Mit ‘Venantino Venantini’ getaggte Beiträge

La_polizia_e_al_servizio_del_cittadino_1973Romolo Guerrieris LA POLIZIA È AL SERVIZIO DEL CITTADINO (etwa: „Dient die Polizei dem Bürger?“) gehört Enrico Maria Salerno, der wieder einmal jenen müden, verzweifelten Polizisten spielt, dem er schon in Steno LA POLIZIA RINGRAZIA Gesicht, Körper und Stimme verlieh. Als Nicola Sironi ermittelt er in der Hafenstadt Genua in einer Mordsache, die ihn – wie in diesem Genre meist üblich – in die oberen Etagen der Stadt führt. Der Gier der eh schon Reichen fallen wieder einmal die Ärmsten der Gesellschaft zum Opfer, in diesem Fall kleine Einzelhändler, die bei der Preispolitik ihrer Zulieferer nicht mehr länger mitmachen können – aber welche Alternative bleibt ihnen?

Sironi ist fest entschlossen den Täter zu fassen zu bekommen, aber er kämpft auf verlorenem Posten. Nicht zuletzt deshalb, weil die allgemeine wirtschaftliche Situation es auch dem bravesten Bürger noch schwer macht, seinen Prinzipien treu zu bleiben. Weil die Not groß ist, ist nahezu jeder käuflich, der Ehrliche, wie es so schön heißt, stets der Dumme. Als Sironi erfährt, dass sein eigener Partner, der junge Polizist Marino (Giuseppe Pamberti) ihn verraten hat, schlägt er nicht etwa zurück, wie es seine weniger zimperlichen Kollegen aus der Welt des Poliziesco getan hätten, vielmehr nutzt er dieses Wissen, um ihn wiederum selbst zu manipulieren. Ein Schritt, mit dem der die Tragödie am Ende nur vergrößert, sonst aber gar nichts erreicht.

In einem meist mit oben anschlagendem Adrenalinpegel operierenden Genre zeichnet sich Guerrieris Film durch Ruhe, eine gewisse Altersweisheit und die für das cinema di denuncia typische Resignation aus, die Salerno als in die Jahre gekommener Polizist kongenial verkörpert. Wer den reaktionären, ruppigen, actiongeladenen Poliziesco schätzt, für den etwa Umberto Lenzi oder Stelvi Massi stehen, wird sich angesichts der eher ruhigen Gangart von LA POLIZIA È AL SERVIZIO A CITTADINO? möglicherweise verprellt fühlen. Ich mag ihn sehr, weil es hier möglich ist, sowohl die gesellschaftliche als auch die menschliche Tragweite des Ganzen mitzufühlen, noch nicht alles auf die Metaebene des Parodistischen und der Karikatur gehoben ist. Wenn sich Sironi nach dem Tod seines abtrünnig gewordenen Partners in kurzen Rückblenden liebevoll an ihn erinnert, erkennt, was sein falscher Ehrgeiz angerichtet hat, verfehlt das seine Wirkung daher nicht, auch wenn dieses Stilmittel eigentlich längst zum Klischee geronnen ist.

Aber dass das alles so gut funktioniert, liegt eben nicht zuletzt und vor allem an Salerno, der für diese Rolle, die er in den Siebzigerjahren ganz für sich vereinnahmen sollte, wie geschaffen ist. Er ist in der Welt des Poliziesco der aus der Zeit Gefallene, der Veteran, dessen Zeit langsam abgelaufen ist, der mit seinen Methoden nichts mehr ausrichten kann, aber auch nicht bereit ist, seine Überzeugungen gänzlich zu verraten. Seine Interpretation des Polizeidienstes ist noch nicht von Kompromissen zersetzt, aber er maßt sich auch nicht an, die Regeln selbst zu machen. Seine Aufgabe ist es, das Gesetz zu vertreten und das tut er ganz oder gar nicht. Der Titel des Filmes rührt von einer Szene, in der auf Geheiß von oben ein Schild in seinem Büro angebracht werden soll, dass den Polizisten eben als „Diener des Bürgers“ beschreibt. Sironi verwehrt sich entschieden dagegen: Er ist kein Dienstleister, er vertritt keine Privatinteressen, sondern eben das Gesetz und das ist seiner Natur nach abstrakt und absolut. Er ist kein Diener, der einem Befehl von oben folgt. Dass der Polizist immer mehr die Interessen von Politik und Wirtschaft berücksichtigen soll, zu einer Art Leibwächter der Oberen geworden ist, der bei Bedarf zurückgepfiffen wird, will und kann er nicht einsehen. Aber die Kraft, sich dagegen aufzulehnen, die die jüngeren Kollegen aufbringen, die hat er nicht mehr. Man schaut in sein müdes Gesicht und wünscht ihm die Ruhe, die er sich selbst immer noch nicht gönnen will. Filme über den Zeitenwandel sind immer auch Filme über das Altern.

