Mit ‘Viggo Mortensen’ getaggte Beiträge

Weil Geld für ein modernes Gefängnis fehlt, wird kurzerhand eine Strafanstalt in Wyoming in Betrieb genommen, die seit 20 Jahren geschlossen war. Als Wärter wird Eaton Sharpe (Lane Smith) eingesetzt, ein harter Hund, der eine besondere Bindung zu seinem Arbeitsplatz hat: Vor mehr als 20 Jahren führte er dort den Verbrecher Forsythe wegen Mordes zum elektrischen Stuhl. Doch dessen Geist scheint immer noch sein Unwesen in dem alten Gemäuer zu treiben, denn kurz nachdem die neuen Gefangenen ihre Zellen bezogen haben, gibt es die ersten mysteriösen Todesfälle …

PRISON ist Harlins zweite US-Produktion (nach dem Actionfilm BORN AMERICAN), verschaffte dem mittlerweile renommierten Viggo Mortensen seine erste Hauptrolle und prädestinierte den finnischen Regisseur geradezu für den noch im selben Jahr in Angriff genommenen NIGHTMARE ON ELM STREET IV: THE DREAM MASTER. Sein inszenatorisches Geschick, das er im Verlauf der Neunzigerjahre noch in mehreren erfolgreichen Hollywood-Filmen beweisen sollte (u. a. in DIE HARD 2, CLIFFHANGER, THE LONG KISS GOODNIGHT und DEEP BLUE SEA), kommt in PRISON schon deutlich zum Vorschein: Harlin versteht es ausgezeichnet, eine Geschichte durch geschickten Einsatz von Bild und Schnitt, cleveres Bedienen der Konvention und ohne Rückgriff auf umständliche, erklärende Dialogszenen zu erzählen. So schneidet er etwa von der einleitenden Rückblende, die die Exekution Forsythes schildert, direkt auf den in der Gegenwart schweißgebadet und schreiend aufwachenden Sharpe, und etabliert so nicht nur den zeitlichen Rahmen seiner Geschichte, sondern auch schon das Trauma des Wärters, das – wie man hier schon ahnt – natürlich einen im weiteren Verlauf des Films aufzudeckenden, tiefer liegenden Grund hat. Überhaupt genügen ihm meist vage Andeutungen, um dem Zuschauer eine Ahnung von der Art der Bedrohung zu verschaffen. Harlin entpuppt sich als Genrekenner, der genau weiß, welche Informationen seine Zuschauer benötigen, was man ihnen explizit mitteilen muss und was sie sich aus ihrem Kontextwissen selbst erschließen können. Das eröffnet ihm die Möglichkeit, mit den Genre-Versatzstücken und auch dem Zuschauer zu spielen: Er nutzt etablierte Genreklischees zunächst, um die Erwartungen seiner Zuschauer zu bedienen, ihnen so den „Einstieg“ zu erleichtern, nur um diese Klischees in Folge zu demontieren, den Zuschauer folglich auf dem falschen Fuß zu erwischen. Man betrachte nur einmal, was Harlin hier mit der in keinem Knastfilm fehlen dürfenden „Morgan-Freeman-Figur“ anstellt …

Bevor meine Renny-Harlin-Begeisterung, die leider nicht allzu viele Menschen mit mir teilen, mit mir durchgeht: PRISON ist kein filigranes Regiemeisterwerk, kein mit dem Stempel des Horrorfilms stigmatisiertes und missverstandenes cineastisches Kunstwerk, sondern einfach ein unterhaltsamer, versiert erzählter und ausnahmsweise sogar einmal glaubwürdiger Schocker, der trotz seiner Spieldauer von 100 Minuten gut reinläuft, sein Tempo über die gesamte Zeit hält und niemals mit Offensichtlichkeiten nervt. Seine drei, vier doch recht happigen Szenen bescherten der deutschen Fassung einige unschöne Schnittwunden und sind – um im Bild zu bleiben – die Feile im Kuchen. Das knallige Finale mag vielleicht etwas kurzatmig erscheinen, wenn man es aber mit den unzähligen verkorksten Horrorfilm-Enden vergleicht, in denen der vorher geduldig aufgebaute Schrecken entweder in langen Monologen zerredet wird oder aber so oft Wiederauferstehung feiert, dass es einem irgendwann egal ist, muss man seine Ratzfatz-Attitüde einfach mögen. Ein schöner, richtig gut gemachter Horrorfilm, den ich THE SHAWSHANK REDEMPTION jederzeit vorziehen würde.

