Mit ‘Tomas Milian’ getaggte Beiträge

Nach über einem Jahr Abwesenheit kommt der bucklige Berufsverbrecher Vincenzo Marazzi (Tomas Milian) aus dem korsischen Exil zurück in seine römische Heimat. Er hat gleich einen neuen Plan: den Überfall auf einen Geldtransporter mithilfe von Rauchbomben. Als Komplizen sucht er sich den dubiosen Autohändler Perrone (Luciano Catenacci) und dessen Kumpane Sogliola (Guido Leontini) und den „Albaner“ (Sal Borgese) aus. Weil die aber wissen, dass sie mit einem buckligen Partner für die Polizei leichte Beute sind, beschließen sie, Marazzi noch am Tatort umzulegen. Dummerweise misslingt der Plan, und der Hintergangene kann entkommen. Mithilfe seiner Freundin, der Prostituierten Maria (Isa Danelli), und seines Zwillingsbruders Monezza (Tomas Milian) vollzieht er seine Rache an den Verrätern – und hat bald die Polizei in Person seines alten Feindes Kommissar Sarti (Pino Colizzi) auf dem Hals …

Ich kenne nicht alle Polizei- und Gangsterfilme von Lenzi, aber von den mir bekannten sind dieser hier und MILANO ODIA: LA POLIZIA NON PUÒ SPARARE die beiden besten. MILANO ODIA ist möglicherweise der direktere, löst mit seinen sprachlos machenden Gewaltausbrüchen und seinem entfesselten Protagonisten einen stärkeren Affekt aus als LA BANDA DEL GOBBO, der dafür aber runder und emotionaler ist. Was beide teilen ist ihr Hauptdarsteller, der auf dem absoluten Gipfel seiner Kunst zu sehen ist. Tomas Milian erweckt hier die beiden denkbar unterschiedlichen Zwillinge zum Leben: Vincenzo ist die ernstere Figur, ein intelligenter, nicht unsympathischer Mann, der die Verlogenheit und Ungerechtigkeit der italienischen Gesellschaft genau durchschaut hat und letztlich einfach das Pech hatte, auf der falschen Seite geboren worden zu sein. Zum Revoluzzer fehlt ihm der nötige Idealismus, also arbeitet er lieber nur auf eigene Rechnung. Er hat mehrere tolle Szenen: Am ehesten im Gedächtnis bleibt sein Auftritt in einer von der feinen Gesellschaft frequentierten Nobeldisco, in die er sich Zutritt verschafft, um seiner Freundin einen schönen Abend zu machen. Als er von den Anwesenden für seinen etwas ungeschickten Tanz hemmungslos ausgelacht wird, dreht er den Spieß um und hält eine flammende Rede, die nicht wenig an Tony Montanas „You need people like me“-Monolog in SCARFACE (beide Versionen) erinnert. Um den reichen Herrschaften einen mitzugeben für ihre Niedertracht, beraubt er sie nicht nur an Ort und Stelle, er verabreicht ihnen auch eine Ladung Abführmittel. Aber noch beeindruckender ist eine eher leise, unwichtige Szene: Maria hat von ihm den Auftrag bekommen, bei seinem Kumpel Carmine (Nello Pazzafini) eine Waffe für ihn zu besorgen, doch sie kann nicht zu ihm, weil der bereits unter heftiger Polizeibewachung steht. Um nicht mit leeren Händen nach Hause zu kommen, besorgt sie Vincenzo in einem Geschäft eine Gaspistole – mit der er natürlich nichts anfangen kann. Er schaut auf den Karton mit der Waffe, dann auf sie, und man erwartet eigentlich einen Ausbruch, darauf, dass der italienische Macho seiner Frau für ihre Dummheit eine reinhaut. Stattdessen nimmt er sie auf seinen Schoß, umarmt und küsst sie zärtlich. Es ist ein absolut rührender Moment. Dass sie keinen echten Begriff davon hat, in welcher Welt er sich bewegt, ist für ihn kein Makel, sondern im Gegenteil absolut bewahrenswert. Man merkt in LA BANDA DEL GOBBO immer wieder, dass Vincenzo kein Verbrecher aus Leidenschaft, sondern aus Not ist. Zu gern würde er dieser Welt entfliehen. Aber er kann nicht.

