Mit ‘Vittorio Gassman’ getaggte Beiträge

Lucio Ridolfi (Vittorio Gassman) reist mit seiner Gattin Hilde (Emma Danieli) sowie Freund Riccardo (Adolfo Celi) und dessen Frau Simonetta (Isabella Biagini) in einen Winter-Kurzurlaub nach Sestriere. Die beiden Männer hätten eigentlich gern einmal Ruhe vor ihren Frauen, um hemmungslos flirten zu können. Mit einer Finte entledigen sie sich der beiden und stürzen sich sogleich ins Abenteuer. Für Lucio endet das aber schon bald mit einem Schock: Im Haus seiner Eroberung Helen (Beba Loncar) wohnt er einer Ermordung bei, nur wenig später wird er nach Kairo verschleppt und rasselt dort in eine turbulente Spionagegeschichte …

Herrlich! Luciano Salces sich am Rande des Eurospy-Films tummelnde Komödie ist beseelt von jener wundersamen Mischung aus sonniger Sxities-Entspanntheit und quirliger Aufregung, wie sie nur Südeuropäer so sympathisch hinbekommen. Die Gimmicks, die in den James-Bond-Rip-offs stets eine zentrale Rolle einnehmen, sind hier gänzlich abwesend, stattdessen besinnt sich Salce auf die Stärken der Commedia all’Italiana, die auch dann noch im Mittelpunkt des Interesses bleiben, wenn er sie durch zeitgenössische Einflüsse aufpeppt oder seinen Helden durch die ägyptische Wüste jagt. Es geht letztlich doch immer um den italienischen Mann, seinen schlitzohrigen Machismo einer-, seine Hasenfüßigkeit andererseits sowie die diese Eigenschaften kongenial ergänzende Biestigkeit bei geradezu grotesker Vertrauensseligkeit seiner Frauen. Die besten Szenen hat SLALOM dann auch zu Beginn, wenn er noch eine ganz normale Beziehungskomödie um zwei Männer in den „besten Jahren“ und ihre Ehefrauen ist: Gassman und Celi sind göttlich im Zusammenspiel, wie sie wissende Blicke austauschen und jammern, aber in Gegenwart ihrer Gattinnen dann doch immer wieder kuschen.

Vittorio Gassman ist wahrscheinlich die Idealbesetzung für diesen Typen: gut aussehend, dabei kultiviert und durchaus nicht uncharmant, aber eben doch, wie es der deutsche Verleititel sehr treffend ausdrückt, ein „Windhund“, der es perfekt versteht, sich irgendwie durchs Leben zu lavieren, ohne sich dabei jemals auf irgendwelche Prinzipien festnageln zu lassen – nur ein echter Römer zu sein, darauf besteht er. Die größere Überraschung ist Celi, der ja sonst eher die kalten Patriarchen oder aber größenwahnsinnige Schurken mimt: Er ist wunderbar als Lucios Freund, der den gemeinen Trick seiner Frau, immer genau das Gegenteil von dem zu tun, was er vorschlägt, abfängt, indem er dasselbe macht und so eben doch stets bekommt, was er will. Es ist ein bisschen schade, wenn er nach einer halben Stunde aus dem Film verschwindet und Gassman das Feld überlässt, aber Salce tröstet darüber hinweg, indem er das Tempo aufdreht und eine Verwicklung an die nächste reiht. Es ist immer was los in SLALOM und weil auch die deutsche Synchro dieser Rarität wunderbar mitspielt, darf man sich auf sympathisches Entertainment auf durchaus gehobenem Niveau freuen – im Eurospy-Genre durchaus keine Selbstverständlichkeit.

Eine tolle Entdeckung in atemberaubender Farbqualität, die auch auf dem Hofbauer-Kongress oder dem Terza Visione gut aufgehoben gewesen wäre.

