Mit ‘Werner Klingler’ getaggte Beiträge

Der Wikipedia-Artikel drückt es diplomatisch aus: Die ausgezeichneten Publikumsresonanzen, die die Mabuse-Filme erfuhren – begünstigt durch die Koordination der Starttermine durch den Verleih Constantin, die so gelegt wurden, dass Fans der auf den Plakaten so apostrophierten „,harten‘ Welle“ des Krimifilms sich nicht zwischen diesen und den Wallace-Filmen entscheiden mussten, sondern beide sehen konnten – sollen Brauner dazu angeregt haben, sich als nächstes an Fritz Langs meisterlichem DAS TESTAMENT DES DR. MABUSE und also an einem Remake zu versuchen. Mit Blick auf den durchwachsenen DIE UNSICHTBAREN KRALLEN DES DR. MABUSE, der kaum noch etwas mit seiner Titelfigur anzufangen wusste, liegt der Verdacht nicht gerade fern, dass Brauner auf Bewährtes zurückgriff, weil ihm kein geeignetes Original-Drehbuch vorlag. Es dürfte niemanden überraschen, dass das Remake nicht einmal annähernd an das auch heute noch immens beunruhigende, hypnotisch-unheimliche Original heranreicht. Langs Film zeigte nicht zuletzt, dass der Regisseur verstanden hatte, welche Bedeutung gerade der Integration von Ruhe und Langsamkeit für die Entwicklung eben jener Atmosphäre zukommt. Actiongeladene und ruhige, zerdehnte Szenen wechselten sich zu großem Effekt ab. Außerdem war Lang so klug, bestimmte Dinge unausgesprochen, lediglich als Ahnung durch den Film schweben zu lassen: Die Figur Mabuses wird bei ihm sprichwörtlich nie greifbar, bewegt sich in einer ganz anderen Dimension als die anderen Figuren und scheint so von außen auf den Film selbst einzuwirken. Klinglers (u. a. DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN KOFFER) Remake schwimmt hingegen im sicheren Fahrwasser oben genannter „harten Welle“, liefert in erster Linie reueloses Entertainment ohne jedes Verstörungspotenzial. Diese Differenz lässt sich auch an einem Namen festmachen: Wolfgang Preiss, der hier den Dr. Mabuse spielt, ist mit seinen harten Gesichtszügen sicherlich geeignetes Schurkenmaterial, die furchteinflößende Physiognomie Rudolf Klein-Rogges, der das teuflische Mastermind in Langs Original weniger gespielt als vielmehr verkörpert hatte, lässt er jedoch schmerzlich vermissen. Preiss ist jederzeit als Schauspieler duchschaubar, der in einer Rolle agiert, die zudem weniger wahnhaft angelegt ist als zuvor. Nie gelingt es ihm darzustellen, was Klein-Rogge scheinbar mühelos schaffte: Einen Mann zu verkörpern, dessen ganze Physis vom Bösen vereinnahmt und von diesem nahezu deformiert worden war. Auch inhaltlich zeigt sich der Unterschied: Waren die verbrecherischen Coups Mabuses im Film von 1933 nur Mittel zum irrationalen Zweck, die Bevölkerung in einer „Herrschaft des Verbrechens“ zu unterjochen, mutet der Doktor hier lediglich wie ein leicht überspannter Raffzahn mit hypnotischen Fähigkeiten an. Man vergleiche nur die Szenen miteinander, in denen der Geist Mabuses dem Irrenarzt erscheint: Während Langs Inszenierung dem Zuschauer einen eiskalten Schauer über den Rücken jagt, der einem die Nackenhaare aufrichtet, nimmt man sie in Klinglers Film beinahe ungerührt hin.

