Mit ‘Trish Van Devere’ getaggte Beiträge

THE HEARSE ist einer dieser Filme, die mir damals, als ich einen nicht unerheblichen Teil meiner Freizeit in Videotheken zubrachte, ca. hundert Mal ins Auge gefallen sind, deren Hülle ich dann hundert Mal in die Hand nahm, um zu sehen, ob die Backcoverfotos den Leihimpuls in mir würden wecken können und die ich dann hundert Mal wieder wegstellte, weil das nicht der Fall war. Heute freue ich mich darüber, solche Lücken schließen zu können, selbst wenn ich oft zu dem Schluss gelange, dass ich damals nicht wirklich etwas verpasst habe.

THE HEARSE stammt aus dem wenig besungenen Hause Crown International Pictures, das in den Siebziger- und Achtzigerjahren den Markt fleißig mit preiswerten, immer etwas unspezifischen Komödien und Horrorfilmen beackerte (oder aber als Vertrieb für anderweitig gefertigten Schlock fungierte), dabei selten wirklich Beachtliches vorlegte, aber seltsamerweise trotzdem so etwas wie einen eigenen Stil entwickelte. Zu den interessanteren Filmen der Firma zählen etwa der finstere Serienmörderfilm DON’T ANSWER THE PHONE, die schöne Teeniekomödie MY CHAUFFEUR oder der Vietnam-Heimkehrer-Schocker STANLEY sowie der aus mir völlig unerfindlichen Gründen beschlagnahmete DOUBLE EXPOSURE. THE HEARSE ist ein sehr klassischer Mystery- und Geisterfilm, der so gediegen ist, dass besonders Vergnügungssüchtige ihn wahrscheinlich als „stinklangweilig“ bezeichnen würden. Soweit würde ich zwar nicht gehen, aber um den Schlaf gebracht hat mich THE HEARSE definitiv nicht.

Die Story um die alleinstehende Jane Hardy (Trish Van Devere), die nach einem Jahr voller Schicksalsschläge Ruhe im Haus ihrer verstorbenen Tante irgendwo in der nordkalifornischen Provinz sucht, und dort nicht nur von der abweisenden Dorfgemeinschaft (darunter Joseph Cotten), sondern auch von übersinnlichen Phänomenen heimgesucht wird, gewinnt keinen Originalitätspreis. Auszeichnungswürdig ist allenfalls die Ehrfurcht gebietende Geduld, mit der George Bowers seine Geschichte erzählt. Selbst am Schluss, wenn sich die Ereignisse zuspitzen, verliert er nicht die Ruhe und endet dann, ohne allzu großen Schaden angerichtet zu haben.

Ich weiß, das klingt jetzt nicht nach viel und ich wüsste auch nicht, was ich an THE HEARSE hervorheben sollte, wenn nicht diese Gemütlichkeit, die ja auch mal ganz wohltuend sein kann. Der Film hat definitiv etwas Fernsehhaftes, er ist wenig mehr als grundsolides Handwerk und bleibt auch, wenn die Satanisten losgelassen werden, immer mit beiden Füßen fest am Boden. Das lässt sich auch über Trish Van Devere sagen – langjährige Partnerin des grummeligen George C. Scott -, die bemerkenswert souverän mit dem Spuk umgeht und eine angenehme Abwechslung von den kreischigen Scream Queens des Horrorfilms ist, die beim geringsten Zeichen von Gefahr noch nicht einmal mehr geradeaus laufen können. In einer Nebenrolle ist neben dem jungen Christopher McDonald auch Blondschöpfchen Perry Lang als jugendlicher Verehrer der Protagonistin zu sehen: Er sollte später den ziemlich geilen Dolph-Lundgren-Kracher MEN OF WAR inszenieren, der auf der nach oben offenen Erregungsskala in ganz anderen Sphären residiert als THE HEARSE.