 

Alda (Eleonora Rossi Drago) entzieht sich in letzter Sekunde ihrer Verschiffung in die USA. Der finstere Machedi (Marc Lawrence) hatte ihr und anderen mittellosen Mädchen dort eine große Showkarriere versprochen, sie in Wahrheit jedoch an einen Mädchenhändlerring verschachert. Sie findet Unterschlupf bei Carlo (Ettore Manni), doch der wandert in den Bau, weil er bei einem von Michele (Vittorio Gassman) initiierten Bruch geschnappt wird, den dieser wiederum im Auftrag von – genau – Machedi organisiert hat. Während Lucia (Silvana Pampanini), Micheles Freundin, von Machedi zur Edelprostituierten gemacht wird, meldet sich Alda bei einem Tanzmarathon, um das für die Verteidigung von Carlo nötige Geld zu verdienen. Was sie nicht weiß: Die unmenschliche Tanzveranstaltung ist auch bloß ein Vorwand und dient letztlich dazu, Mädels an Menschenhändler zu vermitteln …

Wie schon RISO AMARO handelt auch Comencinis Film von den verzweifelten Bemühungen der armen Bevölkerung, sich ihre Existenz zu sichern, und von den Fieslingen, die sich ihre Not skrupellos zunutze machen. Was in De Santis Film die harte Arbeit auf den Feldern war, ist hier der Tanzwettbewerb: Eine Tage, sogar Wochen andauernde Schinderei, in deren Verlauf so mancher Traum platzt, mancher Körper zerschunden wird und sich der große Preis am Ende als Ticket in die Hölle entpuppt. Für Alda, die ein Kind von Carlo erwartet, kommt dann auch jede Hilfe zu spät, aber wenigstens kann Machedi das Handwerk gelegt werden, bevor er weitere arme Seelen ins Unglück stürzt.

Die Mischung aus neorealistischer Sozialkritik, Melodram, Gangster- und Tanzfilm mutet heute etwas wüst an, zumal diese Schauermär aus dem Prekariat ohne jeden Humor, dafür aber mit heiligem Ernst dargeboten wird. Es fällt deutlich schwerer, mit den Frauen mitzuleiden, die ihre Gesundheit bei einem Marathontanzen riskieren, als mit den Feldarbeiterinnen aus De Santis‘ Meisterwerk, aber im Grunde tritt das Maß ihrer Verzweiflung durch die pure Absurdität der Situation, in die sie sich begeben, noch stärker zutage. So wenig Hoffnung auf eine Besserung ihrer Lebensumstände haben sie, dass es plötzlich als realistische Alternative scheint, sich bei einem Tanzwettbewerb von einem Filmregisseur entdecken zu lassen. Die mit Spannung erwarteten Größen des Showgeschäfts tauchen wirklich irgendwann auf, doch machen sie auf dem Absatz kehrt, als sie des sich auf der Tanzfläche darbietenden Trauerspiels ansichtig werden. Die Frauen aus LA TRATTA DELLE BIANCHE sind ganz unten, aber es geht immer noch tiefer, keine Demütigung und Enttäuschung scheint ihnen erspart zu bleiben.

Ein interessanter Film, der nach RISO AMARO aber fast notgedrungen nachrangig wirkt. Luigi Comencini sollte rund zwanzig Jahre später den fantastischen DELITTO D’AMORE drehen, der deutlich weniger melodramatisch, aber kein Stück weniger bitter ist.

De Santis Klassiker des italienischen Neorealismus löste seinerzeit einen handfesten Skandal aus: Die Darstellung der Reisarbeiterinnen mit ihren gerafften Röcken, unter denen ihre strammen Oberschenkel zu sehen waren, und den verschwitzten Hemden, zeigte mehr, als man damals gewohnt war. Silvana Mangano erlangte den Ruf eines Sexsymbols und in Deutschland stand der Titel BITTERER REIS – glaubt man dem Reclam-Filmführer – lange für üppige Oberweiten. Dabei orientierte sich De Santis lediglich an der auf den norditalienischen Reisfeldern vorherrschenden Realität, auf denen die Ärmsten noch weiter ausgebeutet wurden. Nun ja, die erotisierende Wirkung seiner damals gerade 19-jährigen Hauptdarstellerin wird auch ihm nicht verborgen geblieben sein – und er setzte sie wahrscheinlich auch gezielt ein, um seine Botschaft von der Unterdrückung der Arbeiter publikumswirksam unters Volk zu bringen. Der Erfolg des Films zog dann auch eine ganze Welle von Nachahmern nach sich, die sich des Leids leichtbeschürzter Erntearbeiterinnen und Landfrauen annahmen: Sophia Loren agierte in Mario Soldatis LA DONNA DEL FIUME, Elsa Martinelli in Raffaello Matarazzos LA RISAIA. Hans Heinz König inszenierte mit HEISSE ERNTE ein deutsches, Louis Soulanes noch 1961 mit LES FILLES SÉMENT LE VENT ein französisches Äquivalent. Die gesellschaftspolitische Dimension war da nur noch konventionalisierte Beigabe und Vorwand, schöne, schwitzende Frauen in luftiger Bekleidung, beim ausgelassenen Tanz nach Feierabend oder im Infight mit lästigen Konkurrentinnen im Kampf um den kernigen Helden zu zeigen.

