Mit ‘Vanity’ getaggte Beiträge

Lance Stargrove (Richard Stamos) hat den coolsten Namen der Welt. Zwar ist er ein ziemlicher Milchbubi und außerdem auch noch ein As im Geräteturnen, doch dieser Name allein klingt schon wie ein Versprechen. Jemand der „Lance Stargrove“ heißt, wird nicht Versicherungsvertreter, Bankkaufmann oder KFZ-Mechaniker, denn er ist zu Höherem berufen. Nun gut, dass dieser Lance im Verlauf der 90 Minuten von NEVER TOO YOUNG TO DIE vom Schulbankdrücker zum Weltretter wird und am Ende des Films das Angebot diverser Regierungsbeamter erhält, als Agent im Dienste der USA zu arbeiten, kann man auch darauf zurückführen, dass bereits sein Vater ein bondesker Supermann im Staatsdienst war (gespielt vom Einmalbond George Lazenby), aber dieses Argument zieht nur bedingt, denn auch der hieß schließlich auf den mächtigen Namen Stargrove. „Stargrove – flying like you’ve never flown/Stargrove – running through a danger zone“ weiß auch der Titelsong des Films zu berichten, der schon zu Beginn ganz klar macht, das so ein Stargrove ein Leben auf der Überholspur führt. Und genau diese Überholspur ist NEVER TOO YOUNG TO DIE.

Ich habe von Gil Bettmans Film zum ersten Mal zu seinem damaligen Kinostart (!!!) in der Bravo gelesen und war von den Bildern schon damals hin und weg: ein Teenie namens Lance, eine Perle namens Vanity, ein hermaphroditischer Schurke gespielt vom Sänger von KISS! Wer hatte da meine nächtlichen Jugendträume angezapft, um einen Film daraus zu machen? Jahre später auf RTLplus erwies sich LANCE – STIRB NIEMALS JUNG, wie er auf deutsch hieß, zwar als geschnitten, aber dennoch als die ultimative Filmwerdung kollektiver Jungsfantasien. Es scheint, als hätten seine Macher tief in die Herzen aller zehn- bis zwölfjährigen Jungs geblickt, wo deren geheimste Wünsche fest verschlossen vor sich hin schlummern und die Sehnsucht befeuern, und dann beschlossen, sie in einem Film zu verewigen, der alle Grenzen des Rationalen sprengt, ohne dabei sein kindliches, spielerisches Gemüt zu opfern.

In NEVER TOO YOUNG TO DIE wird ein Jugendlicher zum Topagenten und Weltretter, und zwar mithilfe seines asiatischen und mithin genialen Kumpels Cliff (Peter Kwong) und der endgeilen Superschnecke Danja (die endgeile Superschnecke Vanity), der ehemaligen Kollegin seines Vaters, der seinerseits Topagent und Weltretter war. Letzterer war dem Plan des hermaphroditischen Superschurken, Sexsymbol und Rockstar Velvet von Ragnar (Gene Simmons) auf die Schliche gekommen, die Trinkwasserreserven der USA für immer zu verseuchen, und beim Versuch, dies zu verhindern, ums Leben gekommen. Und eben spätestens mit der Figur der/des Velvet von Ragnar lässt NEVER TOO YOUNG TO DIE irdischen Boden hinter sich und strebt mit Schallgeschwindigkeit den unendlichen Weiten des Absurden und Bescheuerten entgegen, where no man has gone before. Ragnar, von Simmons beständig zwischen den Polen „hyperventilierender Mad Scientist“ und „diabolischer Verführer“ interpretiert, schart eine Bande Anabolika-abhängiger MAD MAX-Statisten um sich, die im Chor „The finger!“ skandieren und damit sagen wollen, dass Ragnar einen armen Teufel mit seinem abnhembaren tödlichen Fingernagel hinrichten soll. Wenn er keine Endzeitrocker in Weltvernichtungspläne involviert, tritt er im hautengen Nylon-Ganzkörperanzug und pinkfarbener Turmperücke im Club „Incinerator“ auf, wo Rocker zu ätzender Wave-Musik tanzen, Motorräder mit bronzenen Pferdeköpfen fahren, Bier und Motoröl (!!!) saufen, aber Milchbrötchen Lance und das potenzielle Vergewaltigungsopfer Danja trotzdem unbehelligt an der Theke stehen können. Wobei „unbehelligt“ relativ ist, denn Lance wird von der fabulösen Thekenschlampe ein „lube job“ angeboten. Es sagt ziemlich viel über den Film aus, dass Danja den Laden ohne eine solche Offerte verlassen muss. Zurück zu Ragnar: Der besingt seine sexuelle Expertise in amelodiös rausgegrölten Onelinern, fummelt sich mit meterlangen Fingernägeln an den Nippeln rum und windet seinen aufgedunsenen Körper in sexueller Ekstase, dass es nur so eine Pracht ist – und die Rocker, die sonst bekannt dafür sind, ein eher konservatives Wertesystem zu vertreten, jubeln dem Genderbender auch noch zu wie dem Liebhaftigen selbst. Man kann Gene Simmons für diese Rolle gar nicht genug huldigen: Auch wenn NEVER TOO YOUNG TO DIE kunterbuntester Trash ist, versteckt sich Simmons nie hinter einem billigen Augenzwinkern. Seine Darbeitung als Ragnar ist the real deal. Und, ja, irgendwo in diesem bonbonfarbenen Getöse versteckt sich eine Sexualpolitik, die man vielleicht sogar als „progressiv“ oder aber „subversiv“ bezeichnen könnte, wenn es denn dann nicht diese Sexszene mit Vanity gäbe, über die ich mich natürlich keienswegs beschweren möchte, im Gegenteil: Danke!

