Mit ‘Vincent Price’ getaggte Beiträge

Cormans Poe-Verfilmungen HOUSE OF USHER, THE PIT AND THE PENDULUM, THE PREMATURE BURIAL und TALES OF TERROR waren zu Beginn der 1960er-Jahre immens erfolgreich und verhalfen dem emsigen Billig- und Vielfilmer plötzlich zu vorher ungeahntem Respekt und Bekanntheit. Unter anderem erregten die Filme auch das Interesse des altgedienten Produzenten Edward Small, der als Geldgeber für TOWER OF LONDON fungierte. Wer letzten Endes die Idee dazu hatte, Shakespeares „Richard III.“ und „Macbeth“ zu verquicken, ist von meiner Warte aus nicht abschließend zu beurteilen: Sowohl Produzent Gene Corman, Rogers Bruder, als auch Small selbst behaupteten, den Ausschlag gegeben zu haben. Angeblich befürchteten Gene und Drehbuchautor Leo Gordon, der Bedarf des Publikums könne nach vier Poe-Filmen gesättigt sein und nach einer Abwechslung verlangen. Wenn dem so war, erwies sich ihre Befürchtung als falsch: TOWER OF LONDON war kein großer Erfolg beschieden und Corman kehrte danach schnell wieder zu dem bewährten, keinesfalls ausgereizten Erfolgsrezept zurück, drehte innerhalb von zwei Jahren THE RAVEN, THE MASQUE OF THE RED DEATH und schließlich TOMB OF LIGEIA. TOWER OF LONDON bezeichnete er rückblickend als „foolish“ und beklagte sich über die ständigen Interventionen seines Geldgebers Small. Die ursprünglich auf drei Filme angelegte Zusammenarbeit der beiden wurde aufgrund beiderseitiger Unzufriedenheit noch während der laufenden Dreharbeiten wieder aufgelöst. Small blieb dem Filmgeschäft danach noch einige Jahre erhalten und finanzierte im Anschluss unter anderem die beiden Vincent-Price-Filme TWICE TOLD TALES und DIARY OF A MADMAN, bevor er 1977 verstarb.

Hauptfigur von TOWER OF LONDON ist der körperlich wie seelisch deformierte Richard, Herzog von Gloucester (Vincent Price), Bruder des sterbenden Königs Edward (Justice Watson) und des braven George, Herzog von Clarence (Charles Macauley). Entgegen Richards Erwartungen ernennt Edward George zum Vormund seiner beiden Söhne und zum Interims-König und entfacht damit den Zorn und Neid des krankhaft ehrgeizigen Mannes. Der König ist noch nicht tot, da hat Richard seinen Bruder bereits erdolcht – mit einem Messer, dessen Griff das Wappen der Woodvilles zeigt, der Familie der Königin. Als nächstes muss die Kammerzofe Mistress Shore (Sandra Knight) dran glauben, weil sie sich weigert, das Gerücht zu streuen, die Prinzen seien unehelich gezeugt worden: Sie stirbt auf der Streckbank. Die Schandtaten gehen allerdings nicht spurlos an Richard vorbei: Die Geister der Ermordeten erscheinen ihm, prophezeien ihm den Tod an einem Ort namens Bosworth, durch die Hand eines Toten und treiben ihn sogar dazu, seine geliebte Gattin Anne (Joan Camden), seine einzige Vertraute, im Wahn zu erwürgen …

