Mit ‘Ulrich Beiger’ getaggte Beiträge

Zwei Elternpaare glühen für eine Feier vor, die sie gemeinsam besuchen wollen. Die beiden Mütter (Edith Volkmann und Elisabeth Ackermann) kümmern sich um das kleine Katrinchen, der eine Vater (Sieghardt Rupp) bläst ein Ständchen auf der Trompete, der andere (Hubert Suschka) ist jetzt schon in ausgelassener Stimmung. Dazwischen die ältesten Kinder beider Paare: Achim (Sascha Urchs), ein in sich gekehrter, mürrischer Knabe, den keiner so recht beachtet, und Monika (Renate Roland), die als Älteste als Aufpasserin abgestellt ist, aber andere Pläne hat. Keiner denkt daran, sie oder Achim an ihre besondere Verantwortung gegenüber dem Kleinkind zu erinnern. Mit an Verleugnung grenzendem Gottvertrauen überlassen sie die Kinder, zu denen sie überhaupt keine Beziehung zu haben scheinen, ihrem Schicksal, um sich in aller Ruhe volllaufen zu lassen. Wenig später ist Katrinchen tot, mit einer Plastiktüte durch den Bruder erstickt, der gar nicht so recht weiß, was er da getan hat, in der Folge wie ein Gespenst durch die umliegende Brachlandschaft stapft und den Verdacht dann in Richtung Ottos (Jürgen Jung) lenkt, dem Liebhaber Monikas, die sich mit ihm auf dem Rücksitz seines Autos vergnügte, als sie eigentlich ihrer Aufsichtspflicht nachkommen sollte.

Das Schockierende an BÜBCHEN, dem Debüt-Spielfilm von Roland Klick, ist die Beiläufigkeit, mit der sich das Unsagbare ereignet, die Teilnahmslosigkeit, mit er es hingenommen wird, die Hilflosigkeit, die sich darin zeigt, wie schnell man danach zur Tagesordnung übergeht. Warum Achim seine Schwester umbringt, interessiert Klick nicht: Es ist eine Mischung aus Neugier, Frustration, Langeweile und Unwissen, die den ca. zehn- bis zwölfjährigen Jungen dazu bringt, seiner wehrlosen Schwester eine Plastiktüte über den Kopf zu stülpen und dann wegzugehen. Man sieht, wie das Grauen in ihm hochsteigt, als er wenig später ihre Leiche auffindet. Er hat ein Experiment durchgeführt, bei dem sich sein Verdacht am Ende als eine Tatsache bestätigt, die nun leider nicht mehr umkehrbar ist. Wie betäubt läuft der Junge danach herum, über schlammige Bolzplätze, auf denen verdreckte Kinder einem lehmverkrusteten Ball nachjagen, durch leerstehende, mit Müll übersäte Baracken, schließlich über einen Schrottplatz – in dem Bollerwagen, den er hinter sich herzieht, liegt mutmaßlich die Leiche seiner Schwester (man sieht sie nicht) und vieles deutet darauf hin, dass er hofft, sie werde von jemandem entdeckt, um ihm die Entscheidung über die kommenden Schritte abzunehmen. Als die Eltern angeheitert nach Hause zurückkommen, fällt zunächst niemandem auf, dass das Kleinkind verschwunden ist. Erste Fragen – „Wo ist denn Katrinchen?“ – werden in der Gewissheit gestellt, sie tauche gleich schon irgendwo auf. Es dauert eine Ewigkeit, bis man beginnt, nach ihr zu suchen. Und als diese Suche keine Ergebnisse bringt und die Polizei eingeschaltet wird, greift eine emotionale Lähmung um sich. Wo man Tränen, Verzweiflung, Geschrei, Schuldgefühle vermuten würde, sieht man in die langen, ratlosen Gesichter von Erwachsenen, denen jede Idee fehlt, wie sie mit der Situation angemessen umgehen sollen – oder was da überhaupt passiert ist.

