Mit ‘Veronica Cartwright’ getaggte Beiträge

Another blast from the past: WISDOM lief irgendwann, es muss Ende der Achtziger/Anfang der Neunziger gewesen sein, auf RTL, wo er von mir mitgeschnitten und in der Folge mehrfach verköstigt wurde, bevor ihn andere Titel in meiner Gunst abgelösten und er in Vergessenheit geriet. Mithin ist es also rund 30 Jahre her, dass ich ihn zum letzten Mal geschaut habe – und es war ein schönes Wiedersehen! Es handelt sich bei WISDOM nicht nur um einen Film aus Estevez‘ aktivster Phase als Schauspieler von ca. THE OUTSIDERS bis JUDGEMENT NIGHT und exakt zwischen MAXIMUM OVERDRIVE und STAKEOUT, sondern auch um den Auftakt seiner zwar weniger produktiven, aber doch bis heute andauernden Laufbahn als Regisseur.

WISDOM ist ein, nun ja, „naiver“ Film (Estevez selbst beschrieb ihn rund 14 Jahre später als „vanity project“ und hatte wohl nur wenig Gutes über ihn zu sagen), was angesichts des Alters seines Regisseurs vielleicht nicht weiter verwunderlich ist. Estevez war damals Mitte 20 und damit der damals jüngste Writer-Director-Star in der Geschichte Hollywoods. Er spielt den 23-jährigen John Wisdom – der Name ist durchaus ironisch -, der aufgrund einer Dummheit vorbestraft ist und bei der Jobsuche zu spüren bekommt, was das bedeutet: Entweder er wird direkt wieder weggeschickt oder aber mit niederen Tätigkeiten betraut, für die er offenkundig überqualifiziert ist. Also beschließt er jenen Karriereweg einzuschlagen, den die USA offensichtlich für ihn vorgesehen haben: Er wird „Krimineller“. John Wisdom gerät nicht aus finanzieller Not auf die schiefe Bahn – er lebt noch bei seinen Eltern (Tom Skerritt und Veronica Cartwright) -, nein, er beschließt rationell und aus mehr oder weniger freien Stücken, ein Verbrecher zu werden. Aber welches Verbrechen kommt denn für ihn in Frage? Die Antwort liefert ein Fernsehbericht über Hausbesitzer, die von der Bank enteignet wurden, weil sie ihre Hypotheken nicht mehr bedienen konnten. Wisdom beschließt, in die Rolle eines modernen Robin Hoods zu schlüpfen, Banken zu überfallen und dort die entsprechenden Kreditunterlagen zu vernichten. Seine Freundin Karen (Demi Moore) zieht er mit in die Sache hinein und nach einem anfänglichen Streit findet sie bald Gefallen daran, die Bonnie zu seinem Clyde zu sein. Doch das FBI ist dem Pärchen auf den Fersen und nachdem es zu dem unweigerlichen Unglücksfall kommt, zeichnet sich immer deutlicher ab, dass diese Geschichte kein gutes Ende nehmen kann.