 

Nachdem der Killer seinen Opfern zuletzt neun Plätze in einem Theater reserviert hatte erwartet er sie neun Gäste auf einer verlassenen Felseninsel Sardiniens. Der aufmerksame Leser weiß sofort, dass er sich mit Baldis Film in das Subgenre des „Dekadente-Kotzbrocken-werden-an-isoliertem-Ort-zum-Opfer-eines-elaborierten-Racheplans“-Films begibt. Wie im oben genannten Vertreter handelt es sich bei den neun – vier Männlein, fünf Weiblein –potenziellen Opfern um die Mitglieder der wohlhabenden Familie des Patriarchen Uberto (Arthur Kennedy), die der mit in sein Ferienhäuschen nimmt, obwohl sie ihn ebenso wenig leiden können wie er sie und sie sich untereinander. Sie sind kaum angekommen, da geht das muntere Intrigieren, Lästern und kaum verhohlene Partnertauschen schon los. Ubertos junge Gattin Giulia (Caroline Laurence) hat eine Affäre mit Ubertos Sohn Michele (Massimo Foschi), der seine Frau Carla (Sofia Dionisio) als „frigide und dämlich“ bezeichnet. Micheles Bruder Lorenzo (John Richardson) bekommt seinerseits Hörner von Ehefrau Greta (Rita Silva) aufgesetzt, die ihn für einen Schwächling hält und lieber mit ihrem Schwager Walter (Venantino Venantini) in die Koje steigt. Patrizia (Loretta Persichetti) bleibt enthaltsam, weil sie mysteriöse Vorahnungen plagen, vor denen sie Abkühlung unter der Freilichtdusche sucht und Tante Elisabetta (Dana Ghia) glaubt ihren verstorbenen Liebhaber zu sehen, einen Fischer, den die Herren ihrer feinen Sippe vor 20 Jahren umbrachten, weil sie ihn für nicht standesgemäß hielten. Als das vom Zuschauer heiß erwartete Sterben losgeht, ist die Panik groß, weil jeder weiß, dass jeder ein Motiv hat und mithin der potenzielle Mörder sein könnte.

Ferdinando Baldi ist ein selten außergewöhnlich inspirierter, soweit ich das anhand der paar Filme, die ich von ihm kenne, beurteilen kann – der ultrasleazige LA RAGAZZA DEL VAGONE LETTO, der surrealistische Italowestern BLINDMAN mit Ringo Starr und der sehr ansprechende TEXAS ADDIO –, aber meist routinierter Regisseur, der dieser Einschätzung auch mit NOVE OSPITI PER UN DELITTO mehr als gerecht wird. Was er dem zum Vergleich herangezogenen L’ASSASSINO HA RISERVATO NOVE POLTRONE voraus hat, ist sein ausgeprägter Dienstleistungsgedanke: Baldi und sein Team liefern von der ersten Sekunde bis zum Finale mit Knalleffekt genau das, was der geneigte Zuschauer erwartet: Gemeine Morde, schöne Frauen, nacktes Fleisch, mit Vulgarismen aufgeladene Dialoge, flaschenweise weggesoffenen J&B-Whisky und das ganze gekleidet in schöne Bilder (hier mit Fernweh induzierender Mittelmeer-Kulisse) und untermalt von mal schwofiger, mal melancholischer Musik (von Komponist Carlo Savina). Richtig aufregend ist auch NOVE OSPITI nicht, zu unoriginell und vorhersehbar ist das alles letztlich, aber es macht trotzdem Spaß, am Ball zu bleiben, weil Baldi seine Höhepunkte sehr ökonomisch über den Film verteilt und so für Kurzweil garantiert.