Die Szene um die Tötung Katrinchens ist schrecklich, so kurz sie von Klick auch gehalten wird, aber das wirklich Schockierende ist eben diese allumfassende Taubheit. Es wird kaum miteinander gesprochen, alle leben so nebeneinander her, es findet keine Kommunikation statt, die über den Austausch von Allgemeinplätzen hinausginge. Keiner beachtet Achim, noch drückt man ihm gegenüber so etwas wie Zuneigung oder Liebe aus. Er ist einfach da und man erwartet, dass alles seinen Weg geht. Alles ist so grotesk oberflächlich. Die Menschen in BÜBCHEN scheinen in einem Zustand totaler emotionaler Unreife zu existieren, als hätten sie gar keine Vorstellung davon, dass sie nicht unsterblich sind, dass das Leben keine Selbstverständlichkeit ist, dass Unterlassungen manchmal ebenso unangenehme Konsequenzen haben wie Taten.

Ich weiß nicht, ob Klick eine Aussage über die bundesdeutsche Gesellschaft machen wollte, ob es ihm nicht wirklich nur um einen Einzelfall ging, darum, diesen Fall nachzuzeichnen und zu schauen, wie sich so etwas zutragen könnte. Aber ich meine schon, dass man in BÜBCHEN eine Nation zu Gesicht bekommt, die knapp 20 Jahre, nachdem sich die Elterngeneration als Massenmörder, Mitwisser und Weggucker entpuppt hatte, immer noch in einem Schockzustand befand. Deren Bedürfnis, zu einer wie auch immer gearteten Form der Normalität zurückzukehren, so stark war, dass sie einen Zustand erschuf, in dem sie wie in einer Luftblase von allem Bösen geschützt war. In dem das Schreckliche, so es denn dann doch geschah, gar keinen echten Ausschlag mehr hinterließ. Und in dem sie sich nicht anders zu helfen wusste, als am Ende doch wieder nur die alten Verhaltensmuster des Mitmachens, Wegschauens, Verleugnens zu reproduzieren.

 

 

maedchenDie Programmierung von Hofbauers MÄDCHEN BEIM FRAUENARZT, einem der unzähligen Reportfilme, die im Zuge des massiven Erfolgs von SCHULMÄDCHEN-REPORT in Fließbandproduktion gingen, im direkten Anschluss an den niederschmetternden DIE SPALTE zeugte von einer gewissen Chuzpe, aber natürlich auch vom grenzenlosen Vertrauen der Veranstalter in die moralische Standfestigkeit ihres Publikums (die ihm ja auch Matthias Dell in seinem schönen Radiobeitrag bestätigte). Legte Ehmck den männlichen Sexismus, der die Frau zum bloßen Befriedigungsautomat degradiert, in seinem Film noch gnadenlos bloß, werden Vergewaltigung und Demütigung in Hofbauers im selben Jahr entstandenen Werk wie gewohnt als sportliches Missverständnis verharmlost oder die Verantwortung dafür gleich der Frau in Schuhe geschoben, die keine Ahnung hat, was sie mit ihrem aufreizenden Auftritt anrichtet oder schon in ihrem Körperbau die labile Opfermentalität erkennen lässt, die Männern kaum eine andere Wahl lässt.