Monezza ist hingegen eine von Milians komischen Rollen, gewissermaßen das kleinkriminelle Gegenstück zu seinem Polizisten Nico Giraldi, den er insgesamt elf Mal verkörperte. Im Blaumann, mit Turnschuhen und Afrofrisur ist Monezza das römische Schlitzohr, der ewige Loser und Gebeutelte, der den Tiefschlägen des Lebens aber immer mit einem gewissen Humor und einem lockeren Spruch auf den Lippen begegnet. „An dem Tag, an dem Scheiße zu Gold wird, werden die Armen ohne Ärsche geboren“, sagt er zu Beginn und liefert damit so etwas wie den Leitspruch zu Lenzis Film. Er übernimmt aber nicht nur die rein strukturelle Funktion, den harschen Ton von LA BANDA DEL GOBBO aufzubrechen, er trägt auch dazu bei, Vincenzo weiter zu vermenschlichen. „Familie“ spielt eine nicht unwichtige Rolle in Lenzis Film. Immer wieder erinnern sich die beiden Brüder an ihre Mutter, zitieren ihre Lebensweisheiten. Ihre bedingungslose Freundschaft zueinander ist ihnen in die Wiege gelegt worden und bei allem, was sie tun, denken sie an den anderen. Monezza tut alles für den zehn Minuten älteren Bruder und er tut das, ohne Fragen zu stellen. Einmal frisst er sogar Zigaretten, um bei den Polizisten keine Aussage über den Verbleib des Bruders machen zu können. Die sich anschließende Episode um seine Einlieferung in eine Heilanstalt – einen langhaarigen Zivilpolizisten hält er im Fieber für Jesus – hat eher tangentiale Bedeutung für die Handlung, scheint vor allem dazu da zu sein, Monezza mehr Raum zu bieten. Aber das lohnt sich, denn wir verdanken ihr die urkomische Szene, in der der behandelnde Psychiater ein Assoziationsspiel mit Monezza spielt. Auf Nennung eines beiebigen Wortes solle der den ersten Begriff sagen, derihm in den Sinn komme. Das tut der vulgäre und hemmungslos ehrliche Monezza und sagt immer wieder „Fotze“, was dem Arzt willkommener Anlass ist, ihn für paranoid zu erklären.

Ihr merkt, ich gerate ins ziellose Erzählen und Schwärmen, wenn es um LA BANDA DEL GOBBO geht. Tatsächlich verbindet mich mit diesem Film eine innige Beziehung und er hat viel damit zu tun, dass ich das italienische Kino vor 20 Jahren in mein Herz schloss. Das Wiedersehen nach vielen,vielen Jahren war wunderbar: Es hat lange gedauert, bis LA BANDA DEL GOBBO in einer verständlichen Fassung digital zur Verfügung stand. Eine DVD wurde immer mal wieder angekündigt, nur um dann doch nicht zu erscheinen. Die Videokassette, die ich mal für 3,95 DM in einer Videothek abstaubte (zusammen mit Lenzis DER BERSERKER und DIE VIPER: Es war ein güldener Tag.), habe ich immer noch, aber einen funktionstüchtigen Player besitze ich schon seit Jahren nicht mehr. Das Warten hat sich gelohnt: LA BANDA DEL GOBBO ist wunderbar, unglaublich packend, dabei viel facettenreicher und wärmer, als ich ihn in Erinnerung hatte, und die DVD von filmart lässt keinerlei Wünsche offen. In satten, leuchtenden Farben erstrahlt er in der Qualität, die er verdient und Franco Micalizzis treibende Beats pumpen kraftvoll aus den Boxen. Vincenzo und Monezza mögen nicht unbedingt die Menschen sein, die ich im echten Leben als Freunde haben möchte: Aber in den 90 Minuten, die dieser Film dauert, werden sie auch zu meinen Brüdern.

Der Fall der Beatrice Cenci (1577 – 1599), der Tochter des wohlhabenden Adligen Francesco Cenci, eines brutalen Menschenschinders, die ihren Vater nach mehreren erlittenen Grausamkeiten gemeinsam mit ihrer Mutter und ihren Brüdern umbrachte, und dafür enthauptet wurde, erregte seinerzeit die Gemüter des italienischen Volkes, beschädigte nachhaltig den Ruf des Papstes Clemens VIII., ging in die italienische Kriminalgeschichte ein und beschäftigte im Laufe der folgenden Jahrhunderte Dichter wie Filmemacher. Die Verfilmung Fulcis stellt, glaubt man der IMDb, bereits die siebte Aufarbeitung des berühmten Falles dar: Unter anderem hatte sich Riccardo Freda 1956 der Geschichte gewidmet.