leatherface_texas_chainsaw_massacre_iii_xlgMichelle (Kate Hodge) und ihr Freund Ryan (William Butler) sind mit dem Auto unterwegs von Kalifornien nach Florida. Auf dem Weg durch Texas fahren sie nicht nur an einem soeben frisch ausgehobenen Massengrab vorbei, sie begegnen an einer einsamen Tankstelle auch einem höchst unfreundlichen Tankwart. Dieser ist aber nur die Vorhut des kannibalistischen Sawyer-Clans, der arglose Touristen auf den verlassenen Straßen seines Reviers aufgreift und zu Hause zu Filet verarbeitet. Auch Michelle und Ryan müssen sich bald gegen den kettensägenschwingenden Leatherface wehren: ein aussichtsloser Kampf, wie es scheint …

LEATHERFACE stellte den Versuch der Produktionsfirma New Line (u. a. NIGHTMARE ON ELM STREET, JASON GOES TO HELL: THE FINAL FRIDAY) dar, ein neues profitables Franchise zu generieren. Die ersten beiden TCM-Filme genossen in Fankreisen einen immensen Kultstatus, die Figur des Leatherface hatte zumindest in den Augen der Verantwortlichen das Potenzial, zu einem Horrorhelden der Marke Freddy, Jason, Michael Myers oder Pinhead zu werden. Horrorbestseller-Autor David J. Schow verfasste ein saftig-krankes Drehbuch, das die Horrorfans in Verzückung versetzen sollte, Jeff Burr, der zuvor mit STEPFATHER 2 Sequelerfahrung gesammelt hatte, sollte die Umsetzung besorgen. Doch aus den hochtrabenden Plänen wurde nichts: Die Dreharbeiten waren aufgrund budgetärer Limitierungen schwierig (Regisseur Burr wurde gefeuert und zwei Tage später wiedereingestellt), die MPAA zog dem Film sämtliche Zähne und der Torso, der schließlich den Weg ins Kino fand, musste das anvisierte Publikum – und damit genau jenes, für das der Film einzig und allein gedacht war – zwangsläufig verärgern und verprellen. Ein nach Testcreenings umgemodeltes Ende, dass binnen weniger Minuten gleich drei totgeglaubte Figuren wieder zum leben erweckte, raubte dem Film zudem jeglichen verbliebenen Kredit: Er floppte gewaltig, bedeutete Burrs Rückkehr in weniger lukrative Gefilde und ließ alle Träume vom TCM-Franchise und damit von vielen, vielen mit dem entsprechenden Merchandising veredelten Fortsetzungen platzen.

Auch in der ungeschnittenen Fassung erschien mir LEATHERFACE aber immer als ein Film voller Kompromisse, zu dem mich zu positionieren mir schwerfiel. Er gefiel mir nicht richtig schlecht, aber irgendwas stimmte trotzdem nicht mit ihm. Bei dieser Sichtung jetzt, der ersten seit vielen Jahren, hat er mir zum ersten Mal wirklich gut gefallen: Seine Schwächen relativieren sich, weil man durchaus erkennen kann, dass alle Beteiligten den fiesen, gestörten Film im Sinn hatten, der ein TCM-Sequel gefälligst zu sein hat (wie Burr richtig und sehr sympathisch sagt: Wenn man mit einem Horrorfilm nicht versucht, den Leuten auf die Füße zu treten und vor den Kopf zu stoßen, hat man etwas falsch verstanden), aber leider mit äußeren Umständen konfrontiert waren, die sie bei diesem Unterfangen immer wieder behinderten. Vom Tonfall her ist Burrs dritter Teil genau zwischen den beiden von Tobe Hooper inszenierten Vorgängern einzusortieren: LEATHERFACE hat zwar keineswegs diese unangenehme Authentizität, die das Original für mich auch nach der xten Sichtung immer noch zur gnadenlosen Zerreiß- und Belastungsprobe macht (das liegt schon in den unterschiedlichen technischen Voraussetzungen begründet), aber er driftet auch keineswegs in die jeglicher Realität vollkommen enthobenen comichaft-surrealen Sphären ab, in die Hooper seine Figuren mit dem eigenen zweiten Teil geführt hatte. Und genau hier liegt das Problem: Die Verquickung von nervenzerfetzendem Terror und dem Popcorn-Horror, den die Produzenten anpeilten, funktioniert einfach nicht. Bei der Überführung der Leatherface-Figur in einen Rahmen von „Unterhaltungskino“ beraubt man sie ihres furchteinflößenden, bedrohlichen Potenzials, die sie eigentlich auszeichnete. Entweder man hat das eine oder das andere, aber niemals beides. So schlingert LEATHERFACE zwischen diesen beiden Antipoden hin und her, schockiert (in der ungeschnittenen Fassung) mit herben Bildern und einer grimmigen Atmosphäre, kastriert sich aber mit einer sauberen Hochglanzoptik und schließlich, ich erwähnte es bereits, einem der fehlgeleitetsten Finals der jüngeren Filmgeschichte. Dieser Schlingerkurs verhindert zwar, dass LEATHERFACE sich irgendwo einordnet, aber paradoxerweise verleiht ihm gerade das auch seine Identität. In punkto grafischer Gewalt gibt es heute zwar um ein Vielfaches drastischere Filme zu sehen, die zudem weitaus weniger Zensurprobleme haben, doch allein die Anwesenheit des Titelcharakters sorgt hier für dieses Kribbeln, das neumodischeren, durchgestylten Splatterfilmen vollkommen abgeht. Die Kettensäge ist das Geheimnis und Paradigma: Burr verliert sich nicht in abstrakten Konzepten und cleveren Subtexten, er präsentiert äußerst fleischlichen Körperhorror, dessen teures, stromlinienförmiges Gewand ihn letztlich umso verstörender erscheinen lässt. Schade, dass der Film seinerzeit so geschmäht wurde.