Das Drehbuch vermischt, wie bereits erwähnt, zwei Shakespeare-Dramen zu einem milde schwarzhumorigen Historienstoff inklusive Geisterzulage, der unter der versierten Hand Cormans durchaus schön und stimmungsvoll, aber letztlich doch etwas zu vorhersehbar und gemütlich geraten ist, um nachhaltige Spuren zu hinterlassen. Vordergründig mag sich TOWER OF LONDON von Cormans Poe-Adaptionen nur durch das Schwarzweiß (und natürlich die literarische Vorlage) unterscheiden, aber das hieße, das Genie seiner Horror-Klassiker zu verkennen. Sein Poe-Zyklus, so traditionsbewusst, klassisch und literarisch er auch anmuten mochte, zündete ja nicht zuletzt bei der jungen Generation, die zu Beginn der Sechzigerjahre sicherlich andere Dinge im Kopf hatte als die Klassiker der amerikanischen Schauerliteratur. Hinter der barocken Fassade verbargen sich Filme, die gnadenlos mit der Elterngeneration abrechneten, die Alten als verdrehte, neurotische, mitunter gar verbrecherische Heuchler zeichneten, die sich nicht nur weigerten, loszulassen und die Zügel den Jüngeren zu überlassen, sondern sie gleich mit ins Verderben rissen. Dieser Aspekt schwingt zwar auch in TOWER OF LONDON mit – in der wahrscheinlich schockierendsten Szene des Films fällt Richard zusammen mit seinem Kompagnon Ratcliffe (Michael Pate) über die beiden noch nicht den Kinderschuhen entwachsenen Prinzen her und erstickt sie mit einem Kissen im Schlaf -, aber der Anstrich des Historienfilms und die Geschichte um Thronfolge und höfische Ränkespiele entziehen den Film auch dem Erfahrungshorizont des Zuschauers, der sich eher fühlt wie ein distanzierter Museumsbesucher vor einem Glaskasten mit halbverfallenen Reliquien. Vincent Price hat sichtlich Spaß, als langsam dem Wahn verfallender Buckliger voll aufzudrehen, aber das Drehbuch hätte etwas mehr Fallhöhe vertragen können: Richard ist schon in der ersten Szene ein mörderisches Dreckschwein und die sich anschließende 90-minütige Talfahrt lässt als einzig offene Frage, wer der Tote ist, durch dessen Hand er sein Leben verlieren wird. Das ist nicht unbedingt das tragfähigste und noch weniger ein spannendes Konzept.

Im Netz steht überall zu lesen, dass TOWER OF LONDON nichts mit dem gleichnamigen 1939er-Film von Rowland V. Lee zu tun habe (aus dem Corman sich zur Bebilderung der finalen Schlacht bediente), was ich nach Überfliegen diverser Inhaltsangaben für eine einigermaßen abenteuerliche Behauptung halte. Beide Filme drehen sich um Richard, Herzog von Gloucester, und seine verbrecherischen Anstrengungen, den Thron zu besteigen, basieren lose auf Shakespeares Stück und enden mit Richards Tod auf dem Schlachtfeld. Es sind schon Filme für weniger Gemeinsamkeiten als „Remakes“ bezeichnet worden.

THEATRE OF BLOOD war Prices erste Horrorfilm, den er nach der Vollendung seines Vertrags mit AIP drehte. Die von Roger Corman für die unabhängige Produktionsgesellschaft inszenierten Poe-Verfilmungen waren in den Sechzigerjahren immens erfolgreich gewesen und hatten die Popularität des Schauspielers in einer Phase bewahrt, in der es für Schauspieler altersbedingt oft schwierig wird, noch Hauptrollen zu ergattern. Der zunächst sehr attraktiv aussehende Zehnjahresvertrag, der der AIP ein Exklusivrecht auf Horrorfilme mit Price sicherte, dem Schauspieler es aber gleichzeitig ermöglichte, andere Rollen für andere Studios zu übernehmen, entwickelte sich für Price nach dem Ausscheiden von Corman aber zur Sackgasse, denn Arkoff und Nicholson fehlten sowohl der Draht zur Jugend, dem Hauptpublikum von Genrefilmen. als auch ein ähnlich stilsicherer und intelligenter Regisseur wie Corman es gewesen war. THE ABOMINABLE DR. PHIBES war wie Balsam auf durch Schund wie CRY OF THE BANSHEE geschlagene Wunden, doch das von Anfang an von Schwierigkeiten geplagte Sequel DR. PHIBES RISES AGAIN und die Tatsache, dass AIP mit Robert Quarry einen neuen Horrorstar neben Price aufbauen wollten, vergrätzten den Veteran. THEATRE OF BLOOD, den er im Anschluss für MGM drehte, und der die Erfolgsformel von THE ABOMINABLE DR. PHIBES noch einmal aufgriff, musste für Price wie eine Wiedergeburt wirken: Bis zu seinem Lebensende bezeichnete er ihn als einen seiner Lieblingsfilme.

