Mit ‘Walter Hill’ getaggte Beiträge

760247-b8aec28a-e530-11e3-aae6-8a781d1cd6731Martin Compart, deutscher Crime-Experte und bekennender Bronson-Fan, hat mich zu einem generationsübergreifenden Bronson-Special eingeladen. Bei Interesse hier entlang.

936full-streets-of-fire-posterJesus, was für ein Arschtritt. Ich kannte STREETS OF FIRE natürlich schon, fand ihn auch vorher schon toll, aber so dermaßen gekickt wie gestern hat er mich bislang noch nicht. Es war eine dieser Sichtungen, bei denen alles auf wundersame Art und Weise zusammenkommt: Vor allem natürlich Riesenbock auf den Film, sein Dekor, seinen Sound, seinen Rhythmus, aber dann auch ein beinahe uneingeschränkt zu nennendes Verständnis der von Hill aufgebauten Kunstwelt, die Fähigkeit, mit den Figuren und ihren Bedürfnissen und Emotionen total eins zu werden, jedes Bild, jeden Ton, jeden Schnitt, jede Dialogzeile, jede Bewegung, jeden Gesichtszug und jede Geste begreifen und mitfühlen zu können.

STREETS OF FIRE ist ein Meisterwerk, einer jener Filme, die die Ästhetik ihres Jahrzehnts nicht nur in Reinkultur verkörpern, sondern sie transzendieren, totales Kino, ein Werk formgewordener Emotion, ein Traum in Bild und Ton. Eine Rock’n’Roll-Oper, ein Musical, ein Western, ein Actionfilm, ein modernes, dabei aber zeitloses Gewaltmärchen, eine Romanze, ein Neo-Noir, ein Videoclip. Walter Hill war seiner Zeit weit voraus, vereinte das anscheinend Unvereinbare, befreite seine archetypische Geschichte von jedem erzählerischen Ballast, griff auf eine damals revolutionäre Schnitttechnik und neuartiges Filmmaterial zurück, dass es ihm erlaubte, Nachtszenen ohne jede zusätzlich Beleuchtung zu fotografieren. Das Publikum war offensichtlich überfordert, STREETS OF FIRE floppte gewaltig, und heute kann man nur den Kopf schütteln, ob der von so vielen fahrlässig versäumten Gelegenheit, sich dieses Wahnsinnsteil auf großer Leinwand mit weit nach rechts gerissenem Lautstärkeregler zu geben. Es muss ein quaisreligiöses Erlebnis gewesen sein, um das man die, die dabei waren, heute nur noch beneiden kann.

STREETS OF FIRE spielt in einer kleinen, beengten Kunstwelt, die den US-amerikanischen Großstadtmoloch des Gangsterfilms der Dreißigerjahre, die Westernstadt, jene World in a nutshell, und die neonlichtbeleuchtete Verheißung des sehnsuchtsvollen Achtzigerjahre-Nachtfilms miteinander kurzschließt. Tom Cody (Michael Paré) ist der stoische drifter, der nach unbekannt bleibender Tätigkeit in einem mythisch überhöhten, außerweltlichen Draußen zurückkommt in seine Stadt, eine Frontier Town, in der es außer Bars, miesen Absteigen und Vergnügungstempeln, außer Cops, zwielichtigen Gestalten und verzweifelten Glücksrittern auf der Suche nach dem großen Wurf nichts zu geben scheint. Er kehrt zurück, weil seine große Flamme von einst, diese eine Geliebte, über die man nie hinwegkommt, die mittlerweile zur Pop-Heiligen aufgestiegene Ellen Aim (Diane Lane: göttlich) ebenfalls zurückgekehrt ist, für ein frenetisch gefeiertes Konzert, bei dem sie von der Rockergang um Raven (Willem Dafoe) in dessen Drachenhöhle, eine dampfende Industriebrachlandschaft, entführt wird. STREETS OF FIRE erzählt nun von Codys Befreiungsaktion, die der obercoole Loner vor sich und anderen zur bloß materiellen Interessen folgenden Auftragsarbeit rationalisiert, während es ihn innerlich fast zerreißt. Das Push and Pull zwischen ihm und Ellen, von opernhaften Popsongs untermalt und überspitzt, wird zum eigentlichen Motor eines Films, der auf allen Ebenen ständig in Bewegung ist.

