Mit ‘Tupac Shakur’ getaggte Beiträge

MPW-16164JUICE gehört wie BOYZ N THE HOOD, MENACE II SOCIETY oder NEW JACK CITY zur Welle von Filmen mit spezifisch afroamerikanischen Themen, die zu Anfang der Neunzigerjahre in die Kinos schwappte und markiert außerdem das Schauspieldebüt des damals gerade 20 Jahre alten Tupac Shakur. Er war zu jenem Zeitpunkt noch ein Unbekannter, doch zeigt er hier bereits das immense Charisma und Talent, die ihn in den folgenden Jahren bis zu seinem frühzeitigen Tod im Jahr 1996 zum Superstar machen sollten. JUICE ist „nur“ ein guter Film, der hierzulande unter zudem nur auf Video veröffentlicht wurde, aber wenn man eine Ahnung davon haben will, was Shakur zum auch heute noch vermissten Idol machte, kommt man an ihm nicht vorbei.

JUICE ist auch das Regiedebüt von Ernest Dickerson, der seine Karriere als Kameramann bei „schwarzen“ Filmen wie John Sayles‘ THE BROTHER FROM ANOTHER PLANET, KRUSH GROOVE oder EDDIE MURPHY: RAW begann und dann lange Jahre zum Stab von Spike Lee gehörte, für den er SHE’S GOTTA HAVE IT, DO THE RIGHT THING, MO‘ BETTER BLUES, JUNGLE FEVER und MALCOLM X ablichtete. Als Regisseur konnte Dickerson nie wirklich ein eigenes Profil entwickeln, inszenierte meistens formelhafte, oft mit Rappern besetzte Genrefilme wie SURVIVING THE GAME (mit Ice-T), den frühen Sandler-Film BULLETPROOF, BONES (mit Snoop Dogg) oder NEVER DIE ALONE (mit DMX). Sein größter Hit war wahrscheinlich der TALES FROM THE CRYPT-Kinofilm DEMON KNIGHT, den in Deutschland schwachsinnigerweise gar eine Beschlagnahmung ereilte. Heute arbeitet er fast ausschließlich fürs Fernsehen. Dass Dickerson durchaus ambitioniert war, zeigt JUICE, aber eben auch, dass es ihm nicht wirklich gelang, Schwächen des Drehbuchs auszugleichen.

In JUICE geht es um vier Freunde – den angehenden DJ Q (Omar Epps), Raheem (Khalil Kain), Steel (Jermaine Hopkins) und Bishop (Tupac Shakur) -, die lieber die Straßen von Harlem unsicher machen, als die Schulbank zu drücken. Sie hängen rum, machen Blödsinn, rennen vor den Cops davon. Aber Bishop ist das bald nicht mehr genug: Er will etwas machen aus seinem Leben, will nicht länger weglaufen, sondern den „Respekt“ seiner Mitmenschen. Er überredet die Kumpels zu einem Überfall, der fürchterlich schiefgeht: Erst erschießt er ohne Not den Ladenbesitzer, dann Raheem, der ihn zur Rede stellt. Q und Steel stehen nun vor einer schwierigen Entscheidung: Sollen sie den Tod ihres besten Freundes ungesühnt lassen oder zur Polizei gehen und so auch ihr eigenes Schicksal besiegeln? Und Bishop weiß natürlich, dass die Mitwisser eine Bedrohung für ihn darstellen, solange sie am Leben sind.

Die erste Hälfte des Films ist stark, fängt sehr überzeugend diese Unbeschwertheit der Jugend ein, die noch keine Konsequenz, nur Leichtigkeit und Spaß kennt. JUICE beginnt mit einer tollen Parallelmontage, die die vier Protagonisten bei ihrem Start in den Tag zeigt, schlägt dann einen gleichermaßen beschwingten wie gemütlichen Rhythmus an: Der Zuschauer folgt den Freunden bei ihrem ziellosen Weg durch ihr Viertel, hört ihnen zu, lernt sie mit ihren unterschiedlichen Stimmen, Ansichten, Gewohnheiten und Manierismen kennen. Ich liebe Filme, die nicht so sehr durch eine Handlung strukturiert werden, sondern eher durch einen Ort, den man erkundet wie ein Tourist in der Obhut eines Fremdenführers, der nicht Sehenswürdigkeiten abklappert, sondern einem tatsächlich Einblick in das lokale Leben gewährt. JUICE ist so ein Film und ich hätte mich mit ihm gern noch tiefer nach Harlem begeben. Aber zur Hälfte setzt dann eben der Plot ein, der alle Figuren einschnürt, wo sie vorher einfach sein durften. Bishop wird zum machtgeilen, augenrollenden Psychopathen, der keine Freunde und kein Mitgefühl mehr kennt, und in einem actionreichen Showdown natürlich seiner gerechten Filmstrafe zugeführt werden muss. Mehr als an andere Filme, die sich seinerzeit mit dem Leben junger Afroamerikaner und ihrer Konfrontation mit institutionellem Rassismus auseinandersetzten, erinnerte mich JUICE in dieser zweiten Hälfte an die bürgerlich-konservativen Home-Invasion-Thriller, die ebenfalls zu jener Zeit reüssierten (eine interessante Koinzidenz übrigens), in denen brave Ehepaare sich plötzlich einem Irren gegenüber sehen, der alle ihre Werte infrage stellt. Dickerson macht sich leider keine Mühe, Bishops Motivation nachvollziehbar zu machen: Der Bruch im Film ist unübersehbar. Diese erste, bärenstarke Hälfte nimmt ihm allerdings niemand weg.

