Mit ‘Ulrich Beiger’ getaggte Beiträge

maedchenDie Programmierung von Hofbauers MÄDCHEN BEIM FRAUENARZT, einem der unzähligen Reportfilme, die im Zuge des massiven Erfolgs von SCHULMÄDCHEN-REPORT in Fließbandproduktion gingen, im direkten Anschluss an den niederschmetternden DIE SPALTE zeugte von einer gewissen Chuzpe, aber natürlich auch vom grenzenlosen Vertrauen der Veranstalter in die moralische Standfestigkeit ihres Publikums (die ihm ja auch Matthias Dell in seinem schönen Radiobeitrag bestätigte). Legte Ehmck den männlichen Sexismus, der die Frau zum bloßen Befriedigungsautomat degradiert, in seinem Film noch gnadenlos bloß, werden Vergewaltigung und Demütigung in Hofbauers im selben Jahr entstandenen Werk wie gewohnt als sportliches Missverständnis verharmlost oder die Verantwortung dafür gleich der Frau in Schuhe geschoben, die keine Ahnung hat, was sie mit ihrem aufreizenden Auftritt anrichtet oder schon in ihrem Körperbau die labile Opfermentalität erkennen lässt, die Männern kaum eine andere Wahl lässt.

Richtig abstoßend wird MÄDCHEN BEIM FRAUENARZT aber nie, dafür sorgen zum einen krasse Unbedarftheit, mit der da die unglaublichsten Behauptungen aufgestellt werden, zum anderen Hofbauers verspielt-schwungvolle Regie. Der größte formale Kniff des Films ist es, alle Szenen in der Praxis des Gynäkologen aus dessen Sicht zu filmen, obwohl auch der vor allem auf die verquere Denke der Macher schließen lässt, bedürften doch eigentlich eher die Patientinnen des Schutzes der Anonymität. Aber so kommt der geneigte männliche Betrachter natürlich in den „Genuss“, dass sich die hilfesuchenden Mädels direkt an ihn wenden, er in den explizitesten Szenen des Films selbst durch das Spekulum geradewegs in sie hineinblicken darf. Die kurzweilig aneinandergereihten Episödchen, von denen der mit gewissenhaft-vertrauensvoller Stimme dozierende Frauenarzt berichtet, erzählen genau jene Geschichtchen, die man angesichts des Sujets erwarten durfte. Meist geht es um frühreife Früchtchen, die sich beim Liebesspiel diverse Verletzungen oder auch Erkrankungen hinzugezogen haben und nun höchst verschämt den Weg zum Frauenarzt antreten, der sich dem Zuschauer gegenüber auch die ethische Einordnung seiner Patientinnen nicht verkneifen mag. Illustriert werden dies Episoden um etwa eine Infektion mit den Gonokokken gern mit pseudoseriösen Grafiken, die den flächendeckenden Einfall weißer Pünktchen, vornehmlich natürlich aus dem geilen Süden, ins Bundesgebiet zeigen und heute wahrscheinlich von AfD oder PEGIDA für andere, weniger medizinische Zwecke verwendet werden (allerdings mit schwarzen Pünktchen).

Besonders gut gefallen hat mir an MÄDCHEN BEIM FRAUENARZT, wie er nach jedem Schicksalsschlag und jeder Härte immer wieder möglichst schnell zu seinem flapsig-humorvollen Ton zurückfindet. Das Mädchen mit dem wunderschönen, ja geradezu perfekten Busen, das von seinem vollkommen bescheuerten Angebeteten – einem verwöhnten Rotzjungen mit ca. hundert Halsketten, eigener Mopszucht und Oldtimer – tatsächlich wegen mangelnder Oberweite ausgelacht wird, wird von Frauenarzt und Sprechstundenhilfe anschließend in einen heiter bis frivolen Dialog verwickelt, der den Schicksalsschlag, ohne Atombusen auf die Welt gekommen zu sein, gleich nur noch halb so schlimm erscheinen lässt; und als Hauptursache für Unterleibsentzündungen werden vom Arzt nicht etwa Infektionen genannt, sondern die Tatsache, dass Jugendliche „heutzutage“ so gern in Unterwäsche auf dem Boden rumsäßen. MÄDCHEN BEIM FRAUENARZT ist also nicht nur ein flammendes Plädoyer für Aufklärung – wie oben schon erwähnt etwa darüber, wie man den Charakter eines Mädchens an ihrem Körperbau ablesen und so prognostizieren kann, wie sie nach der ruppigen Entjungferung so „drauf“ ist -, sondern auch für die ordentliche Bestuhlung von Jugendzimmern. Wie fast alle Reportfilme also ein unverzichtbarer Ratgeber in allen Lebenslagen und mithin ein idealer Abschluss des offiziellen Kongressprogramms.