Das Timing Hills ist unglaublich, STREETS OF FIRE weniger inszeniert als vielmehr komponiert und orchestriert, da sitzt jeder Schnitt, jeder One-Liner, jeder Blick, jede Kamerabewegung an der richtigen Stelle, wird Film tatsächlich zur Musik, die anschwillt und abebbt, den Zuschauer unrettbar seinen manipulierten Gefühlen ausliefert. Darum geht es: Emotionen. In der Welt von STREETS OF FIRE gibt es kein lauwarm, keine vernünftigen Entscheidungen, keine Kompromisse, keine Taktiererei oder Diplomatie: Alles ist genau das, was es ist. Wenn Cody Ellen liebt, dann will er sie ganz, nach seinen Vorstellungen, ohne Abstriche, und wenn das nicht geht, dann muss er sie ziehen lassen. Andersrum ist es egal, dass dieser Cody ein reichlich ungehobelter Klotz ist, der Ellen auch schon einmal mit der Faust KO schlägt, wenn es die Situation erfordert. Er liebt sie: Daran gibt es keinen Zweifel, das ist die Wahrheit, die von Hill oder den anderen Figuren niemals angezweifelt wird. Genauso verhält es sich mit der Freundschaft zwischen Cody und McCoy (Amy Madigan): Die beiden erkennen in einer Bar sofort ihre Seelenverwandtschaft und schließen sich zusammen. Sie brauchen nicht viele Worte, um sich ihrer gegenseitigen Sympathie zu versichern, müssen sich nicht viel erzählen, um sich zu erkennen. Sie sind aus einem Holz geschnitzt, gehorchen demselben Ehrenkodex, der sie miteinander verbindet. In STREETS OF FIRE liegt alles auf der Hand, aber man erkennt den anderen nicht so sehr an seinem Äußeren, als dass man durch diese Oberfläche direkt in sein Inneres blicken kann. Es gibt keine Lüge, keine Verstellung in Hills Film. Nur Reinheit, im Guten wie im Bösen. STREETS OF FIRE ist ein Märchen, weil er eine solche Welt als traumgleiche Utopie der Jugend an den Nachthimmel wirft.

„Tonight is what it means to be young“, heißt das in der Sprache dieses Films, in dem man sich für immer hoffnungslos verlieren kann, oder auch: „There’s nothin‘ wrong with goin‘ nowhere, baby, But we should be goin‘ nowhere fast, It’s so much better goin‘ nowhere fast“. Wenn es schon keinen Ausweg aus dem Leben in dieser heruntergekommenen Drecksstadt gibt, wenn die Liebe schon nicht lebbar ist, dann muss wenigstens aus jedem Moment das Maximum rausgeholt werden, bleibt keine Zeit für Spielchen und den braven Mittelweg. Dann gibt es nur Vollgas und Lautstärke 10. Einmal wie Cody sein, Ellen Aim anbeten, sie mit entschlossener Firepower aus den Fängen des Schurken befreien, sie im strömenden Regen küssen, Lebewohl sagen, sich umdrehen und in die Nacht hinausfahren, das wär’s.

Walter Hills letzter Kinofilm datiert auf das Jahr 2002. Nach UNDISPUTED inszenierte er noch den Pilotfilm für die Fernsehserie DEADWOOD sowie die Miniserie BROKEN TRAIL, ansonsten beschränkte er sich auf die Tätigkeit als Produzent. Wie schmerzlich der große Klassizist des amerikanischen Actionkinos in dieser Zeit gefehlt hat, wird einem gleich zu Beginn seines neuen Films BULLET TO THE HEAD bewusst: Auf dem Weg zu ihrem Ziel zerfetzt die Kugel erst die Logos der beteiligten Produktionsfirmen, bevor sie mit den ersten Bildern im Hirn des Betrachters einschlägt. In braunstichigem Schwarzweiß fährt ein Zug vorbei, dessen charakteristischen Maschinengeräusche sich sogleich in den treibenden Groove des Scores verwandeln, der mit Slideguitar-Einsatz an den großen Ry Cooder erinnert, Walter Hills einstigen Stammkomponisten. Ein Mann (Sung Kang) lehnt wartend an einer Säule, ein Asiate, die melancholisch blickenden Augen ins Nichts gerichtet. Er steigt in ein anhaltendes Auto, der Fahrer hält ihm eine Pistole an die Schläfe, wird dann aber selbst erschossen. Das zerfurchte Gesicht des Killers Jimmy Bobo (Sylvester Stallone) schaut durch das zertrümmerte Fahrerfenster, das Bild friert ein. Aus dem Off erklingt seine Stimme, ein uraltes, dunkles Grollen aus den Tiefen der Erde: „The guy I just saved is a cop. That’s not the usual way I do things, but sometimes you gotta abandon your principles and do what’s right.“ Walter Hills neuester Film bedeutet eine Rückkehr zu den gebrochenen Heldenfiguren des (Spät-)Westerns, dem Schwertkämpferethos der Filme Chang Chehs, zur Kriegerehre, die sich im Namen des Richtigen auch gegen sich selbst richtet.