Ich will gar nicht länger über NEVER TOO YOUNG TO DIE schwadronieren: Besser, als über Lieblingsfilme zu reden, ist es, sie sich anzuschauen. Wer also ein Faible für das Absonderliche hat, das auf unerklärliche Weise mitten im glattgebügelten Mainstream gedeihen konnte, der muss diesen Film sehen. Nur selten wurden so viele schlechte Ideen zu einem so großartigen Film zusammengerührt, wurden das Blöde und Triviale durch bloße Akkumulation des Blöden und Trivialen transzendiert und reine Schönheit daraus geboren. Es hilft beim Genuss ganz bestimmt, wenn man sich ein wenig seiner Kindlichkeit bewahrt hat. Aber auch, wenn man nie den Wunsch hatte Superagent und Weltretter zu werden, einen absurd kostümierten Supervillain zu besiegen und seine Männlichkeit im Liebesspiel mit einem Pop- und Drogenstar unter Beweis zu stellen, muss man sich nicht grämen. NEVER TOO YOUNG TO DIE beweist, dass es für Regress nie zu spät ist. Siehe Filmtitel. In diesem Sinne: STARGROVE!

Der junge Martial Artist „Bruce“ Leroy Green (Taimak) hat von seinem Lehrer alles gelernt, was der ihm beibringen kann. Jetzt gilt es den Weisen Dum Sum Goy in New York ausfindig zu machen, der allein ihn auf die letzte Stufe hieven und ihm den sagenumwobenen „Glow“ verleihen kann. Der etwas naive Leroy begibt sich sogleich auf die Suche, erregt mit seiner bloßen Anwesenheit den Zorn von Sho’nuff, dem „Shogun of Harlem“ (Julius Carry), und kommt der süßen Laura Charles (Vanity), ihres Zeichens musikalische Trendsetterin, V-Jane und Leiterin des Clubs „7th Heaven“, zu Hilfe, die von dem Gangster Eddie Arkadian (Christopher Murney) bedrängt wird. Der will, dass Laura ihm dabei hilft,  seine untalentierte Geliebte Angela (Faith Prince) zum Next Big Thing zu machen …

