Mit ‘Will Smith’ getaggte Beiträge

Mit BAD BOYS II, Bays fünftem Spielfilm, kehrte er 2003 zu den Helden seines Debüts von 1995 zurück. Das, wenn man bedenkt, wie umstritten und unverwechselbar der Regisseur heute ist, doch vergleichsweise bieder daherkam. Mit BAD BOYS II war Bay hingegen längst bei seinem bis heute allerhöchstens in Nuancen verfeinerten Stil angekommen: Eigentlich hatte er ihn bereits mit dem Zweitlingswerk THE ROCK gefunden. Ob man BAD BOYS II mag oder aber fürchterlich findet, hängt demnach entscheidend davon ab, wie man Bay insgesamt gegenübersteht. Stellt sein bisweilen infantiler und konservativer Humor eine unüberwindliche Hürde dar? Ist man der Meinung, dass Over-the-Top-Gewalt nicht im Gewand munterer Familienunterhaltung präsentiert werden sollte? Findet man die Videoclip-Ästhetik und den überbordenden Materialismus – alles ist teuer, gestylt, glänzt und wird ausgestellt wie in einem Schaufenster – abstoßend? Verursacht einem die mit beachtlicher Konsequenz durchgezogene Einstellungslänge von rund drei Sekunden epileptische Anfälle? Wenn man dazu neigt, den Löwenanteil Fragen mit „Ja“ zu beantworten, dann wird man auch mit BAD BOYS II keine Freude haben.

Ideologisch ist BAD BOYS II ebenfalls nur schwer zu verteidigen: Seine beiden Helden – die Drogencops Mike (Will Smith) und Marcus (Martin Lawrence) aus Miami, sind sich sich in der aus unzähligen Buddy Movies bekannten Hassliebe verbundenen, können sich mit ihrem Bullengehalt rätselhafterweise kiloschwere Goldketten und Armbanduhren, Designer-Sonnenbrillen und -Anzüge, Traumvillen am Wasser und protzige Luxuskarossen leisten. Außerdem legen sie großen Wert darauf, bloß nicht als schwul angesehen zu werden, lösen wahre Zerstörungsorgien aus und ballern russisch-hispanische Klischeeschurken weg, deren Zeichnung mit dem Attribut „problematisch“ noch vorsichtig umschrieben ist, offenbaren sich in der Erziehung ihrer Kinder zudem als autoritäre Vollspießer und im Umgang mit Frauen als ätzende Machos. Der Film liegt diesen beiden Typen aber geradezu ehrfürchtig zu Füßen, präsentiert ihre peinlichen Marotten als herzallerliebst, ihr Verständnis von Recht und Ordnung als vorbildlich, ihre gestrigen Vorstellungen von Geschlechterrollen und Sexualität als wohltuend ehrlich. Das Böse spricht in BAD BOYS II mit russischem oder spanischem Akzent, verdient Geld mit Drogen und Nutten, hat einen Mamakomplex und schmierige Haare, die Guten machen Barbecue im Garten und reden nicht über Erektionsprobleme. Wenn es auf einer Straßenkreuzung zu einer wüsten Schießerei mit Maschinenpistolen kommt, werden Passanten ausschließlich von den Schurken getroffen, bei einer haarsträubenden Verfolgungsjagd, bei der unzählige Autos explodieren oder ineinanderkrachen, gibt es anschließend angeblich keinerlei Opfer zu beklagen. Ehrlicherweise gibt es auch ein paar redneckige Ku-Klux-Klan-Nazis (der Director-Credit wird just in dem Moment eingeblendet, in dem ein Kreuz in Flammen aufgeht), aber die werden als bierbäuchige Tölpel dargestellt. Der geschmacklose Gipfel des Films ist die Verfolgung eines Leichentransports, bei der die leblosen Körper auf die Straße fallen und dann mitleidlos von den Helden überrollt werden. Bay hält immer schön drauf, ist ja auch einfach zu geil. Das alles, wie gesagt, in einer Ästhetik dargeboten, die ihren Dauerständer angesichts all der Gewalt, der gepimpten Oberflächen und der materiellen Statussymbole kaum verbergen kann. BAD BOYS II ist ein rund zweistündiger Propagandaclip für den American Dream.

Ja, und nun kommt der überraschende Plottwist: Denn ich finde diesen auf Hochglanz polierten und getunten Protzboliden, seine hedonistische Zelebrierung materialistischen Spießertums und männlichen Omnipotenzwahns, seine besinnungslose Selbstbesoffenheit und den unverkennbar kompensatorischen Charakter seiner Gewaltausbrüche auf eine perfide Art auch ziemlich geil. Die immer wieder ins Feld geführte Strategie „Hirn aus, und abfahren“ ist aber nicht der richtige Ansatz. BAD BOYS II ist nicht trotzdem geil: Seine vielfältigen Verfehlungen auszublenden, hieße auch, sich den idealen Zugang zu Film zu verbauen. Nein, BAD BOYS II ist deshalb so geil, weil er Gewaltporno, rechtskonservative Law-and-Order-Fantasien, spießigste Wertvorstellungen, Sitcom-Humor, Videoclip- und Marketing-Ästhetik so unverhohlen und schamlos zusammenbringt und dabei den Eindruck kindlicher Unschuld vermittelt.

