Mit ‘Uwe Beyer’ getaggte Beiträge

Während meines Germanistikstudiums musst ich mich zwangsläufig auch mit der sogenannten „Älteren“ beschäftigen, wie der Bereich der älteren deutschen Literaturwissenschaft abkürzend genannt wurde. Die „Ältere“ umfasste nicht nur die Auseinandersetzung mit der damaligen Dichtung, sondern auch mit der mittelhochdeutschen Sprache. Logischerweise kam man dabei um das germanische Versepos „Die Nibelungen“ kaum herum. Da ich Versepen bis heute allerdings zum Weglaufen anstrengend finde, bin ich über höchst rudimentäre Kenntnisse des Stoffes nicht hinausgekommen. Inwiefern Harald Reinls Verfilmung, von Artur Brauners Produktionsgesellschaft CCC in Auftrag gegeben und finanziert, eine „werkgetreue“ Umsetzung darstellt, darüber kann ich bestenfalls Mutmaßungen anstellen oder Wikipedia konsultieren. Der Eindruck, den das in zwei Teile à ca. 90 Minuten gesplittete Werk macht, ist aber durchaus ein seriöser, und man merkt der Inszenierung jederzeit das Bemühen an, der historischen Bedeutung des zugrundeliegenden Stoffes gerecht zu werden. Natürlich schwelgt DIE NIBELUNGEN, wie es für das populäre deutsche Kino (repräsentiert etwa durch die Karl-May-Filme, für die ja nicht zuletzt eben auch Harald Reinl verantwortlich zeichnete) jener Tage typisch ist, reichlich in farbenprächtigen Bildern, bietet im Stile des US-amerikanischen oder auch italienischen Monumentalkinos große Schauwerte, aufwändige Kostüme, beeindruckende Bauten sowie wuselige Massen- und Schlachtenszenen (letztere vor allem im zweiten Teil), und kommt den sonst unerreichbar scheinenden Vorbildern dabei sehr nah. Reinls Zweiteiler verkommt dabei jedoch niemals zum bloß bunten Märchenschinken, sondern bewahrt eine literarische, fast avantgardistische Qualität sowie die seltsame Fremdheit der Vorlage, anstatt diese zu bezähmen.

DIE NIBELUNGEN, 1. TEIL: SIEGFRIED VON XANTEN etabliert zunächst den Barden Volker von Alzey (Hans von Borsody) als Erzähler, der dem Zuschauer zur Einführung und später, wann immer es gilt größere narrative Bögen zu spannen, mit seinen Reimen erklärend zur Seite steht. (Der Reim, mit dem DIE NIBELUNGEN, 2. TEIL: KRIEMHILDS RACHE abschließt – „hier hat die Geschichte ein Ende: das ist der Nibelungen Not“ – basiert auf der dem Original angeblich am nächsten kommenden Fassung, was meine obige Seriositätsunterstellung stützen würde.) Das schafft eine gewisse Distanz, die Reinl niemals aufgibt, sondern in seiner ganzen Inszenierung bewahrt. Den wahrscheinlich berühmtesten Teil des Epos, Siegfrieds (Uwe Beyer) Kampf gegen den Drachen und sein anschließendes Bad im Drachenblut, verlagert er, wie in der Vorlage, in die Vorvergangenheit seiner Geschichte und entzieht ihm damit jede Spannung – eigentlich entgegen der Unterhaltungsfilm geltenden Logik (eine moderne Verfilmung des Stoffes würde Siegfrieds Abenteuer wahrscheinlich ganz in den Mittelpunkt rücken). Die Entscheidung, den Handlungsort Worms nach Jugoslawien zu verlegen, bewirkt einer Verfremdung, die den ganzen Film trägt und noch vergrößert wird, wenn schließlich