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Der ehemalige „Driver“ Harry Garmes (George C. Scott) lebt allein und zurückgezogen an der Algarve und trauert seinem vergeudeten Leben hinterher. Als er den Auftrag bekommt, den Schwerverbrecher Paul Rickart (Tony Musante) nach dessen Gefängnisausbruch in Spanien aufzusammeln und gemeinsam mit seiner Freundin Claudie (Trish Van Devere) nach Frankreich zu bringen, schlägt er ein. Doch seine Auftraggeber spielen ein falschen Spiel und wollen Paul in Wahrheit umbringen. Als Harry ihm das Leben rettet, steht auch er auf der Abschussliste. Gemeinsam beschließen die drei, mit Harrys Fischerboot nach Afrika zu fliehen …

Die von mir bei 10 RILLINGTON PLACE diagnostizierte erkennbare Abkehr Fleischers von den großen, aufgeblasenen und „wichtigen“ Studiofilmen und die Hinwendung zu wieder etwas kleineren, dichteren und kompakteren Stoffen setzt sich in THE LAST RUN fort, einem schwer melancholischen, nicht nur aufgrund der Schauplätze sehr europäisch anmutenden Film, der den Bogen zu Fleischers Noirs aus den späten Vierziger- und frühen Fünfzigerjahren schlägt. Diese Ausrichtung war jedoch nicht allein auf ihn zurückzuführen, denn Fleischer war für den eigentlichen Regisseur John Huston eingesprungen, der nach wenigen Drehtagen das Handtuch geworfen hatte, entnervt von den Streitereien mit seinem Hauptdarsteller George C. Scott, der nicht nur das Drehbuch umschreibe wollte, sondern auch mit der Hauptdarstellerin Tina Aumont nicht zufrieden war. Im Nachhinein muss man sagen, dass Scott zumindest aus seiner Perspektive durchaus Recht hatte: Trish Van Devere, die Tina Aumont schließlich ersetzte, wurde wenig später seine Ehefrau und blieb dies auch bis zu seinem Tod im Jahr 1999. (Seine damalige Noch-Ehefrau Colleen Dewhurst spielt in THE LAST RUN ebenfalls mit, und zwar eine Prostituierte, der sich Harry regelmäßig „anvertraut“.)

Ein paar Worte vorab, denn es fällt mir ein bisschen schwer, den Film angemessen zu bewerten: Ich habe ihn nur in der deutschen Videofassung gesehen, die das Cinemascope des Films auf ein lausiges Vollbild zurechtstutzt und deren deutsche Schnoddersynchro den melancholisch-existenzialistischen Grundton des Films dezent unterwandert. Ersteres tut in einem Film, der fast ausschließlich in einem Auto spielt und dementsprechend entscheidend von der umgebenden Landschaft geprägt wird, schon ziemlich weh, und letztere sorgt im Laufe der 90 Minuten ebenfalls für kleinere Irritationen. So wird George C. Scott von Bud-Spencer-Sprecher Wolfgang Hess synchronisiert, der die Männlichkeit Scotts ihrer sexuellen Komponente weitestgehend beraubt und durch eine asexuelle Onkelhaftigkeit ersetzt, die der Glaubwürdigkeit der sich anbahnenden Liebesgeschichte zwischen ihm und der deutlich jüngeren Claudie mehr als nur etwas im Wege steht. Dieser Makel lässt sich auf die gesamte Synchro ausweiten, die das Folienhafte der Figuren noch verstärkt: Paul ist eine Nummer zu frech und aufmüpfig, Garmes eine Nummer zu müde und entspannt. Die Differenz zwischen beiden schien mir etwas zu groß, als dass der sich vollziehende Umschwung in eine Art Vater-Sohn-Beziehung wirklich plausibel wäre. THE LAST RUN ist mittlerweile in der Warner Archive Collection auf DVD-R erschienen (und bereits auf dem Weg zu mir), sodass ich mir in Bälde einen Eindruck darüber verschaffen kann, ob die deutsche Fassung die genannten Probleme exklusiv für sich beanspruchen kann oder ob sie auch in der Originalfassung zu beobachten sind.