Giuseppe De Santis zeigt das auch, aber es ist bei ihm nur die logische Folge des permanent von oben auf den Arbeiterinnen abgeladenen Drucks, der sich irgendwann in der Gewalt gegen die entlädt, denen es genauso schelcht geht wie einem selbst. Das eigentlich Unmenschliche ist nicht so sehr die Ausbeutung für einen Hungerlohn, die die Frauen erfahren, sondern wie das System sich ihre Not zunutze macht, die Frauen gegeneinander aufzuhetzen – oder sie in die Kriminalität zu treiben. Silvana (Silvana Mangano), die von Reichtum und Wohlstand träumt, wendet sich gegen Francesca (Doris Dowling), die Geliebte des Diebes Walter (Vittorio Gassman), um mit dem gemeinsame Sache zu machen. Am Schluss flutet sie in Aussicht eines Lebens in Saus und Braus die Reisfelder, die Arbeit vieler Wochen zunichte machend, nur um festzustellen, dass Walter sie lediglich für seine Zwecke benutzt hat. Der einzige Ausweg aus der Armut führt über die Leichen der Leidgenossen und endet in unauslöschlicher Schuld. Silvana bleibt nur der Freitod.

RISO AMARO ist bei allem Leid ein wunderschöner, vor innerer Spannung förmlich knisternder Film und voller atemberaubender Bilder. Der Auftakt, eine komplexe Szene auf dem Bahnsteig, auf dem sich die Arbeiterinnen zur Abreise zu den Reisfeldern versammeln, und Walter und Francesca vor der Polizei fliehen, ist mit nur wenigen Schnitten, dafür aber mit langen Kameraschwenks und -fahrten realisiert und bildet das dramaturgische Fundament des Films. Die Sequenzen, die die Arbeit auf den Reisfeldern zeigen, sind historisch bedeutsam, weil sie reale Bräuche der Arbeiterinnen in die Narration einbauen: So etwa in der Szene, als sich zwei rivalisierende Gruppen mittels Gesang streiten – es war den Frauen untersagt, sich während der Arbeit zu unterhalten. In der vielleicht schönsten Szene des Films erzählt Francesca der neugierig lauschenden Silvana, wie sie die Juwelenkette entwendete, um die der Film als materieller Verkörperung des unerreichbaren Glücks kreist. Immer wieder begeben sich die beiden Frauen auf ihrem Bett sitzend in neue Positionen, sodass ihre Unterhaltung fast wie ein Tanz anmutet. Aber das Geschmeide, das ihre Fantasie so beflügelt, in das sie all ihre Hoffnungen gesetzt haben, das sie zu Feinden macht stellt sich als Fälschung heraus. Was die Fahrkarte ins Glück sein sollte führt sie nur immer tiefer ins Elend. Aber es gibt eine Hoffnung, wenn diese auch eher spiritueller Natur ist: SIe liegt in der Solidarität der Arbeiterinnen, darin zueinanderzuhalten, füreinander zu kämpfen, wenn schon von außen keine Hilfe zu erwarten ist. Auf engstem Raum in kargen Schlafräumen zusammengepfercht, begegnen sich die unterschiedlichsten Frauen aus den verschiedensten Regionen Italiens: Junge, Alte, Kranke, Mütter teilen für einige Wochen ihre Erfahrungen, die intimsten Geheimnisse und ihre Schmerzen und machen das Leid ein wenig lebbarer. Ein Meisterwerk.

