Mit ‘Walter Boos’ getaggte Beiträge

Was ich damit meinte, als ich SIggi Götz in meinem Text zu DREI SCHWEDINNEN IN OBERBAYERN als Philantropen zeichnete und ihn damit als humanistischen Gegenentwurf zu den deutschen Sexkomödien-Zynikern erklärte, kann sich zum Vergleich mal DREI SCHWEDINNEN AUF DER REEPERBAHN vom filmischen Gas-Wasser-Scheiße-Experten Walter Boos anschauen. Schon der Titel ist Ausdruck jenes merkantilen wolfzehhartwig’schen Übereifers, der es mit Ehrlichkeit und Redlichkeit nicht ganz so genau nimmt: Zwar wird die jugendliche Protagonistin Lil (Tanja Scholl) als gebürtige Schwedin ausgegeben, aber das war es auch schon mit dem Skandinavien-Bezug. Im Film besuchen drei stinknormale deutsche Internatsschülerinnen – und drei Internatsschüler – die Elbmetropole, um am Wochenende mal einen drauf zu machen. Lil erhofft sich, dort ihren Schwarm, den Erdkundelehrer Heilmann (Carlos Stafford), klarzumachen, Pit (Mick Werup) hingegen will sie selbst erobern und hofft ihr zuvorzukommen. Ihre beiden jeweiligen Anhängsel stromern indessen durch St. Pauli und suchen verzweifelt nach einer Gelegenheit, sich die Hörner abzustoßen – mit den in dieser Art von Film unvermeidlichen Folgen.

DREI SCHWEDINNEN AUF DER REEPERBAHN ist leidlich unterhaltsam, auch weil er es noch nicht einmal bis zur 80-Minuten-Marke schafft, aber nie auch nur einen Hauch originell oder annähernd witzig. Tobias Meister (damals dicklicher Depp in zahlreichen LISA-Filmen – u. a. DIE SCHULMÄDCHEN VOM TREFFPUNKT ZOO,  ZÄRTLICH, ABER FRECH WIE OSCAR oder EIN KAKTUS IST KEIN LUTSCHBONBON – heute Synchronsprecher von Tim Robbins) geht stets mit Enthusiasmus voran, kriegt aber immer einen auf den Deckel, vor allem von dem muskulösen Seemann, dem er in einem unlustigen Running Gag andauernd in die Quere kommt. Die beiden Mädels werden hingegen in einer Tittenbar abgezockt und ziehen dann für einen lüsternen Senator (Walter Kraus in einer LISA-Paraderolle) blank, um sich ein paar Scheinchen zu verdienen. Außerdem latscht dann noch ein schrulliges Schweizer Touristenpaar durch den Film, das mit „bewährtem“ Dialekt-Humor auftrumpft und im entscheidenden Moment tatkräftig eingreifen darf. Am Ende gibt es eine lustige Verwechslung, als Lils Edelnutten-Freundin Rita (Bea Fiedler) im Ganzkörper-Netzstrumpf bei einem braven Politikerpärchen aufläuft, während Heilmanns liebe Pädagogen-Freundin vom Senator und seiner geilen Alten im Haus nebenan zu einem flotten Dreier gezwungen wird. Pit schließt seine Lil in die Arme und die beiden Jungs erkennen, was für heiße Feger die beiden Mädels sind, nachdem diese sich mit geschmacklosem Nuttenfummel aus Ritas Kleiderschrank von hübschen Mädchen in aufgetakelte Schreckschrauben verwandelt haben. Das bizarrste Element sind aber sicherlich die Tagtraumsequenzen, in denen Lil mit ihrem Lehrer zwischen, sorry, Buschnegern im Lendenschurz in der afrikanischen Pampa herumtanzt: Der mehr als lose Bezug besteht darin, dass in Lils Erdkundeunterricht gerade Kenia durchgenommen wird, aber dass das offensichtlich schon den Dreh on location in Afrika rechtfertigte, verwundert dann doch. (Wäre es nicht günstiger gewesen, im Drehbuch einfach „Kenia“ durch „Helgoland“ zu ersetzen?) Selbst wenn man einräumt, dass diese Szenen den Schauwert des Films steigern und man damit im Trailer gut prahlen konnte: Welcher Zuschauer braucht in einen Film namens DREI SCHWEDINNEN AUF DER REEPERBAHN vollkommen sinnloses Afrika-Footage bzw. wer lässt sich davon ernstlich beeindrucken? Ich halte es für mehr als unwahrscheinlich, dass auch nur einer der Kinobesucher, die sich bemüßigt fühlten, anderen danach von ihrem Erlebnis zu berichten, zu Protokoll gab, wie „atemberaubend“ und „bereichernd“ die Aufnahmen aus Kenia waren. Ich hatte zuerst instinktiv vermutet, dass der findige Produzent Karl Spiehs hier einfach Material aus einem anderen Film zweckentfremdet hat, aber das kann nicht sein, denn weder Tanja Scholl noch Mick Werup standen je für ein weiteres LISA-Erzeugnis vor der Kamera. Es muss tasächlich so gewesen sein: Man verfrachtete die Crew für einige Drehtage nach Afrika, um dort die ca. vier Minuten Tagtraumsequenzen für DRE SCHWEDINNEN AUF DER REEPERBAHN zu drehen. Wahnsinn.

Das – und LIls scheußliche Walt-Disney-Jacke, sehr wahrscheinlich die scheußlichste Jacke, die je in einem Film getragen wurde, und das schließt das Gesamtwerk von Steven Seagal ausdrücklich mit ein – macht DREI SCHWEDINNEN AUF DER REEPERBAHN zwar zum Anwärter auf die zinkene Gaga-Krone, aber bezeichnenderweise immer noch nicht interessant genug, um hier eine Empfehlung auszusprechen. Eher trist.