Mit der schwarzen Komödie, die Douglas Hickox inszenierte, nachdem Robert Fuest abgelehnt hatte, erfüllte sich für den Mimen auch der Traum, legendäre Shakespeare-Monologe aus Stücken wie „Julius Caesar“, „Othello“, „Troilus und Cressida“, „Der Kaufmann von Venedig“, „Richard III.“, „König Lear“ oder „Romeo und Julia“ zu halten – und dabei gnadenlos dick aufzutragen. Noch dazu durfte er dabei Seite an Seite von wunderbaren britischen Darstellern agieren, die es ihm gleichtaten: Harry Andrews, Coral Brown (die danach Prices Ehefrau wurde), Robert Coote, Jack Hawkins, Michael Hordern, Arthur Lowe, Robert Morley und Dennis Price, ergriffen die Gelegenheit, es den selbstgerechten, versnobbten, eingebildeten und dabei fürchterlich langweiligen Kunstkritikern heimzuzahlen, über die sie sich in ihrer jahrzehntelangen Karrieren wahrscheinlich selbst oft genug hatten ärgern müssen, und warfen sich mit Schwung in ihre auf den Leib geschneiderten Rollen. Die Künstlichkeit des geistigen Vorbilds THE ABOMINABLE DR. PHIBES ersetzt Hickox mit beachtlicher Ruppigkeit: Die Morde sind ein deutlich anderes Kaliber, die nächtliche Enthauptung des friedlich neben seiner Gattin schlafenden Sporut (Arthur Lowe) ist ganz schön happig und wie der tödlich eifersüchtige Psaltery (Jack Hawkins) zum Mord an seiner Ehefrau getrieben wird, ist ein gutes Beispiel dafür, wie Hickox die Sympathien während des Films erheblich schwanken lässt.

Es ist nämlich keinesfalls so, dass THEATRE OF BLOOD sich auf blödes Kritikerbashing reduzieren ließe. Richtig, seine selbstgerechten Popanze haben einen Denkzettel verdient (der im Rahmen eines Filmes ruhig auch blutig ausfallen darf), aber dieser Edward Lionheart (Vincent Price) ist ja kaum weniger selbstsüchtig und raumgreifend in seiner Selbstbesoffenheit. Wie sein Seelenverwandter Dr. Anton Phibes lebt auch Lionheart in einer anderen Zeit und für die Entwicklungen, Trends und Strömungen der Gegenwart hat er keinerlei Verständnis. Das differenzierte Urteil von Peregrine Devlin (Ian Hendry), dem Vorsitzenden der Kritikergilde, Lionheart sei eine Art Dinosaurier, der nicht verstanden habe, dass das Theater sich weiterentwickelt habe und aus mehr als nur Shakespeare bestehe, kommt einer realistischen Einschätzung des Mannes schon ziemlich nahe. Devlin entwickelt sich dann auch immer mehr zur eigentlichen Sympathiefigur und er scheint der einzige zu sein, der im Theater mehr sieht als nur Mittel zu Selbstbewerbung und -erhebung. Das lenkt den Blick dann auch auf einen anderen Aspekt des Films, weg vom Konflikt zwischen Künstler und Kritiker hin zur Idee vom „Leben als Kunst“: Lionheart inszeniert seinen großen Racheakt selbst als Shakespeare’sches Drama, er kopiert den Künstler, der ihm am meisten bedeutet und er gibt den Menschen, die seine Kunst nicht begreife wollen, eine Rolle in seinen Aufführungen, Gelegenheit, selbst einmal „Bühnenluft“ zu schnuppern. Der Schauspieler, der dem Lob der Kritiker, die er eigentlich verabscheute, hinterherrannte, ist von seinem Vorbild aber ironischerweise ebenso abhängig wie die Kritiker, die ohne die Schauspieler, die sie da mit hämischen Worten und blumigen Vergleichen verreißen können, keinen Job hätten. Der gehässige Streit, den beide Parteien zwischen Bühne und Morgenzeitung austragen, ist Teil ein und desselben Spiels.

So direkt nacheinander gesehen sind die Parallelen zwischen THEATRE OF BLOOD und THE ABOMINABLE DR. PHIBES wirklich frappierend: Beide sind mit Price in der Hauptrolle besetzt, beide zeigen ihn als aus der Zeit gefallenen Kunstfreund, der aus dem Totenreich zurückkehrt, um blutige und kreative Rache zu üben. Dafür hat er sich in beiden Filmen in einem opulenten Versteck verschanzt, das ganz seinen Vorlieben entspricht – und er hat wie Phibes eine Dienerin, die ihm bei seinen Mordplänen behilflich ist. Das ist dann auch der einzige kleinere Schönheitsfehler des ansonsten makellosen Films: Man erkennt Diana Rigg hinter der Verkleidung als Hippie sofort, womit der große Effekt ihrer Enttarnung völlig nach hinten losgeht. Das hätte man irgendwie anders lösen sollen. Aber es tut dem Vergnügen keinerlei Abbruch. Wunderbar, immer wieder.

