Mit ‘Vincent Gardenia’ getaggte Beiträge

MPW-57891That’s more like it: Nach dem buchstäblich verschnarchten THE BIG SLEEP widmete sich Winner anderem, trivialerem, vergnüglicherem Stoff, der aber – wie man es von Winner gewohnt ist – den ein oder anderen Nackenschlag für den geneigten Zuschauer parat hält. Außerdem ist FIREPOWER ein interessanter Bastard aus Ende der Siebzigerjahre eigentlich längst überkommenen Einflüssen, was auch seine beiden Hauptdarsteller, beide schon jenseits ihrer Glanzzeit, verkörpern. Klar, die Bond-Filme, an die FIREPOWER mit seinen attraktiven Schauplätzen, der internationalen Starbesetzung, der Mischung aus Action, Humor und Romantik (bzw. Sex), dem schwofig-pompösen, Saxophon-lastigen Score und natürlich dem Posterdesign mehr als nur erinnert, waren damals immer noch populär, aber Winner knüpft weniger an die damals aktuellen Moore-Bonds an, als vielmehr an den Eurospy- und den maskulinen Abenteuerfilm der Sechzigerjahre.

In New York wird der Adele Tasca (Sophia Loren) Ehemann von einer Briefbombe ermordet. Sie vermutet den Unternehmer und Multimillionär Stegner hinter dem Attentat, für den ihr Mann einst als Chemiker arbeitete, bis er herausfand, dass sein Chef ein krebserregendes Medikament produzieren ließ. Dass sie nun ihrerseits Rache will, macht sie für das FBI interessant, die Stegner wegen verschiedener Machenschaften schon seit geraumer Zeit ans Leder wollen. Sie engagieren den ehemaligen Mafiakiller Jerry Fanon (James Coburn), der sich gemeinsam mit seinem Partner Catlett (O. J. Simpson) auf die Karibikinsel Antigua begibt, wo Stegner – von dem niemand weiß, wie er aussieht, seinen Wohnsitz haben soll …

Die sich entwickelnde Schurkenhatz spielt sich ganz nach dem von den Vorbildern etablierten Muster ab, beinhaltet scharfzüngige Dialoge, minutiös ausgetüftelte Pläne, tückische Fallen, hinterlistige Morde und staubaufwirbelnde Verfolgungsjagden. Winner muss die attraktiv wie ein tropischer Fruchtcocktail dargebotene Mischung schon mit der ein oder anderen Geschmacklosigkeit würzen, um den sich wahrscheinlich nicht zu Unrecht einstellenden Eindruck eines gemütlichen Karibikurlaubs zu zerschlagen. Im Gedächtnis bleibt vor allem der arme Tropf, der von Fanon und Catlett ins Meer gehängt und mit Blut übergossen wird, um die Haie anzulocken. FIREPOWER läuft gut rein und runter, ist sehr süffig, um mal im Bild zu bleiben, aber nicht ohne die Winner’schen Merkwürdigkeiten: Da wird für eine eher unwichtige Szene extra ein Doppelgänger Fanons namens Eddie (James Coburn) eingeführt, dessen mangelhafte Einbindung ins Bild geradezu schmerzhaft ist. Der große Showdown, in dem Fanon die herrschaftliche Villa des Schurken mit einem zufälligerweise bereitstehenden Bagger plattwalzt und sich das pompöse Gebäude als notdürftig aus Spanplatten zusammengeleimt erweist, ist anscheinend nicht als Scherz gemeint, obwohl das nur schwer vorstellbar ist. Der krasseste Witz, den der Regisseur sich erlaubt, ist aber gewiss das Ende: Da darf der 66-jährige, schon reichlich überliftet und verbraucht aussehende Victor Mature in einem Gastauftritt als reicher Gentleman der schönen Adele den Hof machen und der armen Witwe ein seltsames Happy End bescheren, das so ganz gewiss niemand gebraucht hat.

FIREPOWER ist alles andere als ein „großer“ Film, eher ein Spaß, den sich der Regisseur erlaubt hat. Ein Spaß für alle Beteiligten sicherlich, aber auch für den geneigten Zuschauer, der sich solche professionell gefertigte Trivialkunst gern verabreichen lässt.