Die Schülerin Petra (Katja Bienert) ist mit dem heroinabhängigen Mick (Marco Kröger), einem Klassenkameraden, zusammen. Damit er das nötige Geld hat, um sich seine Drogen zu kaufen, lässt sie sich von einer Freundin ins Rotlichtmilieu einführen. Das wiederum kann Mick nicht akzeptieren: Er verlässt Petra, landet auf dem Schwulenstrich und in der Wohnung eines alten Herren, dem er einen Kerzenständer an den Kopf wirft, als er zudringlich wird. Während Mick wegen Mordes gesucht wird, hat Petra zwei Tage Zeit, ihrer Mutter 750 DM zurückzuzahlen, die sie ihr gestohlen hatte. Dirk (Benjamin Völz), der schwer verknallt in Petra ist, sieht seine Chance, ihr Herz zu erobern …

Noch zwei Jahre vor Uli Edels CHRISTIANE F. – WIR KINDER VOM BAHNHOF ZOO trat SCHULMÄDCHEN-REPORT-Routinier Walter Boos an, um die deutsche Öffentlichkeit darüber aufzuklären, was Drogen der deutschen Jugend antun. Dass sich das bei ihm etwas anders darstellte als in dem späteren Erfolgsfilm, ist klar. Wenn die Spritze hier in den Arm wandet, wendet sich die Kamera gnädig ab, nach dem Knastaufenthalt ist der Mick wieder clean und der Mordverdacht löst sich auch in Luft auf. Und von Petras ebenfalls drogenabhängiger Freundin, die von ihrem Macker – Schnurrbart, Brusthaartoupet mit dickem Amulett drin, bis zum Bacuhnabel aufgeknöpftes Hemd, Steifel über der Jeans, Pfeife im Maul – verhurt wird, damit sie sich bald ihren Wunsch von einer Boutique (!!!) erfüllen können, sieht man irgendwann einfach gar nix mehr. Damit sich das Trenchcoat-Publikum beim Strichersex nicht allzu sehr ekeln muss, gibt es auch noch ein paar „saubere“ Teeniemädels in voller Pracht zu bewundern und natürlich wird das „Sozialdrama“ auch von den berüchtigten Versuchen in Humor veredelt, die man aus den Filmen der Produktionsgesellschaft LISA-Film kennt. Da verfolgt man dann zwei Jungs aus Petras Klasse, die beim anderen Geschlecht nicht so richtig erfolgreich sind, und auf der Suche nach einer geeigneten Prostituierten, die sie in die Kunst des Liebespiels einweist, erst auf dem Omastrich und dann bei einer Transe landen. Für etwas seichtes Drama sorgt die Geschichte um zwei andere Mädels, die ihren Mathelehrer mit zweifelhaften Bildern erpressen, um eine gute Note zu kriegen, am Ende aber von der engagierten Superlehrerin zur Vernunft gebracht werden. Hier ist am Ende wirklich alles gut, nur der arme Dirk, der guckt dumm aus der Wäsche, weil Petra wieder mit ihrem Mick zusammenkommt. Hätte er das geahnt, hätte er bestimmt nicht diese alberne Strickmütze aufgesetzt.

Es muss kaum erwähnt werden, dass DIE SCHULMÄDCHEN VOM TREFFPUNKT ZOO weder als als Problem- noch als Sexfilm wirklich funktioniert. Ersteres will er eh nicht wirklich sein, die „Sozialkritik“ dient ihm ja nur als seriöse Fassade, für letzteres ist der ganze Film einfach viel zu trist, unansehnlich und steif in der Hüftgegend. Die Hässlichkeit von Settings, Frisuren und Klamotten ist wirklich beeindruckend, dazu wird jede Sexszene so unbeholfen und verklemmt angebahnt, dass es einen schier zur Verzweiflung treibt. Das Bordell des Films ist innen kackbraun holzverkleidet, grüne Vorhänge und goldene Bilderrahmen sollen wohl für Gediegenheit sorgen, lassen den Puff aber aussehen wie eine Jagdhütte. Die einzelnen Rammelbuden haben leberfleckfarbene Pappmaché-Wände und wer sich dort mit der Nutte seiner Wahl niederlässt bekommt sogleich Champagner „frisch aus Frankreich“ auf einem Blechtablett serviert. Die Gäste einer Schwulen- und Lesbenbar sehen darin aus wie bestellt und nicht abgeholt oder als würden sie auf die Abschiebung nach Aserbaidschan warten. Auf dem Boden liegen grauslige Synthetik-Flokatis und an einer Wand dreht sich eine große Zielscheibe: Daran befestigt sind zwei Stühle, auf denen zwei bemitleidenswert blasse Menschen die längsten Gesichter der Welt ziehen. Man sollte meinen, Homosexuelle hätten sich damals nicht auch noch gegenseitig diskriminieren und demütigen müssen. Es nimmt einfach kein Ende mit dieser Hässlichkeit und es ist kaum ein Wunder, dass der flaumschnurrbärtige Junge am Ende die Hilfe eines miefigen deutschen Aufklärungsbuches braucht, um seine Eroberung zu beglücken. Deren Nerven kann man nur bewundern: Ich hätte sofort Reißaus genommen, wenn ich in einen fensterlosen Betokerker mit Stahltür verschleppt worden wäre. Es ist wirklich zum Verzweifeln und jeder Funke von falscher Nostalgie wird hier jäh erstickt. Man bekommt unweigerlich Mitleid mit diesen jungen Leuten, die 1979 in Westberlin aufwachsen müssen, einer Zeit, die offensichtlich grau war und vermutlich nach Zigarrenqualm und Mottenkugeln roch. Da wäre ich wahrscheinlich auch zum Fixer geworden.