Als das Volk Jerusalems die Wahl hat, einen zur Kreuzigung Verurteilten zu begnadigen, wählt es statt des angeblichen Sohns Gottes den Räuber und Mörder Barabbas (Anthony Quinn). Als der Ungläubige in Freiheit geführt wird, umfängt ihn ein göttliches Licht, dass die Saat des Zweifels in ihm pflanzt: Gibt es Gott? Ist Jesus tatsächlich sein Sohn? Und wenn ja: Warum hat Gott ihn ihm vorgezogen? Hat Gott selbst ihn auserwählt, um ihm eine Prüfung aufzuerlegen? Tatsächlich scheint Barabbas nach seiner Begnadigung unsterblich geworden zu sein: Er wird nach einem weiteren Mord nicht hingerichtet, sondern zur Zwangsarbeit in den Schwefelminen verurteilt, überlebt diese Höllenarbeit und den Einsturz der Grube wie durch ein Wunder und gelangt schließlich nach Rom, wo er in eine Gladiatorenschule gesteckt wird. Auf seinem Weg beobachtet er die Entwicklung des Christentums, freundet sich mit dem Christen Sahak (Vittorio Gassman) an, der Barabbas bekehren möchte, und versucht schließlich, seine „Schuld“ zu begleichen. Doch Gott schweigt beharrlich …

BARABBA basiert auf dem gleichnamigen Roman des Literatur-Nobepreisträgers Pär Lagerkvist, der bereits 1953, kurz nach seinem Erscheinen, von Lagerkvists Landsmann Alf Sjöberg zum ersten Mal verfilmt worden war. Unter der Regie von Richard Fleischer avanciert BARABBA zum breit angelegten, immens aufwändigen und bildgewaltigen Monumentalfilm, der den Konventionen dieses Genres jedoch nur sehr lose verpflichtet ist. Das wird gleich mit der ersten Einstellung deutlich, bei der der Zuschauer durch einen unerwarteten 90-Grad-Kameraschwenk mit in den Bildraum geholt wird, der in diesem Genre sonst klar vom Zuschauerraum getrennt bleibt. Der Einsatz von Totalen, in denen die Menschen buchstäblich „von Gott verlassen“ scheinen, und die spärliche Verwendung von die Emotionen steuernden Close-ups scheinen dieser Immersion zunächst zu widersprechen, doch sind sie Ausdruck derselben Strategie: Anstatt bloß ein Fenster in eine Jahrhunderte zurückliegende Epoche zu öffnen und Geschichte nachzustellen, geht es Fleischer vor allem darum, den Zweifel, aber auch das Bedürfnis Barrabas‘ nach Transzendenz nachvollziehbar zu machen.

Der Titelheld wird dann auch in eine weitgehend passive Rolle gedrängt: Er ist weniger Handelnder denn im doppelten Sinne ungläubiger Beobachter der sich um ihn herum ankündigenden Umwälzungen und Anthony Quinn ist mit seiner ungeschlachten Physis und der Verwirrung, die sich tief in sein Gesicht eingegraben hat, ein idealer Darsteller. Er ist ein Zögerer und Zauderer, allein dem eigenen Interesse verpflichtet. Und als er am Ende schließlich doch die Initiative ergeift, da macht er alles nur noch schlimmer. Aktiv sind andere: Seine Geliebte Rachel (Silvana Mangano), die sich während seiner Inhaftierung dem Christentum zugewandt hat, verbreitet die Botschaft der Nächstenliebe und wird dafür zu Tode gesteinigt, und Sahak und Lucius (Ernest Borgnine) kämpfen ebenfalls unter Gefährdung ihres Lebens für das Recht, ihrem Glauben zu folgen. Barabbas ist solcher Einsatz nicht möglich: Er möchte glauben, allein ihm fehlt der Mut, sich auf einen Gott, den er nicht sehen kann, der ihm nicht antwortet, zu verlassen. So verfolgt er Sahaks und Lucius‘ Bemühungen, in der Hoffnung auf eine Antwort, doch erst am Ende wird ihm das Wesen des Glaubens bewusst, kann er sich Gott überantworten. Ob Gott dieses Bekenntnis erhört, bleibt dennoch ungewiss.