Es ist eigentlich unzulässig, Vermutungen über die Privatperson Emilio Estevez anzustellen, schließlich kenne ich den Mann ja gar nicht, aber ich hatte immer den Eindruck, dass er den sensiblen Jock in John Hughes THE BREAKFAST CLUB auch deshalb so überzeugend verkörperte, weil er ihm nicht ganz fremd war. Estevez spielte in seiner Karriere oft den schlagkräftigen Proleten aus prekären Verhältnissen oder den einfachen Mittelständler. Für mich suggerierte sein lausbübisches, leicht zurückhaltendes Grinsen immer auch einen kindlichen Träumer, der weniger mit großer Intelligenz und außergewöhnlichen Talent ausgestattet ist, als mit Beharrlichkeit, Ausdauer und einem großen Herzen. Estevez‘ Attraktivität hatte immer etwas entschieden Durchschnittliches, was wohl auch dazu führte, dass er als „Star“ nie so recht ernstgenommen wurde – im Unterschied etwa zu seinem jüngeren Halbbruder Charlie Sheen, der ja mal als das next big thing in Hollywood galt: Estevez war gut in seinen Rollen, vor allem wenn er diese unauffälligen Durchschnittstypen spielte, aber er hätte nie jemanden dazu motiviert, ein Ticket nur für ihn zu lösen. In WISDOM ist er dennoch ideal besetzt: die großen, hoffnungs- und erwartungsvoll dreinblicken Augen, das alterslose Gesicht, das verschmitzte Mausezahn-Grinsen, die unauffällige, gedrungene Figur, mit der er in einem feinen Anzug aussieht, als habe er in Papas Schrank gewühlt und sich verkleidet. Den Jungen, der sich mit einem Moment der Unbedachtheit das ganze Leben versaut hat, nimmt man ihm ohne Zögern ab. Und eben auch den Typen, der beschließt, ein moderner Robin Hood zu werden. Das Interessante an seiner Entscheidung ist ja, dass es dabei niemals, wie man eigentlich erwarten könnte, um wirtschaftliche Aspekte geht: Geld für sein eigenes Auskommen zu verdienen bzw. zu erbeuten, ist nie sein Ziel. Sein „Karriereplan“ ist keine Lösung für seine Probleme: Es ist eine totale Schnapsidee, eine Idee, auf die nur jemand kommen kann, der nur bis zu einem bestimmten Punkt denkt, der sich ein Stück kindliches Denken bewahrt hat, aber eben nicht den bewahrenswerten Teil, sondern eben jenen, der einem als Erwachsenem ausschließlich und berechtigterweise große Schwierigkeiten bereitet. Sich einer solchen Figur zu widmen ist natürlich völlig legitim und eigentlich auch eine gute Basis für einen faszinierenden Film. Ich erwartete bei der Lektüre der Trivia-Bits auf der IMDb-Seite des Films, einen Hinweis auf einen realen Hintergrund der Geschichte zu finden: Die Story von John Wisdom ist genau in dem Maße bescheuert, dass sie sich in kleinerem Rahmen wirklich genau so zugetragen haben könnte. Und Emilio Estevez verkörpert den Typen, der ernsthaft glaubt, er könne „dem System“ ein Schnippchen schlagen, indem er Akten in Bankfilialen verbrennt, nahezu perfekt. Genauer gesagt geht Estevez in der Rolle des John Wisdom so sehr auf, dass man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, der Regisseur selbst glaubt daran, dass dieser Plan valide ist. Es gibt keinerlei Distanz zum Protagonisten, nie wird auch nur angedeutet, dass dieser John Wisdom ein Trottel ist, ein sympathischer zwar, aber eben doch ein Trottel. Vielleicht ist das sogar die „bessere“ Haltung, um diesen Film zu inszenieren, denn weil Estevez mit seinem Protagonisten mitgeht, sich voll und ganz mit ihm und seiner Denke identifiziert und eben nicht aus aufgeklärter Warte auf ihn hinabblickt, wirkt es überhaupt glaubwürdig, dass jemand auf diese Schnapsidee kommt und auch noch meint, sie umsetzen zu müssen. WISDOM hätte das Zeug zu einem überzeichneten Actioner um einen neumodischen Outlaw gehabt, zu einer grellen Satire mit tragikomischer Note vielleicht, einer bitteren Kritik am Kapitalismus, am Banken- und Strafsystem und an amerikanischer Heldenverehrung (natürlich wird Wisdom für seine Taten von den einfachen Leuten gefeiert und steigt zu einer Art Volksheld auf). Stattdessen inszeniert Estevez WISDOM voller Ernst als Tragödie um einen jungen Mann, dem keine andere Chance blieb und der sich dazu entschloss, den Gebeutelten zu helfen.