foersterchristel-dieEntgegen der Vermarktung des DVD-Labels Filmjuwelen, die DIE FÖRSTERCHRISTEL in ihrer Heimatfilm-Schiene veröffentlichten, handelt es sich bei Rabenalts Adaption der Operette von Georg Jarno und Bernhard Buchbinder aus dem Jahr 1907 um eine romantische Verwechslungskomödie, die im Ungarn der k.u.k-Zeit, genauer im Jahr 1849, angesiedelt ist. (Der Stoff war bereits 1926 und 1931 verfilmt worden, beide male von Frederic Zelnik, 1962 besorgte Franz Josef Gottlieb dann ein weiteres Update.) Im Mittelpunkt der Handlung steht, wenig überraschend, das liebreizende Förstertöchterchen Christel (Johanna Matz), um das sich im Verlauf der Handlung gleich drei Männer balgen. Da ist zum einen der etwas aufgeblasene Simmerl (Ulrich Beiger), der sich überall als kaiserlicher Hofbeamter ausgibt, wie sich später herausstellt aber nur ein einfacher Schneider ist. Für größere Gefühlswallungen sorgt indes der feurige Ungar Földessy (Will Quadflieg), der mit schwarzen Augen seine Geige malträtiert und ihr beinahe dämonische Klänge entlockt: Bei ihm handelt es sich eigentlich um den ehemaligen Rebellenhauptmann Koltai, der auf eine Begnadigung durch Kaiser Franz Joseph (Karl Schönböck) hofft, der sich für einen Jagdbesuch angekündigt hat. Beim Spaziergang durch die Wälder begegnet eben jener Kaiser der Christel, die ihn für einen Jäger hält und für unbefugtes Betreten fremden Jagdgebiets festsetzt. Der Kaiser ist entzückt von der forschen, ehrlichen und auch naiven Art des Mädchens und macht das Spielchen mit. Christel hat keine Ahnung, wen sie da tatsächlich vor sich hat, und nimmt deshalb kein Blatt vor den Mund. Das Verwirrspiel löst sich bei einem großen Fest im Schloss des Kaisers auf, bei dem Christel die ehrlichen Avancen des Kaisers ablehnt und auch ein gutes Wort für Koltai ablegt, der daraufhin pardoniert wird. Seine große Achtung für Christel drückt der Kaiser am Ende dadurch aus, dass er Koltai auffordert, sie zu heiraten, bevor er die Heimreise antritt.

Die schlimmen Erwartungen, die der fürchterlich staubige Titel evoziert, haben sich glücklicherweise nicht bewahrheitet. Rabenalts Film bleibt erwartungsgemäß dem Eskapismus verpflichtet, bedient vor 60 Jahren ebenso wie heute gepflegte Fantasien vom höfischen Leben und dem Edelmut des Adels sowie natürlich den Traum vom sozialen Aufstieg und der Klassengrenzen überschreitenden und der jeder Verlockung widerstehenden, wahren Liebe, ist dabei aber immerhin recht schwungvoll und amüsant. Zumindest dann, wenn man es schafft, sich auf den speziellen, ähem, „Charme“ solcher hinsichtlich ihrer sozialen Vorstellungen vollkommen überholten Werke einzulassen. Gleich zu Beginn wird das Klischee vom „halbwilden“ Ungar bedient und Will Quadflieg darf als stolzer Soldat Koltai stets mit aufmüpfiger schwarzer Locke, tollkühn geschwungener Augenbraue und stechend herausforderndem Blick durchs Bild stolzieren. Kein Wunder, dass die biedere Christel es bei soviel nassforscher Virilität mit der Angst zu tun bekommt. Das weibliche Pendant Koltais ist die wilde Bardame Ilona (Angelika Hauff), die die männlichen Besucher ihrer Gaststätte schier um den Verstand bringt, wie sie da ihre wohlgeformten Schenkel bis an die Decke wirft und ihren wollüstigen Körper im Rhythmus der Musik umherwirft (überhaupt ist der Film stellenweise erstaunlich freizügig). Demgegenüber verkörpert die Christel biederes und zudem reichlich fantasieloses Untertanentum: Die Naivität, die der Kaiser so entzückend findet, kann man auch weniger nachsichtig als bloße Dummheit bezeichnen, die gar nicht mehr so süß ist, wenn sie mit dem vorauseilenden Gehorsam und der Blockwartmentalität des herrschaftstreuen Bürgers gepaart wird, dem das Förstermädel idealtypisch entspricht. Christel vergeht fast vor Ehrfurcht, als sie dem Kaiser gegenübersteht und für einen Abend in seinem Schloss herumtollen darf. Frauenrechtlerinnen reißen sich wahrscheinlich die Haare aus angesichts des in diesem Film propagierten Frauenbilds, aber wenn man weniger ideologisch an ihn herangeht, muss man zugeben, dass Christel mit der Erkenntnis, doch nur eine dumme Landpomeranze zu sein, die besser in ihrem Wald bleibt und ihrem Mann das Gulasch kocht, anstatt ihre bornierte Mentalität in alle Welt hianszutragen, eindeutig Sympathiepunkte einheimst.