Trotz seines frommen Themas ist BARABBA vom Pathos kitschiger Bibelfilme weit entfernt. Mehr als die Präsenz des Göttlichen thematisiert Fleischer deren Abwesenheit, zeichnet die Menschheit als auf Irrwegen dahinstolpernd, gewalttätig, grausam, mitleidslos. Das Martyrium, das Jesus durchleiden muss, zeigt Fleischer in kurzen, aber heftigen Bildern (das Gesicht des Heilands sieht man kein einziges Mal). Die Steinigung Rachels, deren Leiche Barabbas in einer niederschmetternd distanzierten Totale findet, die infernalische Schwefelminen-Sequenz und die brutalen Gemetzel im Colosseum sind von einer brachialen Körperlichkeit, die einen unverkennbaren Kontrast zur göttlichen Transzendenz, aber auch zum Diktum des „Liebe deinen Nächsten“ bildet.  BARABBA zeigt Fleischer möglicherweise auf dem Zenith seines Schaffens: Dafür sprechen die großartige CinemaScope-Fotografie, die makellose filmische Organisation spektakulärer Effekt- und Massenszenen wie auch die inhaltliche Umsetzung der Fleischer’schen Leib- und Magenthemen – Macht und Gewalt, die Frage nach dem Ursprung menschlicher Befähigung zum Guten wie zum Bösen und einer höheren Werte setzenden Instanz, aber auch, dass der bis hierhin überaus produktive und fleißige Fleischer – 22 Filme in 14 Jahren! – danach vier Jahre lang abtauchte, um mit dem bunten Science-Fiction-Film FANTASTIC VOYAGE zurückzukehren: Wahrscheinlich war er nach BARABBA genauso leer wie sein Titelheld.

Einen lesenswerten Text zum Film findet man hier.

In einer postnuklearen (?) Eiszeit: Essex (Paul Newman) kehrt nach Jahren der Abwesenheit in die Überreste seiner Heimatstadt zurück. Das einzige, was die Menschen von der Tristesse ihres Daseins ablenkt, ist ein Brettspiel namens Quintet, über das der Schiedsrichter Grigor (Fernando Rey) wacht. Dann werden mehrere Spieler umgebracht: Es scheint, als würde das Spiel nicht mehr nur mit Holzfiguren ausgetragen …

Filme wie QUINTET sind für einen passionierten Filmseher und -schreiber eigentlich der Stoff, aus dem die Träume sind: Von Kritikern einhellig als missraten abgetan und weit gehend dem Vergessen überantwortet, bietet er doch potenziell die heiß ersehnte Gelegenheit, ihn als zu Unrecht missverstandenen und unterbewerteten Film in einem ansonsten völlig erschlossenen Werk zu rehabilitieren. Leider jedoch bin ich nach dem Durchleiden der 120 Minuten Spielzeit eher geneigt, seinen Ruf als katastrophalen Fehlschlag nicht nur zu bestätigen, sondern dieses Urteil noch zu verschärfen. Die erste Einstellung, in der zwei winzige Gestalten in einer unendlichen Eiswüste umherirren, lässt einen noch hoffen, QUINTET als Wiederaufnahme und Steigerung der letzten Minuten von MCCABE & MRS. MILLER interpretieren zu könen, doch das Bedürfnis, den Film zu retten, weicht schon nach wenigen Minuten der Ernüchterung. QUINTET ist tatsächlich so unfassbar missraten, dass man zur Ehrenrettung Altmans nur die Vermutung anbringen kann, er habe den Film entweder nicht im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte inszeniert oder aber er sei Opfer widriger Produktionsumstände geworden. Zumindest letzteres kann man aber ausschließen: Wenn Altman auch nicht gerade einen Ruf als Blockbuster-Lieferant innehatte, so war er als Künstler doch so weit anerkannt, dass er keine Intervention übergriffiger Studiobosse befürchten musste – nicht zuletzt, weil er an der Produktion seiner Filme meist mitbeteiligt war. Umso erstaunlicher ist das künstlerische Scheitern seines Endzeitfilms auf wirklich allen Ebenen. Es steht tatsächlich zu befürchten, wie Vincent Canby in der New York Times schrieb, dass Altman genau den Film gemacht hat, den er machen wollte. Und das ist tragisch.

