Charaktere, denen es aus eigener Kraft nicht mehr gelingt, ihrem Leben eine Wendung zu geben. „It’s what you feel, not who you are!“ sagt die Psychotherapeutin zu Nancy, als diese empört ist über deren schlagwortartige Notizen. Dass sie nicht mehr in der Lage ist, diese Trennlinie zu ziehen, stürzt Nancy in die Katastrophe. Und Louis, der sich in die zerstörte Nancy verliebt, bringt nicht die Kraft auf, sie von ihrem Wunsch abzubringen. In Christopher Doyles Bildern voller Tristesse und Mittelmaß beobachtet man den unausweichliche Niedergang und ist entsetzt über so viel emotionale Deprivation. Renck erzählt seine Geschichte als Mosaik aus zahlreichen Rückblenden und Zeitsprüngen, das zwar nicht alle Fragen beantwortet, aber dennoch alles sagt. Was Renck außerdem hoch angerechnet werden muss, ist dass er es vermeidet, seine Geschichte zum kulturpessimistischen Hieb gegen das Internet zu nutzen. Die Verantwortung tragen in DOWNLOADING NANCY die Menschen ganz allein.