Mit ‘Walter Pidgeon’ getaggte Beiträge

„I am packing my belongings in the shawl my mother used to wear when she went to the market. And I’m going from my valley. And this time, I shall never return.“

Mit diesen Worten beginnt HOW GREEN WAS MY VALLEY auf einer bereits melancholischen Note, aber auch mit dem Blick nach vorn – der indessen immer geprägt ist von dem, was hinter uns bzw. dem Protagonisten des Films liegt, der auch als Erzähler fungiert. In John Fords Film dreht sich alles um den Fortschritt, auf individueller wie universeller Ebene, darum, wie das Vergangene die Gegenwart prägt, und wie das, was wir haben, immer auch davon kündet, was wir dafür aufgeben mussten. Die Erkenntnis ist schmerzhaft: Tatsächlich sind Leid, Schmerz, Tod und Verlust allgegenwärtig in Fords Adaption des gleichnamigen Bestsellers aus dem Jahr 1939 (den eigentlich William Wyler verfilmen sollte), aber es ist eben auch der Wunsch, diese Härten zu überkommen, gepaart mit der inspirierende Erinnerung an das Vergangene, was die Menschen antreibt und sie weitermachen lässt.

Schon mit den ersten Worten von HOW GREEN WAS MY VALLEY ist also klar, dass etwas unwiederbringlich verloren ist: Das walisische Örtchen und das umgebende Tal haben in der Gegenwart, aus der der Erzähler berichtet, ihre Schönheit und Unschuld verloren, wo einst grüne Hügel lagen, spucken nun Schornsteine schwarzen Rauch in die Luft, reiht sich ein Förderturm an den nächsten. Der Schmerz über den Verlust treibt den Erzähler fort, er kann es nicht ertragen, dass die Heimat seiner Kindheit zerstört wurde. Er muss sein Glück woanders suchen und er folgt damit dem Weg, den auch schon seiner Brüder vor ihm angetreten haben. Der Erzähler ist Huw Morgan (Roddy McDowall), ein kleiner Junge, der in einer Familie von Kohlebergbauern aufwächst. Sein Vater Gwilym (Donald Crisp) regiert als Musterbild des strengen, fordernden, aber gleichzeitig gütigen Patriarchen über insgesamt sechs Kinder (fünf Söhne und eine Tochter), an seiner Seite Mutter Beth (Sara Allgood), nie um ein Lächeln oder ein aus dem Handgelenk geschütteltes Festmahl verlegen. Die Familie gerät in eine Krise, als die Bergbaugesellschaft die Löhne senkt und die Söhne über die Gründung einer Gewerkschaft nachdenken, was der Vater für sozialistischen Unfug hält. Im Folgenden erleben die Morgans, wie die Kohleindustrie floriert, die Arbeiter infolgedessen aber unter stetig schlechteren Bedingungen arbeiten müssen. Unter dem wirtschaftlichen Druck verändert sich auch die Dorfgemeinschaft: Neid, Missgunst und Misstrauen gewinnen die Oberhand …

Ford erzählt seine Geschichte mit dem langen Atem der Epik, auch wenn sie sich im Kern nur über wenige Jahre erstreckt: Verschiedene Episoden drehen sich um eine Lähmung Huws, die ihn für mehrere Monate ans Bett fesselt, um die zarte Liebesbeziehung zwischen Huws Schwester Angharad (Maureen O’Hara) und dem Priester Mr. Gruffydd (Walter Pidgeon), die das Gerede der Dorfgemeinschaft heraufbeschwört und schließlich dazu führt, dass der Geistliche dem Ort den Rücken kehrt, um die schwierige Schulzeit Huws, der als Kind aus armen Verhältnissen viel Verachtung erfährt und sich behaupten muss, den Tod des Bruders Ivor (Patric Knowles), der bei einem Minenunglück sein Leben just an dem Tag verliert, als seine Frau Bronwyn (Anna Lee) ein Kind zur Welt bringt. Das alle verbindet Ford mit dem ihm eigenen menschlichen Pathos zu einem Bilderbogen voller Leben, nicht unähnlich seinem Stummfilm-Meisterwerk FOUR SONS. Wie dieser entstand auch HOW GREEN WAS MY VALLEY nicht on location, stattdessen stampfte man das walisische Bergarbeiterdorf in den Hügeln Kaliforniens aus dem Boden. Nicht nur logistisch eine beachtliche Leistung: Fords Film fühlt sich bei allem Willen zur sentimentalen Überspitzung unheimlich echt an. Man nimmt als Zuschauer Teil an den Runden am Mittagstisch der Familie Morgan, am Gottesdienst unter dem klugen Gruffydd, am munteren Leben im Dorf, dessen Bewohner nie um ein biergeschwängertes, sangesfreudiges Fest verlegen sind. Die Besetzung muss ohne die ganz großen Stars auskommen, ist aber perfekt: Vor allem Donald Crisp begeistert als strenger, aber weiser Patriarch, die Bodenständigkeit, Einfachheit und Ehrlichkeit, der Ford hier ein Denkmal setzt, steht allen Akteuren buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Da fällt es auch nicht ins Gewicht, dass der gesamte Cast einen einzigen echten Waliser aufwies. Es passt, das Richard Llewellyn, Autor der literarischen Vorlage, entgegen eigener Aussagen, persönliche Erfahrungen verarbeitet zu haben, nie in Wales war.