Schon inhaltlich hat QUINTET wenig mehr als heiße Luft zu bieten: Das Brettspiel ist zwar die einzige Unterhaltung der postapokalytischen Gesellschaft, doch reicht der Kick, Figuren auf einem Spielfeld herumzuschieben, nicht mehr aus: Die Spieler übertragen das Spiel auf das echte Leben, „töten“ nicht mehr nur Holzfiguren, sondern sich gleich gegenseitig. Nicht nur, dass dies eine nur wenig originelle Idee ist, dass Essex auch noch bis zum Ende des Films braucht, um dahinter zu kommen, dass die Morde Teil des Spiels sind, ist geradezu lächerlich: Er ist im Besitz einer Liste von sechs Spielern, die einer nach dem anderen ermordet werden, und schon die Tatsache, dass am Spiel Quintet sechs Spieler teilnehmen, sollte ihm den entscheidenden Hinweis geben, den der Zuschauer bereits nach kurzer Zeit richtig zu deuten weiß. Stattdessen stapft er ahnungslos durch den Film, um am Ende von Grigor in einem überflüssigen und redundanten Dialog über das Offensichtliche aufgeklärt zu werden. Aber das ist es nicht allein, was den Film absaufen lässt.

Es ist zu allererst die formale Gestaltung, die dem Vorwurf der prätentiösen Langeweile auch noch jenen der ästhetischen Armut hinzufügt: Die Kostüme, die einen Rückfall der postapokalyptischen Gesellschaft ins Mittelalter evozieren, wirken im Kontext des Films schlicht unglaubwürdig und albern. Wo spätere Endzeitfilme einen gelungenen Patchwork-Style für die Protagonisten entwerfen sollten, der suggerierte, dass sich ihre Protagonisten bei den Requisiten bedienten, die die Katastrophe überdauert hatten, scheinen im nuklearen Winter von QUINTET Modedesigner am Werk zu sein, die sich ihre Inspiration von Mittelaltermärkten holen. Die sterilen, leblosen und fürchterlich unansehnlichen Studiosettings erinnern an bemühte pseudopostmoderne Theaterinszenierungen, den wenigen futuristischen Elementen haftet der Muff der Siebzigerjahre an. Der grauenhafte Score von Tom Pierson dröhnt dissonant vor sich her, wenn er nicht die Mittelalter-Assoziationen mit kitschigen Flötenklängen unterstreicht. Und als wäre das alles nicht genug, war Altman völlig unerklärlicherweise auch noch der Meinung, es sei eine gute Idee, die Ränder des Bildes mit Unschärfe zu strafen: Man schaut nahezu über die vollen 120 Minuten durch ein Fenster, dessen Ecken mit Vaseline beschmiert wurden und wird darüber schon nach kurzer Zeit wahnsinnig.