Der Erfolg des Vorgängers machte ein Sequel wohl unausweichlich – angeblich existierten sogar Pläne für eine Trilogie sowie diverse Drehbuchentwürfe für einen dritten Teil. Eine TV-Serie soll ebenso im Gespräch gewesen sein wie ein Konfrontation von Phibes mit dem anderen Frühsiebziger-Horrostar der AIP, Count Yorga. Letztlich entstand dann aber nur noch DR. PHIBES RISES AGAIN, den zu sabotieren sich die Produzenten von AIP aus unerfindliche Gründen alle Mühe gaben. Es ist ein Wunder, dass der vorliegende Film dennoch einigermaßen vergnüglich geraten ist und zumindest einen Teil des Charmes des Vorgängers bewahrt – der ihm aber trotzdem meilenweit überlegen ist.

Die Handlung dreht sich um den Wettlauf des wiederauferstandenen Dr. Phibes (Vincent Price) mit seinem Widersacher Darius Biederbeck (Robert Quarry). Beide wollen in Ägypten das Geheimnis des ewigen Lebens in ihre Gewalt bringen: Phibes, um mit seiner Gattin wiedervereint zu sein, Biederbeck, weil der Vorrat des Jugendserums, das ihn am Leben hält, langsam aber sicher zu Neige geht. In der Wüste schlagen beide ihr Quartier auf und Phibes bringt ein Mitglied von Biederbecks Forscherteam nach dem anderem auf seine originelle Art und Weise um.

Die Geschichtsbücher berichten, dass das Drehbuch aus Budgetgründen zusammengestrichen werden und ca. zehn Minuten des Films der Schere zum Opfer fielen. Das Drehbuch selbst wurde von Regisseur Fuest als „schizophren“ bezeichnet, weil er die finale Version in einer transatlantischen Kollaboration mit Robert Blees erarbeitete, aber auch von diesem Drehbuch ist auf der Leinwand nicht mehr viel zu sehen, wenn man Tim Lucas glauben darf (wovon ich ausgehe), der den informativen Audiokommentar zur Blu-ray-Veröffentlichung von Arrow beisteuerte. Wenn man darauf achtet, fallen etliche Ungereimtheiten und Holprigkeiten auf, der Film ist voll von Aufnahmen und Einfällen, die von etwas Größerem, das die Schere entfernte, übrig geblieben sind und um die Lücken zu füllen und sicherzustellen, dass das Publikum noch mitkam, wurden Voice-overs eingefügt, die sehr unelegant erklären, was eigentlich gezeigt werden sollte. Zu allem Überfluss hassten sich die beiden Hauptdarsteller Price und Quarry und die Stimmung am Set war gespannt und unangenehm. Als DR. PHIBES RISES AGAIN dann veröffentlicht wurde, sank sein Stern schnell: Nicht nur, dass das Sequel mit der Originalität des Vorgängers nicht mithalten konnte, die Kinos sahen auch eine neue Generation von Horrorfilmen, gegenüber denen die Erzeugnisse der AIP gnadenlos überkommen wirken mussten.

Ich mag DR. PHIBES RISES AGAIN, aber seine Verfehlungen sind kaum zu übersehen. Das ist auch deshalb so tragisch, weil man den Film, der das Sequel hätte sein können, sein sollen, immer noch durchschimmern sieht: Das Zusammenspiel von Price und der neuen Vulnavia (Valli Kemp) ist wunderbar, das Setting ist enorm vielversprechend, einige Morde sind inspiriert und das Finale entschädigt für viele ungenutzte Chancen. Diese Ansätze ergeben zusammen genommen zwar immer noch keinen wirklich guten Film, aber sie stellen sicher, dass ich für DR. PHIBES RISES AGAIN dennoch ein Plätzchen in meinem Herzen reserviert halte, ihn alle paar Jahre gern mal wieder auffrische und darüber nachdenke, was man mit der Figur noch für tolle Filme machen könnte.

 

Die Erstbegegnung mit vielen von mir geliebten Horrorfilmen fand nicht im Fernsehen und auch nicht via Videokassette statt, sondern über die Erzählung von Schulfreunden. Meine Eltern waren nicht übermäßig streng mit mir, was Filmkonsum anging, aber sie hielten manche Dinge von mir fern – und ich vertraute ihnen, was dazu führte, dass ich einen Heidenrespekt vor Horrorfilmen hatte – gleichzeitig aber total fasziniert von ihnen war. Von THE ABOMINABLE DR. PHIBES und auch dem Sequel DR. PHIBES RISES AGAIN erzählte mir ein Schulkamerad, der weniger schreckhaft war. Ich erinnere mich noch daran, wie er mir von den bizarren Morden der beiden Filme berichtete. Der Name „Dr. Phibes“ und die Bilder, die ich mir von ihm und seinen Taten ausmalte, waren danach fest in meinem Kopf implementiert. Und erstaunlicherweise stellte die Sichtung viele Jahre später dann keinesfalls eine Enttäuschung dar: Der Film entsprach ziemlich genau dem, was ich mir ausgemalt hatte.