 

biggie_26_tupac_dvdIch weiß noch ganz genau, wo ich war, als ich die Nachricht vom Tod Tupac Shakurs hörte. Ich kannte die Musik des Rappers zu diesem Zeitpunkt seit ca. vier, fünf Jahren, wusste sonst aber nur wenig über ihn (in diesen dunklen Vor-Internet-Zzeiten war es noch schwierig, Informationen über Themen zu bekommen, die abseits des Mainstreams lagen, und US-Hip-Hop gehörte zumindest im Deutschland der frühen bis mittleren Neunziger definitiv noch dazu), aber die Nachricht traf mich so sehr, dass ich selbst überrascht war. Shakur hatte kurz zuvor das Doppelalbum „All Eyez on me“ vorgelegt, vielleicht das letzte große Album der G-Funk-Ära, die mit Dr. Dres „The Chronic“ begonnen hatte, der Gipfel eines mehrjährigen Aufstiegs, dessen Ende nicht abzusehen war. Selbst seine Ausflüge ins Schauspielfach ernteten Anerkennung – durchaus nicht selbstverständlich für einen Popstar: Tupac schien zum Superstardom geboren. Bis ihn in der Nacht vom 13. September 1996 mehrere Schüsse aus dem Leben rissen.

Tupacs Tod brachte auch einen schwelenden Konflikt zum Ausbruch, resultierte im „Krieg“ zwischen East- und West Coast. Als Auftakt gilt heute eine anheizende Rede, die Death-Row-Labelchef und Westküsten-Capone Suge Knight bei den Source-Awards, der Preisverleihung des gleichnamigen Hip-Hop-Magazins, 1995 gehalten und damit Bad Boy, das Label von Ostküstenkonkurrent Sean „Puffy“ Combs, diffamiert hatte. Bad Boy war auch die Heimat von Christopher Wallace, besser bekannt als „The Notorious B.I.G.“, eines schwergewichtigen New Yorker Rappers, der mit intelligenten, wortgewandten und vielschichtigen Raps binnen weniger Jahre ebenfalls zu einem Rising Star mit schier endlosem Potenzial herangereift war. Er zeichnete sich durch eine tiefe Stimme aus, aus der eine Lebenserfahrung und Weisheit sprach, die sein junges Alter weit überstieg, doch er inszenierte sich nicht als Ghettopoet wie Tupac, sondern als Pulp Auteur, der seine und die Erfahrungen seiner Freunde in schillernden Crime Stories voller schwarzem Humor verpackte. Tupac und Biggie waren Freunde, Verbündete ihrer Kunst, doch in dem Krieg wurde diese Freundschaft aufgerieben: Als Tupac starb, wurde sofort das Gerücht lanciert, Bad Boy und Biggie stünden hinter der Ermordung. Tupac war schon zwei Jahre zuvor Opfer eines Attentats geworden, hinter dem er seinem Konkurrenten und dessen Entourage vermutete. Es war demnach zwar ein Schock, aber auch keine allzugroße Überraschung als Wallace im Frühjahr 1997, kurz nach der Veröffentlichung seines zweiten, prophetisch „Life after Death“ betitelten Albums, ebenfalls erschossen wurde. Der Verdacht eines Vergeltungsschlags lag nahe. Bis heute sind die genauen Umstände der beiden Exekutionen nicht geklärt, es kam nie zu einer Anklage. Ein von Voletta Wallace, Biggies Mutter, angestrebtes Verfahren gegen das LAPD, wurde 2010 abgeschmettert.

Nick Broomfields umstrittene Dokumentation stützt sich im Wesentlichen auf die These des aus dem Dienst entlassenen LAPD-Cops Russell Poole (der auf seinem Bürofernseher einmal Elvis und einmal Stevie Nicks laufen hat): Beide Morde gingen auf das Konto von Suge Knight, der den sich mit Abwanderungsgedanken tragenden Shakur abstrafte und den Mord an Wallace als vermeintlichen Vergeltungsschlag initiierte, um den Verdacht von sich abzulenken. Möglich wurden die beiden Morde durch die tatkräftige Unterstützung von Beamten des LAPD, von denen einige sich ein Zubrot als Leibwächter von Knight verdienten. Diese Verschwörungstheorie gilt als überholt und widerlegt, seit die L.A. Times kurz nach Erscheinen des Films das Ergebnis eigener Recherchen veröffentlichte. Nach deren Untersuchungen war Wallace durchaus nicht ganz unbeteiligt an der Ermordung Tupacs, während Knight nichts damit zu tun hatte. Die Kritik an Broomfields BIGGIE AND TUPAC beklagte vor allem die Leichtgläubigkeit des Filmemachers gegenüber seinen Zeugen: Poole sei nicht ohne Grund entlassen worden, zahlreiche andere, die Broomfield vor die Kamera zerrte, seien zweifelhafte Charaktere, die in späteren Verfahren zudem immer wieder angegeben hatten, unter psychischen Problemen gelitten zu haben. Er habe sich zudem vom Charme von Voletta Wallace einwickeln lassen, ihren Erzählungen über die Gutmütigkeit ihres Sohnes bedingungslos geglaubt, sich hingegen von der Weigerung von Tupacs Mutter, der ehemaligen Black-Panther-Aktivistin Afeni Shakur, ihm ein Interview zu geben oder auch nur Musik ihres Sohnes für den Soundtrack zur Verfügung zu stellen, negativ beeinflussen lassen. Echte Beweise würden zudem nie geliefert, die ganze Argumentation stütze sich letztlich auf die Aussagen höchst fragwürdiger Menschen.