Fulci erzählt die berühmte Geschichte nonlinear, beginnt mit den Vorbereitungen zur Hinrichtung, erzählt die Vorgeschichte dann in einer Rückblende, innerhalb derer er immer wieder Details ausspart, die dann erneut rückblickend aufgedeckt werden. Diese Erzählstrategie verstärkt den Eindruck eines schicksalhaften, unabwendbaren Verlaufs der Dinge und entzieht seinen Charakteren Autonomie und Handlungsmacht. Psychologie spielt nur eine sehr untergeordnete Rolle: Gerade die Titelheldin (Adrienne Larussa) bleibt eine Chiffre, bis zum Ende undurchschaubar. Dass die Cencis genug Gründe hatten, ihr Familienoberhaupt auszuschalten, wird als Tatsache mehr oder minder vorausgesetzt, ihre Leidensgeschichte interessiert Fulci eigentlich nicht. Im Vordergrund stehen bei ihm die politischen Implikationen. Auch wenn BEATRICE CENCI in der Neuzeit angesiedelt ist, liegt er mit seiner Thematisierung der Korruption von Politik und Staat doch ganz im Rahmen des in Italien zu jener Zeit so populären Cinema di denuncia.

Francesco Cenci (Georges Wilson) genießt trotz brutaler Verbrechen den Schutz der Kirche, die genau weiß, was sie an dem Mann hat. Jedes seiner Vergehen lässt sie sich von ihm nämlich teuer bezahlen, um sich die Kasse vollzumachen. Seine Zügellosigkeit ist eine willkommene Einnahmequelle und man hat kein Interesse, diese versiegen zu lassen. Eine Art unmoralisches gentlemen’s agreement. Doch sie leistet so der Rache der Familie an dem Mann, der sie quält und demütigt, Vorschub. Alle Versuche Beatrices, ihm zu entkommen, schlagen fehl: Als er erfährt, dass sie in ein Kloster gehen will, sperrt er sie ein und vergewaltigt sie, damit sein Ende besiegelnd (die Vergewaltigung ist historisch nicht bestätigt, wohl aber, dass Cenci einen sexuell ausschweifenden Lebensstil pflegte und sich dabei an beiden Ufern umtrieb). Die Ermordung – verübt mithilfe des in Beatrice verliebten Dieners Olimpio (Tomas Milian) und eines räudigen Banditen (Ignazio Spalla) – wird zwar als Unfall getarnt, dennoch dauert es nicht lang, bis die Täter inhaftiert sind und nach grausamer Folter geständig sind (hier übt Fulci schon für die späteren Splatterfilme, die man leider fast ausschließlich mit ihm verbindet). Dass die Kirche ein so großes Interesse daran zeigt, die Täter zu fassen, und sie dann mit ganzer Härte des Gesetzes bestraft, hat nichts mit der Wahrung der Moral zu tun: Es geht allein ums Geld. Denn die Reichtümer Cencis, die mit seinem Tod nun unerreichbar sind, fallen komplett an die Kirche, nachdem die gesamte Familie ausgerottet ist. Als Krönung der Bigotterie erteilt Clemens VIII. der Mörderin Beatrice just in dem Moment die Absolution, indem er über den Vollzug ihrer Enthauptung unterrichtet wird.

BEATRICE CENCI – in Deutschland völlig irreführend und wohl auf das Bahnhofskino-Publikum abzielend DIE NACKTE UND DER KARDINAL betitelt – ist ein visuelles Fest, dabei jedoch nicht, wie die Monumentalfilme der vorangegangenen Jahrzehnte, von überschwänglichem Pomp, Prunk und Kitsch, sondern vor allem von Dekadenz und Verfall geprägt. Der Adel ist durch und durch verkommen, Francesco Cenci nicht weniger als ein widerliches, kulturloses kapitalistisches Schwein, der Klerus ein Haufen profitgeiler Machtmenschen, die ihr Fähnchen zielsicher in den Wind hängen, die Anwälte der Cencis diskutieren das Ergebnis ihrer gescheiterten Verteidigungsbemühungen stilecht im Puff. Kameramann Erico Menczer fängt das Geschehen in dunklen, meist statischen, dabei aber ungemein dramatischen Bildern ein, die verdeutlichen, dass sich in dieser Welt nichts von allein bewegt, alles gesteuert ist. Ein großartiger Film, einer der besten, die ich von Fulci kenne.