Dennoch gilt auch hier die alte Binsenweisheit: Besser gut geklaut als schlecht selbst erfunden. Dass das Remake nicht annähernd die Klasse von Langs Film erreicht, ändert nichts daran, dass die Geschichte, die er erzählt, verdammt gut ist. Und das Drehbuch tut gut daran, alle wesentlichen Handlungselemente und Szenen beizubehalten, lediglich in der Reihenfolge leicht zu variieren und etwas anders zu gewichten. Deutlich größeren Raum nimmt hier etwa das Treiben der von Mabuse befehligten Gangsterbande ein. Das gibt Charles Regnier als deren Oberhaupt Mortimer Gelegenheit zu einer seiner herrlich lakonischen Darstellungen und dem Drehbuchautor die willkommene Möglichkeit, sich wunderbar anachronistische Gangsternamen wie „Paragraphen-Joe“, „Halseisen-Toni“, „Jack, der Fingerbrecher“, „Augapfel-Rolf“, „Lachgas-Freddie“, „Kurzschluss-Henry“ oder „Jeton-Eddie“ (letzterer in einer Minirolle gespielt vom Nachtklub-König Rolf Eden) auszudenken. Zwangsläufig behebt Brauner auch das größte Manko des missratenen Vorgängers und reinstalliert Gert Fröbe in der Hauptrolle des volksnahen, geradlinigen Kommissar Lohmann. Mit dem Verzicht auf den US-Schönling Lex Barker gewinnt DAS TESTAMENT DES DR. MABUSE so jene bundesdeutsche Staubigkeit, jene Backstein-und-Mörtel-Materialität und jenen Grad an, ähem, Realismus zurück, der in DIE UNSICHTBARE KRALLEN DES DR. MABUSE so schmerzlich abhanden gekommen war. Überflüssig und ohne Zweifel austauschbar ist hingegen der Subplot um den braven Johnny Briggs (Helmut Schmid), einen gescheiterten Boxer, der von Mortimer für seine Bande rekrutiert wird, und sehr zur Sorge seiner Freundin Nelly (Senta Berger) auf die schiefe Bahn gerät. Ging dieser Subplot in Langs Film noch sehr direkt mit seiner Kritik am Nationalsozialismus einher – Briggs‘ Pendant Thomas Kent war dort ein Opfer der grassierenden Arbeitslosigkeit und somit leichte Beute für die materiellen Verlockungen von Mabuses Bande: eine deutliche Parallele zu den Entwicklungen der Weimarer Republik, die den Aufstieg Hitlers begünstigt hatten –, mutet seine Inklusion hier vor allem redundant an. Er fügt dem Film nichts Wesentliches hinzu, bleibt unterentwickelt und raubt Zeit für Wesentlicheres.

Dennoch überwiegen die positiven Aspekte. Nachdem die Reihe mit den beiden vorangegangenen Titeln, IM STAHLNETZ DES DR. MABUSE und DIE UNSICHTBAREN KRALLEN DES DR. MABUSE, immer mehr in Richtung Science Fiction entwickelt wurde, die einmal sehr realistischen Ursprünge mehr und mehr auf der Strecke blieben, bedeutet DAS TESTAMENT DES DR. MABUSE zwangsläufig eine Rückkehr zu den tief im deutschen Urschlamm vergrabenen Wurzeln. Das ist lobenswert, auch wenn man den immensen Einfluss der Gruselkrimis nicht leugnen kann, der die Wirkung der Mabuse-Figur weitestgehend neutralisiert. Immerhin gehört Klinglers Film innerhalb seines umfangreichen Subgenres zu den überdurchschnittlich gelungenen Werken. Jetzt bin ich gespannt, wie sich die Reihe mit den beiden letzten Filmen, SCOTLAND YARD JAGT DR. MABUSE und DIE TODESSTRAHLEN DES DR. MABUSE, entwickelt und ob DAS TESTAMENT tatsächlich eine Kursänderung oder doch nur eine folgenlose Zäsur bedeutete.

