Mit ‘Werner Pochath’ getaggte Beiträge

Die letzten KOMMISSAR-Sitzungen liegen lang, nämlich fast drei Jahre, zurück: Ein langes, kinderloses Wochenende schien mir der ideale Zeitpunkt, die Sichtung fortzuführen und erneut einzutauchen in die von Reinecker protokollierte, mit Zigarettenrauch und Bierduft durchwaberte Welt des Bürgertums. Mehr noch als DERRICK ist DER KOMMISSAR comfort food, perfekt für die bevorstehende Zeit um Feiertage und Jahreswechsel, wenn der geschäftige Trubel Platz macht für Vorfreude und Entspannung. Im Gegensatz zum kalten Stephan Derrick vermittelt Kommissar Keller (Erik Ode) diese altväterliche, kompromisslose, aber im Kern wohlmeinende Strenge – wie der Weihnachtsmann, der am Ende des Jahres mit prüfendem Blick in sein schlaues Buch die ungezogene Spreu vom artigen Weizen trennt. Mir fiel diesmal auf, dass DER KOMMISSAR manchmal fast wie eine Familienserie rüberkommt: Im Zentrum also der strenge Papa, der seine „Jungs“ (er nennt sie mehrfach wirklich so) Grabert, Heimes und Klein an der langen Leine laufen lässt, um sie aufs Leben vorzubereiten, am Rande das treue „Rehbeinchen“, das dazu Stullen und Bier serviert und manchmal auch einen guten Tipp hat. Die Serie ist wunderbar, gemütlich wie ein alter, vertraut müffelnder Sessel, toll auch, um dabei sanft wegzudösen – und immer wieder für Überraschungen, Begeisterung, Gelächter und offene Münder gut.

 

Episode 056: Tod eines Hippiemädchens (Theodor Grädler, Deutschland 1973)

Der Kollateralschaden der langen Pause: Diese Episode habe ich damals noch gesehen, aber dann vergessen, einen Text darüber zu schreiben.

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Episode 057: Das Komplott (Wolfgang Staudte, Deutschland 1973)

Der Büroangestellte Andreas Steintaler (Udo Vioff) ist nach Dienstschluss noch im Büro, als ihn sein Chef per Telefon zu sich bestellt. Steintaler findet Sekunden später nur noch die Leiche und einen leeren Tresor vor und verständigt die Mordkommission. Die nimmt ihm seine Geschichte aber nicht ab: Wie soll der Täter in der knappen Minute, die der Angestellte von seinem Arbeitsplatz ins Büro des Chefs brauchte, einen Mann erschossen, einen Tresor geleert, alle Spuren verwischt haben und dann auch noch unbemerkt entkommen sein? Als das vermisste Geld kurz darauf an Steintalers Arbeitsplatz gefunden wird, scheint er als Mörder überführt. Dennoch hält er an seiner Geschichte fest. Es scheint, als wolle jemand ihm den Mord in die Schuhe schieben.

Der Kriminalfall ist trickreich gescripteter Standard mit einer allerdings superabsurden Auflösung, die ich hier nicht verraten möchte, bei der aber der immer tolle Charles Regnier überaus passend zum Einsatz kommt. Reineckers Hauptaugenmerk liegt wieder einmal auf dem verlogenen großbürgerlichen Ringelpiez um den eigentlichen Mordfall und er fährt eine beachtliche Schar an suspekten Gestalten auf: Die mondäne Gattin des Toten (Ursula Schult) hat ein Verhältnis mit Steintaler und kann sich nicht im Geringsten dazu durchringen, die trauernde Witwe zu spielen. Dasselbe gilt für ihre beiden Töchter (Ingrid Steeger & Barbara Stanek). Ihr zur Seite steht der hypernervöse Dettmann (Leopold Rudolf), seit Jahrzehnten ein treuer Diener des Toten, dessen anfängliche Fassung immer mehr zum Teufel geht, bevor er in einer eindrucksvollen Szene vor seiner Familie komplett die Nerven verliert. Als sein arroganter, selbstverliebter und aufreizend ungerührter Sohn gibt Wolf Roth eine frühe Kostprobe jenes Typus, den er später noch einige Mal bei DERRICK perfektionieren sollte. Leicht über dem Durchschnitt angesiedelt, ist „Das Komplott“ eine gute Folge zum Wiedereinstieg.

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Episode 58: Schwarzes Dreieck (Theodor Grädler, Deutschland 1973)

In der Abwesenheit seiner Gattin Helga (Käthe Gold) verunglückt der Ehemann in der Badewanne, als ein elektrischer Rasierapparat ins Wasser fällt. Der vermeintliche Unfall wird zum Mord, als Untersuchungen ergeben, dass sich der Mann immer nur nass rasierte. Aber wer brachte den Mann um und verschwand dann unbemerkt aus der abgeschlossenen Wohnung? Neben der Gattin, die von ihren beiden Söhnen (Karl Walter Diese & Peter Fricke) bedrängt wird, die Anteile am Geschäft des Vaters an sie zu übertragen, gerät die rätselhafte Frau Böhle (Angelika Salloker) in Verdacht: Auch ihr Mann starb vor Jahren bei einem höchst sonderbaren Unfall.

Die Grundkonstellation erinnert ein klein wenig an Hitchcocks STRANGERS ON A TRAIN, aber interessanter sind Reineckers Betrachtung von Ehe und Alter im Hinblick auf die älteren Frauen, die im Mittelpunkt der Geschichte stehen. Die drei Damen, um die es geht, werden von ihren Gatten als bessere Hausbedienstete betrachtet und jeder liebevollen Zuwendung beraubt. Mehr noch: Auch Helgas Söhne interessieren sich nur so lange für ihre Mama, wie sie etwas von ihr haben wollen. Kaum hat sie ihre Unterschrift unter dem Vertrag hinterlassen, machen sie sich wieder aus dem Staub, haben noch nicht einmal die Zeit, ihren Kaffee zu trinken und ihr Stück Kuchen zu essen. „Die Ehe ist ein Kampf, den die Frauen verlieren“, sagt Frau Böhle gegenüber Kommissar Keller: eine Überzeugung, die sie dazu geführt hat, einen teuflischen Mordplan auszuhecken. DER KOMMISSAR (und später DERRICK) zeichnet sich nicht unbedingt durch ein besonderes Verständnis für Frauen aus: Reinecker weist ihnen meist eine feste, wenig flexible Rolle zu und verurteilt sie, wenn sie aus dieser ausbrechen. Für ältere Damen macht er aber eine Ausnahme, zumindest ist das der Schluss, zu dem man nach Betrachtung dieser traurigen Episode kommt. Das Schicksal von Helga bewegt, auch weil Käthe Gold eine sehr anrührende Darbietung gibt. Der Anblick der Rentnerinnen, deren größte Freizeitvergnügung es ist, Tauben im Park zu füttern, ist der Gipfel der Tristesse.

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Episode 59: Der Tod von Karin W. (Theodor Grädler, Deutschland 1973)

Die junge Karin Winter (Simone Rethel) wird in einer Kneipe niedergeschossen, nachdem sie noch versucht hat, ihre Mutter (Ida Krottendorf) anzurufen. Die Ermittlungen ergeben, dass Karin in einem Erziehungsheim war und mehrfach durch kleinere Vergehen aufgefallen ist. Die familiären Verhältnisse sind kompliziert: Die alleinstehende Mutter brachte regelmäßig Männerbekanntschaften nach Hause, unter anderem ihren Nachbarn Otto Pajak (Harald Leipnitz), was ihr bei dessen Schwester (Maria Schell) den Ruf der Schlampe einbrachte. Aber Pajak hatte nicht nur Interesse an der Mutter.