 

 

il-grande-racket-1976Geschäfts- und Restaurantbesitzer Roms werden von einer Bande, die unter dem Befehl des mafiösen Rudy (GIanluigi Loffredo) steht, mit Schutzgelderpressung und Gewaltandrohung in Angst und Schrecken versetzt. Der Kriminalbeamte Nico (Fabio Testi) ermittelt gemeinsam mit seinem Partner Velasci (Salvatore Borghese), muss jedoch immer wieder die Freilassung der Schurken beklagen, erreicht mit seinen zunehmend aggressiven Methoden nicht mehr als eine Eskalation der eh schon fragilen Situation. Als er schließlich aus dem Dienst entlassen wird, schließt er sich mit einigen Opfern der Gangster zusammen, um mit ihnen kurzen Prozess zu machen …

IL GRANDE RACKET ist ein guter, aber keiner der großen Filme Castellaris, ich denke dabei vor allem an LA POLIZIA INCRIMINA LA LEGGE ASSOLVE, für mich immer noch der vielleicht ultimative Poliziottesco, den poetischen Spät-Italowestern KEOMA oder, mit leichten Abstrichen, den todtraurigen IL CITTADINO SI RIBELLA und das Endzeit-Popmusical 1990: I GUERRIERI DEL BRONX. Castellaris Cop-Actioner erreicht weder die emotionale Durchschlagskraft seiner Filme mit Franco Nero noch den visuellen Einfallsreichtum seiner WARRIORS-meets-ESCAPE FROM NEW YORK-Pop-Pastiche. Dabei scheitert es nicht an seinen Ambitionen: IL GRANDE RACKET besteht aus etlichen miteinander verbundenen Episoden und führt ebenso viele Charaktere ein, ist also bis zum Bersten mit Handlung vollgestopft und gönnt sich auf dem Weg ins von Kurosawas SHICHININ NO SAMURAI oder Sturges‘ THE MAGNIFICENT SEVEN inspirierte Finale kaum eine Atempause. Eine Actionszene reiht sich an die nächste und der Bodycount ist am Ende des 106-Minüters kaum noch zu zählen. Das Problem: Es berührt einen kaum.

IL GRANDE RACKET ist immens unterhaltsam und temporeich, gut besetzt und gespielt und, wie man es von Castellari zu seiner Hochzeit erwarten kann, kompetent und schwungvoll inszeniert. Das Problem scheint mir vor allem das Script zu sein, das viel zu unfokussiert ist und einem kaum eine Gelegenheit gönnt, sich zum Gezeigten in Beziehung zu setzen. Während es also ständig etwas zu gucken gibt, Protagonist Nico sich nie über Beschäftigungslosigkeit beklagen kann, bleibt der Plot in der gesamten ersten Stunde des Films ohne klar definiertes Ziel. Die Nebenfiguren verschwinden fast ebenso schnell wie sie eingeführt wurden und erst wenn Nico nach rund einer Stunde seine „Posse“ mit ihnen formiert, wird ihre Funktion überhaupt klar. Ein gutes Beispiel ist Rossetti (Orso Maria Guerrini), ein Zivilbürger und Sportschütze, der durch Zufall in einen Shootout zwischen Nico und den Schurken verwickelt wird und ihm mit seiner Waffe zu Hilfe kommt. Die beiden Männer freunden sich an, einig in ihrem Wunsch, die Straßen vom Gesindel zu säubern, doch schon in der nächsten Szene wird Rossetti wieder aus dem Film genommen und es dauert eine gute halbe Stunde, bis zu seinem nächsten Auftritt im Showdown des Films. IL GRANDE RACKET ist maßlos in seiner Anhäufung von Leid und Opfern: In POLIZIA INCRIMINA LA LEGGE ASSOLVE reichte ein Schicksalsschlag, ein Zusammenbruch des Protagonisten, um einen als Zuschauer unrettbar auf seine Seite zu ziehen und für das Großreinemachen einzunorden, hier stellt sich diese Wirkung nicht ein, weil gar keine Zeit bleibt, die Dinge sinken und wirken zu lassen. Das eine Unglück ist kaum vorbei, da bahnt sich schon das nächste an.

Wenn diese Methode sich auch als dramaturgisch kontraproduktiv erweist, so ist sie doch überaus vielsagend: Die mittleren Siebzigerjahre waren in Italien gesellschaftlich überaus turbulent, wirtschaftlich ging es bergab, die Rechte erlebte einen starken Zulauf, das Verbrechen nahm überhand, der „einfache Bürger“ musste anscheinend nicht nur um seinen finanziellen Fortbestand, sondern auch um seine körperliche Unversehrtheit oder gar sein Leben fürchten. Andere Regisseure antworteten auf diesen Notstand, in dem sie einen gutbürgerlichen Amokläufer wie Maurizio Merli in die Schlacht warfen, Castellari zeichnet eben ein Rom, in dem sich die Opfer die Klinke in die Hand geben können. Das Ergebnis ist ähnlich: Man sitzt davor, nicht mehr schockiert, nur noch betäubt von dem Orkan an Niedertracht und Gewalt.