Man muss dazu sagen, dass THE ABOMINABLE DR. PHIBES ja nicht zuletzt deshalb so großartig ist, weil er es sich erlaubt, total am Rad zu drehen. Zusammen mit seinem Stab, allen voran den Komponisten Basil Kirchin und John Gale, dem Kameramann Norman Warwick, der Kostümbildnerin Elsa Fennell und den Set Designern, schuf Regisseur Robert Fuest eine Horrorkomödie, die stilistisch bis heute einzigartig geblieben ist. Die Entscheidung, die Handlung in die Zwanzigerjahre zu verlegen und den Protagonisten zum Jugendstil-Enthusiasten zu machen, ist Gold wert, denn sie stellt sicher, dass THE ABOMINABLE DR. PHIBES schon rein visuell aus dem Meer der Gothic- oder Gegenwartshorrorfilme heraussticht. Der gleichermaßen artifizielle, verspielte wie auch irgendwie kalte Look des Films, dazu der Kontrast zwischen der Over-the-Top-Theatralik des Titelhelden, seinen kreativen, aber dennoch kaltblütigen Morden und der bemitleidenswerten Ratlosigkeit der Ermittler tragen viel zu der eigenwilligen Atmosphäre des Films bei, die ihn ganz wesentlich auszeichnet.

Fuest zeichnet den ungleichen Kampf zwischen Phibes und der Polizei auch als Zusammenprall zweier Welten: Da die dröge, mittelmäßige, durch und durch materialistische Welt der Ermittler und der Opfer, auf der anderen der bis zum Bersten mit Emotionen, überbordender Kreativität und poetischem Schöpfergeist vollgestopfte Kosmos von Phibes, einem Lebemann, Dichter, Genie und Genießer, der seinen Gefühlen an der Orgel freien Lauf lässt, seiner verstorbenen Gattin, die er in einem gläsernen Sarg aufbewahrt, schwelgerische Monologe hält und ihre vermeintlichen Mörder nicht einfach nur umbringt, sondern sie seinem ganzen unheiligen Zorn und den biblischen Plagen unterwirft. Es sind aber auch die kleinen Details, die den Film machen: Das Design von Phibes fensterloser Villa, mit der grell illuminierten Orgel. Die schweigsame Dienerin Vulnavia (Virginia North), die ohne jede Gefühlsregung ihre Arbeit verrichtet und über deren Herkunft oder Motivation wir rein gar nichts erfahren. Die mechanischen Musiker von Phibes, die auch deshalb so unheimlich sind, weil sie von als Puppen verkleideten Schauspielern dargestellt werden – ein Effekt, der sehr typisch für die Ästhetik des gesamten Films ist. Schließlich das Make-up von Phibes, die Idee, ihn mit geschlossenem Mund sprechen (wir sehen nur die Bewegungen seines Kehlkopfes) und Nahrung durch ein Öffnung im Nacken zu sich nehmen zu lassen. Die humorigen Szenen um den indignierten Trout hebeln die Dramatik und den bizarren Schrecken der Geschichte nicht etwa aus, sondern unterstreichen diese noch. Joseph Cotten, der seinen Part straight spielt, sorgt wiederum dafür, dass der ganze Film geerdet bleibt. Und dann diese Musik, die Phibes turbulente Gefühlswelt in überirdische Töne kleidet, die gleichermaßen niederschmetternd schön wie im Zusammenspiel mit den Bildern auch seltsam kalt und entrückt wirken.