Die Folge bestätigt, was ich oben über Reineckers Frauenbild schrieb, denn dass Karins Mutter aktiv Ausschau nach Männern hielt und diese mitunter auch nach Hause brachte, wird ihr ausschließlich negativ ausgelegt. Gut, man mag darüber streiten, inwiefern die Tatsache, dass ihr Schlafzimmer direkt neben dem der Tochter liegt, nicht etwas mehr Zurückhaltung ihrerseits erfordert hätte, aber diese Einschränkung nimmt Reineckers Drehbuch eigentlich nicht vor. Es sind der „Egoismus“ und die Freizügigkeit der Mutter, die die Tochter zur Ladendiebin, Heiminsassin und schließlich zum Mordopfer machten. Pajaks Missbrauch einer Minderjährigen ist demgegenüber ein Kavaliersdelikt: Schließlich fungierte die Mama als Kupplerin. Diese Ausrichtung ist aus heutiger Sicht natürlich extrem streitbar, aber das macht diese und viele andere Episoden der Serie  ja auch so faszinierend. Es ist ein Stück deutscher Mentalitätsgeschichte, derer man da ansichtig wird. Und es ist beileibe keine schöne Geschichte. Harald Leipnitz, sonst meist als kerniger, schlagkräftiger Machotyp besetzt, gibt hier einen der typischen Reinecker-Waschlappen, einen Mann ohne Mumm in den Knochen, der voll unter der Fuchtel sowohl seiner herrischen Schwester als auch seiner Geliebten steht. Diese Charakterisierung ist natürlich zweischneidig: Man spürt Reineckers Verachtung für diese mummlosen Männer (in der man ebenfalls ein sehr traditionelles Männerbild erkennt), gleichzeitig entlässt er sie so auch ein Stück weit aus ihrer Verantwortung.

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Episode 60: Die Nacht, in der Basseck starb (Wolfgang Staudte, Deutschland 1973)

Der Nachtclubbesitzer Basseck (Jürgen Goslar) wird in seiner Wohnung von einem Unbekannten erwartet und erschossen. Keller und sein Team erfahren, dass der Mann regelmäßig junge Mädchen aus seinem Laden als Geliebte rekrutierte und dann wieder auf die Straße setzte, wenn er die Lust an ihnen verlor. Die letzte, die es getroffen hat, ist die schöne Dana (Evelyn Opela). Und dann ist da auch noch Günter Wagner (Jochen Bißmeier), ihr letzter Kunde und der Bruder eine von Bassecks Verflossenen.

Ich fand diese Episode nur mittelmäßig interessant: Sie verschenkt Horst Tappert (als Bassecks Geschäftspartner) und dessen Talent zum Schurkentum in einer völlig unterentwickelten Rolle und nervt zudem mit endlosen Musikeinspielungen der Les Humphries Singers, die als Attraktion des Nachtclubs eine Nummer nach der anderen zum Besten geben und dabei die Tanzfläche ganz allein für sich in Anspruch nehmen. Jürgen Drews, damals ein Mitglied der Combo, tanzt so am Rande mit und wirkt, als sei ihm das alles furchtbar unangenehm. Das zeugt von mehr Geschmack und Stil, als ich ihm zugetraut hätte, aber auch von einer fragwürdigen Arbeitsmoral. Diese breiten Musikeinlagen (neben dem penetranten Ohrwurm „Mamama-mamamalu!“ gibt es auch ein Liedchen über Mexiko, bei dem der Sänger natürlich einen Sombrero tragen muss) sind schon faszinierend – mit welch elender Scheißmusik man damals zu Ruhm und Geld kommen konnte -, aber verfehlen das Ziel, hier ein bisschen Glamour reinzubringen. Viel besser gelingt das der betörenden Evelyn Opela, deren tschechischer Akzent („Ich habe ein Dacksi gerufen.“) in Verbindung mit der markanten Mund- und Kieferpartie sowie dunkeln Augen und Haaren mehr Mystik in die Episode bringen, als alle Scriptwindungen Reineckers.

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Episode 61: Der Geigenspieler (Theodor Grädler, Deutschland 1973)

Der Geigenspieler Triberg (Günther Stoll) erhält eine Warnung, nach seinem Konzert auf gar keinen Fall wie gewohnt mit dem Zug nach Hause zu fahren. Er nimmt die Warnung zur Kenntnis, steigt dann aber doch in den Zug – und wird durch das Fenster erschossen. Seine Ehefrau Irene (Sonja Ziemann) kann am Bahnhof nur noch die Leiche in Empfang nehmen. Wie sich herausstellt, hatte sie ein Verhältnis mit dem mittellosen Maler Kolding (Heinz Bennent). Und der verfügt kurz nach dem Mord plötzlich über eine große Menge Geld, die ihm vom Irene Triberg überreicht wurde.

Ein weiterer Eintrag in Reineckers bis tief in die Neunzigerjahre reichende Abrechnung mit bürgerlichem Ehe-Ennui: Hier geht die Ernüchterung sogar so weit, dass der Ehemann die eigene Ermordung geradezu als Erlösung hinnimmt. Insgesamt ist „Der Geigenspieler“ nur Durchschnitt, was immerhin „gute Unterhaltung“ bedeutet, die zudem durch die Leistungen von Sonja Ziemann, dem immer großartigen Heinz Bennent, Elisabeth Flickenschildt und Erik Schumann in einer ungewohnten Rolle als gammliger Schmierlappen aufgewertet wird.

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Episode 62: Ein Funken in der Kälte (Wolfgang Staudte, Deutschland 1973) 

Die alternde Prostituierte Heide Hansen (Mady Rahl) wird ermordet und aus dem fahrenden Auto geworfen. Sie ging für den fiesen Zuhälter Schönau (Hans Brenner) auf den Strich und unterhielt zudem eine zärtliche Beziehung zu dem Säufer Alfons Schichta (Klaus Behrendt), vor dessen Kellerwohnung sie immer auf Freier wartete. Warum musste sie sterben?

Traurige Dramen im Milieu: Auch darauf verstand sich Reinecker, der hier eine besonders trostlose Geschichte erdachte. Alte Nutten, die keiner mehr haben will und die sich mit einer Erkältung im Kellerloch eines Alkoholikers aufwärmen, der jede Selbstachtung verloren hat, und ein Loddel, der Minderjährige als sein neuestes Geschäftsmodell entdeckt hat: Das sind die Zutaten dieser Episode, die es bundesdeutschen Fernsehzuschauern anno 1973 erlaubte, sich davon zu vergewissern, wie gut sie es selbst hatten, und sich nebenbei von Reineckers Elendstourismus einen wohligen Schauer über den Rücken jagen zu lassen. Vieles hier wärmte Reinecker später bei DERRICK wieder auf, am prominentesten sicherlich den Coup, Behrendt als Säufer im Endstadium zu besetzen. Die Folge ist nicht so spannend und ihr Highlight ist Brenner als schmieriger Zuhälter.

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Episode 63: Sonderbare Vorfälle im Hause von Professor S. (Wolfgang Becker, Deutschland 1973)

Die Haushälterin von Professor Steger (Hans Caninenberg) wird von einem Einbrecher umgebracht: Anstatt die Flucht zu ergreifen, legt er die Leiche in ihr Bett und macht es sich anschließend gemütlich. Er hört Musik, liest, macht sich sogar etwas zu essen. Der Professor, ein Psychiater, verdächtigt seinen Sohn Alfred (Matthieu Carriére), der einst selbst in Behandlung war, und verwischt deshalb alle Spuren. Doch dann gibt es einen ganz ähnlichen, zweiten Fall im Haus des Malers Erdmann (Günther Ungeheuer).