THE LAST RUN erzählt eine bekannte Geschichte: die vom Ex-Profi, der sein Handwerk noch einmal aufnimmt, obwohl sich die Zeiten gewandelt haben, und der erkennen muss, dass es an der Zeit ist, der nächsten Generation Platz zu machen. George C. Scott interpretiert seinen Harry Garmes als traurigen Romantiker: Der Versuch, ein Leben als Fischer zu leben – wahrscheinlich Harrys Sentimentalität geschuldet -, ist an der eigenen Halbherzigkeit gescheitert. Dass er seinem Schicksal nicht entfliehen kann, wird deutlich, wenn er sein Ein und Alles – einen seltenen 1956er BMW 503 Cabrio – poliert und für seinen Auftrag fertig macht: Dann erkennt man die Akribie, Leidenschaft und Liebe, die den Profi auszeichnet. Er kann nichts anderes tun. Später wird sich an eben jenem Auto, das auch ein Bild für den alternden Harry ist, ein Dialog mit Paul entzünden: Als Harry seinen Wagen liebevoll als „Burschen“ bezeichnet, macht sich Paul über ihn lustig. Ein Auto sei doch nur ein Ding, sagt er. „Bei dir ist alles nur ein Ding“, erwidert Harry. Und als das Auto den Geist aufgibt, nur noch mit gedrosselter Geschwindigkeit fahren kann, ahnt der Zuschauer, dass es auch mit Harry langsam zu Ende geht. Der Generationenkonflikt zwischen Harry und Paul ist ja ein Standard des Actionfilms, in dem der Profi von damals dem Profi von heute Platz machen muss, weil ihn seine Treue zu bestimmten Werten in der Gegenwart benachteiligt. Die Sentimentalität und Melancholie Harrys, seine persönliche Involvierung, machen ihn verwundbar, besiegeln letzten Endes sein Schicksal. Er erkennt sich in Paul, sorgt sich deshalb um Claudie und beschließt deshalb den beiden zu helfen – nicht zuletzt, um Abbitte zu leisten für vergangene Sünden. Die Fahrt durch die unwirtliche Landschaft Spaniens wird für Harry zur Fahrt über den Styx: Am Ende ist er tot, aber er hat seinen beiden jüngeren Schützlingen zur Flucht verholfen.

Mehr als seine Handlung zeichnet den Film seine niederdrückende, bleischwere Melancholie aus. George C. Scott, den der Film reizte, weil er ihn an alte Bogart-Streifen erinnerte, stattet seinen Garmes nicht mit dem Altersstarrsinn und dem Zynismus so vieler anderer alter Profis aus, sondern mit einer überraschenden Verwundbarkeit, Müdigkeit und Weichheit. Je länger der Film läuft, umso klarer wird, dass es hier nicht um die Wiederaufnahme eines alten Berufs geht, sondern darum, endgültig Abschied zu nehmen. Die Szenen, in denen sich noch einmal eine Chance auf eine lebbare Zukunft für Harry zu eröffnen scheint, wirken im Nachhinein umso schmerzhafter. Ebenso wie die Begeisterung Pauls für die Großen der Gangstergeschichte: Niemand wird sich an ihn oder Harry später noch erinnern. Das Gangsterdasein ist eben doch nur für Außenstehende romantisch. THE LAST RUN ist ein trauriger Film über Menschen, deren Lebensweg bis zum Ende vorgezeichnet ist. Was sie dann versäumt haben werden, erkennen sie nicht, weil sie im Hier und Jetzt gefangen sind, beschränkt in ihrer Wahrnehmung und ihren Handlungsoptionen. Das Leben scheint noch lang, offen für alle möglichen Veränderungen, dabei sind die Schienen schon bis zum Ende ausgelegt. Der Blick zurück ist immer mit Schmerzen und Reue verbunden, der Erkenntnis, das Leben verschwendet zu haben. Tiefster, schwerster Existenzialismus. Nichts verdeutlicht das so sehr wie die Rolle von Italo-Western-Dauergast Aldo Sambrell, der einen mit Harry befreundeten Fischer spielt. Er hat genau zwei Szenen. Und in der zweiten ist er tot.