geheimnis_des_schwarzen_koffer_dasWer ob des Abschlusses meiner Edgar-Wallace-Reihe vielleicht das ein oder andere Tränchen verdrückt hat, darf sich nun freuen, denn als nächstes nehme ich mir die Verfilmungen vor, die auf dem Werk des Sohnemanns des berühmten Krimiautoren basieren. Für die Produktion dieser Filme verantwortlich zeichnete Artur Brauner mit seiner CCC-Filmproduktion: Nie um eine geschäftstüchtige Idee verlegen, riss der sich ob des großen Erfolgs der Wallace-Filme die Filmrechte an den Romanen und dem Namen des fast genau so wie sein berühmter Papa heißenden Sohnes unter den Nagel. So erschienen nicht nur direkte Verfilmungen von dessen Büchern, es wurden auch frei erfundene Stoffe mit dem wohlklingenden Namen versehen und in die Kinos gebracht. Zwischen 1962 und 1972 erschienen insgesamt 11 Titel, darunter sowohl die beiden Argento-Giallos DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE und DIE NEUNSCHWÄNZIGE KATZE als auch das Dr.-Mabuse-Crossover SCOTLAND YARD JAGT DR. MABUSE (Brauner hatte sich schon um die Mabuse-Reihe der Sechzigerjahre verdient gemacht). Den Auftakt markierte 1962 also DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN KOFFER: Für die Regie gewann Brauner mit Regisseur Klingler einen seit den Dreißigerjahren in zahlreichen Genres erfahrenen Filmemacher, für das angepeilte Wallace-Feeling sorgte Kameramann Richard Angst, der für die Rialto kurz zuvor DIE SELTSAME GRÄFIN fotografiert hatte (und in den Folgejahren zwischen beiden Reihen hin und her pendeln sollte). Gert Wilden komponierte die jazzige Musik.

In London werden mehrere Männer durch gezielte Messerwürfe ermordet. Kurz vor ihrem Tod finden Sie einen mit ihren Sachen gepackten Koffer als Ankündigung ihrer bevorstehenden Ermordung vor. Scotland-Yard-Inspector Finch (Joachim Hansen) steht vor einem Rätsel: Weder finden sich Spuren auf den Täter am Tatort noch besteht eine erkennbare Verbindung zwischen den Opfern. Auch der Kriminologe Curtis Humphrey (Hans Reiser) kann nicht helfen. Eine vom Tatort verschwundene Reisetasche führt zu Dr. Bransby (Leonard Steckel), der wie durch einen Zufall stets kurz vor den oder aber direkt nach den Morden in Erscheinung tritt. Aber auch der hilft nicht weiter. Immerhin lernt Finch dort die schöne Arzthelferin Susan Brown (Senta Berger) kennen. Die ist aus Amerika nach London gekommen, weil sie hofft, in der britischen Hauptstadt eine Spur ihres verschollenen Bruders zu finden: Der war in den USA für das FBI tätig und ermittelte in einer großen Drogensache …

DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN KOFFER ist routiniert gemachte, wenngleich nicht übermäßig aufregende Krimiunterhaltung, die mit Einflüssen aus dem Horrorbereich – ganz im Stile der frühen Wallace-Filme – noch sehr sparsam umgeht. Das Mysterium der gepackten Koffer tritt zudem bald in den Hintergrund und macht Platz für eine ganz weltliche Selbstjustizgeschichte: Hinter dem Ganzen steckt die Rache eines ehemaligen Opfers an einem Drogenkartell, das die Welt mit der tödlichen Droge Mescadrin in Gefahr bringt. Der Bruch, den diese Fokusverschiebung bedeutet, geht etwas unsanft vonstatten, es dauert eine Weile, bis man begreift, warum es plötzlich um Drogen geht, aber diese Irritation hält andererseits auch das Interesse wach. Zwar sind echte herausragende Momente oder gar spektakuläre Szenen eher Mangelware, dennoch entfaltet der Film einen gewissen Reiz, den ich nur schwer erklären kann. Die Irrwege des Plots sind etwas weniger selbstzweckhaft als in vielen der Wallace-Filme, die Verortung nicht in den höheren Kreisen der Gesellschaft mit ihren Schlössern und Villen, sondern in einem bondeständigeren London gibt dem Film einen moderneren Anstrich. Dass bis auf ein paar Archivmaterial-Szenen ausschließlich im Nachkriegsberlin gedreht wurde – wo Klinger und Angst besonders triste Industriebrachlandschaften und Belege urbaner Ödnis ablichteten – und die Kluft zwischen beiden Städten für den Zuschauer unüberbrückbar ist, unterstreicht diesen realistischen Einschlag noch. Finch darf einmal sogar einen Kurzabstecher in die USA machen: In den dem Commonwelath huldigenden Rialto-Wallaces undenkbar! Das einzige, womit ich dann tatsächlich nicht so recht warm wurde, ist das Comic Relief Chris Howland, der mich tatsächlich Eddi Arent herbeisehnen ließ. Insgesamt also ein nicht überwältigender, aber doch akzeptabler Einstand.