Ein Psychothriller! Die interessante Folge mit tragischer Auflösung bietet Carriére in seiner Paraderolle als aufmüpfig-arroganter, kalter Schnösel, den er eigentlich sein ganzes Leben lang spielte. Margarethe von Trotta bleibt lange im Hintergrund, was zwar die Überraschung am Ende vergrößert, aber hinsichtlich ihrer Figur Potenzial verschenkt. Dazu läuft Lobos Nummer-eins-Hit „I’d love you to want me“ in Dauerschleife, bis man sich die Ohren abreißen möchte. Wenn es um Popmusik und Jugendkultur ging, offenbarten sich Reinecker und mit ihm seine Produzenten meist als völlig Ahnungslose. Nun gut, Lobos Ohrwurm, der auch in den USA zum Hit avancierte, fand reißenden Absatz und dürfte auch bei Teenies für Verzückung gesorgt haben, aber dass die Platte im Haushalt eines Akademikers wie Steger Einzug hält, halte ich für einigermaßen unwahrscheinlich.

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Episode 64: Ein Mädchen nachts auf der Straße (Theodor Grädler, Deutschland 1973)

Die Studentin Inge Sobach (Uschi Glas) wird erwürgt in ihrer Wohnung aufgefunden. In dem erfolgreichen Unternehmer Harald Bergmann (Curd Jürgens) hatte sie einen wohlmeinenden Gönner – und einen Geliebten? Der Mann berichtet Keller, wie er Inge kennen lernte und welche Beziehung er zu ihr unterhielt. Brachte er sie um, weil sie sich in seinen Sohn Rolf (Amadeus August) verliebte? War Rolf der Täter, weil er es nicht ertragen konnte, sie mit dem Vater teilen zu müssen? Oder war gar Bergmanns erzürnte Gattin Elvira (Inge Birkmann) die Täterin?

Eine KOMMISSAR-Folge mit Curd Jürgens muss zwangsläufig ein Ereignis sein: Der „normannische Kleiderschrank“ gibt wieder eine seiner berüchtigten Darbietungen als ergriffen-lüsterner Onkel, der mit seiner einzigartig sonoren Stimme über die „Lebensfreude“ und den unbeirrbaren Optimismus des jungen Mädchens schwärmt, alle berechtigten Nachfragen über die möglicherweise sexuelle Natur seiner Bekanntschaft brüsk von sich weist, solche Unterstellungen als bornierte Fantasielosigkeit von Menschen kritisiert, die einfach keinen Einblick in die höheren Weihen wahrer, platonischer Liebe haben. Dass er einräumen muss, die schöne, reine, freudige und optimistische Inge, die seine Tochter sein könnte, dann doch auch mal gefickt zu haben (aber nur einmal!), ist in seinen Augen kein Widerspruch und schon gar nicht irgendwie anrüchig. Es ist ein Fest. Dass die Männer im KOMMISSAR (und auch später bei DERRICK) auffallend oft ganz selbstverständlich deutlich jüngere Geliebte haben, wird kaum hinterfragt – die Tatsache folgt eben ganz logisch aus der gesellschaftlichen Realität der BRD der Siebzigerjahre, in der die Männer die Karrieren hatten und sich dann jüngere, „repräsentative“ Frauen nahmen, die vom Wohlstand des Gatten schließlich nur profitierten – und mit denen sich vor den Geschäftsfreunden gut protzen ließ. Curd Jürgens führt die Denke, die hinter solchen Beziehungen steht, gnadenlos vor – gerade weil er sich so unreflektiert in seine Rolle wirft, die sich von seiner Lebensrealität wahrscheinlich kaum unterschied. Auch im echten Leben angelte er sich mit Vorliebe deutlich jüngere Mädchen, die seine müden Knochen mit ihrer „Lebensfreude“ munter machten und im Gegenzug in den Genuss seines luxuriösen Lebensstils und natürlich seiner großen Weisheit als Künstler kamen. Uschi Glas macht mit beim schmierigen Spiel, versieht ihre Inge mit großäugiger, reichlich naiver Unbedarftheit und Offenheit, und verleiht dem geilen alten Bock damit mehr oder weniger die Carte blanche. Wahnsinn.

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Episode 65: Sommerpension (Jürgen Goslar, Deutschland 1973)

Im Moor wird ein Toter neben seinem im Schlamm stecken gebliebenen Wagen aufgefunden. Ganz in der Nähe befindet sich die abgelegene Pension von Amalie Schöndorf (Marianne Hoppe), die ihre Zimmer an einige Rentner vermietet. Ihre Tochter Barbie (Gerlinde Döberl) hat ein lahmes Bein, seit die Mama sie zusammen mit ihrer Haushälterin Paula (Bruni Löbel) über den Haufen fuhr – und ihr so das Leben und die Tour bei den Männern vermasselte: Eigentlich hatte der Gasthof-Besitzer Schuster (Götz George) die Barbie schon als Ehefrau in spe auserkoren – bis er das Hinkebein zu sehen bekam. Aber was hat der Tote mit dieser Geschichte zu tun?

German Gothic mit komischen Untertönen, die vor allem auf das Konto der Rentner gehen, die Beweisstücke einsacken, sich über erkaltete Suppe beschweren, Keller zum Baden im Moorsee einladen und natürlich beim Mordfall schön die Klappe halten, weil sie nichts lieber wollen, als dass die brave Barbie endlich den Mann bekommt, der ihr zusteht. Götz George hat einen ca. drei Meter breiten Schnurrbart, aber ansonsten kaum mehr als einen ausgedehnten Gastauftritt, der ihn deutlich unterfordert. KOMMISSAR- und DERRICK-Profis sortieren die Folge als eines von mehreren Beispielen ein, in denen Menschen mit Behinderung äußerst schlecht wegkommen. Ob das nur Reineckers Sicht widerspiegelt oder sie damals dem bundesdeutschen Status quo entsprach, kann ich nicht befriedigend beantworten. Fest steht, dass Barbie durch ihre Behinderung „damaged goods“ ist, völlig unvermittelbar auf dem Ehemarkt. Der eben noch bis über beide Ohren verliebte Schuster schaut auf einmal drein, als habe ihm jemand kräftig in die Suppe gerotzt, als er das Humpeln der jungen Frau erblickt, und das Drehbuch gibt ihm mehr oder minder Recht: Was will ein Gastwirt auch mit einer lahmen Frau, die kann ja weder Gäste bedienen noch Bierfässer schleppen! Dann doch lieber gar keine Gattin! Es ist zum Verrücktwerden.

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Episode 66: Herr und Frau Brandes (Leopold Lindberg, Deutschland 1973)

Die Malerin – was hat Reinecker nur ständig mit Malern? – Gerda Brandes (Agnes Fink) hat soeben Besuch von einem ihrer Kunden, da zerreißt ein Schuss im nahegelegenen Wald die Stille. Wenig später wird ein Toter gefunden, ein junger Mann, der Frau Brandes Modell stand und außerdem ein Verhältnis mit ihr hatte. Der Verdacht fällt natürlich sofort auf ihren Mann Wolfgang (Bernhard Wicki), der von der Affäre weiß – und nach einem Tag des Nachdenkens auch ein Alibi hat, das ihm Ursula Becker (Gisela Stein) gibt, die Erzieherin des geistig behinderten Sohnes Ulrich (Andreas Seyferth), mit der wiederum er sich über die Entfremdung der Ehefrau hinwegtröstet. Dann malt der Junge ein Gewehr.