James „Jimmy Bobo“ Bonomo (Sylvester Stallone) und sein Partner Louis Blanchard (Jon Seda) erfüllen ihren Auftrag, den Erpresser Hank Greely zu töten. Als sie sich wenig später am mit ihrem Auftraggeber verabredeten Treffpunkt einfinden, wartet der Killer Keegan (Jason Momoa) auf sie, der Blanchard umbringt. Auf die Ermordung Greelys wird der Polizist Taylor Kwon (Sung Kang) angesetzt: Der Tote war selbst Cop und als solcher jahrelang Kwons Partner, bevor er unehrenhaft aus dem Dienst entlassen wurde. Kwon verbindet die beiden Morde und stößt so auf Bobo, mit dem er erst ein Treffen und dann schließlich einen Deal vereinbart: Wenn der Killer ihm dabei hilft, die Verantwortlichen für Greelys und Blanchards Tod ausfindig zu machen, wird er ihn laufen lassen …

Für BULLET TO THE HEAD kehrt Walter Hill nach New Orleans und in die Sümpfe Louisianas zurück, beide bereits Schauplätze seines Debüts HARD TIMES sowie von SOUTHERN COMFORT und JOHNNY HANDSOME. Die Handlung ist eine Variante seines Erfolgsfilms 48 HRS., in dem ein Cop sich der Dienste eines Kriminellen versichert, um einen Killer zur Strecke zu bringen. Die Vorzeichen sind in diesem Film allerdings umgekehrt: Kwon ist der Unerfahrene des Duos, während der Verbrecher Jimmy Bobo die Fäden in der Hand hält. Es entwickelt sich auch keine Freundschaft zwischen den beiden, allerhöchstens betrachten sie sich am Ende mit einem gewissen gegenseitigen Respekt. Aber sie gehen beide wieder ihren Weg, wissend, dass sie Gegner sind, auf verschiedenen Seiten des Gesetzes stehen. Hills Interesse gilt vor allem seinem alternden, weisen Killer und er ringt Stallone eine grandiose Leistung ab. Er interpretiert Bobo als etwas altersstarrsinnigen, müden, aber immer noch selbstbewussten Profi, der seine lange Karriere der Tatsache zu verdanken hat, dass er sich immer treu geblieben ist, keine Spielchen gespielt hat. Er ist eine im Kern tragische Figur, aber er ist über den Punkt hinaus, Dinge, die nicht so gelaufen sind, wie sie hätten laufen sollen, zu bedauern. Schon in jungen Jahren kam er mit dem Gesetz in Konflikt, sein Weg schien von Beginn an vorgezeichnet. Seine Tochter Lisa (Sarah Shahi), die er laut eigener Aussage mit einer drogensüchtigen Prostituierte zeugte – es ist nicht ganz klar, ob das die Wahrheit ist oder ob eine tiefe Verletzung aus seinen Worten spricht –, gab er in fremde Hände, weil er „not much of a father“ gewesen sei. Aber auch wenn Bobo das Produkt ungünstiger Umstände ist, so hat er sein Schicksal angenommen, ohne sich zu beklagen. Sometimes you gotta abandon your principles and do what’s right. Diese Einstellung zum Leben erkennt man auch in seiner Körperhaltung wieder: In Jimmy Bobos Gang zeigen sich sein Stolz und sein Selbstbewusstsein, der Swagger und die Coolness des Selfmade-Heros, gleichzeitig erkennt man, wie viel Kraft ihn das Aufrechterhalten der Pose – das Leben – kostet. Von oben drückt ein gewaltiges Gewicht auf ihn und er wird langsam zu alt, um noch dagegenzuhalten. Das breitbeinige Hängen in den Knien, der lässig federnde Gang,  dessen Schwerpunkt im Zentrum der biologischen Männlichkeit zu ruhen scheint, erinnern deutlich an John Wayne. Und seine moralische Ambivalenz macht ihn auch zu einem Seelenverwandten von Waynes Ethan Edwards, dem Protagonisten von THE SEARCHERS: „That’ll be the day“ sind die letzten Worte Bobos in Hills Film, ein wortwörtliches  Zitat aus Fords berühmtem Western. Beide Filme drehen sich um einen Menschen, dessen Handlungen und Ansichten nur schwer zu verteidigen sind, die – aus welchen Gründen auch immer – einen Weg eingeschlagen haben, den sie nun konsequent zu Ende beschreiten, wissend, dass sie dabei viel schlechtes Karma auf sich geladen haben.  Es ist eigentlich nicht vorgesehen, dass sie ungestraft davonkommen. Insgeheim warten beide auf die Strafe, die sie verdienen. Wie der Schurke von BULLET TO THE HEAD einmal sagt: „In classical literature … the hero dies.“ Jimmy weiß, dass die poetic justice seinen Tod vorschreibt.

