Mit ‘Umberto Orsini’ getaggte Beiträge

28162Was für eine Wiederentdeckung!

Ich mochte Alberto de Martinos zu Unrecht als THE EXORCIST-Rip-off marginalisierten Besessenheitsfilm schon damals, als ich ihn zum ersten Mal gesehen hatte, fand ihn sogar deutlich befriedigender als Friedkins Megahit, dem zum vollen Erfolg m. E. immer das Drehbuch des erzkatholischen William Peter Blatty im Wege stand, aber dass er mich bei der Wiederbegegnung so dermaßen begeistern würde, war nicht unbedingt zu erwarten gewesen. Ich habe ihn innerhalb der letzten sieben Tage gleich zweimal gesehen (einmal in Englisch auf der Anchor-Bay-DVD, einmal in deutscher Synchronisation im Kino), und es spricht nur für den Film, dass ihm das nicht nur kein bisschen geschadet hat, sondern ich ihn beim zweiten Mal sogar noch besser fand.

Hier stimmt wirklich alles: Schon die fulminante Eröffnungssequenz, in der de Martino im semidokumentarischen Stil einfängt, wie sich verkrüppelte, zitternde, zuckende und geifernde Menschen in religiösem Wahn um eine Marienstatue tummeln, von der sie sich Heilung versprechen, zieht einen sofort in ihren Bann, macht unmissverständlich klar, wie der Hase hier in den nächsten 110 Minuten laufen wird. Der größte Wurf des Films ist gewiss, dass er seine Besessenheitsgeschichte in einer tief in der klerikalen Struktur Roms verwurzelten, großbürgerlichen Familie ansiedelt: Natürlich glaubt die aufgrund einer psychischen Blockade gelähmte Tochter (Carla Gravina), dass sie von einer als Hexe verbrannten Vorfahrin besessen ist, natürlich glauben ihre nächsten Verwandten, dass der Teufel im Spiel ist, natürlich „funktioniert“ der Exorzismus am Ende. Aber de Martino lässt nie einen Zweifel daran, was die höchst weltliche Ursache und dass das alles nur Projektion ist. Man merkt ihm die Abneigung gegen die Institution der katholischen Kirche jederzeit an, aber, und das ist entscheidend, man spürt auch die Empathie mit den Menschen, die in ihrem irrationalen Glauben konditioniert und damit gefangen sind.

L’ANTICRISTO kann effekttechnisch logischerweise nicht annähernd mit Friedkins bahnbrechendem Horrorfilm mithalten, ist stilistisch eher klassisch und gediegen, aber was ihm an Übergriffigkeit fehlt, macht er durch sein intelligentes Drehbuch mehr als wett. Und wenn die arme Ippolita sich in einer Satansorgie komplett mit Ziegenbock-Anus hineinhalluziniert, sie anfängt, obszöne Flüche auszustoßen, die selbst Klaus Kinski erröten ließen, im finalen Exorzismus Fensterläden auf- und Möbelstücke herumfliegen, sich der Schnittrhythmus frenetisch steigert, dann fühlt man sich auch von L’ANTICRISTO erheblich drangsaliert. Besondere Erwähnung verdient die Hauptdarstellerin Carla Gravina, die sich hier den Arsch abspielt, die ganze Palette von der auf die neue Geliebte des Vaters eifersüchtige,hilflose Tochter über die aufgrund ihrer gesundheitlichen Situation sexuell frustierten junge Frau bis hin zur lüsternen Femme fatale und schließlich zur Erbsensuppe spuckenden Besessenen überzeugend abdeckt, dabei eine wahre körperliche Tour de force hinlegt. Die anderen Akteure müssen fast zwangsläufig neben ihrer Leistung verblassen, was Gelegenheit gibt, die famose Kameraarbeit von niemand Geringerem als Aristide Massaccesi aka Joe D’Amato und die fantastischen, opulenten Settings zu bestaunen oder dem fiesen Score von Ennio Morricone und Bruno Nicolai zu lauschen.