Zerrüttete Ehen, eines der Leib- und Magenthemen Reineckers. Die Überraschungen halten sich in Grenzen, die Episode lebt ganz von dem Zusammenspiel von Fink und Wicki, die auch im echten Leben verheiratet waren. Wicki beim Rauchen zuzuschauen, ist allein schon ein Fest und die Stimme der Fink, die sie unter anderem Katharine Hepburn und Ellen Burstyn lieh, lässt einen in Ehrfurcht erzittern. Auf der anderen Seite haben wir mit Ulrich wieder ein Beispiel für die erbarmungswürdige Darstellung von Menschen mit Behinderung. Nicht nur, dass der Junge als komplett schwachsinnig dargestellt wird, er wird auch von keiner der ihn umgebenden Personen als auch nur annähernd gleichwertig und zurechnungsfähig behandelt. Das ist aus heutiger Sicht einfach nur erschütternd.

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Episode 67: Tod eines Buchhändlers (Theodor Grädler, Deutschland 1973)

An einem Sonntagmorgen wird der Dorf-Buchhändler Kapp (Werner Bruhns) ersoffen am Ufer der Isar aufgefunden, unweit seines Autos. Im Ort scheint man sich sicher zu sein, dass der Tod Folge eines Unfalls ist, denn jeder weiß, dass Kapp sich samstags gepflegt einen hinter die Binde zu gießen pflegte – nur um danach seine schöne Gattin Herta (Judy Winter) zu verdreschen. Weil aber einige Indizien auf Fremdeinwirkung schließen lassen, nehmen Kommissar Keller und seine „Jungs“ die Ermittlungen auf. Die führen sie schnell zu Kapps Azubi Roland Beyfuss (Pierre Franckh): Der konnte es nicht ertragen, das Leid der Gattin seines Chefs mitanzusehen, denn er schwärmte für die junge Frau.

Wenn mich nicht alles täuscht, beginnt hier die lange Tradition Münchener Krimis mit Pierre Franckh in der Rolle des gutmütigen, treudoofen und schlappschwänzigen Pechvogels. Wer ihn wie ich bereits in Dutzenden von DERRICK-Episoden in Variationen dieses Typus gesehen hat, für den hält sich die finale „Überraschung“ ziemlich in Grenzen. Wobei „Tod eines Buchhändlers“ generell zu den eher vorhersehbaren Folgen des umfangreichen Reinecker’schen Schaffens gehört. Interessant ist sie vor allem hinsichtlich ihrer Haltung zu ehelicher Gewalt: Zwar wird der Gattinnenverprügler Kapp ziemlich deutlich als Unsympath gezeichnet, sein Handeln zudem noch dadurch verschlimmert, dass seine Fäuste die göttliche Judy WInter treffen, die damals wirklich zum Niederknien schön war, aber es ist dennoch auffällig, dass sich Reinecker eine eindeutige, explizite Bewertung verkneift. Keller äußert sich nie zu Kapps Entgleisungen, auch die Aussagen der Nebenfiguren in Richtung „Was andere Leute tun, geht uns nichts an“ bleiben unwidersprochen und am Ende wird der geschundenen Ehefrau gar der schwarze Peter zugeschoben, weil sie dem jungen Roland solche Flausen in den Kopf gesetzt hat. Problematisch, aber faszinierend.

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Episode 68: Domanns Mörder (Wolfgang Becker, Deutschland 1974)

Ernst Faber (Erich Schellow) und sein Sohn Ulrich (Peter Chatel) finden in der Familienvilla den toten Domann (Michael Maien) auf – und fangen sofort an, wilde Pläne zu schmieden und Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen, damit die Polizei bloß niemanden verdächtigt. Weder Mutter Gerda (Gisela Uhlen) noch Tochter Hannelore (Gitty Djamal), Hausmädchen Luise (Gustl Halenke) oder die junge Irmi (Irina Wanka) sind da – was auch ein bisschen das Problem der Familie ist, deren Mitglieder alle ihre eigenen Wege gehen, ohne sich groß um die anderen zu kümmern. Die Mitglieder sind sicher, dass einer aus ihrer Mitte der Mörder ist, aber wer, warum und wieso, interessiert sie nicht. Hauptsache, sie gehen straffrei aus.

„Kann denn nicht endlich mal jemand an die Kinder denken!?“, pflegte Ned Flanders‘ Ehefrau bei den SIMPSONS auszurufen. Ihr Flehen könnte auch diese Episode überschreiben, in der Reinecker zeigt, wie die Eitelkeiten der Erwachsenen unsere süßen Kinderlein ins Unglück stürzen. Irina Wanka, die die nahezu stumme Irmi spielt, blieb dem Rollenbild, das sie hier im zarten Alter von 12 zeigte, auch in den folgenden zwei Jahrzehnten bei unzähligen DERRICK-Auftritten treu. Immer spielte sie den Unschuldsengel reinen Herzens, der durch das amoralische Treiben der Sünder um sich herum in tiefste Abgründe gestoßen wurde. Das ist ein fetter Spoiler, ich weiß, aber mehr als die Frage nach dem Täter interessiert in „Domanns Mörder“ die Sezierung großbürgerlicher Arroganz, die Reinecker mit blitzendem Skalpell vornimmt. Vor allem Erich Schellow ist großartig als Patriarch, dem der Gedanke, es mit der Wahrheit zu halten, nicht im Entferntesten in den Sinn kommt.

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Episode 69: Ein Anteil am Leben (Ullrich Haupt, Deutschland 1974)

Die Kellnerin Alma (Heidi Stroh) wird in ihrer Wohnung von ihrer männlichen Begleitung brutal erstochen. Ihre Arbeitskollegin, die Putzfrau Anna Bergmann (Käthe Gold), die bei Alma im Flur schlafen darf, weil sie ihre Wohnung verlor, überrascht den Mörder und lässt sich ihr Schweigen gut bezahlen. Keller ahnt, dass die Frau etwas weiß – und dass der Täter aus dem Kreise gut betuchter Münchener Geschäftsleute und Politiker stammen muss, die Alma jeden Freitag bediente. Keller versammelt die Männer im Brauhaus, doch die wissen, dass er ihnen nichts nachweisen kann.

Das Setting der verschworenen männlichen Saufgemeinschaft, die die mangelnde sexuelle Bereitschaft einer jungen Frau drastisch bestraft, griff Reinecker auch später bei DERRICK noch einige Male auf. Hier verbindet er es mit einer seiner Betrachtungen zur Einsamkeit im Alter. „Ein Anteil am Leben“ ist kein Highlight der Serie, was mehrere Gründe hat: Die ganze Prämisse wirkt überkonstruiert, das Verhalten der alten Dame unglaubwürdig und übertrieben, die Auflösung gegenüber dem Aufbau dann übereilt und zu allem Überfluss spielt auch noch Dieter Schidor mit, der einfach immer fehlbesetzt ist. So wird dann auch die Tragik von Anna Bergmanns Schicksal zunichte gemacht. Es ist schon bitter: Es muss erst jemand umgebracht werden, damit sie ein einziges Mal das Leben aus vollen Zügen genießen kann.

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Episode 70: Die Nacht mit Lansky (Erik Ode, Deutschland 1974)

Kommissar Keller und die „Jungs“ sind zum monatlichen Abendessen bei Heimes‘ Mutter (Ruth Hausmeister) eingeladen, als sie von der Nachbarin Frau Lansky (Heli Finkenzeller) um Hilfe gebeten werden: Ihr Ehemann Heinz (René Deltgen), ein Handelsvertreter, verhalte sich seltsam, sei abwesend und völlig außer sich. Doch der ältere Herr besteht darauf, dass alles in Ordnung sei und schickt die Kriminalbeamten wieder weg: Verdutzt bemerken diese aber Blutflecken an den Händen, den Koffern und am Steuerrad des Wagens des Mannes.