Seine Strafe naht anscheinend in Form des muskelbepackten Söldners Keegan. Aber das Duell zwischen den beiden, das auch den Showdown des Films darstellt, findet auf einer ganz anderen, übergeordneten Ebene statt. Es hat nichts mit dem  initialen Mordauftrag zu tun, der von einem skrupellosen Geschäftemacher zu dem Zweck erteilt wurde, einen unliebsamen Mitwisser auszuschalten. Als die beiden Kontrahenten gegeneinander antreten, ist es ein Kampf der Prinzipien: Keegan will seinen Auftrag erfüllen, auch wenn er sich seiner Auftraggeber selbst entledigt hat, Bobo hat geschworen, ihn zur Strecke zu bringen, als er sich an seiner Tochter vergriffen hat. Es ist ein Zusammenprall archaischer Triebe, in dem es um die nackte Existenz geht, jeder Ratio, die über das bloße Überleben hinausgeht, komplett enthoben. „If you lay hands on her, I will kill you with a rock.“, droht Bobo, als er von der Entführung Sarahs erfährt und bringt damit zum Ausdruck, dass die zivilisierte Fassade fällt, sobald es ums eigene Fleisch und Blut geht. Das Thema setzt sich fort, als sich die beiden gegenüberstehen und Keegan zwei Feueräxte als Waffen auswählt: „What are we, fuckin vikings?“, fragt Bobo, der die Fesseln der Vernunft nicht ganz abwerfen mag. Ein Gesetz des Actionfilms: Im Helden muss wenigstens ein Rest von Menschlichkeit schlummern. Deswegen ist der „Endgegner“ auch meist physisch überlegen.

Die Kritiken zu BULLET TO THE HEAD waren, soweit ich das mitbekommen habe, verhalten. Eine Ausnahme war – wenig überraschend – Armond White, der Hill immer wieder als Meister des Actionkinos anführt, wenn es darum geht, die Verfehlungen moderner Genrevertreter zu kritisieren. Dieser Text, ein (von „Sauft Benzin, ihr Himmelhunde“ inspiriertes :)) Zwiegespräch Whites mit dem Hill-Experten Gregory Solman, erklärt seine Begeisterung und lieferte auch einige Hinweise für meinen Eintrag. (Eine nicht weniger interessante Antwort auf und Kritik an Whites/Solmans Text findet sich hier.) Ein Grund für die allgemeine Enttäsuchung und Nüchternheit könnte die Erwartungshaltung gewesen sein: Nach zehn Jahren Abstinenz erhofften wohl nicht wenige ein Meisterwerk. Die Frage ist nicht nur, ob diese Filmlandschaft ein solches überhaupt noch zulässt, sondern auch, ob Hill mit 71 Jahren noch die Energie hat, sich selbst zu einem solchen anzutreiben. Er hat immer mit Klischees und Archetypen gearbeitet, aber er hat sie gleichzeitig unterwandert oder aber bis auf ihr nacktes Gerüst entkleidet. In BULLET TO THE HEAD wirkt er – wie sein Protagonist Jimmy Bobo – etwas zu müde für solche Ambitionen. Und so ist der ganze Film deutlich weniger zwingend als seine vergangenen Großtaten. Hier und da vermutet man die Einmischung des Studios, spürt das Desinteresse des Altmeisters. Aber der Film ist dennoch ganz bei sich, lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, ist Ausdruck eines großen Könners, der niemandem mehr etwas beweisen muss, einfach froh ist, noch Filme drehen zu können, die am Ende unverkennbar die seinen sind. Denn das lässt sich nicht wegdiskutieren: BULLET TO THE HEAD mag ein schwächerer Hill-Film sein, aber er bleibt dabei dennoch ein Hill-Film. Und hat den Werken seiner Eleven damit immer noch Einiges voraus. Muss man sehen, ganz klar.