Richtig abstoßend wird MÄDCHEN BEIM FRAUENARZT aber nie, dafür sorgen zum einen krasse Unbedarftheit, mit der da die unglaublichsten Behauptungen aufgestellt werden, zum anderen Hofbauers verspielt-schwungvolle Regie. Der größte formale Kniff des Films ist es, alle Szenen in der Praxis des Gynäkologen aus dessen Sicht zu filmen, obwohl auch der vor allem auf die verquere Denke der Macher schließen lässt, bedürften doch eigentlich eher die Patientinnen des Schutzes der Anonymität. Aber so kommt der geneigte männliche Betrachter natürlich in den „Genuss“, dass sich die hilfesuchenden Mädels direkt an ihn wenden, er in den explizitesten Szenen des Films selbst durch das Spekulum geradewegs in sie hineinblicken darf. Die kurzweilig aneinandergereihten Episödchen, von denen der mit gewissenhaft-vertrauensvoller Stimme dozierende Frauenarzt berichtet, erzählen genau jene Geschichtchen, die man angesichts des Sujets erwarten durfte. Meist geht es um frühreife Früchtchen, die sich beim Liebesspiel diverse Verletzungen oder auch Erkrankungen hinzugezogen haben und nun höchst verschämt den Weg zum Frauenarzt antreten, der sich dem Zuschauer gegenüber auch die ethische Einordnung seiner Patientinnen nicht verkneifen mag. Illustriert werden dies Episoden um etwa eine Infektion mit den Gonokokken gern mit pseudoseriösen Grafiken, die den flächendeckenden Einfall weißer Pünktchen, vornehmlich natürlich aus dem geilen Süden, ins Bundesgebiet zeigen und heute wahrscheinlich von AfD oder PEGIDA für andere, weniger medizinische Zwecke verwendet werden (allerdings mit schwarzen Pünktchen).

Besonders gut gefallen hat mir an MÄDCHEN BEIM FRAUENARZT, wie er nach jedem Schicksalsschlag und jeder Härte immer wieder möglichst schnell zu seinem flapsig-humorvollen Ton zurückfindet. Das Mädchen mit dem wunderschönen, ja geradezu perfekten Busen, das von seinem vollkommen bescheuerten Angebeteten – einem verwöhnten Rotzjungen mit ca. hundert Halsketten, eigener Mopszucht und Oldtimer – tatsächlich wegen mangelnder Oberweite ausgelacht wird, wird von Frauenarzt und Sprechstundenhilfe anschließend in einen heiter bis frivolen Dialog verwickelt, der den Schicksalsschlag, ohne Atombusen auf die Welt gekommen zu sein, gleich nur noch halb so schlimm erscheinen lässt; und als Hauptursache für Unterleibsentzündungen werden vom Arzt nicht etwa Infektionen genannt, sondern die Tatsache, dass Jugendliche „heutzutage“ so gern in Unterwäsche auf dem Boden rumsäßen. MÄDCHEN BEIM FRAUENARZT ist also nicht nur ein flammendes Plädoyer für Aufklärung – wie oben schon erwähnt etwa darüber, wie man den Charakter eines Mädchens an ihrem Körperbau ablesen und so prognostizieren kann, wie sie nach der ruppigen Entjungferung so „drauf“ ist -, sondern auch für die ordentliche Bestuhlung von Jugendzimmern. Wie fast alle Reportfilme also ein unverzichtbarer Ratgeber in allen Lebenslagen und mithin ein idealer Abschluss des offiziellen Kongressprogramms.

foersterchristel-dieEntgegen der Vermarktung des DVD-Labels Filmjuwelen, die DIE FÖRSTERCHRISTEL in ihrer Heimatfilm-Schiene veröffentlichten, handelt es sich bei Rabenalts Adaption der Operette von Georg Jarno und Bernhard Buchbinder aus dem Jahr 1907 um eine romantische Verwechslungskomödie, die im Ungarn der k.u.k-Zeit, genauer im Jahr 1849, angesiedelt ist. (Der Stoff war bereits 1926 und 1931 verfilmt worden, beide male von Frederic Zelnik, 1962 besorgte Franz Josef Gottlieb dann ein weiteres Update.) Im Mittelpunkt der Handlung steht, wenig überraschend, das liebreizende Förstertöchterchen Christel (Johanna Matz), um das sich im Verlauf der Handlung gleich drei Männer balgen. Da ist zum einen der etwas aufgeblasene Simmerl (Ulrich Beiger), der sich überall als kaiserlicher Hofbeamter ausgibt, wie sich später herausstellt aber nur ein einfacher Schneider ist. Für größere Gefühlswallungen sorgt indes der feurige Ungar Földessy (Will Quadflieg), der mit schwarzen Augen seine Geige malträtiert und ihr beinahe dämonische Klänge entlockt: Bei ihm handelt es sich eigentlich um den ehemaligen Rebellenhauptmann Koltai, der auf eine Begnadigung durch Kaiser Franz Joseph (Karl Schönböck) hofft, der sich für einen Jagdbesuch angekündigt hat. Beim Spaziergang durch die Wälder begegnet eben jener Kaiser der Christel, die ihn für einen Jäger hält und für unbefugtes Betreten fremden Jagdgebiets festsetzt. Der Kaiser ist entzückt von der forschen, ehrlichen und auch naiven Art des Mädchens und macht das Spielchen mit. Christel hat keine Ahnung, wen sie da tatsächlich vor sich hat, und nimmt deshalb kein Blatt vor den Mund. Das Verwirrspiel löst sich bei einem großen Fest im Schloss des Kaisers auf, bei dem Christel die ehrlichen Avancen des Kaisers ablehnt und auch ein gutes Wort für Koltai ablegt, der daraufhin pardoniert wird. Seine große Achtung für Christel drückt der Kaiser am Ende dadurch aus, dass er Koltai auffordert, sie zu heiraten, bevor er die Heimreise antritt.