Der Film weicht erst sehr spät von dieser Strategie ab: Schon bevor die Konfrontation mit einem Polizisten für diesen tödlich endet, plagen Wisdom Zweifel an seinem Tun. Hat er wirklich etwas verändert? Nimmt er nicht billigend in Kauf, dass es irgendwann zu einer Katastrophe kommt? Schließlich: Hat das alles wirklich irgendetwas für ihn besser gemacht? Natürlich kommen diese Zweifel zu spät und so mündet WISDOM in ein Actionfinale mit fetten Autostunts, bevor das Unvermeidliche passiert. Das Abenteuer endet, wie es enden musste, denn das Gesetz hat keinen Sinn für Außenseiter-Romantik. Wisdom und Karen haben es ganz sicher gut gemeint, aber sie haben mehrere Verbrechen begangen und sich am Ende die eigenen Hände mit Blut besudelt. Ihre Idee war doch nicht so clever, die Zuneigung ihrer Fans ist schnell verflogen, die Banken werden weiter ihr Geschäft machen: Übrig bleiben ein Toter, unglückliche Eltern und zwei verschenkte Leben.

Vielleicht merkt man es diesem Text an, dass er in zwei Etappen entstanden ist, so wie ich auch den Film gesehen habe. Ich bin zunächst auf ihn hereingefallen und war schon bereit Estevez hier als liebenswerten Deppen hinzustellen, der eher durch Zufall einen guten Film gedreht hat. Aber die letzte halbe Stunde des Films hat meine Sicht noch einmal deutlich verändert: Dieser Film, den ich zunächst „nur“ sympathisch fand auf seine irgendwie einfache Art und Weise, hat mich am Ende wirklich ganz und gar erwischt. Das Schicksal dieser beiden Figuren hat mich tief bewegt und einen Kloß in meinem Hals hinterlassen – und es ist eben einzig und allein Estevez‘ Haltung als Regisseur zu verdanken, dass sein vermeintlich „naiver“ Film diese Gefühle hervorruft. Die vielleicht wichtigste Szene des Films – das „Duell“ zwischen Karen und dem Polizisten – ist zudem brillant inszeniert mit seiner Zeitlupe, den endlosen Close-ups und der extremen Zerdehnung der Zeit, die es dauert, bis der tödliche Schuss fällt. Und wie er den Spagat zwischen der totalen Empathie für seine Hauptfigur und der Verweigerung, ihr ein Heldendenkmal zu bauen, schafft, ist ebenfalls bemerkenswert. WISDOM ist ein wirklich schöner Film, der eigentlich größere Zuneigung verdient hätte. Ich bin geneigt, ihm jene Weisheit zuzusprechen, die er im Titel trägt – und die zu erlangen sein Held erst ins Gras beißen musste.

Alien-intro_3064438bVon Kubricks 2001: A SPACEY ODYSSEY sagt man oft, er habe aus dem Science-Fiction-Film, der damals, in den späten Sechzigerjahren, überwiegend ein Thema für Jugendvorstellungen oder Drive-in-Kinos war, ein respektables Genre gemacht, mit dem sich plötzlich auch Intellektuelle beschäftigen konnten. Ridley Scotts ALIEN kommt ein ähnliches Verdienst für den Monsterfilm zu. Der inhaltlich sowohl vom Fünfzigerjahre-Heuler IT! THE TERROR FROM BEYOND SPACE als auch von Mario Bavas TERRORE NELLO SPAZIO inspirierte Film jagte dank Gigers phänomenaler Designs auch Menschen einen Schrecken ein, die für grellen Schlock sonst eher unempfänglich waren. Auch weil Scott auf tief im Innersten verschüttete Urängste vor dem Verlust der sexuellen Identität abzielte, anstatt bloß die Furcht der Menschen vor potenziell feindlich gesonnenen Außerirdischen zu schüren, wie es der Science-Fiction/Monster-Film bis dahin überwiegend getan hatte. Die Besatzung der Nostromo wird nicht einfach hinweggerafft, sie wird geschwängert, penetriert und versklavt von einem zweibeinigen Phallus mit spermatriefendem, bezahntem Zungenpenis, dessen Hunger auf Männlein wie Weiblein gleichermaßen unstillbar ist. ALIEN ist in erster Linie ein Triumph der Ausstattung wie der Atmosphäre. Das Leben auf der Nostromo, die Durchkreuzung des Weltalls hat nichts mehr mit bunten Enterprise-Fantasien