Billy Turner (Judd Nelson) kehrt nach fünfjähriger Abwesenheit in seine floridianische Heimatstadt Blue City zurück, die er nach einer Auseinandersetzung mit seinem Vater verlassen hatte. Mit diesem will er sich nun versöhnen, muss aber erfahren, dass er – immerhin der Bürgermeister von Blue City – vor einem Jahr von einem unbekannten Täter erschossen wurde.  Weil sich in der Stadt niemand wirklich für den Mord zu interessieren scheint – auch nicht die Polizei -, ermittelt Billy auf eigene Faust. Sein Verdacht fällt bald auf den dubiosen Geschäftsmann Kerch (Scott Wilson): Der hat nicht nur die ganze Stadt eingeschüchtert, sondern sich auch gleich noch Billys Stiefmutter Malvina (Anita Morris) und mit ihr das Familienvermögen unter den Nagel gerissen. Zusammen mit seinem alten Schulfreund Joey (David Caruso) und dessen Schwester Annie (Ally Sheedy) beginnt Billy Druck auf Kerch auszuüben …

BLUE CITY vereint die THE BREAKFAST CLUB-Stars Judd Nelson und Ally Sheedy vor der Mitte der Achtzigerjahre schwer angesagten Kulisse Floridas und spinnt um sie herum eine Hardboiled-Geschichte, die von niemand geringerem als Walter Hill nach einem Roman des renommierten Krimiautoren Ross Macdonald für die Leinwand adaptiert wurde. Die Rückkehr-und-Rache-Geschichte ist aber letztlich kaum mehr als Genrestandard, der hier zudem nicht durch die Inszenierung gebrochen wird, wie das etwa in einem Hill-Film unzweifelhaft der Fall wäre: Es ist ausschließlich die Jugend seiner Protagonisten, die BLUE CITY von vergleichbaren Filmen abhebt. Der Rachefeldzug ist dann auch nicht von söldnerhaftem Know-how und heldenhaftem Mut, sondern vielmehr von Tollkühnheit und pubertärem Omnipotenzwahn geprägt. Die Gefahr, der sich Billy und Joey aussetzen, scheint ihnen kaum bewusst zu sein: Kerchs Casino zu überfallen ist für sie nicht mehr als ein lustiger Jungenstreich, ein Abenteuer, dessen erfolgreiche Ausführung später übermütig mit Dosenbier begossen und ausgelassenem Gelächter quittiert wird. Mir stellte sich während der Sichtung schon die Frage, ob diese Gewichtung so beabsichtigt war (was letztlich egal ist) oder ob sie nicht vor allem auf das Konto von Nelson geht: Dem nimmt man den verwegenen Badass aufgrund der von ihm schon im BREAKFAST CLUB ausgeloteten Teenage-Angst-Symptome nur schwerlich ab. Billys Renitenz hat immer eher etwas von Bockigkeit und jugendlichem Selbstmitleid als von gerechtem Zorn und wenn er tonlos vor sich hin nuschelt, fällt es schwer, ihn als Bedrohung wirklich ernst zu nehmen. Ally Sheedy trägt mit ihrem etwas manisch wirkenden, stieren Blick ihren Teil genauso dazu bei wie David Caruso, der mit Zahnlücke, Käppi, Lockenschopf und aufgemalt wirkendem Dreitagebart kaum weiter entfernt sein könnte von seiner in Coolness erstarrten CSI-Inkarnation. BLUE CITY, den man mit einigem Recht als Teenieversion von WALKING TALL bezeichnen könnte, ersetzt so die existenzialistische Schwere des Action- und Crimefilms durch jugendlichen Leichtsinn und Übermut, inszeniert den Kampf gegen die Bösewichte als Cowboy-und-Indianer-Spiel, ohne dabei jedoch völlig auf die Wahrnehmung seiner Protagonisten hereinzufallen: Als Zuschauer neigt man weniger dazu, Billy & Co. anzufeuern oder mit ihnen zu fiebern, als vielmehr die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen angesichts ihres Leichtsinns und zu hoffen, dass das alles gut ausgeht. Leider geht BLUE CITY ein wenig das inszenatorische Profil ab, um diesen Aspekt stärker herauszuarbeiten: Klar, die Kulisse wird postkartenverdächtig eingefangen, der Score heizt ganz gut ein und Langeweile kommt auch keine auf, aber es wäre schon interessant zu wissen, was etwa ein Walter Hill aus dem Stoff gemacht hätte. Regisseurin Manning durfte sich später noch an zwei MIAMI VICE-Folgen versuchen, für die sie sich hiermit sehr empfohlen hatte, hat zu BLUE CITY aber nur wenig eigene Ideen beizusteuern, inszeniert im positiven Sinne unauffällig und zweckdienlich. Die beste Leistung absolviert ohne Zweifel Paul Winfield, stets zuverlässiger Nebendarsteller, der hier ausnahmsweise mal eine etwas gewichtigere Rolle abbekommen hat, die ihm ausgesprochen gut zum markanten Gesicht steht. Fazit: Nicht ohne Schwächen, aber doch sehr unterhaltsam.