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Weil „der Chinese“ (Tomas Milian) aus dem Knast fliehen konnte, schwebt Ex-Kommissar Leonardo Tanzi (Maurizio Merli), der den Gangster einst hinter Gitter brachte, in Lebensgefahr. Der folgende vom Cinesen in Auftrag gegebene Mordanschlag auf ihn schlägt zwar fehl, doch um ihn zu schützen, wird Tanzi für tot erklärt. Natürlich denkt der ehemalige Cop gar nicht daran, sich zurückzuziehen: Er macht sich auf den Weg nach Rom, wo der Chinese den Machtkampf mit dem amerikanischen Gangsterboss Di Maggio (John Saxon) begonnen hat. Tanzi nutzt die Situation, um beide gegeneinander auszuspielen …

Italien, was ist nur aus dir geworden? Handtaschenräuber überfallen arglose Damen und gewissenlose Unholde rauben am hellichten Tag Juweliere aus. In solchen Zeiten wiegt es besonders schwer, dass ein überzeugter Hardliner wie Tanzi sich vom Polizeidienst zurückgezogen hat. Man bekommt recht schnell den Eindruck, dass das weniger mit den Rahmenbedingungen des Berufs zu tun hat, als damit, dass Tanzi seine Vorstellungen von Polizeiarbeit als Privatmann noch besser umsetzen kann. Selbst sein ehemaliger Vorgesetzter scheint nicht so richtig böse darüber, dass sich da ein Vigilant rumtreibt, wie weiland Paul Kersey in DEATH WISH darf auch Tanzi mit Duldung von oben schalten und walten. Lenzi, dessen beste Arbeiten dem Polizei- und Gansgterfilm zuzurechnen sind weckt mit dem Titel Assoziationen zu Leones IL BUONO, IL BRUTTO, IL CATTIVO, orientiert sich inhaltlich aber eher am Auftakt der Dollar-Trilogie mit PER UN PUGNO DI DOLLARI. Das Intrigenspiel Tanzis ist – passend zum Auftreten Merlis, der mich immer an einen italienischen Chuck Norris ohne Karatekunst, dafür aber mit schmierigem Schlagersänger-Charme erinnert – zwar weitaus weniger raffiniert, wird dafür aber mit der doppelten Portion feurigem Eifer von ihm inszeniert. Merli, der wie sein amerikanischer Kollege immer etwas hölzern wirkt, ist durchaus eine komische Figur: Wenn er seinen Zorn unter blonder Scheitelfrisur durch perlweiße Zähne presst, sodass sich der akkurate gestutzte Schnäuzer kräuselt, sieht man die ganze emotionale und kognitive Armut des Reaktionären. Irgendwie passt es, dass er von Chevy-Chase-Synchronsprecher Michael Brennicke gesprochen wird.

Merli stehen mit Milian und Saxon zwei exquisit besetzte Kollegen gegenüber, deren großes Spiel kleinere Drehbuchschwächen ausbügelt. Milian gibt mal wieder den Gossenproleten, der sich hier aber mit seinen Schurkereien einen gewissen Wohlstand ergaunert hat, der sich in scheußlichen Hemden, goldenen Uhren und anderen Geschmacklosigkeiten niederschlägt. Saxon ist als amerikanischer Gangster etwas zivilisierter, schreckt aber auch vor brutalen Foltermethoden nicht zurück: Einen Verräter beschießt er aus kürzester Distanz mit Golfbällen, sodass sogar die Männer vom Chinesen das Gesicht verziehen. Es ist dieses Männerdreieck, das dem Film seine Spannung bewahrt, wenn er in der zweiten Hälfte etwas die Linie verliert. Ganz plötzlich gibt es eine Heist-Movie-Einlage, bei der Tanzi mit einem alten Safeknacker ein Hochhaus erklimmt. Die an MISSION: IMPOSSIBLE erinnernde Szene mit den obligatorischen unsichtbaren Lichtschranken ist sehr putzig, weil man in den Infrarot-Subjektiven deutlich erkennen kann, dass es sich bei den „Lichtstrahlen“ um Seile oder aber um Gardinenstangen handelt, den beiden Einbrechern in den Objektiven als Bonus dabei zusehen kann, wie sie durch einen anscheinend leeren Flur kriechen. Plötzlich sitzt Di Maggio auch noch im Knast, ohne dass je erwähnt worden wäre, warum, und am Schluss geht alles sehr schnell und leider auch unspektakulär zu Ende. IL CINICO, L’INFAME, IL VIOLENTO hält am Ende nicht ganz das, was er in der ersten halben Sunde verspricht, gute Italo-Unterhaltung mit einem mal wieder tollen Score von Franco Micalizzi ist es aber trotzdem.