Altman hatte sich in seinen vorangegangenen Filmen als meisterhaft darin erwiesen, den Eindruck lebendiger Gesellschaften zu erzeugen, die auch abseits des Filmes existierten: In QUINTET werden die Randbezirke des Films stattdessen von gesichtslosen Statisten bevölkert, die nie den Eindruck erwecken, in diese Welt zu gehören. Und auch die wenigen Protagonisten sind so schablonenhaft und leblos angelegt, dass man den Darstellern kaum vorwerfen kann, dass sie wie Pappfiguren agieren, völlig ratlos, was sie mit ihren gestelzten Dialogzeilen anfangen sollen. Zäh wie Tapetenkleister fließt der Film vor sich hin und wäre das alles nicht jeder Emotion beraubt, man müsste wohl von unfreiwilliger Komik sprechen. Was man dem Film nicht absprechen kann, ist seine klaustrophobische, bleierne Atmosphäre, die nun durchaus nicht unpassend ist: Doch ist es anderen Filmemacher eben gelungen, diese zu schaffen, ohne darüber elementare Publikumsinteressen zu missachten. Und warum sollte man sich lang mit der Ehrenrettung eines Films befassen, der nicht nur keinen einzigen interessanten Gedanken produziert, sondern darüber hinaus auch noch fürchterlich aussieht und zu keiner Sekunde vergessen macht, dass man eben bloß einen spektakulär misslungenen und ratlosen Film sieht? Es wäre natürlich ein leichtes, aus den unendlichen Sphären des Semi-Amateur-, Low-Budget-Trash- und Exploitationfilms einen ganzen Batzen von Filmen zu bergen, der objektiv betrachtet mieser ist als QUINTET: Gemessen an dem, was man von Altman bis zu diesem Zeitpunkt jedoch gewohnt war, ist dieser hier einer der schlechtesten Filme aller Zeiten. Und das ist auch der einzige Grund, aus dem man  ihn sich vielleicht wenigstens einmal ansehen oder zumindest hineinschauen sollte (ihn durchzustehen, ist eine Aufgabe herkulischen Ausmaßes): Es ist mir ein absolutes Rätsel, wie ein Regisseur, der zehn Jahre lang eine Großtat nach der anderen inszenierte, diesen Film auf diese Art drehen konnte, ohne innezuhalten und sich zu fragen: Was mache ich hier eigentlich?

Dino Corelli (Desi Arnaz jr.), Sohn des italienischen Einwanderers Luigi (Vittorio Gassman) und seiner wohlhabenden Gattin Regina (Nina Van Pallandt), heiratet Muffin Brenner (Amy Stryker), ihrerseits Tochter des irischstämmigen Spediteurs Snooks Brenner (Paul Dooley). Die große Feier im stattlichen Herrenhaus der Corellis beginnt denkbar tragisch mit dem Tod von Nettie Sloan (Lillian Gish), Reginas altersschwacher Mutter, und mit zunehmender Dauer gesellen sich zur Toten noch weitere, wenn auch – bis zum Finale – nur metaphorische Leichen aus den Kellern der Beteiligten hinzu. Die Situation eskaliert endgültig, als herauskommt, dass Buffy Brenner (Mia Farrow) ein Kind vom frisch gebackenen Gatten ihrer Schwester erwartet …

A WEDDING war der vorläufige Schlusspunkt unter einer beispiellosen Serie künstlerischer Großtaten Altmans; wahrscheinlich sein letzter wirklich großer Film vor seinem viel beachteten Comeback mit THE PLAYER in den frühen Neunzigerjaren. (Ich werde diese Vermutung im weiteren Verlauf meiner Altman-Retro noch verifizieren oder falsifizieren.) In einer eigentlich kaum noch für möglich gehaltenen Steigerung verdoppelte Altman die Zahl der Protagonisten aus NASHVILLE auf satte 48, die er diesmal allerdings in einem wesentlich enger abgesteckten Setting beobachtete. Wie in seinem genannten Meisterwerk nutzt Altman die offene Prämisse einer Hochzeitsfeier für eine genuss-, aber durchaus auch liebevolle Sezierung der amerikanischen Oberklasse, die Kollision von „Old Money“ und „New Money“, wie er es im auf der DVD enthaltenen Interview bezeichnet. In A WEDDING hat nahezu jeder Charakter ein mehr oder weniger dunkles Geheimnis, das die mühsam aufrechterhaltene Fassade von Kultiviertheit und Anstand als eben solche enttarnt: Regina wird vom Hausarzt Dr. Meecham (Howard Duff) mit Drogen versorgt, Muffins Mutter Tulip (Carol Burnett) führt eine unglückliche Ehe mit ihrem Mann und wird von Reginas Schwager Mackenzie (Pat McCormick) leidenschaftlich hofiert, Sohn Dino und seine Kameraden von der Militärakademie sind alles andere als brav und vorbildlich und das Objekt ihrer Begierde Buffy, ihrerseits uneingeschränkter Liebling ihres Vaters, gibt nur vor, ein stilles Mäuschen zu sein, hat es vielmehr faustdick hinter den Ohren. Doch das ist alles nichts im Vergleich zu dem geheimen Abkommen, dass Luigi einst mit seiner Schwiegermutter getroffen hatte und das mit ihrem Tod nun seine Gültigkeit verloren hat.