Regisseur Arthur Maria Rabenalt war 1952 bereits ein Veteran mit rund 20-jähriger Erfahrung. Dass er sich mit den Nazis arrangiert hatte, wurde ihm später oft vorgeworfen, auch wenn er immer etwas zahnlos betonte, in jener Zeit nur „unpolitische“ Filme gedreht zu haben. Er inszenierte in den Fünfzigerjahren zahlreiche leichte Lustspiele sowie den Quasi-Horrorfilm ALRAUNE mit Hildegard Knef und Erich von Stroheim, bevor es ihn in den Sechzigerjahren zum Fernsehen verschlug, DIE FÖRSTERCHRISTEL ist auch dank seiner temporeichen Inszenierung recht wohl geraten, wirkt im Vergleich mit anderen Filmen seiner Zeit geradezu frisch. Großen Anteil daran hat Kameramann Friedl Behn-Grund, der die Geschichte in kontrastreichen Bildern und mit bisweilen beeindruckenden Natur- und Landschaftsaufnahmen einfängt. Auch er hatte eine bewegte Geschichte, fotografierte seinen ersten Film bereits 1924 und später dann unter der Regie von Wolfgang Liebeneiner den Euthanasie-Propagandafilm ICH KLAGE AN. Nach dem Krieg arbeitete er dann für die DEFA und fotografierte u. a. Staudtes DIE MÖRDER SIND UNTER UNS, den ersten deutschen Nachkriegsfilm. Weitere berühmte Titel aus seiner Filmografie sind BEKENNTNISSE DES HOCHSTAPLERS FELIX KRULL, DIE BUDDENBROOKS, ES MUSS NICHT IMMER KAVIAR SEIN, EIN ALIBI ZERBRICHT sowie SCHWEJKS FLEGELJAHRE mit Peter Alexander und wieder unter Liebeneiner.

Ein Trend, der nach Jahrzehnten bizarrer Flops vorerst – endlich? – ad acta gelegt worden zu sein scheint: der Film zum Popstar. Nach A HARD DAY’S NIGHT und HELP!, zwei Höhenflügen des zweifelhaften „Genres“, die die Beatles unter der Regie von Richard Lester vorgelegt hatten, vereinzelten weiteren Glücksfällen wie HEAD (The Monkees) kam nur selten wirklich Gutes bei dem Versuch heraus, Musiker zu Protagonisten „autobiografisch“ angehauchter Filme zu machen. Selbst ein durch und durch fehlgeschlagenes Werk wie KISS IN ATTACK OF THE PHANTOMS erscheint eigentlich schon als positive Überraschung und als konzeptioneller Geniestreich, wenn man ihn mit BIENENSTICH UND DISCO-FIEBER vergleicht, dem „Boney-M.-Film“, der eigentlich nur ein Teeniefilm ist, in den ohne größere Motivation und mit dem Pritt-Klebestift ein paar Tanz- und Gesangsnummern integriert wurden.