Es gibt Filme, die gibt’s gar nicht. Oder präziser: Es gibt Filme, die sind so sehr Kind ihrer Zeit, bringen alles, was diese auszeichnete, so genau auf den Punkt, dass sie 25 Jahre später aussehen wie Außerirdische, wie aus einem der Zeit enthobenen Paralleuniversum entstammend. THE LAST DRAGON ist so ein Film. Vom Motown-Gründer Berry Gordy wahrscheinlich im Koksrausch der Achtzigerjahre ersonnen und produziert, stellt er wohl den je nach Perspektive sagenhaft missglückten oder geradezu triumphal verlaufenen Versuch dar, einen Blaxploiter im Hochglanzgewand der Achtzigerjahre zu inszenieren. (Ich tendiere zu letzterem.) Zwar sind alle nötigen Zutaten vorhanden – ein mit außergewöhnlichen Fähigkeiten ausgestatteter Held, ein attraktives Love Interest, ein weißer, das Kapital repräsentierender Schurke, ein schwarzer Gegner von der Straße, dazu viel, viel Musik, debiler Humor  sowie etliche Tanz- und Kampfszenen -, aber sie werden mit einer dicken Schicht Zuckerguss überzogen, mit deren Verdauung man noch Tage später beschäftigt ist.

Nun war der Blaxploitation-Film der Siebzigerjahre auch in erster Linie eine Erfindung weißer Geschäftsleute. Und bis auf einige wenige Ausnahmen ging es diesen sicherlich nicht um eine ernstgemeinte Botschaft von Empowerment und Gleichberechtigung, sondern vor allem darum, zahlungswilliges Publikum in die Kinos zu locken. Man muss sich nur den Namen des wohl berühmtesten Blaxploitation-Helden John Shaft auf der Zunge zergehen lassen (ähem …), um zu verstehen, dass der Blaxploitation-Film nicht zuletzt grelle Abbildung der weißen Angst vor dem schwarzen Mann war, der dessen Zivilisiertheit mit der ungebändigten Wildheit des (urbanen) Dschungels gegenübertrat. Aber immerhin gelang es den Filmemachern, diese Wildheit adäquat einzufangen und so dennoch ein halbwegs authentisches Bild von afroamerikanischer Kultur und „Street Life“ zu zeichnen: Wahrscheinlich einer der Gründe, warum die Protagonisten des Blaxploitation-Films auch heute noch im Hip-Hop refenrenziert werden und zu echten Kultur-Ikonen heranwachsen konnten.

In THE LAST DRAGON hingegen sieht man vor allem die alles gleichmachende Kraft der Reaganomics am Werk, die alle störenden Ecken und Kanten abschleift, um alles und jeden für den Markt verfügbar zu machen und der Maschine überantworten zu können. Eddie Murphy, zu Beginn seiner Karriere der legitime Erbe der Blaxploitation-Stars von einst, musste seinen Duktus schon einem Maschinengewehr angleichen und mit Homo- und Transsexualität kokettieren, um dem anderen schwarzen Superstar jener Zeit etwas entgegenhalten zu können: Es ist durchaus kein Zufall, dass die kleine Schwester von Leroy in THE LAST DRAGON von Keshia Knight gespielt wird, jener kleinen Knuddelmaus, die inTHE COSBY SHOW für Zuckerschocks am laufenden Band sorgte. Und so wie Bill Cosby die andere Seite eines Spektrums besetzt, das in den Siebzigerjahren bei Richard Pryor begann und sich mit Eddie Murphy in die Gegenwart der Eighties fortsetzte, so war es ein weiter Weg von den übersexten, ungezähmten Detektiven, Pimps, Pushern, Mackern, Bad Bitches und Gangstern des Blaxploitation-Films hin zu den Huxtables, die sich vom Gynäkologen-Gehalt des Papas eine schöne Stadtvilla auf der Upper West Side leisten und in ihren geschmacklosen Strickpullis darüber freuen konnten, so richtig in der Gesellschaft der W.A.S.P.s angekommen zu sein.