Die schlimmen Erwartungen, die der fürchterlich staubige Titel evoziert, haben sich glücklicherweise nicht bewahrheitet. Rabenalts Film bleibt erwartungsgemäß dem Eskapismus verpflichtet, bedient vor 60 Jahren ebenso wie heute gepflegte Fantasien vom höfischen Leben und dem Edelmut des Adels sowie natürlich den Traum vom sozialen Aufstieg und der Klassengrenzen überschreitenden und der jeder Verlockung widerstehenden, wahren Liebe, ist dabei aber immerhin recht schwungvoll und amüsant. Zumindest dann, wenn man es schafft, sich auf den speziellen, ähem, „Charme“ solcher hinsichtlich ihrer sozialen Vorstellungen vollkommen überholten Werke einzulassen. Gleich zu Beginn wird das Klischee vom „halbwilden“ Ungar bedient und Will Quadflieg darf als stolzer Soldat Koltai stets mit aufmüpfiger schwarzer Locke, tollkühn geschwungener Augenbraue und stechend herausforderndem Blick durchs Bild stolzieren. Kein Wunder, dass die biedere Christel es bei soviel nassforscher Virilität mit der Angst zu tun bekommt. Das weibliche Pendant Koltais ist die wilde Bardame Ilona (Angelika Hauff), die die männlichen Besucher ihrer Gaststätte schier um den Verstand bringt, wie sie da ihre wohlgeformten Schenkel bis an die Decke wirft und ihren wollüstigen Körper im Rhythmus der Musik umherwirft (überhaupt ist der Film stellenweise erstaunlich freizügig). Demgegenüber verkörpert die Christel biederes und zudem reichlich fantasieloses Untertanentum: Die Naivität, die der Kaiser so entzückend findet, kann man auch weniger nachsichtig als bloße Dummheit bezeichnen, die gar nicht mehr so süß ist, wenn sie mit dem vorauseilenden Gehorsam und der Blockwartmentalität des herrschaftstreuen Bürgers gepaart wird, dem das Förstermädel idealtypisch entspricht. Christel vergeht fast vor Ehrfurcht, als sie dem Kaiser gegenübersteht und für einen Abend in seinem Schloss herumtollen darf. Frauenrechtlerinnen reißen sich wahrscheinlich die Haare aus angesichts des in diesem Film propagierten Frauenbilds, aber wenn man weniger ideologisch an ihn herangeht, muss man zugeben, dass Christel mit der Erkenntnis, doch nur eine dumme Landpomeranze zu sein, die besser in ihrem Wald bleibt und ihrem Mann das Gulasch kocht, anstatt ihre bornierte Mentalität in alle Welt hianszutragen, eindeutig Sympathiepunkte einheimst.