Der Loner Rambo (Tomas Milian) kommt in seine Heimat Mailand zurück, um einen alten Freund zu besuchen. Der verdingt sich für „Mondialpol“, eine Art Privatpolizei, und träumt insgeheim davon, ein Held und Draufgänger zu sein – wie sein Kumpel Rambo. Als der Sohn eines Geschäftsmannes entführt wird, kommt er den Verbrechern auf die Spur, wird aber von ihnen ermordet. Nun ist es an Rambo, die Entführer zu stellen, den Jungen zu befreien und den Tod seines Freundes zu rächen. Er sucht den Gangsterboss Paternò (Joseph Cotten) auf, einen alten Bekannten, und zieht ihn als Partner hinzu. Rambos Plan ist es, Paternòs Gang und die der Entführer gegeneinander auszuspielen …

Offensichtlich von Kurosawas YOJIMBO bzw. Leones PER UN PUGNO DI DOLLARI inspiriert, ist Lenzis IL GIUSTIZIERE SFIDA LA CITTÀ so eine Art Groschenheftchen-Version für Junggebliebene dieses Stoffes. Von der deutschen Synchro mit ihren dummen Sprüchen und Non Sequiturs wird der infantile Aspekt des Films noch verstärkt, doch auch ohne diese Beigabe scheint er entweder von Neunjährigen oder sehr geschickt für solche gemacht worden zu sein. Der Drifter namens Rambo ist bei Lichte betrachtet ein ziemlich armer Prolet, doch Lenzi stilisiert ihn zum mit allen Abwassern gewaschenen Draufgänger und Alleskönner. Mit seinem heißen Ofen heizt er quer durch Europa und er macht ein Riesengeheimnis daraus, was er wo gemacht hat. Klar ist aber: „Ein Typ wie du kann es in Mailand zu was bringen!“ Er ist ein As in Selbstverteidigung, kann super schießen, hat immer einen lockeren Spruch auf den Lippen, Kontakte in der Unterwelt und natürlich ein Liebchen in jedem Hafen (hier: Femi Benussi). Und er sieht unverschämt cool aus: Ein weiterer aus der langen Galerie Milian’scher Gammelhelden. Lenzi blickt auf diesen Rambo mit den Augen eines Kindes: Sein Style, jeder Move, jeder dumme Spruch („Warum soll man kein Wasser trinken? – Weil da die Fische reinfurzen.“) wird zu einem Gottgeschenk und auf diegetischer Ebene spiegeln gleich zwei halbwüchsige Jungs diesen bewundernden Blick: der Sohn von Rambos Freund, der unverkennbar so sein will wie dieser coole Hund und der entführte Junge, der mit einem Leuchten in den Augen dabei zusieht, wie sein Retter die Bad Guys wegpustet.

Das macht IL GIUSTIZIERE SFIDA LA CITTÀ liebenswert, auch wenn er unter den Actionfilmen Lenzis nicht zu den besten gehört. Mit den großen Vorbildern kann das etwas einfältige – oder eben: kindische – Drehbuch nicht mithalten und im Gegensatz zu etwa Eastwoods Namenlosem lässt Milians Rambo jede Verwundbarkeit vermissen. Selbst wenn ihm eine Kugel auf den Pelz gebrannt wird, weiß man, dass er garantiert eine kugelsichere Weste anhatte. Zumal eine jede dieser „Überraschungen“ sklavisch genau vobereitet wurde. So betrachtet man den Film am besten als One-Man-Show Milians, dessen Masche nach etlichen NicoGiraldiFilmen und vergleichbar angelegten Charakteren, wie etwa seinem Tommasso Ravelli aus SQUADRA VOLANTE, zwar längst nicht mehr neu ist, aber eben doch immer wieder schön. Da lässt man sich dann doch gern in das Kind zurückverwandeln, für das solche Typen Vorbilder sein konnten.