Manche mögen HOW GREEN WAS MY VALLEY als tearjerker kritisieren: Ganz entkräften lässt sich der Vorwurf nicht, aber ich glaube, dass Fords nostalgische Gefühle voll und ganz von Herzen kommen, es ihm nicht darum ging, hier bloß Katharsis zu bieten. Und hinter der Geschichte um das Ende der Kindheit, den Verlust der „Unschuld“, der mit der Industrialisierung einherging, steckt ja dann auch mehr als bloß Sentimentalismus, nämlich vor allem die Enttäuschung über die Wankelmütigkeit der Menschen. Anstatt in Zeiten der Entbehrung zusammenzustehen, fallen sie übereinander her und reiben sich in lächerlichen Streitereien auf. Man kann das ja auch heute wieder beobachten, wo der mitunter berechtigte Zorn über die Umstände eben nicht diejenigen trifft, die ihn verdienen, sondern sich gegen die richtet, die noch ärmer dran sind. Insofern ist HOW GREEN MY VALLEY zumindest inhaltlich keineswegs „überkommen“, sondern im Gegenteil immer noch ziemlich treffend in seinem Urteil über die Menschen. Im Jahr 1941 jagte Fords Film Orson Welles CITIZEN KANE den Oscar für den „Besten Film“ ab: Heute ist man sich ziemlich einig darüber, dass das ein Fehler war. Gilt Welles‘ Verlegerepos nicht wenigen Kritikern und Cineasten als bester Film aller Zeiten, erscheint HOW GREEN WAS MY VALLEY ein bisschen altmodisch. Nachvollziehbar ja, aber das sollte dennoch nicht über die Qualitäten dieses wunderbaren Werkes hinwegtäuschen, das zu den besten Filmen Fords gehört.

Zwei Aussagen zu FORBIDDEN PLANET: A) Der Film ist ein gottverdammtes Meisterwerk und als solches Inspirationsquelle für Dutzende von Filmklassikern von SOLARIS bis ALIEN gewesen. Die Geschichte des Science-Fiction-Films wäre ohne ihn nicht dieselbe. B) Er ist formelhaftes Genrekino von einem Regisseur, der zuvor vor allem mit kitschigen Lassie-Filmen in Erscheinung getreten war. Beide Sätze sind wahr: An FORBIDDEN PLANET zeigt sich, was innerhalb des B-Films Genrefilms möglich ist, wenn alles an seinen Platz fällt. Eine originelle Grundidee, ein fantastisches Produktionsdesign und ein Filmemacher, der der Fantasie der Zuschauer nicht in die Quere kommt, reichen aus, um aus einem kleinen, vermeintlich generischen Science-Fiction-Film Kino für die Ewigkeit zu machen.

Ich würde sogar so weit gehen, zu behaupten, dass es gerade dieser Zusammenprall des Generischen und des Einzigartigen ist, der FORBIDDEN PLANET erst zu dem macht, was er ist. Der Film scheint kein Bewusstsein von seiner eigenen Größe zu haben, steigert sich gegen jede Wahrscheinlichkeit zu einem neue Maßstäbe setzenden Werk. Wilcox steht mit seiner unbedarften, steifen Regie der Besatzung des Raumschiffs zur Seite, stolpert quasi mit ihnen über die Relikte einer Zivilisation, die sie mit ihren beschränkten menschlichen Mitteln nicht einmal ansatzweise verstehen können. Ihr Schaudern im Angesicht des Unbegreiflichen spiegelt sich in der ganzen Komposition des Films wider, im Nebeneinander dieser typischen Fünfzigerjahre-Steifheit und dem großartigen Dekor des Films, das ständig über seinen eigenen Rahmen hinausweist, etwas andeutet, was nicht greifbar ist. In FORBIDDEN PLANET gelingt auf diese Art und Weise etwas, woran schon weitaus größere Filmemacher gescheitert sind: die Darstellung einer Welt, die jenseits menschlicher Intepretationsmuster liegt. Der Film wirkt auf eine Art und Weise fremd und befremdlich, die sich dem begrifflichen Zugriff entzieht.