Reinecker sinniert mal wieder über das Alter, darüber wie Menschen irgendwann aufs Abstellgleis geschoben werden und dann dazu gezwungen sind, irgendwie weiterzumachen. In der fest gefügten Ordnung der Siebzigerjahre sind es natürlich vor allem die Männer, die dieses Schicksal trifft. Darauf gedrillt, als Versorger ihrer Familien zu wirken, fühlen sie sich plötzlich nutzlos und impotent. (Das Schicksal der Frauen ist es hingegen, ab einem gewissen Alter von ihren Männern sitzen oder links liegen gelassen zu werden: Auch das haben wir beim KOMMISSAR schon häufiger gesehen.) Im Falle des armen Lansky geht die Verzweiflung so weit, dass er der Familie ein ganzes Jahr lang eine Berufstätigkeit vorgaukelt, montags das Haus verlässt, in sein Auto steigt und dann am Freitag zurückkehrt. Die Tage füllt er mit Einbrüchen bei seinen ehemaligen Kunden, die das nötige Geld bringen und sicherstellen, dass er seine Fassade als Versorger zu Hause aufrechterhalten kann. Bis sein Nachfolger Kessler (Eckart Dux) ihm auf die Schliche kommt. Die Episode ist zermürbend, auch weil sie ziemlich lang auf der Stelle tritt. Keller und Kollegen wissen, dass Lansky etwas verbrochen hat, aber sie haben auch keinen echten Grund, gegen ihn vorzugehen – schließlich scheint es noch gar kein Opfer zu geben. Und alle Versuche, den Mann zum Rede zu bringen, scheitern – bis er dann schließlich doch irgendwann einbricht und seine Geschichte erzählt, die dem Zuschauer dann in Rückblenden serviert wird. Ich bin etwas unentschlossen: Deltgen ist toll, die Episode unendlich traurig, aber ihr Ende ist eben auch recht vorhersehbar.

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Episode 71: Spur von kleinen Füßen (Theodor Grädler, Deutschland 1974)

Ein junges Mädchen (Sabine Sinjen) wird erschossen und dann von einer Brücke geworfen. Sie war vor einem Jahr vom Land nach München gekommen und die lange Galerie ihrer Verehrer führte sie schließlich ins Drogenmilieu.

Die Episode, in der mehrfach die auffallend „kleinen Füße“ des Opfers angesprochen werden, ohne dass das eine echte Bedeutung hätte (Sabine Sinjens Füße sind darüber hinaus keineswegs besonders klein: Fehlbesetzung!), ist mal wieder eines der gruseligen Beispiele für Frauenmystifizierung und Altherrenerotik. Wie schon Uschi Glas in der Episode „Ein Mädchen nachts auf der Straße“ ist auch Sinjen hier das Objekt der haltlosen Idealisierung diverser Männer, die schon ans Pathologische grenzt. Reinecker lässt seine diversen Männertypen von der „reinen Lebenslust“ und einer „verdinglichten Erfahrung“, die das Zauberwesen verkörpere, fabulieren, dabei mit verträumtem Blick ins Leere starren, als könnten sie dort Einhörner beim Kopulieren sehen. Sinjen weiß mit diesem Quatsch offensichtlich gar nichts anzufangen und interpretiert die zarte Elfe als ständig enthusiasmiert grinsende, herumrennende oder wild hüpfende Kindfrau, die jedem Menschen bereits nach kürzester Zeit fürchterlich auf die Nerven fallen würde. Wie eine Biene fliegt sie von einem Mann zum anderen, weil die pure Lebenslust und Neugier sie antreibt. Zurück bleiben Peter Ehrlich als ihr mit seiner verdörrten Schwester zusammenlebender Chef, Martin Lüttge als junger Fotograf, Udo Vioff als eleganter, der Mama (Alice Treff) höriger Drogenhändler und Christian Reiner als Junkie. Keiner ist in der Lage, dieser Nymphe dauerhaft zu geben, was sie braucht. Und es ist klar, dass das nur mit dem Tode enden kann. Die Besetzung der Folge ist natürlich unfuckwithable, zumal auch noch der stets mürrische Günther Neutze als mies gelaunter Kneipenwirt mitmischt. In einer sehr rätselhaften Szene rufen einige junge Partygäste bei einem Telefonseelsorge an, um sich über den Selbstmordversuch eines anwesenden Freundes lustig zu machen. Jesus, what is it with these people?!

Wichtig ist die Folge aber noch aus einem anderen Grund: Es ist die letzte Episode mit Fritz Wepper als Harry Klein: Er wird zu Beginn in einer tatsächlich sehr rührenden Szene in die Obhut von Oberinspektor Derrick verabschiedet und präsentiert dann seinen Bruder Erwin (Elmar Wepper) als Nachfolger. Der erntet zwar sofort die Sympathien von Chef Keller (weil er erkennt, dass das Mordopfer auffallend kleine Füße hatte), steht aber im weiteren Verlauf mehrfach wie Falschgeld herum. Mal sehen, wie er sich entwickelt. Das gilt auch für die Serie insgesamt, die Reinecker doch mittlerweile merklich auf Autopilot betreibt.

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Begeben wir uns wieder einmal ins italienische Kino der späten Achtzigerjahre, eine meiner liebsten Spielwiesen. Es liegt zwar jede Menge Hundescheiße und Müll herum, die Menschen, die sich dort tummeln, sind übernächtigt, ungepflegt und auch etwas grob, aber wenn man die Augen zusammenkneift, dann kann man sich vorstellen, wie es in besseren Zeiten mal ausgesehen hat. Das heißt: Die filmischen Konzepte waren in jener Zeit (meist) dürftig, die Budgets karg, die Darsteller mäßig begabt, der Versuch, die Nähe zu den großen amerikanischen Vorbildern vorzutäuschen, wenig erfolgreich, die wachsende Verzweiflung und Resignation der Filmemacher sind greifbar. Aus heutiger Sicht wird die den Filmen eh schon inhärente Tragik noch durch das Wissen um den kurz bevorstehenden, endgültigen Niedergang des italienischen Kinos verstärkt. Aber andererseits gibt es auch jede Menge wildes, fehlgeleitetes und auf seine Weise einzigartiges Zeug zu entdecken, dessen Reizen ich mich nicht ganz verschließen kann, auch wenn mir die Vernunft etwas anderes eingibt.

QUELLA VILLA IN FONDO AL PARCO etwa ist ein furchtbar dämlicher Film, und wenn man bedenkt, dass er den kleinwüchsigen Nelson de la Rosa (später auch in Richard Stanleys/John Frankenheimers legendärem THE ISLAND OF DR. MOREAU an der Seite von Marlon Brando zu sehen), in seinem ersten Filmauftritt als Schreckgespenst und Rattenmonster verheizt, so muss man ihn noch dazu mindestens als „geschmacksunsicher“ bezeichnen. Dass es ein echtes Drehbuch gab, möchte ich in Frage stellen, die nominellen Hauptdarsteller David Warbeck und Janet Agren bekommen rein gar nichts zu tun, nahmen das Engagement wahrscheinlich an, um sich in der Karibik zu sonnen, Spannung kommt auch keine auf. Trotzdem mag ich Carnimeos Film irgendwie: So minderbemittelt er auch ist, ich kann ihm nicht absprechen, dass er eine gewisse Atmosphäre hat, der Score von Stefano Mainetti ist wahrscheinlich das beste an dem Ding und mit einer Spielzeit von unter 80 Minuten ergeht er sich nicht in falschen Ambitionen. Ich bezweifle zwar, dass QUELLA VILLA IN FONDO AL PARCO im Original wirklich „gut“ ist, aber die deutsche Synchro macht alles noch viel blöder, allen voran die heimliche Protagonistin Marilyn, die von der mit „nuttig“ noch zurückhaltend beschriebenen Eva Grimaldi gespielt wird (noch blöder ist nur der Kommissar, der der armen Amerikanerin Terry gleich zweimal eine falsche Leiche als ihre Schwester präsentiert). Wie in vielen italienischen Genrefilmen jener Zeit benehmen sich die Charaktere auch hier wie Außerirdische, Gehirnamputierte oder gehirnamputierte Außerirdische – Grundvoraussetzung dafür, dass ein 70 Zentimeter kleiner Zwerg mit angeklebten Hasenzähnen zur apokalyptischen Bedrohung anwachsen kann, die das abrupte Ende herbeifantasiert, das irgendwie alle diese Filme zu verwenden scheinen.