Aber selbst wenn diese Kritik zutrifft, ändert das nichts daran, dass BIGGIE AND TUPAC ein höchst faszinierender und ungewöhnlicher Dokumentarfilm ist. Gerade die Tatsache, dass Broomfield da eine wahrlich beeindruckende Galerie seltsamer Vögel vor die Kamera zerrt, verleiht dem Film seinen Reiz. Verschwörungstheorien nachhängende oder kriminelle Ex-Cops, verurteilte Hochstapler mit Tourette-Syndrom, Ex-Bodyguards mit Rottweilerzucht und Cowboyhut, die ihre eigenen Aussagen abstreiten, Gangster, drittklassige Rapper, alte Weggefährten und natürlich, als krönender, denkwürdiger Abschluss, der einsitzende Suge Knight himself: Broomfield holt sie alle vor die Kamera und lässt sie reden und sein Film gewinnt durch den Kontrast zwischen diesen zwielichtigen Charakteren, die geradewegs einem alten Blaxploitation-Streifen entsprungen scheinen, und der schmalen, blässlichen Statur des britischen Filmemachers selbst, der, mit Mikrofon und Kopfhörer bewaffnet, ein bisschen wie ein Student aussieht, einen durchaus komischen Unterton. Broomfield bewegt sich hier völlig außerhalb seiner Komfortzone und scheint sich dessen mehr als bewusst zu sein.

Pleiten säumen seinen Weg, werden gnadenlos mitinszeniert: Als er einen alten Kumpel von Tupac trifft, von dem er ein Tape mit uralten Demoaufnahmen kaufen will, um den Mangel an Musik des Rappers wettzumachen, übertönt erst ein Helikopter den Sound aus dem kleinen Kassettenrekorder, dann kann sich der Freund nicht zu einem Verkauf des vermeitnlcihen wertvollen Tonbands entschließen. Als Broomfield in einem bunkerartigen Appartementhaus zögerlich an die Eisentür des dort lebenden Ex-Bodyguards von Biggie klopft, öffnet der Hüne mit einem Lachen und den Worten: „You knock like you scared.“ Danach erklärt er dem neugierig lauschenden Briten, das geöffnete Jalousien ein „white people thing“ seien. Suge Knights Stellvertreter lehnt am Telefon ein Interview mit Hinweis auf Broomfields Heidi-Fleiss-Film, der ihm überhaupt nicht gefallen haben, ab. Und wenn der Filmemacher Knight am Schluss im Gefängnis aufsucht, kann er sich den Hinweis nicht verkneifen, dass sein eigentlicher Kameramann sich aus Angst geweigert habe, mitzukommen. Der Vertreter filmt dann auch schon einmal ziellos ins Blaue hinein, „auf der Suche nach einem möglichen Fluchtweg“, wie Broomfield spöttisch kommentiert. In diesem letzten Kapitel fühlt man sich fast wie in einem Found-Footage-Film: Suge Knight ist durch das von ihm immer wieder eingeblendete Bildmaterial und die Aussagen über ihn zu einem echten Monstrum aufgebaut worden und man fürchtet tatsächlich um das Leben Broomfields, als dieser sich dem geschätzte drei Meter größeren Ex-Footballspieler mit der Unbedarftheit eines Kindes annähert. Der Dämon wird dann während des Interviews schnell entzaubert: Vor einem sitzt ein in der kalifornischen Sonne schwitzender Bär, der wie so viele Protagonisten des Films beharrlich um den heißen Brei herumlaviert.

Broomfields BIGGIE AND TUPAC mag von der Realität mittlerweile eingeholt worden sein, aber sehenswert ist er dennoch. Ganz abseits seiner beachtlichen „Schauwerte“ und der Faszination, die von solchen Verschwörungstheorien immer ausgeht, ist er vor allem als Metadokumentation unbezahlbar, zeigt er doch eindrucksvoll, wie entscheidend die Person des Dokumentarfilmers selbst für die gewonnenen Erkenntnisse ist, wie schwierig es ist, als Außenstehender Einblicke in einen verschworenen Kreis zu bekommen, wie leicht man Opfer von Beeinflussung und dem Wunsch wird, die große Enthüllung zu liefern.