Regisseur Arthur Maria Rabenalt war 1952 bereits ein Veteran mit rund 20-jähriger Erfahrung. Dass er sich mit den Nazis arrangiert hatte, wurde ihm später oft vorgeworfen, auch wenn er immer etwas zahnlos betonte, in jener Zeit nur „unpolitische“ Filme gedreht zu haben. Er inszenierte in den Fünfzigerjahren zahlreiche leichte Lustspiele sowie den Quasi-Horrorfilm ALRAUNE mit Hildegard Knef und Erich von Stroheim, bevor es ihn in den Sechzigerjahren zum Fernsehen verschlug, DIE FÖRSTERCHRISTEL ist auch dank seiner temporeichen Inszenierung recht wohl geraten, wirkt im Vergleich mit anderen Filmen seiner Zeit geradezu frisch. Großen Anteil daran hat Kameramann Friedl Behn-Grund, der die Geschichte in kontrastreichen Bildern und mit bisweilen beeindruckenden Natur- und Landschaftsaufnahmen einfängt. Auch er hatte eine bewegte Geschichte, fotografierte seinen ersten Film bereits 1924 und später dann unter der Regie von Wolfgang Liebeneiner den Euthanasie-Propagandafilm ICH KLAGE AN. Nach dem Krieg arbeitete er dann für die DEFA und fotografierte u. a. Staudtes DIE MÖRDER SIND UNTER UNS, den ersten deutschen Nachkriegsfilm. Weitere berühmte Titel aus seiner Filmografie sind BEKENNTNISSE DES HOCHSTAPLERS FELIX KRULL, DIE BUDDENBROOKS, ES MUSS NICHT IMMER KAVIAR SEIN, EIN ALIBI ZERBRICHT sowie SCHWEJKS FLEGELJAHRE mit Peter Alexander und wieder unter Liebeneiner.

Ein Trend, der nach Jahrzehnten bizarrer Flops vorerst – endlich? – ad acta gelegt worden zu sein scheint: der Film zum Popstar. Nach A HARD DAY’S NIGHT und HELP!, zwei Höhenflügen des zweifelhaften „Genres“, die die Beatles unter der Regie von Richard Lester vorgelegt hatten, vereinzelten weiteren Glücksfällen wie HEAD (The Monkees) kam nur selten wirklich Gutes bei dem Versuch heraus, Musiker zu Protagonisten „autobiografisch“ angehauchter Filme zu machen. Selbst ein durch und durch fehlgeschlagenes Werk wie KISS IN ATTACK OF THE PHANTOMS erscheint eigentlich schon als positive Überraschung und als konzeptioneller Geniestreich, wenn man ihn mit BIENENSTICH UND DISCO-FIEBER vergleicht, dem „Boney-M.-Film“, der eigentlich nur ein Teeniefilm ist, in den ohne größere Motivation und mit dem Pritt-Klebestift ein paar Tanz- und Gesangsnummern integriert wurden.