Ist es nur die geminderte Erwartungshaltung oder doch die Sympathie für den Underdog, die mich solche schon im Vorfeld mit Häme und Spott überzogenen, vermeintlich „misslungenen“ (DC-)Filme wie SUICIDE SQUAD regelmäßig besser finden lässt, als ihre gefeierten (Marvel-)Kollegen?

Man konnte viel darüber lesen, dass Ayer und seine Schauspieler ohne Drehbuch arbeiten, ihre Geschichte quasi on the spot, von Drehtag zu Drehtag, improvisieren mussten; dass das Studio dem Regisseur bei jeder Entscheidung dazwischengrätschte, Jared Leto es mit dem method acting übertrieb. Bei Erscheinen wurde SUICIDE SQUAD heftig verrissen, was an seinem finanziellen Erfolg aber nichts änderte. Langweilig sei der Film, unlogisch, schlecht inszeniert, darüber hinaus zahnlos, vor allem gemessen an der gezeichneten Vorlage, die dem Vernehmen nach relativ blutig ist (ich hab das Comic nie gelesen). Fakt ist, dass der Film viel Potenzial verschleudert: Die Exposition ist toll, temporeich, mit viel Schwung und Stilbewusstsein inszeniert, das Figureninventar interessant, die Darsteller sind mit viel Engagement bei der Sache. Der Humor ist over the top, mit dem wenig originell, aber sehr ikonisch bestückten Soundtrack peilt der Film auf sehr gelungene Art und Weise die archetypische Überzeichnung an, die für Superhelden-Comics so charakteristisch ist. Leto setzt Ledgers Joker eine exzentrischere, selbstverliebtere, aber nicht minder verstörende Darbietung gegenüber, Will Smith erinnert endlich mal wieder daran, dass er mal ein veritabler Actionstar war, Margot Robbie herrscht als Fetischfantasie Harley Quinn und die etwas untergeordneten Jai Courtney, Jay Hernandez und Adewale Akinnuoye-Agbaje haben als Captain Boomerang, Diablo und Killer Croc ebenfalls sichtbar Spaß an ihren Rollen. Alle Zeichen stehen auf Durchmarsch, doch dann versumpft der Film auf unerklärliche Weise.

Die Vorbereitung der Handlung ist noch viel versprechend, doch leider mündet die Exposition in eine knapp 90-minütige Actionsequenz, die ohne nennenswerte Höhepunkte, dramaturgische Zuspitzung oder auch nur einen klaren Konflikt vor sich hin dümpelt. Interessant wird es immer dann, wenn der Joker auftritt, weil die bizarre Liebesbeziehung zwischen ihm und Harley einen emotionalen Anknüpfungspunkt bietet, den etwa die bloß behauptete Liebe zwischen dem Soldaten Flag (Joel Kinnaman) und der von einer uralten Zauberin besessenen Wissenschaftlerin June Moon (Cara Delevingne) überhaupt nicht trifft. Überhaupt: Hat jemand verstanden, wieso die Enchantress ausbricht, obwohl man sie doch angeblich durch den Besitz ihres Herzens unter Kontrolle hat? Und warum sie einen riesenhaften Gehilfen benötigt, obwohl sie doch selbst so mächtig ist? Ich jedenfalls nicht, auch nach mehreren Versuchen nicht. Die Konfusion und Löchrigkeit von SUICIDE SQUAD (auch in der langen Fassung) ist auch deshalb so rätselhaft, weil der Film in sich eigentlich sehr homogen wirkt. Es gibt keine sichtbaren Sprünge, der Film ist geradezu ein Paradebeispiel für lineare Handlungsentwicklung (man kann buchstäblich 120 Minuten lang neben den Figuren herlaufen).

Dass ich ca. vier Anläufe gebraucht habe, SUICIDE SQUAD zu Ende zu sehen, würde ich immer noch in erster Linie meiner Müdigkeit nach Feierabend zuschreiben, aber so ganz unschuldig daran ist der Film selbst auch nicht. Mit diesem Figureninventar nichts besseres anzufangen wissen, als sie in eine eintönige Auseinandersetzung mit einem leeren Obermufti zu schicken, ist schon ein Armutszeugnis, auch wenn man immer wieder erkennen kann, dass Ayer was drauf hat. Warum man sich nicht auf den Joker als Hauptgegner konzentrierte, ist mir ein Rätsel. Dass ich hier dennoch eher geneigt bin, Gnade walten zu lassen, liegt am Look des Films, eben an den Charakteren und der ersten Dreiviertelstunde, die richtig viel Spaß gemacht hat. Und es ist dann doch mehr hängengeblieben als vom durch und durch routinierten CIVIL WAR.