So beginnt der Film dann auch mit einer ausgedehnten Nummer der Discogruppe Eruption, bevor der Zuschauer mit den Protagonisten „bekannt“ gemacht wird, einer Gruppe von Schülern, die sich in der mit weißem Kunstfarn ausstaffierten Diskothek „Ice Palace“ austoben. In der Schule fehlt am nächsten Tag logischerweise die Kraft, um sich dem Unterricht zu widmen, stattdessen wird Unfug getrieben, den die Lehrer mit beeindruckender Gleichgültigkeit hinnehmen. Der „Plot“, so es denn einen gäbe, entfaltet sich als Ansammlung austauschbarer Episödchen, die die verzweifelten Versuche der Jungmenschen zum Inhalt haben, sich dem anderen Geschlecht anzunähern. Da sind etwa der Schmierlappen Thomas (Tony Schneider) mit dem romantisch-verträumten, den seriellen Date Raper verbergenden Blick, der etwas von der hübschen blonden Kunstmalerin Eva (Hanna Sebek) will, seine Kumpels Walter und Charly, die noch weniger Erfolg haben (einer von beiden ist etwas dick und daher komisch), sowie die Mädels Brit und Antje, und natürlich die geile Deutschlehrerin (Gisela Hahn). Mal kommt Evas Bruder (Michel Jacot) dazwischen, wenn sie gerade zum Aktmalen schreiten will und zwingt den Besuch nackig aufs Dach (haha!), dann wieder tanzt sie pudelnackt in der Wohnung von Thomas herum, dessen Vater (Ulrich Beiger) nur wenig Verständnis für die Umtriebe der Jugend hat, aber natürlich völlig hilflos ist. Am Ende besucht der Dicke seine Freundin in der Klosterschule und versteckt sich dort mit einer Pulle Schnaps im Wandschrank, weil die Oberschwester mit dem Weihrauch zu Besuch kommt. Wenn der Handlung die Puste ausgeht, was so ca. alle zehn Minuten der Fall ist, trifft man sich schnell wieder im Ice Palace, um dort den Showeinlagen von La Bionda, Eruption oder Tony Schneider himself zu lauschen, es sei denn natürlich The Teens treten für eine Darbietung von Hits wie „Funny, Money, Honey“ gleich im Klassenzimmer auf. Besonders toll ist der orientalisch angehauchte Auftritt von La Bionda, einem Duo, dessen eine Hälfte wie ein chronisch Depressiver mit Trichterbrust aussieht, während die andere mit Balkanschnäuz auch eine erfolgversprechende Karriere als Messerstecher hätte einschlagen können. Mittels eines famosen Special Effects verschwindet Trichterbrust plötzlich aus dem Bild, nur um sich dann in Miniaturversion in der Handfläche des staunenden Balkanschnäuz zu materialisieren und dort seinen Veitstanz aufzuführen.

Irgendwann treten dann endlich Boney M. auf, um ihren Hit „Blue Ribbon“ anzustimmen, und weil der Zuschauer darauf ziemlich lange warten musste, werden die vier Stars gleich in vierfacher Ausführung ins Bild gebeamt, dreimal tanzend und singend, einmal sich selbst dabei zuschauend. Ja, richtig, gebeamt. Boney M. waren nämlich offensichtlich gar nicht persönlich bei den Dreharbeiten anwesend, sondern wurden lediglich per Rückprojektion in den Film hineinmontiert, teilweise gar in grobkörnige Standbilder! Dafür dass Farians Popkreation kurz zuvor noch ein Nummer-1-Album vorgelegt hatte, ist das schon eine ziemlich dreiste Pfennigfuchserei. Während des dramatischen Endes, bei dem Thomas mit dem Motorrad seiner an einem Drachen über Schloss Neuschwanstein kreisenden Eva hinterherfährt und ihr mit Heu die Nachricht „Ich liebe dich!“ ins Gras schreibt, erheben sich dann auch Boney M. an nur unzureichend wegretuschierten Seilen in die Lüfte und trällern ihr schrecklich einfältiges Liedchen „Holiday“ („Hooray, hooray, it’s a holi-holiday“). Hier hebt BIENENSTICH UND DISCO-FIEBER buchstäblich vollends ab, wirft auch noch den letzten Rest von Realitätsbezug und Kohärenz von sich und empfängt den Wahnsinn mit offenen Armen. Eine durch und durch ansteckende Geste der Unterwerfung. Während also Boney M. an Seilen hängend unkoordiniert zwischen den Sternen herumsausten, dabei eine alles andere als galaktische Figur abgebend, zeigten sich auch im Kino-Audtiorium die ersten Einflüsse des harten Stoffs auf die menschliche Psyche: rhythmisches Klatschen, erst verhaltene, dann fröhlich-ausgelassene „Holiday“-Chöre, gepaart mit einem Lachen, dass das Entgleiten jeglicher Restvernunft überdeutlich signalisierte. Den tosenden Schlussapplaus hätten Adorno und Horkheimer sicherlich adäquat zu interpretieren gewusst. Aber ganz ehrlich: So ein bisschen Kulturindustrie-induzierte Entfremdung von sich selbst ist hin und wieder genau das richtige Mittel, um in dieser verrückten Welt die Bodenhaftung zu behalten. Fliegen können andere. Zum Beispiel Boney M. Holi-Holiday.