THE ABOMINABLE DR. PHIBES ist für mich ein perfekter, wunderschöner, immer wieder endlos faszinierender Film, der sein Geheimnis auch nach etlichen Sichtungen immer noch nicht ganz offenbaren mag. Er ist ein Glücksfalls des Genres, vielleicht auch, weil er ihm nicht vollständig zugehörig ist, bis heute beispiellos und unerreicht. Er zeigt mit seinem Ideenreichtum, wie einfallslos und arm das Genre oft ist, wie gut sich völlig disparate Elemente vereinen lassen, ohne dabei etwas an Schrecken einbüßen zu müssen. Diese innovative Kraft lässt ihn auch heute noch bestehen. Trotzdem würde ich mir wünschen, dass sich ein bilderstürmerischer zeitgenössischer Regisseur an diesen Dr. Phibes erinnert. Bei all den Remakes, die so viele zweifellos verdiente, aber doch auch irgendwie eindimensionale Horrorklassiker in den vergangenen 20 Jahren erfahren haben, könnte ich mir hier sehr gut ein Update vorstellen, dass die fiebrigen, wahnsinnigen, bezaubernden und befremdlichen Elemente visuell ins neue Jahrtausend überführt. Dieser Dr. Phibes ist noch nicht am Ende (auch wenn das Sequel alles dafür getan hat) und die Welt wäre besser, wenn sie ihm und seinem Genius eine neue Bühne bereiten würde.

 

Nach einer wilden Straßenschlacht mit zwei amoklaufenden Juwelenräubern erleben die beiden LAPD-Cops Roger Mortis (Treat Williams) und Doug Bigelow (Joe Piscopo) eine dicke Überraschung: Die beiden im Schusswechsel getöteten Verbrecher landen nämlich bereits zum zweiten Mal im Leichenschauhaus, sind auf gut Deutsch Zombies. Die Ermittlungen führen die beiden Cops in ein dubioses Chemieunternehmen, wo Mortis beim Kampf gegen einen fettleibigen Mutanten umkommt. Mittels einer mysteriösen Maschine kann der Cop zwar zu neuem Leben erweckt werden, die Freude über die zweite Chance währt aber nur kurz: Mortis bleibt nämlich nur ein halber Tag, bevor er sich endgültig in einen Haufen leblosen Zellabfalls verwandelt. Die Zeit drängt also und so machen sich die beiden Partner auf die Suche nach dem Schuldigen, der das Geheimnis des ewigen Lebens für schnöde Raubüberfälle missbraucht …

Das Spielfilmdebüt des umtriebigen Schnittpult-Wizards Mark Goldblatt ist, wie man der Tagleiste schon entnehmen kann, ein hübsches Konglomerat unterschiedlichster damals aktueller Einflüsse, die zum Zwecke größtmöglichen Entertainments zusammengerührt wurden – durchaus mit Erfolg, wie ich hinzufügen möchte. Von seinen knapp 80 Minuten Laufzeit wird keine einzige verplempert, DEAD HEAT gibt von der ersten Sekunde an Gas und hält dieses Tempo bis zum Ende durch. Wenn seine Protagonisten sich nicht mit aufgewärmter Zombiebrut balgen, so schießen sie ihre One-Liner hin und her, wie es in den Achtzigerjahren so beliebt war und man es heute leider nicht mehr so oft zu Gesicht bekommt. Für den Wortwitz ist vor allem Joe Piscopo zuständig, dem als Bigelow auch noch in der abwegigsten Situation ein dummer Spruch einfällt, während der viel zu selten, aber immer wieder gern gesehene Treat Williams als prophetisch benannter „Roger Mortis“ den Straight Man gibt, an dem sich sein Partner abarbeiten darf. Die Chemie zwischen beiden stimmt, ihre Interaktion ist sozusagen das Herz des Films. Dass Piscopo – ein ehemaliges Mitglied der zweiten SNL-Inkarnation – heute meist als Sünde der Achtziger verunglimpft wird, scheint mir in erster Linie auf die Arroganz der Spätgeborenen und in zweiter auf seine zugegebenermaßen streitbare Frisur zurückzuführen zu sein: Als etwas einfältiger, aber gutmeinender Prolet weiß er durchaus zu gefallen (in De Palmas WISE GUYS hat er eine ganz ähnliche Rolle). Neben den Hauptdarstellern stechen vor allem die FX hervor, die von Steven Johnson gewohnt kompetent umgesetzt wurden: Besonders schön ist die Sequenz in einem China-Restaurant, in dem die Helden von zu neuem Leben erweckten Fleischwaren attackiert werden, aber auch der explodierende Oberschurke zum Schluss ist nicht zu verachten. Nachhaltig ist das überhaupt nicht, auch wenn sich Goldblatt einen schönen Kommentar zu den Workaholics des Copfilms nicht verkneifen kann: Roger Mortis jedenfalls lernt noch nicht einmal aus dem eigenen Tod, bleibt ganz der in seinem Beruf aufgehende Bulle, der den Täter auch dann noch um jeden Preis fassen will, wenn es das Letzte ist, wozu er überhaupt noch Zeit hat. Vor allem aber ist DEAD HEAT ein durch und durch sympathischer Unterhaltungsfilm, kein bisschen überkandidelt, nicht über die eigenen Verhältnisse clever, aber immer liebevoll und mit sichtbarem Spaß inszeniert und gespielt. Es mag blöder Kulturpessimismus meinerseits sein, aber so leichtfüßig, reuelos albern und genussvoll irrelevant sind Unterhaltungsfilme heute einfach viel zu selten, wenn überhaupt. Vincent Price, der hier einen seiner späten Auftritte absolviert, hätte es also durchaus schlechter treffen können und dass Goldblatt nach seinem auf diesen folgenden THE PUNISHER keinen Film mehr inszenieren durfte, finde ich einfach nur schade.