L’ANTICRISTO ist gewiss kein Geheimtipp mehr, aber neben all den anderen Italo-Horrorfilmen, die bereits an jedem Baum zum zweiten Mal angepriesen wurden, dürfte seine Klasse ruhig etwas lauter besungen werden. Wer ihn bislang noch nicht kennt, sollte das schleunigst ändern. Und wenn er schon dabei ist, kann er auch noch HOLOCAUST 2000 nachlegen, de Martinos Variation des anderen großen Okkultschockers der Siebziegerjahre, THE OMEN.

Peter Smith (Luc Merenda) hat nach einem Unfall sein Gedächtnis verloren. Seit Monaten versucht er herauszufinden, wer er ist, lebt völlig allein und isoliert. Eines Tages präsentiert ihm sein Therapeut einen Mann namens George (Bruno Corazzari), angeblich ein alter Freund. Doch dessen freundliche Fassade fällt, als die beiden in Peters Wohnung allein sind: George behauptet, Peter heiße eigentlich Edward und habe George um die Beute aus einem gemeinsamen Drogengeschäft geraubt. Wenig später erhält Peter ein Telegramm von Sara (Senta Berger), die anscheinend seine Ehefrau ist. Sara weiß indessen nichts von dem Telegramm und hat auch nicht gerade Sehnsucht nach dem Gatten, der von einem Tag auf den anderen spurlos verschwand. Sie hat ganz andere Sorgen, denn in regelmäßigen Abständen dringt jemand in ihr Haus ein und stellt es komplett auf den Kopf …

Duccio Tessari orientiert sich für seinen Giallo stark an US-amerikanischen Vorbildern, vor allem natürlich, wie Christian Kessler im Booklet der deutschen DVD richtig schreibt, an Alfred Hitchock. Luc Merenda gibt den typischen Hitchcock-Antihelden, einen komplett ahnungslos in eine dunkle Geschichte hineinschlitternden Mann, der nicht weiß, wem er überhaupt trauen kann und dabei zunehmend über sich selbst in Zweifel gerät. Als Sara für den Showdown auch noch ein Gipsbein verpasst bekommt und zur Bewegungsunfähigkeit verdonnert wird, ist die Ähnlichkeit zu REAR WINDOW kaum noch zu übersehen. L’UOMO SENZA MEMORIA ist somit deutlich straighter und weniger artifiziell als das Gros der italienischen Giallos, bei denen die Handlung oft zugunsten der gestylten Oberfläche in den Hintergrund tritt. Gestützt von Ernesto Gastaldis sauber komponiertem Drehbuch gelingt Tessari ein sehr klarer Film, der sich keinerlei Umwege erlaubt.

Herausragend ist die Fotografie: L’UOMO SENZA MEMORIA ist entgegen seiner düsteren Geschichte ausgesprochen sonnig. Auf der Halbinsel Portofino gedreht, bestimmen verwitterte Gebäude, sattgrüne Gärten und das Blau des Meeres den Look des Films und verleihen ihm eine fast verträumte Atmosphäre. Mindestens genauso wichtig ist das makellose Äußere der schönen Senta Berger, die von Giulio Albonicos Kamera nicht nur ins rechte Licht gerückt, sondern geradezu angebetet wird. Während des Showdowns, bei dem sie beherzt zur Kettensäge greift, ihr Antlitz von Angst, Zorn und Schweiß entstellt, fliegen ihr die Sympathien des Publikums zu, während Merenda zur Tatenlosigkeit verdammt ist. L’UOMO SENZA MEMORIA verdeutlicht auch so, dass Identität ein keinesfalls so stabiles Gebilde ist, wie wir das gern glauben möchten: Peter bzw. Edward sieht sich plötzlich der Erkenntnis gegenüber, in seinem vorherigen Leben ein totales Schwein gewesen zu sein, die verletzliche Sara verwandelt sich in eine wehrhafte Furie, als ihr Leben auf dem Spiel steht, und ihr braver Freund Daniel (Umberto Ursini) entpuppt sich als übler Schurke, der sie von Anfang an ausgenutzt hat. Das alles wird aber so harmonisch und organisch entwickelt, dass es mir schwerfällt, hier das „Thema“, die „Botschaft“, den „Sinn“ herauszufiltern bzw. vom Rest abzutrennen. Der Film ist einziger ruhiger, dunkler Fluss, was nicht zuletzt der traumhafte Score von Gianni Ferrio par excellence verkörpert.