Eine Szene bzw. Sequenz finde ich hinsichtlich dieser Sichtweise besonders toll und wichtig. Es ist jene, in der der auf dem Planeten Altair-4 gestrandete Wissenschaftler Dr. Edward Morbius (Walter Pidgeon) dem Kommandanten des Raumschiffes (Leslie Nielsen), das ihn retten soll, und dem Schiffsarzt einen Einblick in die Überreste der Zivilisation jener seit Millionen von Jahren ausgestorbenen Ureinwohner des Planeten gewährt. Zunächst führt er ihnen eine Maschine vor, die nach dem Anlegen dreier Sonden die Gehirnströme der jeweiligen Person anzeigt: Morbius, laut eigenem Bekunden mit einem IQ von 183 ausgestattet, rangiert auf der von Außerirdischen geschaffenen Skala im unteren Drittel, die beiden Astronauten noch deutlich unter ihm. Auch die folgende Besichtigung eines gigantischen, in seiner Größe kaum noch erfassbaren Kraftwerks dient vor allem dazu, die menschlichen Protagonisten zu Zwergen zu machen. (Die mithilfe von Matte Paintings realisierten Szenen lassen erahnen, wo sich George Lucas zur Architektur des Todessterns inspirieren ließ.) Es ist nicht nur ziemlich erstaunlich, dass der Film seine eigenen Protagonisten als Geisteszwerge denunziert: In einem Genre, das sich nicht selten durch seinen Imperialismus und ein radikal anthropozentrisches Weltbild auszeichnete, mahnt er zur Demut vor dem, was „da draußen“ liegt, warnt vor der unermesslichen Zerstörungswut des Menschen, die als Einziges keinen Vergleich mit einer sonst in allen Belangen überlegenen Spezies zu scheuen braucht. Die hoffnungslose intellektuelle Minderbemitteltheit seiner Helden, die in vielen Science-Fiction-Filmen jener Zeit in erster Linie die ihrer Macher spiegelte und darüber hinaus eben nicht reflektiert wurde, wird hier zum wichtigen erzählerischen Bestandteil des Films. Wenn der tölpelhafte Schiffskoch (mit Schürze und Käppi auch optisch als Einfaltspinsel gekennzeichnet) die unfassbaren Fähigkeiten von Morbius‘ Roboter Robby dazu ausnutzt, sich einen Riesenvorrat an Schnaps zuzulegen, ist das mehr als nur Comic Relief: Es zeigt, dass die Menschheit für bestimmte Erkenntnisse und Errungenschaften noch nicht reif genug ist. Auf dem verbotenen Planeten stoßen sie an ihre Grenzen – ironischerweise gerade deshalb, weil sie mit Mitteln ausgestattet werden, die es ihnen ermöglichen, diese Grenzen zu überschreiten.

Das alle macht FORBIDDEN PLANET zu einem großen Film. Aber da ist noch etwas, etwas, das ich nicht anders als mit dem reichlich schwammigen Begriff „Atmosphäre“ beschreiben kann. Dieses Gefühl, dass sich in der Magengrube festsetzt, wenn man zum ersten Mal diese desolate Planetenoberfläche unter dem grünen Himmel sieht. Dass einen beschleicht, wenn man beginnt, zu erahnen, dass auf diesem Planeten etwas verborgen ist, das sich mit dem menschlichen Verstand nicht begreifen lässt. Ich weiß nicht, wie man dieses Gefühl benennen kann. Es ist wahrscheinlich älter als die Sprache.

EDIT: Bei Facebook führte der Einstieg zu diesem Text zu einer kleinen Diskussion über meine Behauptung, FORBIDDEN PLANET sei ein „B-Film“. Das ist schlicht falsch, selbst dann, wenn man den Begriff großzügig auslegt. Ich habe ihn hier etwas schwammig als Synonym für „Genrefilm“ gewählt, weil ich eine sprachliche Wiederholung vermeiden wollte. Und enstprechend korrigiert.