Als die vielfache Mörderin Katherine White (Martine Beswick) hingerichtet wird, begibt sich eine Reporterin nach Oldfield, den Heimatort der Verbrecherin, um dort weitere Recherchen anzustellen. In der Bibliothek trifft sie auf Julian White (Vincent Price), den Onkel der Verblichenen, der fest davon überzeugt ist, dass es der Ort Oldfield selbst sei, der seine Einwohner zu Bösem verleite. Einige Geschichten aus der Chronik der Stadt sollen seine These belegen: 1. Der biedere Angestellte Stanley Burnside (Clu Gulager) macht seiner Kollegin Avancen, bringt sie um, als er abgewiesen wird, und vergeht sich schließlich an ihrem Leichnam. Neun Monate später erhält er unerwarteten Besuch. 2. Der Ganove Jesse Hardwick (Terry Kiser) schleppt sich mit einer Schussverletzung in die Sümpfe, wo er von Felder Evans (Harry Caesar) gesund gepflegt wird. Der Alte kennt darüber hinaus das Geheimnis des ewigen Lebens und Hardwick will um jeden Preis daran teilhaben. Das geht für ihn nicht gut aus. 3. In einer Kirmes-Freakshow tritt der Glas- und Metallfresser Arden (Ron Brooks) auf. Wie das gesamte Personal steht er unter dem Bann einer Zauberin (Rosalind Cash), der ihn mit dem Leben an sie bindet. Als er mit einer Geliebten durchbrennt, trifft ihn die Rache der Geprellten hart und blutig. 4. Vier Soldaten der Südstaaten (unter ihnen Cameron Mitchell) wandern orientierungslos durchs Land, ohne zu wissen, dass der Krieg längst vorbei ist. Im zerstörten Oldfield werden sie von einer Bande Waisenkinder gefangen genommen, die sich für die Verbrechen der Erwachsenen bitter rächen …

FROM A WHISPER TO A SCREAM ist auch unter dem Titel THE OFFSPRING (zu deutsch: DIE NACHT DER SCHREIE) bekannt und dürfte wohl nicht nur Jeff Burrs bester Film bis zu seinem fulminanten STRAIGHT INTO DARKNESS sein, sondern auch einer der schönsten Horror-Episodenfilme überhaupt. Die Mischung aus deftigem Achtzigerjahre-Splatter und altmodischem Grusel gelingt dank der guten Darsteller, der stimmungsvollen Gestaltung, der abseitig-abgründigen Geschichten und der Effektarbeit von Rob Burman (u. a. verantwortlich für die FX von THE THING) hervorragend und bietet 100 Minuten gruselige Unterhaltung bis zum leider etwas unbeeindruckenden Schlussgag. In der Rahmenhandlung bleibt also etwas Luft nach oben, was aber durch die bloße Präsenz von Vincent Price, dem ich auch dann noch stundenlang zuhören würde, wenn er den Wetterbericht verläse, mehr als wettgemacht wird. Die Episoden selbst laufen nicht immer auf einen großen, den Rest überschattenden Clou hinaus, sind insgesamt sehr rund und funktionieren tatsächlich wie kleine Kurzfilme, was bei solchen Anthologien durchaus nicht immer der Fall ist: Die erste Episode bietet Einblick in ein dem Wahnsinn entgegendriftendes Seelenleben, der nur durch den schwarzhumorigen Einschlag und den gegen Ende vollzogenen Sprung ins Fantastische etwas abgemildert wird, ansonsten für einen solchen Film aber doch recht unangenehm daherkommt und durchaus Vergleiche mit ernsteren Vertretern des Serienmörderfilms zulässt. Episode 2 erinnert noch am ehesten an die moralischen Gruselgeschichten aus den EC-Comics, liefert aber ein heftiges Schlussbild, das seine Wirkung bei mir gestern nicht verfehlt hat. Brrr! Episode 3 ist die schwächste und auch kürzeste Episode, der man deutlich anmerkt, dass sie eigentlich nur auf den Splattereinfall am Schluss hin konstruiert wurde, der die Sache aber dann auch wirklich wert ist. Da fliegen sprichwörtlich die Fetzen! Abgeschlossen wird der Film mit der anspruchsvollsten und emotional involvierendsten Folge, die Assoziationen zu etwa Stephen Kings CHILDREN OF THE CORN zulässt und auch schon Ideen aus STRAIGHT INTO DARKNESS vorwegnimmt. Weiß man zudem, dass Burrs erster Spielfilm, DIVIDED WE FALL, sich ebenfalls mit dem amerikanischen Bürgerkrieg auseinandersetzte, so scheint man es hier beinahe mit so etwas wie einem kleinen Schlüsselwerk zu tun zu haben. Das Ende dieser vierten Episode bildet mit seiner unmissverständlichen Aussage eigentlich den perfekten Schluss für FROM A WHISPER TO A SCREAM, der aber qua Konvention natürlich noch einmal zu seiner Rahmenhandlung kommen muss, deren Schlussgag dem Film wie erwähnt leider nichts Nennenswertes hinzufügen kann. Das macht aber nix, FROM A WHISPER TO A SCREAM ist ein Episodenfilm, der dem Genrefreund das Herz aufgehen lassen wird und daher eine dringende Sichtungsempfehlung von mir erhält.