Und der brave Leroy, wenngleich nicht solch begüterten Verhältnissen, sondern der Familie eines Pizzabäckers entstammend, ist nun nicht gerade der Stoff, aus dem weiße Albträume gemacht sind. THE LAST DRAGON ist komplett unterbelichtet, was genitale Regungen angeht, der weiße Toastbrot-Soul von Pommeslocke DeBarge zielt vielleicht auf die Füße, aber garantiert nicht auf den Unterleib, und wenn Vanity/Laura Charles ihre Liedchen trällert, werden auch eher Assoziationen zum Mülleimer von Andrew Lloyd Webber geweckt als zum rasenden, dampfenden Funk der Siebziger.  (Dass Vanity den Vorschlag ihres einstigen Gönners Prince, sich den Bühnennamen „Vagina“ zuzulegen, ablehnte, muss man wohl als Beleg für ihren intakten Selbstrespekt werten, aber es passt auch ganz gut in mein hier skizziertes Bild der Reaganomics-Achtziger.) Sho’nuff, der zehn Jahre vorher noch zum Held seines eigenen Films avanciert wäre, gereicht hier nur noch zum tumb-vertierten Schurke, zur Karikatur und Parodie auf Bootsy Collins und Rick James, dessen Niederlage gegen Leroy dann den durchaus symbolischen Höhepunkt des Films darstellt: Als Leroy den „Glow“, eine sichtbare, leuchtende Aura erlangt, die ich hier nicht weiter in meinem Sinne interpretieren muss, den „Shogun of Harlem“ bezwingt und schließlich in einem paradiesischen Discoszenario mit seiner Laura gen „Himmel“ schweben darf (nachdem er sie spitzbübisch grinsend aufgefordert hat, ihr einige „Moves“ beizubringen, ihm also die Jungfräulichkeit zu nehmen), ist auch er bereit, als vollwertig produktives Mitglied in die kapitalistische Gesellschaft aufgenommen zu werden.

All dieser ideologiekritische Sermon sollte aber nicht verhüllen, dass THE LAST DRAGON ein wahres Fest ist. Die Szene, in der ein mit begeisterten Kids vollbesetztes Kino zu Bruce Lees ENTER THE DRAGON abgeht und Breakdancer im Mittelgang ihre eigene Interpretation der Kung-Fu-Moves vorführen, ist eine der schönsten Würdigungen des Martial-Arts-Kinos, die ich kenne, und macht etwa den für spätgeborene Europäer immer etwas fremd gebliebenen Eastern-Fetischismus des Wu-Tang Clan, der auf mit Eastern-Doppelpacks in Billigkinos verbrachte Nachmittage zurückgeht, sofort transparent. Und Michael Schultz, der mit dem kurz darauf entstandenen Hip-Hop-Filmklassiker KRUSH GROOVE und dem unfassbaren Fat-Boys-Film DISORDERLIES seinen Beitrag zur schwarzen Kultur der Achtzigerjahre leistete, gelingt es auch sonst ganz ausgezeichnet, quer durch die Filmgeschichte zu wildern und sich von Blaxploitation, Kung-Fu-Kino oder auch Frank Tashlins Masterpiece THE GIRL CAN’T HELP IT inspirieren zu lassen.

THE LAST DRAGON ist Eighties-Pop-Art vom allerfeinsten, auch wenn das bedeutet, dass er auch die hässlichen Seiten dieses Jahrzehnts, die wir eigentlich alle vergessen wollten, gnadenlos ans Licht zerrt: Wer den Motown-Soul der Sechziger- und Siebzigerjahre in sein Herz geschlossen hat, für den ist dieser Film nicht weniger als ein bad trip, der zeigt, wie sehr die Gegenkultur hier durch den Synthesizer assimiliert wurde. Adressierten die schwarzen Helden früher noch ihre sozialen Probleme, besingt DeBarge in seinem Falsetto-Hit „Rythm of the Night“ poesiearm die Kapitulation vor dem Elend: „Forget about the worries on your mind, you can leave them all behind“. THE LAST DRAGON hat alles und mehr, ein Piranhabecken, hässliche Klamotten, Glückskekse, eine idiotische „Glaub‘ an dich selbst“-Botschaft, eine quäkige Cyndi-Lauper-Verarsche, bemackte Kung-Fu-Esoterik, stulligen Wortwitz und William H. Macy im Jogginganzug, ist purer, manipulativer Eskapismus, aber solcher der dümmsten, grellsten, lautesten, naivsten, lustigsten, lebendigsten und ja, auch der schönsten Sorte. Wer hier keinen Spaß hat, der hat echte Probleme, bei denen ihm auch glattgebügelter Synthiesoul nicht helfen kann.