zu tun, sondern ist auch nur eine Verlängerung echter Arbeit. Das Schiff ist dreckig, das Essen miserabel, die Bezahlung schlecht und der Arbeitgeber – ein anonym bleibender Konzern – sitzt immer am längeren Hebel. Es findet wenig explizites World Building statt: Man erfährt nicht viel über die Umstände der Mission, auf der sich die Nostromo befindet, noch über das Leben auf der Erde oder die Zeit, in der der Film spielt. Der Film fängt so an, als läge all das auf der Hand. Gerade das macht ALIEN so ungemein effektiv: Man ist sofort drin, weil man alles wiedererkennt als lediglich einige hundert Jahre in die Zukunft gedachte Gegenwart. Wovon logischerweise auch der Monsterplot profitiert, weil er von der Authentizität der Darstellung mitgetragen wird. Scotts Film hat eine unglaubliche erste Hälfte: die Ruhe, mit der er den Zuschauer mit Schiff und Besatzung bekanntmacht, setzt sich in den Vorbereitungen zur Landung und der Erkundung des fremden Planeten fort. Die sonst übliche Hektik und Geschäftigkeit weichen der Routine und der Müdigkeit nach Monaten im All. Alle wollen nur nach Hause, stattdessen müssen sie auf einem gottverlassenen Stein landen, um einem rätselhaften Notsignal nachzugehen. Die Handlung ist ähnlich klaustrophobisch strukturiert wie das Setting: Menschen tun Dinge, die sie nicht tun wollen, aber tun müssen. Und der Zuschauer ahnt bereits, dass das alles kein gutes Ende nehmen kann. Der Besuch auf dem fremden Planeten ist – neben der legendären Chestburster-Szene natürlich – der Höhepunkt des Films. Seine postapokalyptische, aschfarbene Oberfläche, die wie Skelettfinger in den schwarzen Himmel ragenden Trümmer eines fremdartigen Raumschiffes mit seine Vulva-artigen Eingängen, sein in seiner Fremdartigkeit und schieren Größe an Lovecraft erinnernde Interieur, der riesenhafte Leichnam, schließlich die Höhle mit den Eiern. Spätestens, wenn sich eines von ihnen öffnet und den Blick freigibt auf das pulsierende Innenleben, gibt es eigentlich kein Halten mehr und es ist fast eine Erlösung, wenn die konstant gehaltene Drohgebärde sich im Angriff des Facehuggers konkretisiert. Wie Scott während dieser ersten Hälfte des Films die Daumenschrauben in aller Seelenruhe ansetzt und dann unaufhörlich festzieht, ist schlicht beeindruckend. Wenn schließlich das ausgewachsene Alien durch die dunklen Gänge der Nostromo schleicht, die anscheinend nur dafür konstruiert wurden, ihm Tarnung zu verschaffen – man vergleiche die Darstellung des Schiffs in jener zweiten Hälfte des Films mit der vom Anfang, um den Unterschied zu bemerken. (Besonders rätselhaft ist sicherlich der Raum, in dem es Brett erwischt: Mit den herabhängenden Ketten fühlt man sich unweigerlich an einen Underground-Club mit SM-Thematik erinnert – nur eines von vielen Beispielen für die kaum noch unterschwellig zu nennende sexuelle Aufladung von ALIEN.) –, wird Scotts Film ein wenig herkömmlicher und auch, wenigstens aus heutiger Sicht, etwas „gummiger“. Aber der Zuschauer ist dann ja eh schon hoffnungslos verloren. Wer behauptet, mit ALIEN sei Scott einer der unheimlichsten Filme aller Zeiten gelungen, hat damit sicherlich nicht Unrecht. Und das fast erotisch zu nennende Finale zwischen der halbnackten Ripley (Sigourney Weaver) und dem wie ein Triebtäter in ihr Schlafgemach gedrungenen Alien, ist eine Sternstunde seines Schaffens. Ich habe ja ein eher gespaltenes Verhältnis zu dem Mann, finde sein Werk in den letzten 30 Jahren bis auf wenige Ausnahmen ziemlich furchtbar, aber ALIEN ist auch fast 40 Jahre nach seiner Entstehung immer noch meisterlich. Und wenn ein nicht unerheblicher Teil seiner Wirkung auch auf Giger zurückgehen mag: Scott hat genau verstanden, was er mit dessen Ideen anzufangen hatte.