Carnimeos Absturz ist nicht ganz so heftig wie der seiner Kollegen – er gehörte eher zur zweiten Garde der italienischen Filmemacher und erlebte seine Hochzeit in den Sechzigern, als er etliche Italowestern inszenierte – aber vergleicht man QUELLA VILLA IN FONDO AL PARCO mit dem nur fünf Jahre zuvor entstandenen IL GIUSTIZIERE DELLA STRADA bekommt man doch einen guten Eindruck davon, wie rasant die italienische Filmindustrie zugrunde ging. Sein vorletzter Film ist nicht der allerschlimmste aus jener Zeit und, wie schon erwähnt, mag ich ihn aus mir selbst nicht ganz transparenten Gründen, aber das man eine nahezu 30-jährige Regielaufbahn mit einem Film beenden möchte, in dem Janet Agren einer Kreuzung aus Mensch und Ratte hinterherermittelt, wage ich mal zu bezweifeln.

die-jungen-tiger-von-hongkong„Dieser Film ist hart.“ Das sind die ersten Worte in DIE JUNGEN TIGER VON HONGKONG, gesprochen von einem Voice-over-Kommentator im typischen Duktus der ungefähr zur selben Zeit populären Report-Filme, an deren Erfolg Regisseur Hofbauer ja auch maßgeblich beteiligt war. Es gehe um die orientierungslose Jugend, die Abgründe, in die sie in dieser Orientierungslosigkeit schlittert und natürlich basiere der Film auf „wahren Begebenheiten“, die conditio sine qua non des deutschen Sleazefilms jener Tage.

Werner Pochath ist Walter, ein junger Mann, der noch keine Lust hat, aufs Erwachsen- und Vernüntigsein, der aufs Establishment scheißt, wie er selbst sagt, und schonmal Freunde zum Russisch-Roulette-Spiel nötigt. Mit seiner Clique hängt er im „Schocker-Club“ in Hongkong rum, heckt krumme Dinger und gefährliche Streiche aus. Zur Gang gehört auch Carl van Dreegen (Jochen Busse), Sohn eines erfolgreichen Geschäftsmanns, der nebenbei einen Mädchenhandelring organisiert und dem die Schocker-Gang, ohne es zu wissen, in die Quere kommt. Zwischen den Fronten agiert der schlagkräftige Testpilot Burt (Robert Woods), der auf der Suche nach seiner Frau ist, die ebenfalls von Dreegen in die Hände fiel …

Ach, was hätte das für ein Kracher werden können. Der Auftakt ist schön, vor allem wenn Pochath mit seiner unglaublichen Frisur auftritt und den dicken Max markiert. Leider hält die Freude aber nicht lang vor, denn recht schnell versandet DIE JUNGEN TIGER VON HONGKONG in der totalen Beliebigkeit austauschbarer Keilereien, Verfolgungsjagden und Tanzszenen. Hofbauer, der sich eigentlich wie kein zweiter darauf verstand, auf die Tube zu drücken und sich inszenatorisch von den ihm als Vorlage dienenden Pro-forma-Drehbüchern zu emanzipieren, kämpft auf verlorenem Posten oder hatte einfach keinen Bock. Er reiht sich mit seinem Film ein in die eh nicht so pralle Tradition der Wolf C. Hartwig’schen „Hongkong-Reißer“, die allesamt kaum über biederen Durchschnitt hinwegkamen, egal ob sie nun DAS MÄDCHEN VON HONGKONG, HEISSER HAFEN HONGKONG, EIN SARG AUS HONGKONG oder WEISSE FRACHT FÜR HONGKONG hießen. Hier ist die Enttäuschung angesichts der erhöhten Erwartungshaltung aber deutlich größer. Es fehlen einfach die absurden Details, die Over-the-Topness, die DIE JUNGEN TIGER VON HONGKONG zur Sleazegranate gebraucht hätte. Der Film sitzt zwischen den Stühlen, liebäugelt einerseits mit praller Exploitation, steht aber mit einem Fuß noch in der staubigen Abenteuerfilm-Tradition der Sechziger und sich somit ständig selbst im Weg. Der Handlungsverlauf ist unnötig kompliziert, Robert Woods als kerniger Held einfach langweilig, die coolen Kids vom Schockerclub verschwinden in der zweiten Hälfte fast völlig von der Bildfläche und einen richtig fiesen Schurken vermisst man genauso wie den feisten Exzess. Selbst Hongkong gibt als Kulisse seltsamerweise nichts her. Aber vielleicht wäre ich auch weniger enttäuscht, wenn die Filmjuwelen-DVD nicht mal wieder ein besonders trauriges Exemplar für einen lieblos hingerotzten Release wäre. Wenn nicht mal die Farben reinknallen …

Francos zweiter Kannibalenfilm nach dem drögen MONDO CANNIBALE ist doch von etwas anderem Holz geschnitzt. Das mag dem „normalen“ Genrefan, der sich dieses Werk in der Hoffnung einer geschmacklosen Splatteroper einfährt und sich erneut königlich langweilt, zwar nicht auffallen, doch der Francophile findet hier ohne Zweifel mehr von dem, was ihm in den Filmen des Spaniers das Herz erwärmt. Die ersten zwanzig Minuten geben die Richtung vor: Da wird die Verfolgung einer nackten Frau durch diverse Eingeborene mit dem provokanten Lustwandeln des leichtbekleideten Hollywood-Stars Laura Crawford (Ursula Buchfellner) parallelmontiert, das archaische Treiben im Busch durch eine quasiindustriell anmutende Kakophonie aus verzerrtem und mit Hall belegtem Grollen und Brüllen unterlegt. Ich wähnte mich schon in einem ultrasleazigen Experimental- oder Avantgardefilm, woran auch die eher unterdurchschnittliche Qualität der niedrigauflösenden Videodatei ihren Anteil hatte, die mir vorlag. Gerade in den dunklen Szenen verwandelte sich das Bild in ein beunruhigendes Rauschen amorpher Pixelwolken verschiedener Grauschattierungen, das in Verbindung mit dem ohrenbetäubenden Soundtrack eine durchaus verstörende Qualität annahm. Dafür kann natürlich Franco nichts, aber dies passte  auch zur äußeren Form von EL CANIBAL – herrlicher deutscher Titel siehe links -, der trotz seiner erneut pulpigen Abenteuergeschichte einen fast schon parabelhaften Charakter hat. Nur was einem diese Parabel sagen soll, ist nicht so ganz klar.