Vor 5 Jahren wurde die Frau des Interpol-Polizisten Tommaso Ravelli (Tomas Milian) von Bankräubern erschossen. Seitdem verrichtet der Bulle seine Arbeit mit konzentriertem Stoizismus, wissend, dass ihm die Killer irgendwann über den Weg laufen werden. Eines Tages ist es soweit: Bei einem Raubüberfall wird eine Kugel aus derselben Waffe abgefeuert, aus der auch die tödliche Kugel für seine Frau stammte. Sie gehört einem Schwerverbrecher, der nur „der Marseiller“ genannt wird. Ravelli heftet sich ihm an die Fersen …

Tomas Milian ist – wie in fast allen seinen Filmen – das optische Zentrum des Geschehens. Endlos cool, mit halblangen Haaren, Schiebermütze, Schnurrbart, Schlaghose und einem kegelförmigen Zigarrillo, auf dem er unablässig herumkaut – zu brennen scheint das Ding, das tief in seinem Mundwinkel steckt, so gut wie nie –, läuft er mit Stahl im Blick, aber durchaus verwundbar durch Massis Film. Da fällt es überaus deutlich auf, dass er eigentlich kaum etwas zu tun hat. Im letzten Drittel verschwindet er fast völlig, wird dann vom Drehbuch immer wieder zur richtigen Zeit an den richtigen Ort versetzt. Kriminalistische Arbeit besteht hier nicht aus einem akribischen Suchen nach der Nadel im Heuhaufen, sondern in einem unbegründeten Wissen, untrüglichem Instinkt und dem Talent, einfach die richtigen Kontaktmänner zu kennen. So ist er immer zur Stelle, wenn es etwas zu tun gibt, und sein Profitum schlägt sich darin nieder, dass man als Zuschauer keine Antwort auf die Frage erhält, wie er nun dahin kommen konnte. Ravelli, im deutschen Verleihtitel zwar hübsch reißerisch, aber nur bedingt korrekt als DER EINZELKÄMPFER ausgewiesen, ist eher ein Geist, dessen Vertrauen in die ausgleichende Gerechtigkeit des Schicksals und seine unerschütterliche Geduld ihn ans Ziel bringen. Am Ende bekommt er seine Rache, die sich der Geliebten des Schurken ähnlich unauslöschlich ins Gedächtnis brennen wird, wie die Ermordung von Ravellis Frau ebendiesem.

Stelvio Massi, hauptberuflicher Kameramann, hat selten richtig Großes geleistet, sondern meist solides Spannungshandwerk. SQUADRA VOLANTE würde ich mal spontan – ohne alles von ihm zu kennen – zu seinen besseren Filmen zählen. Er wartet mit einigen schönen Einfällen vor allem im Schnitt auf, punktet mit der hübschen Idee, einen Überfall durch die Anwesenheit eines Kamerawagens als Inszenierung auszugeben, und natürlich mit der Besetzung: Mit Milian und Moschin kann man nicht viel falsch machen, auch wenn beide erst am Schluss zusammentreffen. Anderenfalls wäre wahrscheinlich die Kamera explodiert. Schöner Film, nicht mehr nicht weniger.

Sergeant Alan Parker (Bud Spencer), der seiner Familie vorspielt ein Waschmaschinenvertreter zu sein, erhält den Auftrag, den schmierigen Kleinganoven Tony Roma (Tomas Milian) zu verhaften. Das gelingt, doch Tony fügt sich verständlicherweise nur ungern in sein Schicksal: Nach einem gelungenen Fluchtversuch beobachtet er zufällig den Mafiaboss Salvatore Licuti (Marc Lawrence) und seine Männer beim blutigen Geschäft und steht fortan auch bei diesen auf der Abshcussliste. Alan hat nun alle Hände voll zu tun, Tonys Gesundheit zu erhalten …

