Mit ‘Tonino Valerii’ getaggte Beiträge

22434Bei DER GORILLA, wie Tonino Valeriis Film in Deutschland hieß, handelte es sich um das große Bonbon im Programm des diesjährigen Forentreffens von Deliria Italiano: Der Film erlebte an diesem Wochenende in Düsseldorf 41 Jahre nach seinem Entstehen seine deutsche Kinopremiere. Insofern ein kurioses Phänomen, als es tatsächlich eine deutsche 35-mm-Kopie gibt, von der dann die Videofassung „gezogen“ wurde. Der Liebesdienst, den die verspätete Aufführung darstellte, wurde leider durch die Nachricht des Todes von Valerii nur zwei Tage vorher getrübt: Immerhin erweist sich die Planung eines Valerii-Double-Features damit im Nachhinein fast als seherischer Akt.

Meine Neugier war groß auf den mir gänzlich unbekannten Film, Bekannte, die ihn schon gesehen hatten, waren voll des Lobes. Ich empfand VAI GORILLA allerdings als ausgesprochen zähe Angelegenheit. Tonino Valerii erzählt die Geschichte des „Gorillas“ Marco Sartori (Fabio Testi), der sich den Job als Leibwächter des zwielichtigen Bauunternehmers Sampioni (Renzo Palmer) erschleicht, indem er mit einigen Halunken einen Überfall auf ihn initiiert und ihn so von seiner Schutzbedürftigkeit überzeugt. Nach kurzer Zeit ist er bereits angewidert von seiner Aufgabe und seinem Chef, beschließt außerdem seinen Betrug widergutzumachen, indem er ihm gegen einige nun echte Verbrecher beisteht.

Das Problem, das ich mit VAI GORILLA hatte: Der Film ist sehr sauber inszeniert, sauberer als das Gros vergleichbarer italienischer Krimis, mit deutlich mehr Konzentration auf seinen Protagonisten als auf eine möglichst lückenlose Aneinanderreihung von Actionszenen. Er steht den ernsthaften Mafiafilmen des cinema di dinuncia noch deutlich näher als den wüsten Selbstjustizreißern, in denen Maurizio Merli die italienischen Großstädte vom Abschaum befreite, oder Umberto Lenzi Tomas Milian losschickte. Die Geschichte wird geduldig entwickelt, erst im letzten Akt kommt es zu einer Häufung der Gewaltakte und einem rasant-rabiaten Showdown, bevor VAI GORILLA mit einem naiv anmutenden Happy End schließt. Nur trägt diese Geschichte, so wie sie erzählt ist, den Film nicht: Seine Figuren sind Pappkameraden, deren psychologische Motivationen fragwürdig bleiben, und die dann zwischendurch auch einfach mal für 30 Minuten verschwinden. Subplots wie eine eher unerhebliche Liebesgeschichte erwecken den Eindruck, dass hier nach Checkliste gescriptet wurde. Ich habe irgendwann ziemlich gelitten, weil ich die erwähnte Geduld, mit der Valerii seinen 08/15-Plot abwickelt, schon fast als unverschämt empfunden habe. Nicht falsch verstehen, ich habe absolut nix gegen Klischees, ganz im Gegenteil, aber dann doch bitte mit Drive und Tempo serviert. So ist VAI GORILLA irgendwie nix Halbes und nix Ganzes: Für einen Actioner zu lahm, für einen packenden Thriller zu vorhersehbar.

mein_name_ist_nobody_querEine Schönheit, die in über 40 Jahren nichts von ihrer Kraft eingebüßt hat und für mich persönlich mit jeder weiteren Sichtung wächst. Mein Eindruck am Ende, wenn der alternde Beauregard (Henry Fonda) – durch die Hilfe der mysteriösen Schelmenfigur Nobody (Terence Hill) als Westernlegende in die Geschichte eingegangen – auf einem Dampfer gen Europa schippert, dem Freund, der nun in seine Fußstapfen treten wird, ein paar Worte mit auf den Weg gibt: Was für ein unendlich weiser und kluger Film.

Es war keine Liebe auf den ersten Blick. Damals, als Kind, haben mich die schwere Melancholie des Films, sein gelegentliches Abdriften in den Surealismus und sein Parabel- bzw. Metafilm-Charakter schwerst irritiert. Benennen konnte ich die Störfaktoren natürlich noch nicht, aber da war irgendwas, was ich einfach noch nicht verstand, schon gar nicht in einem Film mit Terence Hill, der nach meinem Geschmack doch vor allem Klamauk und Keilereien zu liefern hatte. Auch Henry Fonda passte nicht in mein Bild des Westernhelden: Ein solcher hatte auszusehen wie John Wayne und gewiss nicht „Beauregard“ zu heißen. Als er zum Shootout am Ende dann auch noch eine Brille aufsetzte, war für mich alles aus.