Es ist vor allem diese seltsame Aufgeräumtheit, die Francos Filme oft auszeichnet, die auch EL CANIBAL gegen jede Vernunft zum Funktionieren verhilft. Völlig egal, dass da wieder mal Einiges nicht wirklich passt, die Kannibalen gar nicht so unzivilisiert aussehen, ihr primitives Dörfchen an einen vor Jahren verlassenen und nun halbverfallenen und zugewachsenen Ableger des Robinson Clubs erinnert, die wild bewachsene, bergige und mit Steilküsten versehene Insel, auf der der Film spielen soll, von oben aus dem Helikopter betrachtet nur ein kleiner Grasfleck ist, die Entführer, die den Superstar Crawford entführen, reichlich bescheuert sind und die „Effekte“ besonders ramschig. Franco geht es ja nicht um Realismus, sondern um eine ganz basale Schauermär von stellenweise nackter Penetranz und bauchiger Archaik. Besonders geil in dieser Hinsicht ist das Finale, in dem der Held, der toughe Vietnamveteran Peter Weston (Al Cliver), dem glubschäugigen Oberkannibalen auf eine Klippe hinterherklettert, um sich vor strahlend blauem Himmel mit ihm das letzte Gefecht zu liefern. Da meint man, Franco habe sich am Kampf Odysseus‘ gegen den Polyphem orientiert. Überhaupt dieser Kannibale: Franco inszeniert ihn als geisterhafte Naturgewalt, die unaufhaltsam durch den Urwald stapft, immer wieder eingefangen in Totalen, in denen er im Zentrum des wuchernden Wildwuchses steht und eine ziemlich imposante Figur abgibt. Das hat was. Erklärt wird dann auch rein gar nichts und wenn alle Handlungsfäden nach episch anmutenden 100 Minuten aufgerollt sind, hält sich Franco auch nicht lang mit einem überflüssigen Epilog auf. Klappe zu, Affe tot. Es ist schon beeindruckend, wie alle Spurenelemente des Menschlichen aus diesem Film getilgt wurden, er trotz seiner recht namhaften Besetzung so ganz und gar unreflektiert und apriorisch wirkt. Wie die Crawford einem Interviewer gesteht: „I have no opinion of men. I just love them.“

Vor etwa drei Jahren legte die „Edition Deutsche Vita“ aus dem Hause Subkultur mit drei Filmen – ZINKSÄRGE FÜR DIE GOLDJUNGEN, WENN ES NACHT WIRD AUF DER REEPERBAHN und FLUCHTWEG ST. PAULI – einen ziemlich fulminanten Start hin. Vor Kurzem wurde die Reihe dann endlich fortgesetzt mit Roger Fritz‘ MÄDCHEN MIT GEWALT (den ich mir noch anschauen muss), jetzt steht DIE ENGEL VON ST. PAULI in den Startlöchern, wie die ZINKSÄRGE vom St.-Pauli- und Crime-Experten Jürgen Roland inszeniert. Für mich eine ganz besondere Veröffentlichung, weil ich meinen ersten Audiokommentar beisteuern darf – zusammen mit dem berüchtigten Pelle Felsch aus dem wunderschönen Hagen. Um nicht zu viel vorzugreifen, aber gleichzeitig das Interesse zu wecken, möchte ich mich hier auf das Wesentliche beschränken. Wer sich für den deutschen psychotronischen Film interessiert und für sauber gemachtes Crime-Kino, für den führt an der Veröffentlichung eh kein Weg vorbei.

Jürgen Roland, der sich im „Milieu“ exzellent auskannte und dessen Serie STAHLNETZ im deutschen Fernsehen Maßstäbe in Sachen Realismus setzte (zuvor hatte er u. a. Drehbücher für die ähnlich angelegte Serie DER POLIZEIBERICHT MELDET … geschrieben), ließ sich für DIE ENGEL VON ST. PAULI von realen Begebenheiten inspirieren, die jedem, der damal in Hamburg und St. Pauli lebte, ein Begriff sein mussten. Dabei ging es ihm aber nicht so sehr darum, die Realität lediglich abzubilden, sondern sich ihr gerade so weit anzunähern, dass die Plausibilität ebenso gewahrt blieb wie das ursprüngliche Bedürfnis, dem Zuschauer 90 Minuten spannende Unterhaltung zu bieten. Die im Film geschilderten Ereignisse datieren auf die mittleren Sechzigerjahre, als ein Bandenkrieg zwischen Hamburger und sich im Kiez ausbreitenden Wiener Luden um die Vorherrschaft im Gewerbe ausbrach. Die beiden Konfliktparteien werden im Film angeführt von Jule Nickels (Horst Frank), einem Hamburger Gentleman-Gangster, und dem Österreicher Holleck (Herbert Fux). Ihre Auseinandersetzungen eskalieren, als ein Freier (Werner Pochath) eine Dirne ersticht und untertaucht.

Wie eigentlich alle Filme von Roland (seine Beiträge zur Wallace-Reihe, DER ROTE KREIS und DER GRÜNE BOGENSCHÜTZE mal ausgenommen) zeichnet sich auch DIE ENGEL VON ST. PAULI durch die überaus gelungene, schmackhaft präsentierte Verbindung dieser oben erwähnten Authentizität und sensationalistischem Thrill aus. An Originalschauplätzen mit echten Charakterfressen gedreht, atmet der Film diese einmalige, unnachahmliche St.-Pauli-Atmosphäre, die es heute in dieser Form kaum noch gibt, hat man bei den einmaligen Dialogen immer das Gefühl, Szene-O-Ton zu vernehmen. Man erhält so Einblick in ein vollkommen abgeschottetes Universum, dessen Bewohner einem ganz eigenen Wertekodex folgen, in ein lebendiges Sub-System mit einer florierenden Infrastruktur, das neben der „normalen Welt“ etabliert wurde. Roland zeichnet dieses System durchaus mit Sympathie, man merkt ihm an, dass er für den Geschäftssinn seines Protagonisten großen Respekt aufbringt – ebenso übrigens für den ermittelnden Kommissar Berlinger (Günther Neutze), der nicht einfach mit der sprichwörtlichen „harten Hand“ vorgehen kann, sondern diplomatisches Geschick im Umgang mit dem Milieu an den Tag legen muss. Der Kampf zwischen dem Gesetz und dem Verbrechen ist auf St. Pauli eben kein Ausnahmezustand, sondern der Alltag. Es geht allen darum, den fragilen Frieden zu halten, auf dass das Leben in halbwegs geregelten Bahnen verlaufen kann. Und wenn eine der Dirnen ums Leben kommt, dann werden beide Seiten in Alarmbereitschaft versetzt.

DIE ENGEL VON ST. PAULI war in den letzten Jahren, anders als andere St.-Pauli-Filme aus dem Schaffen Rolands oder auch Rolf Olsens, nur schwer ausfindig zu machen. Auf Wikipedia gibt es noch keinen Link zu dem Film, es hat sich aber auch kein Kult um ihn firmiert, wie das bei anderen Raritäten oft der Fall ist. Umso größer wird sicherlich die Überraschung sein, wenn viele ihn demnächst zum ersten Mal sehen. Es ist Rolands gelungener Versuch eines großen Gangsterfilms, mit den Vorbildern aus Übersee im Hinterkopf, aber intaktem norddeutschem Selbstbewusstsein und -verständnis inszeniert. Leider traut sich heute kaum noch einer, so etwas zu machen.