der Sprung in die Kargheit Islands gemacht wird. Dort erweckt Siegfried Königin Brunhild (Karin Dor) mit einem Ring aus ihrem tiefen Schlaf und gewinnt so ihre Liebe für sich, was schließlich der Ausgangspunkt der folgenden Tragödie ist. Während Karin Dor – in einem sich vor dem graublauen, die schroffen Felsen darunter fast verschlingenden Himmelspanorama grell abzeichnenden roten Umhang – ganz unterkühltes Beben ist, ihr Gesicht bis auf ein dramatisches Vibrieren ihrer sinnlichen Lippen stets steinern bleibt, agiert der ehemalige Hammerwerfer Beyer (Bronzemedaillengewinner bei den Olympischen Spielen 1964 in Tokio) mit dem ungebremsten Enthusiasmus und der knubbelnasigen Schlitzohrigkeit eines jugendlichen Springinsfeld. Er ist vielleicht das einzige Bindeglied zwischen Reinls Film und dem in den Sechzigerjahren bereits seinem Ende entgegentaumelnden italienischen Peplums, seine Besetzung sicherlich ein Zugeständnis an die damalige Gegenwartskultur, aber in seiner Amateurhaftigkeit ist er eine Idealbesetzung: Für ihn kann es zwischen all diesen innerlich zerfressenen Ehrgeizlingen, Intriganten, Mitläufern und Machtmenschen keine Zukunft geben und schon gar keine Ehe mit der ihre Gebärmutter abschottenden Brunhild. Wie Siegfried vom fiesen Hagen von Tronje (Siegfried Wischnewski) übertölpelt wird, wird dank Beyer gänzlich nachvollziehbar. Auch Rolf Henniger ist als König Gunther eine solche wirkungsvolle Fehlbesetzung: Er war damals knapp 40 Jahre alt und scheint mit seiner feschen Ted-Frisur, in die ein paar wenig überzeugende graue Strähnchen hineingefärbt wurden, zu jugendlich für einen König. Er strahlt rein optisch zumindest im ersten Teil keinerlei natürliche Autorität aus, was natürlich zu seiner Rolle perfekt passt: Er benötigt die Hilfe seines übermenschlich starken (und mit einer Tarnkappe getarnten) Freundes erst, um Brunhild im Kampf zu besiegen und sie so gegen ihren eigentlichen Willen zu seiner Frau zu machen, und dann noch einmal, als er sie beschlafen und einen Erben zeugen will (sie schützt sich gegen ihn mit einem magischen Gürtel, den Siegfried ihr heimlich entwendet). Inhaltlich ist dieser erste Teil eigentlich der undankbarere: Siegfrieds Heldentaten werden, wie erwähnt, in einer Rückblende relativ schnell abgehandelt (der Kampf gegen den Pappdrachen wurde wohl auch aus Selbstschutz kurz gehalten) und der Rest ist eigentlich lediglich ein In-Stellung-Bringen der einzelnen Figuren für die Verwerfungen des zweiten Teils. Aber Reinl weiß das geradezu brillant zu nutzen: Die immer wiederkehrenden Bilder der sich vor gewaltigen Naturkulissen verlierenden Helden erzeugen jene Ahnung von Größe, die den Stoff auszeichnet, mehr als dies mit akribisch ausgetüftelten und ausgedehnten Set Pieces möglich wäre. Bei aller Bildgewalt ist DIE NIBELUNGEN, 1. TEIL: SIEGFRIED VON XANTEN intim, fast kammerspielartig: Im Zentrum stehen weniger Taten als Gesichter und die sich in ihnen abzeichnenden Gefühle, nicht ihre Handlungsmacht, sondern ihre Ohnmacht gegenüber schicksalhaft waltenden Kräften, die größer sind als sie.