Die attraktive und erfolgreiche Werberin Laura Hunt (Gene Tierney) wurde erschossen. Der Detective Lieutenant Mark MacPherson (Dana Andrews) ermittelt und bekommt es mit zwei Hauptverdächtigen zu tun: dem arroganten Journalisten Waldo Lydecker (Clifton Webb), einem alternden Verehrer der Verstorbenen, und dem verweichlichten Versager Shelby Carpenter (Vincent Price), ihrem Verlobten, die sich beide spinnefeind sind. Als MacPherson ein Porträt Lauras sieht, erliegt auch er ihrem Charme …

Ein eigenartiger Film. Er beginnt mit der (Film-Noir-typischen) Voice-Over-Narration, allerdings eines Charakters, der dann doch nicht der Protagonist ist. Und seine titelstiftende weibliche Hauptfigur, um deren Ermordung sich zunächst alles dreht, steht nach ca. der Hälfte der Spielzeit quicklebendig in der Tür und sorgt so für einen harten Stimmungswechsel. Alles wirkt irgendwie unterdrückt, doch da schwelt etwas im Verborgenen und schimmert immer nur kurz durch. Und diese Merkwürdigkeiten sind es, die den auf den ersten Blick so harmlosen Film so interessant machen und ihn im Gedächtnis haften zu lassen.

Wie schon bei DOUBLE INDEMNITY hat mir das Bonusmaterial auf der DVD sehr geholfen, das Gesehene in Perspektive zu bringen. Aber auch die Stimmen von Filmgelehrten und Regisseuren sind nicht in der Lage, das Rätsel vollständig aufzulösen. Merke: Wenn mehrere Minuten darauf verwendet werden, zu erklären, warum LAURA ein Film Noir ist, dann beweist das m. E. sehr viel eher, dass er sich nur mit viel Mühe überhaupt in diese Schublade stecken lässt. Zwar gibt es einen ermittelnden Polizisten, der wird aber im Gegensatz zu anderen Noir-Helden fast ausschließlich positiv gezeichnet. Zwar gibt es eine verführerische Frau, in deren Umlaufbahn gleich mehrere Männer hilflos kreisen, doch eine Femme Fatale ist sie nicht, ganz im Gegenteil. Zwar entpuppt sich die feine Gesellschaft, in der der Film spielt, als durch und durch verkommen, aber so richtig apokalyptisch ist das alles nicht. Otto Premingers Regie tut ihr übriges zur Wolf-im-Schafspelzhaftigkeit des Films: Er inszeniert auffallend zurückhaltend und dieser Widerspruch macht recht deutlich, dass LAURA ein Film mit leicht zu übersehenden Tücken ist. Umgehauen hat er mich noch nicht, aber er hat die Potenz, das bei weiteren Sichtungen noch zu tun. Lust darauf habe ich jedenfalls.