Mary McGrieff (Francoise Christophe), die mit ihrem angeblich wahnsinnigen Sohn James (Hiram Keller) im altehrwürdigen Sitz der Familie lebt, Schloss Dragonstone in Schottland, ist pleite. Um das Schloss in ihrem Besitz halten zu können, bittet sie ihre Schwester Alice (Dana Ghia), ihr Geld zu leihen, doch die lehnt ab: Ihr Vermögen gehöre ihrer Tochter Corringa (Jane Birkin), die just in diesem Moment als Überraschungsgast vorbeikommt. Wenig später ist Alice tot und weitere Morde folgen …

Es ist nur auf den ersten Blick verwunderlich, dass Antonio Margheritis Beitrag zum Giallo-Subgenre sehr marginal ausfällt: LA MORTE NEGLI OCCHI DEL GATTO ist vielleicht der einzige Film des italienischen Routiniers, den man mit einigen Abstrichen als Giallo bezeichnen kann, aber auch dieser Film unterscheidet sich erheblich vom Gros der Genrebeiträge seiner Kollegen. Wie schon Kollege Foerster über Margheriti schrieb, nahm dieser sein  „englisches Pseudonym für den internationalen Markt (Anthony M. Dawson) am ernstesten [von allen italienischen Regisseuren mit englischen Pseudonymen, Anm. von mir] […] Man kann da schon von einer ziemlich vollständigen Identifizierung mit dem amerikanischen B-Film ausgehen, die irgendwie bereits in der Ökonomie des no-nonsense-Namen ,Dawson‘ steckt.“ Auch für LA MORTE NEGLI OCCHI DEL GATTO dienten Margheriti in erster Linie angelsächsische Kulturerrungenschaften als Inspirationsquelle, allen voran der Gothic Horror und die britische Murder Mystery. Zwar ist der Giallo diesen sowieso verpflichtet (der Ursprung der Giallo-Morde liegt wie beim Gothic Horror auch immer in der Vergangenheit), doch überträgt er deren Muster immer in ein poppig-modernes urbanes Ambiente. Und mit dieser Verschiebung verschwindet auch die Verwurzelung in der Romantik: Bleiben die Protagonisten des Gothic Horrors ihren verfluchten Familien auch dann noch treu, wenn das den eigenen Tod bedeutet, so werden familiäre Bande im Giallo mit der Klinge des Rasiermessers lustvoll zerschnitten, bis nichts mehr übrig bleibt. Von Melancholie keine Spur.

Zurück zu Margheriti: Der macht ja schon mit der Wahl seines Schauplatzes klar, woher der Wind weht, und so darf sich der geneigte Zuschauer für die kommenden 90 Minuten auf (meist) hoch geschlossene distinguierte Damen und Herren,  Schauerlegenden und Aberglauben, dunkle, mit Ratten und Fledermäusen verseuchte Gewölbe, Geheimtüren und -gänge und gothische Grabkammern einstellen. Margheriti, der Bava in den frühen Sechzigerjahren im Bereich des italienischen Gothic Horrors mächtig Konkurrenz machte, zeigt dann auch, warum er einer der vielleicht unterschätztesten Regisseure seines Landes ist: LA MORTE DEGLI OCCHI DEL GATTO sieht fantastisch aus und es gelingt ihm ausgezeichnet, den Geist eines doch schon mehr als nur leicht angestaubten Genres in ein Jahrzehnt herüberzuretten, dessen Interessen ganz woanders lagen. Natürlich darf auch etwas würziger Käse nicht fehlen: Der Orang-Utan (= Mann im fransigen Affenkostüm), den der ganz und gar nicht verrückte, allenfalls etwas aufmüpfige James in einem Käfig in seinem Zimmer hält, sorgt für unmotiverten Camp und sieht mit etwas Goodwill vielleicht wie ein alterscchwacher Gorilla aus, aber bestimmt nicht wie ein Orang-Utan, und der immer wieder bedeutungsschwanger angesprochene Vampirfluch kommt  über den Status des schmückenden Beiwerks leider auch nie wirklich hinaus. Großen Anteil am merkwürdig dekadenten Charme des Films, der ihn am meisten auszeichnet, hat die Entscheidung, völlig im Unklaren zu lassen, wann die Geschichte eigentlich spielt. Zwar suggerieren einige Details eine Verortung in der Gegenwart – etwa die Kleidung von Corringa und James -, andere stellen diese wiederum ebenso stark in Frage. Das Aus-der-Zeit-Gefallen-Sein, das immer ein Nebenaspekt des Gothic Horrors ist, findet so auch seinen Platz in LA MORTE NEGLI OCCHI DEL GATTO, der gute, angenehm gemütliche Schauerunterhaltung bietet. Italo-Afficionados freuen sich zudem über den Score von Riz Ortolani und die Anwesenheit von Luciano Pigozzi und Franco Ressel.