DIE NIBELUNGEN, 2. TEIL: KRIEMHILDS RACHE ist dann zumindest teilweise von anderem Kaliber. Gleich zu Beginn sieht man zum ersten Mal das Volk, das im ersten Teil noch gänzlich abwesend war, und so den Eindruck erweckte, die Herrscherfamilie um König Gunther lebe allein in der Wormser Ödnis. Der Film wirkt zunächst gewissermaßen „naturalistischer“ und „historischer“, steigert sich dann jedoch zum Ende hin immer mehr, ohne jedoch ganz in den sich andeutenden orgiastisch-orgasmischen Rausch zu verfallen. Wir befinden uns immerhin in der deutschen Verfilmung eines deutschen Werkes und die Maske der Gefasstheit wird natürlich niemals abgeworfen. Was sich darunter abspielt, ist hingegen wieder eine ganze andere Frage. Kurz für all diejenigen, die mit dem Stoff nicht vertraut sind: Die mit Siegfried verheiratete und auf Brunhild eifersüchtige Kriemhild (Maria Marlow) gesteht der Königin von Gunthers und Siegfrieds Hinterlist, die ursächlich für ihre Schwangerschaft war. Brunhild, erbost über Siegfrieds Verrat, beauftragt Hagen mit der Ermordung. Der, hinterlistiges Schwein, das er ist, bringt Kriemhild höchstselbst dazu, ihm Siegfrieds verwundbare Stelle zu verraten und tötet den vermeintlich unbezwingbaren durch einen gezielten Speerwurf. Kriemhild ist außer sich vor Wut und Zorn und dient sich mit Rachegedanken im Hinterkopf schließlich dem Hunnenkönig Etzel (Herbert Lom) als Eheweib an. Die Burgunder ahnen, was ihnen bevorsteht, als sie eine Einladung Etzels erhalten, doch treten sie dennoch die Reise an. An Etzels Hof vollzieht sich Kriemhilds Rache an den Mördern ihres Gatten in einem wilden Gemetzel, das nur Volker von Alzey überlebt, um die Geschichte weiterzutragen. DIE NIBELUNGEN, 2. TEIL: KRIEMHILDS RACHE beginnt nach der Ermordung Siegfrieds und widmet einen Großteil der Spielzeit der Reise der Burgunder zu Etzels Hof und ihrem Aufenthalt dort, der erst in eine Art Belagerungszustand und dann schließlich in einen Kampf übergeht. Ging es im ersten Teil um das Verbergen aller verräterischen Emotion, vermittelte Reinl stets den Eindruck ungesunder Repression, so überragt Kriemhilds rasender Zorn diese Fortsetzung. Es geht um die Eskalation, die der Repression unweigerlich folgt. Noch nicht einmal der aus glühenden Kohleaugen blickende Hunnenkönig hat der Furie Kriemhild, deren Hass alles verschlingt, noch etwas entgegenzusetzen – ja, nicht einmal Kriemhild selbst kann ihm widerstehen. So brodeln die Ereignisse ihrem unausweichlichen Höhepunkt entgegen. Die zunehmend dezimierten Burgunder verschanzen sich vor den geduldig auf den Angriffsbefehl wartenden Hunnen. Dann gibt es das nächste Scharmützel und einen erneuten Rückzug. Auch hier verzichtet Reinl auf ein allzu grafisches Ausmalen der Metzeleien, stattdessen schwenkt er zunehmend weg oder legt gar eine Schwarzblende über das Geschehen. Dunkelheit übermannt den Film und mit ihr werden auch die Figuren lebendig. Rolf Henniger entwickelt plötzlich, in der Verzweiflung des Augenblicks, jene Kraft und Statur, die er im ersten Teil vermissen ließ: Er steht plötzlich wie selbstverständlich immer im Zentrum des Bildes, wie in einer Umlaufbahn ordnen sich alle anderen um ihn herum, sogar der sonst wie ein Turm über alle ragende Wischnewski. Ernst W. Kalinkes Kamera durchmisst den ihm nun nicht mehr bloß Unendlichkeit entgegenhaltenden Raum, dabei hilflos nach Nähe suchend, doch die Figuren haben ihre Autonomie längst selbst gefunden und sich für den Blick von außen verschlossen. Während um sie herum die Welt brennt, kommen sie endlich zu sich. Auch die Schauspieler scheinen vergessen zu haben, dass sie in einem Film mitwirken. Das ist alles auf so beunruhigende Art und Weise deutsch und dabei so ungemein andeutungsreich und ahnungsvoll, so opulent künstlerisch und verstörend wie es ein wahrscheinlich als crowd-/(kraut)pleasend gedachter Kostümschinken nur sein kann. Reinl hat viele, viele Filme gemacht, von denen ich zwar nun schon einige, aber doch nur einen Bruchteil gesehen habe: Soweit ich es also bislang beurteilen kann, ist das hier seine Meisterleistung. Und die Blu-ray sollte in jedem Schrank stehen.