Michael Gold (Brandon Lee) wird vom CIA in einen von den Sowjets geführten fiktiven afrikanischen Staat geschickt, um den dort arbeitenden Wissenschaftler Prof. Braun (Ernest Borgnine) abzuwerben. Zunächst kommt ihm jedoch der Auftraggeber Brauns, der schurkische Eckhard (Werner Pochath), in die Quere und sorgt für Golds Inhaftierung. Der kann zwar fliehen, doch Braun ist erst einmal verschwunden: Gold wird zurückgeschickt und erhält den Auftrag, den Forscher gemeinsam mit Brauns Tochter Alissa (Debi Monahan) ausfindig zu machen …

They don’t make ‚em like this anymore und seriöse Filmfreunde könnten dies ausnahmsweise durchaus als Zeichen einer positiven Entwicklung betrachten. Selbst wenn man wie ich ein problematisches Verhältnis zum Begriff „Trash“ hat, fallen nur wenig Gründe ein, warum man Beau Davis‘ Film nicht mit diesem Label versehen sollte: Die Geschichte ist wirklich haarsträubend blöd und Gleiches gilt für die Dialoge, die deutlichster Ausdruck des gescheiterten Bemühens sind, mit LASER MISSION ein Rundum-Sorglos-Paket in Sachen großes Entertainment beim Zuschauer abzuliefern. Hinter jeder Ecke lauert entweder ein Statist, den es umzunieten gilt, oder aber ein flacher Wortwitz und das Ganze ist filmisch so unbedarft und so sehr in seiner Zeit verhaftet, dass es heute schwerfällt, sich die Welt vorzustellen, in der LASER MISSION produziert werden konnte. Ein Film, der wieder mal auf den bösen Kommies rumhackt, mag zwar ein unpassender Anlass für die Feststellung sein, dass die späten Achtzigerjahre irgendwie eine unschuldigere Zeit waren, aber heute wäre ein solches der Fantasie eines Achtjährigen entsprungenen und mit dessen Gemüt inszenierten Werks absolut undenkbar. Dazu kommen dieser künstliche Look und der Jahrmarktscharakter des Films, dessen Macher sich seiner narrativen und technischen Unzulänglichkeiten offensichtlich völlig unbewusst war: Der Wille zählt. So darf Debi Monahan, die aussieht, als sei sie beim Casting von DREI DAMEN VOM GRILL gegen die attraktivere Brigitte Mira ausgeschieden, hier das heiße Love Interest von Brandon Lee geben, der es zwar wie ein Profi nahm, aber bis zu seinem Tod wahrscheinlich jede Nacht schreiend aus Albträumen erwachte, iund dann dem Himmel auf Knien für seine Hollywoodkarriere dankte, die ihn vor solchen Härtetests bewahrte.

Auch sonst gibt es einiges zu bestaunen, beklatschen und belachen: Der Titelsong namens „Mercenary Man“ ist genau jene Art von AOR-Softrock mit treibendem Beat und Reibeisenstimme, die ich heute schmerzlich vermisse, der afrikanische Staat gönnt sich neben den sowjetrussischen Besatzern die Amtssprache Spanisch (?) und die obligatorische Liebesszene zwischen den Protagonisten wird erzählerisch sinnvoll direkt nach einem tagelangen Fußmarsch durch die Wüste platziert. Die Comic Reliefs Pierre Knoessen und Maureen Lahoud sind besonders sinnlos und unwitzig, dafür rührt das Finale, in dem alle nochmal freudestrahlend vereint werden, fast zu Tränen (NOT!). Wer den Film sehen möchte, sollte die deutsche Fassung meiden: Die verfügt zwar über eine das Geschehen angemessen dämlich unterstützende Synchro, unterschlägt dafür aber auch ein paar Gewaltspitzen, darunter auch den Tod des Oberbösewichts Eckhard. Vielleicht hat sich Pochath aber auch einfach nur vom Acker gemacht, bevor man sein Ende drehen konnte …

Ein Nachtzug in die Schweiz wird mit lauter furchtbaren Vertretern der Gattung Mensch vollgeladen, von denen drei junge hedonistische Designerproleten sich als noch einen Tick asozialer erweisen als der Rest und sich sogleich daran machen, den Rest zu terrorisieren – so er denn männlich ist – oder zu vergewaltigen – so er weiblich ist. In dem Waggon, in dem eine Edelprostituierte (Silvia Dionisio) das Objekt der Begierde für drei Testosteronprotze darstellt, herrscht Anarchie, bis sich schließlich ein Häftling den Unholden entgegenstellt …

Ferdinando Baldis Sleazereduktion von Aldo Lados L’ULTIMO TRENO DELLA NOTTE – seinerseits wiederum eine italienisch-gallige Annäherung an Cravens LAST HOUSE ON THE LEFT – mit analytischem Werkzeug zu begegnen, würde bedeuten, sie etwas zu ernst zu nehmen. Muss man den beiden genannten Filmemachern ohne Zweifel unterstellen, mit ihrer schmerzhaften Kritik genau ins Schwarze getroffen und unangenehme Wahrheiten über die Scheinheiligkeit des Bürgertums enthüllt zu haben, so begnügt sich Baldi damit, die erfolgreiche Blaupause für ein saftiges Exploitationstück zu instrumentieren. Aber wem erzähle ich etwas: Der Film heißt auf Deutsch HORROR-SEX IM NACHTEXPRESS. Wer sich an der Zurschaustellung von Niedertracht um der Niedertracht willen delektieren kann, wird hier also definitiv fündig, wenn man auch sagen muss, dass Baldi mit angezogener Handbremse operiert, der Film immer im Rahmen dessen bleibt, was man damals zeigen konnte. Das ist ja das eigentlich Abgeschmackte, Skandalöse an diesen und vergleichbaren Filmen: Sie setzen zwar auf Sex und Gewalt, aber es darf auch nicht wirklich wehtun. Feministen werden jedenfalls ihre helle Freude an einer Vergewaltigungsszene haben, die das Opfer mit auffallender Bereitwilligkeit über sich ergehen lässt. Aber dieses opportunistische Manövrieren zwischen der Befriedigung der Schaulust einerseits und dem Einhalten der nicht ausgesprochenen Übereinkunft, innerhalb „sicherer“ Grenzen zu verbleiben, macht ja auch den Reiz solcher Filme aus.

LA RAGAZZA DEL VAGONE LETTO bedient schon mit seinem Personeninventar jedes gängige Vorurteil des Bild-Zeitungs-Lesers: Da gibt es das sich ständig streitende Ehepaar bestehend aus der jungen, attraktiven Frau (Zora Kerova) und dem älteren, eifersüchtigen Mann (Venantino Venantini), den bonzigen Politiker, der sich von seinem Adlatus Pornohefte am Bahnhofskiosk kaufen lässt und bei der ersten Gelegenheit mit der Edelnutte ins Bett hüpft, und schließlich die Kleinfamilie, deren Vater es auf die schnuckelige Tochter abgesehen hat. Ein gefundenes Fressen für die drei Proleten, die in den anwesenden Männern bald schon willige Komplizen für ihre Schandtaten finden, während die Frauen um ihre körperliche Unversehrtheit fürchten müssen. Der letzte Satz deutet es schon an: In diesem durchweg krachigen Sleazehaufen verbirgt sich irgendwo ein Film, der den Konflikt aus den weiter oben genannten Vorbildern entlang der Gender- statt der Klassengrenzen austrägt, doch Baldi hat sich mit weniger zufrieden gegeben. Die stärkste Szene des Films illustriert lustigerweise auch seinen generellen Makel: Als ein Rentner, der seine schwerkranke Ehefrau im Zug transportiert, um Hilfe bittet, wird er von dem zynischen Politiker grob abgefertigt. Das lässt dessen Assistenten, einem rückgratlosen Ja-Sager, endlich den Kragen platzen. Doch sein Wutanfall, seine Konfrontation des Chefs, mutet aller benutzten Schimpfworte zum Trotz seltsam zahnlos an. Am Ende kassiert er die Entlassung und setzt sich etwas ratlos wieder auf seinen Platz. Dieser Zug ist einfach nicht der Ort für große gesellschaftliche Umbrüche.