eastern-promises-posterDie Krankenschwester Anna (Naomi Watts) bringt das Kind einer 14-jährigen russischen Prostituierten zur Welt, die die Geburt nicht überlebt. Anna beginnt, Nachforschungen über die junge Frau anzustellen und macht dabei die Bekanntschaft einer russischen Mafiafamilie, die von  Semyon (Armin Müller-Stahl) geführt wird. Bald lernt sie auch dessen Sohn Kirill (Vincent Cassel) und den „Fahrer“ Nikolai (Viggo Mortensen) kennen, der das Vetrauen der Ärztin gewinnt …

Lange habe ich die Sichtung von Cronenbergs bislang letztem Spielfilm vor mir hergeschoben, aus welchen Gründen auch immer. Die Cronenberg-Rezeption spaltet sich ja seit A HISTORY OF VIOLENCE deutlich in zwei Lager: die einen, die einen Abstieg des Kanadiers in die Tiefen des langweiligen Mainstreams konstatieren, die anderen, die zwar eine größere „Zugänglichkeit“ konstatieren, aber immer noch den auteur erkennen, der mit Vorliebe über neue Körperformen und Geisteszustände nachdenkt. In HISTORY war dieses Thema noch sehr deutlich in der Spaltung der Hauptfigur in eine gegenwärtige und eine vergangene Identität angelegt, die Verbindung somit sehr klar, in EASTERN PROMISES ist sie loser. Zwar kann man die Figur des Nikolai – er stellt sich als Undercover-Polizist heraus – noch in dieser Richtung interpretieren, doch ist die Schizophrenität des Geheimpolizisten ja bereits Genrestandard und somit nur schwer als genuin Cronenbergisch zu beschreiben. Dass mir mit einmaligem Sehen noch nicht ganz klar geworden ist, wie sich EASTERN PROMISES im Cronenbergschen Kanon einsortieren lässt, bedeutet aber nicht, dass er mir nicht gefallen hat, im Gegenteil. Ich finde ihn sogar eine Spur interessanter als HISTORY; nicht zuletzt, weil jener mir von einem Fremdscham induzierenden Auftritt William Hurts vergrätzt wurde, vor allem aber weil mir EASTERN PROMISES Einfachheit, so imponiert hat. Man spürt förmlich, wie sich unter der vermeintlich spiegelglatten Oberfläche des Plots die Wellen des Subtextes kräuseln.

Neben den dann doch als typisch Cronenberg zu identifizierenden Szenen – natürlich der Kampf in der Sauna, aber generell die Inszenierung von Gewalt und Sex –, hat mich vor allem ein märchenhafter Zug der Handlung fasziniert. Die Begegnung Annas mit der Mafiafamilie wird als Begegnung des Guten mit dem Bösen inszeniert, eine Kontrastierung, die dadurch noch verstärkt wird, dass auch Anna zwei Familienmitglieder auf ihrer Seite hat. Auch in der in Kritiken manchmal bemängelten und  gar als rassistisch diffamierten Zeichnung der Russen schlägt sich meines Erachtens eher der Wunsch nach stilistischer Überhöhung nieder als ein Vorurteil. EASTERN PROMISES ist ja kein Film über die russische Mafia, er ist keine authentische Sozialstudie: Er ist ein Film über Familienbünde und darüber, wie unterschiedlich diese konstituiert sein können. Und betrachtet man die Familien hier als Körper hat man dann auch wieder den Anschluss ans Cronenbergsche Schaffen.