Altman stellt die feine Gesellschaft als heuchlerisches und eitles Volk bloß, das den eigenen hohen Ansprüchen an Sitte, Moral und Anstand längst nicht mehr gerecht wird und sich über die emotionale Verarmung gnadenlos in Widersprüchen verstrickt. Die ach so mustergültigen Ehen und perfekten Familien existieren eigentlich nur auf dem Papier und im Fall Luigi Corellis stimmt noch nicht einmal der Name im Pass. Das Problem ist jedoch nicht die etwaige Verkommenheit dieser Menschen, sondern die absurden Vorstellungen darüber, was „richtiges“ Leben eigentlich bedeutet. Das, was sich die Angehörigen der Hochzeitsgesellschaft darunter vorstellen, erweist sich als schlicht nicht lebbar. So wird ausgerechnet die Hochzeitsfeier, ein von vorn bis hinten durchnormiertes und nach klaren Regeln und Konventionen ablaufendes Gesellschaftsritual und noch dazu eines, das das Ehepaar in die Schuld des wohl strengsten Richters überhaupt – Gott – stellt, der Anlass, zu dem alle Beteiligten ihr Korsett abstreifen, sich aus den Zwängen befreien und ein neues Leben in Betracht ziehen. Auch wenn es manchmal schmerzhaft ist, dem zuzuschauen – A WEDDING ist voll von peinlichen Enthüllungen und Entgleisungen –, inszeniert Altman dieses Schauspiel mit der dringend nötigen Leichtigkeit und lässt niemals einen Zweifel daran aufkommen, dass sich die Figuren mit all ihren Verfehlungen seiner Sympathie gewiss sein könnnen. A WEDDING ist tatsächlich einer der lustigsten Filme Altmans und es ist schlicht ein Vergnügen, sich als Zuschauer unter die Anwesenden zu mischen, mal hierhin und mal dorthin zu schlendern und Eindrücke zu sammeln, die sich manchmal zu einem Gesamtbild zusammenfügen, manchmal aber auch nicht. Altman enthüllt nämlich längst nicht alle Geheimnisse (zumindest nicht nach der Erstsichtung): Warum von den hunderten von geladenen Gästen tatsächlich nur einer gekommen ist, wird ebenso wenig beantwortet, wie etwa die Frage nach der unfreiwilligen Kinderlosigkeit der Hochzeitsplanerin (Geraldine Chaplin), die in einem der für Altman so typischen hingeworfenen Dialogsätze ein persönliches Drama offenbart, dem andere Regisseure einen ganzen Film gewidmet hätten, ohne jedoch dieselbe Durchschlagskraft zu erzielen.

Zwei Szenen spiegeln das breite Spektrum des Films am besten wieder: So versammelt sich etwa in der Mitte des Films die gesamte Hochzeitsgesellschaft in Luigis Kellerbar, um vor einem heraufziehenden – reinigenden? – Sturm Schutz zu suchen und werden von Regina spontan zu einer gemeinsamen, ausgelassenen Gesangseinlage angespornt. Auf einmal sind alle gärenden Konflikte vergessen und alle sind einfach nur da, aufgelöst in einem Moment von unbeschreiblicher Magie. Demgegenüber steht das Ende, das den Seelenfrieden der beiden Kernfamilien mit dem Tod zweier Nebenfiguren erkauft: Hier ist dann doch wieder der Zyniker Altman am Werk, der seine Zuschauer einfach nicht entlassen kann, ohne ihnen einen Nasenstüber zu verpassen. Aber so ist das Leben: Trauer und Glück liegen eng beieinander und bedingen sich oftmals sogar. Alles hat seine zwei Seiten und manchmal muss man diese Dialektik einfach hinnehmen, ohne sie auflösen zu können.