Heute ist das natürlich anders: Ich weiß, dass IL MIO NOME È NESSUNO Rückgriff nimmt auf Leones C’ERA UNA VOLTA IL WEST, dass es einige weitere Anspielungen auf die damals modernere Westernfilmgeschichte gibt – das „wild bunch“, das Grab von Sam Peckinpah, das Mitwirken von R. G. Armstrong -, und Nobody eine Variation von Hills damals immens populärer Trinità-Figur ist. Tonino Valerii, der unter der strengen Aufsicht von Produzent Leone (der einige Szenen selbst übernahm) in den USA inszenierte, liefert eine melancholische, traumgleiche Verabschiedung des einst so populären und amerikanischsten aller Filmgenres, lässt den Zeitenwandel von einem drifter vorantreiben, der deutlich engelsgleiche Züge trägt und aus einem metaphysischen Irgendwo zu kommen scheint. Wenn er und Beauregard sich gegenübertreten und philosophische Streitgespräche über Zeit, Geschichte und Heldentum führen, scheint die Zeit stillzustehen, der Film sich in einem überirdischen Raum zu bewegen. Das Geschehen um diese Szenen, die Keilereien, in die Nobody ein paar hilflose Ganoven verwickelt, auf einem Jahrmarkt noch dazu!, die Flucht Beauregards vor den 150 Reitern der wilden Horde: All das wirkt wie ein Traum, in dem nur Nobody die Handlungsmacht behält, weil er eher Idee ist, Deus ex Machina als Individuum aus Fleisch und Blut. Er ist der Geburtshelfer der Geschichte, ironischerweise, indem er dem Alten zum Sterben verhilft.

IL MIO NOME È NESSUNO ist gleichzeitig traurig wie hoffnungsvoll und dabei immer wunderschön. Weil Terence Hill mit seinen himmelblauen Augen und diesem unwiderstehlichen Gewinnerlächeln, dem ein ungebrochenes Selbstbewusstsein ohne Überheblichkeit innewohnt, ein perfekter Nobody ist, Henry Fonda den Revolverheld kurz vor dem Ausstieg mit kalter Stoik absolviert, ein idealer Gegenpart zur Quirligkeit Hills, Morricones Score die verschiedenen Emotionen, die dieser Film evoziert, in wunderschöne Melodien und Klangwelten übersetzt, der Film witzig ist (auch dank einer exzellenten Brandt-Synchro), aber sich mit diesem Witz nicht selbst ein Bein stellt. Im Gegenteil, er verstärkt noch die Wirkung und die Idee des Films. IL MIO NOME È NESSUNO schaut sich die menschliche Komödie mit dem wissenden Lächeln eines gütigen Gottes an.

In einem alten, mittlerweile überfluteten Steinbruch wird der Versicherungsmann Paradisi von einem Bagger enthauptet, sein Mörder, der Baggerführer wenig später erhängt aufgefunden. Inspektor Luca Perretti (George Hilton) enttarnt die vermeintliche Selbsttötung jedoch als Mord und rollt so einen Fall auf, der längst als ungeklärt zu den Akten gelegt worden war: Die kleine Stefania Moroni war vor etwa einem Jahr entführt und dann gemeinsam mit ihrem Vater tot in einem Bunker unweit des Steinbruchs gefunden worden. Paradisi, der wegen der möglicherweise fälligen Zahlung der Lebensversicherung an Moronis Frau eingeschaltet worden war, war offensichtlich dem Entführer und Mörder auf die Spur gekommen …

MIO CARO ASSASSINO ist ein recht ernster Krimi/Polizeifilm, der eigentlich nur mit seiner spektakulären Baggerenthauptung gleich zu Beginn und dem auch auf dem Plakat abgebildeten Kreissägenmord den Schritt in pulpige Giallo-Gefilde wagt. Da spritzt die Soße und kracht die Schwarte, während sich Valerii sonst ausschließlich den Ermittlungen Perrettis widmet, der von einem Hinweis zum nächsten huscht und unterwegs bemüht ist, jedem irgendwie an der Geschichte Beteiligten seine Fragen zu stellen. Am Ende, wenn die ganze Baggage sich in einem Wohnzimmer versammelt und Perretti einen kleinen Vortrag hält, bevor er den Täter enttarnt, erinnern eigentlich nur noch die italienischen Namen der Anwesenden und der nur wenig vornehme Schnurrbart von George Hilton daran, dass man sich nicht in einer Agatha-Christie-Verfilmung befindet. MIO CARO ASSASSINO als „altmodisch“ zu bezeichnen, ginge etwas zu weit, aber mit den Stilübungen in Pop-Art und Psychedelia, die den Giallo ja nicht zuletzt definierten, hat Valerii genauso wenig zu tun wie mit Selbstreflexivität oder Dekonstruktion. Wenn sein Film auch labyrinthisch und wendungsreich ist, dann liegt das ausschließlich an seinem verwickelten Kriminalfall und nicht an seinen Erzählstrategien. Vielleicht liegt es vor allem daran, dass ich für diese eher traditionelle Spielart des Crimefilms nicht ganz so viel übrig habe: MIO CARO ASSASSINO ist nicht schlecht, durchaus recht unterhaltsam und handwerklich sehr ordentlich, aber abgesehen von den beiden Szenen, in denen die Suppe spritzt, blieb bei mir nicht viel hängen. Gegen Ende flaute mein Interesse merklich ab, sodass ich dann auch den Überblick über die finalen Twists und neuen Erkenntnisse Perrettis verloren habe (die irgendwann auch nur noch halb so schlüssig sind, wie Valerii den Zuschauer glauben machen will). Auf jeden Fall ist dieser okaye, aber auch ziemlich profillose Film Wasser auf die Mühlen derjenigen, die die These unterstützen, der Löwenanteil am Erfolg von Valeriis wohl bekanntestem Film, IL MIO NOME È NESSUNO, ginge ausschließlich auf das Konto Sergio Leones.