Was für eine verpasste Chance! Jedem Freund des Italokinos muss das Wasser im Munde zusammenlaufen, wenn er von der Paarung Spencer & Milian hört: Letzterer hat sich seinen Platz im Exploitation-Olymp mit der Verkörperung (hier trifft der Begriff den Nagel tatsächlich auf den Kopf) des unkonventionellen römischen Cops Nico Giraldi und unzähligen asozialen Gaunern, etwa in den großartigen LA BANDA DEL GOBBO oder  MILANO ODIA: LA POLIZIA NON PUÒ SPARARE sowie zahlreichen weiteren Filmen, redlich verdient – ebenso wie den Luxus, sein Einkommen nun seit rund 20 Jahren mit schauspielerisch wahrscheinlich wenig herausfordernden Neben- und Kleinstrollen als lateinamerikanischer Finsterling in Hollywood-Produktionen bestreiten zu dürfen. Er ist dann auch der einsame Höhepunkt in Corbuccis lauer Krimikomödie, die zwar nicht wirklich schlecht ist, aber jeden Drive, der für einen solchen Film doch von essenzieller Bedeutung ist, vermissen lässt. Zwischen Spencer und Milian springt der Funke nicht über, was wohl auch daran liegt, dass Spencers Rolle kaum was hergibt und ihm zudem die undankbare Aufgabe zukommt, Milians Over-the-Top-Darstellung des selbstmitleidigen und mamafixierten Schmierlappens mit pomadiger Rockabillyfrisur und den scheußlichsten Klamotten diesseits von Liberace zu „bremsen“, obwohl man sich als Zuschauer doch nichts mehr wünscht, als dass der Film endlich einmal die Kontrolle verlöre. Aber nix da: Das A und O einer solchen Buddy-Komödie – die guten Ideen, rasante Actionsequenzen, die sich mit komischen Einlagen abwechseln, das Hin und Her der Protagonisten, auf das ja auch der Titel des Films anspielt – sind hier weitestgehend absent. Ab und zu blitzt mal ein Funke auf, der andeutet, was CANE E GATTO hätte sein können, nur um nach kurzem Aufflackern sang- und klanglos zu erlöschen. Corbuccis Film ist so durchschnittlich, dass er analog zum Urmeter in einem Museum als idealtypisches Beispiel fürs Mittelmaß ausgestellt werden könnte. Schade.

In der Transvestiten-Bar „Blue Gay“ wird einer der männlichen Tänzer erwürgt aufgefunden. Nico Giraldi (Tomas Milian) erhält den Auftrag, sich ins Schwulenmilieu einzuschleichen, um herauszufinden, wer der Mörder ist …

Der letzte Film um Nico Giraldi hieß bei uns EIN SUPERESEL AUF DEN KU’DAMM, weil die letzten 20 bis 30 Minuten des Films in Berlin spielen und vor allem Kurfürstendamm und Gedächtniskirche ein paarmal dekorativ ins Bild gerückt werden. Interessanter als diese Tatsache sind jedoch die kleinen Genderdiskurs-Rauchbomben, die der Film wirft. Die Verpflanzung Giraldis ins Schwulenmilieu überrascht zunächst mal gar nicht, weil der Cop allem südländischen Machismo zum Trotz in der ganzen Reihe durchaus auch feminine Züge trägt: Den Kajalstift, mit dem seine Augen umringt sind, mag man noch als kleine Extravaganz der Make-Up-Abteilung entschuldigen, doch es ist auffällig, wie gern sich Giraldi selbst aufbrezelt, tanzt und wie selbstverständlich er vor allem mit Homosexuellen umgeht. Keine Spur von Homophobie oder Berührungsängsten. Dass er ausgerechnet seinen Freund Venticello (Bombolo) ausgewählt hat, seine Ehefrau zu spielen, damit er vor der leicht übergriffigen Madame Colombo Lamar geschützt ist, ärgert ihn dann auch, als er bemerkt, dass der in Frauenkleidern aussieht wie eine „Quetschkommode“. Und um die Frage nach der sexuellen Präferenz der Protagonisten vollends unbeantwortbar zu machen, spielt Venticello die eifersüchtige Gattin einfach viel zu gut, als dass man nichts dahinter vermuten würde.

DELITTO AL BLUE GAY unterhält also sehr fein und mit etwas mehr „Tiefgang“ als in den beiden zuvor besprochenen Filmen, trotzdem funktioniert auch er als erstes mal als Zeitmaschine in die Achtzigerjahre und natürlich als lupenreiner Giraldi-Film: Und somit werden hier vor allem Freunde des deftigen Humors ihre Freude haben, denn der arme Venticello muss wieder einiges einstecken. Ich habe  mehrfach herzlich gelacht und hoffe, dass die noch ausstehenden vier Giraldis in Deutschland noch auf DVD nachgereicht werden.