So beginnt der Film dann auch mit einer ausgedehnten Nummer der Discogruppe Eruption, bevor der Zuschauer mit den Protagonisten „bekannt“ gemacht wird, einer Gruppe von Schülern, die sich in der mit weißem Kunstfarn ausstaffierten Diskothek „Ice Palace“ austoben. In der Schule fehlt am nächsten Tag logischerweise die Kraft, um sich dem Unterricht zu widmen, stattdessen wird Unfug getrieben, den die Lehrer mit beeindruckender Gleichgültigkeit hinnehmen. Der „Plot“, so es denn einen gäbe, entfaltet sich als Ansammlung austauschbarer Episödchen, die die verzweifelten Versuche der Jungmenschen zum Inhalt haben, sich dem anderen Geschlecht anzunähern. Da sind etwa der Schmierlappen Thomas (Tony Schneider) mit dem romantisch-verträumten, den seriellen Date Raper verbergenden Blick, der etwas von der hübschen blonden Kunstmalerin Eva (Hanna Sebek) will, seine Kumpels Walter und Charly, die noch weniger Erfolg haben (einer von beiden ist etwas dick und daher komisch), sowie die Mädels Brit und Antje, und natürlich die geile Deutschlehrerin (Gisela Hahn). Mal kommt Evas Bruder (Michel Jacot) dazwischen, wenn sie gerade zum Aktmalen schreiten will und zwingt den Besuch nackig aufs Dach (haha!), dann wieder tanzt sie pudelnackt in der Wohnung von Thomas herum, dessen Vater (Ulrich Beiger) nur wenig Verständnis für die Umtriebe der Jugend hat, aber natürlich völlig hilflos ist. Am Ende besucht der Dicke seine Freundin in der Klosterschule und versteckt sich dort mit einer Pulle Schnaps im Wandschrank, weil die Oberschwester mit dem Weihrauch zu Besuch kommt. Wenn der Handlung die Puste ausgeht, was so ca. alle zehn Minuten der Fall ist, trifft man sich schnell wieder im Ice Palace, um dort den Showeinlagen von La Bionda, Eruption oder Tony Schneider himself zu lauschen, es sei denn natürlich The Teens treten für eine Darbietung von Hits wie „Funny, Money, Honey“ gleich im Klassenzimmer auf. Besonders toll ist der orientalisch angehauchte Auftritt von La Bionda, einem Duo, dessen eine Hälfte wie ein chronisch Depressiver mit Trichterbrust aussieht, während die andere mit Balkanschnäuz auch eine erfolgversprechende Karriere als Messerstecher hätte einschlagen können. Mittels eines famosen Special Effects verschwindet Trichterbrust plötzlich aus dem Bild, nur um sich dann in Miniaturversion in der Handfläche des staunenden Balkanschnäuz zu materialisieren und dort seinen Veitstanz aufzuführen.

Irgendwann treten dann endlich Boney M. auf, um ihren Hit „Blue Ribbon“ anzustimmen, und weil der Zuschauer darauf ziemlich lange warten musste, werden die vier Stars gleich in vierfacher Ausführung ins Bild gebeamt, dreimal tanzend und singend, einmal sich selbst dabei zuschauend. Ja, richtig, gebeamt. Boney M. waren nämlich offensichtlich gar nicht persönlich bei den Dreharbeiten anwesend, sondern wurden lediglich per Rückprojektion in den Film hineinmontiert, teilweise gar in grobkörnige Standbilder! Dafür dass Farians Popkreation kurz zuvor noch ein Nummer-1-Album vorgelegt hatte, ist das schon eine ziemlich dreiste Pfennigfuchserei. Während des dramatischen Endes, bei dem Thomas mit dem Motorrad seiner an einem Drachen über Schloss Neuschwanstein kreisenden Eva hinterherfährt und ihr mit Heu die Nachricht „Ich liebe dich!“ ins Gras schreibt, erheben sich dann auch Boney M. an nur unzureichend wegretuschierten Seilen in die Lüfte und trällern ihr schrecklich einfältiges Liedchen „Holiday“ („Hooray, hooray, it’s a holi-holiday“). Hier hebt BIENENSTICH UND DISCO-FIEBER buchstäblich vollends ab, wirft auch noch den letzten Rest von Realitätsbezug und Kohärenz von sich und empfängt den Wahnsinn mit offenen Armen. Eine durch und durch ansteckende Geste der Unterwerfung. Während also Boney M. an Seilen hängend unkoordiniert zwischen den Sternen herumsausten, dabei eine alles andere als galaktische Figur abgebend, zeigten sich auch im Kino-Audtiorium die ersten Einflüsse des harten Stoffs auf die menschliche Psyche: rhythmisches Klatschen, erst verhaltene, dann fröhlich-ausgelassene „Holiday“-Chöre, gepaart mit einem Lachen, dass das Entgleiten jeglicher Restvernunft überdeutlich signalisierte. Den tosenden Schlussapplaus hätten Adorno und Horkheimer sicherlich adäquat zu interpretieren gewusst. Aber ganz ehrlich: So ein bisschen Kulturindustrie-induzierte Entfremdung von sich selbst ist hin und wieder genau das richtige Mittel, um in dieser verrückten Welt die Bodenhaftung zu behalten. Fliegen können andere. Zum Beispiel Boney M. Holi-Holiday.