Die 37-jährige Witwe Loretta Castorini (Cher) fühlt sich in Sachen Liebe mit einem Fluch belegt, seit ihr Gatte von einem Bus überfahren wurde. Als sie den Heiratsantrag des gutmütigen, aber auch etwas leidenschaftslosen Johnny Cammareri (Danny Aiello) annimmt, tut sie dies nicht aus Liebe, sondern weil sie glaubt, dass nichts Besseres mehr kommen wird. Wenig später reist sich der Verlobte nach Sizilien, um bei seiner sterbenden Mutter zu sein, und beauftragt Loretta damit, seinen Bruder Ronny (Nicolas Cage), mit dem er seit fünf Jahren nicht mehr gesprochen hat, aufzusuchen und ihn zur bevorstehenden Hochzeit einzuladen. Doch Loretta Begegnung mit dem von Herz- und Weltschmerz zerrissenen Mann verändert alles – und die Vollmondnacht steht erst noch bevor … 

Je nachdem, welche Vorstellung man von der Liebe hat, schreibt man entweder den Franzosen oder den Italienern die Expertise für dieses Fachgebiet zu: Der Franzose ist wahrscheinlich etwas freigiebiger und unmoralischer, gleichzeitig pragmatischer in seiner Auswahl. Liebe und Sex gehören zum Alltag wie Essen und Trinken, Leidenschaften nicht hinter Schloss und Riegel, denn sie wollen ausgelebt werden. Und französischer Sex klingt wie ein Chanson, mit verrauchter Stimme vorgetragen, die von Leidenschaft, aber auch von der Schwere derselben erzählt. Der Italiener ist deutlich romantischer und sentimentaler: Wenn es ihn erwischt, ist das ein metaphysisches Ereignis, das ihn fortreißt und alles um ihn herum verändert. Der Mond ist kein fahler Himmelskörper mehr, sondern ein „big pizza pie“, wie Dean Martin in „That’s amore“ singt, das MOONSTRUCK eröffnet. Und so beschwingt wie dieses Lied sind auch seine Charaktere, die geradezu beschwipst sind vor Liebe. Dass Norman Jewison seine Liebeskomödie im erweiterten Familienkreis einer italienischen Einwandererfamilie in New York ansiedelt, sagt also weniger über Italiener oder Italoamerikaner aus, sondern vor allem über die Stimmungen und Gefühle, die Jewison erzeugen möchte.

Von Dean Martins eröffnendem Lied, über die Settings bis hin zu den Charakteren mit ihren schwelenden Leidenschaften und der Musik ist MOONSTRUCK von bittersüßer Melancholie geprägt. Loretta sehnt sich nach dem Einen, doch wählt den Kompormiss, weil sie befürchtet, sonst ganz leer auszugehen; ihre Eltern, Rose (Olympia Dukakis) und Cosmo (Vincent Gardenia) führen eine Ehe, aus der genau jene Spontaneität gewichen ist, die Cosmo nun bei seiner Geliebten Mona zu finden hofft. Johnny will insgeheim bei seiner Mama bleiben, Loretta eher aus einem Pflichtgefühl heraus heiraten und in Ronny wogen die Leidenschaften mit einer Heftigkeit, dass er darüber kaum noch lebensfähig ist. Die Liebe droht in Jewisons Film immer von der Vernunft erstickt zu werden: Weil alle Angst vor dem Tod haben, reiben sie sich in sinnlosen Spielchen auf, anstatt sich bedingungslos ihrem Gefühl hinzugeben. In der  schönsten Szene des Films trifft Rose den Universitätsprofessor Perry (großartig: John Mahoney) in einem Restaurant, wo dieser gerade eine heftige Abfuhr von seiner weiblichen Begleitung, einer Studentin, erhalten hat. Es entsteht ein seltsam vertrautes Gespräch zwischen den beiden Fremden, das das Vorspiel für eine Liebesszene bildet, die dann niemals folgt. Stattdessen kehren beide in ihr Leben zurück, das sie nun mit anderen Augen sehen können.

MOONSTRUCK gefällt sich vielleicht ein bisschen zu sehr in seinem Bild von italoamerikanischer dolce vita: Gerade in der Figur des Ronny gehen Jewison vielleicht etwas die Pferde durch und ich bin mir nicht sicher, ob ich Ronny und Loretta die Liebe, die sie füreinander empfinden, wirklich abnehme oder ob ich sie nicht als etwas arg dem narrativen Zweck unterworfen betrachten soll. Andererseits stellt der Film seinen Figuren ja eh vorübergehende Unzurechnungsfähigkeit aus: Unter dem Einfluss des Mondes spielen die Hormone schon mal verrückt und lassen einen die wildesten Dinge tun. Vielleicht klagen die Castorinis und Cammareris heute schon wieder über ihr Liebesleid.